Joseph Roth Werke
Das journalistische Werk
1924-1928
Herausgegeben und mit einem
Nachwort von Klaus Westermann
Buchergilde Gutenberg
Lizenzausgabe fur die Biichergilde Gutenberg,
Frankfurt am Main und Wien,
mit freundlicher Genehmigung
des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Koln
© 1989 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Koln,
und Allen de Lange, Amsterdam
Satz Froitzheim, Bonn
Druck und Bindearbeiten Pustet, Regensburg
Printed in Germany 1994
ISBN 3 7632 2988 4
INHALT
1924
Die sanierte Stadt 3
Die Toilettefrau 4
Der chinesische General 6
POLITISCHE LYRIK
Lobgedicht auf den Sport 8
Natur 9
Die Lieblinge der Nation 9
Der Strich 10
Denkmalsweihe 11
Der Schalter 12
Ballade vom Zusammenbruch einer bessern Familie 13
Elegische Phantasie 14
Karneval 14
Chanson vom Kandidaten in Pommern 16
Spate Mahnung an Quidde 18
Ritter Meuchelmord 19
Deutsche Elendsreime 20
Kommentar zu Kant 21
Legende vom Kasernenhof 22
Praktische Anwendung 23
Gasgranate 24
Tod im Friihling 24
Europaischejustiz 26
Der Hakenkreuzler 26
Die Invaliden griifien den General 27
Der Prinz und die Toten 29
Justitia 29
Lied vom Spengler 30
Ungeziefer 30
Die Internationale 32
Das neue Lesebuch 33
Biirgerliche Kultur 35
VIII INHALT
Das Wartezimmer 37
Zirkus Hagenbeck 39
Funf-Uhr-Tee 42
Die apokalyptischen Gardereiter 43
Die klagenden Ziffern 45
DerMensch aus Pappkarton 46
Interview ohne Worte 48
Lenins Begrabnis im Film 50
Der Gast aus dem Norden 52
Konzert im Sitzungssaal 54
Der Bizeps auf dem Katheder 55
Grosz' »Ecce homo« vor Gericht 57
Der tapfere Dichter 59
Plakatkunst 61
Der Korpsstudent 63
Nachruf auf den Hotelportier 64
Der Schrei nach dem Fremden 65
»K6nig Hunger« in der Volksbiihne 68
Getraumter Wochenbericht 70
Der Kampf um die Meisterschaft 72
Der »Refrang« im Nachtleben 75
Mit 900 Kindern im Kino 78
Ludendorff und das Schlachtvieh 79
Der Zug der Funftausend 81
Dialog iiber das Wochenereignis 84
Zwei Filmsensationen 86
Reichstagsauflosung 90
Berliner Bilderbuch 92
Das »Unterbewufitsein« im Film 130
Der Herr mit dem Monokel 131
Besuch bei Amenophis 133
Pyjama-Literatur 137
Gastronomische Wunder 139
Dialog iiber Walhall 140
Bolivia 142
Altenhilfe der Jugend 145
»Die Nibelungen« 146
INHALT IX
Argiope, die Tigerspinne 149
Rose Gentschow ijr
Das Ende eines Symptoms 153
Gesprach iiber den deutschen Professor 155
»Hinkemann« 158
DerUkas des Zaren Ebert 161
Der Liebling 163
Naturgeschichte des Generals 165
»Vasantasena« in der Volksbiihne 166
Wahlkampf in Berlin 169
Parade eines Gespenstes 171
Der kleine Moriz in der Windjacke 173
Der Tod des »K6nig Midas« 176
Der Monat Mai 177
Zwei junge Zigeunerinnen 179
Die Zeitschrift fur die prima Geseilschaft 181
Drei Sensationen und zwei Katastrophen 183
Stunde im Fruhlingsrummel 186
Wulles deutscher Wald 188
Das padagogische Schaufenster 190
Ein Unpolitischer geht in den Reichstag 191
Groftstadtfruhling 194
Prozefi im Halbdunkel 195
Das Haus mit der Bank 197
Der merkantile Superlativ 200
Der Friedhof des Panoptikums 201
Die Lebenden iiber die Toten 203
Besuch im Rathenau-Museum 205
Populare Kulturgeschichte 208
Ostsee-Reise 210
Das Hakenkreuz auf Riigen 214
Der Kolporteur (II) 216
Bekenntnis zum Gleisdreieck 218
GruK an Ernst Toller 221
Das Amt 223
Der Fiirst des Weltalls 225
Der Kriegsberichterstatter 228
Die sterbenden Tanzer 230
X INHALT
Der sehr elegante Reisende 233
Die Grenze 235
Zirkus im Neglige 236
Ein Straufi ist kein Pferd 239
Pietat mit Handgranate 240
Die Kanzel im Chaos 242
Aida-Rummel 244
Verleger-Tee 245
Wiederbelebung durch 20 000 Zinnsoldaten 247
Volksbuhne 249
»Michael Kramer« 251
»Der unwiderstehliche Kassian« 252
»Tolkening« im Dramatischen Theater 254
Amerikanisiertes Kino 256
Berliner Theater 259
Oktober 263
»Wallenstein« im Staatstheater 265
»Die heilige Johanna« 267
Die unwirkliche Kulisse 270
Die Friedenstaube auf dem Zweirad 272
Mutter in der Revue 273
Ludwig Hardt rezitiert Franz Kafka 275
Betrachtung iiber den Verkehr 276
Reise durch Galizien
Leute und Gegend 281
Lemberg, die Stadt 285
Die Kriippel 289
Ein paar »Sensationsfilme« 293
Wieviel kostet ein personliches Fiirwort? 295
Die Freunde 297
Grock 299
Berliner Filmberichte 301
Bericht iiber Goal-Game 303
Biicher dieser Zeit 304
Filme fur Kinder 307
Heimweh nach Prag 308
INHALT XI
Das klassische Gespenst 310
Eine sehr seriose Varietekritik 311
In einer der stillen Gassen 314
1925
Berliner Silvester und die folgenden Tage 319
100 000 Mark fur einen Roman 320
»Der letzte Mann« 324
Gesang mit todlichem Ausgang 327
Versammlung der Biihnenschriftsteller 330
Das XIII. Berliner Sechstagerennen 331
Kaisers Geburtstag 335
Der Film vom Vatikan 337
Kaiserliche Orthographie 339
Das Bratopfer auf dem Bierfest 342
Filme. Zwei deutsche und ein amerikanischer 344
Funf-Uhr-Tee mit Hexametern 346
Gladius Dei 348
Das Dienstmadchen auf dem Treppengelander 351
Totenfeier urn Mitternacht 353
Abschied vom Toten 354
Der Herr aus dem Publikum 358
Filme 360
Pietat des Kleinbiirgers 363
Die erotische Schutzpolizei 365
Die Chinesen beweinen ihren Toten 367
Korperliche Erziehung der Frau 370
Kleine Kunstwanderung 371
Brandes spricht iiber Europa 374
Sieben Lamas sind angekommen 375
Ausflug nach Chorin 378
Die »Branche« mobilisiert 381
Ein diisteres Kapitel 383
»Der Winter unseres Miftvergniigens« 387
Die »Girls« 393
Rekiame-Messe 394
xii inhalt
In Deutschland unterwegs
Bader im Riesengebirge 396
Glashiitte 397
Der Rebell des Erzgebirges 403
Kleve, Xanten, Kalkar 406
Ein Herzogtum fast zu verkaufen ! 409
Premiere in Annaberg 412
Besuch bei den Webern 414
Frankreich
Wie man eine Revolution feiert 419
Wirkung eines Boulevardblattes 420
Amerika u'ber Paris 422
Im mittaglichen Frankreich
Lyon 427
Kino in der Arena 429
Nichts ereignet sich - in Vienne . 43 1
Tournon 434
Stierkampf am Sonntag 437
Marseille 441
Ein Bootsmann 444
Nizza 446
Ein Kino im Hafen 447
Die weissen Stadte
Lyon 456
Vienne 463
Tournon 467
Avignon 472
Les Beaux 482
Nimes und Aries 487
Tarascon und Beaucaire 493
Marseille 497
Die Menschen 503
Romantik in Vitrinen 507
Schwarzes Land 509
Schatten des Vorworts 510
INHALT XIII
Bekehrung ernes Sunders im Berliner UFA-Palast 512
Spielzeug 514
Theater-Bericht 516
»Zwischen Spree und Panke« - von Heinrich Zille 518
Einbruch der Journalisten in die Nachwelt 519
Unsere Setzerei 521
Das aufgedeckte Grab 524
1926
Silvester der »Mondanen« 529
»An Straf5enecken« 530
Einer liest Zeitung 531
Doblin im Osten 532
Hephata 536
Rheinischer Karnevalsbericht 541
»Das Fest« und »Den Teufel im Leib« 543
Triibsal einer Strafienbahn im Ruhrgebiet 544
Der Rauch verbindet Stadte 547
Der Kavalier in der Provinz 549
Brief aus Paris 551
Privatleben des Arbeiters 552
Bericht aus dem Pariser Paradies 556
St. Quentin, Perronne, die Maisonette 559
Das nachgemachte Ceylon 564
Babits: »Das Kartenhaus« 567
Der Herr Minnesanger 568
Eine Nacht mit Wanzen 570
La Renaissance Latine 572
»Romantik« des Reisens 574
20 Minuten vor dem Krieg 578
Der Fakir und sein Publikum 581
Bucher von Soldaten 585
Spaziergang in Warschau 588
Reise in Rutland
Die zaristischen Emigranten 591
Die Grenze Niegoreloje 594
Gespenster in Moskau 596
XIV INHALT
Auf der Wolga bis Astrachan 601
Die Wunder von Astrachan 609
Der auferstandene Bourgeois 612
Das Volker-Labyrinth im Kaukasus 616
Wie sieht es in der russischen Strafie aus? 622
Der neunte Feiertag der Revolution 626
Rufiland geht nach Amerika 629
Die Frau, die neue Geschlechtsmoral und die Prostitution 632
Die Kirche, der Atheismus, die Religionspohtik 637
Die Stadt geht ins Dorf 643
Die russische Frau von heute 647
Jewgraf oder der liquidierte Heroismus 650
Offentliche Meinung, Zeitungen, Zensur 654
Die Schule und die Jugend 659
Russisches Theater: Im Parkett 672
Das Moskauer jiidische Theater 675
Der liebe Gott in Rufiland 68 1
Das heilige Petroleum 683
Uber die Verbiirgerlichung der russischen Revolution? 688
Reise mit einer schonen Frau 694
1927
Auf das Antlitz eines alten Dichters 699
Diktatur der Konfektion 701
Der alte Dichter ist gestorben 703
Besprechung eines nicht gedruckten Buches 704
Die Frau von den Barrikaden 707
Reise nach Albanien
Beim Prasidenten Achmed Zogu 710
Sudslawien und Albanien - innere Probleme 714
Einzug in Albanien 720
Die Hauptstadt Tirana 722
Das albanische Volk 724
Die albanische Armee 728
Wo der Weltkrieg begann 731
Die Zivilisierten im Barbarenland 733
Artikel uber Albanien 736
INHALT XV
Knotenpunkt am Morgen 742
Der falsche Kronprinzensohn 744
Blick nach Siidslawien 746
»Nur echte Erlebnisse« 749
Ein paar Tage Deauville 752
Sendmentale Reportage 756
Blumen und Friichte 762
Die Autoren sind mir personlich bekannt 765
Vernichtung eines Kaffeehauses 768
Briefe aus Deutschland von Cuneus
Wie es an der Grenze gewesen ware 772
Bahnhof von Saarbriicken 779
UnterTag 787
Nach Neunkirchen 794
Menschjn im Saargebiet 801
Das Warenhaus und das Denkmal 806
DasWerk 811
Eine Antwort von Cuneus 816
Kannitverstan 819
Der idealistische Scharlatan 820
»Adieu Berlin« 822
Emile Zola - Schriftsteller ohne Schreibtisch 823
»Zoo« 825
JUDEN AUF WANDERSCHAFT
Vorwort 827
Ostjuden im Westen 828
Das jiidische Stadtchen 839
Die westlichen Gettos 857
Ein Jude geht nach Amerika 879
Die Lage der Juden in Sowjetruftland 886
Nachwort 892
Vorrede zur geplanten Neuauflage 893
1928
Ein Bummel um die Welt 905
Der Amerikanismus im Literaturbetrieb 906
Gedicht von Wandkalendern 908
XVI INHALT
Seine k. und k. Apostolische Majestat 910
Leningrad 915
Konzert im Volksgarten 920
Little Titch 923
»Der lebende Buddha« 926
Man munkelt bei Schwannecke 928
Panoptikum am Sonntag 931
Briefe aus Polen
Abreise und Ankunft 935
Das polnische Kalifornien 939
Blick auf die Strafien 944
Russische Uberreste - Die Textilindustrie in Lodz 949
Das literarische Leben 954
Die ukrainische Minderheit 957
Die deutsche Minderheit 961
Ein Leserbrief und die Antwort 965
Die zweite Liebe 971
Das vierte Italien
Erste Begegnung mit der Diktatur 976
Diktatur im Schaufenster 980
Die allmachtige Polizei 984
Die Gewerkschaft der Schreibenden 988
Geschenk an meinen Onkel 993
Wer ist Ginster? 996
Ernst Weiss: »Boetius von Orlamunde« 999
Weihnachten moderner Junggesellen 1000
Anhang 1003
Nachwort 1023
1924
DIE SANIERTE STADT
Die einzige sanierte, billigste Stadt Deutschlands ist Hamburg. Es hat
namlich ein eigenes Geld, die vielgeriihmte, vielgesuchte, im besetzten
Gebiet an den schwarzen Borsen iiberbezahlte Hamburger Goldmark.
Ich hatte sie mit eigenen Augen gesehen, die Hamburger Goldmark,
ein kleines Stiickchen Papier, von dem unbezweifelbar feststeht, daft
die Hamburger Banken fur ihren vollen Wert einstehen. Und man
weift in Deutschland und in der Welt, daft die Hamburger Banken gut
sind, daft ihr geschriebenes Wort gilt, und also wurde Hamburg die
billigste Stadt.
Ein Hotelzimmer kostet einen halben Dollar, ein Mittagessen einen
Vierteldollar, eine Autofahrt einen halben Dollar, ein Pfund Fleisch
kostet eine Mark zwanzig. Es gibt Arbeitslose. Arbeitslose Hafenar-
beiter und entlassene Matrosen, entlassene Fabrikarbeiter und -arbei-
terinnen. Aber vor vier Wochen noch bestand die Gefahr, daft diese
grofie Masse Arbeitsloser, von kommunistischer und volkischer Pro-
paganda fleiftig Bearbeiteter, eine Revolution, zumindest eine Reihe
kleinerer Aufstande verursachen wiirde. Siehe! Und es kam die Ham-
burger Goldmark, und es wurde still. Es ist eines der grofiten Ratsel
der Volkswirtschaft, daft die Gruppe hungriger Menschen, von denen
kein einziger auch nur einen Hamburger Goldpfennig besitzt, nur des-
halb zur Ruhe kommt, weil die Hamburger Goldmark existiert. Es ist
allerorts eine Beruhigung eingetreten. Die altesten Volkswirtschaftler
staunen uber dieses Wunder. Man weift allerdings nicht, wie lange es
dauern wird.
Man weift es nicht, weil allerorten in den Hafenspelunken, in den dii-
steren Schankwirtschaften, in denen die verwegensten Menschen ver-
kehren, die die Ausfahrt der Schiffe versaumt haben, von den Polizei-
behorden aller Stadte und Lander langgesuchte Verbrecher - weil in
diesen triiben Rendezvousplatzen der internationalen Verbrecher welt
seit einigen Monaten die Politik Eingang gefunden hat. Eine seltsame
Politik. Diese Menschen, denen die Entwicklung der europaischen Ge-
schafte ebenso gleichgiiltig ist wie die Gestaltung der inneren Dinge im
Reich, denen Hakenkreuz und Sowjetstern Symbole fremder Welten
sind, nicht fur die Ausgestoftenen, aufterhalb der Gesellschaft Stehen-
den geschaffen, dieselben Menschen sitzen jeden Abend in einem ver-
4 DAS JOURNALISTISCHE WERK
rauchten, stickigen Versammlungslokal - nicht weil die Reden sie in-
teressieren, sondern weil sie Essen bekommen und Schnaps und -
Geld. Die Hamburger Goldmark rollt fast so gut wie der Sowjetrubel
und besser als der zaristische. Es scheint, dafi unbekannte Machte dar-
auf bedacht sind, das Lumpenproletariat der Hafenstadte zuerst zu ge-
winnen. Nirgends ist die Propaganda von links und rechts starker als
in Hamburg und Bremen. Die Stadte hatten merkwxirdigerweise ein
sehr konservativ gesinntes Burgertum. Man sollte meinen, dafi gerade
in diesen Stadten der tagliche Anblick der Grenzenlosigkeit den geisti-
gen Horizont weite und den Blick fur die politischen Notwendigkei-
ten des Vaterlandes scharfe. Aber gerade hier begegnet jeder soziale
Fortschritt der hartesten Stirn riickwartssehender Menschen, und die
Gegensatze scheinen uniiberbriickbar. Die volkische Propaganda wird
in positivem Sinne begunstigt durch die Nachgiebigkeit auch des er-
regten Burgertums, dem man die Neigung zu so phantastischer La-
cherlichkeit nicht zugetraut hatte. Die kommunistische Propaganda
wird befordert durch den Starrsinn des reichen und des nur wohlha-
benden Burgertums. Nirgends, in keiner deutschen Stadt, ist der Hafi
der Besitzlosen scharfer. Nirgends die Hartnackigkeit der Besitzenden
grofier.
Die Hamburger Goldmark hat fur eine Weile die Gemuter beruhigt.
Auf die Dauer jedoch lafit sich kein Arbeitsloser dadurch trosten, dafi
sein arbeitender Kamerad billige Butter bekommt. Er stirbt vorlaufig
Hungers, wenn er nicht am Abend in seinen Versammlungslokalen
Essen erhalt. Und in diesen Versammlungslokalen, in denen man im-
mer nur Schnaps trank und kiifite, zeichnet man heute Hakenkreuze
und Sowjetsterne an die schmutzigen Wande.
Prager Tageblatt, 6. 1. 1924
DIETOILETTEFRAU
Die Toilettefrau, die ich meine, hat mit der in Anfiihrungszeichen und
aus schamhafter Verlegenheit so genannter »Toilette« nichts zu tun -
wenngleich auch sie fur die Damenabteilung jener offentlichen Bediirf-
nisanstalten engagiert ist, die das Aussehen, den Inhalt und das Format
1924 5
der biirgerlichen Presse haben- Die Toilettefrau, die ich meine, sitzt
nicht in Toiletten, sondern bewegt sich zwischen ihnen. Sie ist mafige-
bend fiir alle Fragen der offentlichen Eleganz; sie gibt den Leserinnen
der »B. Z. am Mittag«, des »Berliner B6rsenkuriers« und anderer auf
vornehme Abonnenten eingerichteten Zeitungen den Schnitt, den
Stoff, den »Versatz« des modernen Kleides an, die »Fasson« des Hu-
tes, den »man« im Friihjahr tragen wird, und sie kennt sich so trefflich
in alien Seidenarten und Pelzgattungen aus, als ware sie bei Crepe de
Chine und Chinchilla aufgewachsen. Manchmal ist sie es wirklich.
Dann ist sie von Adel und heifit gewohnlich: Margarete von . . . Ihr
Name klingt so anheimelnd-belletristisch, und ihr Stil erinnert immer
an Natalie von Eichstruth. Und wahrend sie von modernen Parfums
und Odeurs schreibt, rieche ich den Druckerschwarzeduft der neue-
sten Scherl-»Woche«. - Die Abteilung, in der die journalistische
Toilettefrau den Schliissel zu den Geheimnissen der weiblichen Mode
fuhrt, heifk nicht kurzweg: »Fur Damen« - sondern etwa: »Frauenbei-
lage« oder »Fur unsere Leserinnen« oder »Die Frauenecke«. Aber
eigentlich mufke sie heifien: »Sorgen, die man hat«; oder »Das Naches
der modernen Frau«; oder »Kopfzerbrechen des Kapitalismus«; oder
»Nebbich, der Mittelstand«. Hiefie die Frauenbeilage so, dann ware
ihr Name wirklich der Ausdruck fiir die politische Gesinnung des
Herausgebers und dem Idiom des Kurszettels wenigstens verwandt,
welcher die Abteilung »Fur Herren« ist. - Die Toilettefrau ist ver-
pflichtet, Modeausstellungen zu besuchen und jene Anhaufungen von
Schultern, Cotepuder, Edelsteinen und Frackhemden, die man »gesell-
schaftliche Ereignisse der Saison« nennt: also Wettrennen im Sommer
und Balle im Winter. Da halt die Toilettefrau ausgiebig Fleischbe-
schau, um sodann furs Morgenblatt zu referieren. - Und davon lebt die
Toilettefrau. Wurde man ihr zumuten, von jenen Toiletten zu leben,
die so viel nutzlicher fiir das Gemeinwohl sind als die Blatter der of-
fentlichen Meinung, die sie bedient - sie ware emport und klagte auf
Beleidigung. Denn es scheint ihr wiirdevoller, die Leserinnen mittelbar
auf dem Umweg des Abonnements mit Zeitungspapier zu versorgen
als unmittelbar durch eigenhandige Darbietung. Sie selbst darf sich -
ahnlich wie ihre Geschlechtsgenossin, die denselben Titel aus anderen
Griinden fiihrt - nicht jene Toilette leisten, die sie beschreibt. Es geht
ihr wie etwa der Courths-Mahler, die auch keine Graf en kiifit wie ihre
Heldinnen. Die journalistische Modeberichterstatterin ist eine aus der
6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Belletristik entgleiste, in ein Fach verschlagene Schreiberin. Ihre eige-
nen Toilettewiinsche gehen ihren Leserinnen in Erfiillung. Und von
den Kleiderfirmen, die sie aus ehrlicher Begeisterung im Modebericht
erwahnt, bezieht ihr Chef die Provisionen. Hatte ich die Wahl zwi-
schen einer Bediirfnisanstalt, in der die Zeitung hergestellt, und jener,
in der sie verwendet wind - ich wahlte die letztere und ware mit Stolz
eine Toilettefrau, die den Besen fiihrt und nicht die Feder; und ware
auch an der Abteilung »Fiir Herren« beteiligt - wahrend in der Zei-
tung nur der Herausgeber am Kurszettel partizipiert . . .
Lachen links, 18. 1. 1924
DER CHINESISCHE GENERAL
Ich habe das Portrat eines chinesischen Generals, eines grofien Gene-
rals, in einer englischen Zeitschrift gesehen. Es war ein Oldruck, und
man sah genau, dafi es ein mongolischer und nicht etwa ein euro-
paischer Heerfuhrer war; man sah die gelbe Gesichtsfarbe und die
Schlitzaugen und die flache Nase ohne Wurzel.
Aber der ausgesprochen mongolische General trug eine europaische
Felduniform aus graugriinem Mimikrytuch und einen europaischen
Sabel an der linken Seite und viele Auszeichnungen an der Brust,
blaue, griine und rote Bandchen und Schleifen, von derselben Art, wie
sie auch in Europa an Generalsbriisten und in geheimen Schubladen
unserer Backfische zu finden sind.
Es war ein so herrlich-realistischer Farbendruck, der General stand so
greifbar, sozusagen salutierbar, auf dem Blatt der Zeitschrift, dafi man
seinen Sabel scheppern zu horen vermeinte und das sanfte Klingeln
seiner Medaillen und das silberne Lauten der Sporen aus edlem Stahl.
Ja, wenn ich mich inbriinstig fiir ein paar Sekunden in den Anblick des
grofien Chinesen vertiefte, konnte ich mir die Stimme des Generals
vorstellen und den gewaltigen Schall seines Kommando worts, und ich
horte etwa einen Ruf wie: »La-Hu-Pi« oder: »Me-li-tung«. Und das
hiefi ungefahr: »Batterie stillgestanden!« oder »Niederschiefien!« oder
»Sturm!«. Denn wenn auch die chinesischen Generale chinesisch kom-
mandieren, so bedeutet der Inhalt ihrer Kommandos doch ungefahr
1924 7
dasselbe wie der unserer deutschen. Und die Generale aller Lander der
Welt kommandieren immer solche Dinge wie Schieften, Stiirmen,
Feuer (beziehungsweise Zeitungen) einstellen und dergleichen mehr.
Und nun geschah folgendes: Wahrend ich mir so die Kommandos des
grofien chinesischen Generals vorstellte, veranderten sich allmahlich
die typischen mongolischen Ziige des farbengedruckten Portrats. Die
gelbe Farbe des Gesichts verblafite und wurde europaisch - weifi. Die
Nase sprang vor, die schielenden Pupillen richteten sich gerade, der
kleine schwarze sparliche Schnurrbart straubte sich und wurde bu-
schig, und vor mir befand sich das Bild eines grofien europaischen Ge-
nerals. Ja, der Chinese war ein Europaer - nur dadurch, daft er ahnli-
ches kommandierte, ja erlebte.
Es war ein grofies Erlebnis, als ich auf der nachsten Seite der englischen
Zeitschrift das Bild eines Kulis erblickte, eines Rikschakulis. Auch die-
ser Mongole hatte eine grofte Ahnlichkeit mit einem europaischen Zi-
garettenstummelsammler oder Obdachlosen. Auch sein Rucken war
gebuckt. Auch sein Blick war fliichtig wie der scheue Blick eines ver-
folgten Tieres. Auch seine Fauste waren derb und hingen an mageren
Armen.
Und so erkannte ich die geheimnisvollen Zusammenhange dieser Welt,
und so kam ich hinter das Geheimnis, weshalb Generale, die gegenein-
ander Krieg fiihren, sich nicht personlich in den Kampf begeben. Denn
alle Generale der Welt, die gelben, die braunen, die roten und die
schwarzen, sind Briider und wollen einander nicht totschlagen.
Nur die Kulis aller Lander, die gelben, die braunen, die schwarzen, die
weifien, haben noch nicht erfahren, daft sie auch Briider sind. Und so
schiefien sie aufeinander.
Aber das kommt davon, daft die Generale weit haufiger in den illu-
strierten Zeitschriften abgebildet sind als die Kulis.
Vorwarts, 19. 1. 1924
POLITISCHE LYRIK
LOBGEDICHT AUF DEN SPORT
Der Zeitgeist streckt den Bizeps und erfiillt
mit Knock-out und Bauchstofi das Jahrhundert —
wenn jemand ist, der sich dariiber wundert,
der las noch me die Zeitung: Sport im Bild.
Aus ihr erfahrt man, wer die Welt bewegt:
Ob Neger Tompson oder Breitenstrater —
Gott ist ein kleiner Miihlenaushilfstreter,
vergleicht man ihn mit dem, der Runden schlagt.
Auch Sokrates halt den Vergleich mcht aus -
Und Goethe ist ein kleiner Hund dagegen,
was einer kann, auf dessen Faust der Segen
des Kinnzertrummerns ruht und des Applaus.
Es schwand schon oft des fluchtigen Ruhmes Schein,
von einem, der nur Kunst und Weisheit schwitzte -
doch nie von dem, der jemals Blut verspritzte - -
Und es zerschellt wie Glas der Weisen Stein
an eines guten Boxers Nasenbein.
Josephus
Lachen links, 25. 1. 1924
NATUR
Hinter den Hausern der Stadt, dort wo die Verbotstafeln stehn,
beginnt
Gottes freie Natur, die den Menschen gehort.
Parzelliert und in Grundbiichern eingetragen sind
die Quellen, die Acker, die Walder, der Wind,
die Tannen, die Eichen, die Buchen, die Linden,
die Hasen, die Hirsche, der Lerchenschlag,
der Mond in den Nachten, die Sonne am Achtstundentag
und die Vogel, die, von Sorgen angeblich unbeschwert,
die segensreiche Ordnung dieser Welt verkiinden - -
Leibeigene Eichkatzchen springen auf Eichen,
als waren sie unabhangig vom Kapital —
und wissen nicht, dafi unterdessen Forster ohne Zahl
auf hinterlistigen Pfaden zum Schiefien schleichen —
Nur die Schriftsteller wandern umher und werden Wunder gewahr
und schreiben Gedichte, Skizzen und Romane,
sie leben in ihrem gottlichen Wahne
und sterben vom menschlichen Honorar.
Lachen links, i. 2. 1924
DIE LIEBLINGE DER NATION
Wenn wir sie oft in Heldenrollen sehn,
fangen sie an, durch unsern Traum zu gehn . . .
Wir sehn sie da am Abend, sehn des Nachts sie dorten,
die Mia Moja, Maja May und Henny Porten . . .
Es fiihrt der Lubitsch durch den mark'schen Sand
Statistenjuden ins gelobte Land . . .
10 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es riistet sich, zu ziehn gen Pharaon
der persische Stratege Davidsohn;
indessen giirten andre ihre Lenden,
um sich dem Kurbelkasten zuzuwenden.
Und wahrend Zelnik Dostojewski dreht,
erhebt sich eine koptische Majestat,
dem Reigen nackter Madchen zuzuschaun,
dem Bade der Treptower Haremsfraun —
Und wenn man so, auf orientalische Weise,
ein wenig Geld verdient fiir eine Winterreise,
begibt man sich in schneebedeckte Zonen,
wo Photographen und Reporter wohnen,
lafit sich befragen und photo graphieren
im Sportkostiim, im Bad und beim Massieren,
beim Ski, beim Schlittschuhlauf, bei Trachtenfesten
gibt man sein Angesicht der Nation zum Besten,
auf dafi sie wisse, wie ein Halbgott lebt,
der die Kultur des Vaterlandes hebt.
Josephus
Lachen links, i. 2. 1924
DERSTRICH
Manchmal seh ich: Der Strich hat sich ausgedehnt
und ist, wie ein Globus, rund und groft geworden
und erstreckt sich auf alle Meridiane vom Siiden zum Norden,
und jeder Parallelkreis ist ein Strich - und wir sind so daran gewohnt,
1924 II
dafi wir es nicht merken, wie die Geographic
eine grofie Prostitution geworden.
Es wandern Journalisten zum kauflichen Genufi
mit geschminktem Artikel in die Redaktionen.
Und Diplomaten mit zierlichem Grufi
setzen sich zu einem Einleitungsschmus
und stecken das Strumpfgeld in die Aktentaschen —
Dann bnngt die Morgenzeitung die neuesten Sensationen
(vom Friedensschauplatz der Welt), nach denen die Leser haschen.
Und also verworren ist mein Begriff von den Dimensionen,
vergessen hab ich die Grundsatze der Geometne -
ich kenne nur die Komm-mit-Melodie
der Huren, welche die Erde bewohnen —
Und ratios, tausendmal im Tag, frage ich mich:
Ist der Strich eine Kugel? Oder die Kugel ein Strich?
Josephus
Lachen links, 8. 2. 1924
DENKMALSWEIHE
Der General halt eine Rede,
die toten Gefeierten konnen sich nicht wehren,
alte Gespenster stecken in lecken
Paradeuniformen - Fullsel der Ode -
Ein Denkmal aus Marmor wird enthiillt,
und ein Prinz aus vergilbten Seiten der Weltgeschichte
nimmt die Parade ab, ohne was dafiir zu geben,
denn das ist der einfache, historische, schlichte,
uberlieferte Sinn im prinzlichen Leben.
Alle lebendigen Soldaten rufen Hurra,
eh' sie mit klingendem Spiel abmarschieren,
denn sie wissen nicht, wie ihren toten Kameraden geschah
12 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und was es heifit: das Leben verlieren - -
Aber zwolf Stunden spater, wenn die Mitternacht schlagt,
erheben sich die gefeierten Gebeine
und veranstalten eine Parade beim Mondenscheine,
es klappern die Schadel, und ein Lahmer tragt
einen andern toten Lahmen auf dem Riicken,
und des einen Knochen sind des andern Kriicken.
Und ein toter Oberstabsarzt sagt
die toten Beine eines Infanteristen,
und ein verstorbener Sanitater pflegt
einen in Sibirien Vermifiten.
Und wenn es eins schlagt, fragt ein Choral:
Wo ist ein toter General?
Josephus
Lachen links, 22. 2. 1924
DERSCHALTER
Hinterm Schalter sitzt das unbekannte,
ratselhafte Es, von dessen Gnaden
alle leben miissen, die beladen,
einer triiben Menschheit Abgesandte,
in den Amtern lange Schlangen stehn.
Brief- und Brot- und Invalidenmarken
teilt Es aus mit sehr bedacht'ger Tiicke,
schwach sind vor ihm alle Starken - -
unerreichbar ihrem Blicke
laEt es Schiebefenster auf- und niedergehn.
Es regiert, und alle warten
sehr gespannt und sehr ergeben
auf die guten, auf die harten
Worte, die durchs Fenster schweben;
Gottes Stimme weht aus dem Biiro —
deutsche Gotter sitzen hinter Schaltern,
1924 i3
ihrer Laune preisgegeben,
ausgeliefert den Verwaltern,
Steuermarken, Menschenleben —
Hinterm Fenster thront der Bi-Ba-Bo.
Josephus
Lachen links, 22. 2. 1924
BALLADE VOM ZUSAMMENBRUCH
EINER BESSERN FAMILIE
Zehnmal im Tage las er die Kurse und telephomerte
mit der Devisenabteilung von Mendel und Compagnie —
Hundertmal fuhr er im Auto zur Borse, und wie ein Hirte
des Abends in Paaren heimfuhrt das folgsame Vieh -
so trieb er Effekten vom Haussetag in schweren Massen nach Hause,
weifie, bunte, gescheckte durch seiner Konti Gebiet;
pfiff dazu mit den Handen ein abendlich Schaferlied
und gonnte selbst in der Nacht den Sorgen keinerlei Pause.
Seine Gattin hiefi Jetti, und trotzdem entbehrte
sie den liebenden Mann, den ihr die Borse entzog —
vierzehn Teller zerschlug ihr die Kochin, die deshalb flog —
und der Sealpelz der Freundin, mit der sie nicht ungern verkehrte,
wider Erwarten gelang er - (sie hatte die gute Figur) -
und raubte Jetti den Schlaf in ruhigen Nachmittagsstunden —
also beschloE sie (plotzlich und ausgerechnet beim Jour),
noch in dieser Saison griindlich und sehr zu gesunden.
Und sie fuhren zu Lahmann bei Dresden, um sich zu retten
aus dem Nervenzusammenbruch, der katastrophal
manchmal die besseren Kreise befallt, so dafi sie zum heiligen Gral,
dem in Sanatorien befindlichen, pilgern in Schlafwagenbetten.
Eh' sie die Ruhe gefunden, hat es lange gedauert,
Kurse stiegen und fielen, es gab Segen und Fluch.
Manchen traf der Schlag, und er kroch unters Leichentuch —
14 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Heute noch, wahrend ich dieses schreibe, schauert
meine Schreibmaschine zuriick vor solchem Familienzusammenbruch.
Josephus
Lachen links, 22. 2. 1924
ELEGISCHE PHANTASIE
In den Liiften scheppern die Damoklessabel
ausgerechnet iiber unsern Scheiteln.
Wahrend wir noch tanzen, wird im Morgennebel
der Galgen schon errichtet, ein Justizfeldwebel
abkommandiert, um unsern Fasching zu vereiteln.
Wir baumeln schon und fangen an zu stinken —
und die Kommerzienrate tanzen flott und teuer;
die Aktien steigen auch noch, wenn sie sinken!
Die Sterbeziffern steigen auf der Linken,
und auf der Rechten brennen Freudenfeuer.
Der Karneval tragt an den Fersen Sporen
und auf den breiten Schultern Epauletten.
Er ist ein General - ich konnte wetten!
Der Morgen rotet sich vom Stifte der Zensoren,
weil wir so viel vom Karneval zu sagen hatten.
Josephus
Lachen links, 29. 2. 1924
KARNEVAL
Alle Tage feiern wir Karneval,
wir haben es nicht notig, uns eigens zu maskieren,
weil wir unser eigenes Angesicht verlieren;
wir sind: ein Untertan, ein Sergeant, ein General,
1924 15
ein deutscher Student mit Bandern und Schmissen,
eine Pickelhaube, ein geschliffenes Bajonett,
ein schleppender Sabel, ein Pastorenbarett,
und eine Prothese, ewig zu hinken beflissen.
Wir sind ein Volk in Masken und Kosuimen -
uns schuf ein gottlicher Feldwebel nach seinem Ebenbilde.
Wir sind ein Unteroffiziersverein, eine Millionenmaskengilde,
eine Schupopostenkette, ein fast lebendiger Drahtverhau,
ein betaubender Wirrwar aus Uniformgrau,
unterbrochen von reizenden roten Striemen . . .
Also gekleidet in verschiedene Trachten,
leben wir munter, schiefien und bedienen
bald einen Kaiser und bald ein Maschinengewehr —
Kriege verlierend, gewinnen wir Schlachten,
arbeiten nach dem Lesebuchmuster der Bienen
vierundzwanzig Stunden im Tage und manchmal mehr.
Uber uns ein Gott, der Eisen wachsen lafit,
auf einem gelbmaskierten Himmel aus giftigen Gasen,
umgeben von Engeln, die den Fridericus-Rex-Marsch blasen —
mit eisernen Kreuzen geziert, livriert und betrefit,
nehmen sie teil an unserm Karnevalsfest.
Und ertont ein Kommando, das ein oberster Kriegsherr rief,
so konnen wir nicht anders und werden erschossen,
insofern wir Proleten, Juden und Genossen —
Und flustern sterbend, dankerfullt und tief :
Ehre sei dem General in der Hoh' und Kants kategorischem Imperativ!
Lachen links, 7. 3. 1924
CHANSON VOM KANDIDATEN IN POMMERN
Es war ein blonder Kandidat,
nach seinem Stammbaum ganz teutonisch -
und was er sprach und was er tat,
war mustergiiltig wilhelmonisch. —
Vergebens hatte man bei ihm
gesucht nach Spuren fremder Rasse,
man fand kein jud'sches Interim
in seiner ganzen Ahnenmasse;
auch mangelte der Intellekt
nachweisbar schon dem Urgrofivater,
dem glich der Sohn - und voll Respekt,
was jener tat, auch tat er; —
so lebte nur die Tradition
im Enkel und in dessen Sprossen,
und sowohl Geist wie Rebellion
waren vollkommen ausgeschlossen. —
Kein Wunder, da(5 der teutsche Mann
in Pommern Sympathien weckte,
als er sein Referat begann,
womit er ein Mandat bezweckte:
Wir sind, so sprach er, reine Germanen
und gehen dennoch ins Parlament,
obwohl es bekannthch von Juden erfunden -
aber wir konnen nicht anders gesunden,
es sei denn, wir kampften sehr vehement
zwar mit feindlichen Waffen, doch im Geist
unsrer Ahnen -
Und dieser befiehlt uns: Seid Untertanen!
Denn pyramidal ist der Menschheit Struktur:
Unten liegen die Arbeitermassen,
oben leuchtet des Konigs Purpur,
und es ist ein Gesetz der Natur:
Herrschen sollen die herrschenden Klassen:
Landwirte erstens, deren Brautnachten
entsprossen: dertiichtige Offizier
1924
und die ganz kommentmafiig echten,
arisch beschmifken und selig bezechten
Studenten, voll Idealen und Bier.
Zweitens, nach ihnen, die Fabrikanten,
die den Fabriken das Leben geschenkt,
nachdem sie dasselbe den schwachlich ent-
mannten
Marxisten genommen (Zwischenruf: Wann
werden Marxisten gehenkt?!).
Drittens, den Mannern, die durch Geschafte,
sei es an Borsen, sei es privat,
treulich begaunerten diesen Staat.
So, meine Herren, heifien die Krafte:
Sabel, Schornstein und Kapital!
(Bravorufe durchbrausten den Saal.)
Es druckt die Zeitung den Bericht;
der Burger las den Kandidaten,
und schnell erkennend seine Pflicht,
schritt er zu Taten:
Und schon erhob sich ein Geriist,
das selbst in Pommern ungewohnlich
und — was nicht zu verschweigen ist -
ganz unverkennbar galgenahnlich. —
Am nachsten Tage baumeln wir,
Marxisten und Genossen,
als arisch reines Wahlplasier
fur Teut und seine Sprossen. —
Man sieht: Es braucht ein Kandidat
nicht viel Verstand zu haben;
uns kann sein dummstes Referat
begraben, ja begraben . . .
Josephus
Lachen links, 21. 3. 1924
SPATE MAHNUNG AN QUIDDE
Was fangst du dir mit Generalen an?!
Mufit du Gesinnung just dem Seeckt verraten?!
Kennst du schon keinen kliigern Adressaten,
mit dem man ungeniert korrespondieren kann?!
Mit Argumenten kommt man keinem General,
mit Argumenten kommt man nur Gehirnen - -
du kennst den Unterschied - und mufitest doch erziirnen
des Vaterlandes Waffenarsenal?
Und weshalb - mufitest du schon ehrlich sein -
lafit du dich denn sofort nach Miinchen treiben?!
Der »Welt am Montag« kannst du alles schreiben,
die deutsche Welt am Dienstag sperrt dich ein!
In Miinchen ubt ein General Justiz,
die Staatsanwalte tragen dort Monturen,
ein Pazifist in Miinchen ist »verluren«,
ein Kopf in Miinchen ist direkt ein Witz!
Es meidet Bayern, wer kein Rassemaul,
und bleibt am liebsten an der Spree Gewasser -
oder er sattelt - was bestimmt noch besser -
den Auslandspafi und seinen Reisegaul
und flieht aus dieser Republik, erschopft
vom Anblick der gefullten Kerkerh alien -
geniefit den Sekt, des Pfropfen barmlos knallen -
und wird - obschon ein Kopf - doch nicht gekopft.
Josephus
Lachen links, 4. 4. 1924
RITTER MEUCHELMORD
Das ist der Ritter Meuchelmord
mit dem zerbrochenen Ehrenwort,
das Grofimaul voller Niedertracht,
das eure Leiden kalt verlacht!
Das ist der Lump, der alle Feind'
aufs neue gegen Deutschland eint.
Eh' ihr dies Under nicht gefallt,
wird niemals Frieden auf der Welt!
Wer hat uns in Montur geprefit
und unsre Opferstirn betrefit
mit Troddeln, Totenkopfen,
und mit Manschettenknopfen?
Wer trankte uns im Bad aus Stahl
von Celsiusgraden ohne Zahl?
Der Kaiser und der General,
der Junker und das Kapital,
der Priester und der Fabrikant,
Professor mit dem Burschenband —
der Kramer, der im Laden stand,
Profite zog vom Hinterland,
und noch einmal und noch einmal:
der Kaiser und der General!
Wer war der Trommler Komm-nur-mit,
der bleich an unsrer Seite schritt?
Er paukte leis, er paukte laut
auf einer toten Menschenhaut —
wer hat den Tommler kommandiert
und ihn mit Kreuzen tapeziert?
Der Kaiser und der General,
der Junker und das Kapital,
die Zeitung mit dem Extrablatt,
das unser Weh besungen hat,
der Doktor mit dem Burschenband,
20 DAS JOURNALISTISCHE WERK
der Priester und der Fabrikant —
und noch einmal und noch einmal:
der Kaiser und der General!
Wer stampft aus unserm Fleisch und Blut
den Dunger fur sein Rentengut?
Und wer kassiert den Restbetrag
vom Vierundzwanzigstundentag?
Wer pflanzt den goldnen Zepterstab
auf unser Proletariergrab?
Der Kaiser und der General,
der Journalist, das Kapital,
Bankier, Professor, Burschenband
und Priester, Junker, Fabrikant
und noch einmal und noch einmal und noch einmal:
der Kaiser und der General!
Lachen links, 18.4. 1924
DEUTSCHE ELENDSREIME
Fur wilde Kaiser Schlachten schlagen,
das konnen wir -
uns ist die Arbeit von Zwolfstundentagen
nur ein 'Plasier -
das Hungertuch, an dem wir nagen^
ist aus Papier. -
Das nimmt der Stinnes fur die Zeitung
uns auch noch fort -
denn fiir die Weltkriegszubereitung
braucht man das Wort -
dann lesen wir die theoretische Ausarbeitung
iiber den Mord. -
I924 21
Dann kommt es in die Orte, die zu nennen
nicht delikat,
hierauf verkauft man uns, nach chemischem Durchbrennen,
damit man was zum Essen hat,
was wir als unser altes Hungertuch erkennen. —
So wird man satt. Josephus
Lachen links, 18.4. 1924
KOMMENTAR ZU KANT
Wohin ich blicke, starrt mir sehr fatal
und kategorisch hartes Mufi entgegen -
auf Warnungstafeln an des Lebens Wegen
malten es Professoren der Moral.
Mich fiihrt die strengste der Philosophien
gefesselt an dem harten Gangelbande
der Sittlichkeit und in dem Zwangsgewande
der gottgewollten Disziplin.
Rechts ein Befehl und links ist ein Verbot,
hinten die Pflicht in Exerziermarschtritten,
zwei Professoren - ich in ihrer Mitten -
und vor mir - sittlich unvermeidlich - harrt der Tod.
Und wie sich meine praktische Vernunft auch wehrt -
die Reine schickt mich in die Unterwelten:
Denn philosophisch kann mein Ich nicht gelten,
sobald es, seiend, die Moral versehrt.
Der Galgen wachst abstrakt - und wurzelt dennoch tief -
und wird von Henkern praktisch angewendet:
So mancher dachte, der an ihm geendet:
Der Galgen, scheint mir, ist ein Imperativ!
22 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Vergeblich heb' ich meine Beterhand
zum Himmel - dort, als sittlich harter Wille,
sitzt Gott und liest durch eine Weisheitsbrille
zweihundert Jahre schon ausschliefilich Kant.
Josephus
Lachen links, 18. 4. 1924
LEGENDE VOM KASERNENHGF
Ein Kasernenhof stand kiihl und duster
eingefangen zwischen Kasematten.
Taglich exerzierten dort Soldaten;
liber ihnen war ein Kriegsminister,
wie ein schwarzer Heldentodesschatten.
Alle Tage schofi man mit Patronen
auf die Mittelpunkte weifier Scheiben,
afi zu Mittag altgedorrte Bohnen,
putzte das Gewehr zum Zeitvertreiben. -
Niemals ruht 5 ein Vogel hier vom Fluge,
denn er fiirchtete die Geftlerhiite -
und es wuchert' giftig aus der Fuge
zwischen Steinen die Kasernhofbliite.
Also hiefi die Flora dieser Gegend. -
Ihre Fauna waren Offiziere;
und die Pest der Disziplin erregend,
kommandierten Chargen: exerziere! —
Eines Tages aber sprengte
der Kasernenhof die grauen Wande
und begann zu wandern, und er lenkte
seinen Schritt in bltihendes Gelande.
Alsobald starb unter seinen Tritten
Wald und Feld und Stadt und Hof und Garten,
Offiziere trampelten beritten,
1924 1}
und sie schwangen Leichentuchstandarten. -
Alles Lebende ward schnell geandert
in Zielscheiben, deren schwarze Mitte
Herzen waren, blut- und fleischgerandert -
sie zu treffen war Befehl und Sitte.
Der Kasernenhof, dem das merit geniigt hat,
wandert weiter, Land und Stadt verschlingend,
aber, weil der Reichstag es verfiigt hat,
tut er seine Arbeit frohlich singend.
Aber ich erschau' an seiner Seite
einen Tambour, weifi und lang und hager,
frohlich trommelnd spaht er nach der Beute. —
Ein Kasernenhof noch wandert heute:
Morgen ist er schon ein Leichenlager.
Josephus
Lachen links, 25.4. 1924
PRAKTISCHE ANWENDUNG
Auf philosophischen Fundamenten ruhn Kasernen -
Man kann's von deutschen Professoren lernen,
daft aligemein und generell
Gehorsam notig ist, um alle schiefen
Personlichkeitserscheinungen zu strecken,
auf daft sie gerade ausgerichtet,
zu Doppelreihen verdichtet
in Uniformen stecken:
So wird aus kategorischen Imperativen
der kategorisch preufiische Appell.
Josephus
Lachen links, 25.4. 1924
GASGRANATE
Habt ihr schon vergessen,
wie die Gasgranate stank,
wie der Pastor sang
bei den Totenmessen?
Totenmessen im Karst,
Messen in den Vogesen
mufite der Pastor lesen,
weil die Granate barst.
Der Gasgranatengestank
wartet auf seine Stunde
mit dem Kaiser im Bunde
und dem Heldengesang.
Habt ihr schon vergessen,
eurer armen Ehre Feld?
Ein Graben und ein Zelt,
ein Wachtmeister und ein Held
und eine Gasgranate,
gestiftet von Krupp in Essen.
Josephus
Lachen links, 2. 5. 1924
TOD IM FRUHLING
Ein Professor, fromm und tugendhaft,
war exorbitant normal im Winter;
zur Erhaltung deutscher Manneskraft
schlief er stets mit einem Werk von Dinter;
morgens steckte er ins Stahlbad Glied um Glied,
1924 25
trieb am Reck dann Weltkriegsvorbereitung,
und, furs arisch-reine Vaterland ergliiht,
abonnierte er die »Deutsche Zeitung«.
Also lebte er zur Winterszeit. -
Doch beim ersten Lied der Nachtigallen
machte er sein Teleskop bereit,
um des Nachts durch das Gebiisch zu wallen;
Minne gliihte auch in seiner Brust,
wenn er eine Wade wo erblickte;
und es war sein Wille grofi wie seine Lust —
nur, dafi letztere ihm niemals gluckte.
Mit der Blendlaterne spahte er
nach den unverschamten Gartenbanken,
zu den deutschen Gottern flehte er,
dieses Mobiliar der Juden zu versenken;
aber Unzucht blieb, kein Racher kam,
und vergebens betete der Keusche,
wahrend er, moral-geplagt, vernahm
aufiereheliche Nachtgerausche.
Bald begannen Nase, Aug' und Ohr
und der sechste Sinn sich auch zu schamen —
aufier sich geriet der Professor,
und er mufite endlich AnstofS nehmen;
unter einem weiften Fliederstrauch
tat er's, ward erregt - und fand sein Ende . . .
Streng und sittlich flog sein letzter Hauch
wie ein keuscher Fluch durch das Gelande . . .
Lachen links, 9. 5. 1924
EUROPAISCHE JUSTIZ
Es wuchert das Gesetz in unbekannten
Verschwiegnen Grunden, die kein Aug' durchschaut,
Des Himmels milde Gnade blaut
Nicht jedem in das Rechtsgebiet Verrannten.
Seit tausend, abertausend Jahren
Rufen wir briinstig die Gerechtigkeit:
Indessen warten Richter, haben Zeit,
Warten in hundertfaltigen Talaren. —
Zu einem unerreichbar hohen Himmel schreit,
Was dir von ihnen widerfahren:
Du siehst des Urteils scharfgezackten Blitz,
Wie ein Gewitter siehst du die Justiz
Aus dem Gewolk der Paragraphen fahren.
Aus dunklen Falten der Talare went
Der Sturmwind der Justiz auf dich, Prolet,
Dein Galgen ragt, dein Henker ist bereit,
Der Staatsanwalt ist nah - -
Und Gott ist weitl
Josephus
Lachen links, 23. 5. 1924
DER HAKENKREUZLER
Der Professor von Freytag-Loringhoven
hat ihn mit Bartels und Wulle gezeugt,
also zum ersten Mai die Fruchtbarkeit deutscher Urkraft
erweisend.
Das Kainszeichen des Hakenkreuzes auf der gesenkten doofen
Stirn - lebt er und wird gesaugt
Von den Alma-Mater-Brusten der Magnifizenz Roethe
und von Ludendorff gedrillt, wenn dieser zufallig nicht nach
Schweden reisend.
1924 17
Immer verfolgt ihn ein wiister Traum
Von schwarzen Juden, die seine weiften Mause sind —
(In der Trunkenheit ist er namlich politisch farbenblind.)
Und er sieht den Juden auf dem deutschen Kaiserthron,
in der romischen Kirche und in seiner eigenen Organisation,
und er erkennt in der Ahnenreihe des deutschen Goethe
einen Stammbaumvater der Poesie namens Rosenbaum.
Josephus
Lachen links, 25. 7. 1924
DIE INVALIDEN GRUSSEN DEN GENERAL
Zehn Jahr' sind um, zehn Jahr' sind urn,
es faulen unsre Knochen,
das Auge blind, das Riickgrat krumm
und Bauch und Brust zerstochen;
es hat die Milz ein grofies Loch,
es brennt in Herz und Niere —
Noch leben wir! - Wir leben noch!
Und sind nicht Mensch noch Tiere —
Wer aber blieb von alien heil
trotz Bombenwurf und Donnerkeil?
Wer aber kam gesund nach Haus
zu Weib, Pension und warmem Flaus?
Es war der Herr, der uns befahl: —
Herr General! - Herr General! -
Wir gratulieren, General,
Du hast den Krieg gewonnen!
Durch Ehrenfeld und Heldental
ist unser Blut geronnen —
es rotete das Blut den Stahl -
Erinnerst du dich, General?!
Es kommandierten schauerlich
die Herren Offiziere,
28 DAS JOURNALISTISCHE WERK
wir krochen durch den Dreck fiir dich,
in uns dein Schrei: krepiere!
Wer blieb denn von uns alien heil,
wer zahlte keine Spesen,
wen traf kein Stich, wen traf kein Pfeil,
wer brauchte nicht Prothesen?
Es war der Herr, der uns befahl: —
der General! - der General! -
Heut* hinken wir, heut' kriechen wir,
es kracht in den Scharnieren,
wir konnen dir, wir konnen dir
nicht stramm mehr salutieren —
Wir bieten Streichholzschachteln feil,
wie du uns feilgeboten,
wir wimmern und wir stohnen: Heil
dem tiefen Tod der Toten !
Erinnerst du dich, General?!
Schlafst du auch gut, und melden
sich dir im Traum nicht manches Mai
noch deine toten Helden?
Verwiistet ist ihr Angesicht,
sie suchen ihre Knochen - -
Der findet seine Nase nicht
und kommt zu dir gekrochen
und hockt auf deines Bettes Rand
und fragt: Wer kam ins Vaterland
zuriick und blieb an Gliedern heil,
trotz Bombenwurf und Donnerkeil?
Wen traf kein Stich, wen traf kein Pfeil?
War es der Herr, der uns befahl?!
Bist du gesund, Herr General!?
Josephus
Lachen links, i. 8. 1924
DER PRINZ UND DIE TOTEN
Jeden Sonntag wird ein Denkmal enthiillt,
und jeden Sonntag ist der Prinz dabei;
So hat er seine hohe Pflicht erfullt. -
Aber noch steht in den Luften der Schrei
der Toten, die fur den Prinzen starben —
Manchmal aber offnen sich Graber
und die Gespenster steigen hervor
und es heult der Skelette Chor:
».Kommen Sie Prinz! Ihre prinzliche Leber
ist zwar noch heil, auch funktionieren
tadellos Blase, Galle und Nieren,
aber wir konnen Sie nicht entbehren.
Bleiben Sie, bitte, in unserer Mitte,
Ihre prinzlichen Stechmarschschritte
mochten wir gar zu gerne horen;
auch wollen wir manchmal defilieren
und wir wissen niemals, vox weml
Die Graber sind namlich so unbequem,
daft sie nicht einmal drei Prinzen zieren;
es leben so viele Prinzen auf Erden —
Wollen Sie nicht Konig der Toten werden?!«
Josephus
Lachen links, i. 8. 1924
JUSTITIA
Gerecht ist ungerecht und umgekehrt:
Es ist nicht alles eins, ob ein Prolete
erschossen ward und ein Prophete
ans Kreuz geschlagen - oder ob versehrt
die Fensterscheibe eines Fabrikanten
30 DAS JOURNALISTISCHE WERK
vom Stein wurf eines Unbekannten:
denn oft ist eine Scheibe mehr als em Leben wert -
es hangt nur davon ab, wem es, wem sie gehort.
Lachen links, 15. 8. 1924
LIED VOM SPENGLER
Die Wahrheit und das Abendland,
sie gehen beide unter;
doch schreibt der Spengler vorderhand
an ihrem Bette Band urn Band
und macht das Sterben munter . . .
Der Oswald Spengler ist Prophet
und kann den Teig der Zukunft kneten -
es machte ihn die Fakultat
fur Kalamitat,
fur Autoritat
zum Untergangspropheten . . .
ER ist sein bestes Argument,
er braucht nicht schwarzen noch zu farben
als mit dem eignen Pigment -
Denn nur, weil ihn Europa kennt,
muE es ja nebbich sterben . . .
Josephus
Lachen links, 29. 8. 1924
UNGEZIEFER
Es ist die deutsche Republik
ein neues Haus mit alten Betten,
man kann kein deutsches Mobelstuck
vor Ungeziefer retten :
1924 3 1
Hier hiipft ein Prinz, ein junger Floh,
dort kriecht die Laus, ein alter Konig,
es juckt am Kopf, und anderswo
juckt es uns auch nicht wenig . . .
es nagen in der Dunkelheit,
in eines Rechtsanwaltes Schatten,
an unserm Speck, an unserm Kleid
die Hohenzollern-Ratten.
Sie hiipfen auch bei Tageslicht
auf Tischen und auf Banken,
denn jedes Deutschen erste Pflicht
ist's: Ratten zu beschenken.
Der Kronprinz huscht, der Mauserich,
zum Jubel aller Mause,
in Potsdam auf dem noblen Strich
der Ordensmummelgreise . . .
Es stinkt enorm monumental
aus unsern Strohmatratzen,
es kratzt feudal ein General
mit seinen blut'gen Pratzen,
er kratzt uns wund, er kratzt uns weh
zu unserem Entziicken
und kitzelt mit dem Portepee
uns unsern krummen Riicken —
Indessen dringt ein Mordsgestank
aus alten deutschen Kronen,
wir singen Heil, wir singen Dank
den stinkenden Regionen,
wir sind so deutsch, wir sind ganz hin,
wenn wir mal einen Floh verlieren —
Deutsch sein heifk: ohne Zacberlin
krepieren!
Josephus
Lachen links, 10. 10. 1924
DIE INTERNATIONALE
fur Kapital, Kaplan und General,
zu singen nach der bekannten Melodie
Wir sind die Internationale
aus Gold und Blut und Ekrasit:
Wir leihn auf Zinsen Ideale
und wuchern noch mit dem Profit;
uns dienen tausend Generale
vom Appenin bis an den Belt:
Die Internationale
regiert die ganze Welt! . . .
Wir putzen taglich die Symbole
zu neuem Glanz und altem Trug:
Es schurft der Sklave unsre Kohle
und wimmert hinter unserm Pflug,
den Blick gesenkt, die Ideale
der sauren Arbeit beigesellt:
Die Internationale
regiert die ganze Welt! . . .
Wir sind die dicken Totengraber,
wir masten uns an Blut und Schorf :
Es leben unsre Spesengeber,
der Horthy und der Ludendorff.
Wie Felsen stehn die Generale,
an denen Volk um Volk zerschellt:
Die Internationale
begrabt die ganze Welt! . . .
Einst kommt die grofie Nacht der Nachte,
schon bricht sie an, die Dunkelheit.
Da stinkt das Gas! und unsre Knechte
marschieren in die grofie Zeit . . .
Horch, Horch: Signale der Schakale,
i? 2 4 33
sie wittern eurer Ehre Feld:
Die Internationale
regiert die wiiste Welt! . . .
Josephus
Lachen links, 17. 10. 1924
DAS NEUE LESEBUCH
Wirf sie ab, die Pietat!
Rostig sind die Ideale!
Was im Lesebuche stent,
ist nur eine hohle Schale!
Reifi dir jeden »deutschen Spruch«
aus der Seek, aus dem Magen:
Deutsches Volk, es ist dein Fluch,
Pietat herumzutragen . . .
Volk, verliere den Respekt
Vor den leeren Monumenten,
steh nicht so verdammt erschreckt
vor »historischen Momenten«!
Hinter der Geschichte Glanz
birgt sich Trodel, fahler, greiser - -
Reift dich los vom Rattenschwanz
deiner alten deutschen Kaiser! . . .
Pfeife auf die Tradition
der verkalkten Professoren!
Liimmle dich in jeden Thron!
Und laft keinen ungeschoren,
der dir was von Achtung spricht —
Niemals hat man dich geachtet,
jeder konigliche Wicht
safi im Glanz — du warst umnachtet!
34 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Deine Dichter sangen dir
fromme Spriiche, zahme Lieder,
und sie schrieben aufs Papier,
dafi du sittig bist und bieder! -
Deutsches Volk, du warst zu lang
Primus in Europas Klasse —
Stimm ihn an, den Spottgesang
auf des Hohnes frechstem Basse!
Lies mit heit'rer Ironie
jeden deutschen Leitartikel,
jede fromme Melodie
store bei dem frommsten Stiickel!
Hab nicht so enorme Angst
vor moralischer Pathetik!
Wenn du vor dem Vollbart bangst,
sagt er: dieses heifie »Ethik« . . .
Volk, wie bist du schwach und stark!
Eine Predigt kann dich lahmen!
Brauchst dich vor dem alten Quark
keineswegs zu schamen !
Wie man sich vor Herren schutzt,
mulit du einmal lernen,
und wie man das Beste niitzt,
was ein braves Volk besitzt -
es sind die Laternen! —
Josephus
Lachen links, 28. 11. 1924
BURGERLICHE KULTUR
Rechts ist ein Korso, links ein Strich
und in der Mitte Reitalleen -
so ist man immer unter sich
und kann die letzten Moden sehen.
Man trifft sich im Cafe intim
und wiederkaut die Operette -
Nach Mitternacht geht sie zu ihm
und er zu ihr ins Eh'bruchbette.
Rechts ist ein Tempel, links ein Kreuz,
rechts beten Juden, links die Christen,
man trifft sich nachher beiderseits,
um alte Gotter auszumisten. -
Denn in der goldnen Mitte ragt
der Goldgott iiber Kreuz und Sternen. -
Das Konto ruft - der Vater sagt:
Ein Sohn mufi das Verdienen lernen! . .
Rechts ein Bordell und links die Bank,
ein Monument steht in der Mitte -
Rechts ein Parfiim, links ein Gestank,
rechts Syphilis und links die Sitte -
Dazwischen geht ein Kolporteur
mit kosmischem Lokal-Anzeiger:
Rechts Politik, links ein Malheur
mit Nacktballett und Shimmygeiger . . .
Rechts ein Lokal, links ein Lokal -
Lokal-Anzeiger in der Mitte . . .
Rechts Kapital, links General,
im Auto und mit Stechmarschtritte —
Und seitwarts singt ein Invalid:
»Lieb Vaterland, hast gute Beine!
Du legst mit giitigem Gemiit
mich miitterlich auf Pflastersteine!«
}6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Rechts Tennisplatz, links die Fabrik -
Dazwischen gahnt ein tiefer Graben -
Es fiihrt kein Weg vom Leid zum Gliick -
und Tod und Sport sind Schicksalsgaben:
Es hupft ein Ball - durch Mauern dringt
ein Radgestohn, das sich verirrte —
Ein Kronprinz tummelt sich beschwingt
vom Sport weg in die Illustrierte . . .
Hier ist Kultur! - Die Diele blinkt
in amourosem Ampelscheine -
Wer Geld hat, lebt! Wer Geld hat, trinkt!
Wer keins hat, hat die Wascheleine! . . .
Die Polizeipatrouille spaht,
ob sie auch richtig alle hangen —
Es hat sich niemals ein Prolet
ins Leben listig einzudrangen.
Hier ist Kultur! - Wie war 5 es schad,
dies Wort des Burgers zu vernichten !
Die Gleichheit macht die Welt so fad!
Gott will den Unterschied der Schichten!
Die Welt ist eine Eisenbahn
mit ersten, zweiten, dritten Klassen,
Verboten ist's, den Untertan
auf einen weichen Sitz zu lassen . . .
Lachen links, 12. 12. 1924
DAS WARTEZIMMER
Ich habe einen Beruf, der mich zwingt, Vorzimmer zu besuchen. Ich
kann sagen, daft ich die Halfte meines Lebens in Vorzimmern zuge-
bracht habe. Meine Weltanschauung, meine Art, zu sprechen und zu
griifien, meine Bescheidenheit und meine Geduld haben sich in Vor-
zimmern ausgebildet. Das Vorzimmer war meine Kinderstube.
Man ersieht daraus, dafi ich nicht zu den Gliicklichen dieser Welt ge-
hore. Denn diese haben gewohnlich eine wirkliche Kinderstube gehabt
und niemals einen entscheidenden Einfluft des Vorzimmers gefuhlt. Ja
sie haben niemals auch nur irgendein Verhaltnis zu irgendeinem Vor-
zimmer gefunden, sie erlebten das Vorzimmer nicht, sie durchschritten
es nur. Sie betraten und verliefien es, um in den Wohnraum oder auf
die Strafie zu gelangen, ihnen ist es Passage und Episode, mir ist es
Aufenthaltsort und Inhalt eines halben Lebens.
Ich habe mich daran gewohnt, die Menschen in zwei grofie Gruppen
einzuteilen: in jene, denen das Vorzimmer ein Snick Leben bedeutet,
und in solche, die keine Beziehung zum Vorzimmer gefunden haben;
in solche, die warten, und andere, die warten lassen. Und ich habe
gefunden, daft wir, die Wartenden, in weit grofterer Zahl vorhanden
sind als diejenigen, die es nicht notig haben zu warten. Man sieht, daft
ich - gewift etwas einseitig - die Welt vom Vorzimmer aus zu beurtei-
len geneigt bin. Ich habe mir eine Philosophic des Vorzimmers zu
eigen gemacht. Es ist nicht der Mittler zwischen Strafie und Wohnung,
Obdachlosigkeit und Heimat, Verlassenheit und Zuflucht. Es liegt
zwischen der Armut und dem Wohlergehen, nicht, um beide zu eini-
gen, sondern um sie zu trennen. Denn in die Wohnungen der Armen
gelangt man unmittelbar, zwischen ihnen und der Strafie ist eine stan-
dige Beziehung vorhanden. Aber die Reichen haben zwischen sich und
die Strafie das Vorzimmer gelegt.
Andere mogen vielleicht einen Widerwillen gegen die Reichen haben,
weil diese satt und viele hungrig sind. Ich liebe die Reichen nicht, weil
sie das Vorzimmer erfunden haben. Denn ich weift, daft ich nicht so
lange zu warten brauchte, wenn es keine Vorzimmer gabe. Ich weift,
daft man mich warten lafit, weil man mich gern auf die Strafie schicken
mochte. Ich wollte, die Reichen fanden den Mut, es zu tun. Aber ihr
Gewissen hindert sie an der Ausfuhrung ihres Wunsches. Sie haben
38 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zur Beruhigung ihres eigenen Gewissens das Vorzimmer erbaut, das
mich vor den Unbilden des Wetters schiitzt, aber der Unzufriedenheit
der Sefihaften aussetzt. Zwischen der Tiir, die hinausfiihrt, und jener,
hinter der meine Hoffnung wohnt, lebe ich.
Ich sehe nur das blonde Stubenmadchen und den stolzen Diener, und
beiden bin ich verhafit, weil sie fur meine Absichten und die Klei-
dungsstiicke der Herrschaften verantwortlich sind. Das Madchen, zum
Lacheln geboren, zur Hoflichkeit verpflichtet, wird bei meinem An-
blick von einem stummen Ernst befallen. Dennoch liebe ich das Mad-
chen, weil es eine Art Licht in das dunkle Vorzimmer bringt, weil sein
Haar, sein Angesicht und seine weifie Schiirze leuchten und ich das
Fenster nicht mehr vermisse. Denn nur wenige Vorzimmer sind mit
Fenstern versehen. Sie enthalten nur Kleiderrechen und einen Spiegel,
Schirmstander und eine Blumenvase, ein Linoleum und einen billigen
Teppich, ein Tablett fur Visitenkarten und ein paar Bilder an den Wan-
den. Diesen Bildern fiihle ich mich verwandt. Ihr Lebenszweck ist,
gesehen zu werden, und sie bleiben unsichtbar, Bilder kann man nicht
horen; wenn sie im Dunkeln hangen, sind sie tot, sind sie nicht vor-
handen, es sei denn fur mich und meinesgleichen, und das lag nicht in
der Absicht dessen, der sie schuf. Diese Bilder sind vielleicht schlecht
und geschmacklos, und sie verdienten wohl, getadelt zu werden, aber
nicht, unsichtbar zu bleiben. Sie sind wertlos, aber man kann nicht
einmal ihre Wertlosigkeit feststellen.
Ich kenne die Vorzimmer auswendig und weifi genau, wie die Kleider-
rechen aussehen und die Schirmstander und die Spiegel, die selten das
Sonnenlicht empfangen und widergestrahlt haben. Das Quecksilber
dieser Spiegel leuchtet nicht. Wenn die elektrische Lampe entziindet
wird, verdoppelt sich ihr Licht im Spiegel, aber es bleibt schwach und
hilflos. Und mein Bild gibt dieser Spiegel verzerrt wieder, mein blasses
Angesicht bleicht er noch ein wenig, meine schmalen Schultern
kriimmt er, den matten Glanz meiner Augen loscht er vollends. Er
demiitigt mich und macht mich geringer, als ich bin, und spiegelt mich
so wider, wie mich der Herr des Hauses sieht. Vielleicht ubertreibt der
Spiegel gar nicht. Denn ich kann wohl nach einer langen Wartezeit so
aussehen, als waren meine Schultern nicht nur schmal, sondern auch
schief. Denn der Spiegel sowohl wie die Bilder und ich, wir alle ver-
kiimmern und werden gering und unscheinbar, wortlos und schuch-
tern in den Vorzimmern.
1924 39
Vielleicht bin ich einmal ein Revolutionar gewesen. Aber meine Em-
porung erlischt im Vorzimmer, zerschellt an diesem Bollwerk der Rei-
chen, das kein Emporer betritt, ohne besanftigt zu werden. Man miiftte
das Vorzimmer durch ein Gesetz abschaffen. Es dampft den Mut des
Eindringenden und erhoht jenen des Besitzers. Ich hasse es.
Vorwarts, 27. 1. 1924
ZIRKUS HAGENBECK
Ein intellektueller Hochmut will bewuftt die naive Technik der Arena
nicht begreifen, nicht die offen sichtbaren Scheinwerfer (die unverhiill-
ten Quellen aller optischen Zauberei), nicht die riihrende Kindlichkeit
der jungen Reiterin und nicht die herbe Poesie eines galoppierenden
gestreckten Pferdekorpers. Die Nerven, die das einzige Aufnahmeor-
gan des uberreizten Intellektuellen fiir die Erscheinungen dieser Welt
sind, empfinden den scharfen Stallgeruch in Parkett und Logen, den
sichtbaren Mist der Lowen, Tiger und Eisbaren als eine personliche
Krankung. Welche Zumutung, daft ein europaischer Kulturmensch,
der im nachsten Kino den unwahrscheinlichsten 300-Meter-Sprung
Wirklichkeit werden sieht, einen lebendigen Radler auf dem Seil be-
wundern soil! Und dafi er, eingebildeter Zeitgenosse der trickreichen
Drehbiihne, der zauberhaften Versenkungs- und Auferstehungsmog-
lichkeiten, der Biihnengewitter und der verbliiffendsten Kulissen-
wandlungen, die blauen, griinen und orangefarbenen Lichtmeere be-
staune, die aus einer gewohnlichen Dachluke, einem Scheinwerfer,
entstromen! Seiner eigenen korperlichen Unzulanglichkeit ist die in-
nere Unwahrheit des im Film gezeigten Tricks ein Trost, und die Vor-
aussetzung, daft »so etwas in Wirklichkeit nicht moglich«, beruhigt ihn
beim Anblick eines gefilmten Tigers im Urwaldatelier. Aber hier, im
Zirkus, erschrickt er, ohne es sich zu gestehen, und vielleicht auch,
ohne es zu wissen, vor der Nahe des Eisbaren, und er sehnt sich von
der Sicherheit des Gitters weg zu jener garantierten der Leinwand und
der Schatten. Den in keine offizielle Kunstgattung eingereihten Seil-
tanzer zu bewundern, schamt er sich. Die Zwecklosigkeit einer Galop-
pade leuchtet ihm nicht ein. Die auftere Roheit des Dompteurs stoftt
40 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ihn ab. Der Kellner mit den Bierkriigen irritiert ihn. Also empfindet er
den Zirkus als einen langweiligen, unzeitgemaflen Riickfall und reiht
ihn in die Gruppe jener Erscheinungen ein, die ihm personlich »zuwi-
der« sind, wie zum Beispiel das Militar, das er auch nur deshalb hafit,
weil ihn ein Feldwebel schikaniert hat.
Wie aber kame man iiber die Ungerechtigkeit der intellektuellen Welt
hinweg, die mit zweierlei Mafi mifit, wenn sie die natiirliche Anmut
einer auf sicherer Biihne schreitenden Schaupielerin laut ausposaunt
und jene unter Umstanden nicht geringere natiirliche Anmut einer auf
gefahrlichen Trapezen schwebenden Frau nicht zur Kenntnis nimmt?
Die Wirkung auf den unbefangenen Zuschauer ist hier wie dort die
gleiche. Die Kunst des Madchens auf dem Trapez - losgelost von der
nebensachlichen Kunstfertigkeit ihrer Akrobatik - kann eine hohe
sein. Sie ist keine Schauspielerin, aber eine Darstellerin. Ist sie eine von
Rang und ihre Wirkung eine kiinstlerische, dann verdient sie den Platz
an der Sonne der Kritik, des »Referats«, und sie muE aus der Rubrik
»Aus aller Welt« avancieren in jenen Teil, in dem von Kunst die Rede
ist.
Es miifite eigentlich nicht vieler Worte bediirfen, um einen Tiger ins
Feuilleton einzufiihren - ware das Vorurteil der gebildeten Welt nicht
und nicht ihre exklusive Einstellung auf die geeichten Kunstgattungen
und Gruppen. Mir aber vermittelt der Dompteur, der sich ebenso vor-
sichtig wie kiihn, ebenso weise wie naiv, elegant und natiirlich, mit
Berechnung und plotzlich funktionierendem Instinkt vor dem arg-
wohnisch gewordenen Tiger zuriickzieht, ein Herrscher, Beherrscher,
und dennoch auf der Flucht, ein grofier General auf dem Sieg verspre-
chenden Riickzug, einen kunstlerischen Genufi, die Wirkung seines
Auftritts vergleiche ich mit der eines grofien Schauspielers und stelle
sie ihr gleich. Und dennoch ist dieser Dompteur ein Unbekannter, nur
in Fachkreisen Genannter, und seine unbewufite und deshalb hoher zu
schatzende Kunstleistung wird als die sekundare Begleiterscheinung
seiner dompteurberuflichen Fahigkeiten selten bemerkt und niemals
geschatzt.
Ich war im grofien Zirkus Hagenbeck, der seit einigen Wochen in
Wien sein Winterquartier aufgeschlagen hat, und erlebte hier die Erlo-
sung des modernen Menschen aus der Illusion. Vor meinen lebendigen
Augen briillte der Lowe, pfauchte der Tiger, es knallte die Peitsche, es
stank der Mist. Was bedeutet angesichts so vieler wilder Wirklichkeit
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die Degradierung des heiligen Tiers zum Reifenspringer und Trom-
melschlager? Der impressionistisch empfindende Intellektuelle wird
nicht umhin konnen, seinen geistreichen Witz dariiber zu verfertigen,
und er wird etwa vom »gebandigten Dompteur« sprechen konnen,
einer beliebten und als witzig erprobten Theorie von der Umkehrung
der Verhaltnisse folgend. Er spottet uber das »zivilisierte Tier«, und es
vergifk, dem Witz zuliebe, den noch ganz bedeutenden Rest von Wild-
heit, und er, dem ein Besuch in der Kaffeeterrasse schon wie eine Ex-
pedition in die weite Feme vorkommt, nimmt einen Reifen zum Vor-
wand, um seine Respektlosigkeit vor jeder korperlichen Leistung an-
bringen zu konnen. Ich sari den Voltige-Reiter Alfred Patoletti, der in
einem braunen Trikot drei- und viermal neben dem Pferd und auf des-
sen Riicken durch die Manege flog, sein Korper war aus Stahl, seine
Bewegungen von einer dramatischen Exaktheit, die ich im Theater nie-
mals erlebte, und wenn er ein Hindernis nahm, so tat er es nicht auf
dem Pferd, sondern mit ihm zugleich, des Tiers Kamerad, kiihn so wie
das Rofi, ebenso stark im Sprung, im Galopp und in der Ruhe. Ich sah
die Geschwister Birkeneder auf dem Seil, eine zweiundzwanzigjahrige
Frau aus dem Marchen, blond, weifigekleidet, mit einem weifien, we-
henden Schleier, unerreichbar in den Luften, schwebend und sicher,
nicht von dieser Welt, von keinem Gravitationsgesetz abhangig; ich
sah den Bandiger Peters, der siebzig Tiger in seinem Leben gefangen
und erzogen hat, den Dompteur Winter, der mit den Eisbaren spielt -
und erkannte die Wurzeln des intellektuellen Hochmuts, der in der
Schwachlichkeit des »Geistigen« begriindet ist.
Nur die Kinder freuten sich und die »Soldaten niederen Grabes«: Aber
die Herrschaften in den Logen waren ihrer Kinder und jhrer - Frauen
wegen gekommen, die ebenfalls klatschten, um den Dompteur zitter-
ten, vor dem Lowen die ehrfurchtige Angst empfanden, die man vor
Lowen zu empfinden hat, wenn man nichts mehr als ein Grofistadt-
mensch ist und ein Kinobesucher. Und darin sah ich eine Art Rehabili-
tierung des Zirkus, der auch in Amerika, dem Lande der raffiniertesten
technischen Tricks, wachsende Erfolge zu verzeichnen hat. Es ist eine
Riickkehr zur Ehrlichkeit. Rein technisch miifke der moderne Schau-
spieler unendlich viel vom Tier und vom Artisten lernen konnen. Er
lernt die Zahmung des eigenen Korpers und die kiinstlerisch geban-
digte Form der auf ein Ziel losgelassenen Energie.
Frankfurter Zeitung, 27. 1. 1924
FUNF-UHR-TEE
Der Fiinf-Uhr-Tee ist eine Institution zur Forderung der biirgerlichen
Geselligkeit. Er kommt nur fiir jene Menschen in Betracht, die fur die
Aufhebung des Achtstundentags sind, weil sie selbst keinen haben.
Der Fiinf-Uhr-Tee versammelt Manner und Frauen in einem Privatsa-
lon oder in der eleganten Halle eines Hotels an mehreren kleinen Ti-
schen, wahrend auf einer Estrade ein Quartett musizieren mufi.
Es mufi bemerkt werden, daf? um diese Zeit die Abendblatter bereits
erschienen sind, so dafi die mannlichen Teilnehmer des Funf-Uhr-Tees
liber ihre Gewinne beruhigt sind und mit innerer Sammlung dem Ver-
lauf des Ekartes folgen konnen.
Indessen diirfen die Frauen iiber die neuesten Erscheinungen auf dem
Modewarenmarkte sprechen und iiber die hauslichen Sorgen, die im
Besitz eines »Trampels« bestehn. »Trampel« ist der biirgerliche Aus-
druck fiir Dienstmadchen. Gattinnen gutgestellter Manner, die an der
Borse spielen, miissen »Trampel« haben - weibliche Wesen, die gegen
Bezahlung und Kost der »Herrschaft« ihren Sorgenbedarf liefern. Da-
fiir diirfen sie die nur fiir Herrschaften reservierten Treppen nicht be-
niitzen, geschweige denn einen Brautigam haben. Der Liebesgenufi ist
lediglich den Frauen vorbehalten, die auch zum Fiinf-Uhr-Tee diirfen.
Man konnte sagen: Ohne Five-o-clock kein Geschlechtsverkehr!
Aufier den Trampelsorgen gibt es noch jene, die um das Ziel der nach-
sten Sommerreise kreisen. Den Menschen des Fiinf-Uhr-Tees stehn,
wie man weifi, Berge, Sonnen, Seen, Taler und Meere zur Ferienverfu-
gung, ebenso wie Teppiche und Spielsale, Karlsbader Salz und Fran-
zensbader Moor, heifie, warme und kalte Mineralquellen und der
ganze Klassensegen der gottlichen Natur. An alien Heilquellen der
Welt stehn, wie auf Tischen eines gutbesuchten Restaurants, Tafeln
mit der Inschrift: »Reserviert - nur fiir Kapitalkraftige«. Die Sorge der
Fiinf-Uhr-Tee-Menschen besteht nur in der Wahl einer solchen Tafel.
Und wahrend sich die Gaste so die Zeit vertreiben, spielt die Musik
»Peer Gynt«. Denn die Musik ist eine Erfindung zu Zwecken des
Fiinf-Uhr-Tees. Sie fiillt die Gesprachspausen aus und gibt dem Klap-
pern der Teller und Loffel eine liebliche Begleitung.
Bis die Stunde des heiligen Abendmahls herannaht - denn heilig sind
nur die Mahlzeiten. Dann endet der Fiinf-Uhr-Tee. Man verlafit ihn,
1924 43
durch Konversation erfrischt, von Getranken durchwarmt und
spncht: So vergifit man wenigstens seine Sorgen.
Es ist noch nie vorgekommen, dafi ein Besucher des Funf-Uhr-Tees
sich ihrer erinnert hatte . . .
Lachen links, 1. 2. 1924
DIE APOKALYPTISCHEN GARDEREITER
»In der Arbeitsstunde waren damals die >Gardereiter< iiblich. Nadeln
oder Stahlfederspitzen wurden in die zahen Radiergummis gesteckt.
Darauf wurde man durch energischen Druck auf die Schulter genotigt,
Platz zu nehmen. HaKlicher noch war die Ausstattung der Gradehalter
mit Gardereitern. Auf jeder Stube gab es zwei oder drei dieser offiziel-
len Marterinstrumente, die an der Tischplatte befestigt werden konn-
ten. Das Kinn sollte auf einem kleinen Holzteller ruhen, der in solcher
Entfernung vom Tisch angebracht war, dafi man genotigt wurde, mit
gerade gestrecktem Riicken zu sitzen. Schmerzhaft wurde die Sache
durch die Einfiihrung tintiger und rostiger >Gardereiter> in den Holz-
teller. Der zweite Stubenalteste belustigte sich gern damit, daft er den
Schadel der beiden Sextaner zum Ziel seiner Lanzenwiirfe machte. Er
tauchte die im Halter steckenden Federn in die Tinte und warf sie nach
unseren Kopfen. Es kam darauf an, dafi die Gescbosse in der Kopfhaut
steckenblieben.«
Das erzahlt kein »Marxist«, kein »Vaterlandsloser«, kein »Jud«, son-
dern der bekannte Gelehrte und Universitatsprofessor Leopold von
Wiese in einem Berliner Morgenblatt, in dem er seine Memoiren verof-
fentlicht. Leopold von Wiese hat einen Teil seiner Kindheit in der Ka-
dettenschule zur Wablstatt verbringen mlissen. Es war jene Kadetten-
schule, aus der Feldmarschall von Hindenburg »hervorgegangen« ist
und in der, wie man von einem einwandfreien, nicht einmal gehassig
erzahlenden Zeugen erfahrt, die Kadettenschiiler rostige Stahlfedern in
die Kopfhaute ihrer Klassengenossen steckten.
Es mag ein unsinniger Zufall sein, dafi gerade Hindenburg diese Ka-
dettenschule besucht hat. In anderen Kadettenschulen wird es ahnliche
Witze gegeben haben. Und es ist ein Zufall, dafi ich die Geschichte von
44 DAS JOURNALISTISCHE WERK
den rostigen Stahlfedern in einem Cafe las, an dessen Wand ein Hin-
denburgportrat hing. Ich kann dennoch nicht mehr die Vorstellung
von dem Angesicht des Feldmarschalls von der Erinnerung an die
wahlstattischen »Gardereiter« trennen. Kein vaterlandsfrommes Lese-
buch und seine verlogene Historie von der Giite, der Gerechtigkeit,
der Tapferkeit, der Humanitat eines Feldmarschalls und eines Generals
werden es mich vergessen lassen, dafi unsere Generale, unsere Feld-
marschalle, unsere Fiihrer im Weltkrieg auch einmal Sekundaner in
Kadettenschulen waren und mit rostigen Stahlfedern in die Kopfhaute
ihrer Kameraden stachen.
Knabenstreiche?! - Wo in aller Welt, die Lander der Eskimos und der
Kannibalen eingeschlossen, finden sich Knaben, welche die Schadel ih-
rer Freunde mit Stahlfedern durchlochern? Aus reiner Freude am
wahnsinnigen Schmerz des Nachsten? Was ist das fur eine Gattung
von Knabeniibermut, der sich nicht gegen den »Feind«, den »Vorge-
setzten«, den Lehrer, wendet, sondern gegen die Wehrlosen, die
Schwacheren, die Jungeren? Wo ward ein solcher Sadismus je erlebt? -
In preufiischen Kadettenschulen. Hier wuchs jene Kaste heran, die uns
durch Peitsche und Monokel, durch Achselklappe und nasales Kom-
mando notzuchtigte. Und wir waren nicht einmal ihre jungeren Kame-
raden! Diesen steckte man nur Stahlfedern in die Kopfhaut, uns steckte
man mitsamt unserer Kopfhaut in die masurischen Siimpfe.
Nicht um das Wohl der Kopfe war man in den Kadettenschulen be-
sorgt, sondern um das Weh der Kopfhaute. Dahin ist das Grauen vor
den Skalpkunsten der Indianer. Diese zogen die Kopfhaute ihrer
Feinde ab. Unsere Kadetten die ihrer eigenen Kameraden. Das Kinn
ruhte auf einem Holzteller. Auf dem Holzteller lag ein Radiergummi.
Und im Radiergummi steckte eine Feder. Also stach man sich die Fe-
der ins Kinn. Solange man ein junger Kadett war. Wurde man alter, so
stach man die Jungeren. Man weifi genug. Der Gestochene mufi ste-
chen. Der Skalpierte muft skalpieren. Das war das Gesetz unseres Le-
bens, unserer Arbeit, unseres Unterganges. Die perverse mdrderische
Phantasie, die jene »Gardereiter« erfunden, hat noch nicht zu wirken
aufgehort: Die apokalyptischen »Gardereiter« der Kadettenschulen
galoppieren durch Deutschland . . .
Josephus
Vorwarts, 6. 2. 1924
DIE KLAGENDEN ZIFFERN
Aus Berlin wird uns berichtet: Im »Griinen Saal« in der Kothener-
strafie horte ich eine halbe Stunde lang Ziffern und Zahlen. Sie enthiel-
ten mehr, als Worte ausdriicken konnen. In ihrer scheinbaren kiihlen
Sachlichkeit lag die erschiitterndste Klage iiber die Not unseres Landes.
Dann sah ich einen Film. Die schmerzlichste Tragodie ohne die tradi-
tionelle dramaturgische Struktur, ohne »Helden« und »handelnde Per-
sonen«. Das ganze Trauerspiel bestand aus einigen Gesichtern in
»Grofiaufnahmen« und ein paar Massenszenen. Es traten auf: eine
Greisin, ein Saugling und ein alter blinder Mann; ferner zwei Frauen
auf einer Bank in einem winterkahlen Park und ein halbwuchsiges
Madchen. Alle diese Menschen waren einander freund und sahen sich
zum Verwechseln ahnlich. Wenn ich die Augen schlofi und mir das
Bild des jungen Madchens vorstellen wollte, sah ich die Greisin. Es
waren Mitglieder einer groften Familie der deutschen Armut. Ihre
Handlungen bestanden darin, daft sie ihre Efigeschirre in diirren Han-
den hielten und sich vor einem groften Kessel aufstellten. Dann setzten
sie sich auf eine Bank im Park und afien. Die herzlose Linse des Auf-
nahmeapparats konnte die Bewegungen der Hungrigen, ihr gieriges
Schlucken, das erschiitternd eilige Mahlen ihrer Kiefer in grausamster
Deutlichkeit aufzeichnen und wiedergeben.
Die Kenntnis der Ziffer- und Filmtragddie verdankte man der »Inter-
nationalen Arbeiterhilfe«, die Presse und Reprasentanten der Offent-
lichkeit zu einem Vortragsabend geladen hatte. Man erfuhr: daft die
Hundeschlachtungen in Deutschland im letzten Jahr um 100 Prozent
zugenommen haben; daft ein invalider Arbeiter ohne Beine im Monat
30 Mk. Rente erhalt; daft in einem Hamburger Vorort von 1 300 schul-
pflichtigen Knaben tausendundfiinfzig tuberkulos sind; dafi in einer
Stadt Sachsens von 162 Knaben zwei Drittel Skrofulose haben; dafi in
Wiesbaden jo Proz. der Arzte Unterstiitzungen beziehen mussen; daft
also in diesem Lande der Kranken auch die Arzte zugrunde gehn und
daft die Heilenden Patienten werden und die Heifer hilflos und die
Retter rettungsbedurftig.
Aber man horte auch von der grofien Heiligkeit der Armut: denn die
Arbeiter Hollands schickten 11 000 Lebensmittelpakete und 20000
Dollars; sie nahmen 400 deutsche Kinder auf und bildeten 40 Ortsko-
46 DAS JOURNALISTISCHE WERK
mitees; die belgischen Arbeiter wollten 100 deutsche Kinder aufneh-
men - die Regierung verbot die Einreise: Frankreichs Arbeiter schick-
ten 120 000 Francs; die der Schweiz 70 000 Franken; und in Siidafrika,
in Argentinien, in Australien, in China sammeln die Armen fur
Deutschlands Arme. Es ist eine grofie Einheitsfront der Armut vor-
handen.
Allerdings las ich im »Vorwarts« einen Leitartikel, in dem ersichtlich
gemacht werden soil, dafi diese Internationale Arbeiterhilfe, an deren
Spitze der Berliner Kommunist Munzenberg stent, eine schlaue poli-
tisch-taktische Angelegenheit der Kommunisten sei. Ich weiE nicht, ob
das richtig ist. Jedenfalls: Der Film bleibt iiberzeugend, iiberzeugend
bleiben diese mahlenden Kiefer, die blinde Frau, dieser Saugling und
diese Greisin. Vielleicht stammt jene giitige Suppe aus einem politi-
schen Kessel. Aber wenn der Teufel selbst heute kame mit einem nahr-
haften Brei, gekocht an den Feuern der Holle, aber mit dem Ziel, die
Hungrigen in Deutschland zu speisen - die teuflische Tat ware eine
heilige. Denn der politische Endzweck entweiht nicht die segensrei-
chen Mittel - sondern diese entschuldigen den Zweck . . .
Frankfurter Zeitung, 8.2. 1924
DER MENSCH AUS PAPPKARTON
Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Strafien. Seine Schultern,
sein Rucken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur
seine Fiifie sah man. Statt des Kopfes safi auf dem papiernen Oberkor-
per des Menschen ein Wiirfel aus hartem Papier. Die Vorderseite die-
ses Wiirfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein
sehr primitives Angesicht: Zwei viereckige Locher stellten die Augen
dazu, eine dreieckige Offnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er
ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmafi. Er
hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht notig,
zu essen und zu horen. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.
Als ware der papierne Leib ein Witz iiber seine eigene Tatigkeit und als
wiirde sich die Haut aus Pappendeckel einen hohnischen Spott gegen
die in zerrissenen Stiefeln steckenden Fufie erlauben, war sie an der
1924 47
Vorder- und an der Riickseite bemalt, gewissermafien tatowiert: Die
Tatowierung bestand aus einem grofien, fast die ganze Vorderseite ein-
nehmenden Automobil und der Uberschrift: »Fix-Fix, das schnellste
Auto der Welt«.
Man errat leicht, dafi der Mensch, von dem ich erzahle, einer jener
Manner war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Wider-
spruch stehenden Namen »Sandwichman« fiihren. Widerspruchsvoll
war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an,
und um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, mufite
er langsam gehen. Er hatte gar nicht schnell gehen konnen. Denn jene
Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen
steifen Korper verliehen. Er war eine wandernde Litfaft-Saule: paradox
genug. Wie grotesk ware eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-
Automobile und uberhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine
scheugewordenen Sandwichmanner gesehen.
Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der
Fix-Fix- Wagen. An ihm vorbei, ihn uberholend, rasten viele Autos
und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der
Mann wanderte ungestort weiter, und wie er so regelmaftig Schritt fiir
Schritt auf den Asphalt tat, war es, als wiirde er von einem Raderwerk
betrieben. Es regnete und es horte auf zu regnen. Die Sonne kam und
verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das
lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermudlich gondelte dieses
die Strafie entlang und zuriick.
Unermudlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaft, keinen
Korper, und dem man nur die Fiifie belassen hatte, weil sie augenblick-
lich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besit-
zen, das miide wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es
nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild
Gottes so zu verwandeln, dafi Gott selbst, wenn er es zufallig er-
bhckte, glauben mufke, er hatte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewi-
gen Antlitz - gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen
unermiidlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzu-
setzen?
Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde,
sah ich das Wunderbare: Der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen
vorderen Teil ab und dann seinen Riicken, dann kopfte er sich selbst,
stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Biir-
48 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewohnlicher,
zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich dar-
iiber, dafi ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und
Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Ge-
schichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht
iiber die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Auf-
gabe es ist, die Fix-Fix- Automobile iiberfliissig zu machen.
Vorwarts, 10. 2. 1924
INTERVIEW OHNE WORTE
Ich gehe in die Berliner Bellevuestrafte. Sie ist eine erfreuliche Ab-
wechslung unter den uniformen Strafien dieser Stadt, deren Elemente
Hygiene, Zweck- und steinerne Gesetzmafiigkeit sind. Sie verbindet
eines der vielen Herzen Berlins, den Potsdamer Platz, mit dem Tier-
garten, den vulgaren Betrieb mit der Abgeschiedenheit der Vornehmen
und ist immer festlich, als erwartete sie Gaste. Kein Schienenstrang der
Strafienbahn entweiht ihr asphaltenes Parkett. Kein ratternder Omni-
bus streift die Kronen ihrer gerade ausgerichteten Zierbaume. Sie ist
eine Strafie der Reichen, die kurzeste Verbindung vom Geschaft zur
Stille, in ihrem Anfang noch umtobt vom Gehammer der Gefahrte, in
der Mitte schon erfiillt vom Schweigen des Parks, von sanft, geschickt
und gerauschlos aneinander vorbeigleitenden Automobilen befahren.
Die stille Atmosphare scheint der Chauffeure eingeborene Lust zu Si-
gnalen zu dammen. Es ist eine friedsame Strafie, dazu geschaffen,
fremde Gaste zu beherbergen und versohnlich zu stimmen.
Dieses gewifi unpolitische und im Gegenteil lyrische Moment war fur
die Einquartierung der Sachverstandigenkommission in dem nahe gele-
genen Hotel nicht mafigebend. Dennoch scheint es mir giinstig, dafi sie
dort wohnt und nicht etwa Unter den Linden, in der Nahe der fast
schon symbolischen Kranzler-Ecke und der Lindenpassage, in jener
Gegend also, in der die Hafilichkeit eines brutalen Betriebes neben der
Arroganz einer verschwundenen ungliicklichen Zeit in verschiedenen
menschlichen Exemplaren offenbar wird. Hier blitzt am Tag das Mon-
okel und in der Dammerung der Schlagring. Dort wacht sichtbar das
1924 49
Gesetz, und ein Stiick Natur atmet. Der Betrieb des obligaten Fiinf-
Uhr-Tees in der Halle des grofien Hotels schadet nicht viel. Die Ge-
sellschaft besteht aus reichen Kaufleuten und Reichtum vortauschen-
den Damen. Unbemerkt nimmt die Sachverstandigenkommission
manchmal einen Tee ein, wortlos von mir interviewt, wahrend ein aus-
landischer Journalist ungeduldig vorne wartet, weil er den Herrn
Young wirklich interviewen will. Ach! er wird Phrasen horen! Um
wieviel mehr erfuhre er, wenn er muhelos und nicht aufgeregt versu-
chen wiirde, die Manner mit dem Auge zu belauschen. Hier sahe er das
Menschliche, welches das Entscheidende ist, vor das Berufliche treten
und die blinde Zufalligkeit einer noch so wichtigen politischen Mis-
sion. Die feierlkhe Offiziositat ist eine arme Gebarde. Das Wesentli-
che enthiillt eine alltagliche Handbewegung, die Art, eine Tasse zu
greifen, der Blick, der keine Beobachtung fiirchtet und der natlirlich
wird im Verlauf der privaten Unterhaltung. Am Nebentisch erfahrt
man, ohne zu horchen, was sich vor dem offiziell lauschenden Gegen-
iiber angstlich verbirgt.
Das ist Charles Dawes, der Sachverstandige Amerikas, gewifi eine
starke Personlichkeit und Vorsitzender der Kommission. Er ist ein
General von Beruf: Sein Gesicht erzahlt es. Man denke nicht etwa an
einen europaischen General in Zivil. Viele unserer Berufssoldaten sind
fremd in der Zivilkleidung, und die Steifheit allein verrat sie. Sie sind
heimatlos und befangen im einfachen Anzug. Der amerikanische Ge-
neral ist in seinem Zivil heimisch und elegant einfach. Er hat an der
Universitat Cincinnati studiert. Er war Leiter der Central Trust Com-
pany und ein Mitglied der Republikanischen Partei. In seinem Gesicht
wie in seinem Leben mischen sich Martialisches, Derbes mit Urbanitat
und Weltmannstum. In seiner Heimat nennt man ihn » General Hell
and Maria«. Er flucht gern und laut. Seinem Profil verleihen eine leicht
gekriimmte Nase und ein spitzes Kinn eine ungewohnliche Scharfe,
welche einen Karikaturisten herausfordern miifite. Eine unaufhorlich
rauchende Pfeife ist nur eine Zutat des Charakteristischen, nicht des-
sen unbedingt erforderliches Requisit. Ein hoher Kragen offenbart den
langen Hals, statt ihn zu verdecken. Charles Dawes spricht wenig, wie
die meisten starken Raucher. Seine Bewegungen sind langsam wie die
denkender Menschen. Seine Augen von der unbestimmbaren Farbe
Leidenschaftsloser oder Leidenschaften Unterdriickender. Die Hande
stark und runzlig.
50 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Charles Dawes (in Haltung und Blick) ist der Englander Sir Robert
Kindersley ahnlich. Seine Erscheinung erinnert an den kontinentalen
Militar, die Sorgfalt des Anzugs wirkt wie eine Folge haufiger Selbst-
beobachtung. Die korperliche Disziplin scheint ein wenig gekiinstelt.
Ein schwacher, kleiner Schnurrbart mildert die charakteristische
Starke der Nase und der Lippen. Die Bewegungen sind von einer be-
rechneten Knappheit. Die Lassigkeit bleibt wider Willen in den Gren-
zen des gesellschaftlich Vorschriftsmafiigen stecken.
Der Franzose Parmentier verrat seine Nationalist auf den ersten
Blick. Ein keeker, franzosischer Schnurrbart; flinke Augen; nervoses
Aufstehen und Sich-Setzen; eine vielseitige Lustigkeit; Interesse fur
die kleinsten Vorgange in der Umgebung; Wohlgef alien an einfachen
Melodien; lebhafter Rhythmus im Korper; ungewollte Bewegungen;
jugendliche, kleine Hande. (Parmentier ist Administrator des Credit
Foncier de France.)
Es sind drei der wichtigsten Manner, von denen viel fur uns abhangt.
Sie haben das Interesse der Berliner Offentlichkeit von der Wilhelm-
strafie in die Bellevuestrafte gelenkt. Sie sind das Objekt pobelhafter
Angriffe gewesen und schmeichlerischer Interviewer-Demut. Hier sei
die menschliche Betrachtung der drei Manner gestattet. Wir denken in
Deutschland nicht oft an die Wichtigkeit der Physiognomic Wir sind
abstrakt. Es ist gelegentlich ein Verdienst, daran zu erinnern, dafi Sach-
verstandige, die man nur aus der politischen Leitartikelperspektive
kennt, Menschen sind; und das sogar im Hauptberuf.
Frankfurter Zeitung, n. 2. 1924
LENINS BEGRABNIS IM FILM
Der Einladung des Berliner »Allrussischen Presseverbandes« verdankt
man die Kenntnis dieses imposanten Begrabnisses: Ein gewift vorbe-
reiteter, aber ehrlich empfundener Prunk kennzeichnet es. Der schrift-
lichen Schilderung des Berliner Berichters tatters durfte man mifi-
trauen. Der unbestechlichen Redlichkeit des photographischen Appa-
ratus darf man Glauben schenken. Das Zeremonieil wirkt nicht »ge-
stellt«. Eine spontane Trauer scheint mehr instinktiv als berechnet die
1924 5 1
ihr gemafie Form der grofien Feierlichkeit gefunden zu haben. Dabei
nutzt der Operateur nicht einmal sehr geschickt die mannigfaltigsten
Gelegenheiten zu guter Bildwirkung aus. Vielmehr rettet seine Unge-
schicklichkeit die lyrische Schonheit des russischen Winters und die
dramatische der russischen Gesichter. Eine ganz irreale, traumhafte
Wirkung entsteht, wenn der unubersehbare Zug schwarzer, ver-
mummter Menschen zwischen mannshohen Schneewanden wandert;
wenn die langsame Eisenbahn in die weite weifie Grenzenlosigkeit der
russischen Welt hineingleitet und an der Strecke unterwegs die Bauern
stillestehen, um einen ihrer grofken toten Zaren zu begriifien; wenn
die Leiche in der grofien, ewigen Stadt angelangt ist und die unerschut-
terliche Ruhe des eisigen Frosttages unterbricht. Es sind nach den
Schilderungen dreifiig Grad unter Null, und man glaubt, die Kalte zu
fuhlen. Weifier Nebel entsteigt den Miindern der Menschen. Steifge-
froren sind die Fahnen, sie stehen in der Luft, konnen sich in der gro-
fien, todlichen Stille dieses Frosts, der sogar den Wind totet, nicht be-
wegen. An der aufgebahrten Leiche vorbei gehen die Russen. Manner,
Frauen und Kinder. Bauern, die mit furchtsamen Handen ihre Pelz-
miitzen abnehmen, mit der riihrenden Schiichternheit zaghafter Bitt-
steller, die in einem koniglichen Palast erscheinen. Reif hangt an ihren
Wangen und Brauen und Barten. Die grofie Unschuld und die noch
grofiere, reine Torheit des Russischen ist in ihren aufgerissenen Augen.
Kinder trippeln vorbei, die die jiingste Vergangenheit ihres ratselhaften
Landes gar nicht kennen, die historische Verbundenheit des Toten mit
dem Gestern und dem Morgen nicht ahnen.
Lenins Gesicht ist vom Tod nicht verandert. Es ist das Angesicht eines
Schlafenden, der auch in der Ruhe nicht entspannt ist: wie einer, des-
sen Traum Fortsetzung des Tages ist. Es ist nicht die metaphysische
Verklartheit, wie sie etwa die Totenmaske Goethes zeigt. Der grofie
irdische Wille war starker als die grofie Wandlung. In diesem toten
machtigen Schadel scheint noch immer ein priifendes Gehirn vorhan-
den zu sein, das die grofSartige Propagandawirkung des eigenen Todes
kritisch iiberwacht. Dem Diesseits mehr zugewandt als dem Jenseits,
ist Lenins Antlitz das eines Toten, der nicht gesonnen ist, ewigen Ge-
setzen gehorsam, einen endgiiltigen Abschied zu nehmen; also die
Ubermacht eines revolutionaren Trotzes iiber die Unerbittlichkeit der
Natur gleichsam illustrierend . . .
Frankfurter Zeitung, 13. 2. 1924
DER GAST AUS DEM NORDEN
Nanuk, der Mann im Pelz mit dem fremden Indianergesicht, der Mann
mit der Harpune und dem scharfen Messer aus Elfenbein, Nanuk, der
Einsame, Nanuk, der grofie Jager, der Mensch unserer gegenwartigen,
erlebten Vorvergangenheit, unser Mitmensch und unser Urahne, ist
seit einigen Tagen Gast in Berlin. Noch nie hat Berlin, die Stadt der
Sachlichkeit und des zweckhaften Rhythmus, so einen Gast begriifit:
mit so viel sturmischer Neugier, mit so viel herzlicher Wehmutigkeit;
mit so viel wahrer Gastfreundschaft, in der sich die Bewunderung des
Unverstandlich-Fremden mit dem gefuhlvollen Miterleben mischt.
»Nanuk«, der Film vom Leben und von den Noten der Eskimofamilie,
lauft seit zwei Tagen in drei Berliner Kinotheatern, und alle sind iiber-
fiillt. Der Dandy vom Kurfurstendamm und das kleine Biiromadchen,
der Bankdirektor und der Konfektionsfirmeninhaber vom Hausvog-
teiplatz, der skeptische Literat und der naive Proletarier stehen in einer
Kette vor den Abendkassen. Spater im Saal gewinnen alle ihre ver-
schiedenen Physiognomien denselben Ausdruck einer sonderbaren re-
ligiosen Inbrunst. Sie haben keine hochdramatischen Konflikte und
keine komplizierten Erschiitterungen erlebt. Sie haben nichts mehr ge-
sehen als den Morgen, den Tag und die Nacht einiger Menschen im
hohen Norden. Nichts mehr als die weite weifte Ewigkeit des Eises,
den Todeskampf eines Tieres, das, die morderische Harpune in seinem
Leib, von der Gefahr mit uberirdischen Kraften wegstrebt und sie da-
durch nur noch vergroflert. Nichts mehr als die grausame und dennoch
so menschliche Freude des mordenden Menschen, dessen todliches
Wirken human ist, weil es - ein Naturgesetz befolgt. Nur grofie Dich-
tungen konnen so nivellierend wirken und das Gesicht des Fabrikan-
ten, des Geldmenschen, dem des Literaten und des kleinen Biiroma-
dels ahnlich machen. »Nanuk« ist eine grofte Dichtung; Gott dichtet
sie alle Tage, und Nanuk ist einer seiner Millionen Helden, und das
Eismeer die grofie Biihne, auf dem die Dichtung aufgefuhrt wird, der
Sturm und der Schnee sind grofiartige Regisseure, die gefrorene
Schweigsamkeit lafit sich von keinem Applaus unterbrechen.
Nanuks, des Jagers Jagdgebiet ist ungefahr so grofi wie ganz Deutsch-
land und nur von 300 Menschen bewohnt. Nanuk, sein Weib, seine
Kinder, seine Angehorigen leben in Barenfellen, die wie Hutten gebaut
19*4 53
sind, oben in einem Kapuzengiebel auslaufen und ein kleines Dachfen-
ster fiir das Angesicht ihres Bewohners offenlassen. Nanuk wandert im
Sommer zum Handler und verkauft die kostbaren Weififiichse, aus de-
nen die Boas und Stolen fiir unsere Damen gemacht werden. Fiir diese
Felle erhalt Nanuk billige Perlen und ein paar Messer. Der schlaue
Handler hat ein Grammophon mitgebracht, das er vor Nanuks Familie
spielen lafit, und Nanuk versucht, die Grammophonplatte zu essen,
weil sie so appetitlich glanzt. Seine Kinder haben sich den Magen mit
dem Kuchen des Handlers verdorben und mussen Rizinusol einneh-
men und werden so mit alien siifien und bitteren, den optischen und
den akustischen Nuancen der europaischen Zivilisation im Laufe einer
einzigen Stunde vertraut. Dann bricht der Winter wieder ein, er
kommt wie eine grofte Schale aus Schnee und Eis und legt sich iiber die
Welt, die ihn erwartet hat, zitternd und sehnsiichtig, wie einen grausa-
men Geliebten, ein siiftes Verhangnis. Einen Tag lang ziehen 12 heu-
lende Hunde an dem kleinen Schlitten und bringen ihn keine 2 Kilo-
meter vorwarts. Voran schreitet Nanuk, Herr und Gebieter der wei-
ften Welt, weil ihm niemand sie streitig macht, das Messer in der Rech-
ten, Harpune und Lanze in der Linken, ein schwarzer Punkt, der so
vermessen ist, die eisige Ewigkeit zu besiegen, jeder Schritt ist eine Art
Weltkrieg gegen den Sturm, gegen den Hunger. Jetzt erspaht Nanuk
ein kleines Loch im Eise! Was ist er, der Mensch, gegen diese grenzen-
lose Wiiste? Ein Punkt. Was ist ein kleines Loch auf diesem grenzenlo-
sen Eise? Weniger als ein Punkt. Nanuk aber erspaht es, wie die Lerche
aus unerreichbarer Hohe den Regenwurm erspaht unter Millionen Le-
bewesen. Nanuk wirft die Harpune ins Loch, sein Angesicht ist gedul-
dig, obwohl er wartet, Nanuk ist der Vollzieher einer Naturgewalt,
wenn er Beute sucht, und er weifi, daft ihm alles anheimf alien mufi,
was die Natur seinem Arm, seinem Auge ausliefert. Seine Augen Zie-
hen sich zusammen wie die eines lauernden Panthers, groft und hung-
rig frifit die Pupille die Bewegungen des Tieres unter dem Wasser, da
strafft sich der Strick, fest sitzt die Harpune, das Tier zieht Nanuks
Korper nieder, er steht auf und gleitet aus, dreimal, viermal - und er
halt dennoch fest - mit der Beharrlichkeit eines gottlichen Gerichts-
vollziehers. Oben ist der tote Korper des Tieres, das breite Messer
gleitet freudig in die Speckschicht, und Nanuk und seine Angehorigen
essen mit der Inbrunst Verziickter das Fleisch des eben getoteten Tie-
res. Es ist wie ein heiliges Fest der Natur, freigebige Hande werfen den
54 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Hunden die Innereien zu, das Blut dampft, das Blut der Lebendigen
siegt, es ist Sonntag in der Welt.
Ebenso gefrafiig wie Mensch und Tier hat die Nacht gelauert. Jetzt
offnet sie ihren Rachen, der Nordwind stiirzt hervor, die Angst ist mit
tausend Peitschen hinter den Hunden her, sie rasen der Schneehutte
zu, in der es warm, das heifit o Grad ist, in der es nicht warmer sein
darf, weil sonst die Wohnung schmilzt. Die Menschen ziehen ihre
Pelzhauser aus und breiten sie iiber sich, die Frauen schiitten die Kin-
der aus den Rucksacken auf die Schlafstelle, draufien lagert die weifie
Nacht iiber den verschneiten Hunden. Morgen wird Nanuk wieder
erwachen und seiner Frau die Stiefel reichen, die festgefrorenen Stiefel,
damit sie das Weib mit seinen scharfen Zahnen weich kaue, wie es die
Pflicht des Weibes ist. Morgen wird Gott wieder ein Walrofi unvor-
sichtig sein lassen, auf dafi Nanuk es entdecke, tote und verzehre. Im
Sommer wird wieder der Handler kommen, mit den Glasperlen und
dem Grammophon, den siifien Kuchen und dem Rizinusol und - wer
weifi - vielleicht schon mit einem Radioapparat. Denn bei uns gibt es
alle Tage etwas Neues und bei Nanuk nur einmal im Jahr. Deshalb ist
unsere Vielfaltigkeit so klein und seine Einfalt so grofi. Nanuk weifi
nicht, wie popular er jetzt in Berlin ist. In dieser Stunde, in der ich iiber
ihn schreibe, ist er vielleicht gerade dabei, mit seinem Elfenbeinmesser
Schneeziegel fiir die Hiitte zu schneiden. Um wieviel grofier ist seine
Arbeit als die meinige! Das Kunstwerk, das er ist, wird unsereins nie-
mals schaffen. In ihm hat die Natur gleichsam ihren Naturalismus
iiberwunden. Er ist ihr expressionistisches Werk. Seine Wirklichkeit
ist erhoben zur symbolischen Allgemeingiiltigkeit. Er ist der lauterste
Ausdruck ihres heiligen, grausamen, giitigen, unerbittlichen Wesens.
Frankfurter Zeitung, 15. 2. 1924
KONZERT IM SITZUNGSSAAL
Den Unpolitischen, der am Sonntag Teilnehmer eines Wohltdtigkeits-
Fiinf-Uhr-Tees im preuflischen Landtag war, junge Madchen in bunten
Kleidern sah, den lachelnden Reichskanzler einen Likor trinken,
Staatssekretare auEer dem Amt und den Sitzungssaal in einen Konzert-
*9*4 $5
saal verwandelt - durfte das Verlangen ergreifen, diese Raume, diese
Menschen immer so zu sehn : statt der Politik Wohltatigkeit und statt der
Reden Konzerte. Die Sangerin von der Staatsoper Gertrud Biedernagel,
ihr Kollege Prof. Petri, der Kammersanger Carl Clewing und das De-
manquartett befanden sich auf jener Estrade, auf der an politischen
Wochentagen die preufiischen Minister sitzen. Die Sitze der Abgeordne-
ten nahmen die Zuhorer ein. Weit rechts safien die Angehorigen soziali-
stischer Politiker. Weit links die Tochter eines altpreufiischen Konserva-
tiven. In einem Nebensaal safi eine waffenlose Schutzpolizeikapelle und
spielte Straufi' »Geschichten aus dem Wienerwald« . Als ich das vorletzte
Mai den preufiischen Landtag besuchte, sah ich gerade, wie die Polizei
kommunistische Abgeordnete mit Gewalt entfernte. Man begreift, dafi
der Respekt des Unpolitischen vor dem preufiischen Landtag erst durch
einen Funf-Uhr-Tee wiederhergestellt werden konnte. Diesen hatten die
Gattinnen der preufiischen Minister am letzten Sonntag zugunsten der
notleidenden deutschen Kinder veranstaltet. Eine standige periodische
Wiederholung solcher Veranstaltungen wiirde wahrscheinlich nicht nur
unmittelbare Erfolge zeitigen, sondern auch die politischen Unerfreu-
lichkeiten mildern konnen. Ehret die Ministerfrauen!
Frankfurter Zeitung, 15.2. 1924
DER BIZEPS AUF DEM KATHEDER
Noch ist die Aufregung uber den Ausgang des Sechstagerennens nicht
iiberwunden, und schon tritt der briihmteste Deutsche dieses Jahrhun-
derts, der Boxer Hans Breitenstrdter, auf das Podium des Bliithnersaals,
um einen Vortrag zu halten. Dessen Titel hiefi : » Wie ich ward und wie ich
bin«. Man beachte die rhythmische Getragenheit dieses Titels und er-
messe an diesem nur scheinbar aufieren Symptom, wie klassisch die Welt
des Boxers bereits geworden und wie sie beinahe in die Spharen des
fiinffufiigen Jambus hineinwachst. Heute ist es noch der vierfiifiige Tro-
chaus, wie man sehen und horen kann, wenn man den oben zitierten
Vortragstitel skandiert. Morgen schon - wer weifi - werden die Sportbe-
richte in Hexametern erscheinen, wenn die Begeisterung des Berichter-
statters unversehens sich rhythmisch gestaltet.
$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ein grofies Publikum hatte sich eingefunden. In den vorderen Reihen
zwei Herren in Smoking. Damen in kostbaren Pelzen. Rikkwarts und
oben Liebesparchen, eng umschlungen, dem Helden ihrer Traume lau-
schend. Hans Breitenstrater tragt einen Smoking. Er spricht mit der
echten Verachtung des Muskelmenschen fur den eigenen Vortrag. Er
liest aus einem Manuskript. Lange Perioden zerhackt er mit akusti-
schen knock-outs in kurze Satze. Manchmal trifft ein Bauchstoft ein
Pradikat. Es fliegt weit fort und findet sich erst nach einer langen Pause
wieder. Es ist, als ware es am Boden gelegen und bis »acht« wenigstens
ausgezahlt worden. Bemerkenswert sind charakteristische Ausdriicke
und Ausdrucksformen. Breitenstrater sagt »Enertschie«, also durch
Konsonantenhaufung die einfache Energie potenzierend. Manchmal
erzahlt er im praesens historicum: »Ich habe eine Gehirnerschiitterung
und werde ausgezahlt«; oder »ein Schlag zertriimmert ihm das Nasen-
bein«. Dann folgt ein Gestandnis und ein Hymnus auf Blut. Der Mei-
ster erzahlt, daft die Nacktheit des Gegners und der Anblick feindli-
chen Bluts den Kampfer in einen prachtvollen Taumel geraten lassen.
Hierauf erfahrt man, daft »kalte Abreibungen den Geist stahlen«. Der
getragenen Weise des ganzen Abends folgend, sagt Breitenstrater:
»Wenn ich in Berlin weile, mache ich Laufiibungen durch den Tiergar-
ten« und: »bald darauf geht es in die Klappe«. Gelegentlich kommt
noch ein Apergu (nicht mit »upper-cut« zu verwechseln) und dieses
lautet: »Manche Ballettratte ist gegen uns ein Waisenkind« . . .
Somit ist der theoretische Teil dieses Abends beendigt, Breitenstrater
legt seinen Smoking ab und setzt an einem entkleideten Partner im
Boxerdrefi praktisch fort, was er an der Syntax begonnen. Man lacht
und klatscht Beifall. Die Berliner Jugend ist mafilos begeistert. Zwan-
zigmal horte ich den Satz, daft der Boxsport eine nationale Angelegen-
heit geworden. Wenn Breitenstrater gegen einen fremden Boxer
kampft, so verlafit ihn niemals das Bewufitsein, dafi er die deutsche
Nation reprasentiert.
Ich gestehe, daft ich mit Vorurteilen beladen in den Vortrag ging. Un-
moderner Humanist, der ich bin, erwartete ich alles, was eingetroffen
ist. Aber es ist noch mehr eingetroffen: Es fiel kein Wort von der inter-
nationalen Bedeutung des Sports und davon, daft er den Frieden der
Volker nahrt, indem er sie zu festlichen Spielen vereinigt. Dagegen
erzahlte Breitenstrater, daft er, nach dem Kriege aus einem Internier-
tenlager heimgekehrt, voller Trauer die endgultige Pazifizierung der
J 9 2 4 57
Welt miterleben mufite. Aus Mangel an Stahlbadern nimmt er also
seine Abreibungen. Ein frommer Lesebuchlyrismus durchstromt seine
Autobiographic Er spricht von seinen »guten Eltern«. Er lobt die
Bravheit und die traditionelle Moral.
Man tausche sich nicht iiber die ernste Seite dieser Angelegenheit:
Wenn der deutsche Sport in seinem beriihmtesten Vertreter in den
Vortragssaal kommt, so erwarte ich auch von ihm einen Zukunftsge-
danken. Und wenn wir uns mit der Tendenz, menschliche Kinnladen
zu zertriimmern, versohnen, so nur urn den einen Preis: um die Wie-
derkehr des antiken Olympiadengeistes.
Frankfurter Zeitung, 18. 2. 1924
GROSZ' »ECCE HOMO« VOR GERICHT
Von alien Prozessen, die der Anstofi nehmende Normalmensch des
Deutschen Reiches durch seine sichtbare Verkorperung, den Staatsan-
walt, gegen Kunstwerke, Kiinstler und Verleger in der letzten Zeit ge-
fiihrt und gewonnen hat, ist der letzte Prozefi gegen George Grosz
und die Inhaber des Malikverlages, Herzfelde und Gumperz, der inter-
essanteste. Denn in diesem Prozefi erklarte der Kiinstler, dafi er die
Auffassung der sittlich entriisteten Welt teile, und stellte auf diese
Weise sozusagen eine Einheitsfront zwischen sich und dem Staatsan-
walt hen Der Vorsitzende fragte den Angeklagten: » Welches Ziel und
welchen Zweck haben Sie mit Ihren Bildern gehabt?« Und auf diese
Frage erwiderte der Kiinstler schlicht und sachlich: »Ich hatte ganz
bestimmte moralische Absichten. Ich fiihle mich als bewufiten Morali-
sten, der an gewissen Dingen nicht vorbeigehen kann.« Und da sich
Grosz also als ein bei den sittlich entriisteten Normalmenschen fix an-
gestellter Maler bezeichnete und die Weltanschauung der Anklage zu
teilen vorgab, durfte der Vorsitzende mit Recht folgendes sagen: »Sie
wollten also die Geniisse und Leidenschaften des Publikums kenn-
zeichnen. Dariiber liest man doch bereits viel in den Zeitungen. Halten
Sie es im Hinblkk hierauf noch fur notig, diese Dinge vorzufiihren?«
Denn nach jener Antwort eines Vertreters der geistigen Welt mufite
der Vorsitzende annehmen, weil bereits die Zeitungen es unternom-
$8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
men hatten, die »Leidenschaften des Publikums« gebiihrend zu kenn-
zeichnen, so hatte der Maler nicht mehr die Verpflichtung, der Jounali-
stik ins Werk zu pfuschen und sich als deren unlauteren Konkurrenten
zu gebarden. Und der Kunstler sprach: »Die Zeichnung ist ein an-
schaulicheres Mitteh. Man kann sagen: Der Angeklagte hat vor der
Weltanschauung der Anklage kapituliert, und es liegt der Reiz der Iro-
nie darin, dafi gerade der unversohnlichste Feind dieser Welt als der
erste einen Kompromifi schliefk. Ein sinnreiches Beispiel fur die Kon-
sequenz des scharfen Radikalismus. Wir haben es in der Politik schon
erlebt. Denn statt auf die Frage: Wozu malen Sie? mit der ebenso sinn-
reichen Frage zu antworten: Wozu dreht sich die Erde um die Sonne?,
sagte der Angeklagte: »Ich male, um Ihnen, dem Normalmenschen,
zuvorzukommen.« Der Rebell, der seine Revolution fur eine Rettung
des Konservativismus ausgibt, hatte von den Vertretern des alten Ge-
setzes einen Lorbeerkranz bekommen rmissen. Die Sachverstandigen,
Dr. Osborn, Maximilian Harden, Max Liebermann, Dr. Redslob,
sprachen vergeblich von der moralischen Wirkung der Groszschen
Bilder. Auch die Autoritat eines Beamten fruchtete nichts. Das Gericht
verurteilte sowohl den Maler wie auch die beiden Verleger zu je 500
Goldmark Strafe und zur Vernichtung der beanstandeten Bilder. Darin
kann man das Waken einer hoheren Gerechtigkeit erblicken. In diesem
Paragraph- 184-Prozefi behielt ausnahmsweise der Staatsanwalt recht.
Er hatte sich nicht in ein Gebiet gewagt, das der Jurisprudenz feme
liegt und unverstandlich sein mud. Der Normalmensch klagte den
Normalmenschen an.
Red. Nachbemerkung:
Aber die Redaktion kann sich durch diesen Bericht ihres Berliner Be-
richterstatters noch nicht vollig beruhigt erklaren, bevor sie selber
weifi: wer eigentlich ein Normalmensch sei? Vielleicht schwebt er als
ein nie zu verwirklichendes Idol zwischen den Auffassungen George
Grosz' und des Herrn Staatsanwalts - und demnach hatten beide nicht
ganz recht und beide nicht ganz unrecht mit ihrem Normalideal. Denn
das Gericht sieht diese Ecce-homo-Szche zu wenig mit dem Kunstauge,
und der Maler sieht das Ecce homo zu wenig mit dem Menschenauge.
Frankfurter Zeitung, 19. 2. 1924
DER TAPFERE DICHTER
Die Tradition des politisch »indifferenten« deutschen Dichterwaldes
gebeut Schweigen in alien Fragen des offentlichen Lebens. Vor der
Revolution war diese Schweigsamkeit gerade noch vernehmbar, heute
ist sie betaubend. Sie ubertont das barbarische Gerausch der Reaktion
und den gellenden Todesruf ihrer Opfer. Niemals haben die deutschen
Dichter so laut gesprochen, wie sie jetzt schweigen.
Seit Goethe halten sie es fur ihre Pflicht, die obligate wirkliche und
metaphorische »Reise nach Italien« zu unternehmen, die eine Flucht
vor Deutschland ist - aber niemals eine zugestandene. Immer war es
eine vorgetauschte »innere Notwendigkeit«, die verwerflichen, un-
wiirdigen Zustande des nationalen, politischen, sozialen Diesseits zu
vergessen und von den hekeren Himmeln anderer Zonen das soge-
nannte »innere Gleichgewicht« zu entlehnen. Ach! wie leicht erhielt
man das innere Gleichgewicht! Es wurde wenigstens niemals horbar
erschiittert. Nicht, als Eisner und Landauer, Luxemburg und Lieb-
knecht und Tausende Arbeiter ermordet wurden, nicht, als Fechen-
bach ins Zuchthaus wanderte, nicht, als Kahr den Thron »platzhal-
tend« bestieg und in Miinchen die Republik begraben wurde. Immer
sitzen sie in einem Schwabing, die Dichter. Es ist kein geographischer
Begriff mehr, sondern ein symbolischer.
Der ruht von der Feier seines eigenen Geburtstages aus, und jener fahrt
durch die Stadte und halt Vortrage iiber sein okkultistisches Erlebnis.
Er wohnt in Miinchen und erlebt nicht die Materialisation der Brutali-
tat Adolf Hitler - sondern die Materialisationsphanomene des
Schrenck-Notzing. Aber die phanomenalen Ereignisse der deutschen
Reaktion sieht er nicht. Er ist ein »deutscher Dichter«. (Etwas vom
Begriff des kaiserlichen Gottesgnadentums haftet seiner »Berufung«
an.)
In Deutschland trennt man »Politik« von »Poesie«. Der Dichter, aus
dem Gefiige seiner Zeit, seiner Klasse gelost, lebt in einer abstrakten
»Heimat«. Kein Wunder, daft ihn die metaphysischen Wunder mehr
interessieren als die irdischen, als diese Geschehnisse: Fechenbach,
Miinchen, Diktatur, die dadurch, dafi eine Republik ihr Geburtsort ist,
wunderbarer werden als samtliche Geistererscheinungen in Deutsch-
land.
60 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Man weifi nicht, ob es Hochmut ist oder Indolenz, dieses peinliche,
schmerzhafte Schweigen. Es ist jedenfalls vorhanden, man hort es, und
es verurteilt selbst diejenigen, von denen es ausgeht.
Diese Vorrede war notwendig, um eine Erscheinung zu erklaren, die in
alien anderen europaischen Landern eine Selbstverstandlichkeit ware
und bei uns eine Tat ist. Heinrich Mann, seit Jahren der einzige Rufer
von Geist im briillenden Streit der reaktionaren Barbaren (des Grofi-
kapitals, des Nationalismus, des volkischen Gedankens), schreibt ein
Buch: »Die Diktatur der Vernunft«, in dem folgende Satze stehen:
»Ihr (der Burger) Anblick zwingt den Unschuldigen, zu fragen, was sie
denn, aufier Raff en, noch konnen - da sieht er: nichts. Gegen sie waren
Monarch und Generalstab humanistische Genies. Einer von ihnen
hatte gerade mit Hilfe eines Agenten, der vom Balkan kam, die Mehr-
heit der Aktien einer Berliner Bank heimlich und hinterrucks an sich
gebracht. Dann ging er in eins der Parlamente und sprach - der Satz
kam vor -: >Ich kann meine Zeit produktiver anwenden als hier!< Mit
Balkangeschaften. Derselbe wurde von einem Berichters tatter gefragt,
fur wen er eigentlich so unsinnig viel Geld verdiene. Er hatte naturlich
sagen mtissen: Fur den Aufbau der deutschen Wirtschaft. Oder: Fur
Deutschland. Oder: Zum Heil der Welt. Aber nein, er vergafi sich. Fur
wen er so viel Geld verdiene? >Fiir meine Kinder<, sagte er schlicht.«
»Industrielle beider feindlicher Lander fanden sich, nach vollbrachter
Tat, dort zusammen, um zu beaugenscheinigen, was sie vollbracht hat-
ten. Die Herren veriiefien ihre starken und glanzenden Autos. Obwohl
von feindlicher Herkunft, schritten sie im besten Einvernehmen liber
die Statte ihres Wirkens. Es war ihr gemeinsames Wirken. Die Feind-
schaft war in Wahrheit Arbeitsgemeinschaft.«
»Es gibt heute kaum noch vorgeschrittene Geistigkeit ohne einen ge-
wissen Internationalismus. Er wird bedingt schon durch die Qualitat
der Nationalisten.« -
Wie viele Dichter von Ansehen und Rang schreiben noch so in
Deutschland? Wen von ihnen kummert das Parlament, dieser Stinnes,
diese Industrie, dieser Patriotismus? Ware dieses Buch von Heinrich
Mann selbst nicht so geistreich, selbst nicht so von musikalischem
Rhythmus, vom edelsten dichterischen Atem durchweht, wie es ist- es
miifite nur als eine deutsche Kuriositat verzeichnet und verbreitet wer-
den, zur Erleuchtung der Anstandigen, zur Beschamung der schwei-
1924 6i
genden Dichter. Ich fiirchte nur: Sie werden sich nicht schamen. Auch
sie sagen, ihr Reich sei nicht von dieser Welt, und glauben sich dadurch
berechtigt, zusehen zu diirfen, wie die anderen gekreuzigt werden. In
einigen Jahren, wenn die Republik eine Legende geworden, wird sie
ihnen das gegebene »distanzierte« Thema geworden sein. Denn ihr
Blick ist so auf die Nachwelt gerichtet, dafi sie an dem Untergang der
Mitwelt schuldig werden.
Vorwarts, 20. 2. 1924
PLAKATKUNST
Ich habe gestern eine Ausstellung besucht, deren Objekte keiner der
offiziellen Kunstgattungen angehoren und deren symptomatische
Wichtigkeit infolgedessen unterschatzt werden konnte. Unter dem
Protektorat des Reichskunstwarts Redslob veranstaltete die Berliner
Filmindustrie in der Friedrichstrafie eine Filmplakat-Ausstellung. Sie
mag zuerst eine Angelegenheit der cngeren Fachkreise sein. Aber dar-
iiber hinaus ist sie eine des offentlichen Lebens. In dem Sinne, dafi sie,
wie jede Plakatausstellung, unseren schlafenden Sinn fur aufiere Wir-
kung zu wecken imstande ware und dafi an ihr erkennbar wird, wie
weit wir es in der Fahigkeit zu wirken gebracht haben.
Die Aufgabe des Plakats ist mit der eines guten Buchtitels zu verglei-
chen. Es soil wie dieser Neugier erwecken und dennoch komprimiert
alles enthalten. Es mufi reizen und zugleich befriedigen. Es mufi auffal-
len und darf nicht verletzen. Es mufi bannen, ohne zu storen. Es mufi
nachwirken und darf denjenigen, der es gesehen hat, doch nicht un-
barmherzig verfolgen wie jene Rasierklingenreklame, die einen in der
Mitte glatt durchgeschnittenen Dackel zeigt. Die groteske Grauenhaf-
tigkeit dieser Dackeloperation ist suggestiv, aber wie ein qualender
Traum, gegen den man nachtelang vergeblich ankampft.
Der Film mag es schwieriger haben, wirksame Plakate herzustellen, als
zum Beispiel eine Zigarettenfabrik. Diese kann mit der bildgeworde-
nen, also gewissermafien aus der Sprache in ihre eigentliche Heimat
wiedergekehrten Metapher arbeiten. Reklame der Zigarettenfabrik will
nur bewirken, dafi ich mir einen Gegenstand kaufe. Die des Films, dafi
6l DAS JOURNALISTISCHE WERK
ich ein Schicksal, ein Ereignis miterlebe. Die Filmreklame darf die Le-
bendigkeit des angepriesenen Kinostiicks nicht iibertreffen, weil sie
sonst iibertrieben ist. Sie darf nicht hinter der Buntheit des Films zu-
riickbleiben. Diese mufi angedeutet sein. Der Inhalt des Stiicks kann in
einem Symbol ausgedriickt werden. Aber wie jedes Sinnbild mufi auch
dieses klar und knapp sein. Voluminoses totet das Interesse.
Man sieht nun in der Filmplakatausstellung nur Anlaufe zu guter Pla-
katwirkung. »Kiinstlerisch«, das heifit: nicht etwa mit der Ambition in
die Reihe der Genialitatserzeugnisse aufgenommen zu werden, son-
dern mit der Tendenz, eine gebandigte Form der Wirksamkeit zu fin-
den, das gelang dem deutschen Industrieplakat besser als dem franzosi-
schen und dem italienischen. Deutsche Plakatzeichner sind in den letz-
ten Jahren in Amerika zu hohem Ansehn gelangt. Die deutsche Trick-
reklame ist ein heiteres, manchmal geistreiches Kunstgewerbe gewor-
den. Die Filmreklame, von der sich die Industrie viel erhofft hat, ist
nicht auf der Hohe.
Was bedeutet mir eine witzige Karikatur von Trier »Adam und Eva«,
die »an sich« gelungen, aber von ihrem Zweck losgelost erscheint? Was
sagen mir Fritz Koch-Gothas bekannte Zeichnungen aus der und jener
Gesellschaftsschicht, die mir Impressionen von Menschen und Situa-
tionen vermitteln, niemals aber eine anreizende, meine Neugier erwek-
kende Idee vom anzugreifenden Film? Am wirksamsten sind noch jene
an die Simplizitat des Holzschnitts gemahnenden Zeichnungen (von
Fenzel), die eine inhaltliche Fiille in den knappsten Ausdrucksformen
festhalt; oder jene stark realistischen Bilder von Otto Arpke, die eine
tatsachliche Darstellung des Ereignisses zu geben bemiiht sind und die
ich potenzierte Photographien nennen mochte. Oder ein Portrat Paul
Wegeners von dem bekannten Reklamezeichner Leonard, der durch
den Ausdruck einer Personlichkeitsphysiognomie die Rolle des Hel-
den, sein Schicksal, seine Tragik anzudeuten bestrebt ist. Die Plakat-
bilder von Matejko, die den Schmifi ohne Gemalitat haben, weisen den
Weg zu wirksamer Reklame, aber sie finden ihn selbst noch nicht. Ma-
tejko zeichnet Plakatfeuilletons. Ihre Wirksamkeit macht gelegentlich
eine kleine Anleihe bei der Erotik. Und das Interesse, das ein Frauen-
bein erregt, lenkt von dem Interesse fiir den Film ab. So enthalt diese
Ausstellung gute und minder gute Zeichnungen und Bilder. Aber noch
keine Werke der Filmplakatkunst.
Frankfurter Zeitung, 22. 2. 1924
DER KORPSSTUDENT
Der Korpsstudent ist das einzige zoologische Lebcwcsen, dessen
»Vorkommen« nicht von geographischen und klimatischen Verhalt-
nissen abhangig ist, sondern von staatlichen und nationalen. Wahrend
er also in Landern, welche dieselben biologischen Bedingungen haben
wie Deutschland, entweder bereits ausgestorben oder iiberhaupt nicht
entstanden ist, kommt er bei uns in zahllosen, durch die (»Couleur«
genannte) Farbung voneinander verschiedenen Gattungen vor.
Man trifft ihn in Kneipen, auf Mensurboden und bei volkischen Ver-
anlassungen (zu denen die Vorlesungen der Professoren Roethe, Frey-
tag-Loringhoven und ahnlicher gehoren), auch in Horsalen. Der
Korpsstudent ist auf den ersten Blick zu erkennen: Die theologische
Theorie, dafi Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffen,
leugnet der Student in praxi durch Gesichtstatowierungen, die er
»Schmisse« nennt. Auf der obersten Wolbung seines kurzgeschorenen
Schadels tragt er ein mit schiefer Vehemenz aufgesetztes Kappi, um das
ihn jeder amerikanische Telegraphen- und Expreftboy beneiden
konnte. Quer iiber die Weste hat er ein buntes, zwei- und dreifarbiges
Band geschlungen, das manchmal mit einer goldenen Phrase geziert ist,
wie zum Beispiel: »Mit Gott fur Konig und VaterlandU Also proji-
ziert er Gefiihle und Uberzeugungen nach aufien, er selbst eine wan-
delnde Phrase, von Traditionen und Bier genahrt und durch die un-
wahrscheinliche Geduld seiner deutschen Mitmenschen am papiernen
Leben erhalten. Da er keinen Inhalt mehr hat, lebt er als eine Schale
weiter; und gleicht etwa einem bunten Lampion am Morgen nach
einem Fest.
Um die Zweckmaftigkeit seiner Existenz dennoch zu erweisen, verur-
sacht er Aufsehen und Gerausche - in der irrigen Meinung, daft akusti-
sche Wirkungen Daseinsberechtigung verleihen. Indes beweist er ge-
rade dadurch seine exzellente Vergangenheit und seine anachronisti-
sche Gegenwart. Sein Larm gleicht einem gelegentlich aus der Unter-
welt aufsteigenden Rumoren mangelhaft gestorbener Geister.
Weil er aus den Fugen der Zeit gefallen ist, glaubt er, die Zeit sei aus
den Fugen. Weil er den Tag verschlaft, sieht er die Welt nur bei
Nacht - und auch dann nur doppelt. Deshalb verkennt er die Dimen-
sionen der Wirklichkeit. Gespenster sehend, wandelt er selbst sich
64 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zum Gespenst, das im Klang des Bierglases Altheidelbergs Glocken zu
horen vermeint. Ihn starkt also ein Rausch, in dem andere untergehen.
Vom Moder des Gewesenen und Verwesenden lebt er. Sein Glanz ist
dem eines in der Nacht leuchtenden feuchten Kadavers zu vergleichen.
'Dennoch - und weil er ein Toter ist, den die Geschichte zu begraben
vergessen - macht er, durch Gesetz und Sitte vor der unbarmherzigen
Wirklichkeit geschiitzt, seinen Weg, den man »Karriere« nennt und
der ihn zu Richterstuhlen, in Anwaltskammern, an Krankenbetten
fiihrt. Er spricht Recht und verordnet Rizinusol. Er wird ein Professor
und bildet sich ein, Wissenschaft zu verbreiten, wenn er sein Wissen
verbreitet. Die Ideale aus der Rumpelkammer seiner Jugend zieren
seine Wande und hangen in seinem Gehirn. Er ist aus einem jungen
Biertrinker ein »Alter Herr« geworden. Denn genauso, als ob er jemals
ein Lebendiger gewesen ware, wandelt er durch die Jahre, an der Peri-
pherie der Welt zwar und dennoch ihr zugerechnet, wird grau und
stirbt endlich den Tod der Lebendigen, nachdem er ein Leben der To-
ten absolviert hat.
Seinem trauernd hinterbliebenen Korps hinterlafit er Mafikrug, Schla-
ger, Hakenkreuz, Kappe, Band und was es sonst noch an studenti-
schen Kulturutensilien geben mag. Seiner gedenkend und ihm nachzu-
eifern beflissen, wachst die nachste Generation heran und pflanzt an
seinem Grabe ihre Hoffnung auf, die unsere Enttauschung ist . . .
Vorwarts, 24.2. 1924
NACHRUF AUF DEN HOTELPORTIER
Eines der grofiten Berliner Hotels hat den Portier abgeschafft. Statt
seiner funkuoniert, vielleicht praziser als er, aber auch mechanisch-
unpersonlicher, eine Art Befriedigungsanstalt, »Verkehrs- und Aus-
kunftsbiiro« genannt, in dem es Abteilungen fur alle Bediirfnisse des
Gastes gibt: eine Weckabteilung, ein Postbiiro, ein Fahrkartenburo
und dergleichen. Die Beamten dieser Abteilungen sind nicht livriert.
Das feierliche Dunkel ihrer Anziige verbreitet um sie eine trinkgeld-
reine Atmosphare, wahrend, wie man sich erinnert, der frohlkhe Me-
tallglanz der Messingknopfe an dem Rock des Portiers eine splendide
1924 65
Ideenassoziation zu schaffen pflegte. Es heiftt, dafi Amerika zuerst den
Tod des Hotelportiers beschlossen und verursacht habe.
Er war eine durch Indiskretion gemilderte Autoritat. Eine Amtsper-
son zwar, aber der Sunde zuganglich. Unter seiner braunen oder dun-
kelblauen Tuchweste safi ihm ein Herz in der Brust, durch finanzielle
Injektionen erregbar; ein (Reichtum des Gastes) fuhlendes Herz. Er
war ein Mensch, nehmt alles nur in allem. Niemals war seine Absage
endgiiltig. Sein Auge, hart geworden durch den haufigen Anblick rat-
loser Obdachlosigkeit, konnte dennoch milde werden, weil es auf
ganz bestimmte Objekte unfehlbar reagierte. Manchmal begann es,
vielversprechend zu zwinkern. Und der Geist, geiibt in der Ausnut-
zung phantastischer Moglichkeiten, erfand Schlafgelegenheiten und
schuf Betten aus dem Nichts, aus einer Badewanne und einem Bil-
lardtisch.
Wie glatt und vornehm iibersah er die Illegalitat eines doppelt ausge-
fullten Meldezettels, wie selbstverstandlich wies er, grofoniitig, auf die
Genauigkeit verzichtend, »zweibettige Zimmer« an. Er war frei und
ohne Vorurteile, machtiger als der Herr Direktor und der Besitzer. Er
war die letzte Instanz fur Verzweifelte, Ratgeber in den schwierigen
Fragen des Schlafwagenverkehrs und der Grenzvisa. Wer auf ihn ver-
traute, mulke dafiir bezahlen.
Er ist bald nicht mehr, er stirbt. Mit ihm sinkt eine Epoche in das
grofie hungrige Grab der menschlichen Zivilisationsveranderungen.
Meine Feder weint ihm eine bescheidene Elegie nach.
Frankfurter Zeitung, 25. 2. 1924
DER SCHREI NACH DEM FREMDEN
Zuerst entrang er sich den Kehlen einzelner Kaufleute, Gastwirte und
Kaffeesieder. Schlieftlich verdichtete er sich zu einer Klage aller Leiter
der deutschen Verkehrsorganisationen und nahm am 15. dieses Monats
die Gestalt einer sogenannten Tagung an. Im Januar 1920 und 1921
lebten in Berlin rund 9400 Fremde, 1922 14 000, 1923 15 500, im Ja-
nuar dieses Jahres kamen nach Berlin 618} Fremde. Von dies en waren
die wenigsten Auslander. Im Dezember kamen nach Berlin beispiels-
66 DAS JOURNALISTISCHE WERK
weise nur 860 Fremde aus der Tschecboslowakei, wahrend noch im
Dezember 1922 Berlin ungefahr 4 000 Gaste aus diesem Lande zahlte.
Man hat erkannt, dafi es ein billiges Mittel ist, die starke Abwanderung
der Fremden auf das Steigen der deutschen Mark zuruckzufiihren.
Denn es ist ein logischer Fehlschlufi, aus der Tatsache, dafi die Billig-
keit in Deutschland die Fremden herbeigelockt habe, zu folgern, dafi
sie die Teuerung vertreibe. Auch die Reichen kommen nicht mehr
nach Deutschland. Auch die grofien und vornehmen Hotels in Berlin
stehen leer, nicht nur die kleinen, mittelmafiigen. Aus verschiedenen
Anzeichen kann man ersehen, dafi die einzige offiziose Stelle, die in
Deutschland auslandische Zeitungen liest, die »Zentralstelle fur den
Fremdenverkehr Grol5-Berlins« ist. Nur sie allein wufite, welche Kla-
gen in den auslandischen Zeitungen gegen Deutschland erhoben wur-
den. Sie richteten sich gegen Beborden und Publikum.
Die Berliner Behorde hat die Gewohnheit angenommen, zwischen
»erwunschten« und »unerwiinschten« Auslandern zu unterscheiden.
Aber sie ist noch immer nicht auf das einfache Mittel gekommen, diese
und jene zu erkennen. »Erwiinscht« sind alle jene Auslander, die mit
Pafi und Visum kommen und ihren ehrlichen Namen in die Fremdenli-
ste des Hotels eintragen. Kurz: Erwiinscht sind alle jene Fremden, die
aus freien Stiicken mit der Verwaltungspolizei zu tun haben. Die Un-
erwiinschten sollen in das Gebiet der Kriminalpolizei, natiiriich nicht
freiwillig, sondern wenn diese geschickt genug ist. Der grofie Denk-
fehler besteht darin, daft auch die Berliner Verwaltungspolizei uner-
wiinschte Auslander wittert, statt aus soundso viel Erfahrungen zu
schliefien, dafi derjenige, der ihr unerwiinscht sein konnte, sich freiwil-
lig melden wiirde. Statt dessen vollzieht sich der Berliner Fremdenver-
kehr so: Der Fremde hat in seinem Pafi den Vermerk von der Deut-
schen Gesandtschaft seines Landes: »Mu(S sich innerhalb 24 Stunden
bei der Polizei melden. « Der Fremde geht also in das sogenannte Poli-
zei-Bezirksamt, wo nicht etwa ein erfahrener Kriminalpolizist amtiert,
sondern ein Verwaltungsbeamter, der eigentlich dem Fremden ausge-
liefert ist, statt, wie er sich einbildet, den Fremden »am Wickel« zu
haben. Die Frage des Beamten lautet: »Wie lange wollen Sie bleiben?«
Die Antwort des Fremden: »Zwei Wochen.« Hierauf fiillt der Fremde
einen »Fragebogen« aus mit folgenden Fragen: Konfession, Name des
Vaters, Name der Mutter, Mddcbenname der Mutter, Berufdes Vaters.
Hierauf schreibt der Beamte sorgfaltig den Fragebogen auf einem gel-
1924 6y
ben Karton ab und reiht diesen in die Kartothek ein. Dariiber hat der
Gast einen Vormittag verloren, weil der Beamte langsam schreibt und
seine Wichtigkeit durch umstandliche Fragen bestatigt wissen will.
Hat etwa der Fremde Lust, langer zu bleiben, als sein Visum giiltig ist,
so mufi er im Polizeiprasidium bitten, dieses moge das Deutsche Kon-
sulat des betreffenden Landes telegraphisch oder brieflich fragen, ob
eine Verlangerung moglich sei. Nach einer Woche pflegt die Antwort
zu kommen: »Noch drei Tage gestattet«. Inzwischen hat der Fremde
jeden zweiten Tag angefragt. Nach einer Woche erfahrt er, dafi er sich
nur die ersten drei Tage dieser Woche hier aufhalten durfte, dafi er also
seinen Aufenthalt um vier Tage uberschritten habe. Dafur zahlt er eine
gebiihrende Strafe und ist froh, wenn er die deutschen Grenzen hinter
sich hat.
Weder in der Schweiz noch in Osterreich, noch in Frankreich sind
dem Aufenthaltsbedurfnis des Fremden Schranken gesetzt. Jede Orts-
behorde in diesen Landern darf ihm die Aufenthaltserlaubnis verlan-
gern, und sie tut es auch. In Wien, in Zurich braucht der Fremde iiber-
haupt nicht personlich bei der Polizei zu erscheinen. Niemand fragt
ihn nach dem Madchennamen seiner Mutter. In diesen Landern schrei-
ben die Zeitungen nicht vom »Zuzug aus dem Osten«. In Berlin durfte
sich jeder Varietehumorist eine Verspottung der freigiebigen und sehr
viel kaufenden Russen erlauben. Die deutschen Behorden wissen noch
immer nicht, dafi der Vetter des reichen Russen, der am Kurfiirsten-
damm drei Zimmer in einer vornehmen Pension bewohnt, im Scheu-
nenviertel alte Kleider verkauft. Wenn die Polizei diesen Vetter aus-
weist, verlafit jener Berlin. Nur der Ausgewiesene kommt zuriick. Der
Reiche fuhlt seine eigene Vergangenheit verletzt. Als ob die Kaufkraft
ein angeborener Wesenszug ware. Wer heute im Scheunenviertel lebt,
kann morgen ins vornehmste Hotel einziehen. Es gibt keine absolute
»Erwunschtheit« oder »Unerwiinschtheit«.
Auf der Tagung, die am 15. dieses Monats stattfand, sagte jemand, es
gebe so viele polizeiliche Bestimmungen, dafi sich die Behorden selbst
nicht auskennen. Darauf erwiderte der Vertreter des Reichsministe-
riums fur Inneres: Jawohl, das ist richtig. Und das Ministerium wolle
den Hoteliers entgegenkommen, und zwar werde es jetzt alle diese
Bestimmungen sorgfaltig registrieren und hoffe, damit in zwei Mona-
ten fertig zu werden. Hierauf wiirde man sich hoffentlich auskennen.
Das war der Hohepunkt dieser Tagung. Der Schrei nach dem Fremden
68 DAS JOURNALISTISCHE WERK
reduzierte sich auf das Verlangen, wenigstens die Bestimmungen iiber
den Fremdenverkehr, richtiger gegen den Fremdenverkehr, kennenzu-
lernen. Und das Echo kam aus dem Ministerium fiir Inneres trostlich
und langsam. Nach zwei Monaten wird man also genau wissen, wieso
die Fremden - nicht nach Deutschland kommen konnen. Die er-
wiinschten Fremden. Die unerwiinschten kennen, wie man gesehen
hat, die Bestimmungen der Berliner Behorde und die Moglichkeit, sie
zu umgehen, besser als die Behorden selbst den Weg, diese Bestim-
mungen anzuwenden. Oh, welch eine Verwirrung!
Frankfurter Zeitung, 29. 2. 1924
»KONIG HUNGER« IN DER VOLKSBUHNE
»K6nig Hunger« ist kein »Drama« im uberlieferten Sinne, sondern,
wie es der Autor Leonid Andrejew selbst nennt: »Ein Spiel«. Ein alle-
gorisches Spiel, in dem der Hunger, »K6nig Hunger«, nicht nur Mit-
telpunkt, sondern auch treibende Kraft des Geschehens ist. Er ist es,
der das Volk leiden macht; er, der es zur Emporung treibt; und
schliefilich er, der die Ursache der mifigliickten Revolution wird. Die
herrschende Klasse, gegen die sich die Emporung richtet, nennt Konig
Hunger ihren Verbiindeten: mit Recht. Aber die Unterdriickten nen-
nen ihn »Vater«: mit Recht. Zwischen Herrschern und Beherrschten -
in die Sprache des gegenwartigen Alltags iibersetzt: zwischen Bour-
geoisie und Proletariat - steht der Konig Hunger. Er ist selbst ein
Lohnsklave der Bourgeoisie und ein Konig des internationalen Prole-
tariats. Seine Allmacht ist eine scheinbare. Denn er mufi letzten Endes
der herrschenden Klasse zum Sieg verhelfen - wahrend er andererseits
(seiner Natur nach) immer wieder neue Rebellen heranziichtet. So un-
entschieden wie der Charakter dieses Hungers ist der Ausgang des An-
drejewschen Spiels. Die Revolutionare sind die Opfer des Hungers ge-
worden, sie sind tot. Die herrschende Klasse triumphiert.
Und hier ist der Punkt, an dem der Autor einsehen mufi, daft er mit
dieser Art Problemstellung nicht dessen endgiiltige Losung finden
kann, die ihm offenbar am Herzen liegt. Er macht eine Anleihe bei der
metaphysisch-fernen Zukunft, die nichts mehr mit den Vorgangen des
1924 6$
Spiels zu tun hat: Er lafit den Konig Hunger den bereits angstlich flie-
henden Biirgern zurufen: »Rasch! Rasch! Die Toten stehen auf!« -
Hier fallt der Vorhang. Die ersehnte, die rachende Auferstehung der
toten Revolution erleben wir Zuschauer nicht mehr. Wir konnen nur
hoffen, dafi sie driiben, hinter dem Vorhang der Weltgeschichte, wirk-
lich erwacht, und wir trosten uns damit aus Gewohnheit - weil wir
solche Enttauschungen und aufmunternden Prophezeiungen schon oft
(und nicht nur auf der Biihne) erlebt haben. Was bleibt also, abgesehen
von diesem Trost, fur uns: in literarischer (dramatischer) Beziehung
und zweitens in sozialer und politischer?
Dieses »Spiel«, das in der Struktur undramatisch ist, hat dramatisches
Geschehen und dramaturgische Moghchkeiten, visuelle und akusti-
sche. Es bietet: einen Maschinensaal, Arbeiter, einen traditionell ge-
stalteten Tod, einen phantastischen Gerichtssaal, Glockenschlage,
Massenstimmen und scharfe, populare und also eindringliche Kontra-
ste. Es gewahrt symbolische Erhebung statt dichterischer. Der Stoff
selbst gibt Weihe, nicht seine Gestaltung. Wir vermissen die soziale
Losung und die dichterische Erlosung. Man kann dem Autor recht
geben, wenn er den Hunger so auffafit, wie er es tut. Aber seine Auf-
fassung bleibt eben ein »Spiel«, sie ist nicht unbedingt zwingend, nicht
naturnotwendig, nicht einmalig.
Und trotzdem ist »K6nig Hunger« eine Bereicherung: denn das Pro-
blem, das hier behandelt wird, ist die grofte Frage unseres Tages; die
Figuren (wenn auch keine Gestalten), die hier auftreten, gehen uns an;
unset Kampf soil hier dargestellt sein; unser Streben, unser Irrtum,
unser Tod. Das Thema entschuldigt die Schwache des Dramatikers,
wenn es brennend aktuell ist. In dieser Zeit ist die Auffiihrung ein
Verdienst der »Volksbuhne«.
Sie ware auch noch unabhangig von der Aktualitat des Stoffes ein Ver-
dienst gewesen, wenn die Regie (Fritz Holh) mehr gestrichen und auch
das innere Tempo straffer zusammengedrangt hatte; wenn der Darstel-
ler des Hungers, Paul Henckeh, statt seiner Lauheit Kraft, statt schar-
fer Akzentuierung des Wortes Scharfe des Ausdrucks, statt zerflattern-
der Gesten wirksame, sparsame, straffe Konzentration gegeben hatte.
So verlor sich die Auffiihrung in langsamer Detailmalerei - und sie
hatte doch ein Kampfruf sein konnen. Von den iibrigen Darstellern
fiel, als der Vorsitzende der Pobelversammlung, Hermann Greid auf.
Er hatte die knappe, klug und sparsam berechnete Geste, die trotzdem
JO DAS JOURNALISTISCHE WERK
noch Zeit fand zur ironischen Selbstpersiflage. Er allem unter den vielen,
vielen. Oskar Schlemmers Biihnenbilder bildeten wirksame Hinter-
griinde. Wolfgang Zeller lieferte die stellenweise schwache Begleitmusik.
Die Ubersetzung des im Ladyschnikow-Verlag erschienenen Stiickes
stammt von August Scbolz. Das Publikum fiihlte die Verwandtschaft des
dramatischen Themas mit dem Heute. Es war sichtlich von einer inneren
Spannung erfullt. Der Beifall kam - vielleicht infolgedessen - zogernd.
Vorwarts, 29. 2. 1924
GETRAUMTER WOCHENBERICHT
Ich leugne die Wirklichkeit des bedeutenden Ereignisses, das in dieser
Woche Deutschland so schwer betroff en hat: Ich leugne die Wirklichkeit
des Hitler-Prozesses.
Man mufi solche phantastischen Erlebnisse in das Gebiet der ohnehin in
Miinchen heimischen Metaphysik verweisen. Auch der Zeitpunkt, in
dem dieser angeblich tatsachliche Prozefi sich volizieht, ist meiner Auf-
fassung sehr giinstig. Mitten im Karneval kommt ein Gerichtshof zusam-
men, macht seine Reverenzen vor den Angeklagten, diese werfen den
Damen im Horsaal Kufihande zu, die Justiz ist in eine Kaserne ubersie-
delt, die Angeklagten erheben die Anklage, die Spanischen Reiter drauen
furchterlich vor dem Eingang in den Kasernensaal, die Offentlichkeit
entsendet 60 gespitzte Bleistifte, und den armen Hausierern ist es verbo-
ten, Hosentrager in der Nahe des Gerichtssaals feilzubieten. Man mufke
blind sein oder, was dasselbe ist, ein naives deutsches Publikum, um aus
all den oben angefuhrten Begleiterscheinungen nicht zu erkennen, daft in
Miinchen kein »politischer Prozeft«, sondern ein Fastnachtstraum statt-
findet.
Infolgedessen degradiere ich das Ereignis dieser Woche und zerre es aus
den oberen Regionen des ernsten Leitartikels in die tieferen unter dem
Strich. Es ist keine Erscheinung des politischen Lebens, sondern der
geistigen Dekadenz. Es ist keine Gerichtssaalsitzung, sondern einespin-
tistische Seance. Sie ist irrtumlich aus der Fakultat des Geisterprofessors
Schrenck-Notzing in die des Ministers Emminger gefallen . Ich lasse mich
nicht irrefiihren.
1924 7 1
Ich lasse mich nicht irrefiihren - und ware der Ton, in dem die Zeitun-
gen von diesem Prozeft berichten, noch so ernst, noch so sachlich,
noch so pathetisch. Denn hort ihr nicht, Briider, daft die Toten reden?
Seht ihr nicht, daft die Stenographen Geisterreden nachschreiben? Er-
kennt ihr nicht aus den Bildern der »in den Gerichtssaal entsandten
Sonderzeichner«, daft sie die Gestorbenen abkonterfeien? In Miinchen
offnen sich die Graber der Weltgeschichte, und aus ihnen steigen die
begraben gewahnten Leichname. Ein grotesker Traum tritt in Funk-
tion - und ganz Deutschland nimmt dieses Wunder gleichgiiltig hin,
als ware es eine Selbstverstandlichkeit.
Es erscheint ein Tapezierer, nennt sich »Schriftsteller«, und alle glau-
ben es ihm. Ein Schuster, der nicht bei seinem Leisten geblieben, er-
zahlt seine belanglose Biographie und schildert, wie er sich aus einem
»Weltburger«, der er noch in Braunau gewesen, zu einem »Antisemi-
ten« in Wien entwickelt hat. Und die deutschen Zeitungen drucken es
fleifiig. Es fahrt ein bereits im Totenregister der Historie unter dem
Namen Lindstrom verzeichneter General im eigenen Auto vor und
halt eine Rede gegen den Papst. Dieser muftte es sein, just dieser Gene-
ral, der noch bei seinen Lebzeiten kein anderes Buch gelesen hatte als
ein militarwissenschaftliches - und sogar dieses mit sehr geringem
Nutzen. Aus dem Jenseits der abgeschafften Lesebucher steigt ein
Oberleutnant Rohm auf und sagt: »Ich bitte zu beriicksichtigen, daft
ich nur Offizier bin und als solcher denke. Ich stand als Generalstabs-
offizier an der Front und gehore zu den wenigen, die glaubten, dafi wir
immer noch siegen wiirden.« Selbst unter Generalstablern ein Rekord
an Dummheit! Bedenkt, Briider, wie lange ist es her, daft jemand noch
glaubte, wir wurden siegen? Mufite man nicht annehmen, daft diese
Menschen schon lange tot und begraben seien? Nein, seht! Sie leben!
Sie sagen aus! Sie wollen Revolutionen machen! Oh, welch ein Toten-
tanz!
Es scheint mir, daft die deutsche Geschichte der Gegenwart und der
letzten Vergangenheit irgendeinen konservierenden Stoff ausscheidet,
mit dem sie ihre Verstorbenen umgibt, so daft sie zur Faschingszeit
auferstehen und ihre Weltanschauungen in Miinchen darlegen konnen.
Aber das ware die private Angelegenheit eines Geister beschworenden
Zirkels gewesen und nicht eine der Offentlichkeit und der Politik.
Weil aber dem so ist und weil sechzig Berichterstatter die Worte der
Toten stenographierten, muft ich annehmen, daft ich diesen hier ge-
72 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schriebenen Aufsatz und seine Veranlassung getraumt habe; dafi ich
ganz Deutschland getraumt habe; seinen analphabetischen Tapezierer,
meinen Kollegen, der, kaum dafi er lesen und schreiben aus einer Ras-
senfibel gelernt, schon Schriftsteller und eine politische Personlichkeit
ward; seinen General, der, statt ein Schweizer im Vatikan zu werden,
wozu seine Begabung ausgereicht hatte, gegen den Papst zu Felde
zieht; dieses Rasseln verrosteter Sabel, dieses Kadaverleuchten leben-
der Leichname, diese Zeitungen, die Witzblatter werden, indem sie
iiber den Prozefi in Miinchen berichten.
Es ist nicht anders: Ich traume einen Fastnachtstraum, und der heifit:
Deutschland.
Vorwarts, 2.3. 1924
DER KAMPF UM DIE MEISTERSCHAFT
Ich werde diesen Abend nie vergessen, an dem der Kampf um den
Lorbeer des deutschen Meisterboxers ausgefochten wurde. Auch Berlin
wird, so schnellebend es ist, diesen Abend nicht vergessen. Greise kro-
chen humpelnd aus dem Dammer ihres Lebensabends in die strahlende
Helle des Kampf abends. Kinder fiihrten ihre Mutter an den Schurzen
zum Sportpalast und schrien Hurra. Das Volk benahm sich spartanisch
und drangte sich nach antiken Mustern im grofien Hof und in der
Strafie vor dem Palast. Klassische Rufe wie: »Ick hau Dir eene!« erfull-
ten die Luft, in der alle guten Olympiadengeister schwebten. Manche
handelten mit Tips. Andere mit Eintrittskarten. Vor Begeisterung
kaufte eine arme Frau, die sichtlich lange mit sich zu Rate gegangen
war, eine Karte fur 175 Mark. Da man ihren kleinen Jungen nicht hin-
einliefi, schickte sie ihn an der Tur fort, allein mufke er nach Hause.
Indes ihr Geist, die Gefilde der Miitterlichkeit verlassend, bereits auf
der Arena weilte.
Wahrend der armere Teil der Nation zu den heiligen Kampfen wan-
dern mufite, benutzte der wohlhabendere eigene Automobile und
Autodroschken, und es entwickelte sich vor dem Sportpalast ein
Kampf der Wagen, wenn auch nicht der Gesange. Jeden eintretenden
Besucher geleitete eine Rotte Jugendlicher bis zur Tur. Jeden, der am
*9 2 4 73
Abend den Saal verliefi, iiberfielen Neuigkeitshungrige und boten Geld
fur eine Nachricht an. Es war ein erhebender Abend.
Der Draht hat der Welt bereits die Nachricht iiberbracht, dafi nicht
mehr Hans Breitenstrater, sondern Samson-Korner des deutschen Vol-
kes Meisterboxer ist. Mir bleibt die nachtragliche Chronistenpflicht, zu
berichten, dafi Samson-Korner eigentlich Paul Korner heifit und aus
Zwickau in Sachsen kommt. Den Namen »Samson« hat er sich selbst
beigelegt, in Amerika namlich, wo er fiinfzehn Jahre geweilt hat. Dort
scheint in Boxerkreisen die symbolische Namengebung Sitte zu sein.
Ich ahnte sofort, dafi dieser deutsche Samson siegen wird. Denn die
Reichweite seiner Arme betragt 1.93, seine Korperlange 1.82, sein
Brustumfang 1.05, sein Wadenumfang 39 und die Starke seines Bizeps
31-35. Wer sagt da nicht: »unberufen«! Breitenstrater ist um zwei Zen-
timeter kleiner, seine Wade um zwei Zentimeter diinner, seine Reich-
weite um drei Zentimeter geringer. Ich hege im Gegensatz zur geltenden
Weltanschauung die Uberzeugung, dafi der Starkere siegt, und aner-
kenne die Gottlichkeit der natiirlichen Gesetze bei jeder Rauferei, ob sie
nach Regeln verlauft oder nur nach Temperament. Infolgedessen weifi
ich, dafi ich, dessen Biceps - lacht, meine Zeitgenossen! - nur 21 Zenti-
meter Umfang hat, auch wenn ich ein Boxer ware, im Kampf mit einem
Starkeren unterliegen miifite. Ich verlasse mich deshalb auf den Ver-
stand und gebe allerdings zu, dafi in Ermangelung dieses die Boxregeln
ein halbwegs geniigender Ersatz sein konnen.
Die viereckige Arena schwamm in weifiem Scheinwerferlicht, das die
Unheimlichkeit eines toten Weifi hat, an weifie Sterbelaken erinnernd.
Es ist eine unbarmherzig weifie Farbe, die schon aus visuellen Kontrast-
griinden allein nach rotem Blute schreit. Der Schiedsrichter, den ich
personlich kenne, ist ein verbindlicher Mann, er hat eine schlanke und
edle Figur, und ich hatte ihm, als wir einmal gemeinsam an einer festli-
chen Tafel safien, nicht soviel zugetraut. Ich gestehe, dafi mich ein erhe-
bendes Gefuhl uberkam, als ich an meine Bekanntschaft mit dem
Schiedsrichter im Kampfe um die deutsche Meisterschaft dachte. Ja, das
war der Mann, berufen, das Schicksal der Nation zu verkiinden.
Dann begann dieser Kampf. Breitenstrater sprang um den lauernden
Korner herum, hupfte, eine Ohrfeige fast sichtbar auf der Handflache
tragend, vor und entledigte sich seines Vorsatzes. Dann sprang er zu-
riick. Das wiederholte sich einige Mai, bis der Schiedsrichter eine
kampfeinstellende Bewegung machte, und ein Gong erklang.
74 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es gab noch eine zweite und, wie man weifi, eine dritte Runde, Brei-
tenstraters letzte, bei der ich wieder Gelegenheit hatte, meinen Freund,
den Schiedsnchter, zu bewundern. Denn, als handelte es sich nicht um
die Meisterschaft, sondern um irgendeine beliebige Kleinigkeit, zum
Beispiel einen Nobelpreis, so zahlte er mit scharf akzentuierender
Stimme, die Totenuhr in der Hand: i, 2, 3 bis 9 und dann sagte er:
»aus!«, ganz schlicht und sachlich. Ich stelle mir vor, dafi driiben, wo
uber Sein und Nichtsein entschieden wird, in den Krisen unseres Le-
bens ein Geist so dasteht und zahlt. Erst bei »aus!« erhob sich Breiten-
strater, und es war zu spat. Der andere, der Samson, erhielt den blauen
Giirtel, welcher das Abzeichen der Meisterschaft ist, und liefi sich pho-
tographieren. So wird sein Bild der Nachwelt iiberliefert bleiben.
Indessen liefi sich die Nation auf den Rangen nicht halten und warf
Zurufe in die Arena und schwenkte Beschimpfungen, und Herr Bufi,
der Manager Breitenstraters, behauptete, mein Freund, der Schieds-
richter, hatte zu schnell: »aus!: gesagt. Ich aber zweifle nicht an der
Ehrlichkeit des edlen, schlanken Schiedsrichters. Im Gegenteil: Ich
kann bezeugen, dafi noch eine ganz winzige Pause des Schwankens
zwischen »neun« und »aus« bestanden hat. Sie konnte allerdings nur
von einem Psychologen bemerkt werden.
Das Volk kehrte befriedigt heim. Wenn jemals seine Stimme Gottes
Stimme war, hier ist sie's. Die Mehrheit schenkte ihre Gunst dem Sam-
son, von dem die Berichte ruhmend hervorheben, dafi er ein einfaches
mobliertes Zimmer bewohnt, genauso wie ich und du. Der Breiten-
strater aber hat einen reichen Schwiegervater, und die unterrichteten
Zeitungsleute behaupten, dafi er jetzt eine wohldotierte Weinstube
ubernehmen wird. Es ist nicht gut, lange Mittelpunkt der Offentlich-
keit zu sein. Lieber ist mir die gemutliche Stille einer Weinstube, be-
sonders, wenn sie mir gehort. Wir Zeitgenossen wissen ohnehin, was
Breitenstrater ist. Unsere kleinen Enkel, die vor dem Sportpalast Ziga-
retten rauchend warteten, werden ihn auch nicht vergessen. Er wende
sich nunmehr den edlen Kiinsten zu, und kein Hahn wird nach ihm
krahen. Denn seitdem es Sangerkriege gab, sind ungefahr sechs Jahr-
hunderte verflossen, und wir leben im Zeitalter der Tat, in dem der
Hunger die Dichter ausrottet.
Frankfurter Zeitung, 3.3. 1924
DER »REFRANG« IM NACHTLEBEN
Der musikalische Ausdruck des Berliner Nachtlebens ist der »Re-
frdng« y eines jener franzosischen Worte, die, in der Berliner Mundart
ausgesprochen, an die kurzen, scharfen Klingelzeichen der Autobus-
schaffner erinnern. In diesen Kehrreimen der popularen Schlager be-
findet sich die nachtliche Weltanschauung, textlich und musikalisch
kondensiert und in ihrer simplen Knappheit so suggestiv, dafi sie das
widerstandsfahigste Gehor bezwingt und sich unausrollbar dem Ge-
hirn einpragt. Das leere Klappern dieser Vers-Windmuhlen ist eigent-
lich der akustische Hintergrund, von dem sich der zweckmafiigere
Rhythmus der heimkehrenden Strafienbahnen, Automobile, der »ein-
geschobenen« Untergrundbahnziige abhebt. Zu dieser Erkenntnis
mufi man gelangt sein, um den Respekt vor einem Nachtverkehr zu
verlieren, dessen Existenz von der ganz unkontrollierbaren und will-
kurlichen Fruchtbarkeit der Schlager-Dichter und -Komponisten ab-
hangt.
Ich habe in drei Nachtlokalen zwolf »Refrangs« gelernt - wenn hier
iiberhaupt von einer Tatigkeit des Lernens gesprochen werden kann.
Denn die Eigentumlichkeit des »Refrangs« besteht eben darin, dafi er
aus dem wehrlosen Ohr in das wehrlose Gedachtnis schleicht und hier
Wurzel faftt, bodenstandig wird, ein lastiger Auslander in einem an-
standigen Gehirn. Seitdem trage ich die fremde, zudringliche Welt des
Nachtlebens in meinem Kopf, ihre Gesetze, ihre Sitten und Gebrau-
che, ihren Hugo Hirsch und ihren Robert Stolz, den Arthur Rebner
und den Fritz Rotter, deren Wesen in acht gereimten Zeilen erschopft
ist und die mich in die angenehme Lage versetzen, sie nicht beschrei-
ben zu miissen, weil ich sie zitieren werde; obwohl ich weift, dafi ich
sie dadurch keineswegs loswerde, vielmehr der Gefahr ausgesetzt bin,
sie noch anderen aufzuoktroyieren.
Nein, es erspart mir eine umstandliche Beschreibung des Berliner
Nachtlebens. Dieses Leben kennzeichnet sich ja gerade dadurch, dafi
niemand es so trefflich beschreiben konnte, wie es sich selbst schildert.
Seine »Refrangs« handeln von seinen Wiinschen, seinen Erfiillungen,
seinem Gliick und seinen Schmerzen. Es ist eine lachelnde Welt, ohne
Katastrophen, ohne Kriege, ohne Revolution und ohne Tuberkulose;
ihre Bewohner leben in der steten Gleichmafiigkeit eines liberwunde-
76 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
nen Materialismus, der sich nur noch auf die Erotik erstreckt. Es ist
eine Welt, in der die Brieftasche kein Problem mehr ist. Sie hat Zeit
und Mufie, sich hoheren Dingen zuzuwenden; ihre Gefuhle gereimt
und in gebundener Sprache zu singen, wie es ihre Dichter und Kompo-
nisten ihr vorgeschrieben.
Die Texte sind fiir Manner und fur Frauen gemacht. Die mannliche
Werbung und die frauliche Weigerung, aber auch der Sieg des Mann-
chens und des Weibchens begliickt, ersungene Niederlagen sind sang-
bar. Man kann, urn die Geniefier des Nachtlebens besser zu charakteri-
sieren, jede Frage iiber ihr Gefiihlsleben mit einem »Refrang« beant-
worten. Also zum Beispiel die an ein Madchen gerichtete Frage:
»Wann geht es Ihnen gut?« befriedigt das folgende Gedicht:
»Wenn ich bei Bubi bin,
Dann geht's mir wonnig,
Wenn ich bei Bubi bin,
Will ich nicht fort !«
Gefallt es jemandem, dieses Fraulein zu fragen: »Wovon traumen Sie
am liebsten?« - flugs konnte sie antworten:
»Ihr Englein droben, hoch
In Himmelsraumen,
Macht mir die Freude doch,
Seid nett, ach jal
Und lafit mich immerzu
Von Bubi traumen -
Ach Bubi - Bubi, du mein GoldpapaU
Wobei zu bemerken ist, dafi der uberraschende Verwandtschaftsgrad,
den die Pointe enthullt, seine Entstehung den Reimgesetzen zu ver-
danken hat. . . .
Am lieblichsten sind jene Strophen, welche den geistigen Zustand ihrer
Sanger offenherzig zugeben. Ich lasse einen solchen »Refrang« auf eine
Frage folgen, etwa auf die: »Wozu leben Sie?« Die Antwort lautet:
x 9*4 17
»Ich sag' nicht ja, ich sag' nicht nein,
Ich weifi nichty was ich will.
Ich schliefie beide Augelein,
Und hake still, ganz still !«
Nicht immer kommt die Logik auf ihre Kosten. Es gibt »Refrangs«, in
denen das Ende verbliiffend den Anfang dementiert und die Geistes-
verfassung eines Nachtleben-Absolventen noch trefflicher illustriert
als jene Verse, in denen er selbst zugibt, dafi er »nicht weifi, was er
will«. 2um Beispiel diese:
»Du bist so wunderschon, mein Kind, so kannst Du bleiben!
Ich konnt' mir stundenlang mit Dir die Zek vertreiben!
Du hast so nette, kleine Sachen,
Die mir grofie Freude machen!
Ach, ich kann das nicht mehr sehn,
's ist nicht mehr schon! — «
Warum? Wieso, auf einmal? War vielleicht dieses zugestandenermafien
»wunderschone Kind« »eine Pleite«, wie es in einem andern »Refrang«
heifit? Man mufi namlich wissen, dafi die versifizierte Erotik des Berli-
ner Nachtlebens manchmal Anleihen bei der kommerziellen Sprache
macht, deren Nutzniefier ja zugleich die Sanger der »Refrangs« sind.
Es ist eine fruchtbare Wechselwirkung zwischen Merkur und Aphro-
dite. So kann es nicht fehlen, dafi ein Mann, der am Tage den Kurszet-
tel studiert, des Nachts seinen Kompagnon unvermittelt fragt: »Was
soil ich nun machen ?« und von diesem den Rat erhalt:
»War die erste Frau *ne Pleite,
Nimm 'ne zweite, nimm 'ne zweite,
Bricht die zweite Dir die Treue,
Nimm 'ne neue, nimm 'ne neue!
Kannst die dritte Du nicht leiden,
Lafi Dich scheiden, lafi Dich scheiden!
Heirat, heirat, heirat, heirat noch und noch -
Einmal, einmal kommt die Richt'ge doch!«
7$ DAS JOURNAUSTISCHE WERK
Denn warum sollte das Prinzip des »Noch und Noch«, das sich bei
Devisenkaufen so trefflich bewahrte, in den ebenfalls geschaftlichen
Dingen der Ehe versagen?
Zumal da, wie Arthur Rebner so richtig feststellt:
»Im Mai, im Mai bliiht Liebe noch und Lust;
Vorbei, vorbei ist's meist schon im August . . .«
Ich habe in den drei Nachten meiner Wanderungen durch das sorgen-
lose, das andere Berlin diese Lieder von alien singen gehort: von Klein,
Grofi und GernegrofL Ein kluger Mann, ein Menschenkenner, wandelt
durch die Nachtlokale mit einem Biindel dieser »Refrangs« und ver-
kauft sie an alien Tischen. Die Frauen stecken die Blatter mit jener
andachtigen Scheu in ihre Handtaschen, mit der unsere Grofimiitter
Rosenblatter in ihren Gebetbiichern zu verwahren pflegten. Eine Tafel
uber dem Podium der Musikkapelle verkiindet: »Der Herr Kapellmei-
ster ist auf Wunsch gerne bereit, Ihnen samtliche im Lokal verkauften
Neuerscheinungen vorzuspielen.« Wer wiinschte es nicht? Wer be-
gniigte sich mit dem kudos im Gehirn hammernden »Refrang«? Wer
mochte ihn nicht noch einmal horen, urn die Tadellosigkek der im
Innern rumorenden Melodei festzustellen? - Der Kapellmeister ist be-
reit. Nicht nur dieser - eine halbe Welt, eine ganze Halbwelt lebt von
ihnen. Die nachtlichen Autobusse, die Automobile, die verlangerten
Strafienbahnen, der Mann, der die Schlager verkauft, die Musiker, die
sie spielen, leben davon. - (Auch ich, der ich iiber sie schreibe.)
Prager Tagblatt, 5.3. 1924
MIT 900 KINDERN IM KINO
Mitten unter 900 Berliner Kindern saft ich in einem Ufa-Theater und
sah das »Leben afrikanischer Menschen und Tiere«. Die »miltterliche
Hilfe« (eine Wohltatigkeitsinstitution, deren Mittagstische, deren
Speisungen, deren Spenden den Bedurftigen wohlbekannt sind) hatte
ihre kleinen Zoglinge ins Kino geladen. Sie kamen in Zugen, sie
schwarmten im Saal aus, sie wechselten zehnmal in einer halben Stunde
1924 79
die Platze, sie erfiillten das Theater mit ihrem lebensfrohen Schwatzen,
und mitten zwischen den Reihen ging der livrierte Billetteur, eine sanft
gewordene und lachelnde Autoritat, mit »Du« angesprochen und an
den Schofien seines ernsten Fracks gezogen. Es waren jene mageren
Kinder der Berliner Not, deren traurige Leichtgewichte durch das
europaische Mitleid so popular geworden sind.
Es wurde dunkel, und wir sahen die Expedition des schwedischen
Prinzen Wilhelm durch Zentralafrika. Wir sahen die faulen Krokodile
an den Ufern gahnen und wuftten nicht, ob ihre weit aufgerissenen
Mauler Faulheit oder Gefrafiigkeit verraten. Wir sahen die komischen
Wambubavolker und auch die Wambutti, die ganz grofiartig tatowiert
sind und deren Grofirmitter Holzscheiben durch die Lippen gezogen
haben. Und wir sahen einen prachtvollen Kriegstanz der angeblichen
Wilden, der viel vornehmer war als unser Weltkriegstanz, der uns 900
Kinder so mager gemacht hat. Und nachdem wir die Pinguine bewun-
dert hatten, die grofien Ohren der Elefanten und das herrliche weifie
Tropen-Pyjama des Prinzen, erlebten wir noch ein Lustspiel, mufken
bis zu Tranen lachen und trippelten nach Hause. Dieses Zuhause liegt
im Norden und im Osten, wo es nicht so frei und reich aussieht wie in
der Tauentzienstrafie, in der die erste Vorfriihlingssonne spater unter-
zugehen scheint als in der Frankfurter Allee. Bedanken wir uns schon
bei der Direktion der Ufa-Theater!
Frankfurter Zeitung, 7. 3. 1924
LUDENDORFF UND DAS SCHLACHTVIEH
Die deutsche Gegenwart ist reich an witzigen Ereignissen. Wir sehen
dabei von den absichtlich herbeigefiihrten, ernst gemeinten und wider
Willen ihrer Urheber humoristisch wirkenden ab und beschranken uns
auf jene, deren Autor der Zufall ist. Ein ahnungsloser Zufall? Ein bos-
hafter? Es gewinnt den Anschein, dafi es ein bewufk boshafter, mit uns
im Bunde stehender ist. Hatte man in Deutschland mehr Sinn fur seine
grolkrtige Bissigkeit, wir brauchten um die Revolution nicht so heftig
zu kampfen. Er macht die Generale, die Volkischen, die bayerische
Justiz lacherlicher, als es der feindseligste Satiriker konnte. Leider
80 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ubersieht man ihn und seine Wirkungen. In der pathetischen Atmo-
sphare, in der wir unsere politischen Angelegenheiten zu erledigen lie-
ben, verliert sich das petkgedruckte witzige Ereignis. Versuchen wir,
es zu retten.
In einer Zeitung fand ich die leider sehr klein gedruckte Nachricht
mitten unter anderen, dafi ein Dampfer, der Stinnes (wem sonst?) ge-
hort und »Ludendorff« (wie denn anders?) heifit, in jiingster Zeit zu
Rindertransportzwecken umgebaut wurde; und zwar handelt es sich
um den Transport argentinischen Schlacbtfleiscbes nach Europa.
Dies ist der Inhalt der kurzen Meldung. Kein Satiriker hat sie erfun-
den. Ein biederer Berichterstatter hat sie der Welt verkiindet. Sie
wurde nicht dementiert. In knappen drei Satzen enthalt sie die ganze
ungluckselige Komodie, deren Helden und handelnde Personen die
Machtigen sind: Stinnes und Ludendorff. Deren leidende Personen wir
sind: das Schlachtfleisch.
Wie wunderbar die Symbolik der Tatsache, dafi Stinnes der Besitzer
eines » Ludendorff « ist; wie noch wunderbarer der Umstand, dafi sogar
der unschuldige Korper eines toten Schiffes in irgendeine enge Verbin-
dung mit Schlachtvieh gelangen mufi, sobald jenes nur den Namen
unseres Feldherrn tragt. Es geht von diesem Namen ein uberirdischer
Zwang zur Bestialitat aus und erstreckt sich auch auf seelenlose Dinge.
Es konnte gar nicht anders sein! Wie grotesk die Vorstellung, dafi ein
Dampfer namens » Ludendorff « ein Ausflugsschiff etwa fur friedliche
Passagiere ware! Unser Bundesgenosse, der boshafte Zufall, kann es
nicht zulassen. Er baut das Schiff um. Ein Dampfer, der so heifit, kann
nur einem einzigen Zweck dienen: dem Schlachtviehtransport. Es ge-
schieht einfach diesem Manne zuliebe, dessen Klang assoziativ die
Vorstellung von deutschen, zum Schlachtvieh degradierten Soldaten
wachruft.
Leider war der Zufall auch boshaft genug, diesen Ludendorff einmal
zum Kapitan eines untergehenden Schiffes zu ernennen, das »Deutsch-
land« hiefi. Seine Tatigkeit war damals dieselbe: Er transportierte
Schlachtvieh. Wir waren es zufallig. Er aber kann - in welcher Gestalt
er immer auch auftaucht - nichts anderes als Schlachtvieh transportie-
ren; ob er nun ein General, ein Rebell oder ein Dampfer ist. Nennt
eine friedliche Sense » Ludendorff «, und sie wird sich in ein Schwert
verwandeln. Nennt einen Besen » Ludendorff «, und der Besen wird
schieften. In der harmlosesten Gestalt verleugnet er sein Wesen nicht.
1924 8i
Geschah es doch, dafi er einmal als friedliebender Morgenspaziergan-
ger aus dem Hause trat und - ohne dafi er gewufit hatte, wie - ein
Revolutionar wurde! Blut klebt an den Buchstaben seines Namens,
den er nur einmal fur kurze Zeit geandert hatte. Was fangt man in einer
Zeit ohne Stahlbader mit dem Trager dieses Namens an? Der Ausweg
liegt nahe, ihn seinem Charakter gemafi zu pazifizieren: Er ware viel-
leicht kein ungeschickter Schlachter jener argentinischen Rinder, die
der Dampfer seines Namens nach Deutschland bringen soil. So bleibt
ein General wenigstens in seinem Fach.
Josephus
Vorwarts, 7. 3. 1924
DER ZUG DER FUNFTAUSEND
Wenn die Spitze des Zuges (den man taglich in der Frankfurter Allee in
Berlin erschrocken und erschuttert sehen kann) die Frobelstrafie er-
reicht hat, ist es zwei Uhr nachmittags, und noch vier Stunden dauert
es, bis die letzten der Fiinftausend angelangt sind. Den Zug bilden die
Elendesten,,die Armsten, die Verworfensten dieser Stadt. Verworfen-
heit und Elend sind nicht genau zu unterscheiden. Es ist gut so. Denn
dieses ist unverdient wie jene, und das Verbrechen, das im erschuttern-
den Gewande der Armut erscheint, verdient wenigstens fur eine ein-
zige bitterkalte Nacht die Gnade, die man dieser zu spenden beflissen
ist.
Das Ziel der Fiinftausend ist das Obdachlosenasyl in der Frobelstrafie.
In diesem befinden sich zwar 40 Schlafsale, die knapp fur 3 200 Men-
schen berechnet sind. Dennoch schlafen in diesen 40 Salen jede Nacht
rund 5 000 Obdachlose. Denn das Asyl wurde im Jahre 1887 errichtet,
als die friedliche Menschheit ihr Stahlbad noch nicht ausgeschuttet
hatte und als man noch glaubte, dafi man niemals mit 3 000 obdachlo-
sen Menschen in einer Nacht wiirde rechnen konnen. Damals standen
allerdings noch Pritschen mit Strohsacken in den Schlafsalen. Man
mufite sie wegschaffen, weil sonst nicht so viele Platz gefunden hatten.
Nur in einem Saal stehen noch eiserne Bettgestelle, ohne Strohsacke
allerdings, und nur diejenigen, die schon um zwei Uhr nachmittags
82 DAS JOURNALISTISCHE WERK
eintreffen, konnen auf den harten, schmerzenden, aber immerhin
durch ihre Elastizitat eine feme Ahnung von Matratzengiite gebenden
Spiralfedern der Bettgestelle schlafen. Alle andern, mit Ausnahme der
zahlenden Gaste (27 Pfennig pro Kopf und Nacht), schlafen auf dem
Fufiboden.
Dennoch, und obwohl das eindringlichste Kennzeichen des Elends,
der Geruch, sich erst in den Salen ausbreitet und obwohl erst hier, im
Innern des Asyls, die ganze grofie Traurigkeit ihr bitterstes Angesicht
enthiillt - dennoch ist die Wirkung der dahinziehenden Armut starker,
nachhaltiger als die der ruhend gehauften. Die schuchterne Liebens-
wiirdigkeit der Sonne in diesen ersten Vorfruhlingstagen ruht wie eine
ungewollte und trotzdem verletzende Ironie tiber dem Zug der Fiinf-
tausend. Die Baume in der Frankfurter Allee - Baume im Exil - tragen
die ersten Knospen. Automobile wohlbestallter Manner aus der »Film-
branche«, deren Ateliers sich auch schon in den nordlichen und ostli-
chen Vorstadten Berlins befinden, gleiten, Warnungen tutend, vor-
iiber. Straflenbahnen klingeln, die Drahte kiindigen summend neue
Wagen an. Die Strafie und ihre kleinen grofien Ereignisse, ihre Ge-
fahrte und die flotte Buntheit ihrer Litfafisaulen, die auch hier die
neueste Operette ankiindigen, bilden zusammen jenen Gegensatz,
durch den der Zug der Obdachlosen seine dramatische Wirkung ge-
winnt. Regisseure miifiten hierherkommen; miiftten sehen, wie grau-
sam trefflich der Zufall Massen inszeniert; wie er das junge, ge-
schminkte Kontrollmadchen an der Seite der alten, verfallenen Bettle-
rin wandern heiflt und wie er den kraftigen Einbrecher in einem farb-
los gewordenen Matrosenanzug neben den Invaliden ohne Beine - ein
menschliches Fragment - stellt.
Das Elend auf der Wanderung ist grower. Das Elend in der Ruhe ist
stiller. Es ist eine scheinbare Unordnung in dem heranziehenden Hau-
fen. In Wirklichkeit sind sie beherrscht von der nach inneren Gesetzen
ordnenden Willkiir. Als hatte es Gott jener zahnlosen Alten befohlen -
der hinter blauen Himmeln verborgene Regisseur dieser Trauer-
spiele-, so bleibt sie plotzlich stehen, tritt sie plotzlich aus der Reihe.
Sie hat einen Miillhaufen erspaht. Wie scharfsichtig die Armut macht!
Wie sicher stellt sie den Instinkt auf Lumpen und Mist ein! Der Miill-
haufen war in dieser breiten StraEe verloren und verschwindend ne-
bensachlich. Eine arme, alte Frau, deren Augen auch nicht mehr jung
sind, erblickte ihn. (Ob sie einen herrenlos liegenden Reichtum auch
1924 83
so schnell fin den wiirde? Ich glaube, der Elende findet nur das ihm
Adaquate. Deshalb ist seine Unrettbarkeit so gewifi.) Die alte Frau
biickt sich noch tiefer, als Krankheit und Alter sie schon gebeugt ha-
ben. Sie findet eine schwarze Perlenschnur unter Kartoffelschalen und
Topfresten. Sie findet den Schmuck, der ihr taugt. Schwarze Glasper-
len. Fur wen will sie sich schmucken, die Alte? Sie verwahrt ihren
Fund zwischen verborgenen Falten. Denn mit ihr im Frauensaal schla-
fen heute noch 500 alte Frauen, und alle wiinschten sich diesen
Schmuck. Dann gliedert sie sich wieder in die Unordnung des Zuges
ein. Es ist gleichgiiltig, welchen Platz sie einnimmt. Sie trottet schweig-
sam neben fremden Menschen. Was hatten sie auch fur Gesprachs-
stoffe? Lesen sie Zeitungen? Erschuttern sie die Schilderungen wollii-
stig detaillierender Reporter liber Ausfiihrung des Raubmordes und
naturalistisches »Milieu«? Sind sie nicht selbst heute Raubmorder,
morgen Opfer eines lustmordenden Kameraden? Wer konnte diese
Menschen das Gruseln lehren? Was konnte diesen Menschen Ge-
sprachsstoff liefern? Interessieren sie sich fur die Politik? Fur die Stabi-
litat der Rentenmark? Fur die Auflosung des Reichstags, den das
»Volk« gewahlt hat, nicht die Obdachlosen? Gibt es eine Partei der
Obdachlosen im Parlament? Sie interessieren sich vielleicht nur fur
eine Rubrik: den meteorologischen Wetterbericht. Aber ehe die Zei-
tung in die Hand eines Obdachlosen gerat, ist sie von vorgestern und
die Prophezeiung uberholt. Denn im Asyl der Obdachlosen gibt es
keine neuen Abendblatter mit Kurszetteln der Borse und des Wetters.
Also schweigt der Zug der Funftausend. Und dieses Schweigen ist das
horbarste Gerausch, das in der Welt entstehen kann. Funftausend
Menschen Ziehen taglich schweigend durch die StraEe. Welche larm-
volle Demonstration konnte sich mit diesem Zug vergleichen? Man
hort nur Keuchen, Husten, Aufschlagen der Kriicken in Intervallen,
das Schlurfen zerrissener und nachhangender Stiefelsohlen, das Wim-
mern eines Kindes, diinn und glasern und fern wie hinter einer Eis-
mauer. Waren diese akustischen Anzeichen des Lebens nicht, der Zug
ware ein stummer Film, ohne Musikbegleitung, durch ein technisches
Wunder losgelost von seiner Grundbedingung: der Leinwand, ein Zug
von funftausend photographischen Schatten, aus einem grofien Kino
an der Ecke in die Strafte verbannt. Die Gesichter unglaubhaft charak-
terisiert: halbe Barte; Basedowsche Krankheitsgesichter; hervorquel-
lende Augen; leere Augenhohlen; zerrissene Uniformen; geschenkte
84 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Cutaways; Lackstiefel ohne Sohlen; die Statisterie eines grausamen
Gottes.
Die Zahlen vertreiben den letzten Rest der Unglaubigkeit: Im Januar
dieses Jahres haben 175 000 Menschen in der Frobelstrafie geschlafen.
Noch im Jahre 19 19 - im ganzen Jahr 19 19 - waren 75 000 obdachlos.
Was wird im Winter 1924?
Es wird vorlaufig Friihling, und der Tiergarten ist grofi. Banke sprie-
fien in den Alleen.
Frankfurter Zeitung, 9. 3. 1924
DIALOG UBER DAS WOCHENEREIGNIS
Alfred und Eduard stritten iiber das wichtigste Ereignis dieser Woche.
Alfred sagte: »Das Wichtigste in dieser Woche war doch der Ent-
schlufi, den Reichstag aufzulosen. Ein historischer Abschnitt in der
Geschichte unserer Republik.« Darauf entgegnete Eduard:
»Haben Sie noch immer nicht gemerkt, dafi die wichtigsten Ereignisse
nicht die ausgesprochen politischen sind, sondern ihre geringer ge-
schatzten Begleiterscheinungen? Sie stellen sich gewohnlich dann ein,
wenn die menschlich private Dummheit dem Politiker das Konzept
verdirbt. Denn die Politik wird von Menschen gemacht und ist von
deren Schwachen starker beeinflufit als von deren Weltanschauung. «
Alfred: »Auf welche Begleiterscheinung spielen Sie nun an?«
Eduard; »Ich meine die Duellforderung der drei volkischen Abgeord-
neten an den Abgeordneten der Deutschen VolksparteL«
Alfred: »Das war doch eine leere Geste. Die Schiefifreudigen wufiten
doch, dafi Cremer die Forderung nicht annehmen wurde!«
Eduard: »Eben dariiber liefie sich streiten. Vielleicht iiberschatzen Sie
die Voraussicht eines volkischen Mannes. Wer selbst noch in der Welt
des Ehrenkodex lebt, wer iiberhaupt einer biirgerlichen Ehrenkaste an-
gehort, kann sehr schwer geneigt sein anzunehmen, dafi sein derselben
oder einer ahnlichen Kaste angehorender Nachbar verniinftiger sei als
er selbst. Innerhalb eines Offizierskasinos herrscht gesellschaftliche
Eintracht, weil alle das gleiche Niveau zu besitzen vermeinen. Nicht
die Leistung verursacht die hohere Stellung, sondern die Geburt oder
1924 85
eine bestimmte Zahl der Dienstjahre. Mit jener hat sich der Korps-
mensch abgefunden. Das Gesetz von der hoheren Geburt dieses oder
jenes Menschen ist ein Teil seiner Religion. Und was die Dienstjahre
betrifft, so hofft er ja, sie auch noch zu absolvieren. Der Leutnant ist
die Vergangenheit des Generals, der General die Zukunft des Leut-
nants. Der Respekt des Leutnants vor dem General ist eigentlich die
Hochachtung vor seiner eigenen Zukunft. «
Alfred: »Was hat das nun mit der Duellaffare zu tun?«
Eduard: »Sehr viel. Der Geforderte ist Reserveoffizier. Er gehort also
auch der Kaste des Ehrenkodex an. Die Herausforderer ebenfalls. Sie
konnen glauben, dafi ein Unterschied zwischen ihnen und ihrem Geg-
ner in der politischen Weltanschauung bestehe, aber nicht in der Auf-
fassung iiber angebliche >Ehre<.«
Alfred: »Und Sie trauen den Volkischen, die Meuchelmorde guthei-
fien, den Mut zu einem offenen Kampfe zu?«
Eduard: »Jeder Angehorige einer biirgerlichen Kodexkaste kann das
Opfer seines Ehrbegriffes werden. Die Sitte ist starker als die natiir-
liche Feigheit. Gabe es unter den Schafen solche moralischen Ehrbe-
griffe, wie sie die Menschen geschaffen haben, die Schafe wiirden den
Wolf zum Duell herausfordern und nicht vor ihm fliehen, wie es na-
turlich ist. Glauben Sie, dafi der Korpsstudent keinen Mut besitzt,
wenn er sich die Nase zerhacken lafit? Er ist >mutig<, weil er sich
schamt, mit einer unversehrten Nase durchs Leben zu gehen. Die Vol-
kischen hatten Erzberger vielleicht nicht meuchlerisch getotet, wenn
wir noch in einer Welt leben wiirden, in der ein Mann, der sich nicht
auf ein Gottesurteil einlafit, gesellschaftlich erledigt ware. Sie hatten
wahrscheinlich Erzberger auf Pistolen gefordert. Dadurch waren sie
nicht etwa sittlicher, denn der Wunsch zu morden macht den M order,
nicht die Mordtat allein. Vor einiger Zeit wollte ein Studentenkorps
einen Dichter fordern, durch dessen Drama es sich beleidigt wahnte.
Unfahig, aus der geistigen Einstellung und Physiognomie des Gegners
auf dessen fortgeschrittenen Ehrbegriff zu schlie£en, glauben sie, der
Gegner stecke noch genauso im Mittelalter wie sie selbst. Und nur jene
Gegner, von denen sie wissen, dafi sie sich aus Prinzip nicht duellieren,
ermorden sie. Weder der Zweikampf noch der Mord hat etwas mit
Mut zu tun. Mut ist eine geistige Tugend, keine korperliche. Die kor-
perliche Angriffslust setzt dann ein, wenn die geistigen Argumente
ausgehen. Zu alien Zeiten teilten sich die Menschen in Denker und
86 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ritter. Die Denker fochten keine Zweikampfe. Die Ritter dachten
nicht. Statt der Gedanken besafien sie Muskeln, Keulen oder Schwer-
ter.«
Hier wurde Alfred ungeduldig, und er unterbrach Eduards Vortrag:
»Ich merke noch immer nicht die Wicbtigkeit dieser Duellforderung!«
Eduard erwiderte:
»Das kommt noch. In Landern, in denen das parlamentarische System
noch schwacher ist als der Kodex, gibt es jede Woche politische Duell-
forderungen: in Ungarn und in Polen zum Beispiel. Aus der Sprache
der Politik in die der Philosophic ubersetzt, heifk >parlamentarisches
System< System des Gedankenaustausches. Wer seine Gedanken aus-
tauschen kann, fangt an, sich zu prugeln. Wo das Gehirn versagt, tritt
der Muskel in Tatigkeit. Und die Duellforderung der Volkischen war
eigentlich eine Wahlpropaganda. Sie gefallt alien jenen, die aus Mangel
an Gehirn mit der Faust oder mit der Pistole kampfen. Und es ist
symptomatisch fur die Entwicklung des deutschen Volkes, daf5 die
Anhanger des Bizeps, der Pistole, des Duells gewahlt werden. Wir
werden bald mehr Schiisse als Gedanken in Deutschland zu horen be-
kommen.«
»Ganz richtig«, erwiderte Alfred, »aber ist nicht ein Schufi aus der
Pistole eines Volkischen, selbst wenn er mich trafe, immer noch ange-
nehmer als ein Gedanke aus seinem Hirn?«
Vorwarts, 9.3. 1924
ZWEI FILMSENSATIONEN
Die zwei letzten Filmsensationen dieses Winters sind: der Nibelungen-
film des Regisseurs Fritz Lang und Richard Oswalds »Carlos und Eli-
sabeth*. Zur Urauffiihrung des ersteren sind Reprasentanten der Of-
fentlichkeit und der Gesellschaft durch geradezu buttenpapierene Ein-
ladungskarten gebeten worden, auf denen man nicht vergessen hatte zu
vermerken, dafi die Gaste »im Gesellschaftsanzug« zu erscheinen ha-
ben. Der gesellschaftliche Geschmack des Regisseurs hat mit seinem
kiinstlerischen nichts zu tun, und also durfte weder dieser Wink mit
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dem Knigge-Zaunpfahl noch eine andere, erst spater bekannt gewor-
dene Lacherlichkeit Vorurteile gegen den Nibelungenfilm erwecken:
Der Regisseur hatte namlich am Tage der Urauffiihrung den Sarg
Friedrichs des Grofien in Potsdam mit einem Kranz schmiicken las-
sen, dessen riesengrofie Schleife die Worte enthalt: »2ur Premiere des
Nibelungenfilms Fritz Lang«. Es klingt wie ein Witz - aber nur dem
Ohr desjenigen, der die Berliner »Branche« nicht kennt. Die Film-
branche ist jung, und innere Kultur ist ohne die ehrwiirdige Patina
der Tradition selten. Nur ein ganz Boshafter konnte annehmen, dafi
dieser Akt der Pietat auch einer der Reklame war, und die Berechti-
gung dieser Annahme wiirde gestiitzt durch zwei Tatsachen: erstens,
daf? wirklich viele Potsdamer und Berliner und Fremde das Grab des
grofien Konigs besuchen, und zweitens, daf? in der Seele der »Bran-
che« (wie auch in der anderer Interessenten) ein aufierlicher Patriotis-
mus und der Profitgeist gewissermafien Tiir an Ttir nebeneinander
wohnen.
Hatte nun der Regisseur des Nibelungenfilms versucht, zwischen sei-
ner Tatigkeit und dem toten Reprasentanten Preuftens eine Beziehung
herzustellen, so hielt sich der Regisseur des Carlos-Films mehr an die
lebendige Obrigkeit: Er vereinigte bei einem seiner Festessen Manner
der republikanischen Regierung mit Vertretern seines Faches und
konnte sogar den Prdsidenten des Reichstags zu seinen Gasten zahlen.
Es wurden Reden iiber die Bedeutung der »nationalen Filmkunst« ge-
halten und in den Berliner Zeitungen gedruckt. Zwar konnte die Er-
fanning, dafi die wirklichen unsterblichen Meisterwerke der Kunst
ohne die Geburtshelfer der Publizistik und der Regierungen das Licht
der Welt erblickt haben, die unter solch reprasentativem Posaunen-
schall geborenen Filmwerke ein wenig verdachtigen. Dennoch mogen
die Begleiterscheinungen auf das Konto des herrschenden Zeitgeistes
gesetzt werden.
Das Manuskript fur den Nibelungenfilm LTeil hat Frau Thea von
Harbou geliefert. Sie halt sich mehr an eine der vielen (vielleicht an die
Schwabsche) Bearbeitungen der Nibelungensage als an den Text des
Nibelungenliedes. Der Film beginnt mit »Jung-Siegfried wie er sein
Schwert schmiedet« und endet mit Siegfrieds Tod und Kriemhildens
Racheschwur. Das ehrwiirdige Alter des Nibelungenliedes und seine
nationale Bedeutung haben die langdauernde, muhsame und sorgfal-
tige Regie Langs eigentlich als eine Selbstverstandlichkeit erscheinen
88 DAS JOURNALISTISCHE WERK
lassen. Sie ist also ein Verdienst zweiten Ranges. Ein objektives Ver-
dienst besteht ferner darin, dafi man durch diesen Film das Interesse
breiter, durch die Macht der Jahrhunderte und der modernen Lebens-
bedingungen der deutschen Vorzeit entfernter Volksmassen fur das
bedeutendste literarische Dokument unserer Vergangenheit geweckt
haben durfte; obwohl man leider kaum annehmen darf, dafi ein gro-
fierer Teil der Zuschauer das Nibelungenlied etwa lesen wird. Allein
schon die anschauliche Vermittlung einer versunkenen Welt ware ein
lohnendes Unterfangen gewesen - wenn dieser Welt Gerechtigkeit
widerfahren ware; wenn man die unheimliche Diisterkeit, das mythi-
sche Halbdunkel, die rauhe Gekluftetheit, die unerbittliche Schick-
salswucht der Nibelungenwelt gegeben hatte. Statt dessen gab man
eine sanfte Bearbeitung der Nibelungen fiir Kulturmenschen zwi-
schen zwolf und siebzig. Siegfried ist ein schoner blonder Apollo;
Kriemhild eine jiingere Juno; Brunhild eine gesittete Medea; Hagen
von Tronje ein antizipierter unheimlich wilder Jesuit. Eine sanfte
Frauenhand glattete die diistere Grofie der mythischen Welt, den
Kampf zweier Zekalter, zu einer mehr griechischen als germanischen,
sagenhaften Begebenheit. So sind die Szenerien (der Wald, die Hallen,
die Hohlen, die Briicken, die Quellen) Bilder einer Phantasie, die das
christliche Mittel alter, das bereits vorgeschrittene Volksmarchen, die
uberlieferte Antike verarbeiten, die aber niemals heimisch war in der
erschreckenden, verstandesmafiig gar nicht faflbaren, grofien Grau-
samkeit der Nibelungenwelt. In diesem Film ist sie niemals unheim-
lich, hochstens manchmal gruselig. Nur eine Darstellerin, allerdings
eine der besten Filmschauspielerinnen, die es uberhaupt gibt: Frida
Richard, konnte als Nome intuitiv in zwei, drei kurzen Augenblicken
eine Ahnung von der metaphysischen Verbundenheit jener Mythen-
welt geben. Sie allein war in den Bezirken, in denen Himmel, Holle
und Erde verschmolzen. Die anderen wandelten auf kultiviertem
Parkett. So erwies es sich, da£ die Pietat gegeniiber der Vergangenheit
seines Volkes, auch wenn sie sich in Grabeskranzen auflert, zur
Nachschaffung einer bewufit nicht fafibaren Schopfung niemals aus-
reicht. Dazu gehort eine tiefe Verbundenheit mit jenem unbewufken,
zwischen Sinn und Unsinn gelagerten Bezirk, aus dem das Volkslied
kommt, der Schrei des Tiers, der Quell und das Volk selbst. Eine
kleine Zeitspanne weiter liegt bereits die Region des Bewufiten, der
Geschichte, des symbolischen Mythos, wie er den Griechen und R6-
1924 89
mern eigen war, dem Menschen der durch Verstand und Gefuhl zu
gleichen Teilen geschaffenen Form; niemals der triebhaft dammern-
den Germanenwelt.
Der Regisseur Lang vertiefe sich beim zweiten Teil in das Nibelungen-
lied selbst. Er spare sich und dem alten Fritz die Kranze und beaufsich-
tige die glattend schaffende Verfasserin und korrigiere die weichen
Formen, die ihre Frauenhand zeichnet. Ein Nibelungenfilm braucht
knorrige.
Der Regisseur Oswald kann leider nichts mehr besser machen. Der
Don-Carlos-Stoff ist erschopft. Der Film vermochte nicht das edle
Pathos der Verse durch ein edles Pathos der Bilder zu ersetzen. Er
konnte nur die Fabel geben, die eine sehr interessante Haupt- und
Staatsaktion ist. Eine spannende Angelegenheit toter, begrabener K6-
nige zwischen schonen, geschmackvollen Szenerien. Der poetische
Wert dieses Stoffes liegt im Ethisch-Abstrakten, das Schiller be-
herrscht hat. Der Film bleibt eine historische Illustration zu einer Pri-
vatangelegenheit historischer Personlichkeiten. Er vermittelt das Hin-
tertreppenmilieu eines Geschichtsabschnittes. Aber nicht die mensch-
liche Tragik einer Konigsfamilie. Ein Shakespeare des Films konnte
es. Ein Richard Oswald ware in einer filmlosen Zeit etwa ein Bilder-
liebhaber geworden, ein Sammler, ein Malergalerienerbauer, ein
kunstlerischer Buhnendekorateur. In seiner Pupille fangt sich das Ge-
schehen der Welt, nicht in seiner Seele. Mit dem Auge allein schafft
man auch Filmtragodien nicht.
An beiden Filmen ist sehr lange und sehr kostspielig gearbeitet wor-
den. Ein Argument der »Branche« gegen die Kritik, die angeblich so
leicht mit der Verurteilung eines mit komplizierten Apparaten zu-
stande gebrachten Werkes ist. Als ob die Dauer der Entstehung und
die technischen Komplikationen eine Dauer der Urteilsbildung vor-
aussetzten! Wenn Gott Millionen Jahre gebraucht hat, um die Welt zu
erschaffen, so geniigt doch der erste bewufite Augenaufschlag eines
Kindes, damit es sich an ihr erfreue. Das gelungene Werk begeistert
sofort. Die Begeisterung erfordert kein Studium.
Frankfurter Zeitung, 12.3. 1924
REICHSTAGSAUFLOSUNG
Ware ich ein Lyriker, ich wiirde versuchen, die wolkenlose Himmels-
blaue des 13. Marz 1924 in einen symbolischen Zusammenhang mit der
Auflosung des Reichstags zu bringen, die sich an diesem denkwiirdi-
gen Vorfruhlingstag zugetragen hat. Einem okkultistisch Orientierten
gabe das ominose Datum Veranlassung zu diisteren Horoskopen.
Mich aber zwingt vielseitige Chronistenpflicht, festzustellen, dafi in
zeitlicher Nachbarschaft der Reichstagsauflosung auch das Ende des
XII. Berliner Sechstagerennens stattgefunden hat und dafi dieses einer
starkeren Aufregung Ursache war als der Tod des ersten deutschen
republikanischen Parlaments.
Er war unnatiirlich, aber keineswegs gewaltsam. Die meisten Abge-
ordneten saften wahrend der Agonie in den Speisesalen (in diesem par-
lamentarischen Restaurant, in dem, charakteristisch fiir Deutschland,
die Abgeordneten nach Parteien getrennt zu essen pflegen: Nationale,
Volksparteiler und Volkische sitzen in einem Saal, den die Journalisten
»Monarchistensaal« nennen. Wie tief sind die Kliifte zwischen den
Weltanschauungen, wenn ihre Vertreter sogar bei der menschlichsten
aller menschlichen Schwachen: dem Essen, jede Gemeinsamkeit mei-
den!). Viele wanderten rauchend in den Wandelgangen und unterhiel-
ten sich. Politisch »Eingestellte«, Parlamentsberichterstatter, Leute
vom Fach mogen aus diesen Spaziergangen entnehmen konnen, daft
sich irgend etwas hinter den Kulissen der Weltgeschichte ereignet. Den
harmlos Unpolitischen gemahnten die gemachlichen Plaudereien in
Korridoren an die entfernten und nur gesellschaftlich interessierten
Verwandten eines Mannes, der im Nebenzimmer stirbt, dessen Tod
seit Wochen unabwendbar gesichert ist und iiber dessen Verlust bereits
alle getrostet sind. Das Mittagessen in den Speiseraumen glich einem
vorgreifenden Totenmahl. Es mundete alien Teilnehmern vorziiglich.
Der Reichskanzier Marx bestieg das Podium, zu meiner grofiten Ent-
tauschung ohne jene »rote Mappe«, von der alle vorhergegangenen
Zeitungsberichte so ausfuhrlich erzahlt hatten. Ich hatte gerne gewufk,
ob sie aus Papier, Leinwand oder Saffian besteht.
Auf dem Platz des Reichskanzlers aber lag eine grime Mappe, eine
ausgesprochen grime papierne Mappe. Er las die Auflosungsformel
sachlich, nuchtern, von Herrn Ledebour unterbrochen. Dann dankte
1924 9i
der Abgeordnete Fehrenbach dem Prasidenten des Hauses fur die
sorgfaltige Geschaftsfiihrung. Dieser aber walzte den Dank auf die
Schultern der Reichstagsbeamten ab und fuhr mit einer Grabrede fort.
Er freute sich festzustellen, daft die Einigkeit des Hauses sich wenig-
stens in jenen Stunden wahrend der ganzen vier Jahre gezeigt, in denen
man Tote zu beklagen hatte. (Welch ein furchtbarer Trost! Welch ein
menschlichkeitsvernichtender Beruf, die Politik, deren Jiinger erst im
Angesicht des Todes voreinander Achtung bekommen! Wie stirbt hier
die Hoffnung auf Briiderlichkeit, deren Briicken wir bauen - jenseits
der Politik.)
Auch von kommenden Geschlechtern sprach der Reichstagsprasident.
Auf ihr gerechtes, weil distanzierter abwagendes Urteil iiber den ersten
Reichstag der Republik verliefi er sich. Indessen weilte der Geist der
Volksvertreter bereits bei der Agitation. Ich sah ihre Gesichter. Viele
verrieten Ehrgeiz, wenige Geist. Einige wirkten schon wie Wahlpla-
kate. Wenn Schultern Physiognomien hatten - vielleicht hatte sich
auch die Gelegenheit ergeben, jene zu sondern, auf denen die Verant-
wortung zu ruhen pflegt.
Ich ging an geschmacklosen Statuen vorbei, Gestalten voll billiger
Symbolik, und roch in den Nischen die Atmosphare der Agitation.
Gebardenspaher und Geschichtentrager tuschelten, Stimmungsbilder-
maler schrieben Phrasen, fur den Wahlkampf engagierte Karikaturi-
sten aller Parteien umschlichen, nach Siinden im Antlitz des Gegners
suchend, die neuen Kandidaten, die alten Kandidaten. Eine groKe
Wehmut liberfiel mich . . .
Nachschrift: Die im Vorstehenden geaufierte Melancholie erhalt ihre
Bestatigung durch die nachtraglich bekanntgewordene Verhaftung
zweier Abgeordneter: des Kommunisten Frolich und des Volkischen
Henning. Es ist aus Griinden der Paritat geschehen. Die ausgleichende
Gerechtigkeit wartete auf die Stunde, in der die Immunitat erlosch.
Frankfurter Zeitung, 15. 3. 1924
Berliner Bilderbuch
Der Chronist, bemiiht, die Symptome der Zeit und des Ones aufzu-
zeichnen, verweilt, von ohnmachtigem Groll erfiillt, bei der Geschichte
jener Inderin, die vor einigen Tagen, in den Vormittagsstunden, iiber
den Prager Platz zu ihrem Musiklehrer eilte und von einem einheimi-
schen Betrunkenen angefallen wurde. Der Berliner, der angeblich ein
angestrengt arbeitender Groftstadter ist, versammelte sich in einer Aus-
gabe von einem Dutzend Exemplaren und sah zu, wie der Betrunkene
die Inderin priigelte. Der indische Nachnchtendienst, der diese Bege-
benheit an die breitere Offentlichkeit gelangen liefi, teilt nicht mit, wel-
cher Fiigung die indische Frau es zu verdanken hatte, daft sie nicht als
Opfer volkischer und alkoholischer Vaterlandsliebe tot auf dem Prager
Platz blieb. Denn ich wunderte mich auch, als ich horte, dafi ein Dut-
zend Manner dem Kampf zwischen einem Landsmann und einer Rasse-
fremden passiv zusehen konnte; ich wunderte mich dariiber, dafi die
Zuschauer nicht ebenfalls die Gelegenheit ergriffen hatten, eine Inderin
zu bekampfen, zumal, da sie ja wehrlos war. Es ware auch eine pracht-
volle Gelegenheit gewesen, »Deutschland iiber alles« zu singen. Ob-
gleich kaum zwei Jahre seit jenem Tage verflossen sind, an dem Rabin-
dranath Tagore durch einen Vortrag an der Statte unserer nationalalko-
holischen Wiedergeburt, der Berliner Universitat namlich, eine Verbin-
dung zwischen indischen und deutschen Vollbarten herzustellen be-
miiht war, scheint dieses Ereignis heute bereits nicht mehr von dauern-
dem Einflufi zu sein. Denn selbst, wenn der Betrunkene ausnahmsweise
kein deutscher Student gewesen sein sollte, so ist zwischen ihm und der
Wissenschaft doch unbedingt eine innere Beziehung vorhanden - und
ware es auch eine mittelbar durch Kahibaum und Patzenhofer, den
beiden Wiedergeburtshelfern der Nation, hergestellte; und fiihlte er
nicht die Bindung zwischen Deutschtum und Tagore, so hat dieser
umsonst in Deutschland geweilt.
Es ist freilich noch eine andere Annahme moglich: dafi der betrunkene
Kampfer und die nuchternen Zuschauer die Inderin fur eine Jiidin ge-
halten haben. Um so verwunderlicher freilich ist ihre Rettung und die
Passivitat der zusehenden Kreise.
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Freilich hat diese Begebenheit auch noch eine Pointe: Obwohl namlich
die Verpriigelte keine Jiidin war, sondern eine Inderin und die Schilde-
rung des Vorfalles den jiidischen Blattern Berlins in deutschnationaler
Beziehung nicht geschadet hatte, erzahlten sie diese amiisante und
lehrreiche Geschichte an sehr verborgenen Stellen, wobei in dem Wett-
kampf um die - Verheimlichung der Veroffentlichung das »Berliner
Tageblatt« gegen die »Vossische« siegreich blieb. Der Lokalredakteur
eines anderen jiidischen Blattes, den ich fragte, weshalb er die interes-
sante Mitteilung der indischen Korrespondenz nicht gebracht habe,
sagte mir: »Wissen Sie, man bekommt dann von nationalen Lesern
solche Zuscnriften! Lieber nicht! « Der indische Nachrichtendienst, der
wahrscheinlich mit grofien Hoffnungen die Versendung seiner Notiz
unternommen hatte, wird sich wundern, wie gering die Entriistung der
demokratischen Kulturjuden Berlins sein kann, wenn es die Furcht vor
einem auch nur zuschriftlichen Pogrom erheischt.
Dagegen hat, wer in sechs Spalten iiber das Sechstagerennen taglich
berichtet, keinen Pogrom zu furchten. Denn dieses (in der »diesjahri-
gen Saison« bereits das zweite) dient der Ertiichtigung einer unter dem
Zwang zur militarischen Dienstfreiheit seufzenden Nation, die unter
der Polizeistunde fast genauso zusammenbricht wie unter der Weima-
rer Verfassung. Das Velodrom am Kaiserdamm fiillt sich erst nach
zwolf Uhr nachts. Auf der giatten Scheibe rollen die Manner auf Ra-
dern, in bunten Jacken, wie phantastische Kreisel. Manchmal stiirzt
einer namens Blekemolen. Ach, es ist nichts, er hat nur das Hiiftgelenk
verrenkt, er nimmt eine innere Sektmassage und beginnt wieder zu
kreisen. Manchmal treibt einen armen Teufel der Ehrgeiz, der unter-
nimmt »Vorstof5e« so, dafi sogar das Logenpublikum Interesse ge-
winnt. Das Logenpublikum ist nicht leicht begeisterungsfahig. Sektkii-
bel haufen sich zu seinen Fiiften. Belegte Brotchen, Kaviar, Schinken,
Eier tiirmen sich auf den Tischen. Von den diensteifrigen Kellnern um-
wedelt, durch Brieftaschen brustgeschwellt, im Vollgenufi einer
schrankenlosen Nacht, verlangt dieses Publikum mehr Sensation, als
ein wundgelaufener Kreisel bieten kann. Es jauchzt, wenn drei, vier
Rennfahrer zusammenstoften und einen Knauel aus blitzendem Stahl,
blutenden Nasen, zerschundenen Knien bilden. So jubelte einmal die
romische Bourgeoisie, die sich noch anders nannte, rings um die
Arena. Damals lagen die Proletarier unter Lowen, heute sitzen sie auf
Radern. Neu ist nur der Schreibtisch der Berichterstatter, Augen, Oh-
94 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ren und Schalltrompeten der Offentlichkeit. Wie lauern sie geduckt,
als saflen sie selbst auf Radern, nach Neuigkeiten spahend, im Dienste
des Verlegers, zu Nutz und Frommen der Abonnenten, die heute den
Wunsch nach einem intimen Nachtlokal verspiirten, aber morgen
orientiert sein miissen; und jener, die zwar anwesend, aber hinter den
Vorh'angen mit geheimnisvollen Dingen beschaftigt sind, heute noch
sich und morgen erst ihre Neugier befriedigen. Es ist ein symboli-
sches Rennen jener, denen man einredet, sie rasten einem Ziel entge-
gen, und die nicht sehen konnen, dafi sie zwecklos, ziellos in einem
unbarmherzig geschlossenen Kreis ohne Anfang, ohne Ende rennen
miissen, wahrend die andern Rentenmarkbrocken aus den Logen hin-
unterwerfen.
Ich habe noch ein anderes Velodrom besucht, den Reichstag namlich,
der in diesen Tagen die Aktualitat einer langst abgetanen, aber im Ster-
ben liegenden Beruhmtheit gewinnt. Es ist die Aktualitat der Nekro-
loge, die bereits in den Setzereien fertiggestellt werden. Ich »bewegte
mich in den Wandelgangen« der schlangenformigen Arena der Politi-
ker, den Rummelplatzen der Abgeordneten, den Kulissen der vaterlan-
dischen Geschichte, hinter denen die parlamentarischen Schmocke den
Stoff zu ihren Stimmungsbildern und den Heeresberichten iiber »die
politsche Lage« entweder sammeln oder fabrizieren. Ich sah die Ver-
treter des Volkes, eine selige Immunitat lag auf ihren biedern Gesich-
tern, und ihre Schultern bangten schon um die »schwere Last der Ver-
antwortung«. Sie hielten die Hande auf dem Riicken, sie aften Knack-
wiirste und erzahlten einander Witze und begaben sich dann und wann
in den Saal, um zu horen, ob die Sitzung noch anhalte. Drinnen safien
ein paar Minister und Stenographen, und ein Grammophon redete.
Einige Grammophone aufier Betrieb bildeten offenbar die »Fraktions-
genossen«. Eine grofte Furcht iiberfiel mich, die Furcht vor dem noch
gar nicht gewahlten, aber unausbleiblichen Reichstag, und ich hatte die
Vision einer Verschmelzung von Sitzungssaal und Reichtstagsbuffet.
Ich sah die Bierfasser in den Saal rollen, die volkischen Schinken, die
agrarischen Schweinskeulen, die junkerlichen Ochsenkopfe. Noch
grausiger aber war die Vision, die mich drauften, vor dem Hause, be-
fiel: Da sah ich, rings um die Siegessaule, zu faschiertem Fleisch ge-
wandelt, das deutsche Volk, dessen Vertreter drinnen »berieten«.
Der Drache, 18. 3. 1924
1924 95
Der Kronprinz ist wieder vorhanden.
Er kam vor einigen Tagen nach Potsdam. Dort muE er - in der Villa
Liegnitz »weilen«. Tagsiiber kann er nach Berlin fahren. In zwanzig
Minuten ist er da.
Der jiidische Reporter einer demokratischen Zeitung hatte naturhch
die Nachricht zuerst. Aber in dem Wettkampf zwischen journalisti-
scher Findigkeit und der Man-kann-nicht-wissen-Gesinnung siegte
diese. Der Reporter horchte dem »Verlauten an mafigebender Stelle«.
Hierauf beruhigte er sich: der Kronprinz komme nicht zu politischen
Zwecken. Vielmehr ware sein Zahnarzt das Ziel seiner Reise. Man
weifi es noch aus der Schule: Zahnschmerzen waren immer die beste
Ausrede.
In Oels gibt es leider keine modernen Zahnarzte. Die dynastischen
Zahnschmerzen des Thronkandidaten beginnen sofort, wenn diese
die republikanische Zugluft ihrer Heimat flihlen. In Holland hatte er
kein Zahnweh, der Kronprinz. Hier aber beginnt es, in den Kiefern
zu zucken. Das Gebif? des dekadenten Raubtiers sehnt sich nach der
heimatlichen Beute. Der Zahn der Weisheit lockert sich. Man ver-
langt wieder nach den goldenen Kronen. Volker und Zahnarzte set-
zen sich auf kariose Kopfe und Zahne. Die Verschwiegenheit der De-
mokratie ist grofi. In ganz Deutschland spurst du keinen republikani-
schen Hauch. Aber in Potsdam einen monarchistischen. Er bewegt
viele schwarz-weift-rote Fahnen, wedelnde Schwanze gruEender Un-
tertanenhauser.
Ich will auch was sehn. Ich fahre nach Potsdam. Die feudalen Herren
tragen neue Lodenhiitchen und griine Waidmannsrockchen, sie sehen
aus wie Maienwiesen. Die Damen haben immer noch die Sommerhute
der Kaiserin Auguste Viktoria. Sie kammen die Haare straff aus der
Stirn. Der Zuschauer empfindet Schmerzen. Auf dem Kopfe erhebt
sich ein stolzer Knotensockel, eine Siegessaule aus Haaren. Wohltatig
hochgeschlossene Blusen verhullen die Biisten. Ein Hakenkreuz wacht
als Tugendschutz uber lockere Knopfe. Gesegnet sei das Hakenkreuz!
Seit zwanzig Jahren hat sich nichts in Potsdam geandert. Der Kron-
prinz hat es auf den ersten majestatischen Blick wiedererkannt.
Vor Gericht stand nach langer Zeit wieder Herr Mullet von Hansen.
Er ist der Verfasser oder Verbreiter des Buches Die Weisen von Zion.
Aber nicht dieses Buches wegen war er angeklagt. Es ist wahrschein-
lich die Privatlektiire vieler Richter. Es beeinfluftt jedenfalls die offent-
96 DAS JOURNALISTISCHE WERK
liche Gerechtigkeit in Deutschland. Seine Grundsatze werden viel-
leicht die Abfassung des neuen biirgerKchen Gesetzbuches unter-
stutzen. Hitler hat es angekiindigt. Das Buch liegt auf den Nachtkast-
chen deutscher Frauen. Nebst Nachthauben und Irrigatoren gehort es
zu den dringlichsten Geraten jedes deutschen Hauses. Es ist ein geisti-
ges Familienalbum. Eine arische Bibel. Neben Spenglers Untergang
der grofite Bucherfolg des Jahrhunderts. In den Schulen nur deshalb
noch nicht eingefuhrt, weil die Kinder es schon zu Hause lernen.
Demnach sollte Boelitz nicht zogern!
Dieses Buches wegen kann man nicht angeklagt werden. Miiller von
Hausen hatte behauptet, der Fries am Hause Rathenaus stelle 60 abge-
schnittene Konigskopfe dar. Die alte Frau Rathenau klagte. Miiller von
Hausen war zuerst zu 900 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Jetzt
sprach ihn die sechste Strafkammer des Landgerichts III frei. Vorsit-
zender war der Herr Ohne$orge> der George Grosz verurteilt hatte.
Die Begriindung lautete: Miiller von Hausen sei heute noch so dumm,
da!5 er die Behauptung »wider besseres Wissen« aufgestellt habe. Es
stehe nicht fest, ob der Miiller von Hausen nicht heute noch iiberzeugt
sei, dafi der Fries Konigshaupter darstelle. Sie nimmt die lebendigen
Idioten in Schutz vor den toten Anstandigen, aber wenn ein lebender
Anstandiger einen toten Idioten (zum Beispiel einen Konig) so oder
ahnlich gelastert hatte, so ware der Paragraph »wider besseres Wissen«
nicht in Funktion getreten. Seid Ohnesorge.
Ich habe mir natiirlich den Verfasser der Weisen von Zion angesehen.
So was lebt sogar in Deutschland nur einmal. Stellt euch eine ehrwiir-
dige Borniertheit vor! Jene Gattung graugewordener Impotenz, deren
einzige Mannlichkeit in der Ignorierung der Friseurladen besteht; im
wallenden Wotansbart: dann habt ihr sie. Von dem alten Rabbinerge-
schlecht unterscheidet sie sich durch einen stupiden Zorn. Der Richter
halt ihr vor, dafi sie doch wissen muEte, dafi der alte Rathenau ein
Monarchist gewesen sei. »So'n Fries bringt man aber doch nicht an!«
sagte der alte Miiller. Das tut man nicht! Obwohl ich mir nichts Ein-
dringlicheres vorstellen kann als 60 abgeschlagene Furstenkopfe an
einem anstandigen Hause. Wirkliche Kriegsware. Wurde ich dafiir an-
geklagt, ich beriefe mich auf den Paragraph 189; ich hatte wider besse-
res Wissen gehandelt. Ich hatte die 60 Fiirsten irrtumlich fur 60 Mor-
der gehalten und an ihnen die gerechte Strafe vollzogen.
1924 97
Der Wahlkampf hat begonnen. Erne neue Partei ist auf den Plan getre-
ten. Sie heifit »Nationale Freiheitspartei«. Ihr Programm lautet: »Was
rettet uns?« Antwort: »i. Hermann, der Befreier. 2. Siegfried, der
Furchtlose. 3. Liebknecht, der Martyrer. 4. Michael mit dem Schwert
(Offbg. Joh.). 5. Johannes, der Arzt.« Das »Aktionskomitee fur Volks-
befreiung« leitet der Herr Kurt Wahlmann (wie symbolisch!). Der ist
auch Inhaber des Kulturbundes Kaiserkorso 155, halt Sprechstunden
von 3 - 4 ab und beschaftigt sich mit: »Operationslosen Verjiingungs-
kuren; mit magnetopathischer Behandlung; mit geschlechtshygieni-
scher Beratung fiir Ehekandidaten.« Ich hoffe, dafi die Deutschen die
Nationale Freiheitspartei warden werden. Sie finden hier alles: Lieb-
knecht, Arminius, das neue Testament und die Verjiingung. Weshalb
sollten im Reichstag keine Magnetopathen skzen? Weshalb sollte er
nicht zu einer Stelle fiir geschlechtshygienische Beratung umgewandelt
werden? Die politische Gonorrhoe grassiert ohnehin in gewissen Par-
teien.
Der Drache, 25. 3. 1924
Ein Diplomat, der ein Mensch war, ist gestorben. Der Gesandte der
tschechoslowakischen Republik: Tusar, einer der wenigen Sozialisten
im europaischen Diplomatenkorps, eine fiihlende Brust unter Larven,
ein Geschickter unter Gesandten, ein Ehrlicher unter Heuchlern, ein
Kopf unter glattfrisierten Schadeln, ein Aufrechter unter Reptilien.
Wahrend ich dieses schreibe, zweifle ich, ob ich berechtigt bin, diese
schmerzliche Todesnachricht im Rahmen eines Berliner Tagebuches
zu behandeln; und ich gestehe von vornherein, dafi der Tod jenes
Mannes in Berlin keinen Eindruck gemacht hat. Er bekummerte ein
paar Politiker, ein paar Journalisten aufrichtig. Mehrere waren unauf-
richtig bekummert. Seine Todesursache war Krankheit. Die Beschleu-
nigung seines Todes verursachte die Veroffentlichung der gefalschten
Geheimakten, die ein iibereifriger Blattpatriotismus und eine aktuali-
tatsbeflissene Vaterlandsliebe auf dem Gewissen haben. Berlin wufite
nichts davon, dafi der Tod Tusars das wichtigste Wochenereignis war.
Ich habe ihn gekannt. Er war kultiviert und bescheiden, giitig und
klug, griindlich wie ein Deutscher und herzlich wie ein Slawe, ein ari-
stokratischer Proletarier, ein freier Parteimensch, ein humaner Natio-
naler, ein Kompromisse liebender Konsequenter, ein Idealist auf dem
98 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Boden der Tatsachen - und einer der seltenen, sehr seltenen Freunde
Deutschlands, der deutschen Republik. Ein Mann von diesen Gaben
schafft selbst durch seinen Tod noch Gutes: Der tschechoslowakische
Minister Girsa, der zur Totenfeier nach Berlin gekommen war, fand
Gelegenheit, in seiner Gedachtnisrede zweimal von der Freundschaft
Deutschlands und der Tschechoslowakei zu sprechen; trotz den ge-
falschten Geheimdokumenten, deren peinliche Wirkung Tusar durch
seinen plotzlichen Tod gemildert und zeitlich beschrankt hat.
Der tschechische Gesandte bewirkte in seinem Tod mehr Gutes als
hundert Diplomaten in ihrem leider allzu zahen Leben Schadliches.
Es vergeht fast keine Woche, in der ein volkischer Held nicht Gelegen-
heit fande, die Gnade republikanischer Gerichte leuchten zu lassen.
Der cand. jur. Niebuhr weigerte sich, der Vorladung der politischen
Polizei Folge zu leisten. Er schrieb ihr, dafi er sie nicht besuchen
konne, solange sie der jiidische Regierungsrat Weifl leiten werde. Man
mufi wissen, wer der Oberregierungsrat Weifi von der Berliner politi-
schen Polizei ist, um abzuschatzen, wie wenig der Kandidat Niebuhr
ist. Von der Weltanschauung und der politischen Gesinnung des
Oberregierungsrats trennt mich die ganze unsaglich dicke Mauer, wel-
che die burgerliche Welt begrenzt. Ich gerate also nicht in den Ver-
dacht eines vorurteilenden Beobachters, wenn ich feststelle, daft Weifi
einer der kliigsten, tiichtigsten, gerechtesten Beamten ist, die iiber-
haupt jemals zu einem undankbaren und gefahrlichen Posten verurteilt
waren. In der Gerichtsverhandlung behauptete der Jurist Niebuhr,
Weifi von der politischen Polizei ware der Vater eines in der letzten
Zeit verurteilten jugendlichen Raubmorders Kurt Weifi. Er war bei der
Verhandlung von einer so krankhaften Schimpfsucht befallen, daft der
milde Richter ihn fragte, ob er vielleicht durch eine Kriegsverletzung
in diesen Zustand der Raserei versetzt werde. Ach, nein! Der Kommi-
litone Niebuhr hatte den Krieg gar nicht mitgemacbt! Er war nicht
etwa von einer Granate verschuttet worden! Seine Tollwut findet ihre
Erklarung in dem Umstand, daft er Vorsitzender des »Deutschen He-
rold« ist. Mu£ da noch eine andere Gehirnbeschadigung gesucht wer-
den?
Dieser Jurist Niebuhr hat entweder bewufk gelogen oder gewissenlos
geredet. Denn der Raubmorder Weifi ist nicht der Sohn des Oberregie-
rungsrates. Aber der Vorwurf ist charakteristisch fur den Gerechtig-
1924 99
keitssinn des volkischen Juristen. Denn selbst wenn der Oberregie-
rungsrat das Ungliick hatte, eines Raubmorders Vater zu sein - wel-
cher Vorwurf trafe ihn? Kann etwa der Vater des Kandidaten Niebuhr
fur seinen Heroldssohn verantwortlich sein? Aber der Kurt Weift ist
ein anderer! Es gibt viele Leute dieses Namens. Fur die volkische Lo-
gik ist freilich der Gleichklang eines Namens bereits ein Argument.
Und gerade der Niebuhr hatte doch wissen mussen, wie wenig gleiche
Namen fur die Identitat ihrer Trager sprechen. Kann es doch selbst
einem volkischen Gehirn nicht einfallen, den Kandidaten Niebuhr mit
dem beruhmten Niebuhr zu verwechseln! Der Kandidat Niebuhr ist
ein Jurist. Freuen wir uns: Er wird Assessor, Richter, Staatsanwalt. Er
wird herrliche Urteile sprechen kraft seiner Tollwut, seiner Logik und
seiner Einsicht. Und seine Gerechtigkeit wird nicht etwa durch seine
»gliihende Vaterlandsliebe« gemildert werden, die ihm sein Richter be-
statigte. Wenn es dem Richter, der gewifi ein besserer Patriot als ich zu
sein glaubt, gefallt, die wahnwitzige Schimpfsucht eines bornierten
Rassisten als den Ausdruck »gliihender Vaterlandsliebe« gelten zu las-
sen - mir soil es recht sein. Niebuhr wurde zu zehn Tagen verurteilt
mit der fur gluhende Patrioten bereits obligat werdenden »Bewah-
rungsfrist.«
Die gliihenden Patrioten vom Schlage Niebuhrs diirfen sich freuen:
Die Polizeistunde ist bis 1 Uhr nachts verlangert worden. Der passive
Ruhrkrieg begann, wie man sich erinnern wird, mit einem pietistischen
Traktat Cunos, in dem von einer Einschrankung der nachtlichen Freu-
den die Rede war. Damals begann man, um 12 Uhr Schluft zu machen.
Die Volkischen hatten gar keine Gelegenheit, den fur aktive Wider-
stande notigen Mut zu fassen. Jetzt konnen sie es wieder. Was ein
deutschnationaler Student zwischen zwolf und ein Uhr nachts trinken
kann, davon haben weder die inneren noch die aufteren Feinde eine
Ahnung. Nun mogen sie anfangen zu zittern. Man riistet feuchtfroh-
lich in den Mampe-Stuben.
Die Burg Etzels ist abgebrannt.
Das geschah in Neubabelsberg, wo der Regisseur Lang die Aufnahme
fur den zweiten Teil des Nibelungenfilms mit eben jenem Brand voll-
endet hat. Man weifi, dafi der Regisseur Lang am Tage der Urauffuh-
rung des Nibelungenfilms einen Pietatskranz am Grabe Friedrichs des
100 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Grofien niedergelegt hat. Nun bin ich neugierig, welches Konigsgrab
er bei der Urauffiihrung des zweiten Teils zu schmiicken beabsichtigt.
Herrlich war der Brand in Neubabelsberg. 400 Leute waren eingela-
den. Feuerwehr und Schutzpolizei sperrten den Platz. Der Brand ro-
tete den nachtlichen Himmel phanomenal. In dem Gewimmei behielt
der Regisseur Lang Geistesgegenwart und Monokel.
Mitten aus den Trummern (altes Leben, aus den Ruinen bliihend)
tauchte eine deutsche Frauengestalt auf, mit dem Vornamen »Thea«.
Der Drache, 1.4. 1924
Aprilscherze: Die jiingste politische Partei Deutschlands, die Republi-
kanische, begab sich am 1. April zum Bismarckdenkmal, mit einem
schwarz-rot-goldenen Kranz ausgeriistet. Nach ihr kamen die Haken-
kreuzler mit einem schwarz-weifi-roten Kranz. Und es entwickelte
sich ein Kampf um das Recht zur Pietat.
Ich mufi gestehen: Ich freute mich. Da ist endlich eine anstandige Par-
tei, dachte ich, die Republikanische! Ei, seht! Sie wandert mit Kranzen
zum Bismarckdenkmal. Auch sie besteht aus jenen Deutschen, »die es
sich nicht nehmen lassen«. Als ob das Bekenntnis zu Bismarck sich
durch Kranze dokumentieren muflte! Was soil diese krampfhafte Be-
muhung jiidischer Intellektueller um die nationale Demonstration?
Was beweist ein Kranz aus Oleander mit den Farben der Republik?
Man bekenne doch endlich, dafi man Jude, intellektuell, also gescheit,
also republikanisch ist und nicht aufgewachsen bei Bismarckkranzen.
Man sehe ein, dafi man mit der den andern abgelauschten, aber anders
kostiimierten Geste keinen einzigen Goj der Volkischen Partei abspen-
stig machen kann. Wie ich die Arier kenne, lassen sie sich durch
Kranze und Bismarckovationen nicht iiberzeugen, daft Republikaner
auch das Vaterland lieben. Die nationalen Paraden wie Kranzniederle-
gen, Fahnenhissen und dergleichen Schmonzes sind geboren aus der
naiven Borniertheit des unduldsamen, des unfreien, des teutonischen
Nationalismus. Mit dessen Mitteln kann man nur die Gescheiten ver-
scheuchen, aber keinen Reinrassigen gewinnen.
Aber die Republikaner lassen es sich in Wahlzeiten nicht nehmen.
Willi Dreyer, der in Frankreich verstorbene Martyrer seiner eigenen
Leidenschaft, wurde nach Berlin gebracht und vom Anhalter Bahnhof
1924 10 1
abgeholt. Auf dem Bahnsteig marschierte eine Reichswehrkompanie
auf. Vielleicht war es dieseibe, die der Herr Gefiler vor zwei Jahren zur
Rathenau-Totenfeier entsandt hatte. Gefiler ist neutral. Er kann so,
und er kann anders. Er schickt Reichswehrsoldaten zu Opfern der
Volkischen als auch zu volkischen Opfern. Die Regierung ist auch
neutral. Der Vizekanzler Jarres hielt eine Ansprache. Vor dem Sarge
schritt ein Mann mit einem Hakenkreuz und mit den Orden des To-
ten. Aber die Republikaner sind auch neutral. Obwohl der arme Willi
Dreyer nicht im geringsten fur die deutsche Republik gestorben war,
sondern eher gegen sie, kamen die Republikanischen Verbande und
schandeten den Leichnam mittels schwarz-rot-goldener Fahnen. Sie
mussen uberall dabeisein. Sie wurden - mit Recht - verpnigelt. Wenn
doch diese Republikaner endlich einmal aufhoren wurden, Interesse
fiir tote Hakenkreuzler zu heucheln. Die lebendigen glauben es ihnen
nicht.
Ich kann nicht umhin, den Ausspruch eines Mannes hier zu zitieren,
obwohl es der meines Freundes Werner Hirsch ist. Dieser sagte einmal
zu einem der Griinder der Republikanischen Partei und Vorsitzenden
Republikanischer Verbande: »Wissen Sie, Herr von D., ich wiifite fiir
Sie was Gutes: Wollen wir nicht eine Republik in Deutschland ma-
chen?« . . .
Vor einigen Tagen starb Kurt Knopf, ein Invalide, der am Potsdamer
Platz Streichholzer und BlumenstrauEe zu verkaufen pflegte. Ein
Schuhputzer erzahlte mir von diesem Tod. Er war nicht das Ereignis,
das Aufsehen und Nekrologe hervorzurufen pflegt. Nur wenige kann-
ten Kurt Knopf, obwohl er ziemlich auffallig war.
Wenn es regnete, trug er eine Kapuze auf dem Haupt, dafi er aussah
wie ein diinner grauer Turm oder auch wie ein riesenhafter Reklame-
bleistift. Wenn es nicht regnete, sah man sein Angesicht genau. Es ge-
horte zu jenen Gesichtern, deren Giite ebenso sichtbar und deutlich ist
wie ihre Hagerkeit. Unter den Backenknochen waren die Wangen
ganz eingefallen. Die flinken, kleinen schwarzen Augen waren wie
zwei Kohlestuckchen, wie zwei kleine Knopfe, die Kinder oft zur na-
turalistischen Verlebendigung eines Schneemann-Antlitzes gebrau-
chen. Aber auf dem sanften, etwas breiten, feingeschwungenen Mund
thronte der Edelmut. Kurt Knopf hatte einen Lungenschuft. Er han-
delte nur mit Streichholzern. Aber immer besaft er Geld genug, um
102 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einen hergelaufenen intelligenten Hund von unbestimmter Rasse und
ganz plebejischer Abkunft zu pflegen und den fliegenden Strafienhand-
lern noch etwas von seinem karglichen Profit zu borgen.
Ein paar Stiefelputzer trauern um ihn. Er starb fast genau an dem Tage,
an dem die ersten Schneeglockchen kamen. Der lange Winter hatte ihn
getotet. Ein paar Spatzen, die er zu futtern pflegte, werden ihn vermis-
sen. Er war das einzige Haufchen Lyrik am Potsdamer Platz. Ganseblu-
men und Lowenzahn werden aus seinen zerfallenden Knochen bliihen.
Kurt Knopf ware vielleicht noch nicht gestorben, wenn ihm die Masse
der Gastwirte einen Teil ihres ausgestellten Reichtums abgegeben hatte.
Argentinische Rinder hingen rot, appetitreizend, genau in der Halfte
durchgeschnitten, in der ganzen Lange des riesigen Saales und verlan-
gerten sich perspektivisch durch eine realistische Malerei, die dort an-
ting, wo die wirklichen Rinder aufhorten. Es war ein Anblick von ge-
schmackfordernder Barbarei. Dann sah man glanzende Kochmaschi-
nen, friedliches Eisen, unverstandliche Apparate, die angeblich jeden
Koch ersetzen, weil sie sozusagen von Natur nicht anders konnen, als
selbstandig zu kochen, braten, backen. Prall, wie feiste Gehenkte, bau-
melten die Schinken, die strotzenden Wiirste von den Stangen. Aus
Likorflaschen waren Pyramiden errichtet, iiber deren Umfang jeder
Tutenchamun erstaunt ware.
Aber in der Kopenicker Strafie totete zu gleicher Zeit ein Mann seine
Frau, seine zwei Kinder und sich selbst, weil er nichts zu essen hatte. So
brutale, kitschige, unkunstlerische Kontraste mache nicht ich, sondern
das Leben. Deshalb bleiben sie vielleicht so wirkungslos . . .
Der Drache, 8. 4. 1924
Kriminalistisches von zwei Madchen, die beide den lyrischen Vorna-
men Rosa trugen. Die eine wurde zu zwei Jahren sechs Monaten verur-
teilt, die andere fand man tot, mit Strangulierungsmerkmalen am Halse
in einem Hausflur. Die erste Rosa stand vor einem iridschen Gericht,
die zweite steht jetzt vor dem himmlischen, wo man sie hoffentlich
freisprechen wird - wenn metaphysische Justiz so gnadenreich ist, wie
man es uns und den Madchen in der Konfirmandenstunde erzahlt, bei
deren Anbruch sie manchmal schon prostituiert zu sein pflegen.
Rosa Gentschow hatte sich wegen Totschlages zu verantworten. Sie
J 9 2 4 I0 3
pflegte den Mannern, die bei ihr aufiereheliche Zerstreuung suchten,
Kokain in die Getranke zu schiitten, um sie zu betauben und leistungs-
fahiger zu machen. Wenn sie bewufitlos wurden, stahl ihnen Rosa
Gentschow gelegentlich einige Kleinigkeiten, nicht so sehr, um einen
halbwegs gerechten Ausgleich zu schaffen zwischen dem, was sie bot,
und dem, was sic verlangte - sondern mehr aus Trieb und einem ver-
erbten Drange folgend. An ihrer Opiumdosis starb ein Kaufmann,
dessen Konstitution nur fur Sexualitat ohne Betaubung ausgerichtet
war. Deshalb ergriff die Polizei Rosa Gentschow. Die Ehefrau des To-
ten, bei der er weder Befriedigung noch Betaubung zu finden ver-
mocht hat, sagt aus, dafi er an Morphium und Kokain nicht gewohnt
gewesen sei. Es trat als Zeuge ein Kriegsgerichtsrat auf, ein Mann aus
der burgerlichen Gesellschaft, dessen Name dem Ausschlufi der Of-
fentlichkeit unterliegt und der in den Zeitungen nur unter der Signatur
Sch. veroffentlicht werden darf. Er ist ein ehrenhafter Mann und ein
Kriegsgerichtsrat obendrein, der nichts anderes getan hat, als die An-
geklagte am Potsdamer Platz kennenzulernen. Er gehort zu den
Glucklichen, die an Opium nicht sterben und hochstens bestohlen
werden, im iibrigen aber intakt bleiben und so sorgfaltig und behutsam
wie Schmetterlinge an den Bliitenkclchcn der Gefahr zu nippen verste-
hen, ohne den Ehrenschmelz ihrer Flugel abzustreifen. Die irdische
Gerechtigkeit entschied, dafi nicht Rosa Gentschow das Opfer der
Kriegsgerichtsrate ist, sondern dafi sie den Tod eines Kaufmanns ver-
ursacht habe, und verurteilte sie zu zwei Jahren sechs Monaten Ge-
fangnis, obwohl der Staatsanwalt - er heiftt: Loch! - i$ Jahre Zucht-
haus beantragt hatte. Denn er wahrte die Interessen jener Staatsan-
walte, die manchmal, in einer menschlichen Aufwallung, sich auf den
Potsdamer Platz begeben, um ein Madchen kennenzulernen, und bei
dieser Gelegenheit bestohlen oder gar vergiftet werden konnten. Es
miissen iibrigens nicht Staatsanwalte sein. Auch bei Kriegsgerichtsra-
ten kommt so was vor.
Die zweite Rosa war erst 24 Jahre alt, und sie starb mit einem Blumen-
strauft in der Hand, gleichsam zur Feier ihres Geburtstages, den sie
gerade zu begehen angefangen hatte. Sie lebte vom nachtlichen Stra-
fienhandel mit Kokain, Streichholzern und Liebe und vertrieb ihre
Waren unter dem bekannten »Biilowbogen«, in der Nahe der Hoch-
bahnstation, an der zu nachtlicher Stunde Manner und Frauen zu
104 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Wurst verarbeitetes oder in rohem Zustand befindliches Pferde- und
Menschenfleisch anzubieten pflegen. Die Polizei hat eine Belohnung
von 500 Mark fur die Auffindung des Morders ausgesetzt. Das tote
Madchen hatte sich bis 1 Uhr nachts in einem Lokal aufgehalten, das
den symbolischen Namen »01ala« tragt, den Namen einer Weltan-
schauung, die, mit der burgerlichen verwandt, von deren Inhabern den
Menschen des Biilowbogens iiberlassen wurde, zu heiterem Gebrauch
und auch zum tragischen Verkommen. Heute schwirrt bereits die poli-
zeiliche Ordnerwehr der menschlichen Gesellschaft um den Bulowbo-
gen, forschend, und die Handler sind in Angst. Oben drohnt alle paar
Minuten ein Hochbahnzug. Unten stehen die Verwegenen und Ausge-
stofienen - und unter ihnen vielleicht der Morder - und verleihen dem
Bauwerk der modernen Technik etwas von der Romantik verbrechen-
behauster Katakombengange. 2wei Schritte weiter stromen gedampf-
tes Licht und rotliche Shimmyklange aus einer belebten Diele. Der
Tod nistet neben dem Amusement. - Olala!
Eine andere »Ordnergruppe« wandert durch die westlichen Straften
Berlins und ruft mit jener Stabilitat, die ein untrugliches Kennzeichen
der vorgeschrittenen Verblodung ist: Juden! JudenU Es sind Volki-
sche; Gymnasiasten und Studenten unter der Fuhrung eines Offiziers.
Sie bekommen fur jede gesprengte Wahlversammlung 3 Mark pro
Mann - »Kopf« kann man ja hier nicht sagen. Ob es eine demokrati-
sche, republikanische oder eine sozialistische Wahlerversammlung ist -
ihnen ist es Windjacke wie Hose. Ich habe die Knaben gesehen, sie
waren auf den ersten Blick als ein »Stofitrupp« zu erkennen und der
Mann, der sie fiihrte, als ein Leithammel, mit einem Netz von Schmis-
sen anstelle eines Gesichts, das Ebenbild des reinarischen Gottes. Ein
Polizist liefi sie ruhig marschieren, Passanten wichen ihnen aus, und
ein nationaler Kramer, der mit Nachtgeschirren handelt, stand vor sei-
nem Laden und winkte - zwar nicht mit einem seiner Handelsobjekte,
aber mit der Hand. Wo ist da ein Unterschied?
Auf den Pflastersteinen steht es, schwarz auf Asphalt: »Die nationale
Freiheit kommt! Hoch Ludendorff!« Jetzt bliiht seine Personlichkeit
sogar aus unfruchtbarem Gestein, und ich wandere sehr sorgfaltig iiber
die Strafie, aus Furcht, auf ihn zu treten, in diese nationale Freiheit
hineinzutreten, deren Geruch uberhaupt nicht mehr zu vertreiben
ware. Andere Passanten, die mehr nationale Gesinnung im Herzen
1924 105
und weniger Empfindung in der Nase haben, treten ungeniert auf die
Wahlpropaganda, und davon erhebt sich jetzt in Berlin ein so wahnsin-
niger Gestank. Es riecht nach alten angebrannten Germanenbarten
und nach Giftgas, nach hamorrhoidalen Geheimraten und der Stiefel-
wichse der preufiischen Kommis-Feldwebel. Und das alles gleichzei-
tig! Das stinkt nicht zum Himmel. Das stinkt nur zur Walhalla! . . .
Der Drache, 15. 4. 1924
Die offizielle »Hinkemann«- Premiere hat endlich stattgefunden. Die-
ses Ereignis verdient, hier erwahnt zu werden, weil es mehr ein lokales
als ein literarisches war. Die Premiere unterschied sich auf den ersten
Blick ins Parkett von anderen Premieren durch einen auffallenden
Mangel an Frauen. Samtliche Kritiker hatten ihre rechtmaftigen Gat-
tinnen zu Hause gelassen. Denn einerseits wird da in dem »Hinke-
mann« ein Problem behandelt - ein Problem, sag* ich Ihnen! - dem die
weibliche Seele nicht immer gewachsen 1st. Es handelt sich namlich,
unter uns Mannern gesagt, um einen Arbeiter, der durch einen kleinen
SchuE in grower Zeit nichts weniger als sein Geschlecht verliert. Ande-
rerseits war ein Pogrom von den Volkischen angekiindigt, dem sicher-
lich die Kritik, als die eigentlich zersetzende Erscheinungsform des
Judentums, zum Opfer gefallen ware. Infolgedessen hatten sich die
Kritiker mit arischen Lokalreportern bewaffnet, welche den Stuhl der
Gattin einzunehmen hatten, um fiir den Fall des etwa in Erscheinung
tretenden deutschen Geistes bis zum letzten Hauch von Mann und
Pegasus Schlachtberichte zu telefonieren. Aber es kam nicht dazu.
Denn es waren garantiert beziehungsreiche Juden audi unter andern
geladen, und also ging es anders zu als seinerzeit im Scheunenviertel.
Eine Hundertschaft griiner Polizei lag bereit, um gegen die deutschen
Regierungsmanner von morgen oder spatestens ubermorgen vorzuge-
hen. Also ging die Premiere ohne Uberraschungen zu Ende.
Der Wahlkampf hat angefangen. Die Deutsche Volkspartei kampft mit
der blendenden Waffe der Lichtreklame. In der Tauentzienstrafte, die
bekanntlich ein vornehmer Strich ist, leuchtet liber einem Dach die
Inschrift auf: »Die deutsche Kraft! Kolnisches Wasser!« Darunter:
»Sprengt die Ketten! Wahlt Deutsche Volkspartei !« Vergeblich be-
miihe ich mich, einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Auffor-
106 DAS JOURNALISTISCHE WERK
derungen zu finden - und da ich ihn nicht fand, mufite ich ihn in Fra-
geform konstruieren: Fordert das Kolnische Wasser die deutsche Kraft
wirklich derart, dafi sie imstande ist, die Ketten zu sprengen? Wozu
dann noch die Deutsche Volkspartei? Vermag sie aber allein schon die
Ketten zu sprengen, dann deklariert sie sich selbst als eine gefahrliche
Konkurrenz des Kdlnischen Wassers. Wieso dann aber beide Firmen,
das Wahlbiiro des Kolnischen Wassers und die Fabrik der Deutschen
Volkspartei, danach ubereingekommen sind, auf einem und demselben
Dach zu inserieren, ist mir ein Ratsel - obwohl die Lage des Hauses
gerade in der Tauentzienstrafie ja eine Reklame beider Artikel aufieror-
dentlich fordern muE . . .
Ich bin einer Frau begegnet, die entschlossen ist, volkisch zu wahlen.
Es war ein Erlebnis.
Da ich noch immer nicht anders kann, als einen Gegner, wenn er eine
Frau ist, mit mannlichen Augen zu sehen, stellte ich sofort fest - und
mit Genugtuung -, daft die volkische Wahlerin gar nicht hubsch war.
Somit fiel sofort der Reiz zum Widerspruch und zur Bekehrung fort.
Vielmehr empfand ich - unverbesserlich asthetisch auch in der Politik
gesinnt - die unwiderstehliche Lust, die volkische Frau in ihrer Uber-
zeugung zu bestdrken. Denn nichts kann einer Bewegung so sehr scha-
den wie hafiliche Frauen. Ware ich der Propagandachef dieser Repu-
blik - ich wiirde an alien Strafienecken die Portrats der Potsdamer Mo-
narchistinnen ausstellen lassen. Dennoch konnte ich nicht umhin, das
Aufiere meiner Gegnerin fur einen Augenblick hoflich zu vergessen
und die Frage zu tun: »K6nnten Sie sich in einen Mulatten verlieben?«
Diese unnatiirliche Frau antwortete: »Niemals!« Ich: »Wiirden Sie
einen ertrinkenden Juden retten oder ihn untergehen lassen?« Sie: »Ich
wiirde ihn nicht retten !« Ich: »Wiirden Sie ihren Sohn in den Krieg
ziehen lassen, auf die Gefahr hin, dafi er durch einen Riickenmark-
schufl gelahmt heimkehrt?« Sie: »Selbstverstandlich. Sein Ruckenmark
gehort der deutschen Nation. «
Leider bin ich keiner hubschen Frau begegnet, die so unentwegt vol-
kisch gedacht und gesprochen hatte. Und ich hake mich krampfhaft an
der letzten Hoffnung fest, daft nur haftliche so sprechen konnen: weil
sie niemals fur einen Mulatten in Betracht kommen; und niemals fiir
einen Juden, selbst wenn er ihnen sein Leben zu verdanken hatte; und
weil aus diesen Griinden eine Mutterschaft sehr unwahrscheinlich ist.
1924 10/
Wie aber, wenn eine wirkliche Mutter iiberzeugt ware, dafi ihres Kin-
des Riickenmark der »Nation« gehore? Dann, Herr, gib uns einen Ge-
burtenruckgang! Denn eine Mutter, die mehr national ist als mutter-
lich, schandet ihren heiligen Beruf und die Natur. Dann, Herr, gib
ihnen statt der Kinder Wahlzettel, Gewehre und Munition!
Der Drache, 22. 4. 1924
Nur ein Bild:
Ein Ostertag bei den Volkischen; ihre Sitten und Gebrauche.
Auf dem Bahnsteig haufen sich die Volkischen. Es sind die Nachkom-
men heldischer Buchhalter, reckenhafter Zollbeamten, drachentoten-
der Oberlehrer, mit einem oder zwei Worten: germanischer Gestalten
und legendarischer Berufe, wie man ihnen in den Eddaliedern auf
Schritt und Tritt der Versfufte begegnet. Es sind die Heldensohne alli-
terierender Monarchisten und Kleinbiirger, Sproftlinge personifizierter
Eichenknorrigkeit und unbeugsamer Untertanenbiegsamkeit. Es ist
die Zukunft des deutschen Wesens, wie ich sie mir immer vorgestellt
habe: eine Knochenkeule als Kopf, mit Brillantine eingefettet; Schlag-
ringe als Fauste; ein vaterlandisch pochender Totschlager in der natio-
nal fuhlenden Brust; Gedarm-Zundschnure im Bauch; Berserker-
grimm als treibende Kraft und geistige Richtung. Alles in allem: das
Resultat aus der Multiplikation: deutsche Politik mal deutscher Volks-
erziehung mal kleinbiirgerlicher Weltanschauung.
Sie bildeten den altdeutschen Plural von dreifiig »Mannen« (»Manner«
sind im neuen Deutschland nicht mehr gebrauchlich). Sie bemachtig-
ten sich des ganzen Zuges und offenbarten die spezifisch judische Fa-
higkeit, trotz verhaltnismafiig geringer Anzahl iiberall wahrnehmbar
zu sein. Ihre mutierenden Stimmen nahmen die heldenhaften Klang-
fiillen der Altvordern-Basse an, und die Laute schritten im Parade-
marsch durch die drohnenden Wellen des Athers. Beschamt und
schiichtern wurde das Rattern des Zuges zum Sauseln eines linden
Fruhlingswindes. Es bildete einen zarten akustischen Hintergrund fur
das Drohnen des Ehrhardtliedes und des musikalischen Antisemitis-
mus. Mitgefuhrte Kinder in den fernsten Kupees begannen zu weinen.
Die Schalen widerstandsfahiger Ostereier zerbrachen mit jammerli-
chem Klang. Halbverzehrte Ausflugsbutterbrote blieben in Halsen
stecken. Spazierganger am Rande der Bahnstrecke Helen um wie tot.
108 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
Die Klosetts waren meist besetzt. Gelang es dennoch, einen unbesetzten
Augenblick zu erwischen, so las man an den Wanden die poetischen
Ergebnisse der Ehe zwischen Geist und Sexualitat, einen tiefgeziichte-
ten Antisemitismus reinster Rasse, literarische Produkte, wie sie nur
eine ergiebige Onanie und Arthur Dinter hervorzubringen imstande
sind.
Durch den stillen Ort, dessen Hauser mit schwarz-weifi-roten Fahnen
wedelten, marschierten die dreiflig Mannen, und unermudlicher Gesang
stromte aus ihren Kehlen. Sie begaben sich in den deutschen Ersatz-
Eichenwald, in dem die Tannen mit ihren Nadeln rauschten. Auf dem
markigen Boden einer sandigen Lichtung machten sie halt, packten
Nahrungsmittel aus den Rucksacken und netzten die Gaumen mit Hel-
denbien Hierauf befestigten sie an entfernten Baumstammen altgerma-
nische Konservenbiichsen als Zielscheiben und schossen aus Pistolen.
Die deutsche Erde erzitterte. Fromme Forster, die, Wilderer witternd,
herbeigeeilt kamen, entfernten sich wieder, als sie den rassereinen Ur-
sprung der Schusse erkannten.
Eine halbe Stunde spater langten Walkiirenjungfrauen an, hygienische
Windsbraute auf Sandalen mit flachen Absatzen, unberiihrte Keusch-
heit auf zuverlassigen Sockelbeinen, gelungene Sinnbilder, gewisserma-
fien Sinnplastiken der echten Minne. Die Pistolenschiisse horten auf.
Heil-Rufe erknallten. Jemand packte eine Ziehharmonika aus, das le-
gendarische Instrument unserer Altvorderen. Man intonierte das alte,
von Volker, dem Fiedler, komponierte Lied: Heil Dir im Siegerkranz;
und schlang einen sinnigen Reigen, bis Baldur im Westen entschwand.
Sein Untergang forderte sichtlich die Stimmung. Es wurde still.
Erst in Berlin, am Potsdamer Platz, stieg wieder Gesang empor zu den
reklamegestirnten Dachern, den Antennen und Blitzableitern, lauter
unsittlichen Erfindungen einer jiidisch verseuchten Technik. Aus dem
Cafe, das » Vaterland« heiftt und gewissermafien das kondensierte Deut-
sche Reich, die Quintessenz der Heimat ist, ertonte der Hochzeits-
marsch, der alte und die neue Zeit: das Schwert mit Gasgranate ver-
mahlt. Im Kino gab man Fridericus Rex von Arzen von Cserepy, einem
wieder heimgekehrten Nachkommen jener Germanen, die den ersten
Nibelungenfilm in Etzels Hunnenlanden kurbelten. Die deutschen
Junglinge und Jungfrauen kehrten heim zu den hauslichen Kaiserbil-
dern und Wandspriichen; von den Eltern freudig begriifSt als die siegrei-
chen Racher an der Judenrepublik.
1924 109
Vor dem Abendessen lasen die Hausvater ein Kapitel aus den Weisen
von Zion vor. Samtliche Familienmitglieder machten das Zeichen des
Hakenkreuzes. So feierte man die Auferstehung Christi.
Der Drache, 29. 4. 1924
Sie machen die Nacht zum Tag, die Volkischen, gleichsam aus Cour-
toisie gegen die Tage Deutschlands, die durch die Wirkungen des Ha-
kenkreuzes zu einer einzigen undurchdringlichen Nacht gemacht wur-
den. Man erzahlte es mir zuerst, und dann konnte ich es mit eigenen
Augen sehen, von der Wohnung eines Freundes in Lichtenberg aus,
der das Ungluck hat, Nachbar einer Exerzierwiese zu sein. Um 11 Uhr
versammelten sich die Hakenkreuzler und begannen, unter dem Kom-
mando eines Offiziers zu exerzieren. Sie marschierten, machten Knie-
beugen, losten sich in Schwarmlinien auf- und es sah gespenstisch aus,
wie eine militarische Walpurgisnacht. Der Mond besafi die nieder-
trachtige Objektivitat, iiber dieser Wiese aufzugehen und sein Silber
gewissermafien vor die Saue zu werfen. Es schlug Mitternacht, und
Deutschlands Zukunft exerzierte noch immer. Es war eine »Nacht-
ubung« der germanischen Jugend, und dagegen kann man gar nichts
machen. Es war jammervoll zu sehen, wie hier eine ganze Heldengene-
ration die Polizeistunde ungenutzt verstreichen liefi, krankend zu wis-
sen, dafi in den Fassern irgendwo das Heldenbier wartete und nicht
getrunken wurde.
Es war eine linde Fnihlingsnacht, eine jener Nachte, in denen noch vor
zwei Jahrzehnten deutsche Jiinglinge zu lieben und zu dichten pfleg-
ten. Es sah aus, als waren tote Soldaten auferstanden, um zu exerzie-
ren. Und es waren Tote. Jugendliche Korperhullen iiber verstorbene
Turnriegen des alten Jahn. Wiedergekehrte Heimgegangene. Die letz-
ten Eisenbahnen drohnten in der Ferae. Der nachtliche Bogenlampen-
schimmer der grofien Stadt stand silbern wie ein festliches Feuer der
Technik am Horizont. Und hier riistete man zu einem Kreuzzug gegen
den Erbfeind, der um diese Zeit ruhig in seinen Betten schlief oder sich
dem nachtlichen Vergniigen hingab, weil fur ihn Diplomatic, Kultur
und Chemie iiber die Heimat und ihren Sieg wachen. Zum erstenmal
empfand ich Mitleid fur die Jungen vom Hakenkreuz. So also ruinie-
ren sie sich selbst die Nachte und uns andern die Tage. Vergeblich ihre
Gewehrgriffe und Parademarsche. Ein schmachtiger, fur den Kriegs-
110 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dienst ungeeigneter Chemiker, der urn diese Stunde die neue Mischung
zweier Elemente probiert, wird die langjahrigen Erfolge dieser nachtli-
chen Gespensterturnerei zunichte machen.
Die 25Jahrige Lina Hildebrandt erlebte die vorschriftsmafSige Ge-
schichte der Landarbeiterin. Zuerst schenkte ihr ein gerechter Gott
einen Saufer zum Vater. Hierauf einen Syphilitiker zum Brautigam.
Und schliefilich ein Kind von diesem. Somit war Lina Hildebrandt
keinen Schritt von jenen Wegen abgewichen, welche die gottliche Vor-
sehung fiir Landarbeiterinnen gebaut und mit Siinden gepflastert hat.
Sie war als Vierzehnjahrige in Dienst gegangen, hatte die Liebe genos-
sen und die mit ihr verbundenen Bazillen und war vom unvermeidli-
chen Muttergliick verfolgt und schliefilich betroffen worden. Von die-
sem bis zum Kindesmord ist nur ein Schritt aus dem Krankenhaus.
Lina erwiirgte ihr Kind mit einer Schnur und hetzte sich die irdische
Gerechtigkeit auf den Hals, nachdem sie die himmlische vorgekostet
hatte. Und sie wurde zu einem ganzen Jahr verurteilt. Weil sie die
menschliche Gesellschaft von einem neuen Syphilitiker noch vor des-
sen Geschlechtsreife befreit hatte. Aber es geschah ja eigentlich nur,
damit sie das Schicksal haargenau erfiillt. Wo sollte man denn sonst mit
syphilitischen Landarbeiterinnen hin, wenn nicht in die Gefangnisse?
Sie miissen die Platze besetzt halten, damit sich nicht etwa die volki-
schen Morder irrtumhch setzen.
Die »Sittenkontrolle« ist eine grofiartige Einrichtung. In Berlin gras-
siert sie im Umkreis der Bahnhofe als die erfolgreichste Konkurrenz
der Gonorrhoe. Die Bazillentrager der Sittenkontrolle sind die Hiker
der offentlichen Sicherheit, die Schutzpolizisten.
Einer von ihnen, der bereits den ehrenvollen Rang eines Schupowacht-
meisters innehatte, »stellte« die Prostituierte K. auf dem Bahnhof Zoo-
logischer Garten und ihr den Antrag. Dafiir versprach er Straffreiheit.
Gefalligkeit gegen Gefalligkeit. Es geschah.
Eine kurze Zeit spater traf dieselbe Prostituierte einen anderen Wacht-
meister, der sie aufschreiben wollte. Sie war gewitzigt und fragte, ob es
denn wieder so sein sollte wie vor kurzem mit jenem ersten Hiiter der
Ordnung. Da kam sie aber schon an. Der zweite Wachtmeister war
sexuell saturiert und iiberdies ehrgeizig. Er zeigte das Madchen an und
den Kameraden. Der beschuldigte Wachtmeister klagte. Und weil das
1924 ln
Zeugnis einer Prostituierten nichts gilt gegeniiber dem eines Dieners
der Sicherheit und Kontrolleurs auf den Untergrundbahnen der Moral,
so verurteilte man die Prostituierte zu drei Monaten.
Soweit ware alles in Ordnung gewesen, das Ma'dchen vom Strich in
dem ihr gebuhrenden Kerker und der Wachtmeister in der ihm gebiih-
renden Ehre. Aber zum Ungluck meldete sich eine andere Prostitu-
ierte, welche mit dem Wachtmeister schon einmal das Geschaft der
wechselseitigen Riicksichtnahme abgeschlossen hatte, und erschutterte
die Weltordnung dermafien, daft der Wachtmeister ein Jahr Haft er-
hielt und drei Jahre Ehrverlust, und zwar nicht etwa, weil er ein Mad-
chen mifibraucht, sondern weil er einen falschen Diensteid geleistet
hatte. Denn: heiliger als die Freiheit eines ohnehin freien Madchens,
eines Frauen-Wachtzimmers sozusagen, ist der Diensteid.
Wie aber werden die vielen anderen Wachtmeister zu einem Genufi
kommen, ohne bei dieser Gelegenheit den Diensteid zu verletzen?
Der Drache, 6. 5. 1924
Ein bilderreiches Bilderbuch; eine Woche, reich an Ereignissen, wenn
auch vorhergesehenen, wie es zum Beispiel die Reichstagswahl mit ih-
ren Begleiterscheinungen war.
Sie spielte sich in Berlin ruhig ab, wie eine inszenierte Filmaufnahme,
mit drei Todesfallen zu Dekorationszwecken. Drei Proletarier starben
an den Folgen des allgemeinen Wahlrechts. Zwei wurden von privaten
Burgerhanden umgebracht, der dritte fiel, getroffen von einer offiziel-
len Schutzmannskugel. Alle anderen Opfer des Wahlrechts blieben am
Leben, teils als Wahler, teils als Gewahlte.
In den Abendstunden, wahrend die Wahlvorsteher noch mit der Addi-
tion beschaftigt waren, versammelten sich die Neugierigen am Potsda-
mer Platz und konnten es kaum erwarten. Berittene Schutzpolizei
mufke die Neugier dammen und in die gebuhrenden Grenzen des Bur-
gersteigs zunickweisen. Auf der Rampe des Cafe Josty sang man die
Wacht am Rhein. Ein witziger Zeitungs handler rief: »Die Wahlresul-
tate - zehn Pfennig! So billig kriegen Sie's nie wieder!« Die Kinder
lagen glatt auf den Bauchen und sammelten Flugzettel. Es ergab sich,
dafi man in Berlin 5 000 Zentner Papier zu Agitationszwecken ausge-
streut hatte, den Staub nicht mitgerechnet. Es sah aus wie nach einem
Volksfest. Mehrere Wahler waren merklich alkoholisiert und aktiv.
112 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Denn dank einem sinnreichen Zufall, der bereits eine nationale Ein-
richtung geworden, wahlte man in den Gastwirtschaften und entschied
sich, je nach der politischen Uberzeugung, fiir Bier oder Schnaps. Die
Wahlvorsteher, in der Eile noch schnell interviewt, waren des Lobes
voll iiber die Haltung der Wahlerschaft.
Wahrend sich drauften die Wahl zutrug, riistete der russische Bot-
schafter Krestinski zur Abreise. Die politische Polizei war namlich in
die russische Handelsdelegation eingedrungen, um, wie sie erzahlt,
einen Fliichtling, der sich dort verborgen hatte, zu suchen. Bei dieser
Gelegenheit durchsuchte sie die Akten, die Schubladen, nahm sie
einem Diplomaten den Pafi ab, verhaftete sie einige Beamte. Der Bot-
schafter Krestinski schrieb darauf einen sehr erregten Protest. Dem
deutschen Volke teilte man diesen wichtigen Brief nicht im Wortlaut
mit. Die Sowjetregierung dachte bereits an Sanktionen. Die deutschen
Zekungen schrieben, der Zwischenfall sei nur ein Zwischenfall. Kei-
nem fiel es ein, das Verhalten der Polizei zu kritisieren. Sie hatte sich
doch sagen miissen, dafi ein Fliichtling, der wirklich den Schutz der
Delegation geniefit, langst in Sicherheit sei. Zwei Stunden waren seit
seiner Flucht verstrichen. Also war es sehr wahrscheinlich, dafi man
ihn nicht finden wiirde. Die Frage, ob die Handelsdelegation nach den
internationalen Bestimmungen exterritorial sei oder nicht, hat keine
Bedeutung. Hier handelte es sich darum, ob man den einzigen europai-
schen Staat, der nicht zur Entente gehort, reizen diirfe. Nein! Man
durfte es nicht! Aber die politische Polizei war nervos. In kleinen Pro-
vinzstadten verhaftete man »Tscheka«-Mitglieder. In Berlin ereignete
sich nichts Besonderes. Hier hatte die kommunistische Partei ihren
Parteitag abgehalten - die Polizei wufite nicht, wo. So wird man ner-
vos. Mifigriffe ereignen sich iiberall. Sie sind zu entschuldigen. Aber es
ist nicht zu entschuldigen, wenn das Auswartige Amt trostliche Beru-
higungen veroffentlicht, wahrend man aus guten Quellen vernimmt,
daE in der Sowjetgesandtschaft eine grofie Aufregung herrscht. Heute
kann man iiber diese peinliche Angelegenheit nur das weise Wort sa-
gen: Man wird doch da sehen! . . .
An einem dieser Tage wurde ein Zeitungshandler verurteilt. Er stand
an einem Sonntag da und verkaufte Zeitungen. Ein Mann, mit dem er,
wie er sagte, »verfeindet« ist, wollte eine Zeitung kaufen und mit
1924 H3
Reichsgeld bezahlen. Der Zeitungshandler weigerte sich, Rekhsgeld
anzunehmen. Das Schoffengericht und dann das Kammergericht be-
haupteten, daft eine Zeitung zu den »Dingen des taglichen Bedarfes«
gehore: also auch zu denen des sonntaglichen Bedarfes. Die Zeitung
hat also die Wichtigkeit eines Lebensmittels. Hatte ich die Aufgabe
gehabt, das Urteil zu formulieren, ich hatte gesagt: »Die Zeitung ge-
hort zu den Dingen der taglichen Notdurft.« Sie ist eine traurige Not-
wendigkeit. Eine Gewohnheit, die uns zur zweiten Natur geworden
ist, nachdem sie unsere erste verfalscht hatte. Oder: eine Unnatur, die
uns sogar am heiligen Sonntag zur Gewohnheit geworden ist. Der
Kolporteur mufi die tragische Konsequenz seines Berufes vollenden
und sogar Reichsmark am Sonntag in Zahlung nehmen. Also lautet
mein Urteil: dreimalige Lektiire jenes Zeitungsblattes, das er vor drei
Monaten nicht hatte verkaufen wollen; Feststellung aller faischen
Nachrichten, die es enthalten hat; Memorierung samtlicher Drahtbe-
richte; Feststellung der sprachlichen Fehler im Wolff-Bericht und der
sinnlosen Metaphern im Leitartikel; personliche Annaherung an die
Redakteure. _ _ ,
DerDrache, 13. 5. 1924
Der alte Tiger des Berliner Zoologischen Gartens ist aus Grlinden der
Humanitat von seinem Warter erschossen worden.
Der Tiger war krank und dem Tode nahe. Seine Beine zitterten, seine
Augenlider schwolien an. Das Fell schlotterte um sein Knochengeriist
wie ein fremder, geschenkter Mantel. Er lag im Kafig, sanfter als ein
Lamm, und die Menschen lachten. Sie hatten sich vom Weltkrieg be-
reits erholt, dank jener Leichtigkeit des Vergessens, welche die Men-
schen vor alien anderen Tieren auszeichnet. Ihre Gesundheit war
schon so weit vorgeschritten, daft es sie nach einem neuen Krieg geiii-
stete. Vergessen waren Drahtverhau und Dorrgemiise, abgelieferte
Kirchenglocken und Kiichenmorser, Opfer der Religion und der Wirt-
schaft, Heldengreifkommission und Heldengraberkommission, die
Erhebung der Germiter und die Entlausung der Korper. Die Menschen
gingen schon wieder in den Zoologischen Garten, die Raubtiere zu
bewundern, als hatten sie sich von Raubtieren durch andere Fahigkei-
ten unterschieden und nicht durch die des Vergessens.
Der Tiger aber vergafi die Grofte Zeit nicht, in der man ihn mit kleinen
Mohrruben gefiittert hatte. Kleine gelbe Mohrriiben bekam er, wah-
114 DAS JOURNALISTISCHE WERK
rend die ganze Welt aus Menschenfressern bestand. Dieweil der
Mensch sich bemuhte, den Tiger an Grausamkeit zu iibertreffen, fiit-
terte er den Tiger mit Mohrriiben.
Diese Zeit konnte der Tiger nicht verwinden. Dem Menschen war von
alien masurischen Siimpfen wenigstens der General zuriickgeblieben;
von der ganzen Unterernahrung eine blutarme Revolution; von alien
gefliichteten Ruhmdefraudanten ein heimgekehrter Kronprinz; vom
ganzen Christentum ein Hakenkreuz. Was aber blieb dem Tiger? -
Nur der saure Mohrriibengeschmack des Weltkrieges; ein schlottern-
des Fell; kranke Augen; zittrige Gliedmafien.
Vor einigen Tagen erschofi ihn der Warter. Und von alien Schiissen,
die seit 19 14 gefallen waren, ist dieser einzige Schuft der niitzlichste.
Einem anderen Exemplar der Wissenschaft ist der Krieg nicht so
schlecht bekommen wie dem Tiger: Der Professor der Germanistik,
Herr Roethe> kann Mohrriiben besser vertragen. Er lebt und konnte,
was Kriegslust betrifft, jeden gesunden Tiger beschamen.
So grofi ist die Achtung des deutschen Burgers vor Kant sogar an des-
sen 200. Geburtstag noch nicht, dafi ein Verbot den Roethe hindern
konnte, Kant zu feiern; und so grofi ist kein Genie, dafi es 200 Jahre
nach seinem Tod vor Grabschandungen sicher sein konnte. Die Un-
sterblichkeit ist mit einer Jubilaumsrede von Roethe wahrlich teuer
bezahlt.
Diese Rede beschlofi die Kantfeier der Berliner Universitat. Roethe
»behandelte« Kant vom »preufiischen Standpunkt« und eroffnete den
Zuhorern, dafi die »Kantsche Moral« den Geist »echt preufiisch aus
der Wirklichkeit erlost« habe. Der Traktat vom ewigen Frieden be-
deute nichts gegeniiber der Tatsache, dafl er den Krieg als eine wert-
volle Triebfeder betrachtet habe, alle Talente der Kultur zu entfalten.
Den »aus der Wirklichkeit erlosten Geist« reprasentiert der Roethe.
Man merkt es, wenn er anfangt, seine Talente zu entfalten, deren
Triebfeder der Krieg ist. Und es gibt kein Gesetz, das den Tigern Pro-
fessorensttihle und den Professoren Kafige verschafft! Lafit die Tiere
Jubilaen feiern, und ein Wildschwein wird einen Philosophen besser
wiirdigen konnen.
Der Geist der republikanischen Behorden ist nicht aus der Wirklich-
keit erlost: Noch ist das Blutbad von Halle nicht trocken, und schon
riistet man zu einer volkischen Heerschau im Berliner Stadion. Vorlau-
1924 ii5
fig ist es nur eine Zeitungsnotiz. Aber die letzten Jahre haben bewie-
sen, dafi es mit Zeitungsnotizen anfangt und mit beschamenden Nie-
derlagen der Republik niemals aufhort.
Ich weifi nicht, wer das Stadion gebaut hat. Aber gewifi haben jiidische
Steuerzahler dazu beigetragen. Wenn diese Juden iiberhaupt noch die
Absicht haben, sich zu wehren, so haben sie jetzt einen Anlafi. Ihnen
gehort das Stadion wie alien anderen. Man kann sie in ihrem eigenen
Hause nicht beschimpfen und ermorden.
Aber die Logik argumentiert: Weshalb nicht die Juden, wenn man die
Republikaner in ihrer eigenen Republik beschimpft und mordet?
Austauschpolitiker: Seit einigen Tagen ist Kahr in Berlin. Ludendorff
bleibt in Miinchen.
Der Drache, 20. 5. 1924
Es geht, ohne Zweifel, die bekannte nationale Welle iiber die Haupt-
stadt des Deutschen Reiches und ihre Umgebung, nationale Belange
und Leichen in das Bewufitsein spiilend, vergessene, abgekillte, vermo-
derte Feme-Opfer und vergilbte Morderausweise kommen zum Vor-
schein, deutsche Tage brechen an, Baldur, der Sonnengott, taucht seine
Strahlen in Arbeiterblut, die Prinz-Heinrich-Fusiliere veranstalten in
Potsdam eine Jubelfeier, dieweil im Tegeler Forst ein Fiisilierter ausge-
graben wird, und der republikanische Polizeiprasident von Potsdam ist
auch dabei und heiftt: Zitzewitz.
Vor der Potsdamer Garnisonskirche erwarten die Menschen den Prin-
zen Eitel Friedrich, und es herrscht eitel Glockenklang und Ver-
einsfreude, Zylinderglanz und Himmelsblaue. Der Hofprediger Dr.
Vogel schwingt eine Gedachtnisrede und erzahlt, daft die Prinz-Hein-
rich-Fusiliere die grofken Verluste unter alien Brandenburgischen Re-
gimentern hatten. Oh, welch ein Schmerz, tot zu sein und wehrlos
gegen den Stolz der iiberlebenden und noch nicht uberlebten Hofpre-
diger, Prinzen und Exzellenzen! In kalten Grabern den Wurmern und
der Kriegsbegeisterung Nahrung zu sein!
Und dennoch ist dies alles nichts gegen die unvermeidliche Tatsache,
daft man, modernd in Massengrabern, noch Stoff liefern muE dem
»Lokalanzeiger«, dessen Berichterstatter sich also des Fruhlings er-
freuen darf : »Sonnenschein liegt iiber Potsdam. Durch die Fruhlings-
Il6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
luft tonen die Glocken aller Kirchen der Stadt. Ein frischer Wind tragt
ihre Klange weit hinaus in das markische Land. Sind es die Sonntags-
glocken?«
Und ringsum ist keiner da, der ihm antworten wiirde: »Fragen Sie
Ihren Chefredakteur namens Breslauer!« Es ist wie ein Zitzewitz der
Weltgeschichte . . .
In Fiirstenwalde gab es am letzten Sonntag einen »Ulanentag«, und
wer sich mit einem Hakenkreuz ausweisen konnte, durfte in den Ort,
aus dem ausgewiesen wurde, wer sich nicht als Ulane auswies. Die
Arbeiter, die auch nach Fiirstenwalde wollten, wurden am Bahnsteig
von Polizei empfangen und in den Zug nach Berlin gesetzt. Aber es
war eigentlich der Zug der Zeit, wie es sich herausstellte, als die Arbei-
ter die Notleine zogen. Da hielt der Zug namlich nicht und erwies sich
so als ein historischer nach rechts, der durch keine Notleine mehr auf-
zuhalten ist.
Das war ein »Ulanentag«. Es werden noch mehrere Tage folgen: ein
Dragonertag, ein Gardetag, ein Radfahrtruppentag, ein Kampfflieger-
tag, ein Minenwerfertag, ein Traintag, ein Stabsquartiertag, ein Etap-
penkommandanturtag, ein Sanitatertag, ein Kanzleischreibertag, ein
Armeelieferantentag, ein Munitionskolonnentag. Aber das Jahr hat
weniger Tage als der Nationalismus Truppengattungen, und eine neue
Astronomie wird lehren, daft sich die Erde um Ludendorff dreht, und
das Jahr wird aus lauter unzahligen »Deutschen Tagen« bestehen.
Und trotzdem werde ich nicht vergessen, dafi man im Tegeler Forst
eine Leiche gefunden hat, die des ermordeten Oberleutnants Muller,
recte Dammers, den ein Volkischer namens Grutte-Lehder erschossen
und verscharrt hat. Bei dem Morder fand man einen Ausweis, aus dem
ersichtlich war, dafi der Reichstagsabgeordnete Wulle den Griitte be-
auf tragt hat, »im Falle Muller die erf order lichen Unterlagen zu be-
schaffen«. Ich weifi nicht, was die »erforderlichen Unterlagen« bedeu-
ten, aber der Reichstagsabgeordnete Wulle muf5 es wissen. Dennoch
hat man nicht gehort, dafi ihn die Polizei gefragt hatte. Sie ist nicht
neugierig.
Der Drache, 27. 5. 1924
1924 ii7
Die weifien Pofel-Verschleifier Berlins fiihlten sich geschadigt durch
die gelben. Die Stimme des B lutes vereinigte sich mit dem Wehgeschrei
des Kramers liber den »schlechten Geschaftsgang« zu einer symphoni-
schen Anzeige gegen die Berliner Chinesen bei den Finanzbehorden.
Auch die Chinesen, die, etwa 400 an der Zahl, im Berliner Osten leben,
hatten es gewagt, falsche und in Berlin erzeugte echt-chinesische Vasen
und Buddhas zu verkaufen. Eine geheiligte Tradition erfordert es, dafi
nur Angehorige der weifien Rasse Kulturerzeugnisse der anders pig-
mentierten vertreiben dlirfen. Nur Europaer, die durch die Verfal-
schung des Christentums bereits bewiesen haben, was sie konnen, dlir-
fen ihre Kiinste an fremden Kulturerzeugnissen erproben. Welche Un-
verschamtheit von den Chinesen, uns ihre Gotzen und Gefafie verkau-
fen zu wollen. Machen wir eine Razzia, Kinder, dafi diesen Gelben die
Lust vergeht, mit unserem Pofel zu hausieren!
Und die Finanzbehorden machten eine Razzia im ChinesenvierteL
Es ist eines der armsten, schmutzigsten der Stadt. Die »S6hne des
Himmels« wohnen in Hohlen. Flinf, sechs und sieben wohnen - man-
che mit ihren Freundinnen - in je einem engen Raum. Ich war einen
Tag nach der Razzia bei den Chinesen. Man hatte ihre Valuten, ihre
Ware konfisziert. Sie trauten sich nicht auf die Strafk. Sie hockten in
ihren kahlen, schmutzigen Hausern, erschlittert und verschlichtert wie
Belagerte nach einem Uberfall auf ihre Festung; wie Tiere in einem
»Forstrevier« nach einer Treibjagd. Ein groftes, verwiistendes Unver-
standenes war liber sie hereingebrochen. Sie konnen weder lesen noch
schreiben. Sie wissen nicht, wessen man sie beschuldigt. Sie konnen die
Berliner Zeitungen nicht verstehen - und das ist in diesem einen Fall
ausnahmsweise ein Ungllick. Es kam iiber sie wie ein amtliches Gewit-
ter. Der Finanzbehordengott donnerte.
Man warf ihnen vor, ihre Verdienste in fremde Valuten umgewechselt
und nach China geschickt zu haben. Ja, sie zahlten keine Steuern. Sie
machten es wie die deutschen Groftindustriellen. Aber hat man je von
einer Razzia auf die staatserhaltenden Elemente der Groftindustrie ge-
hort? Kuhne Reporter schrieben in der gehassigen Erkenntnis der gu-
ten Wirkung auf die lieben Leser: Die Chinesen, bekanntlich schlitz-
augige Mongolen, »hausten« in freiwilligem Schmutz und freiwillig ge-
hauft in ihren Lochern. Von den Zweispaltern der Sensationsblatter
ging ein Gruseln sondergleichen aus.
Ich habe die Wohnungen der braven, gesitteten chinesischen Proleta-
Il8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
rier gesehen und schwore beim echten Buddha, dafi der Schmutz dieser
Hauser eine blanke Sauberkeit ist gegen den Schmutz der Berliner Re-
daktionen, in denen ich unfreiwillig auch gewohnt habe. Ja, ich habe
festgestellt, dafi die Chinesen, die sich deutsch kaum verstandigen kon-
nen, die deutsche Sprache besser beherrschen als die Mehrzahl der Ber-
liner Redakteure. Und dafi diese zwar Steuern zahlen, aber sofort einer
Razzia anheimfallen miifiten, wenn ein Gesetz gedruckte Lugen und
Mifihandlungen der Wahrheit und der Sprache verbieten wiirde.
Der Herr Kronprinz, der bekanntlich versprochen hat, zuriickgezogen
und der Bewirtschaftung seines Gutes in Oels ergeben leben zu wol-
len, ist alle paar Tage in Berlin. Er hat in Potsdam eine Wohnung.
Gestern fuhr er im Auto durch das Zentrum der Stadt, und die Monar-
chisten erkannten ihn und schwenkten ihre Hiite. Nur die republikani-
sche Regierung erkennt ihn nicht. Sie behalt auch deshalb ihren Hut
auf dem Kopf.
Er trug eine griine Joppe, der Kronprinz. Die Joppe der Hoffnung.
Ludendorff ist in Berlin. Wie sollte da der Kronprinz in Oels bleiben?
Was soil da noch die Bewirtschaftung eines kleinen Gutes, wenn die
eines groften Reiches nicht aufierhalb aller Moglichkeiten liegt? Wohin
rast er in seinen griinen Joppen? Weshalb pflegt er nicht das gesunde
Landleben?
Ich habe mir sagen lassen, daft ein landlicher Aufenthalt eines Kron-
prinzen fur die Republik gesiinder ist als fur ihn. Aber die Republik ist
offenbar auf ihre eigene Gesundheit weniger bedacht.
Ich habe Ludendorff in der Nahe gesehen. Er wohnt im Hotel Exzel-
sior. Er sieht aus wie ein arrivierter Mensch aus dem ehrenhaften Gast-
gewerbe, wie ein Hotelier etwa. Er hat ein starkes Doppelkinn, einen
Bauch, wasserige Augen und den Blick einer gutbiirgerlichen, in be-
scheidenen Grenzen gehaltenen Menschlichkeit. Es ist ein Trost, die-
sen Mann zu sehen und festzustellen, daft er ein braver, irregeleiteter
Spiefiburger ist. Dieser Mann konnte nur im Lande der Spieftbiirger
gefahrlich werden. Es scheint, als hatte er den Hochverrat betrieben
wie ein burgerliches Gewerbe.
Er ist der Gastwirt der Reaktion. -
Der Drache, 3.6. 1924
1924 ii9
Die Zeit der Rummelplatze ist angebrochen. Der Reichstag ist, wie
man weifi, bereits eroffnet. Einem starkeren Interesse begegnet der Lu-
napark. Hierher lockte drei Tage lang die Hoffnung, ein Auto durch
Los zu gewinnen, das Vehikel aller Strebenden, aller Eiligen, Amerika-
nischen, Modernen. Ich lobe mir die proletarischen Rummelplatze, auf
denen man nichts gewinnen kann. Sie liegen auf oden Bauplatzen, ein-
geschachtelt zwischen hohen Wanden, Hauserblocks, iiberschleiert
vom Rufi der Stadtbahnziige, in der Nahe der donnernden, durchdon-
nerten Viadukte, bunte Flecke unter grauem Grofistadtstaub. Es sind
die Platze, die am starksten amerikanisch wirken, erschiitternd durch
arhythmischen Rhythmus, disharmonische Harmonie, Symphonien
des ohrbetaubenden Unsinns, Hymnen des »Klamauks«. Die traurigen
Madchen, die der vorgeschriebene Lebenslauf aus der Fabrik, aus
fremden Dienstbotenzimmern iiber den Rummelplatz in die Prostitu-
tion fiihrt, sind da, von ihrer unausbleiblichen Zukunft gezeichnet, die
aus Kindesmord, Syphilis und Kriminal besteht. Die Zuhalter sind
vorhanden, die der Burger »vornehme Gestalten« nennt, weil sie bunte
Shawls urn die kragenlosen Halse geschlungen haben. Sie tragen die
Hande in den Hosentaschen und haben wenigstens Physiognomien in
dieser Stadt der physiognomielosen Herdenmenschen. Es sind die ein-
zigen Menschen in Berlin mit einer ausgepragten Gesichtsarchitektur,
die von innern Kampfen Zeugnis ablegt, von zeichnenden Erlebnissen,
von schweren Noten. Im Lunapark und im Reichstag sieht man mann-
liche Masken, Umhange und Schnauzbarte, biirgerliche Glatzen, fa-
schistische und kommunistische Kostume und Gesichter, die von gar
nichts anderm erzahlen als von Gelderwerb, ehelichem Beischlaf, va-
terlichen Erfolgen, Berufsjubilaen und Bierabenden. Ich habe eine
wirkliche Physiognomie, ein Angesicht, keine Klassenmaske, gesehn.
Aber es war ein alter Diener, ergraut im Dienste vieler Parteien und
weniger Gesinnungen, mit einer herzlichen Grobheit begabt, einer
brummigen Giite, den Parteien untergeordnet und hoch iiber ihnen, so
hoch, daE die Fraktionsfiihrer, denen er das Wasser reicht, es ihm nicht
reichen konnten. Ich habe mich mit ihm unterhalten. Er ist 26 Jahre in
diesem Hause Diener und mufite sein President sein. Er prophezeite
diesem Reichstag eine langere Dauer, als man ihm zumutet, und sprach
dabei die tiefe Weisheit: »Alles Schwache halt sich.«
120 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ich habe noch ein paar Physiognomien gesehn, in den politischen Pro-
zessen der letzten Tage. Gott schuf sie nach dem Ebenbilde Kains, des
Brudermorders. Ich habe den Oberleutnant Ackermann gesehn, den
Totschlager, der wegen Betruges vorbestraft ist und dem sogar die na-
tionalistischen Blatter den Titel »Oberleutnant« belassen. Ich habe
nichts dagegen. Ich wurde es begriifien, wenn alle Morder den Rang
bekamen, den sie nach ihrer Tatigkeit verdienen. In der Zeit, in der ich
auf Befehl mordete, trug ich mit Recht den Titel und den Rang eines
Leutnants und war ein pnvilegierter Haftling, den man eingesperrt
hatte, nicht, weil er gemordet hatte, sondern damit er morde. Das ist
der einzige Unterschied.
Ich bin personlich also nicht beteiligt, wenn dieser Ackermann, ein
Gesicht aus dem volkischen Verbrecheralbum, »Oberleutnant« heifk.
Wenn es nach den Physiognomien gehen sollte, so miifite der Herr
Tettenborn, Belastungszeuge gegen Seeckt-Attentater Thormann,
mindestens ein Major sein. Und wenn sie einander auch bespitzeln und
anklagen, so sehen sie doch einander so ahnlich wie Briider, der Thor-
mann dem Tettenborn und so weiter. Sie haben Grund, an eine Rasse
zu glauben. Es ist ihre eigene, eine bornierte Rasse, die einzige, die
wissenschaftlich nicht »anfechtbar« ist. Gott bewahre sie vor Mischun-
gen. Zum Teil bewahren sie sich selbst davor. Denn ihre Kinder, die
Knaben aus den volkischen Vereinen, morden einander noch vor dem
Eintritt der Pubertat. Man hat wieder eine Knabenleiche in der Nahe
Berlins gefunden. Jeder zweite Sonntagsausflugler findet Leichen in
den Waldern. Die Knochen, Knabenknochen, liegen zerstreut umher
wie Zeitungspapier und Monatsbinden.
Dazwischen bluht die blafiblaue Blume der Romantik.
Der Drache, 10. 6. 1924
Kein Toter ist vor der Ehrung durch die Hinterbliebenen glucklich zu
schatzen. Kein Geopferter ist vor der verleumderischen Erhebung zum
freiwilligen Helden sicher, sobald er sich nicht mehr wehren kann.
Uber die vermoderten Gebeine hin tragt der Wind die ornamentale
Luge, die sentimentale Rhetorik des uberlebenden Redners. Der hat
gewohnlich den Rang des Generals, die Charge des Uberlebens. Aber
manchmal ist es ein Graf, Angehoriger eines Standes, der auch nicht
gerne fallt. Diesmal war es der Graf Westphalen, der Vorsitzende des
I924 121
Vereins fur Hindernisrennen, der in Karlshorst bei Berlin den Grund-
stein des »Rennreiterdenkmals« iegte. Der Bildhauer Fritsch hat dieses
Denkmal modelliert. Das Modell zeigt einen lorbeergeschmiickten
Jiingling auf einem Vollbluthengst, also einen heimkehrenden Sieger.
Das Denkmal ist den gefallenen Rennreitern von Karlshorst gewidmet,
nicht etwa, wie man nach diesem Denkmal annehmen sollte, den heim-
gekehrten Rennreitern. Ein Denkmal fiir gefallene Reiter miifite einen
durch eine Granate zerrissenen Pferdeleib darstellen, aus dem die Ein-
geweide hervorquellen, wie man es so oft im Felde gesehn hat; dane-
ben den Reiter, dem eine Kugel durchs Gehirn gedrungen und den
Schmerz zerstort hat, so dafi er in der unglucklichen Lage ist, nicht
mehr den Jockeiberuf auszuiiben, und in der glucklichen, den Grafen
Westphalen nicht mehr zu erblicken. Aber es scheint, dafi der Bild-
hauer Fritsch zu wenig vom Kriege gesehn hat oder das Gesehene
leicht vergifit. Wie konnte er sich sonst diesen erschiitternden Hohn
leisten, so mit Entsetzen Scherz treiben und statt eines gefallenen Op-
fers einen heimkehrenden Sieger darstellen?
Der Graf Westphalen erganzte den plastischen Hohn durch ein ora-
torisches Ornament. »Sie starben« - so sagte er wortlich von den ge-
fallenen Rennreitern - »den Heldentod fiir Konig und Vaterland und
ruhen jetzt aus unter dem griinen Rasen, auf dem sie Herz und Ner-
ven gestahlt und Kraft und Mut erprobt hatten.« Wie? Glaubt dieser
lebendige Graf wirklich, dafi die Rennreiter »unter dem griinen Ra-
sen« ruhen und nicht in den steinigen Massengrabern der Karpaten
und der Alpen, nicht in den Siimpfen Rufilands. »Sie ruhen aus«, sagt
der Graf, so, als hielten die Rennreiter ein Nachmittagsschlafchen,
wie Grafen, ehe sie in den Klub gehn, und als konnten sie jemals er-
wachen!
Ach, weshalb ist es so hafilich eingerichtet, dafi die Denkmalsenthuller
und Grundsteinleger nicht eine kleine, eine einzige Stunde in einem
Massengrab liegen, bevor sie ihre Rede halten! Und weshalb sind die
liberlebenden Jockeis so ergriffen, daf$ sie dem redenden Grafen nicht
in die Phrase fallen! Nichts dergleichen geschieht! - Nachdem der Graf
Westphalen die Rede beendet hatte, trat der alte Jockei, Trainer Sei-
bert, heran und »tat die ersten Hammerschlage« - nicht gegen den
Kopf des Grafen, sondern auf den Grundstein . . .
122 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Russische Gespenster leben in Berlin. Im Berliner Flugverbandshause
versammelten sich die Feinde von vorgestern, die Freunde des Nikolai
Nikolajewitsch, die russischen Zaristen zu einer »Tagung«. Es sprach
ein Herr namens Davidoff, und beim Eingang wurden dennoch Ha-
kenkreuze verkauft. Die Hakenkreuz-Aviatik des deutschen Flugver-
bands wirkte auf die Gehirne der russischen Monarchisten: Sie erzahl-
ten Luftschlosser. Nach ihren Mitteilungen steht der Sturz der Sowjets
bevor. Nikolai Nikolajewitsch wird wieder Zar, und der Herr Davi-
doff wird ausgerechnet Pogromorganisator im wiedererwachten Rut-
land.
Auch deutsche Gespenster leben in Berlin. Die Kronprinzessin Cacilie
macht »private Besuchsgange«. Es sind eigentlich Autofahrten, Be-
suchsfahrten und keine »Gange«. Aber dem Photographen eines jiidi-
schen Blattes gelingt es naturlich, die Kronprinzessin zu knipsen, in
dem Augenblick, in dem sie dem Auto entsteigt. Da lafit es sich nicht
vermeiden, dafi auf die jiidische Platte noch ein Offizier gelangt, der
neben dem Wagenschlag »Front macht«. Ein Reichswehroffizier. Ein
Offizier des Demokraten Gefiler. Ein republikanischer Offizier, der
von meinen Steuern lebt. Ich bin aber nicht damit einverstanden, dafi
irgendeine Prinzessin sich fur meine Arbeit einen Begleiter halt, einen
»Wagenturlaufmacher«, einen Leibsalutierer; und ware es selbst eine
Kronprinzessin. Fur den russischen Monarchisten Herrn Davidoff ist
es ein geeigneter Posten.
Und er pafit auch eher auf eine jiidische Photographenplatte.
Der Drache, 17.6. 1924
Uber dem »grofien« Unfall am Potsdamer Bahnhof, bei dem es drei
Tote und viele Verletzte gab, verschwand in den vergefilichen Spalten
der Tageblatter jener »kleine« Unfall, dem nur ein Mensch zum Opfer
fiel - was sag' ich: »ein Mensch« -, ein Straftenarbeiter nur war's, ein
Mann, der in der Nacht den Asphalt der Potsdamer Strafte ausbesserte.
Es geschah zwischen eins und zwei, zu einer Zeit, in der man, besoffen
und national, die Dielen verlafit, die Pflegestatten des Patriotismus.
Ein Auto fuhr in die Baustelle hinein, schleppte einen Arbeiter eine
Weile mit und raste weiter. Der Arbeiter blieb liegen, mit einem zer-
tnimmerten Bein und zerschmettertem Schadel. Ernuchterte Passanten
1924 123
schrien dem Autofiihrer nach. Er aber verliefi mit hochster Geschwin-
digkeit das Feld seiner morderischen Tatigkeit. Man hatte seine Num-
mer gesehen und schrieb sie auf. Zeugen meldeten sich. Aufgeregte
Menschen suchten einen Wagen, um den Verletzten in ein Kranken-
haus zu transportieren. Man hielt ein Auto auf, in dem ein Herr safi.
Und nun geschah folgendes:
Ein Arbeiter trat an den Chauffeur heran und wies auf den verletzten
Kollegen. Blut rann iiber die StrafSe. Der Chauffeur sagte: Bedaure
sehr, dieser Wagen ist besetzt. Der Arbeiter flehte: Seid doch Men-
schen! Der Mann verblutet! Nehmt ihn mit. Der Chauffeur sagte:
Dann ist mein Wagen schmutzig, und wer wascht ihn mir? - Noch
einmal der Arbeiter: So seid doch Menschen! Der Mann stirbt! - Der
Herr, der im Wagen safi, stieg langsam aus. Es wurde ihm ein wenig
unbehaglich. - Ist er wirklich denn so schwer verletzt? - fragte er
nachdhicklich. - Ja, ja, er stirbt! schrien die Menschen. - Steigen Sie
ein! - rief der Chauffeur. Die haben kein Recht, diesen Wagen zu neh-
men. Der ist ja besetzt!
Und erst zehn Minuten spater fand man ein freies Auto fur den Ver-
letzten. Und das Blut rann iiber den ausgebesserten Asphalt. Und der
Herr fuhr nach Hause und legte sich schlafen. Und war doch ein
Mensch! Und wufke doch, dafi ein Mensch im Sterben lag. Er sah das
Blut, das zertriimmerte Bein, den zertriimmerten Schadel! Er fuhr
nach Hause, legte sich ins Bett und schlief auf einem guten Ruhekissen,
das bequemer ist als ein reines Gewissen. Er traumte nicht einmal von
Blut und Tod. Er traumte von der Geldknappheit und davon, dafi man
die Devisen auf jeden Fall behalten mufi.
Um das Gedachtnis Walter Rathenaus zu ehren, der fiir Deutschland
lebte und der an Deutschland starb, ging ich ins Rathenauhaus, in die
Konigsallee, in die Morder-Allee. Es sollte ein Museum werden. Aber
die Besucher fehlen. Nur Auslander haben manchmal das Bediirfnis,
das Rathenauhaus zu sehen. Man kann es ohne eine Erlaubnis des
Reichskunstwarts nicht besuchen. Man muE also in das Ministerium
fiir Inneres gehn. Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelohr als ein
Fremder in ein deutsches Amt.
So steht das Rathenaumuseum still, verschlossen, mit herabgelassenen
Jalousien. Ein Diener, Rathenaus Diener, bewacht es. Jeden Tag stellt
er Rosen auf den Schreibtisch des Toten. Neben den Rosen liegt die
124 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Bibel mit griechischem und deutschem Text. Auf einem Tisch sah ich
das alte Weissenfelsische Gesangbuch und den jiidischen »Schulchan
Aruch« liegen, das Gesetzbuch der Juden in der Diaspora. Er war
wirklich ein Weiser von Zion, Walther Rathenau. Er gehorte zu jenem
kleinen Verein der Weisen von Zion, dessen President Jesus Christus
war.
Aber den Herrn Hofprediger Richter hindert nichts, beim Feldgottes-
dienst in Potsdam seiner Rede den Text »zugrunde zu legen«: »Jesus
Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit«: Es war
namlich wieder eine Gardedenkmalsweihe in Potsdam. Und der Eitel
Friedrich war auch da. Er begleitet alle Denkmalsweihen, wie Seuchen
den Krieg begleiten. In seiner Anwesenheit zitierte man die Bibel.
Zwei Teilnehmer an einer Parade: Jesus Christus und Eitel Friedrich.
Uber jenen predigte man, vor diesem paradierte man. Eitel Friedrich
gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Der Drache, 24. 6. 1924
Es gibt Augenblicke, in denen sogar ein Parlament, das vom Reden
lebt, sprachlos werden kann. Es gibt eine Dummheit, die ebenso er-
schiittert wie irgendein heiliges Erlebnis. Es gibt eine Schamlosigkeit,
die ebenso grenzenlos ist wie die Ewigkeit. Kurz, es gibt im Deutschen
Reichstag einen Mann namens Roth, der ein bayrischer Justizminister
war und von so erstaunlichen Qualitaten ist, dafi ich nicht umhin kann,
hier offentlich zu erklaren, daft ich, Joseph Roth, mit meinem Na-
mensvetter, dem gewesenen Justizminister Roth, weder verwandt
noch identisch bin. Um mich noch einmal zu iiberzeugen, dafi dem so
ist, ging ich in den Reichstag an dem Tage, an dem der Roth redete.
Sofort nach den ersten Worten war es mir klar, dafi wir beide nichts
miteinander zu tun haben; ja, noch mehr: dafi ich die Pflicht habe, fur
meinen Namen um Entschuldigung zu bitten.
Als der bayrische Sozialdemokrat Saenger den Ludendorff so kenn-
zeichnete, wie es der Roth auch verdient, sagte dieser: »Ein franzosi-
scher Sozialist wiirde uber den Marschall Foch nicht so sprechen wie
ein Deutscher iiber Ludendorff !« Man staune uber die Diskussionsfa-
higkeit dieses Juristen: Er will den Sozialisten eins auswischen, und er
trifft den Ludendorff, den er verteidigt. Ich mochte mich von diesem
1924 125
Juristen Roth nicht verteidigen lassen. Der Mann ist imstande, mich
durch seine Verteidigungsrede an den Galgen zu bringen. So sieht die
Denkfahigkeit des bayrischen Justizministers aus. Er hat seine Siinden
vielleicht gar nicht aus Schlechtigkeit begangen. Aber ich werde mich
hiiten, die Eigenschaft des Roth zu nennen, die ihn kennzeichnet. Sie
ist mit der Schlechtigkeit verwandt.
Die Rede des Justizministers erweckte in mir die Sehnsucht nach einer
Erholung. Ich verliefi die Tribune und kam in jenen Teil des »Hohen
Hauses«, wo es noch hoher, wo es sogar allerhochst wird. Ein Freund
fiihrte mich in die Gemacher Kaiser Wilhelms.
Ja, der Kaiser hatte »Gemacher« im Reichstag - aber er hat sie niemals
benutzt. Er hatte Stiihle mit seinem Monogramm, einen Toilettenraum
und ein allerhochstes Klosett. Boshafte Kenner der deutschen parla-
mentarischen Verhaltnisse behaupten, es ware heme noch der tiefste
Schmerz der Deutschnationalen, dafi der Kaiser seine Erhabenheit nie-
mals mit diesem Sitz im Reichstag in nahere Beruhrung gebracht habe.
Alles ware vielleicht anders gekommen.
Sowohl die Stiihle mit den Initialen wie das Klosett sind heute unbe-
nutzt. So gibt sich die Pietat eines Volkes kund. Jede Nation hat ihre
eigene Art, Monarchen zu verehren.
Es war am Todestage Rathenaus. Aber der Reichstag entsann sich des-
sen erst am Schluft. Als ein Sozialdemokrat an den Todestag erinnerte,
riefen die Volkischen: Au! Au! Wer kennt nicht die Kraniche des Iby-
kus? Als die Morder der Kraniche gewahr wurden, schrien sie eben-
falls. Aber die Volkischen brauchen nicht erst eruiert zu werden . . .
Am Abend begaben sich einige Republikaner an das Grab des Toten.
Man sah in den Straften Berlins drei schwarz-rot-goldene Fahnen auf
drei Automobilen. Da blieben alle Passanten verwundert stehen, die
Strafienbahnen, die Autobusse hielten still, Tiir und Fenster flogen auf,
und ratios fragte einer den andern: Was ist los? Was sind das fur Far-
ben? Ist Deutschland denn eine Republik?
Auf diese letzte Frage konnte man nicht entschieden antworten.
Indessen feierte man in Potsdam die Johanniterschlage. Der alte Hin-
denburg kam nach Potsdam. Er trug das goldene Schwert der Ritter,
und der unvermeidliche Eitel Friedrich teilte die Schlage aus. Das jiidi-
sche Blatt, das sich nicht einmal die Johanniter entgehen lafk, berich-
tet: »Alle in Potsdam wohnenden Prinzen und Prinzessinnen wohnten
126 DAS JOURNALISTISCHE WERK
der Feier bei. Sie haben Wohnungen und Bei-Wohnungen. Kein Bei-
Wohnungsmangel mehr! Wohl aber ein Wohnungsmangel unter jenen,
die nicht beiwohnen. Der eine empfangt Schicksalsschlage, der andere
Ritterschlage. Ware Rathenau Johanniter gewesen, das deutsche Volk
ware mit einem Ritterschlag davongekommen . . .«
Der Drache, i. 7. 1924
Das Material hauft sich und fangt an, mir uber den Kopf zu wachsen.
Weil ich mir vorgenommen habe, das Bilderbuch mit jenen Berliner
Begebenheiten zu fiillen, die von ihren Verursachern und Veranstal-
tern »nationale Belange« genannt werden und in Wirklichkeit die Sym-
ptome des nationalen Verfalles sind. Berliner Bilderbucher miifiten mit
dem Blut der Opfer und den Tranen ihrer Hinterbliebenen geschrie-
ben werden. - Die Time geniigt nicht und nicht einmal das Herzblut,
das »eventuelle«, des Schrifts tellers. Wenn ich mir vorgenommen
hatte, edle, schone und humane Ereignisse aus Berlin zu berichten -
ich stiinde jede Woche vor einer kleinen Katastrophe, denn mir man-
gelte das Material. So aber gerate ich in die Verlegenheit, zu viel be-
richten zu miissen, denn die Manner der nationalen Belange lassen mir
keine Zeit zum Atemholen. Kaum haben sie einen Arbeiter erschossen,
da bricht auch schon ein Prozefi aus, in dem Schuldige freigesprochen
werden, ballt sich uber unsern Hauptern ein »Deutscher Tag« zusam-
men, beginnen Denkmalsenthullungen zu grassieren, schwarmen die
Bazillen der »vaterlandischen« Gesinnung aus. Und wenn es wenig-
stens nur bei diesen traurigen Dingen bliebe! Nein, es gibt heutzutage
bei uns keine Tragik ohne Lacherlichkeit, und wenn man weinen soil,
mufi man lachen.
Zwei Tage vor der Wahl schofi ein Volkischer in der Nacht den Arbei-
ter Gddke nieder. Gestern war der Prozefi. Der Morder ist vierund-
zwanzig Jahre alt, ein Handlungsgehilfe und heifk Karl Tepe. Er hatte
die Aufgabe, nachtliche Hakenkreuze an die Wande zu malen, die Or-
namente der deutschen Aborte in die breitere Offentlichkeit zu tragen
und mit diesem Zierat der Klosetts fur Wulle Propaganda zu machen.
Vorher safi er in einem Kopenicker Gasthaus und spielte Skat um
Schnapslagen - so erzahlt er selbst. Er berichtet, daft in diesem Lokal
nur »deutsche Manner und Frauen« anwesend waren - wie es sich
eigentlich von selbst versteht, wenn um Skat und Schnaps gespielt
1924 127
wird. Unmittelbar nach dem Skat kam das Gesprach auf die Wahlpro-
paganda. Er, Karl Tepe, hatte Teerfarbe, Pinsel und eine sogenannte
»SchabIone« mit der Inschrift: Wahlt Wulle! bei sich. Aber - die Scha-
blone funktionierte nicht. Und so begannen er und seine Kameraden,
Hakenkreuze frei zu malen, bis der Arbeiter Gadke daherkam. Wie
weit ist es von der Schablone » Wahlt Wulle !« bis zu einem Pistolen-
schufl?! Bedarf jemand, der Hakenkreuze malt, noch der Uberlegung,
ob er einen Menschen erschiefien soil! Keinesfalls! Von der volkischen
Wahlpropaganda bis zum Mord ist weniger als ein Schritt. Wer Wulle
wahlt, schiefk. Und Karl Tepe erschof? den Arbeiter Gadke. Er ist
wegen Totschlags angeklagt. Wegen Mordes miifite die Schablone an-
geklagt werden. Aber kann man eine Schablone verurteilen?
Das ist so ein tragischer Fall, der Wein- und Lachkrampfe hervorzuru-
fen imstande ist. Fast so grofi wie die Tragik des Arbeiters und seiner
Familie ist die Lacherlichkeit der »Schablone«. Welch ein witziger Zu-
fall, der das technische Gerat mit demselben Namen bezeichnet, der
fiir die Personlichkeit Wulles pafk. Kann man mit einem anderen
Werkzeug fiir Wulle Reklame machen als mit einer Schablone? Und
nicht einmal die funktionierte! Ach, was sind das fiir Schablonen! Die
Wande selbst wehren sich. Diese Schablonen funktionieren nur dort,
wo Skat um Schnaps gespielt wird, und hochstens noch im Reichstag.
Hier sitzen die Schablonen auf der rechten Seite und funktionieren,
funktionieren, funktionieren . . .
Der Hochschul-Schlag-Ring Deutscher Art hat gegen die »Schuld-
liige« protestiert. In den ersten Reihen saft natiirlich Roetbe, der Rek-
tor, und in seiner Nahe wehte der Bart des Herrn Tirpitz, Vertreter des
Reichswehrministeriums waren vorhanden, Herren von der Regie-
rung, den christlichen Gewerkschaften, den nationalen Verbanden, die
Chargierten, der Schmock vom »Lokalanzeiger«. Es war alles da, was
kriegerisch gesinnt ist, was den Krieg bei jeder Gelegenheit propagiert,
alle Schablonen der Politik und der Wissenschaft funktionierten plotz-
lich gegen ihre Schuld, alle waren sie plotzlich sanfte Lammer, un-
schuldig am Krieg, den sie sonst verherrlichen. Der Rektor, der den
republikanischen Studenten Vortrage und Versammlungen verbietet,
war in der ersten Reihe, er, der Dr. Roethe, der tapfere Verteidiger des
Potsdamer Bahnhofes im Kriege, der President der Goethe-Gesell-
schaft, der in alien ersten Reihen zu sehen ist. Dieser Rektor, der ein
128 DAS JOURNALISTISCHE WERK
republikanischer Beamter ist und die Republik nicht kennt, der von
judischen Steuern lebt und ein Antisemit ist und der nicht die Konse-
quenzen zieht und abdankt, sondern sich von der Republik ernahren
lafit, um sie zu beschimpfen. Man spielte das Deutschlandlied, und die
Schlager klirrten bei dieser Kundgebung, die erweisen sollte, dafi ihre
Kundgeber keine Schuld am Kriege hatten. Dabei klirren sie mit den
Schlagern! Wenn sie pazifistisch werden, sind sie kriegerisch, sie glei-
chen den Kanonen, die bei Friedensschliissen abgefeuert werden und
die zeigen sollen, dafi der Frieden nur eine Abart des Krieges ist. Mit
den Waffen beweisen sie ihre Unschuld. Es ist, als wollte jemand sa-
gen, der weifie Bart des Tirpitz ware eigentlich eine wehende Friedens-
fahne . . .
Der Drache, 8. 7, 1924
Es sind Tiere aus Abessinien nach Berlin gekommen, obwohl es schon
so viele einheimische gibt, die exotisch genug aussehen. Zwischen dem
Alkohol und der Zoologie besteht ein neuer Konnex. Bis jetzt stellten
nur die Volkischen den Zusammenhang her. Der Likorkonig Mampe
kam zuerst auf die gute Idee, auch mit anderen Gattungen anzufangen.
Er schenkte dem Zoologischen Garten zwei Elefanten, junge Elefanten
aus Somali. Somalineger sind mitgekommen. Schakale; eine Hyane;
ein junger Pavian, den ein Neger an der Leine fuhrt; funfundzwanzig
Hamadrya-Affen, sechsundzwanzig Dromedare, Antilopen, Straufie;
siebzehnhundert abessinische Vogel, Flufischweine, Anubispaviane.
Nun sind die Tiere in Europa - denn noch liegt Berlin in Europa,
obwohl die Gefahr grofi ist, dafi es aus diesem Erdteil hinausfallt und -
wer weifi, wo zu liegen kommt. Denn die Geographie ist eine variable
Angelegenheit. Ein Hakenkreuz ist imstande, eine europaische Welt-
stadt in das Land der Menschenfresser zu verlegen; und was einer ver-
mag, der ein Hakenkreuz tragt, konnen funfundzwanzig Hamadrya-
Affen bestimmt nicht. Uberhaupt sind die Affen human - der einzige
Beweis dafiir, dafi wir nicht von ihnen abstammen. Sieht man die Tiere
im Zoo, die alten und die neuen, so wankt die Naturwissenschaft, und
es wird schwer zu glauben, dafi uns mit ihnen irgendeine Verwandt-
schaft verbindet. Es scheint, dafi der liebe Gott sie wirklich in den
ersten Tagen erschaffen hat, als er noch frisch war, und uns erst, als ihn
die Mudigkeit ubermannte und er nicht mehr unterscheiden konnte
1924 129
zwischen seinem Ebenbild und einer Karikatur seiner Erhabenheit.
Gott war der erste Karikaturist, als er den Menschen schuf. Aber als er
noch an den Tieren arbeitete, liebte er die werdende Welt mit der nai-
ven Sentimentalitat eines jungen Anfangers, mit der Leidenschaft eines
Besessenen, mit dem Pathos des Schopfers. Als er aber dem Menschen
Odem einhauchte, war es bereits der Atem der Ironie, der Skepsis, der
Gleichgiiltigkeit. So entstanden wir.
Diese fatale Schdpfungsgeschichte fiel mir ein, als ich die Dromedare
sah und wie man anfing, sie »einzureiten«. Kein Wunder, dafi die Dro-
medare ihre Bandiger abzuwerfen versuchen. Man mufi nur sehen, wie
intelligent, edel und gottlich ein Dromedar in der Verzweiflung aus-
sieht und wie barbarisch, gemein und tierisch ein verzweifelter
Mensch. Niemals ist der Hafi der Dromedare sinnlos, ihre Augen blei-
ben fromm und sanft, auch wenn der Korper wild, das Blut morde-
risch wird. Aber aus den Augen des Menschen, der sie zahmen will,
gliiht der Hafi des Ubermiitigen, des Furchtsamen, des Verhatschelten,
des Wesens, das keinen Widerspruch leidet, weil es aus Widerspriichen
zusammengesetzt ist. Hatten Dromedare Selbstironie, sie wiirden ihre
Reiter fur Dromedare halten.
Nun habe ich mich zwar schon mit der Existenz eines Zoologischen
Gartens abgefunden und mit der Institution der Kafige. Allein, ich
frage vergeblich, wozu man die Dromedare »einreitet«, da sie doch
schon im Zoo sind und nicht bestimmt, Orientforscher und Weltrei-
sende auf ihren buckligen Rucken zu schleppen. Es war allerdings die
Presse eingeladen, und vielleicht ritt man deshalb ein. Ja, man lud die
Presse ein, die Journalisten standen vor den Affen, und die Affen er-
kannten sich selbst nicht, die fauchenden Leoparden blieben in ihren
Kafigen, obwohl die reaktionaren Blatter erschienen waren, und ich
hatte in jener historischen Stunde ein Leopard sein mogen in einem
offenen Kafig. Keiner ware mehr in die Verlegenheit gekommen, einen
Artikel iiber mich zu schreiben. Es werden taglich so viele Zeitungen
zerrissen - weshalb nicht auch einmal eine Redaktion?
Der Berliner Zoologische Garten ist wieder groft geworden. Er hat die
seltsamsten Exemplare in Europa. Er macht jedem Ministerium Kon-
kurrenz, bei dem die Geheimrate zwar auch bucklige Rucken haben,
aber nicht »eingeritten« werden von tatkraftigen Reitern . . .
Der Drache, 15. 7. 1924
DAS »UNTERBEWUfiTSEIN« IM FILM
Zwei Arzte, Dr. Tbomalla und Dr. Kronfeld, haben fur die Kulturab-
teilung der »Dafu« einen Film hergestellt, der die Probleme der Hyp-
nose und der psychoanalytischen Seelenbebandlung popular, aber et-
was zu allgemein instruierend behandelt. Immerhin ist den Autoren
das Schwierige gelungen: ein abstraktes Gebiet der modernen Medizin
durch eine metaphorische, primitiv dichterische Behandlung sichtbar-
faftlich zu machen. Dieser Film ware, unabhangig von seinen unmittel-
baren Zwecken, eine gute Anleitung fiir Padagogen. Indem die Verfas-
ser den malerischen Vergleich heranziehen, ersparen sie sich unwirk-
same Erlauterungen. So ist zum Beispiel der Begriff des »Oberbe-
wufitseins« sehr gliicklich mit der Oberflache des Meeres verglichen,
der des »Unbewufiten« mit der unsichtbaren, aber trotzdem belebten
und mafigebenden Tiefe des Meeres. Die Wechselwirkungen zwischen
»Oberbewufitsein« und »Unbewufitem« werden mit den zwischen
Meeresoberflache und -Tiefe korrespondierenden Stromungen vergli-
chen. Durch solche und ahnliche bildhafte und suggestive Gleichnisse
gelingt es, auch dem primitiven Gehirn eine Vorstellung von den
neuen Gebieten der Seelenmedizin zu vermitteln. Aber auch der weni-
ger Primitive kann viel lernen. Er sieht den Scheinwerfer der Wissen-
schaft in die dunklen Tiefen des Traumlebens eindringen und seine
Geheimnisse erhellen. Der Hoherbegabte lernt dabei vielleicht, wie
man durch eine Kraft die Regungen des Unbewufiten regulieren kann.
Am wichtigsten bleibt die ausgesprochene Tendenz des Films: der gro-
fien Masse das Bewulksein zu vermitteln, dafi man auf Kosten des
Hypnotismus keine Marchen glauben kann. Hypnose auf den ersten
Blick ist ebenso unmoglich wie Verbrechen in der Hypnose. Dennoch
scheint mir - wissenschaftlich genommen: einem »Laien« -, dafi hier
zu wenig das Geheimnisvolle, von der Wissenschaft noch nicht Er-
klarte, aber trotzdem seine Existenz taglich Erweisende erwogen
wurde. Allzusehr wird das Wunder der Hypnose durch die rationell
leicht erklarliche »Suggestion« begriindet, und iiberhaupt nicht in Be-
tracht gezogen ist der Einfluft der »Personlichkeit«, ein sinnlich-uber-
sinnliches Element, das von bestimmten Individuen ausstromt, denen
wir im Alltag begegnen, wie von den Personlichkeiten der Geschichte.
Auch der Arzt, der sich mit der Seelenbehandlung befafk, bleibt ge-
1924 131
bunden an die wissenschaftlich approbierten, sinnlich und verstandes-
mafiig zu erklarenden Praktiker. Alles andere verschweigt er, wenn er
es auch nkht verleugnet. Deshalb befriedigt dieser Film nicht ganz.
Man hatte wenigstens versuchen miissen zu erklaren, dafi aus noch
unbekannten Griinden ein Individuum aliein durch seine Erscheinung
starker wirkt als ein anderes, auch wenn jenes keine hervorragenden
korperlichen Gaben besitzt, die es iiber die Mehrzahl erheben konn-
ten. Woher kommen »Anziehung« und »Abstofiung«, wenn kein kor-
perliches oder wahrnehmbar geistiges Merkmal sie erklart? (Der Film
begegnet gerade in Berlin, der Stadt der meisten Kurpfuscher, begreif-
lichem Interesse.)
Frankfurter Zeitung, 20. 3. 1924
DER HERR MIT DEM MONOKEL
Der Herr trug in der rechten Augenhohle ein Monokel. Es hatte den
Anschein, als bildete er sich ein, der einzige in dieser Strafie, in dieser
grofien Stadt, ja vielleicht im Lande zu sein, der nicht nur ein Monokel
trage, sondern es auch zu tragen verstehe. Und er trug es, wie ich ihm
aufrichtig einraumen will, beherrscht und sicher. Es bestand nicht die
geringste Gefahr, dafi dieses Monokel jemals aus der Augenhohle fal-
len und mit leise klagendem Klang auf dem harten Pflaster zersplittern
konnte. Es war so, als stiinde der Herr nicht lebendig und korperlich
am Rand des Biirgersteigs, um die Strafienbahn zu erwarten, sondern
als ware er eine Figur aus dem Modeheft fur elegante Herren, bei deren
Anblick wir, wenn sie ein Einglas tragt, auch nicht die nervose Furcht
hegen, dafi das zarte Instrument zerbrechen konnte.
Der Herr trug einen weichen Filzhut, der aber so genau und ernsthaft,
so gerade und so minutios in der Mitte geknickt auf dem Haupte saE,
dafi er aussah wie ein steifer Zylinder von einer ungewohnten Form.
Die Hande des Herrn waren mit grauen Lederhandschuhen bekleidet,
weichen grauen Lederhandschuhen, die gleichsam die Pupille des Be-
trachters streichelten. In einem scharfen Bug fiel die Hose auf den
Schuh aus Lack und Wildleder. Das Angesicht des Herrn gestand gar
nichts. Es war eine verstockte Physiognomie, die grundsatzlich alles
132 DAS JOURNALISTISCHE WERK
leugnete und verschwieg, wie etwa das Antlitz eines toten Pharaonen-
konigs, den man Jahrtausende nach seinem Seligwerden mumifiziert
im Sarkophag findet.
Das Angesicht dieses Herrn mumifizierte das Monokel. Es war so, als
hatte der Herr, der sich im besten Mannesalter befinden mochte, seit
seiner Geburt gar nichts von Bedeutung erlebt; ja, als ware er als eine
bewegungsfahige Mumie zur Welt gekommen, um ihr Licht durch die
Vermittlung eines Monokels zu erblicken. Dieses brachte nur eine tote
Asymmetrie in das Angesicht. Denn ein Monokel in der rechten Au-
genhohle zwingt den Trager, die ganze rechte Gesichtshalfte zu straf-
fen, die rechte Schlafenhaut bald zu falten und bald glatt zu spannen
und den rechten Mundwinkel, wenn auch ein wenig, so doch immer-
hin merkbar in die Hohe zu Ziehen. Das Monokel dirigiert ferner die
Gedanken in eine bestimmte Richtung, und sie kreisen, wenn auch
unterbewufit, stets um die Sorge, was mit dem Einglas geschehen
wiirde, wenn diese oder jene Uberraschung sich ereignete. Deshalb
scheint es uns, dafi den Herrn, der ein Monokel tragt, nichts iiberra-
sche. In Wirklichkeit ist er eine Sekunde spater erschrocken, schmerz-
lich oder freudig bewegt als die anderen. So hindert ihn das Monokel,
die jah wechselnden Zeitereignisse sofort zu erfassen. So ahnt er zum
Beispiel noch nichts von einer Revolution, weil er inzwischen um die
Sicherheit des Monokels besorgt ist. Und er ist verurteilt, einen Witz
viel spater zu verstehen als wir. Seine Erlebnisse gelangen nicht aus
erster Hand, nicht unmittelbar und frisch in sein Bewufltsein, sondern
altbacken, ausgekiihlt und wirkungslos. Daher kommt es, dafi sein An-
gesicht so leer ist und so vornehm verschwiegen.
Ich war gerade mit diesen Betrachtungen beschaftigt, als ich zu merken
glaubte, dafi der Herr mit dem Monokel ungeduldig zu werden be-
gann. Gewohnliche Menschen verraten ihre Ungeduld, indem sie ple-
bejisch einen Fufi auf den anderen setzen und also ihren Zustand uns,
die es gar nicht angeht, geradezu aufdringlich bemerkbar machen. Die-
ser Herr aber begann seine Handschuhe zu glatten, als ware ihre wei-
che Sanftheit uberhaupt noch steigerungsfahig. Er tritt sozusagen von
einer Hand auf die andere, wie Plebejer es mit den Fiifien zu tun pfle-
gen. Aber es kam keine Strafienbahn.
Statt ihrer kam ein Autobus. Und nun geschah etwas Unerwartetes :
Das Gehirn des Herrn revoltierte gegen die Diktatur des Monokels, es
fafite zuerst den kiihnen Gedanken, den Autobus statt der Strafien-
1924 133
bahn zu beniitzen, setzte die Fiifie des Herrn in Bewegung, so dafi
dieser zu laufen anfing. Aber, wie es nun einmal mit subordinierten
Naturen zu sein pflegt: Das rebellische Gehirn fiel in seine alte Abhan-
gigkeit vom Monokel zuriick, gebar hurtig einen neuen Sorgengedan-
ken, so dafi der Herr mitten im Laufen den rechten Arm erhob, mit
dem Armel das Einglas streifte und es zu Boden fallen liefi, wo es leider
mit einem wehmiitigen silbernen Klirren zerschellte. Indes fuhr der
eilige Autobus ab, und der Herr kehrte an den Rand des Biirgersteigs
zuriick.
Jetzt war sein rechtes Auge nackt, und der rechte Mundwinkel begann
unmerklich abwartszugleiten wie eine austarierte Waagschale. Das An-
gesicht belebte sich mit dem Willen, nichts zu sehn, und sah doch ge-
zwungen die gegeniiberliegende Strafienseite, ihre Menschen, einen
Hund an der Litfafisaule, einen stiirzenden Radfahrer, einen kleinen
Zusammenstofi. Das Gehirn des Herrn begann, Erlebnisse zu sam-
meln. Und weil die Strafienbahn noch immer nicht kam, ereignete sich
das Allerschrecklichste: Der Herr, dieser vornehme Herr, begann, von
einem Fufi auf den anderen zu treten. Es war wie eine sichtbar fort-
schreitende Proletarisierung des gebildeten Mittelstandes. Von Se-
kunde zu Sekunde wurde der Herr menschlicher. Jetzt sah man auch
deutlich, dafi er Eile hatte; dafi er eine sterbende Tante erreichen
wollte; oder sein Mittagessen; oder eine Pokerpartie; oder eine Ver-
schworung gegen die Republik. Er wurde verstandlich, wenn auch
noch immer nicht sympathised Und wenn er unterwegs kein neues
Monokel gekauft hat, so darf er hoffen, in zehn Jahren sogar verniinf-
tig zu werden.
Vorwarts, 23.3. 1924
BESUCH BEI AMENOPHIS
Der grofie Konig Amenophis der Vierte, der um das unwahrscheinliche
Jahr 1375 vor Christi Geburt regierte, hat jetzt im Berliner Staatlichen
Museum einen eigenen Saal erhalten. Hier steht er nun, einer der grofi-
ten Konige des Altertums, ein regierender Prophet, ein Religionsstifter
und ein Kiinstler, der Begriinder des Sonnenkults und der Schopfer
134 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einer neuen Kunstrichtung im alten Agypten, em heiterer Herrscher,
ein versonnener Traumer, ein wahrer agyptischer »Sonnenkonig«.
Seine Residenz war nicht Theben, sondern das zauberhafte El Amarna;
so versinnbildlicht Amenophis der Vierte am deutlichsten seine revo-
lutionare Weltanschauung. Er bricht mit der Tradition. Er emport sich
gegen die alten Gotter. Er stiirzt sie. Er schafft sie ab. Er kennt nur
eine Gottheit: die Sonne. Sie ist unerreichbar und dennoch alien nah.
Ihre Wunder allein sind alien sichtbar. So weit das Auge reicht - und
noch weiter -, erstreckt sich ihr Machtbereich. Sie ist der einzige, im-
mer giitige Gott, der nicht straft, sondern segnet. In Theben mochte
noch die verwirrende Vielfaltigkeit der alten Glaubensobjekte den
neuen, freudigen Kult storen. Amenophis baut sein El Amarna, die
Stadt, die der Sonne geweiht ist. Auf dem Konig Amenophis ruhen die
Strahlen ihrer Gnade. In aberhundert Abbildungen kann man es sehen,
wie Gott Sonne den Konig und seine Familie segnet.
Man verdankt die Kenntnis von der El-Amarna-Kunst Ludwig
Borchardt und James Simon. Im Winter 1912 zu 13 wurde die Werk-
statt des Bildhauers Thutmosis ausgegraben. Viele Funde ruhen noch
in Schuppen zu Charlottenburg. Das Kennzeichnendste ist bereits im
Museum aufgestellt und wird vom 1. April an der Offentlichkeit zu-
ganglich sein.
Es ist eine so feine, weise, philosophische, lachelnde Beziehung zwi-
schen der neuen Religion und der neuen Kunst vorhanden: Gleichzei-
tig mit dem Sturz der alten Gotter und der Erhebung der Sonne zur
einzigen Gottheit verlieren die Bilder, die Skulpturen, die Reliefs ihre
alten traditionellen, bereits leer gewordenen harten Linien. Im Lichte
der Wahrheit, welches das Licht der Sonne ist, erwacht die neue
Freude an der genauen Beobachtung der Realitat, am Detail, am - Na-
turalismus. Die alte Stilisierung verschwindet. Sie mag begriindet ge-
wesen sein in nunmehr begrabenem schattenhaftem Glauben, in der
nachtlich-phantastischen Religion. Mit dem Sonnenkult bricht eine
Art Zeitalter der Aufklarung, der Aufheiterung heran. Die alte strenge
Linie lockert sich, die Uberlieferung schlieftt Kompromisse mit der
Natur. Das Angesicht des Objekts, des Konigs, der Konigin, ihrer
Kinder, bekommt personliche Ziige. Das Individuelle siegt iiber das
Typische. Der fast fanatische Trieb zur Wahrheit schreckt vor dem
karikaturistischen Portrat nicht einmal zuriick. Im Auftrag des Konigs
Amenophis des Vierten und wahrscheinlich in seiner kontrollierenden
1924 135
Anwesenheit entwarfen die Kiinstler getreue, sogar peinlich getreue
Nachbildungen des majestatischen Angesichts, voll erschikternder
Wahrhaftigkeit, von geradezu beleidigender Echtheit. Wie schon und
verstandlich, dafi der Anbeter der Sonne die Wirklichkeit und ihre Er-
kenntnis nicht scheut! Die alte Stilisierungskunst, zum Teil verursacht
durch furchtsam untertanige Schmeichelei vor dem allmachtigen Herr-
scher, ist nicht mehr notwendig, wenn dem Konig nur das Wahre
schon, grofi und edel erscheint. Und nun erst ist es moglich, sich eine
vollkommene Vorstellung vom alten agyptischen Angesicht zu bilden:
Wie lebte es bis jetzt in unserer Erinnerung? Wir kannten das typische,
strenge und kantige Antlitz, den charakteristischen Kinnbart der Man-
ner, den glatten Kopf der Frauen mit dem vorspringenden Kinn, der
zuriickweichenden Stirn, den breiten Nasenfliigeln. Jetzt, im Saal
Amenophis des Vierten, sehen wir agyptische Portrat-Personlichkei-
ten ohne die banale Alltaglichkeit der Photographie oder unserer »ge-
lungenen« und »wie lebendigen« Bilder. Denn der ekstatische Wahr-
heitsdrang jener agyptischen Zeit ist eben religios, also kein Ergebnis
der forschenden Wifibegier und der Kopiesucht, sondern bereits eine
Uberholung des Naturalismus und also in der Wirkung kunstlerisch
wie in seinem Ursprung fromm. Und das Wesen des Objekts ent-
spricht dem der Kunst, von der es gestaltet wurde. Wie verschieden
sind jene Menschen von denen, die uns heute umgeben. Ich denke hier
an das ratselhafte Antlitz der alten Konigin Teja, das in vielen Abbil-
dungen vorhanden und ziemlich bekannt sein diirfte, das Gesicht der
koniglichen Mutter, die einen Propheten gebar. In diesem Saal ist ein
ganz kleiner Kopf vorhanden, ein unwahrscheinlich lebendiger, der
Kopf einer wissenden und schlummernden Frau, als berge sich unend-
liche Weisheit im Schlaf. Zu beiden Seiten des breiten, erotischen
Mundes sind die tiefen Furchen bitteren Erlebens eingegraben. In star-
kern Trotz reckt sich das Kinn der Welt entgegen. Es ist eine unbe-
greifliche Mischung zweier und mehrerer einander bekampfenden Ele-
ments Ein Gesicht aus Kampf und Versohnung; aus Harmonie und
Gegensatz; aus Himmel, Erde und Holle.
Ein anderer Kopf: die noch in den Farben gut erhaltene Biiste einer
wunderschonen Frau. Die grofie Kunst des Bildhauers konnte sie le-
bendig machen, aber nicht warm. Was hilft die natiirliche Lebendigkeit
des Auges? Die ironische Beredtheit der vollen Lippen? Das ist mor-
dende Tiicke der kalten Schonheit. Der Frau, die auf den Wegen zum
136 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Verderben steht. Wie anders, kaum fiinf Schritte weiter, das Angesicht
aus warmem Braun! Die beiden Frauen konnten Schwestern sein, sind
es auch vielleicht. Wie wandelte sich hier der stolze Hochmut in la-
chelnde Miitterlichkeit! Genauso edel geschwungen ist diese Lippe,
aber jene kiifit, um zu vernichten, und diese, urn selig zu machen!
Auf dem gelben Grunde eines Kalksteins steht der Konig, auf einen
Stab gelehnt, mit iibereinandergeschlagenen Beinen. Rechts vor ihm
die Konigin, die ihm Blumen reicht. Ruhrend ist die Demut ihres
schwebenden Korpers. Stolz und giitig sein empfangendes Angesicht.
Dort sitzt der syrische Soldat, grofi, stattlich und ein Barbar, der die
Lanze in der Hand behalt, auch wenn ihm sein Kind einen Trunk kre-
denzt und seine agyptische Frau ihm gegeniibersitzt. Wie human, kul-
tiviert der Korper dieser Agypterin, schmiegsam und nachgebend den
Formen des Sessels! Wie steif, ungelenk, den Mangel einer guten Kin-
derstube gleichsam beweisend, der starke Soldat, der rauhe Syrier, ein
Mann aus den Gebieten des Kriegs und der Unkultur. Eine lachelnde
Ironie liegt iiber diesem Bild, sanft und verzeihend wie der lachelnde
Schein der untergehenden Sonne, der Gottin, wenn sie den Rand des
aufiersten Westens erreicht.
Aufgefundene Totenmasken, Skulpturen, die an die ersten griechi-
schen Werke erinnern und an die Mannerkopfe aus dem fiinften Jahr-
hundert, beweisen, dafi die alten Agypter die technische Vollkommen-
heit besafien, die sie befahigt hatte, jene »klassischen Linien« zu for-
men, die wir auf das Konto der handwerklich-kunstlerischen Vollen-
dung zu setzen gewohnt sind. Sie beweisen, dafi es kein Manko an
Handfertigkeit war, wenn die Agypter streng oder mit Konzessionen
an die Natur stilisierten. Es war eine andere kiinstlerische Weltan-
schauung. Die sinnliche (auch erotisch-sinnliche) Wirkung der nackten
antiken Figuren wird man bei den Werken der alten Agypter vergeb-
lich suchen. Hier herrscht eine Keuschheit, die fast an Unwissenheit
gemahnt. Die Erotik ist nicht wie in der klassischen und friiheren An-
tike im sinnlich erregenden Korper ausgedriickt; nicht durch die Beto-
nung erotisierender Korperstellen; nicht in schwellenden Armen,
Schenkeln, Briisten; - sondern sanft duchrinnt sie die ganze Gestalt,
den Schadel, das Auge, Nase und Schlafe. Es ist nicht die in bestimmte
Bezirke verbannte, zur heiteren Sinnenfreude wieder emporgeholte
Erotik des Klassizismus, sondern die iiberall wohnhafte, Alltag und
jede Tdtigkeit durchstromende und das ganze Leben bestimmende:
1924 137
ahnlich der unbewuftten Liebeskraft der Tiere; den Instinkt befehli-
gend und sogar den Verstand.
Freilich: auch Amenophis der Vierte muftte sterben. El Amarna ver-
sank. Die agyptische Kunst kehrte wieder heim, in die alte Residenz,
zu den alten Gottern. Die Kunstwerke von El Amarna konnten kom-
promittieren. Man nahm nur die praktischen Gerate mit. Und liefi jene
kiinstlerischen Zeugen der Sonnenherrschaft den forschenden Europa-
ern dieses Jahrhunderts. In Berlin feiert der grofie Amenophis der
Vierte eine spate, wissenschaftliche Auferstehung.
Frankfurter Zeitung, 26. 3. 1924
PYJAMA-LITERATUR
Diese Gattung, alter als das Pyjama, wird im Intimen Theater Gustav
Heppners gepflegt und verdient statt eines Referats eine prinzipielle
Auseinandersetzung. Denn es ist ziemlich gleichgiiltig, ob die jeweils
zur Erstauffiihrung gelangenden Einakter, in denen das Pyjama Held,
Handlung, Hohepunkt und Peripetie in einem ist, aus der bewahrten
Schreibmaschine Rudolf Lothars, Melchior Lenghels, Louis Verneuils
stammen oder ob die Dramatisierung des Schlafzimmerlebens durch
Georges Feydeau und Karl Gandrup, Rudolph Eger und Hans Gaft-
mann erfolgt ist. Nur ein Zufall fiigte es, daft die gestern im Intimen
Theater erstaufgefuhrten Einakter von Annie Neumann-Hofer, von
Rudolph Lothar, von Julius Horst sind. Der vierte - in der Spielreihe
der erste - war eine »Groteske nach Avertschenko«. Der literarische
Klang dieses Namens konnte tauschen. In Wirklichkeit ist ein tiichti-
ger Bearbeiter imstande, sogar einen Dostojewski so herzurichten, daft
er mit Rudolph Lothar verwechselt werden konnte. Man macht ein-
fach aus dem nebensachlichen Requisit (den Damenhoschen oder dem
Pyjama) die dramatische Pointe und gestaltet also einen Unsterblichen
zum Interieurdichter.
Deshalb - und auch noch aus anderen Griinden - verdient die Pyjama-
literatur, zu der auch Zeitschriften wie »Der Junggeselle«, »Berliner
Leben« und so weiter gehoren, mindestens dieselbe Berucksichtigung
wie die Prostitution, das Zuhaltertum, die Geschlechtskrankheiten.
138 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die Pyjamaliteratur ist die schillernde Faulnisblute aus dem Garten der
biirgerlichen Gesellschaftsordnung. Auf dem benachbarten Beet
spriefk die Syphilis. Ich rufe trotzdem nicht nach dem Staatsanwalt,
der, inmitten dieses Gartens lustwandelnd, ausgerechnet den George
Grosz konfisziert, den Satiriker der Pyjamamenschen; der das Gift
freigibt und das einzig wirksame Gegengift vernichtet. Denn er ist ein
biirgerlicher Gartner, von Pyjamatragern bezahlt und nicht berechtigt,
seinen Brotgebern das Vergniigen zu storen. Ich will nichts als die
Notwendigkeit dieser Literatur als eine Konsequenz dieser Weltord-
nung feststellen.
Hinter mir rief eine Dame aus: »Gott! Was hat er fur ein prachtiges
Pyjama!« Burgers Stimme - Gottes Stimme! Ich habe nur den einen
Vorwurf : dafi dieses Nacht-, Morgen- und Geschlechtsaktgewand gar
nicht so prachtig war. Dafi die literarische Lues anderswo distinguier-
ter, kaprizioser, lachelnder und noch mehr pointiert auftritt. Das In-
time Theater mufke intimer werden - und nackter, wenn es wirklich
das Parisertum des deutschen Burgers reprasentieren will. Keine Halb-
heit in der schmerzlichen Helligkeit. Keine Riicksicht auf die eventuell
noch zu erwartende Moral inmitten der Deutlichkeit. Keine Eindeu-
tigkeit! Auch keine Zweideutigkeit! Alles mehr anderthalbdeutigl Die
Dekadenz miifke eleganter sein und riicksichtsloser. Wenn schon Pa-
ris, dann nicht Berlin!
Allein - uns kummert das weniger. Die Wirkung der Pyjamaliteratur
auf den Arbeitenden, den »Proletarier«, ist nur: Schadenfreude. Wir
sehen diese Welt im Spiegel ihrer Satiriker. Wir konnen mit einem hei-
tern, einem spottenden Auge diese Vorgange betrachten. Wir sind vom
Pyjama nicht entziickt, also zu keinem Pathos verpflichtet. Objektiver
als uns gegeniiber der Staatsanwalt gestehen wir sogar die Berechtigung
dieser Literatur. Denn sie maskiert sich nicht als das Heil. Vor ihrem
Eingang hangt ihr Abzeichen und ihr Lockruf : die rote Laterne. Sie ist
tausendmal sympathischer als Sudermann und die Rotter-Dramatur-
gie. Genauso wie uns der grausame Kapitalist lieber ist als der barm-
herzige . . .
Was die Auffuhrung betrifft: Die Pyjamas stammen aus dem Atelier
Heilbrun.
Josephus
Vorwarts, 26.3. 1924
GASTRONOMISCHE WUNDER
Dafi wir dieses erleben durften, nach einer Zeit der Brotmarken und
des Dorrgemiises! Ich habe die n. deutsche Gastwirtsmesse besucht,
die sich in Berlin, in den Salen der nicht mit Unrecht so genannten
»Neuen Welt« etabliert hat. Ich habe das Gefrierfleisch gesehen. Ar-
gentinisches Fleisch, mitten entzweigeschnittene Rinder, von erfri-
schend barbarischer Roheit, kostliche Frefiinstinkte weekend. Eine
uniibersehbare Zahl von Rinderhalften, bis in die Unendlichkeit Ap-
petit erregend - und wo ihre Reihe zu Ende geht, ist sie noch lange
nicht beendet. Denn die Gastwirte haben es sich nicht nehmen las-
sen, argentinische Rinder vorzutauschen, und durch gemaltes Fleisch
die Reihe der geschlachteten Realitaten perspektivisch verlangert.
Ach! und dann kommen die blitzenden Hackmaschinen, die morde-
rischen Instrumente zu pazifistischen Zwecken, die blinkenden Py-
ramiden aus Likorflaschen, die modernen Apparate, die Menschen-
hande iiberfliissig machen. Man wird fast iiberzeugt, dafi Kochinnen
ohne Hande geboren werden konnen und dennoch Kochinnen blei-
ben. Und dann sah ich den Verbandsprasidenten, die herrlichste
Propaganda fur das deutsche Gastwirtschaftsgewerbe, den Herrn
Otto Straufi, einen Mann von beruhigendem Ausmafi, mit dem
Doppelkinn, das Lebensfreude und Altruismus verrat. 700 Aussteller
haben die Messe beschickt, 5000 Menschen haben sie bereits am er-
sten Tage besucht. Ich habe an meine Efischale gedacht und an die
Menage und an den »Drahtverhau« und an Konservenbiichsen und
kam schliefilich zu der Uberzeugung, dafi der Weltfrieden perfekt ist
und in der »Neuen Welt« der einzige Platz fiir die Konferenzen des
Volkerbundes ware, inmitten dieser alles versohnenden Schau der
lieblichen Rinder aus Argentinien.
Frankfurter Zeitung, 30. 3. 1924
DIALOG UBER WALHALL
Alfred und Eduard, zwei unpolitische Naturen, die sich aber leiden-
schaftlich fiir die Politik interessierten, trafen wieder einmal zusam-
men. Alfred fragte: »Was ist dir in der Politik der letzten Zek beson-
ders aufgefallen?« Darauf erwiderte Eduard:
»Ich habe die Verteidigungsrede Ludendorffs gelesen und iiber seinen
Wunsch, fiir sich und Hitler Ehrenplatze in Walhall zu bekommen,
lange nachgedacht.«
»Nach welchen Grundsatzen«, fragte Alfred, »werden denn die Wal-
hallplatze verteilt?«
»Ungefahr so«, erwiderte Eduard, »wie die Ehrendoktorate der deut-
schen Universitaten. Ich zweifle nicht daran, dafi die Komiteeleitung
von Walhall bereit sein wird, Ludendorffs Wiinsche zu erfullen. Der
Weg nach der Gotterburg soil seit einiger Zeit mit Diktaturgelusten,
Putschabsichten, Rebellionswiinschen gepflastert sein.«
Alfred: »Ist denn die Walhalla nicht schon stark uberfullt?«
Eduard: »Es scheinen noch Logenplatze frei zu sein. Aufierdem diirf-
ten Neubauten vorgenommen werden. Und iibrigens mufit du dir das
ungefahr so vorstellen wie eine Untergrundbahn. Nach irgendwelchen
metaphysischen Gesetzen, die ja driiben noch mehr in Anwendung
kommen als in unterirdischen Haltestellen, gehen immer noch einige
hinein.«
Alfred: »Ich kann meine Bedenken dennoch nicht ganz unterdriicken.
Ein General wie Ludendorff wird, obwohl er ja in dieser selbst fiir
Generale seltenen Verbindung von Unverstand und Grofienwahn
nicht haufig vorkommt, in Walhalla dennoch kein besonderes Aufse-
hen erregen. Aber soviel ich weifi, ist das germanische Jenseits auf
streng feudalen Grundsatzen aufgebaut - und ich glaube zu wissen,
daf? die verstorbenen Mitglieder des >Verbandes deutsch-nationaler Ju-
den<, trotz dringender Empfehlungen von hochsten und sogar aller-
hochsten Stellen, entschieden abgelehnt wurden. Was werden die oben
versammelten Konige und Helden zu so einem biirgerlichen Mitglied
sagen, wie es Adolf Hitler ist, der bekanntlich ein Tapezierer aus
Osterreichist?!«
Eduard (entriistet): »Wie kannst du nur die deutschnationalen Juden
mit Hitler vergleichen! Hast du nie etwas von dem Prinzip der Rasse-
1924 I4 1
reinheit vernommen? Dinters >Siinde wider das Blut< zirkuliert in
Walhall in hunderttausend Exemplaren, und der Arierparagraph und
die Weltanschauung uber Satisfaktionsfahigkeit, die aus Waidhofen
an der Ybbs stammt, also ebenfalls wie Hitler aus Osterreich, sind
die hervorragendsten unter den modernen Walhallgesetzen. Eine
Ausnahme wurde seinerzeit nur bei Richard Wagner gemacht, der
bekanntlich jiidisch belastet 1st - aber nur mit Riicksicht auf seine
grofiartigen Verdienste um die germanische Heldensage und urn den
Stabreim. In Hitlers Ahnenreihe wirst du bestimmt weder auf einen
Juden noch auf irgendeine Intellektualitat stofien. Im ubrigen wird
er dort jene Bescheidenheit lernen, die ihm hier abhanden gekom-
men ist. In seinem unscheinbaren Cutaway wird er zwischen all den
Rustungen verschwinden. Im Rate der Gotter wird er weder Sitz
noch Stimme haben, wohl aber ganz gut einen Schriftfiihrerposten
ausfullen konnen oder Vorturner in der Riege des alten Jahn werden
oder Privatsekretar bei Wilhelm Jordan oder auch bei Stocker.«
Alfred: »Du magst recht haben! Bedenklich scheint mir nur, dafi
Hitler weder die Umgangssprache in Walhall, die Sprache der Edda-
lieder, noch auch nur das Mittelhochdeutsche beherrscht. Wie wird
er sich verstandigen konnen?«
Eduard: »Eine Verstandigung ist nicht notig und ware sogar von
Schaden. Du mufit namlich wissen, dafi auch die Genies, insofern sie
ihre Rassereinheit nachgewiesen haben, sich von Zeit zu Zeit aus na-
tionalen Grunden in Walhall einfinden. Seitdem Treitschke seinen
Einzug gehalten hat, waren Goethe und Herder allerdings nur sehr
selten zu sehen. Lessing war schon wegen seines kompromittieren-
den Verhaltnisses zu Moses Mendelssohn lange nicht mehr dagewe-
sen. Allein es kommen immer noch ein paar weniger empfindliche
Naturen, die aber doch bedeutende Geister sind, wie zum Beispiel
Ludwig Uhland, Gottfried Keller. Schlieftlich ist Bismarck fast im-
mer noch anwesend. Und siehst du: Manner dieser Art wiinschen
gar keine Verstandigung mit den Herren der Neuzeit. Die letzten
grofien Geister, die es trotz dem Andrang immer noch aushalten,
wiirden verschwinden, wenn Hitler mit ihnen zu sprechen anfinge.
Deshalb ist es gut, dafi er sich nur mit seinesgleichen verstandigen
kann.«
Alfred: »Du weifit mich immer wieder zu beruhigen, lieber Eduard,
aber ich habe dennoch eine grofte Sorge auf dem Herzen: Kannst du
I42 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dir vorstellen, was die Gefallenen vom Weltkrieg anfangen werden,
wenn sie Ludendorff erblicken?«
Eduard: »Auch dariiber kann ich dich trosten. Die Gefallenen befin-
den sich erstens sehr weit von jenem Platz entfernt, der dem General
vorbehalten ist. Sie kamen gewissermafien, weil sie ja meist Mann-
schaften, Juden, Katholiken oder gar Proletarier waren, direkt aus den
Massengrabern in das gewohnliche Stehparterre, wo es ihnen, in Anbe-
tracht der fehlenden Gliedmafien, ohnehin nicht sehr bequem ist.
Aufierdem aber bin ich iiberzeugt, daf? sie aus Angst vor einer neuen
Mobilisierung und dem Versuch des Generals, das Jenseits in einen
Kasernenhof zu verwandeln, beim ersten Gerikht von Ludendorffs
Ankunft in die Holle fliichten werden. «
Alfred (unglaubig): »In die Holle? Du glaubst, dafi jemand freiwillig
die Holle wahlt?«
»Gewifi glaube ich es«, antwortete Eduard, »denn die Holle mit alien
ihren Qualen und lodernden Fegefeuern ist ein Paradies gegeniiber
einem Himmel, in dem sich Ludendorff befindet . . .«
Vorwarts, 30. 3. 1924
BOLIVIA
Der Gesandtschaftsrat der Bolivianischen Gesandtschaft hat im Berli-
ner Kunstgewerbemuseum eine Ausstellung eroffnet. Sie umfafit unter
anderem die alte Kunst des Landes Bolivia, Waffen und Schmuck-
stiicke, alte Textilkunst, Hiitten- und Landesprodukte, und indem sie
eine erfreulich genaue Kenntnis eines fernen, fast sagenhaften Landes
vermittelt, weckt sie gleichzeitig die etwas beschamende Erkenntnis im
Betrachter, dafi er mit ahnungslosem Oberflachenwissen vor einem der
wichtigsten Abschnitte der menschlichen Kultur stent, der eine inni-
gere Erfassung verdient.
In Bolivien leben auf einem Gebiet von 2 Millionen 500000 Quadrat-
metern nur 3 Millionen Menschen, von denen 300 000 Indianer sind.
Die Hauptstadt La Paz liegt breit am Fufi eines Gebirgszuges. Man
sieht den ewigen Schnee des Berges Illimeni im Hintergrund. Aus dem
symmetrischen Gewirr der Hauser und offentlichen Bauten ragen, wie
1924 143
man auf dem Bilde sieht, die Kuppeln einzelner Gotteshauser empor.
Die Stadt 1st mit alien Giitern der Zivilisation gesegnet. Sie hat Elektri-
zitat, Wasserleitung, und sie kann den Anspruch erheben, eine mo-
derne GrofSstadt genannt zu werden.
Aber da sind noch andere Bilder, Aufnahmen aus den landlichen Be-
zirken: Indianer, ihr Leben, ihre Hiitten, ihre Kinder, ihre Dorfer. Die
Hiitten sind sehr primitiv, sehr niedrig, sie haben oft die Gestalt von
Kegeln oder russischen Pelzmiitzen und erinnern an die Schneehutten
der Eskimos. In ihrer willkurlich scheinenden Gruppierung sehen sie
jenen Sandkegeln ahnlich, die man auf Kinderspielplatzen zu finden
pflegt. Andere Hiitten sind solider, viereckig oder auch rund, aber
ohne die saubere Rundung des Kreises, mit Stroh gedeckt, die Wande
aus flachen Steinen, die nicht aneinandergepaftt sind, sondern, wie sie
gerade die Hand des Bauenden traf, mit all ihren natiirlichen Unregel-
mafiigkeiten aufeinandergeschichtet. Die Indianer tragen auf dem
Kopf eine Miitze, die an die kegelformigen Hiitten gemahnt, sehr oft
langes Haar, auf dem Oberkorper einen willkurlich geschlungenen
Schal iiber einem Rock, der, sehr primitiv geschnitten, aber mit holier
Kunstfertigkeit gewebt, in der Mine eine Offnung fur Hals und Kopf
freilafit und durch Giirtel oder Strick um den Leib festgehalten wird.
Die Frauen tragen Kopfschmuck: silberne, loffelformige Gefafie in den
Haaren, Nadeln verschiedener Grolte, eine Kapuze fur den Saugling,
manchmal einen Schliissel am vielfach gewundenen Giirtel. Die Men-
schen sehen einander sehr ahnlich, wenn es auch an charakteristischen
Physiognomien nicht mangelt. Das Haar fallt meist in die ohnehin
kurze Stirn, die Augen liegen tief und schmal unter aufwartsstreben-
den Brauen, die breiten Backenknochen verstarken noch den Eindruck
der kleinen Augenhohlen und erwecken den Anschein, als lauerten die
Augen aus wohlverborgenem Versteck. Die Nase ist groft, stark, bei
den Frauen breit und flach, bei den Mannern ragend und bei alien
fleischig. Der Mund ist breit, die starkere Unterlippe schiebt sich vor,
das Kinn ist wohlgeformt und sanft; wie iiberhaupt das ganze Ange-
sicht eher offen und vertrauensselig erscheint als hinterhaltig und ver-
bergend. Die jungen Menschen haben meist die lachelnden Ziige amii-
sierter und neugieriger Zuschauer. Die alteren tragen unzahlige starke
Runzeln auf Stirnen und Schlafen und rings um die Augen, und sie
sehen verdriefilich aus, obwohl sie lacheln und zufrieden sind. Der
Adel der alten Rasse verleugnet sich nicht: Man sieht zarte, gewisser-
144 DAS JOURNALISTISCHE WERK
mafien fliichtige Fufigelenke junger Madchen, schlanke, spitz endende
Finger, edle Nagelformen.
Diese Leute, die zwar oft aufierlich das Christentum angenommen ha-
ben, aber in ihren alten Vorstellungen von Gott und Welt gerne blei-
ben wie in einem wohlvertrauten Vaterhaus, wollen sich nicht mit den
Gutern der Zivilisation befreunden, obgleich sie die sorgende Regie-
rung durch diese Hartnackigkeit zur Verzweiflung bringen. Der Mili-
tarattache der Gesandtschaft von Bolivia, Herr Leutnant Carlos
Quintenilla, klagte mir sein Leid. Die Leute dienen zwei Jahre beim
Militar, man glaubte, ihnen moderne Anschauungen beigebracht und
sie von der Herrlichkeit der Kultur uberzeugt zu haben. Im Vertrauen
darauf belafit man ihnen, als Propaganda fur modernes Kleiderwesen,
ihre Uniform, auf dafi sie bis an ihr Lebensende nach amerikanischen
Begriffen anstandig gekleidet bleiben. Aber siehe da: Die Soldaten ver-
kaufen ihre Hosen, ihre Stiefel und den bunten Rock mit den schonen
Verzierungen und metallenen Knopfen und ziehen wieder ihre alte
Leinwand an und die Kleider aus Bast, den Chaco und den Urus. Ich
muE gestehen, dafi diese Gewander auch mir besser gefielen als die
Uniform.
Seit acht- oder mehr -tausend Jahren tragt man diese Gewander in
Bolivien. Sie sind sehr wetterfest, und obwohl eigens fur die Ausstel-
lung desinfiziert, scheinen sie doch den Duft trockenen Holzes auszu-
stromen, einen Geruch, der bald an Sacke gemahnt und bald an Land,
Heide, Wald. Die Muster bestehen aus Schlangen- und Zickzacklinien,
verlaufen in vertikalen Streifen und sind alien Gelehrten, aber auch den
Herstellern und der Bevolkerung unverstandlich. Manchmal glaubt
man, in so einem Zickzacklinienbild eine menschliche, kubistisch gese-
hene Gestalt zu erkennen. Die Ursache dieser Formen wird man wohl
in religiosen Vorstellungen zu suchen haben. An Waffen sieht man
Bogen, Pfeile, Lanzen, wenig Messer. Oft war der Bogen aus demsel-
ben Material hergestellt, aus dem die Kleider gemacht sind: aus Holz
namlich. Gewinnt man doch das Chacogewand aus den Fasern der
Caraguata, einer stachligen Aloe-Art.
Die Kultur ist alt, alter als die agyptische. Lange vor Tutenchamun
trepanierte man, wie Professor Posnansky erzahlt, in Bolivien die
Schadel, deformierte sie, machte die untere Volksklasse zu einem Ge-
schlecht von Langkopfigen, prefke die Gehirne und die Schalen, schlug
Locher, wenn Eiterungen entstanden, in die Kopfe. Heute sieht man's
1924 145
an den aufgefundenen Skelettresten, an den ausgegrabenen armen, ver-
hunzten Schadeln. Aber mit dieser Barbarei konnte man sich fast ver-
sohnen, wenn man die edle Keramik sieht, die mit unendlicher Sorgfalt
geformten Gefafie mit den eingelegten Bildern. Dann sieht man die
letzten Inkas, wahrscheinlich schon von spanischen Malern portratiert,
alle mit den gleichen Ziigen ausgestattet wie Briider, und das Bildnis
der Mondgottin Mama Huacco.
Man findet in Bolivien aber auch Schatze rein praktischer Natur: abge-
sehen von rostrotem und gelblichgriinem Pfeffer, kleinen, sehr
schmackhaften Kartoffeln, welche eine lederne Auftenseite haben und
die Gestalt grofier gedorrter Pflaumen, auch so wichtige Dinge wie
Erze, Antimon und Silber. Und auf einer kleinen Schussel erblickte ich
Gold, pures 2}karatiges Gold aus der Inka-Goldmine (Vilaque).
Bolivien brauchte Menschen und Geld. Ich liefi mir sagen, dafi die
Regierung die Deutschen gerne sieht. Dal? Deutsche in Bolivien zu
Reichtum und Ansehen gelangt sind. Das Klima soil zutraglich sein,
die Tage sind warm, die Nachte kalt.
Aber die Reichen wollen gar nlcht nach Bolivien ubersiedeln, obwohl
dort 23karatiges Gold zu finden ist. Nur ich sehne mich manchmal
nach den runden Hiitten der fernen Indianer. Aber ich bin ein armer
Phantast . . .
Frankfurter Zeitung, 2.4. 1924
ALTENHILFE DER JUGEND
Im November des vergangenen Jahres schlossen sich einige J ugendver-
bdnde zusammen, klaubten die alten bettelnden Menschen von der
Strafte auf, gaben ihnen Heizung, Kleidung, Essen. Die jungen Men-
schen ubernahmen in vielen armen Hausern, in denen Kranke und Ge-
brechliche wohnten, kleine und grofie Arbeiten, sie hackten Holz, hal-
fen beim Kochen, beim Ubersiedeln. Sechshundert alten Leuten
schenkten die jungen Menschen zu Weihnachten Lebensmittel, Klei-
der, Schuhe, Holz, Kohlen und Petroleum. Ende Januar 1924 wurde
bereits 500 Greise vollkommen versorgt! Arzte stellten sich der Jugend
zur Verfugung. Backer lieferten Brot umsonst, hohere Schuler, Kinder
I46 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gutsituierter Eltern, halfen, sammelten. Heme bekommen dank dieser
Jugend 2500 arme Schulkinder taglich Friihstiick. Am i9.Februar er-
richteten die jungen Heifer eine Speisestelle fur 50 bis 60 Menschen,
am 2. Marz noch eine Speisehalle fiir 50 Menschen. Im Sommer wollen
sie fiir 25 bis 30 Kinder ein Erholungsheim bei Berlin schaffen. Diese
prachtige Jugend, die edle Menschenliebe mit nutzlicher Tatkraft so
erfolgreich und so selbstandig zu mustergultiger praktischer Humani-
tat vereinigt, veranstaltete am Sonntag im Berliner Rathaus eine Feier-
stunde, an der Genia Guszalewicz, die Sangerin, die Frauen Gertrud
Eysoldt und Erna Fiebig mitwirkten. Wedekind, Toller, Wersel, Whit-
man wurden rezitiert. Diese »Feierstunden« bringen Geld ein und sol-
len wiederholt werden. Wichtiger als die Vortrage schienen mir die
Veranstalter. Es sind durchwegs Menschen zwischen 13 und 18, Jiing-
linge und Madchen mit der verzeihlichen und schonen Geschaftigkeit
der Jugend, die ihr Werk iiberschatzt und die der Eifer zu einer iiber-
fliissigen Geste manchmal verfiihrt. Aber gerade diese Begleiterschei-
nungen einer wirklich grofien Tat beweisen die Naivitat ihrer Schopfer
und verdreifachen das Verdienst: Es gebiihrt, wie man sieht, unerfah-
renen und dennoch humanen Herzen voll siijSer, hilfreicher, fiihlender
Torheit.
Frankfurter Zeitung, 3.4. 1924
•DIE NIBELUNGEN«
Die »Nibelungen«-Trilogie Friedrich Hebbels ist die monumentale
Tragodie einer historischen Zeitenwende. Brunhild ragt noch in die
alte Gotterepoche und aus ihr in die christliche Zeit. Siegfried ist der
subjektiv-unschuldige Verrater der alten Welt, die er, indem er sie ver-
rat, gleichzeitig mit der neuen verbindet. In ihr lebt Hagen als der
Reprasentant der Vergangenheit und als ihr Racher an Siegfried. Einem
unerbittlichen Weltgesetz gemaft kommen sie alle um, die Ubergangs-
menschen, die Dammerwesen der Zwischenzeit, die Starken und die
Degenerierten, und ubrig bleibt der Vertreter des neuen Lebens, des
Christentums, der die Last des letzten Hunnenkonigs iibernimmt, um
sie »im Namen dessen, der am Kreuz erblich«, zu tragen. Ware das
1924 147
Abzeichen unserer modernen Rasse-Heiden nicht das Produkt einer
borniert tandelnden Phantasie, sondern ein wirkliches Symbol des al-
ten Germanentums, man konnte sagen: In Hebbels »Nibelungen«
siegt das Kreuz iiber das Hakenkreuz.
Diese Weltanschauung manifestiert sich in der gehammerten, uner-
bittlichen Tragik der Charaktere und der Schicksale, die, voneinander
abhangig, ineinander iibergreifen und wie die Rader eines Mechanis-
mus von komplizierter Logik mit todlicher Konsequenz gegenseitig
ihre Ursachen bilden und ihre Wirkungen auslosen. Es gibt nicht
viele solcher Trilogien, in denen nichts willkiirlich, nichts lose, nichts
schwebend ist. Die »Nibelungen« bilden einen Gufi in drei Teilen.
Jiirgen Fehling wollte alle drei an einem Abend im Staatstheater spie-
len. Es gelang ihm: eine einheitliche Regieleistung. Es gelang ihm
nicht: die Einheit des Werks zu wahren. Er mufite in 6 Stunden kom-
primieren, wozu 10 gerade ausgereicht hatten. Infolgedessen mufite er
Hohepunkte geben statt der Entwicklung mit Hohepunkten. Es war,
als zeigte man von einem universalen Weltbrand nur die ragenden
Stichflammen und die donnernden Explosionen. Dafur entschadigte
allerdings die klinstlerische Okonomie der Szene, in der aus den spar-
samsten Mitteln der Farbe, der Kleidung (Kostiime von Pircban), der
horizontalen und vertikalen »Treppe«, die einzelne »Plateaus« bil-
dete, starke Wirkungen herausgeholt waren. Die »Nibelungen« Heb-
bels waren zerrissen, um den »Nibelungen« Fehlings trotz der kurzen
Dauer zu einer regietechnischen Einheitlichkeit zu verhelfen.
Dennoch ware auch diese nicht fiihlbar geworden - ohne die Kriem-
hild der Agnes Straub. Die vertrat als einzige des Dichters Rechte an
diesem Abend. Wo sie stand, war die Lockerung des Werks nicht
vorhanden. Wenn sie sprach, schmiedete sie zerbrockelndes dramati-
sches Gemauer zusammen. In der Entwicklung von der lachelnden
liebenden Unschuld bis zur rachenden hassenden Schuld bewahrte sie
die von Hebbel beabsichtigte Darstellung einer ganzen Generation
und einer ganzen Epoche. Sie lachelte wie ein Madchen, sie weinte
wie eine Mutter, sie schrie wie eine Megare. Sie steigerte ein weiches
Antlitz zur grauenvollen Grimasse, und sichtbar und glaubhaft und
erschutternd auf den Mienen ihres Gesichts, den Schwingungen ihrer
Stimme, den Bewegungen ihrer Hande und den Linien ihres Korpers
lag ihre Entwicklung dem Zuschauer gleichsam dargeboten. Sie allein
iiberzeugte. Ihre Trane war echt, und ihr Hafi machte zittern. Sie lie-
I48 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ferte endlich die Erklarung fiir die angebliche Unverstandlichkeit des
Weibes.
Fast alle anderen zeigten mehr Eifer als Konnen und Verstandnis.
Heinrich George war ein polternder, nur am Ende iiberzeugender Ha-
gen, kein finsterer Hollenmensch, sondern ein schlauer, nervoser und
ungeduldiger Bosewicht. Robert Taube gab einen Gunther, der nicht
schwach und nicht giitig, nicht Werkzeug in der Hand der Geschichte
war. Im zweiten Teil gelang es ihm, seine Tragik an emzelnen Stellen
durchzusetzen. Er hatte mehr an das Mitleid appellieren sollen. Der
Siegfried Carl Eberts betonte mehr die jugendlich-reckenhaft-sonnige
Seite des Charakters als die heldenhafte, mannliche. Er konnte um
einen Grad brutaler werden. Alexander Granach war nur in der Er-
scheinung als Konig Etzel iiberzeugend, ein christlicher Heide unter
heidnischen Christen, ein kultivierter Barbar. Er schrie nur zuviel: wie
iibrigens alle, mit Ausnahme Leo Reufl 3 (als Volker). Von den Man-
nern sind noch zu erwahnen: Georg August Koch als Dietrich von
Bern und Kraufineck als Rudiger. Von den Frauen: Rosa Bertens als
Ute und Elsa Wagner als Frigga; iibrigens die einzigen, die edel und
einfach sprechen konnen, Ida Maria Sachs als Brunhild ist, obwohl
schwarzhaarig, keine walkurenhafte Jungfrau. Ihre Fulle ist nicht
Kraft, sondern glatte Weichheit. Die Manner uberschrien sich - es war
ein unaufhorliches Gepolter, und man hatte doch kein Bardengeschrei
zu liefern! Es war ein Mifiverstandnis.
Die Auffuhrung war vielleicht aufierlich veranlafit durch den Erfolg
des Nibelungenfilms. Ihre innere Notwendigkeit entscheidet nur die
Frage: Finden wir eine Beziehung zu Hebbels Gestalten? Finden wir
sie, die neuen Menschen, die von unten kommen, finden die Arbeiten-
den eine Briicke zu den Fiirsten der Legende? Durch die Vermittlung
Hebbels finden wir sie, und durch die der ihm ebenbiirtigen Straub.
Auch unsere Zeit ist ein Untergang, ein Ubergang und ein Aufstieg.
Auch heute, morgen oder ubermorgen kann der und jener Etzel seine
konigliche Last, die blutige, kriegerische Krone seinem Erben uberge-
ben, einem im wahrhaften Sinne christlichen Dietrich, der das Zeitalter
der Humanitat einleiten wird.
Vorwarts, 9. 4. 1924
ARGIOPE, DIE TIGERSPINNE
Argiope skzt in der mathematisch berechneten Mitte eines vieleckigen
NetzeSy das wie eine geometrische Figur aussieht und sehr sauber ge-
sponnen ist. Argiope erwacht des Morgens, der Tau der Sommernacht
liegt auf ihren Gliedern und zittert an den Faden des Netzes. Sie mufi
es saubern. Sie schiittelt es fleifiig. Die Trautropfen fallen zu Boden.
Wenn die Sonnenstrahlen das Netz Argiopes erreicht haben, konnen
sie sich nicht mehr in den Tautropfen spiegeln. Sie konnen nur die
blanken Faden rotlich und violett erglanzen lassen, dafi sie wie wun-
derbare chinesische Seidenfaden aussehen. Aber in Wirklichkeit beste-
hen sie nur aus billigem Speichelsaft, den Argiope aus sechs Offnungen
ihres Unterleibes fliefien lafit. Sie tragt das Baumaterial fur ihre Woh-
nung bei sich, in ihrem Korper. Sie konnte viel mehr Netze spinnen,
als sie notig hat. Sie aber begmigt sich damit, jeden Tag ein neues viel-
eckiges Haus zu bauen.
Auch das kostet Miihe genug. Argiope mufi viele Male um einen klei-
nen Kreis laufen, in immer weiteren Abstanden neue Kreise spinnen
und alle miteinander durch Querfaden verbinden. So behutsam ist
diese Arbeit zu verrichten, mit den zarten Fufichen, die sich selbst
nicht in den Faden verfangen diirfen. Argiope schwebt mehr uber dem
Netz, als sie dariiber wandert. Es dauert zwanzig Minuten, nicht mehr,
nicht weniger. Mit weiser Okonomie ist das kurze Leben auszuniitzen.
Da fliegen Miicken herum, und man mufi aufpassen. Schnell begibt
sich Argiope in die Mitte und pafit auf.
Jetzt ist eine Stunde angestrengter Aufmerksamkeit verstrichen. Ar-
giope ist hungrig. Aber sie wartet. Ihr ist es nicht gegeben, auf Jagd
auszugehen. In frommem Vertrauen wartet sie. Da kommt eine Fliege.
Sie schillert griin und summt berauschend. Ihr Gang ist wie ihre Farbe,
sie singt schillernd. Ihr schwerer Korper hangt im Netz. In todlichem
Erschrecken versucht sie, mit ihren vier freien Fufichen die zwei gefes-
selten zu befreien. Ach, nun sind auch die vier freien gefangen! Jetzt
bleiben die Fliigel. Aber ihre Kraft ist zu gering. Aufierdem ist Argiope
bereits in der Nahe. In breitem, raumfressendem Lauf ist sie herbeige-
eilt. Jetzt lauert sie noch einen Augenblick und freut sich liber den
Todeskampf der Fliege. Sie sieht mit wissenschaftlichem Eifer auf das
Tier. Vielleicht schatzt sie auch die Krafte des Feindes. Jetzt ist sie
150 DAS JOURNALISTISCHE WERK
uberzeugt, dafi er verloren ist. Jetzt lauft sie naher. Ihr Lauf ist Sprung,
ist Sturz, ist Uberfall. Mit alien Fiiften umklammert sie inbriinstig die
Beute. Vielhundert Faden spinnt sie um die Fliege und schleppt mit
ubermafiiger Anstrengung, ohne das Netz zu verletzten, den schwer-
gewichtigen Fang bis zum obersten Ende des letzten Kreises. Dort
hangt Argiope ihre Fliegen auf, wie der Kramer Trockenware an die
Schniiren seines Dachbodens.
Dann wartet Argiope weiter. Der Tag ist lang, und Gott ist giitig. Mil-
lionen Fliegen und Milliarden Miicken hat er in seiner unermefilichen
Weisheit geschaffen, auf dafi die Spinnen nicht sterben.
Damit sie sich fortpflanzen, hat er auch Spinnen- Mannchen geschaf-
fen. Torichte Geschopfe! Eigene Netze haben sie nicht, und sie sind
nicht einmal geschickt genug, auf den fremden Netzen spazierenzuge-
hen. Argiope, die ein Mannchen erwartet, mui$ ihm den Weg erleich-
tern. Sie spinnt ein Hochzeitsseil. Das lauft vom untersten Ende des
Netzes dick und sichtbar, sicher wie eine festgefiigte Brucke und be-
quem wie ein breiter Teppich, bis zur Mitte. Das Mannchen kommt.
Wie tanzelt es, von frohlicher Lust getrieben, den Hochzeitsweg
hinan! Wie wird es empfangen! Es darf Argiope, die sauberste der
Spinnen, umarmen. Es kennt nicht die furchtbaren Folgen des Rau-
sches. Oh, Schicksal aller Herkulesse! Das Mannchen ist schwach, es
ist leichtsinnig, es konnte zu anderen Spinnen eilen, und es hat aufter-
dem seine Aufgabe erfiillt. Was bleibt ihm iibrig, als eingesponnen,
uberwaltigt zu werden wie eine Fliege?! Argiope frifit es. Sie frifit den
Leib ihres Geliebten. Wichtig sind nur die Kinder.
Und also spinnt sie ein Haus fur die Nachkommenschaft, einen dich-
ten Kokon aus silbernen Faden, und es ist, als bereitete sie aus ihrem
weilkn Brautschleier eine Wohnung fur die Kinder. Viele hundert
kleine Eier birgt sie im Kokon. Und wartet. Und spinnt ein neues Netz
und wieder einen Kokon. Und noch einmal einen. Und kriecht,
schwach, erledigt, in die Mitte des Netzes. Aber es ist nicht mehr wie
einst! Miicken kommen, und Argiope gibt nicht mehr acht. Eine Fliege
verfangt sich und macht sich wieder los. Argiope stirbt. Sie hat alles
genossen: Sonne und unzahlige Miicken. Liebe und Leib eines Man-
nes, sie hat geboren und die Kinder gut versorgt. Jetzt driickt ihr Gott,
der durch die herbstlichen Garten geht, die kleinen Augen zu. Der
Sturm zerreifit ihr Netz : Argiopes Leib zerfallt, zerbrockelt und wird
Staub.
1924 , 151
Diesen Roman sah ich im Kino. Dann gab man noch das Schicksal
einer Prinzessin. Aber obwohl sie ein Mensch war wie ich, ging sie
mich gar nichts an. Mich ging Argiope so nahe an, als ware ich selbst
eine Spinne.
Frankfurter Zeitung, 10. 4. 1924
ROSE GENTSCHOW
Rose Gentschow ist die Tochter eines Rittergutsbesitzers aus der Dan-
ziger Gegend. Ihr Vater ist an einer Gehirnparalyse gestorben. Ihre
Mutter lebt als Morphinistin in einer Irrenanstalt. Drei Schwestern ha-
ben den vorgeschriebenen Weg der burgerlichen Madchen gemacht,
der zur Ehe mit einem gutsituierten Mann fuhrt. Auch Rose
Gentschow hatte diesen Weg einschlagen konnen. Sie wurde sogar auf
ihn vorbereitet durch die hohere Tochterschule, die sie bis zum sech-
zehnten Lebensjahr besucht hat. Dann wurde sie Kontoristin. Ein
Abenteuer, wie es viele junge Madchen, die materiell selbstandig wer-
den, erleben und ohne Folgen iiberstehen, brachte Rose Gentschow
eine schlimme, eine schmerzliche Krankheit. Damals war sie einund-
zwanzig Jahre alt. Sie bekam von der Mutter Morphium zur Linde-
rung der Schmerzen. Sie verlor die Stellung. Verwandte unterstiitzten
sie. Dann lernte sie einen »Freund« kennen. Er schickte sie auf die
Strafie. In den Wohnungen der Herren, die sie in Lokalen ansprach,
stahl sie, gemeinsam mit ihrem Freund. Sie pflegte die Manner, mit
denen sie trank, durch Opium zu betauben. Der Kaufmann Hempel
starb. Ihm hatte Rose Gentschow zu viel Opium in sein Getrank ge-
schiittet. Er fiel - im Gasthaus - vom Stuhl und war tot. Rose wurde
verhaftet.
Heute ist sie dreiunddreifiig Jahre alt. Sie sieht jiinger aus. Es ist die
tauschende Jugend jener Frauen, die jung aussehen mussen, weil sie
von ihrem Aussehen leben; die keine andern Erlebnisse haben als die
der Leidenschahy welche nicht immer alt macht, sondern manchmal
jung erhalt; deren Leben aus abwechselnden Rausch- und Bewufklo-
sigkeitsetappen besteht; die Sorge, Alter, Krankheit im Rausch ertran-
ken und in der Spannung vergessen. Rose Gentschow hat den reizvol-
I52 DAS JOURNALISTISCHE WERK
len, erotischen Blick der unheilbaren »Siinderin«. Er kommt aus unbe-
kannten, fernen Lastern des Traumes. Er zielt in traumhafte Laster.
Rose Gentschow ist schlank und diinn geblieben. Sie hatte nicht die
kleinen, rundlich und voll machenden Alltagssorgen der Burgerlich-
keit. Sie lebte im zehrenden Rausch. Aber auch in der zehrenden Ar-
mut. Manchmal mufite sie Geld verdienen, um das geliebte Morphium
zu kaufen. Sie verkaufte sich, nur um sich betauben zu konnen.
Fiinfzehnmal versuchte sie, ihrem Schicksal zu entrinnen. Fiinfzehn-
mal machte sie »Entziehungskuren« mit. Fiinfzehnmal fiel sie wieder
dem Opium und dem Morphium anheim. Sie hatte ihr Leben und ihre
Methode noch fortgesetzt - bis an ihr (frillies) Ende, wenn Hempels
Konstitution mehr Gift vertragen hatte. Dafi dem nicht so war, ist ein
Zufall. Ein Zufall unterbrach die Tatigkeit der »Giftmischerin«, So
nennt sie der Jargon des Gerichtssaalreporters. Sie aber ist eine Vergif-
tete. Ihre Hande sind diinn, und die Bewegungen ihrer Arme ungelenk
und schamhaft. Sie weint. Sie versucht, ihr Gesicht zu verbergen. Dann
trocknet sie mit einer Faust Auge und Tranen. Die kindliche Bewe-
gung ist versohnend. So, mit geballten Fausten, wischen die ganz klei-
nen Madchen ihre Augen.
Sie steht vor drei Richtern und sechs Geschworenen. Es ist das neue
Gericht; die Verordnung des Justizministers vom 24.Januar 1924 hat
diese »Zusammensetzung«, die eine im wirklichen Wortsinn ist, verur-
sacht. Neben den Richtern sitzen die Geschworenen. Die Geschwo-
renenbank ist leer. Wenn Rose Gentschow aussagt, spricht sie zu neun
Mannern. Sie sieht alle an. Manchmal bleibt ihr Blick verloren an
einem haften. Dieser eine erscheint ihr vielleicht gutmiitiger, besser,
weicher als die andern. Dann korrigiert das kontrollierende Bewufit-
sein schnell den verwirrten Blick und sendet ihn abwechselnd zu alien
neun Mannern.
Ihre Stimme ist diinn und dennoch tief. Auch in der Beherrschung
zittert noch das Weinen. Wider ihren Willen dringt ein abgebrochenes
Stohnen aus ihrer Kehle. Manchmal wird sie heiser, kudos, leise, als
sprache sie ohne Stimmbander. Es ist eine »verschleierte Stimme«, als
hielte sie die Hande vor jedes ihrer Worte.
Nachbarinnen sitzen da. Sie sind neugierig ohne Teilnahme. Vielleicht
sind sie sogar boshaft. Naive Menschen sind es oft. Manche sind
Schicksalsgenossinnen der Angeklagten. Auch in ihren Augen dam-
mert der leise Wahn des Morphinismus. Auch ihre Hande zittern.
1924 153
Fiihlen sie eine Gemeinschaft? Leiden sie mit? Schauen sie in ihre
eigene Zukunft? Ich sehe, dafi sie Stullen essen. Vielleicht kann man
die Vollendung des eigenen Schicksals greifbar vor sich sehen und den-
noch seinen Hunger befriedigen. Manner sind da, Zeugen und Zu-
horer. Ihre Gesundheit war starker als das Opium. Ein Kriegsgerichts-
rat sagt aus. Er ist sachlich und klar wie ein Jurist. Er ist gar nicht
aufgeregt. Er wurde nur bestohlen. Seine Konstitution hielt das
Opium aus. Am Potsdamer Platz hat er das Madchen kennengelernt.
Sie ist nicht die erste, nicht die letzte. Er kreuzt nur die Wege dieser
Frauen. Er wird nicht ihr Schicksal und sie nicht das seine. Sie sind
seine Episoden, und er ist immer gliicklicherweise nur eine Episode. Er
wandelt an den Peripherien der Gefahren und nascht nur an ihnen.
Rose Gentschow ist noch auf Rettung bedacht. Aber ihr kleiner, um-
dammerter Verstand ist der Scharfe des Vorsitzenden nicht gewachsen.
Er fragt sie: »Wie stahlen Sie?« Sie antwortet: »Ich wufite nicht, was
ich tat. Ich hatte schon viel Morphium genommen.« Der Vorsitzende:
»Stahlen Sie auf Befehl Ihres Freundes?« Sie, schnell eine Rettung er-
spahend: »Ja, ja!« Der Vorsitzende: »Wie konnen Sie es dann unbe-
wufk getan haben?« Sie ist verbliifft von dieser Logik. Aus einer Welt
des Rausches und der gedankenlosen Miidigkeit geriet sie plotzlich in
die Sphare des unerbittlichen Verstandes. Geblendet von der Leucht-
kraft der Logik, bebt sie, die Augen schlieftend, zuriick. Die klaren
Wege der Vernunft sind ihr ein Labyrinth. Sie verliert sich, sie ist ver-
loren.
Sie kann nicht mehr. Die Welt versinkt. Sie schlagt noch einmal die
Augen auf. Dann fallt sie in eine giitige Ohnmacht.
Prager Tagblatt, 10. 4. 1924
DAS ENDE EINES SYMPTOMS
Statt des Cafes Friedrichshof in der Friedrichstrafte sieht man seit eini-
gen Tagen die »Bonbonniere«. Dieser charakteristische, aus der Gat-
tung der Gaumenleute metaphorisch ubernommene Name enthebt
mich der Verpflichtung, die grundlegenden Veranderungen, die er ver-
ursacht hat, naher zu beschreiben. Die »Bonbonniere« ist ein zuckrig-
154 DAS JOURNALISTISCHE WERK
lauschiges Cafe mit Dammer zeugenden Stimmungs- und Vertu-
schungslampenschirmen. Wie aber war der Friedrichshof?
Das Cafe Friedrichshof war die illegale Filmborse. Die »Branche«
setzte sich eines Tages dort fest, die Branche mit Haupt und allem
Zubehor. Direktoren, Regisseure, kleine Filmdebiitantinnen, Statisten
mit charakteristischen Physiognomien safien ein halbes Leben lang im
Cafe Friedrichshof. Man gestatte eine personliche Erinnerung, weil sie
imstande ist, eine bestimmte Erscheinung der grofien Stadt zu kenn-
zeichnen, und sich iiber das Personliche hinaus ins Typische erhebt:
Auch ich wollte einmal, ein Heimkehrer und hungrig, Statist bei Lu-
bitsch werden. Ich safi im Friedrichshof, bestrebt, meinem ziemlich
alltaglichen Angesicht einen moglichst auffallenden Ausdruck zu ver-
leihen. Es war vergeblich; nicht nur, weil ich nicht imstande war, den
natiirlichen Hunger und die bittere Enttauschung zu einer irgendwie
markanten Physiognomieleistung zu verwenden, sondern auch, weil
neben mir mindestens fiinfzig Manner dasselbe versuchten. Unter ih-
nen bemerkte ich zu meinem Schrecken wirkliche Kopfe: Goethe-
haupter, apollonische Nasen, Shylockfratzen - und alle waren stel-
lungslos. Sooft die Tiir aufging - und das ereignete sich haufig -, sahen
alle auf! Ach! sie waren zermiirbt, durchfroren, hungrig nach Brot und
neuen Grofifilmen, sie safien den Kellnern im Weg, weil sie nichts be-
stellten, der Herr Ober trug schwere Tassen in der Balance iiber ihren
Charakterkopfen, um sie zu erschrecken; wenn sie telephonieren woll-
ten, war der »Apparat nicht in Funktion«, alles in diesem Cafe ver-
einigte sich, um ihnen den Aufenthalt unbequem zu machen. Staub lag
auf alten dunkelroten Portieren, der niichterne Spatvormittag enthullte
die Verwahrlosung der Stuhle, der Tische, der Menschen. Nun ging die
Tiir auf, und alle sahen in einer jah aufzuckenden Hoffnung, die wie
ein Schrecken war, auf den Ankommling. Manchmal war es wirklich
ein kleiner Regisseur, der Statisten suchte. Ein schmieriger Mensch mit
lusternen Blicken, der am liebsten lauter Frauen engagiert hatte. Ach,
wie scharwenzelten um ihn die Goethekopfe, die Shylocks, die Jupi-
ters und die Apollos! Sie nannten ihn, der gestern noch ihresgleichen
gewesen und (dank jenen geheimnisvollen Zusammenhangen, denen
zufolge die Unwiirdigsten am ehesten aus der Misere herauskommen)
durch eine schmutzige Gefalligkeit dritter Hilfsregisseur geworden
war - ihn nannten sie: »Herr Oberregisseur«, »Herr Direktor«. Er
aber schwang sein schmieriges Notizbuch und wahlte - die ihm am
1924 155
nachsten standen. Manchmal liefi er sich herbei, einem zwei Mark Vor-
schufi zu geben. Alle kleinen Madchen stritten sich um den Platz auf
seinen Knien. Die Kellner verbeugten sich vor ihm. Der Herr Direktor
begriifke ihn. Gestern noch hatten ihn alle verachtet.
Dieses Cafe Friedrichshof ist nicht mehr vorhanden. Ein kennzeich-
nendes Symptom Berlins und der »Branche« ist mit ihm verschwun-
den. Wo herrschen sie jetzt, die dritten Hilfsregisseure? Wo schliefien
die Aufnahmeoperateure ihre Kontrakte? Was machen die lieben, ver-
zweifelten kleinen Madchen mit den Pagenkopfen, die armen Madchen
zwischen Kunst und Prostitution?
Prager Tagblatt, 12. 4. 1924
GESPRACH uber den deutschen professor
»Die Universitat Neapel«, sagte Alfred, »feiert das Jubilaum ihres
70ojahrigen Bestandes. Zu dieser Feier hat sie die bayerische Akademie
eingeladen. Nun, und was hat die bayerische Akademie geantwortet?«
Eduard: »Sie wird doch die Einladung nicht etwa zuriickgewiesen ha-
ben?!«
Alfred: »Ihre Mitglieder sind deutsche Professoren, und diese seltene
Menschengattung weist jede auslandische Einladung zuriick. Der
deutsche Professor steht auf dem Standpunkt, dafi die Universitat von
Neapel an dem Friedensvertrag von Versailles schuldig ist, obwohl
nicht die italienischen Professoren, sondern die italienischen Generale
und Diplomaten an diesem Friedensvertrag mitgewirkt haben.«
Eduard: »Wie kann man nur Diplomaten, Generale und Professoren
miteinander verwechseln?«
Alfred: »Der deutsche Professor kann alles. Verwechselt er sich doch
selbst mit einem General. Bei der vorletzten Rektorsinauguration der
Berliner Universitat sangen die Studenten das kriegerische Lied:
>Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd . . .< Der Rektor Roethe
hatte sie dazu aufgefordert; obwohl es gerade einem deutschen Profes-
sor eher ziemen wurde, etwa den Text so zu singen: >Wohlauf, Kame-
raden, aufs Steckenpferd!< Aber es war nicht dieses gemeint, sondern
ein wirkliches Schlachtrofi, obwohl die Kavallerie in den modernen
156 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Kriegen nur eine untergeordnete Rolle spielen kann. Das wufite der
Germanist Roethe nicht. Seine Kollegen von der chemischen Fakultat
sind besser unterrichtet. Sie wissen, dafi nicht ein munterer Ritt ins
Feld der Ehre entscheidend 1st, sondern die Wirkung des Giftgases.
Die Chemiker sind praktische Naturen, die Germanisten romantische.
Aber deutsche Professoren sind sie alle, das heifit: Menschen, denen
der geistige Stahlhelm iiber Augen und Ohren gerutscht ist, so dafi sie
Stimmen und Erscheinungen der Aufienwelt nicht mehr wahrnehmen
konnen.«
Eduard: »Und die Wissenschaft leidet nicht darunter?«
Alfred: »Es gibt seit einigen Jahrzehnten eine Inzucht der deutschen
Wissenschaft und eine peinlich gewahrte Rassereinheit des deutschen
Geistes. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Ideen vollzieht sich
in Deutschland unter dem hermetisch schliefienden Stahlhelm, wie die
Entwicklung exotischer Pflanzen in einem glasiiberdeckten Treibhaus.
Nur dafi der Stahlhelm die Sonne nicht durchlafit. Die Liebe des deut-
schen Professors zum Schlachtrofi ist zwar mehr eine platonische.
Denn reiten hat er nie gekonnt. Wohl aber hat er bereits den Kniippel
schwingen gelernt, den er von Kunze bezieht. In der Linken das Buch
und den Kniippel in der Rechten steht er heute auf dem Katheder,
bereit, die Wissenschaft zu verbreiten und gleichzeitig Neapolitaner,
Juden, Franzosen, Marxisten niederzuschlagen. So nimmt er allein den
Kampf gegen die Welt auf - und sie, die es nicht zu wissen scheint,
schickt ihm Einladungen.«
Eduard: »Wie ist es moglich, dafi sie es nicht weifi?«
Alfred: »Daran sind wir selbst schuld. Wir kummern uns gar nicht um
die Universitaten - und sie sind auch nicht mehr ein integrierender
Bestandteil unseres offentlichen Lebens. Sie sind hochstens das Agita-
tionsmaterial im Wahlkampf der nationalistischen Parteien. Also sind
wir, die wir keinen Kontakt mit den Akademien haben (und ihn auch
nicht brauchen), immer noch geneigt, dem Professor mehr Achtung zu
zollen, als er verdient. Dieser unbegriindete Respekt vor der Autoritat
ist hochst verderblich. Ein qualifizierter Arbeiter, der denken kann, ist
kluger als zehn Forscher, welche ein Leben damit zubringen, die Um-
laute des Gudrunliedes zu zahlen. Deshalb ist der denkende Arbeiter
auch Sozialist, das heifit: Zukunftsmensch; deshalb sind neun von
zehn Professoren auch Nationalisten, das heifit: Vergangenheitsmen-
schen.«
1924 157
Eduard: »Willst du leugnen, dafi die Wissenschaft den Menschen be-
freit?«
Alfred: »Das eben ist die folgenschwere Verwechselung. Ich leugne
mcht die befreienden Impulse, die von der Wissenschaft ausgehen. Ich
leugne die Moglichkeit einer Eefreiung dutch den Professor. Weil wir
so dumm sind, den Professor fiir die Wissenschaft zu halten, respektie-
ren wir die Bannmeile, die von der Tradition um die Hochschule gelegt
ist. Wir storen den Professor nicht, weil wir immer noch glauben, er
arbeite an seinen Buchern. Er aber arbeitet indes nur mit der Linken,
wahrend er mit der Rechten exerziert. Es hat sich ein Durcheinander
zwischen Generaltum und Professorentum herausgebildet, wahrend
wir uns um die Bannmeile driickten. Ludendorff, der ein General ist,
halt Vortrage iiber die Walhalla, und die Forscher der Eddalieder for-
dern ihre Schiiler auf, das Pferd zu besteigen, Der Feldwebel forscht
nach dem Ursprung der Rassen in seiner Kompanie, und die Horer des
Seminars fiir Rassenforschung uben sich im Schiefien auf proletarische
Zielscheiben. Diese Tatsachen erortern wir nicht gemigend laut. Des-
halb weifi es die neapolitanische Universitat nicht, und sie ladt infolge-
dessen noch die deutschen Professoren ein.«
Eduard: »Werden die neapolitanischen Gelehrten nicht sehr beleidigt
sein?«
Alfred: »Wenn sie Philosophen sind: nein! Denn sie haben ihre Ab-
weisung nicht von jenen erhalten, die sie eingeladen hatten! Sie luden
deutsche Gelehrte ein, und nur durch eine falsche Adressierung kam
die Einladung an bayerische Professoren. Sie luden die Freiheit ein,
und ihnen antwortete die Barbarei. Es ist, wie wenn ein Dichter an die
Sterne appelliert, und ihm fallen Hakenkreuze ins Angesicht.«
Eduard: »Was werden die Neapolitaner jetzt denken?«
Alfred: »Sie werden denken, am deutschen Himmel leuchten keine
Sterne mehr, sondern Hakenkreuze. «
Eduard: »Und ich glaube, sie werden richtig denken . . .«
Josephus
Vorwarts, 13.4. 1924
»HINKEMANN«
Motto; »Dem Gesuche, dem Schriftsteller Ernst Toller
Strafunterbrechung zu bewilligen, kann keine Folge gegeben
werden, weil die Bewilligung einer Strafunterbrechung zu
diesem Zwecke mit dem Ernste des Strafvollzugs nicht ver-
einbar ist.
gez. GlJR.TNER,Justizminister«
Unter diesen Menschen, die diese bajuwarische Abart der deutschen
Sprache - in ihrer Form gleich schauderhaft wie in ihrem Inhalt - re-
den, sitzt Ernst Toller gefangen. Dafi es ihm moglich ist, »mit dem
Ernste« eines solchen »Strafvollzugs« die Tatigkeit des Dichtens
iiberhaupt »vereinbar sein« zu lassen, ist allein schon ein technisches
Verdienst und ein Beweis fur moralische Ausdauer. Einem Schrift-
steller, der sie nicht besaBe, miifite die Hand verdorren, ehe sie nach
der Feder greift - in dieser Umgebung, deren Befehlen und Vor-
schriften »seitens der Opfer« leider » Folge gegeben werden« mufi.
Unter solchen Umstanden ringen nur eine reine Glut und ein heiliger
Wille mit der Gestaltung eines Stoffes. Den reinen Willen besitzt
Ernst Toller. Aber er ist nicht stark genug, den dichterisch konzipier-
ten, dramatisch bewegten und stellenweise sogar visionar bearbeiteten
Stoff zu »bewaltigen«; das heiftt: bis zur einzigen Gultigkeit durch-
zuformen. Das dramatische Geriist ist schief. Die Rollen schlottern
um die Personen. Der treulich erlauschte Klang, die richtig beobach-
tete Erscheinung sind nicht in die Region des Uberwirklich-Dichteri-
schen gehoben. Die »starke« Wirkung ist oft eine gewaltsame. Die
tragische Ironie hat eine begrenzte, nicht uberdimensionale Grausam-
keit. Die Symbolik ist naiv, nicht metaphysisch. Das Schicksal des
»Helden« (Hinkemann) - und mag er auch kein Individuum, sondern
ein Collectivum sein - bluht nicht vorbedingt und unabanderlich aus
seinem Wesen. Denn er wuchs nicht in der Phantasie und im Herzen
seines Autors, sondern er wurde nachtraglich, um einen »Einfall« le-
bendig werden zu lassen, um die Idee gebaut wie eine Glocke um die
bereits vorhandene Form. Sein Schicksal - und somit die ganze
Handlung - ist moglich, aber nicht unbedingt, nicht naturnotwendig.
1924 159
Eingebungen einer spielerischen Phantasie storen die Andacht der
Stimmung und lockern das Gefiige der Handlung [. . .] Ornaments auf
der anderen Seite entschadigt nicht fur jene Uberflussigkeit.
Und dennoch beginnt dieses Drama (neben anderen) einen histori-
schen Abschnitt in der dramatischen Literatur. Denn es fuhrt, wie ein-
mal das »burgerliche Trauerspiel« den Burger statt der Konige, den
Proletarier statt des Burgers auf der Biihne ein. Es bricht Bahn fur die
dramatische Behandlung der neuen Klasse, des kommenden Men-
schen. Das ist der Anfang einer neuen Literatur. Er mu(S mehr litera-
turhistorisch als kritisch gewertet werden. Noch sind die meisten
Schicksale, die wir auf unseren Biihnen sich erfiillen sehen, Schicksale
biirgerlicher Menschen. Der Burger mag den »Hinkemann« nur kri-
tisch werten. Ihm ist es eine literarische Erscheinung. Uns aber ist je-
des Drama, dessen Gestalten Blut von unserem Blut sind, dessen
Handlung proletarisches Erlebnis einschliefit, eine historische und eine
personliche Angelegenheit. Auch der kiinstlerisch unvollkommene
Hinkemann beriihrt uns tief : weil er ein Proletarier ist, ein Opfer der
herrschenden Klasse und jenes Krieges, den sie auf ihrem mangelhaften
Gewissen hat.
Im Weltkrieg hat Hinkemann durch einen Schufi sein Geschlecht ver-
loren. Er wurde auf dem Feld dieser zweifelhaften Ehre, der »mannli-
chen« Ehre - entmannt. Und diese Ironie ist es eigentlich, die den
nationalistischen Sturm entfacht. Weil sie allein das »Heldentum«, von
dem jene Barbaren leben, endgliltig desavouiert. Kann man ein »Held«
sein, wenn man ein Eunuch ist? Schicksal des Proleten! Unter dem
Vorwand, ihn zum Helden machen zu wollen, macht man ihn zum
Eunuchen. Indem man seinen mannlichen Ehrgeiz weckt, nimmt man
ihm die Mannlichkeit. Die Ironie des Gedankens ist grofi. Die Ironie
steigert sich: Der entmannte Hinkemann wird von einem Schaubuden-
besitzer als Rattenfresser ausgestellt und als Reprasentant »deutscher
Mannlichkeit« gepriesen.
Aufier diesem Proletenschicksal noch Ausschnitte aus der Denkart des
Proletariers; des bornierten Nur-Partei-Menschen; des rohen, egoisti-
schen Proletariers; der proletarischen Frau. Toller vermochte aller-
dings mehr »Milieu« als dessen dichterische Gestaltung zu geben. Aber
dafi er proletarisches Milieu gab und des Arbeiters Leid und Leben zu
erfassen versucht hat, ist, von unsern Augen gesehen, ein Verdienst.
l6o DAS JOURNALISTISCHE WERK
Also ist auch die Auffiihrung ein doppeltes Verdienst: ein positives,
weil sie ein Arbeiterschicksal vermitteln will, und ein negatives, weil
sie eine tapfere Entgegnung auf die Provokation des nationalen Bestia-
riums bedeutet. Dariiber hinaus kann die Auffiihrung im Residenz-
theater als gelungen bezeichnet werden. In der Regie vereinigten sich
der diplomatisch-kluge Emil Lind und der initiativ-schopferische Er-
win Berger. Professor Cesar Klein Keferte die sehr stillen und in ihrer
tragischen Sanftheit sehr wirksamen Dekorationen. Den Hinkemann
gab Heinrich George. Er verlebendigte selbst jene Stellen, die an orato-
rischer Monotonie leiden. Er durchpulste die Rhetorik, fiillte gleich-
sam mit Blut leere Redegefafie. Neb en ihm gestaltete Renee Stobrawa
die Frau Hinkemann mit kargen komprimierenden Gesten und sparsa-
mer Stimmkraft zu einer erschutternden Proletariergestalt. Aufier die-
sen beiden sind nur noch Hugo Dodlin als Budenbesitzer zu erwahnen
und Claire Selo und Frigge Brant in eindrucksvollen Episodenrollen.
Der starke Beifall gait der Regie und dem Hauptdars teller. Er wird
durch die Festungsmauern zu Ernst Toller dringen; der Beifall und der
Dank der arbeitenden Menschen.
Es lag so etwas in der Luft wie ein Theaterskandal. Man hatte unkon-
trollierbare Geriichte von beabsichtigten Storungen durch nationalisti-
sche Elemente ausgestreut! Aber Berlin ist um diese Sensation gekom-
men. Vielleicht hatte der gut organisierte Saalschutz, die besonders
verstarkte Theaterpolizei von vornherein alien Radauversuchen vorge-
beugt. So safi denn ein bunt gemischtes Publikum aus alien Kreisen der
Bevolkerung eintrachtig und erwartungsvoll beisammen. In einem
Schweigen, das eindrucksvoller als aller Beifall fur das Werk des Dich-
ters sprach. Zum Schlufi war dann der Beifall allgemein stark. Neben
mir safi ein Herr mit einem E.-K.-Bandchen: Er war sicher nicht als
Freund des Dichters gekommen. Aber zum Schlusse klatschte er ge-
nauso ehrlich Beifall wie alle anderen. Und das war vielleicht der stark-
ste Erfolg des Dichters an diesem Abend.
Vorwarts, 15.4. 1924
DER UKAS DES ZAREN EBERT
Ich gehore zu jenen naiven unpolitischen Menschen, die denjenigen
fur eine Dummheit verantwortlich machen, der sie durch seine Un-
terschrift sanktioniert hat. AIs Ebert im Tiergarten zu reiten begann,
verteidigte ich ihn gegen jene, welche glaubten, die hohe Schule
schade dem proletarischen Charakter. Es scheint aber, daft ein Ritt
durch den Tiergarten den Reiter blind macht fur das Bedurfnis eines
Volkes, mit der Eisenbahn ein Stiickchen weiter zu fahren. Es ist
nicht jeder so genugsam. Mancher glaubt, daft der Horizont auch
noch hinter Kopenick nicht aufgehort hat, jenem Kopenick, dessen
unsterblicher Schuster die mafilose Beschranktheit der deutschen Re-
gierungsseele zwar blamiert, aber nicht endgiiltig erledigt hat.
Wie man jetzt wieder sieht: die deutsche Regierung hat das deutsche
Volk wegen ungeniigenden Betragens in den Karzer gesteckt. Der
Lehrkorper ist zu der Uberzeugung gekommen, daft die Schiiler im
Ausland Unfug getrieben haben. Der Herr Direktor hatte sich noch
niemals der Einsicht des Lehrkorpers verschlossen. Auch damals
nicht, als die deutsche Klasse mit dem Rohrstock des Generals
Seeckt zur Ruhe verwiesen wurde. Der Herr Direktor macht keine
Umstande. Er liebt keine Aufregung. Ruhe ist die erste Prasidenten-
pflicht.
Der deutsche Staat ist eine Besserungsanstalt. Das Ausland lacht
iiber diese neueste Degradierung des Deutschen. Keine feindliche
Besatzungsmacht der Welt hatte es gewagt, uns, jedem einzelnen
von uns, diese tiefste Demutigung zuzufiigen. Was ist geschehn? Ein
inlandischer Geheimrat, dessen Gehalt bedauerlicherweise zu einer
Ferienreise nicht reicht, ein Diplomat, der sich in Rom durch die
Anwesenheit seiner Landsleute belastigt fiihlte, weil er wahrschein-
lich mehr zu tun bekam, als er gewohnt ist, haben gefunden, daft die
Deutschen »Anstofi erregen«. Bis jetzt haben von alien Deutschen
am meisten Geheimrate und die Diplomaten Anstoft und sogar
Weltkriege erregt. Ich bin iiberzeugt, daft kein Raffke imstande ist,
so unangenehm aufzufallen. Ich bin iiberzeugt, daft ein Beamter, der
nichts von Gott und der Welt weift, nicht imstande ist, zu beurtei-
len, ob die Deutschen sich gesellschaftsfahig benehmen oder nicht.
Um das Benehmen zu beurteilen, miifite man ein Gericht von Welt-
l6l DAS JOURNALISTISCHE WERK
mannern einberufen. Darin hatten nur sehr wenige deutsche Beamte
Sitz und Stimme. Denn sie sind gewifi korrekt; aber durchaus keine
Weltmanner.
Bleibt also: die Gefahr der Rentenmarkausfuhr. Der letzte Schuljunge
weifi darauf die Antwort: dafi gerade derjenige, der 500 Mark bezahlen
kann, die meisten Banknoten ins Ausland fiihrt. Also ist auch diese
Ausrede der Regierung faul. Uber die Ausrede wundert man sich
nicht. Sondern iiber die beschamende Tatsache, daft sich im Finanzmi-
nisterium kein einziger Kopf gefunden hat, der imstande gewesen
ware, die barbarische Verordnung mit einem weniger durchsichtigen
Mantelchen zu umhiillen. Denn sie hat natiirlich andere Griinde. Man
beginnt in Deutschland offensichtlich die Reichen zu begiinstigen und
die weniger Bemittelten zu schikanieren. Das ist der Anfang. Der
Apruin, Rom, Florenz, Meran, die Pyramiden, Konstantinopel sind
nur fur die Besitzenden. Ihnen gehort das Inland. Weshalb nicht auch
das Ausland? Und hier begegnen einander: der angeborene und beruf-
liche Sadismus des Subalternen und die tyrannischen Geliiste des
Machtigen. Wiinscht dieser eine Folterung der Untertanen - jener
fiihrt sie mit wolliistigem Behagen aus. Derselbe Sadismus der Servili-
tat, der den Schalterbeamten beherrscht, wenn er vor Deiner Nase sein
Klappfenster schliefit, der Sadismus, der den Rohrstock zum Symbol
des preufiischen Schulunterrichts und der koniglichen Volkserziehung
gemacht hat - derselbe Sadismus hat diese Verordnung entstehen
lassen.
Sadismus zeugt Sadismus. Hamorrhoidale Steuerbeamtengehirne wer-
den dariiber entscheiden, ob Deine Reise notig ist oder nicht. Schlecht-
bezahlte und verdrossene Amtsarzte, deren Attest schwieriger zu er-
reichen ist als eine todliche Krankheit, werden Dir bescheinigen, daE
Du an der Tuberkulose auch in Deutschland sterben kannst. Die fossi-
len Uberreste aus der Eisernen Groften Zeit, die an der Grenze Qua-
lerdienst leisten, werden Dich an den »Sperren« aufhalten als den Ver-
breiter der finanzpolitischen Maul- und Klauenseuche. Alle Schleusen
des Sadismus sind aufgetan.
Und dieses Volk wehrt sich nicht. Die Botokuden hatten langst alle
Fensterscheiben der Regierung zertriimmert. Die deutschen Zeitungen
bilden sich ein, »Opposition« zu machen, wenn sie schreiben, das Fi-
nanzministerium werde »hoffentlich andere Mittel und Wege finden«.
Das ist die Ausdrucksform hochster journalistischer Entriistung in
J 9 2 4 r ^3
Deutschland. Man lese alle Zeitungen der Welt und suche noch so eine
servile Presse. Die deutschen Zeitungen sind sanft wie die Sonntags-
blatter der Heilsarmee. In den Adern ihrer Schreiber fliefit deutsche
Reichspatent-Tinte. Was verdient dieses Volk?
Nicht nur ein Ausreiseverbot. Sondern Festungshaft fur jeden wahlbe-
rechtigten Deutschen. Zwangsarbeit fur die Kinder. Eine chinesische
Mauer um das Vaterland. Und schliefilich einen Zaren. Aber dann
schon einen aus dem Geschlecht der Romanows und nicht aus dem der
gewerkschaftlichen . . .
Josephus [Ruber]
Der Drache, 15.4. 1924
DER LIEBLING
Jackie ist der vollendete Typ des »Lieblings«. Wer ihn sieht, interes-
siert sich fiir ihn privat. Man beneidet seine Eltern, seine Freunde, die
Filmgesellschaft um ihn. Was mich betrifft, so mochte ich ein kleiner
Lausbub sein und mit Jackie Coogan im Rinnstein um Blech- und
Hornknopfe spielen. Sogar ernste Manner sollen ahnliche Wiinsche
bereits verspiirt, wenn auch nicht geauftert haben.
Jackie ist das einzige Wunderkind ohne die sanfte, lacherliche Traurig-
keit dieses Berufes. Denn Jackie ist kein dressiertes Wunderkind. Er ist
nicht einmal Schauspieler - in dem Sinne, dafi er eine »Rolle« spielte.
Wie andere Kinder weniger interessante Erlebnisse haben, so erlebt
Jackie Coogan lauter spannende, wehmiitige, merkwiirdige Dinge.
Andere Kinder erleben solche Geschichten in der Phantasie. Jackie er-
lebt eine phantastische Wirklichkeit. Dabei wird er photographiert, ge-
filmt. Es sind Naturfilme. Ebensowenig wie der Eskimo spielt, wenn
er gefilmt wird, ebensowenig spielt Jackie Coogan. Der Aufnahme-
operateur belauscht den Knaben, seinen Alltag, sein Spiel und seinen
Schmerz. Da£ der Kleine Filmhonorar bezieht, mochte ich nicht gern
glauben. Ich miifite namlich sehr angestrengt iiber das Ratsel nachden-
ken: wie es moglich ist, dafi ein Kind aus seiner Kindheit Kapital schla-
gen kann und dennoch ein echtes Kind bleibt; wie ein Kind sich spielt
und dennoch es selbst bleibt; wie man runde Wangen, ein Griibchen
164 DAS JOURNALISTISCHE WERK
im Kinn, Augen voll schelmischer Traurigkeit zu berufHchem Hand-
werk macht und sie trotzdem privat, fur seine eigenen Bedurfnisse
noch gebraucht; wie ein Kind so bewufit klug sein kann, dafi es mit
seiner kindischen, riihrenden, unbeholfen-geschickten Naivitat Ge-
schafte macht. Das ist unheimlich.
Denn hier hort die hekere Harmlosigkeit auf, die dieses Knaben
Sphare zu sein scheint. Ich stelle mir vor: Ich begegne in der riesengro-
fien Stadt einem schonen, »aufgeweckten«, achtjahrigen Knirps. Und
stelle fest, ein begabter Junge. Aber siehe da: Er ist genial. Nein! Er ist
auch noch pfiffig! Noch mehr: Er ist kliiger, einsichtsvoller, reifer als
ich! Er ist bartlos. An meinem Kinn spriefien die Haare. Ich verwende
einen Gillette-Apparat, und er hat so was nicht notig. Hier fangt die
Metaphysik an.
Natiirlich denkt man an Seelenwanderung. In diesem Jungen steckt
sein Grofivater. Der wiedergeborene alte Herr Cohn aus Kowno oder
Lodz. Der geniale Schauspieler, der sein Genie nicht offenbaren
konnte, weil er ein orthodoxer Jude im europaischen Osten war und
beten mufite und mit Gurken in Essig handeln. Ein Diener Jehovas
und ein Diener Merkurs. Er starb und hatte sein Schicksal nicht erfullt.
Also kam er wieder in die Welt und kroch in die liebliche Hiille seines
Enkels. Einmal hiefi er »Jankel«. Jetzt heifk er »Jackie«. Einmal war er
ein armer, gepriigelter, vor Pogromen zitternder Jude. Jetzt ist er der
Liebling aller fiinf Erdteile.
Wie wird das enden? Wenn der Alte genug haben wird von der Schau-
spielerei - wird er seinen Enkel wieder verlassen? Und wird dieses
geniale Kind ein mittelmaftiger Liebhaber werden? Ein Tenor der
Filmerotik? Wird er iiberhaupt am Leben bleiben? Was hatte er noch
zu erfahren? zu erleben? zu verdienen? Wird er seinen Beruf aufgeben
und sich in das Privatleben zuruckziehen und einen andern Beruf er-
greifen? Wird er noch er selbst sein, wenn er nicht mehr Gesicht und
Korper eines Knaben haben wird?
Er ist kein Wunderkind, er ist ein Wunder. Was aus ihnen wird, wissen
wir. Was aus einem Wunder wird, kann niemand wissen.
Frankfurter Zeitung, 19.4. 1924
NATURGESCHICHTE DES GENERALS
Der General ohne Gegner ist wie eine Waage, an der nur eine Schale
hangt; ein Einerseits ohne Andererseits; ein Salonkitsch ohne Pendant;
ein Teil eines Zwillings ohne den andern.
Der General ohne Gegner ist eine halbe Erscheinung. Keine andere
Menschengattung ist mit ihm zu vergleichen: Ein Jager, dem kein Wild
vor die Flinte kommt, ist trotzdem ein Jager; ein Redner ohne Zuhorer
bleibt dennoch ein Redner; ein Dichter ohne Leser ist trotz allem ein
Dichter; und ein Kaufmann ohne Kaufer ist auch ein Kaufmann.
Denn alle diese Berufe sind mehr oder weniger natiirliche Berufungen,
auch wenn ihnen die Wirkung fehlt. Sie wirken nur tragisch, die Dich-
ter ohne Leser, die Redner ohne Zuhorer und die vergeblich lauernden
Jager. Ein General aber ohne Gegner wirkt entschieden lacherlich.
Sein Beruf namlich ist keine natiirliche Berufung. Zwar ist der Wille
zum Kampf auch natiirlicher Instinkt. Aber kein dauernder Zustand,
sondern nur ein zeitweilig bestehender. Es gibt in der Natur keine
Nur-Kampfer. Das Raubtier kampft lediglich, um sich zu sattigen.
Nach beendetem Kampf ergibt es sich seiner friedlichen Beschafti-
gung: dem Beischlaf, der Wanderung, dem Bad, dem Schlummer. Es
legt gewissermafien die Riistung ab. Es entmilitarisiert sich, Es demo-
bilisiert. Es wird sogar sanft.
Nur der General wird niemals sanft. Seine Niederlage erbittert ihn.
Sein Sieg reizt ihn zu neuem Kampf. Seine Tatigkeit ist Mittel ohne
Zweck; eine Art Part pour Tart. Er kampft nicht, um satt zu sein, wie
es selbst das grausamste Tier tut. Er kampft, um zu siegen. Seine Beute
ist nicht seine Nahrung. Deshalb ist er die moralisch niedrigste Er-
scheinung unserer Weltordnung.
Seine Beute ist nur das Nahrmittel seiner Beutegier. Sie sattigt seinen
Ehrgeiz. Sie bringt ihm Ehre und deren sichtbaren Ausdruck: den Or-
den aus Blech, Eisen und Gold. Wenn er aber keinen Feind hat, der
General?
Mit dem Raubtier, das keine Beute findet, kann ich Mitleid fuhlen.
Denn es leidet die Qualen des Hungers (die wir alle kennen - mit
Ausnahme der Generale). Der General aber, der keine Beute findet,
leidet die Qualen des unbefriedigten Ehrgeizes. Deshalb erweckt er in
mir nicht das Gefiihl des Mitleids sondern jenes siiftere der Schaden-
l66 DAS JOURNALISTISCHE WERK
freude. Ich spotte seiner wie eines Teufels, der kein Versuchsobjekt
findet.
Denn erst das Opfer macht den Teufel zum Teufel. Erst der Feind
macht aus dem General einen General. Ohne Gegner ist er nur ein
Begriff. In einer Welt des Friedens, die sich nicht von Menschenfleisch
nahrt, ist der General nicht einmal ein Sattigungsinstrument. Er gleicht
also einer Lokomotive ohne Eisenbahnzug; einer Briicke, die nicht
von einem Ufer ans andere fuhrt, sondern von einem Ufer ins Wasser.
Und das ist lacherlich.
Da aber ein General vor der Lacherlichkeit eine grofiere Angst emp-
findet als ich vor ihm, schafft er sich krampfhaft einen Feind. Wenn er
keinen »aufiern« findet, so erfindet er einen »innern«.
Deshalb ist die Existenz eines Generals fast noch gefahrlicher, als sie
lacherlich ist. Sein Dasein allein schafft Feindseligkeit und Hafi.
Man kann nicht einmal versuchen, ihn abzuschaffen, ihn zu demobili-
sieren, zu zahmen. Ein dressiertes Raubtier ist immer noch fur einen
Zirkus ein Gewinn. Wer aber wiirde eine Menagerie besuchen, in der
Generale ausgestellt sind? Da die Gattung nicht selten ist und stiind-
lich ohne Entree besichtigt werden kann?
Und wer fiirchtete sich nicht vor einem General - und befande er sich
selbst hinter Gittern?! . . .
Josephus
Lachen links, 25.4. 1924
»VASANTASENA« IN DER VOLKSBUHNE
»Vasantasena« ist nach den Angaben seines deutschen Bearbeiters Lion
Feuchtwanger das Schauspiel eines nicht genau festzustellenden indi-
schen Dichters (er konnte Bhasa heifien), obwohl es der Prolog einem
legendarischen Konig Sudraka zuschreibt. Es diirfte zwischen den Jah-
ren 450 und 650 entstanden sein, also etwa ein Jahrtausend vor den
Dramen Shakespeares - worauf Feuchtwanger in seiner Vorrede nach-
driicklich und mit dem leisen Triumph eines literarischen Pfadfinders
und gliicklichen Schatzgrabers hinweist. Ein Teil der Hochachtung,
die wir einerseits vor den Jahrhunderten, andererseits vor Indien emp-
1924 l &7
finden, kommt dem Snick zugute. Ware Lion Feuchtwanger sein Ver-
fasser und nicht sein europaischer Mittler - wer weifi, ob die norgelnde
Stimme der Kritik nicht um jenes Gran Bosheit scharfer klange, das
man gern einem lebendigen Autor entgegenspritzt. Vor einem toten,
einem unbekannten und gar noch indischen Dichterwerk, das die Pa-
tina der respektablen Jahrtausende tragt, senkt sich die referierende
Feder; obwohl sie gerne bemerken wiirde, daft in diesem Snick die
Ereignisse naiv durcheinanderlaufen, die Gestalten von unwahrschein-
lichem Edelmut triefen und andere von unmenschlicher Bosheit, ein
grausamer Konig auf marchenhaft schnelle Weise erschlagen und von
einem edlen Nachfolger ersetzt wird, Giite und Tugend Lohn, Nieder-
tracht Strafe finden und indische Dichter und Lenker an idealer Ge-
rechtigkeit fast mit der himmlischen Justiz konkurrieren. Aber das
mag einmal wirklich so gewesen sein, da »Vasantasena« ja im alten
Indien spielt und nicht etwa im neuen Miinchen.
Der verarmte Kaufmann Tscharudatta, der aus freigiebiger Giite arm
geworden, rettet sowohl Vasantasena, die schone Bajadere, vor den
impertinenten Nachstellungen des feigen, lusternen und groftenwahn-
sinnigen Konigsschwagers als auch den Hirten Arjaka, der einmal
einer Prophezeiung zufolge Konig werden soil, vor dem Tyrannen
Palaka. Der Konigsschwager erwiirgt infolge verschmahter Liebe
Vasantasena im Park und klagt, um seine Tat zu vertuschen, den edlen
Kaufmann des Mordes an der Bajadere an. Zum Gliick ist das Attentat
nicht gelungen. Vasantasena lebt. Gegen den Kaufmann verdichten
sich die Indizien. Aber als er gerade auf dem Schafott stent, erscheint
Vasantasena. Gleichzeitig hat der Hirt Arjaka den Konigsthron ge-
wonnen. Was ist natiirlicher, als daft er dem Kaufmann, der eben dem
Tod entgangen ist, auch noch ein Landgut schenkt, das dieser Edle, mit
seiner Bajadere vereint, bis an das selige Ende bewohnen wird! . . .
Ein Dieb ist edel und gibt, von Reue erfaftt, das Gestohlene der recht-
maftigen Besitzerin Vasantasena. Diese, noch edler, schenkt ihm dafiir
ihre Sklavin, die er liebt und mit dem Geraubten loskaufen wollte. Ein
Henker hat das Prinzip, mit der Urteilsvollstreckung moglichst lange
zu warten. Ein Knabe verschmaht das ersehnte Gold, weil die Geberin
weint: Wenn die indische Welt wirklich so ist, wie sie der Autor hier
schildert, dann konnen wir Europaer uns gleich begraben lassen. Je-
denfalls fehlt uns die hohe Kultur der Bajadere und die Kultur, die den
Respekt vor der Bajadere gebiert. Uns fehlt die humane Harmonie,
l68 DAS JOURNALISTISCHE WERK
welche den Sklaven dem Herrn nahert, die Treue, die starker ist als der
soziale Unterschied, die Musik, die indische Menschen durchstromt
und das Land in ein unvollkommenes Paradies wandelt, die duftende
Metapher, die jeden Menschen zum Dichter macht. In jenem Indien
tritt das Menschliche vor das Soziale. Bei uns Barbaren gibt es keine
Kapitalisten, die aus Edelmut arm werden. Also tritt das Soziale vor
das Menschliche, Unmenschliche. Es ist ein Verdienst der Volksbiihne,
uns mit der unwahrscheinlichen, beneidenswerten Traumwelt, einem
genialen alten Dichter, seinem sehr begabten Bearbeiter bekanntge-
macht zu haben.
Dieses Stuck soil mit der Anmut, die den Marchen zukommt, gespielt
werden; im Helldunkel des Metaphysischen, aber des heiteren Meta-
physischen. In der Vergegenwartigung des Geschehens mochte man
trotzdem das zarte antiquarische Aroma nicht missen. Der Bluten-
staub indischer Jahrhunderte mufi iiber der Handlung liegen wie iiber
den Marchen aus Tausendundeiner Nacht.
Die Regie der Volksbiihne (Paul Henckels) verbramte das Schauspiel
mit Musik. Ein Teil der Biihne ragte in den Zuschauerraum hinein.
Kostiime, Beleuchtung, Szenerie hatten den spielerisch marchenhaften
Charakter. Aber dem Spiel selbst fehlte die innere Leichtigkeit. Es
wurde zum Teil mit dem Ernst gespielt, der etwa unserer Vorstellung
von dem tiefsinnigen Indien Tagores entsprechen wurde. Die sehr be-
gabte Gertrud Kanitz hatte Innigkeit und Schwermut. Sie bediirfte
eines anderen Regisseurs, um die Ausgeglichenheit zwischen dem an-
mutigen Leichtsinn und der Lyrik der Bajadere zu finden. Karl Lud-
wig Achaz betonte mehr das majestatische Pathos in der Gestalt des
verarmten Kaufmanns - auf Kosten der Heiterkeit dieser Gestalt.
Leonhard Steckel hatte die dankbare Rolle dieses Stiickes: den grotes-
ken faunhaften Konigsschwager. Steckel liefi sich stellenweise verfiih-
ren, Gesten und Stimme zu iibertreiben. Im zweiten Teil erst gelang
ihm die fast vollendete Maftigung. Von den anderen zeichnete sich Ju-
lius Sachs durch deutliches Sprechen aus. Die iibrigen deklamierten
oder tranchierten Verse in Silben. Durch diese Sprachverwilderung
ging manche leuchtende Weisheit des alten indischen Dichters verlo-
ren.
Vorwarts, 26.4. 1924
WAHLKAMPF IN BERLIN
Den kalten, prazisen Rhythmus dieser Stadt stort das »Wahlfieber«
nicht. Mogen die Litfafisaulen die gedruckten Bekenntnisse der Par-
teien, die bewufk iibertriebenen Versprechungen, die agitato risch aus-
gebeuteten Weltanschauungen, die in farbiges Bild heimgekehrten
Phrasen und Methaphern iiber die Strafie rufen. Keinen einzigen sah
ich, der Geduld, Zeit und Lust gehabt hatte, ein Programm zu lesen.
Keinen, der nicht den erhaltenen Flugzettel sofort wieder flattern ge-
lassen hatte. Vielleicht dringt nur ein sehr suggestives Bild von starker
Plotzlichkeit in die Netzhaut dieses Menschentypus, der nur Arbeit
kennt und Amusement. Vielleicht ist dieser Fanatiker der Sachlichkeit,
der Prazision, des Antifanatismus in seiner politischen Uberzeugung
so gefestigt, dafi keine iibereilige und in einer einzigen Woche gestei-
gerte, in Schlagworten und LitfaKsaulen, Reden und Mauerecken kom-
primierte Agitation ihn iiberzeugen kann. Der gerechte Beobachter
mu6 allerdings feststellen, dafi kein einziges der vielen Wahlbiiros auch
nur ein Zehntel jener suggestiven Phantasie aufgebracht hat, die in den
Propaganda- Abteilungen der Fabriken, der Firmen, der Warenhauser,
der Modistinnen und der Schneiderateliers zu finden ist.
Die niichterne Burokratie der Berliner Wahlpropaganda aller Parteien
beschrankt sich auf die alten, schlecht erprobten Mittel. Sie bedruckt
lange Zettel aus grauem, porosem Papier mit kleiner Schrift, librigens
meist Frakturschrift, die ein amusantes typographisches Bild ergibt.
Aber nicht ein einziges dieser vielen vergeblich verschleuderten Worte
springt aus den schwindelerregenden Zeilen als bannender, gellender,
erschiitternder optischer Schrei. So viele Parteien es gibt und sosehr
manche sich anstrengen, die anderen als »undeutsch« zu brandmar-
ken- diese Propaganda beweist, wie sehr deutsch sie alle sind. Wie
fremd alien zusammen die lauten Mittel der aufkren Wirksamkeit sind.
Wie alle sich bemuhen, mit redlicher Naivitat durch eine minutiose
Erorterung der Grundsatze zu iiberzeugen und - zu langweilen. Und
selbst in der Ubertreibung bleibt jeder noch schiichtern. In der Liige
noch furchtsam. Man arbeitet mit dem schweren, pathetischen Riist-
zeug der Ethik, wenigstens der landlaufigen. Keine Flamme zuckt von
den Wanden. Kein Schrei hallt von der Litfaftsaule. Die Ankiindigun-
gen der Varietes, der Kinos, das Selbstlob der Zigaretten, die Inbrunst
170 DAS JOURNALISTISCHE WERK
der geschaftlichen Reklame, ihr nachtliches Feuer iiber den Dachern
des Potsdamer Platzes ersticken, betauben jeden politischen Schlacht-
ruf in einer Flut von Licht und Schrei und Farbe. Die Maschinerie
dieser halbamerikanischen Stadt bleibt prazise und verrichtet ihre tau-
sendfaltige, niichterne Funktion ohne Leidenschaft, ohne auch nur von
einem Hauch des politischen Kampfes gestreift zu werden.
In den Berliner Boulevardblattern lese ich krampfhafte Bemiihungen
der prinzipiellen Feuilletonisten, den »Wahlkampf« zu schildern. Es
ist, als beobachten sie die Phasen und Symptome der Wahlzeit durch
ein stark vergrofterndes Teleskop und alles andere durch ein verklei-
nerndes Glas. So besorgen sie einen Teil der Wahlbiirogeschafte, aller-
dings aller zugleich, und bauschen Auseinandersetzungen zu Weltkrie-
gen auf. Wer diese Schilderungen liest und die Stadt nicht kennt,
miifite glauben, dafi sich in Berlin politische Wildwestkampfe zwi-
schen Rednern und Plakaten abspielen. In Wirklichkeit ist es gar nicht
so. Ein paar halbwiichsige Jungen schleichen durch die Nachte als
»Kleisterpatrouillen«, reifien Plakate herunter, kleben neue. Aber sie
fallen nur dem suchenden Auge auf und verschwinden in der Menge
der schleichenden Zuhalter, der aufgedonnerten Strafienmadchen, der
liebehungrigen Spazierganger, der torkelnden Betrunkenen. Der Be-
trieb des »Verjnijens«, der rastlos und gutgeolte Mechanismus der
»Sensation«, des »Amusemangs« ? des Spielklubs, der Nackttanze ab-
sorbiert alle Krafte des Wahlers. Und nur am Vormitag in den -
Markthallen horte ich die Frauen mit den Markttaschen politisieren.
Zwischen den Gemiisestanden entbrennt der Wahlkampf am hitzig-
sten. Die Markte sind die Wahlschlachtfelder Berlins. Es muf! im Na-
men der Wahrheit gesagt werden.
Allerdings ist am Potsdamer Platz ein deutsches Blatterwaldchen ge-
pflanzt worden. Seine jungen Stamme heifien: »V6lkischer Ratgeber«,
»Kampfbund«, »Deutscher Ring«, »Deutsches Tageblatt« und sind
mit unvermeidlichen Hakenkreuzen versehen, die man heutzutage tief
in alle Rinden einschneidet. Auf den Zeilen-Asten zwitschern
schwarz-weift-rote Phrasen. Auf moosigem Feuilletongrund wuchert
blaulich die Knopflochblume der Vereinsromantik. Hier sucht das
wandernde Auge vergeblich nach einer Lichtung der Vernunft. Die
pathetisch bemoosten Stamme lassen keinen frischen Windhauch eines
Witzes durch. Man stolpert iiber ungrammatikalische, antigrammati-
kalische Schlingpflanzen. Sprachliche Laster bliihen in den gahnenden
I 9 2 4 171
Schliinden der Leitartikel. Man hort das monotone Hacken des natio-
nalistischen Buntspechts.
Aber diese Zeitungen finden nur Kolporteure. Und ich bin ihr einziger
Kaufer.
Nur an Sonntagen sieht man politische Wandervogel mit Sandalen,
Kniippeln, Messern. In den Waldern schlingen sie Reigen, schwarmen
fiir die Natur und liefern einander Schlachten. Es ist eine seltsame, eine
unverstandliche Jugend. Sie leugnet Gott und betet zu Gdtzen. Sie
iibernimmt vom Heldentum den Blutrausch, aber nicht seine scheue
Natur- und Herzensfrommigkeit. Man kann sie auf den Bahnhofen
sehn, die bluhenden, weizenblonden, jungen Madchen, die zu Miittern
bestimmt sind und sich zu politischen Furien entwickeln. Sie tragen
entstellende Windjacken, breite SchoEe und kurzgeschnittenes Haar.
Sie schreiten mit unnatiirlich breiten Marschschritten, gebarden sich
lacherlich mannisch, aber die Natur racht sich, sobald sie »Heil!« und
»Pfui!« schreien, und verleiht ihren Stimmen die abschreckende Grell-
heit der Hysteric
Frankfurter Zeitung, 29. 4, 1924
PARADE EINES GESPENSTES
In der gerauschvollen lebendigen Hauptstrafie erschien in der Mittags-
stunde ein Gespenst. Obzwar es schrecklich genug war, gehorte es
doch keineswegs zu dem Geschlecht jener Gespenster, die in der tradi-
tionellen Aufmachung, kudos und bleichen Angesichts, in Bettiaken
oder in langen Hemden zu erscheinen pflegen, wenn die Mitternacht
schlagt. Im Gegenteil: Dieses Gespenst erschien am hellen Mittag, von
einer effektvollen Regie mit Larm in die Strafienszene gesetzt, buntge-
kleidet und von der verbliiffenden Wirkung eines Reklameplakats.
Dieses Gespenst war geeignet, im gleichen Mafie Grauen wie Aufsehen
zu erregen.
Es trug auf dem Kopfe einen Helm aus massivem Metall, an dessen
Vorderseite ein koniglicher Wappenadler die Schwingen ausbreitete
wie auf dem Schild eines Finanzamtes. Es war ein Prachtexemplar der
Heraldik, halb schwebte es und halb klebte es, und es hielt genau jene
172 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Lage ein, die den meisten herrschaftlichen Symbolen eigen ist und
durch die ungewollt zum Ausdruck gebracht wird, wie schwer es den
Herrschenden fallt, das auszufiihren, was sie gerne darstellen. Um den
Oberkorper des Gespenstes spannte sich ein Rock von einer strahlen-
den Blaue, welche die Farbe des siidlichen Himmels weit iiberblaute.
Die Beine steckten in Hosen, die seitwarts breite rote Streifen trugen,
von der Farbe getrockneten Menschenblutes. Die Hosen landeten un-
sichtbar im Innern der Stiefel, die aus schwarzem Spiegelglas herge-
stellt schienen. Es war, als hatten sie die Aufgabe ubernommen, statt
des Kopfes die Bilder der Aufienwelt aufzunehmen. An die Absatze
waren Sporen geheftet, die unaufhorlich klingelten wie Miniatur-
Alarmsignale winziger Radfahrer. An der linken Seite des Gespenstes
schepperte ein langes Eisenstiick, das oben von einem Korbgriff ge-
kront wurde. Diesen Griff hielt das Gespenst unter dem linken Arm,
ungefahr wie lebendige Menschen eine Aktentasche zu tragen pflegten
oder einen Regenschirm aufier Betrieb. Auf beiden Schultern dieser
phantastischen Erscheinung klebten Achselklappen. Von ihnen ging
ein unbeschreiblicher blendender Glanz aus, als waren sie aus Sonnen-
zwirnen hergestellt und mit Mondscheinfaden durchwirkt.
Dieses marchenhafte Traumbild schritt, Aug' und Ohr betaubend,
mitten durch eine reale Strafie. Es ragte iiber die meisten Passanten
hinaus. Es war wie ein wandelndes Denkmal, und man sah es schon
von weitem. Es ging mitten in einem Bannkreis von mindestens zwei
Schritten, denn es verscheuchte die geblendeten Menschen, so dafi sie
entweder zuriicktraten oder auswichen und sich erst in einer gewissen
Entfernung umwandten, um noch einmal der Gnade dieses seltsamen
Anblicks teilhaftig zu werden. Ein standiges feines metallenes Klirren
kiindete die Erscheinung an. Man vernahm es durch den Larm der
Autohupen und der knatternden Omnibusrader, der brummenden
elektrischen Drahte und der klingelnden Strafienbahnen. Es war leise,
aber durchdringend. Es erinnerte an die Stimme eines lachelnden To-
des, der unter Tschinellenbegleitung kommt. Der eiserne lange Schiir-
haken an der Seite schlug sirrend an das Knie, wie eine ferae Sense an
Sommertagen.
Das Gesicht beschattete bis zur Nasenwurzel der Helm. Immerhin
konnte man noch die Augen erblicken. Sie glanzten blau wie das Tuch
der Uniform, und ihr Ausdruck war sehr streng, aber auch sehr leer,
Sie waren irgendwohin, in ein ungewisses Land gerichtet. Sie fanden
1924 173
kein Hindernis und reichten bis ans Ende der Welt, das ihr Besitzer
wahrscheinlich erhoffte. Sie waren kuhn und nicht zum Schauen fahig,
sondern lediglich zum Blicken. Der kleinen Nase fehlte die Kuppe. Es
war, als sollte sie abgebaut werden und als hatte man gleichsam ihren
aufiersten Ziegel schon abgetragen. Das Kinn ragte, Locher in die Luft
bohrend, spitz, weifibestaubt und vordringlich iiber den hohen Hals-
kragen und warf einen kleinen Schatten auf die vorgewolbte Brust. Die
Wangen gliihten, im Gegensatz zu den Gesichtern mitternachtlicher
Gespenster, im sanften Rosa einer festlichen Konfirmationserregung.
Woher kam dieser Geist mitten in die Welt der Elektrizitat, der Radio-
wellen, der Mikrophone, des Asphalts, der Arbeit, der Warenhauser,
der Fabriksirenen, der Autoreifen, der Zeitungsverkaufer, der Telegra-
phenboten, der Dienstmanner, der Motorrader? War es ein Reklame-
artikel der mittelalterlichen Geschichte? Ein personifiziertes Kapitel
der Vergangenheit? Ein Statist aus einem historischen Film? Ein Biih-
nenrequisit aus bemalter Pappe?
Ach, es war ein wirklicher Geist. Er war nicht verkleidet, er war uni-
formiert. Ich merkte es an dem feinen Leichenaroma, das er aus-
stromte. Er roch nach Stickgas. Seine Sauberkeit hatte ihre Ursache in
Stahlbadern. Ich ware ihm gerne gefolgt, um zu sehen, wo er ver-
schwinden wiirde. Vielleicht ging er in eine Bibliothek und legte sich
wieder in einen alten Band der Weltgeschichte, aus dem er gestiegen
war. Oder er ging in die heiligen Hallen des Kasinos. Oder in das
Wahlburo einer nationalen Partei, die ihn als Wahlplakat verwen-
dete? . . .
Josephus
Vorwarts, 30.4. 1924
DER KLEINE MORIZ IN DER WINDJACKE
Seht, wie er sich im Laufe der antisemitischen Zeiten verandert hat, der
kleine Moriz! Einmal der Typ des vorlauten, friihreifen, intellektuellen
Judenknaben, durch unfreiwillig komischen Habitus und halb freiwil-
lig komische Aufierung Stammgast der Witzblatter: heute nur noch als
Uberlieferung in seiner urspriinglichen Erscheinungsform bestehend,
174 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sozusagen abstrakt - und in der Wirklichkeit kaum noch zu finden.
Denn der junge Nachkomme des intellektuellen jiidischen Biirgertums
ist nicht mehr intellektuell und gar nicht mehr witzig: sondern eher
pathetischer Idealist oder sachlicher Geschafsmensch in amerikani-
schem Stil. Dagegen hat - o tragische Ironie! - die Rasse der Reinrassi-
gen, der Vollbliiter ohne Intellekt, den Typus des »kleinen Moriz« aus
dem ihnen verhafiten Judentum iibernommen und entsprechend ihrer
hirnlosen, totschlagerischcn, hochschulschlagringartigen Existenzform
gewandelt: Es lebt heute eine Abart des alten »kleinen Moriz«: der
volkische kleine Moriz in der Windjacke.
Ein frecher Wotansbeter ohne Respekt vor dem fremden Wert, der
fremden Leistung, der fremden Uberzeugung; vorlaut und zudringlich
in Gesellschaft der Gereiften, der Alteren, der Erfahrenen; mit jener
Hysterie in der mutierenden Stimme, die man gewohnlich den »deka-
denten Rassen« zuzuschreiben pflegte; unfreiwillig komisch in der au-
fieren Aufmachung, in outriert heldenhaftem Auftreten, in der bur-
schikosen Naturgewandung und in der burschenhaften Couleur; ge-
rauschvoll, riicksichtslos und die europaische Zivilisation verleugnend;
zu feiger Ausflucht bereit und just im Augenblick der erbarmlichsten
Feigheit mit Heldentum prahlend: Ist das nicht der »kleine Moriz«,
wie wir ihn so oft judisch karikiert gesehen haben? Und nur dafi der
eine die Hande zum Reden zu benutzen pflegt, der andere haufiger
zum Toten, unterscheidet die urspriingliche Art von der Abart.
Der volkische kleine Moriz kommt in alien Altersstufen vor: Er steckt
im jiidischen Bismarck -Biindler wie im altesten Professor Roethe. Und
an seiner Art zu leben, an den Uberzeugungen, die er aufiert, und an
der Wirkung, die er im kultivierten Europa verursachte, konnte ich
seinen rassenreinen Stammesgenossen nachweisen, dafi sie die angeb-
lich spezifisch jiidischen Eigenschaften starker herausgebildet haben
als die Juden: das Argument der alttestamentarischen Krieger, mittels
dessen sie ihre moralische Berechtigung erwiesen, das Land Kanaan zu
erobern, hiefi: Dieses Volk ist das auserwahlte unter den Volkern.
Nun: Wer operiert heute mit diesem Argument? - Die antisemidschen
Nationalisten. Sie behaupten nur, dafi die Deutschen das auserwahlte
Volk Gottes waren. Und ebenso wie die Juden einst Jehova zu einem
Schlachtenlenker und Generalstabschef zu ernennen liebten, so tun es
heute - die deutschnationalen Pfarrer. Und wie die alttestamentari-
schen Juden den Angehorigen fremder Stamme nur sehr schwer die
1924 175
staatsbiirgerliche Gleichberechtigung verliehen, wollen heute just -
die Antisemiten die staatsburgerlichen Rechte nicht nach den Ge-
sichtspunkten der Leistung, sondern nach denen des Geschlechts zu-
erkennen. Ich konnte die historische Parallele beliebig verlangern.
Aber um den Siegfriedlern und Drachentotern zu beweisen, mit
welch sklavischer Treue sie die historischen Taten der alten Juden ko-
pieren, geniigt vielleicht nicht nur der Hinweis auf die erstaunliche
Tatsache, dafi die angeblich reinen Germanen die kleineren Christus-
manner der Gegenwart genauso hakenkreuzigen, wie einmal die Ju-
den der Vergangenheit den grofien Christus gekreuzigt haben. Dieser
grofien historischen Parallele entspricht die zwischen dem alten klei-
nen Moriz und dem neuen, dem volkischen. Wenn der semitische
kleine Moriz auf die Frage des Vaters, wer die Gliedmafien des Tau-
sendfufilers gezahlt habe, antwortet: »Ein Christ« - so antwortet der
volkische (mehr brutal und weniger komisch): »Wir zwangen einen
Juden, sie zu zahlen.«
So ahnlich konnte man alle Witze variieren. Ein Volkischer konnte
daniber sogar lachen. Wenn Jagow vor einem Gericht die Hande in die
Hosentaschen steckt, so ist das die angeblich »echt jiidische Frechheit«
des kleinen Moriz; und wenn Ludendorff die blaue Brille anlegt und
seinen Namen andert, so ist das angeblich »echt jiidische« Feigheit;
und wer es einem Levy zum Vorwurf macht, wenn er sich Leonidas
oder anders nennt, muE auch einen Ludendorff verachten, der sich
Lindstrdm nennt; und wenn ein Hitler sich fur den grofken Tapezierer
der deutschen Ruhmeshalle ausgibt, so ist das eine angeblich »echte
jiidische« Anmafiung. Und ist die vorlaute Arroganz nicht immer eine
Eigenschaft des kleinen Moriz gewesen?
Ich habe versucht nachzuweisen, dafi der Typus Ludendorff eine Ab-
art des jiidischen Moriz ist; dafi der rassereine Antisemit »semitische«
Eigenschaften hat. Aber ich bilde mir nichts darauf ein. Denn es ist
zweifellos fur mich leichter, nachzuweisen, dafi ein Ludendorff-Typ in
seiner geistigen Struktur negativ-judisch ist, als fur ihn, dafi er garan-
tiert germanisches Blut besitzt. Man begreift, dafi ich nicht stolz bin,
wenn ich etwas besser beweisen kann als - er . . .
Vorwarts, i. 5. 1924
DER TOD DES »KONIG MIDAS«
Am ersten Mai brach sich der Konig Midas das Becken und den Hals-
wirbel. Er war gerade sechs Jahre alt geworden. Er starb im Freien, auf
der Wuhlheide, unter schrecklichen Qualen, aber dennoch koniglich
und war nicht einen Augenblick so lacherlich wie der mythologische
Midas, nach welchem der Sechsjahrige benannt worden war, weil er zu
jenen kostspieligen Rennpferden gehorte, von denen ihre Besitzer mit
Recht in Freundes- und Familienkreisen sagen: »Ein goldenes Pferd!«
Dieser Vorliebe fur die metaphorische Ausdrucksweise hatte der
Hengst seinen Namen zu verdanken. Midas, der Zweite, starb, nach-
dem er das Residenz-Jagdrennen gewonnen hatte.
Konig Midas war (wie schon in seinem Nachruf im Sportteil der
»Frankfurter Zeitung« zu lesen war) ein »Malua-Sprofi«. Man hatte
ihn, wie es in der Rennpferdezuchtsprache heifit: »von Malua an der
Casablanca gezogen«. Der junge Konig Midas fiihrte schon in seiner
Kindheit das aufregende Leben, das der Pferdearistokratie nach alten
Traditionen zukommt, ein verantwortungsvolles, dressurerfulltes,
pferdeprinzliches Leben. Er wanderte aus der Hand eines Besitzers
in die reichere eines anderen, aber keine war so barmherzig, ihn von
den Pflichten eines »Klassepferdes« zu befreien. Im Gegenteil:
Kaum hatte man seine bedeutende Begabung, andere Geschlechtsge-
nossen im Rennen um einige Korperlangen hinter sich zu lassen, er-
kannt, war er schon als Wunderkind gekennzeichnet und zum eige-
nen Martyrium und der Rennsaisonmenschen Freude bestimmt.
Ach, vielleicht hatte er damals seine Talente verbergen sollen! Viel-
leicht ware ihm ein langeres Leben beschieden gewesen, wenn er aus
Mangel an aristokratischen Rennfahigkeiten unter das Proletariat der
gewohnlichen Droschken- und Wagenpferde gekommen ware. Aber
er war ein Pferd, ein edles, aber doch ein Pferd, und konnte nicht
simulieren.
So begann er die traurige Siegeslaufbahn fur andere. In Breslau siegte
er fur den Herrn L. L., dann siegte er fiir den Graf en Le . . ., und
schliefilich kam er sozusagen zur Filmbranche. In den Besitz des
Herrn R. O. namlich. Dieser beschlofi (neben der miihseligen Verfil-
mung des »Don Carlos«), den Konig Midas fiir den Hindernissport
»einzuspringen«. Also fing Midas an, fleifiig fiir Herrn O. Hindernisse
1924 177
zu uberwinden. Wer weifi, welche prachtige Karrierequal ihm noch
bevorgestanden ware, wenn er nicht den friihen Tod gefunden hatte,
nach dem letzten Sieg in jenem Rennen, das, den Umstanden entspre-
chend, den koniglichen Namen Residenzrennen hatte.
Wahrend ihm die Menge zujubelte, litt er bereks todliche Schmerzen.
Aber so trefflich die Menschen seine Qualitaten verstanden hatten, so
wenig begriffen sie seinen Schmerz. Sie sahen nur eine tiefe Fleisch-
wunde am zierlichen Bein. Der Konig Midas wurde wild, er liefi sich
nicht den Sattel abnehmen, er schlug um sich in seiner letzten Stunde,
als ware er ein freigeborenes Steppenpferd auf grenzenloser Weide.
Das Blut seiner Ahnen rebellierte gegen das Geschlecht, fur das er
siegte und starb, und schliefilich sprang er mit einem riesigen Satz in
das Publikum, das ihn soeben umjubelt hatte und aus dem er sich gar
nichts machte. Er fiel nieder, schlug die Vorderbeine ubereinander, als
wollte er die Hufe falten, und stohnte sein letztes Gebet. Der Arzt
kam. Der entnahm die »Speichelprobe« dem sterbenden Tier. Denn
der Doktor glaubte, das Opfer eines sogenannten »Dopings« vor sich
zu sehen. Konig Midas lieft noch diesen Irrtum der Wissenschaft iiber
sich ergehen. Er stohnte immer leiser. Uber seine guten grofien blutun-
terlaufenen Augen hingen die halben Augenlider. Er erkannte in seiner
letzten Stunde den Unverstand dieser Welt. Dann brach das Auge, das
frei lag, und der blaue Himmel des ersten Maitages spiegelte sich in der
toten Netzhaut.
Die Menschen beruhigten sich.
Frankfurter Zeitung, 7. 5. 1924
DER MONAT MAI
Eine unverwiistliche Tradition bewahrt seit Jahrhunderten schon die
sentimentalen Beziehungen zwischen sachlichem Anbruch eines Ka-
lenderabschnitts und einem Erwachen menschlicher Running. Selten
gehorcht - wie hier - das Gefuhl einem Postulat willkurlich rechnen-
der Vernunft. (Fast konnte man glauben, daft die Natur sich in Wirk-
lichkeit der Mathematik beugt.) Vor der Majestat dieses Monats offnen
178 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sich die Sinne aller durch praktische Einstellung vor Naturgenufi ge-
schiitzten Menschen. Der Suggestivkraft der Mai-Lyrik kann sich kei-
ner entziehen. Unausrottbar wurzelt noch in der kalkulierenden Men-
schenbrust der Glaube an diesen Monat.
Alle Zartlichkeit, die ihr zur Verfiigung stand, legte die Sprache in
seinen Namen: ein sanftes bebendes Verschliefien der Lippen, die sich
dann zur Bildung eines befreienden Diphthongs wolben, ein Urschrei
fur Jubel. Sauglinge konnen ihn rufen. Und des schmerzerfahrenen
Alten leidvollen Mund, dem er, wie eine Klangblume, entspriefit,
macht dieser Name dem ahnungslosen, leidlosen Plapperwerkzeug des
Kindes verwandt.
Der Hunger macht Maiglockchen zu Nahrungsmitteln. Dichter belau-
schen Nachtigallen, um sie zu erlegen. Rauber spriefien vegetativ in
den Auen des Tiergartens. Anstoftnehmer suchen ungefahrdet nach
Liebe in Biischen ... In einunddreifiig Tage ist alle Seligkeit geprefit.
Ausgestreut iiber vier Wochen die aufgespeicherte Freude aller elf iib-
rigen Stiefmonate. Alle herzerquickenden Funktionen des Friihlings
beschranken sich auf diese Freudenabteilung des gregorianischen Ka-
lenders.
Es ereignet sich, von Lyrikern begrufit, die bekannte Auferstehung der
Natur, welche den Agrariern gehort und von diesen sehr menschen-
freundlichen Besitzern den Ausflliglern ganz umsonst zur Verfiigung
gestellt wird.
Die Sonne, ein radikal sozialistischer Leuchtkorper, merkwiirdiger-
weise noch immer nicht Eigentum eines Grofi-Himmelsgrundbesit-
zers, leuchtet alien Menschen gleich und warmt die diirre Haut des
Hungernden wie den fetten Bauch des Satten.
Zu freien Objekten gehoren noch die bekannten Friihlingswolken, die
»linden Liifte«, von denen die Dichter leben, und der blaue Himmel,
hinter dem sich der liebe Gott hartnackig verborgen halt, um ungestort
die Bittgesuche der Frommen erledigen zu konnen.
Die sogenannten Zugvogel, lebendige Symbole der menschlichen
Sehnsucht, kehren aus dem Siiden, unbelehrbar, wie Zugvogel sind,
und einem unverniinftigen Drange gehorchend, nach diesem Europa
zuriick, das sie eigentlich gar nicht notig haben. Bei diesen Tieren sind
Instinkt und Uberlieferung so machtig, daft sie Volkerbundkonferen-
zen, Zeitungsredaktionen, Produktenborsen und die anderen Segnun-
gen europaischer Kultur gar nicht merken und in erfreulicher Ah-
1924 179
nungslosigkeit noch dort lieblich zwitschern konnen, wo der Mensch
weinen mufi. (Ich war einmal, in einer fruhen Maimorgenstunde, bei
einer Hinrichtung - und oben trillerten die Lerchen.) Diese Vogel
zwitschern sogar in der Berliner Siegesallee.
In den Fabriken und Biiros sind die Fenster geoffnet, und die Men-
schen diirfen den Lenz in gesetzlich zulassigen Quadratmetern genie-
fien. Der unbegrenzte Genufi der linden Liifte ist nur den Auserwahl-
ten gestattet und den Arbeitslosen. Jenen behagt es, diese sterben in-
folge des ungewohnten Vergniigens. Es ist nicht jedermanns Sache, in
vollen Ziigen zu geniefien. So mancher stirbt dahin, weil er Freude
ohne Essen nicht vertragt.
Nur die Auserwahlten leben wie die Lilien im Felde und das Getier im
Walde; fur sie wachsen die Anziige bei den Schneidern und auf den
Ackern weifies Brot, das der Hausarzt verschreibt.
Josephus
Lachen links, 9. 5. 1924
ZWEI JUNGE ZIGEUNERINNEN
Aus Berlin wird uns geschrieben: Ich habe heute zwei junge Zigeune-
rinnen gesehen.
Die Sonne hatte einen ungewohnlichen, belebenden Glanz, sie war
frisch wie am Morgen und dennoch warm wie am Mittag, und viele
Menschen hasteten durch die verkehrsreiche Strafie. Sie kamen aus
den Warenhausern, sie trugen Packchen, sie benahmen sich geschaf-
tig und waren dennoch hell und frohlich gekleidet, als gingen sie zu
einem Volksfest. Die kreischenden Bahnen, die tutenden Automo-
bile, die ratternden Omnibusse verursachten einen frohlichen Tu-
mult. Alles wurde von einer jubelnden Hast bewegt. Die grofte
Stadt war ausgelassen heiter wie ein Erwachsener, der vor Freude
kindisch wird.
Da kamen die zwei jungen Zigeunerinnen.
Sie waren sehr braun und trugen bunte Kleider, knallrote Blusen und
blaue weiftgeblumte Schofie, rote Bander in den Zopfen und grofie
l8o DAS JOURNALISTISCHE WERK
gelbe Korallen an den Halsen. Ihre Fufie steckten in roten Sandalen.
Sie waren plotzlich aufgetaucht, vielleicht kamen sie aus einem Laden.
Die hastigen Menschen wichen ihnen aus, so dafi sie in einem leeren
Raum schritten, und die Blicke, die man ihnen zuwarf, waren ebenso
staunend wie mifitrauisch. Sie hatten kleine Kindergesichter, spitze
Kinne, an denen lachelnde Griibchen gerade noch Platz gefunden hat-
ten, und grofie dunkelblaue Augen. Auch die weifien Rander schim-
merten blaulich. Die Blusen schienen nachlassig geoffnet und waren
dennoch ziichtig geschlossen, und die starken Bernsteinketten, die
grofien gelben Perlen liefien die schlanken Halse noch edler, schmaler,
adeliger erscheinen. Man ahnte einen edlen Wuchs hinter den losen
Kleidern.
Die beiden Zigeunerinnen gingen langsam, nachlassig, ein wenig ver-
bliifft, ein bifichen betaubt von dem sonnigen Trubel, wie erschrok-
kene junge Koniginnen. Dennoch beruhrten ihre Sandalen nur fliichtig
das Pflaster, der trippelnde Schritt junger Damen in Stockelschuhen
war starker, hastete langer am Boden, obwohl er ja keine Zeit zu ver-
lieren hatte. Die jungen Zigeunerinnen wollten die Strafie iiberqueren,
aber sie hatten Angst vor den Gefahrten, die so lustig und lebensge-
fahrlich polterten. Sie schritten dreimal bis zur Mitte vor und fluchte-
ten wie aufgescheuchte bunte Vogel wieder auf den Biirgersteig. Eine
grofie Furcht triibte ihre lieblichen Gesichter. Die Menschen lachten
ein bifichen.
Also ging ich zu den Zigeunerinnen, trat in ihre Mitte, nahm sie an den
Armen und fuhrte sie hinuber und fuhlte, wie sie zitterten.
Als ich auf der andern Seite war, zog ich den Hut und liefi sie weiterge-
hen.
Ein Herr mit einem grofien blonden Schnurrbart, der in zwei Kleider-
haken auslief, warf mir aus himmelblauen Augen einen bosen Blick zu,
in dem Verachtung war und Strafandrohung und die Wut der Ohn-
macht.
Die beiden jungen Zigeunerinnen wandten sich nicht nach mir um, sie
gingen weiter, ein Windstofi erhob sich und bauschte ihre Rocke, dafi
sie aussahen wie zwei wandernde Fahnen.
Frankfurter Zeitung, 12. 5. 1924
DIE ZEITSCHRIFT FUR DIE PRIMA GESELLSCHAFT
Was geht uns jene an, da wir dieser nicht angehoren? Was soil uns eine
Zeitschrift, deren Leser wir nicht sein konnen (auch wenn ihre The-
men uns interessieren wiirden), weil jede Nummer ein paar Goldmark
kostet?
Nun, auch uns kiimmert eine prima Zeitschrift. Sie reizt uns zum Wi-
derspruch, wie die prima Gesellschaft zum Kampf. Wenn wir die
Bourgeoisie kennenlernen wollen, so miissen wir auch ihre Sorgen
kennenlernen. Und diese werden in der neuesten Zeitschrift behandelt,
die wir unter anderem auch der Stabilisierung der Rentenmark zu ver-
danken haben. Die neueste Zeitschrift heifit »Elite, Das Blatt der Ge-
sellschaft«, und ihre erste Nummer wurde uns gegen das ausdriickliche
Versprechen zugeschickt, dafi wir ihr eine »sachliche Besprechung«
widmen werden. Wir haben niemals etwas anderes im Sinne gehabt.
Wir beginnen also mit der sachlichen Feststellung, dafi die Elite in
demselben Hause herausgegeben wird, in dem auch der »Junggeselle«
allwochentlich das Licht der frauenreichen Welt erblickt. Auch der
Herausgeber der »Elite« heifit wie der des »Junggesellen«: Redowitz,
Dagegen ist der Chefredakteur des neuen Gesellschaftsblattes der Frei-
herr von Eelking und kein Geringerer. Die Zeitschrift hat 74 Seiten,
die aus glattem, vornehmem Papier bestehen. Sie hat farbige und ge-
wohnliche Photographien, Karikaturen, zu denen das Portrat des Prin-
zen Friedrich Sigismund von Preufien jedoch nicht gehort, und »Berli-
ner Theaterszenerien« in Buntdruck, iiber die piekfeine dunne goldene
Blatter gelegt sind. Es ist alles da: nicht nur das Portrat der Baronin
Stammer, die sogar auf den Vornamen Edelgarde hort, sondern auch
der Kronprinz Leopold von Belgien; und die »jugendliche Tochter des
Oberburgermeisters B6fi«, die unberufen schon »stud. jur.« ist, fehlt
ebensowenig wie eine Karikatur der Pohner-Ludendorff und Hitler;
man sieht einen »tabakbraunen Gabardine mit weiter Knopf stellung«,
und es ist auch noch Platz genug fur die »Grafin Reichenbach mit
ihrem Baby«; und wenn auch »Macdonald mit seiner jiingsten Toch-
ter« nur so wenig Raum einnimmt wie das Bett im »Puppenhaus der
englischen K6nigin«, so mufi man doch zugeben, dafi er da ist.
Und Alfred Kerr ist ebenfalls da. Keine Premiere ohne Kerr. Jawohl,
er ist da und bereit, zur besseren Gesellschaft iiber die »abgelaufene
182 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Theatersaison« zu plaudern. Das kann den Arthur Eloesser nur noch
mehr ermuntern, iiber das »Lacheln der Berlinerin« zu sprechen, und
den Oskar Bie nicht abhalten, den Lovis Corinth zu behandeln, ob-
wohl Bie ein Sachverstandiger fiir Musik ist und Corinth noch keine
Operetten verfafk. Was tut man nicht alles fiir Honorar?
Man sieht, wie die Zeitschrift gegen allerlei Vorwurfe geschiitzt ist:
gegen den der Ungeistigkeit durch die Mitarbeit guter Autoren; gegen
den der Unterwiirfigkeit gegeniiber der Aristokrarie durch eine photo-
graphische Aufnahme Ramsay Macdonalds; gegen den einer reaktio-
naren Gesinnung durch die Karikatur Hitlers. Die ungeschriebene De-
vise lautet: »Wer Geld hat, braucht keine Gesinnung; alles eint das
Kapital.«
Der Freiherr von Eelking hat eine andere Devise; sie ist weniger voll-
standig und lautet: »Man mufi «. Durch den Klang dieser Devise
fiihlt sich auch der Demokrat jiidischer Farbung sofort heimisch; der-
mafien, daft er sich versucht sieht zu fragen: »Was mufi man?« Der
Freiherr von Eelking erwidert darauf mit dem Programm der Zeit-
schrift »Elite«: Man miisse, sagt er, iiber die »letzte Modesilhouette
unterrichtet sein« - wobei sich demokratische Leser nicht der Frage
enthalten konnen: warum nur Silhouette, wenn man schon fiinf Mark
fiir die Nummer zahlt? Man mufS ferner wissen, dafi die »Spargelzeit
fiir Gourmands schon jetzt beginnt«; dafi »der Auftakt der Grune-
waldbahn seit einem Dezennium wieder zum erstenmal mit einem Mi-
litarmarsch begann«. Wobei zu bemerken ist, daf? ein Dezennium zwar
zehn Jahre enthalt und ein Militarmarsch bereits langst von uns ent-
behrt wurde; daft aber nur noch der »Auftakt der Grunewaldbahn«
nicht sofort verstandlich ist. »Dafi sich fiir Sofaecken jetzt ein neuer
Geschmack durchzusetzen anfangt«, ist ganz naturlich. Wo sollte er
sich sonst durchsetzen? Aber das Schlimmste ist uns nicht erspart ge-
blieben. »Elite« weifi schon, dafJ Hanns Heinz Ewers in Brioni sein
wird und daft von Waldemar Bonsels wieder ein Buch erschienen ist.
Diese zwei literarischen Unglucksfalle hatten allein geniigt, die Not-
wendigkeit der neuen Zeitschrift zu beweisen. Ich war schon ent-
schlossen, nach Brioni zu fahren, aber ich werde es nicht tun. Ich
werde irgendwohin fahren, wo der Ewers bestimmt nicht da ist. Ich
mochte nur wissen, ob auch der Bonsels nicht da sein wird. Hoffent-
lich weift es die nachste Nummer der »Elite«.
Vorwarts, 12. 5. 1924
DREI SENSATIONEN UND ZWEI KATASTROPHEN
In den Regionen des Films ereignet es sich oft, dafi eine mit grower
Spannung erwartete Sensation das Aussehen einer kiinstierischen Ka-
tastrophe annimmt. Ich bin immer iiberrascht, wenn es anders kommt.
Denn die Hersteller auch des kunstlerisch ambitionierten Filmwerks
rekrutieren sich aus der »Branche«. Das ist eine Gruppe von Fachleu-
ten, in der die Geschaftemacher ebenso heimisch sind wie die Ideali-
sten, die Halbgebildeten wie die griindlichen Theoretiker, die charak-
terlosen Dilettanten wie die verantwortungsvollen Kiinstler. Der
»Branche« fehlt es vor allem an Takt und Geschmack. Ein einziger
Film erfordert die Mitarbeit vieler Kopfe und Hande. Da schafft der
Dilettant neben dem Kiinstler, der Geschmacklose neben dem Kulti-
vierten, der Ungebildete neben dem Wissenden. Ja, manchmal fehlt es
dem Kiinstler an menschlichem Takt, dem Kultivierten aber an Bil-
dung. Denn die »Branche« fordert weder den Lerneifer des Kiinstlers
noch das Taktgefiihl aller. Die »Branche« ist jung.
So wird es begreiflich, dafi der Regisseur des »Nibelungenfilms« Fritz
Lang nicht nur einen Kranz am Grabe Friedrichs des Grolkn nieder-
legt, weil er eine Beziehung zwischen der toten Majestat und seinem
Werk sehr unbescheiden wittert, sondern auch, dafi er den Nibelun-
genfilm »dem deutschen Volke widmet«. Das ist mehr Kiihnheit als
Patriotismus. Diese Widmung hatte vielleicht nur Goethe iiber den
» Faust « setzen konnen. In der Atmosphare der »Branche« geht das
Gefiihl dafiir verloren, dafi auch das Nationalbewufksein bescheidene
Demut erfordert und dafi auch des Kiinstlers Hochachtung vor seinem
Volk mindestens genauso grofl sein mufi wie die vor seinem Werk;
ferner, dafi er selbstverstandlich jedes Wort seinem Volke widmet, da
er doch das Leben dem Volk gewidmet hat. Jede Betonung dieser
selbstverstandlichen Tatsache kiingt wie nationaler Marktbudenausruf.
Wenn aber gleichzeitig die Verfasserin des Manuskripts, Frau Thea v.
Harbou, einen Prospekt verfaEt, in dem sie in einer ungewohnlich un-
gliicklichen Stilisierung die alten Germanen (ohne es zu wollen und
nur, weil sie der Aufgabe, sie zu schildern, nicht gewachsen ist) als
morderische Barbaren darstellt, so staunt man ob dieser Konfusion
und erkennt, dafi nationales Pathos nationale Beleidigung nicht aus-
184 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schliefit. Jetzt erfahrt man, dafi der Prospekt in der Eile der Verfasserin
nicht zur Korrektur vorgelegt worden sei. Mich diinkt, dafi eine Mei-
nung iiber die alten Germanen dort einer Korrektur nicht mehr bedarf,
wo die Achtung vor der deutschen Vergangenheit einen Film geschaf-
fen und ihn sogar »dem deutschen Volke gewidmet« hat.
Man hat den zweiten Teil des Nibelungenfilms mit grofier Spannung
erwartet. Er hat enttauscht. Ja, er ist sogar eine Katastrophe. Denn er
ist, was gerade noch ein altes Epos sein darf, ein Film aber unter keinen
Umstanden: langweilig.
Es herrscht das Tempo einer Leichenbestattung, eine fulminante Lang-
samkeit. Die gelungenen Bilder wiederholen sich und zerstoren ihre
Wirkung. Kriemhild (Margarete Schon) behalt vier Stunden lang eine
klare Maske, offenbar dank einem Mifiverstandnis der Regie, die sich
bemuhte, die Besessenheit von der Idee der Rache durch eine unveran-
derte Physiognomie zum Ausdruck zu bringen. Dabei verwechselte
man die todliche Kalte mit der toten Kalte, was aus manchen Uber-
schriften hervorgeht. Hier heifit es oft, im Stil kitschiger Romane, dafi
Kriemhild nicht mehr lebe, sondern gleichzeitig mit Siegfried gestor-
ben sei. Sie sagt es von sich selbst. So verzerrt man den Sinn dieser
Rache, der brennenden, sehr lebendigen, die nicht die Rache eines Ge-
spenstes ist, einer verstorbenen Seele, sondern eines leidenschaftlichen
Weibes. Die Hunnen zeichnen sich dadurch aus, dafi sie keine Fufibo-
den haben, sie wohnen in Hohlen - und ein kleiner Blick in eine belie-
bige Kulturgeschichte hatte den Regisseur belehrt, dafi Konig Etzel
nicht iiber Troglodyten geherrscht hat. Frau Thea von Harbou erfin-
det einen Feldzug Etzels gegen Rom, um der Regie Gelegenhek zu
Feldlagerbildern zu geben. Billige »psychologische« Aphorismen re-
den diese alten naiven, unkomplizierten Menschen. So sagt Etzel zu
Kriemhild, dafi der Hafi sie vereine, wahrend die Liebe sie nicht ver-
eint habe. Seltsame Stilbluten entspriefien der Leinwand, zum Beispiel:
»Ich erschlug ihn, damit Frau Kriemhild ihn nicht als Rdcher grofi-
zog.« Billiges Pathos trieft von den Lippen des Held en, der zu Etzel
spricht: »Du kennst die deutsche Seele nicht. « Man hatte die grofie
Aufgabe gehabt, den Geist des alten Nibelungenliedes in wirkungsvol-
len Bildern auferstehen zu lassen. Aber man nahm die Ereignisse des
Nibelungenliedes zum Anlaft, wirkungsvolle Bilder herzustellen.
Darin liegt das Mifiverstandnis. Man gab Illustrationen zu einem
Volksbuch von Frau v. Harbou. So klafft ein uniiberbriickbarer Ab-
1924 185
grund zwischen dem Versprechen und der Leistung, zwischen dem
Willen und dem Werk. Die Arbeit war ehrlich. Die Anstrengung grofi.
Die Kosten enorm. Der Filmstreifen 4000 Meter lang. Man war so
sehr mit der Herstellung des »filmisch« Wirksamen beschaftigt, daft
man das Nibelungenlied gar nicht oder zu wenig studierte. Denn: urn
das Nibelungenlied zu verfilmen, dazu gehort ein schwieriges Studium
aller an dem Film kunstlerisch Beteiligten. Dazu hat man in der »Bran-
che« keine Zeit. Hier werden ja nicht einmal Prospekte korrigiert. Es
ist hart, einem so begabten Filmregisseur wie Fritz Lang sagen zu miis-
sen, daft seine Miihe grofter war als seine Achtung vor dem Sujet.
Fachleute und »Laien« haben sehr gespannt auf den grofien italieni-
schen »Messalina«-Film gewartet. Der Regisseur Enrico Guarzoni hat
ihn hergestellt. Es ist der erste italienische Film, der nach zehn Jahren
nach Deutschland kommt. Aber man sah, daft die italienische Filmre-
gie seit ihrem »Quo vadis« nichts Neues gelernt hat. Diesen Messalina-
Film kennzeichnet monumentale Langeweile. Selbst die Photographie
ist mangelhaft. Die Bauten sind kostspielig und sogar schon. Die Be-
wegungen der Schauspieler rund, vollendet, bildhaft. Nervos und de-
nervierend folgen einzelne Handlungen nebeneinander, nacheinander,
durcheinander, durch uberfliissige Uberschriften zerrissen. Ein rei-
cher, romantischer, schopferischer Sinn fiir Massenwirkung lebt sich
in vielen Prozessionen aus. Eine achtbare Pietat fiir das grofte Rom der
alten Zeit erfiillt das Werk des neuen Romers, Aber Messalina ist uns
sozusagen Hekabe. Denn wir haben viel zu tun, um uns wach zu erhal-
ten. Wir sind miide wie von einem tagelangen Hochzeitsfest oder Lei-
chenschmaus.
Zum Gliick war die dritte Sensation keine Katastrophe. Daran hat al-
lerdings die Filmkunst kein Verdienst, sondern das Objekt: der Mount
Everest namlich. Bedenkt man, daft der Nibelungenfilmstreifen, verti-
kal gesehen, fast halb so groft ist wie der hochste Berg der Erde, so
wunschte man, das Geld, das jenes verungliickte Werk gekostet hat,
ware der Mount-Everest-Expedition zugute gekommen.
Der englische General Bryce ist der Leiter der kiihnen Expedition ge-
wesen. Einige Mitglieder fanden den Tod. Sie liegen mitten in der un-
ermeftlichen Schweigsamkeit des schneebedeckten Berges begraben,
und das Denkmal, das man ihnen errichtet hat, ist gewift schon ver-
weht oder zerstort. Aber dieser Film von Tibet wird bleiben. Man
wird den Markt von Darjeeling nicht vergessen, nicht die frommen,
l86 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schmutzigen und freundlichen Gesichter der Tibetaner, nicht die
Tanze der Priester und nicht die singenden und tanzenden Arbeiter,
die so ekstatisch die heiligen Dacher der Kloster reparieren. Zwanzig
kostspielige Kolossalfilme gabe ich fiir das Lacheln eines einsamen
Hirten in der unbarmherzigen Leere seines Weidegebiets, der zum er-
stenmal Europaer sieht, Kleider, Rucksacke und einen Apparat. Er
sieht wie ein Tier und wie ein Gott aus, und kein mit Seife gewaschener
Europaer hat das Recht, liber seine Schmutzigkeit zu spotten und uber
die der tibetanischen Frauen, die sich ein fiir allemal frisieren, indem
sie ihre Zopfe um ein grofies bogenahnliches Holzgeriist flechten, das
sie bis an ihr Lebensende tragen. Die groftten Sensationen der Welt
sind die unendlichen Schneefelder in 7000 Meter Hohe, die weifien
Stiirme, die trostlich nahe Sonne und die unerbittlich dunne Luft, die
heifi macht und gleichzeitig den Atem raubt, so daft man erstickt und
sich dennoch sonnt, Tod und Leben in einem fiihlend.
Etwas von dem frommen Schauder, den der einfache Zuschauer vor
dem Mount Everest empfindet, wiinsche ich den Filmregisseuren
Deutschlands und Italiens.
Frankfurter Zeitung, 14.5. 1924
STUNDE IM FRUHLINGSRUMMEL
Der Berliner Friihling erhalt seine Sanktion als eine Jahreszeit des
»Amiisemangs« durch die Eroffnung des grofiten Rummelplatzes, des
Lunaparks, der sich hinter der Halenseer Briicke erhebt, eine Pointe
des Kurfurstendamms, vom Gott der Sensationen hingesetzt an den
Ausgang dieser Allee, die wie ein unendlich langes Versprechen von
Sensationen anmutet. Hier wird das Amusement unsinnig, der Wider-
sinn hyperbolisch, die Lustbarkeit muhselig und harmlos zugleich. Es
gibt Hollenmaschinen, die bitteren Schweift verursachen, eh J sie
Freude wecken: ein pyramidaler Unsinn, der seine eigenen Gipfel ge-
wissermafien noch zu iiberragen versucht. Die anspruchslose Heiter-
keit wird zu ihrer eigenen Karikatur. Wie merkwiirdig, daft einer, der
sich freuen will, eine unsichere Jazzbandtreppe besteigt, hilflos in der
Mitte bleibt, weder vor- noch riickwarts kann und, statt selbst zu la-
chen, den andern zum Gelachter wird!
1924 187
Der ganze Zweck dieser grotesken Maschine ist: den Menschen, der
sich ihr anvertraut, in seiner tragikomischen Unzuldnglichkeit blofizu-
stellen. Der Zweck der anderen Vergniigungen ist derselbe. Wehe dem,
der sich liber die Peripherie des »Teufelsrades« wagt! Er tritt, der
Gute, auf einen kreisrunden Boden und sieht sich lachelnd urn. Plotz-
lich ertont das Signal, Festes wird locker, Bleibendes unsicher, der Bo-
den rotiert, Leiber prallen aufeinander, vergebens suchen ausgestreckte
Arme nach einem sicheren Halt in dieser wildgewordenen Welt der
unermudlichen Rotation, greift man die Barriere selbst - auch sie ro-
tiert, der Rock des Nachsten fliegt im Kreise, der Stock, auf so
schwankenden Boden aufgestiitzt, entpoltert der zitternden Faust, ein
wilder Luftzug fafit dich am Genick und schleudert dich um Jahrhun-
derte zuriick — in grauer Vorzeit wirst du landen! Noch nie hat Eile
der Bewegung eine solche Langsamkeit der Zeiteinheiten verursacht.
Alles fliegt, und nur die Zeit steht still. Das Kreisen will kein Ende
nehmen. Und ist das Rad endlich stehengeblieben, dann hat der erloste
Mensch vergessen, dafi er fur eine Freude bezahlt, aber eine Todes-
furcht gekostet hat. Ihm ist, als ware er noch billig genug mit dem
Leben davongekommen.
Seht den Wellblechsee! Seine metallenen Wogen wolben sich ewig, die
Stofi- und Hebekraft unterirdischer Motoren bildet Schwellungen und
Flachen, Hohen und Tiefen. Man setzt sich in den Kahn und glaubt,
jetzt wiirde der sanfte Rhythmus des Wassers ihn heben und senken!
Aber da tiirmt sich schon eine Woge, der es nicht einfallt zu weichen.
Man kampft miihsam gegen sie und kommt nicht von der Stelle, bis ein
sachkundiger Mann den Kahn mit ungeduldigem Schwung weiter-
stofit. Die Energie hatte geniigt, einen wirklichen Sturm auf hoher See
auszuhalten.
Jemand versucht, mit sechs Hartgummischeiben nach einer kreisrun-
den Flache zu werfen und sie so zu bedecken, daft kein Fleckchen
mehr von ihr sichtbar bleibt. Er wirft eine Platte nach der andern, er
will eine Uhr gewinnen. Lust zu verdienen dirigiert seinen Arm,
Furcht vor Verlust halt ihn zuriick, und zwischen dem Willen zu
schleudern und dem zitternden Arm, der Sitz des Geizes und des
Leichtsinns zugleich ist, schlenkert das aufgeregte Bewufttsein. In je-
dem Laden aber konnte man ohne diese Anstrengung und fur dasselbe
Geld eine »garantiert Schweizer Uhr« bekommen.
Hier besteht das Vergnligen eben in der Persiflage menschlicher An-
l88 DAS JOURNALISTISCHE WERK
strengung. Ich sehe einen Herrn das Geschirr des »Porzellanladens«
mit harten Ballen zerschmettern. Er weifi es nicht, dafi ihn der Klang
der Vernichtung zu neuen Wiirfen erhitzt, er schmettert Ball um Ball,
er sieht nicht, dafi sich um ihn viele Leute sammeln. Vielleicht geht
ihnen ein schreckliches Licht auf, und die Frage, ob dies Zertriimmern
der Sinn des Lebens sein konnte, schweigt auf ihren Lippen . . .
Frankfurter Zeitung, 16. 5. 1924
WULLES DEUTSCHER WALD
Ich war schon lange nicht mehr in einem deutschen Wald. Singen die
Vogel noch dort? Rauschen die Baume noch? Bliiht die blaue Blume
der Romantik noch? Sauselt die fromme Lyrik noch durch die Zweige?
Was macht die Lyrik im Tegeler Forst zum Beispiel? Bliiht die blaue
Blume aus dem Moder der volkischen Leichen, aus den zerfallenden
Knochen der Abgekillten - und rauscht die Romantik just an jener
Ecke, um welche die Opfer Wulles gebracht wurden?
Dem Wulle gehoren die deutschen Walder und nicht mehr dem Ei-
chendorff. Der Lyrik nicht mehr, sondern der Mordpropaganda. Ich
habe mir sagen lassen, dafi seit einigen Jahren das Getier der Tegeler
und anderer Forstreviere, von Jagern unbelastigt, das ihm von Gott
vorgeschriebene Leben absolviert und daft die alten Hirsche im Kreise
ihrer Enkel ihre Existenz beschliefien. Denn es ist bereits einige Jahre
her, dafi das edle Waidwerk an Menschen ausgeiibt wird und dafi Spit-
zel, »Verrater« und Verdachtige die Rolle der Hasen und der Rehe
ubernommen haben. Die Jagdscheine stellt nicht mehr die Forstver-
waltung aus, sondern der Herr Wulle, ein volkischer Oberjager. Bei
dem Schiitzen Grutte-Lehder zum Beispiel, der seinen Kameraden
Miiller recte: Dammers so waidgerecht erledigt hat, fand man diesen
Ausweis :
»Herr Robert Grutte-Lehder, Berlin-Waidmannslust, ist von
Herrn Reich stagsabgeordne ten Wulle bevollmachtigt, die fur
den >Deutschen Herold< erforderlichen Unterlagen im Falle
Miiller zu bescbaffen.
gez. Wilhelm Kube, Reichsgeschaftsfuhrer«
1924 189
Der moderne Ausdruck fur zeitgemafie Menschenjagden lautet also:
»Unterlagen beschaffen«, und gegeben ist dieser Jagdschein ja auch an
»Griitte in Rer\m-WaidmannslHSt«. Ist diese »Waidmannslust« nur
eine geographische Bezeichnung, oder ist sie das Gefiihl, das den Be-
vollmachtigten und den Jagdschein-Geber erfiillte, als sie beide daran-
gingen, die »erforderlichen Unterlagen« zu beschaffen? Jedenfalls
hatte die Waidmannslust Erfolg. Der Jager wurde auch von der Polizei
freigelassen. Weshalb auch nicht? War er etwa ein Morder? Er war ein
edler Waidmann. Jager sperrt man nicht ein. Er war auch kein Wilde-
rer. Er besafi einen Jagdschein von dem Herrn Reichstags abgeordneten
Wulle, gezeichnet von Wilhelm Kube, der sich »Reichsgeschaftsfuhrer«
nennt, obwohl wir bis jetzt nichts davon gehort haben, dafi Herr Kube
die Geschafte des Reiches fiihre. Vielleicht aber fiihrt er sie wirklich,
und wir wissen nichts davon? Es sieht ganz danach aus im Reiche, als
fiihrte der Herr Wilhelm Kube die Geschafte.
Sie haben sich das so eingeteilt; dem Kube die Geschafte des Deut-
schen Reiches und dem Wulle die deutschen Walder!
Der Herr Reichstagsabgeordnete Wulle erhalt Diaten, um dafiir Jagd-
scheine fur den Tegeler Forst zu verteilen. Seitdem er die Forstverwal-
tung iibernommen hat, verbreitet sich die Tragik statt der bisher iiblich
gewesenen Lyrik in den deutschen Waldern. Blutrot farbt sich die
blauliche Blume der Romantik. Eichendorff wird seine Walder nicht
wiedererkennen.
Ist es moglich, dafi die Vogel noch singen? Haben sie nicht den letzten
Schrei der volkischen Opfer gehort ? Duftet es noch nach Harz, Laub und
weicher Erde? Stinkt nicht die Leiche im Tegeler Forst - nach Wulle und
Verwesung? Breitet sich die Pest nicht aus von den »Unterlagen«, die der
Morder fur den »Deutschen Herold« zu beschaffen hatte?
Ich mochte mich gerne uberzeugen, ob sich die deutschen Walder ver-
andert haben. Aber ich werde nicht hingehen. Denn hinter jedem
Baum lauert eine Griitte mit einem Jagdschein von Wulle und besorgt
im Auftrag des Kube die »Geschafte des Reiches«.
Ich verzichte auf den Tegeler Forst und auf die ubrigen deutschen
Walder. Den Wulle kann ich schlieftlich auch im Reichstag treffen, wo
er nur die Diaten bezieht und keine Jagderlaubnis erteilt.
Obwohl ihn die »Waidmannslust« wahrscheinlich immer und uberall
erfullt.
Josephus
Vorwafts, 18. 5. 1924
DAS PADAGOGISCHE SCHAUFENSTER
Die Berliner Kaufmannschaft hat die gute - und sehr deutliche - Idee
verwirklicht, »Warenkunde im Scbaufenster* zu lehren. Seit einigen
Tagen sieht die Leipziger Strafie wie eine originelle Handelshochschule
aus. In den Schaufenstern sieht man die Entstehungsgeschichte der
Waren: wie aus einem Eisenblock auf dem Weg iiber einkantiges Li-
neal und viele kleine flachgegluhte Eisenstiicke Taschenmesser entste-
hen; wie eine Kochtopfglasur im pulverisierten Zustand aussieht; wie
aus einem nackten Drahtgestell und einem Stuck Tuch oder Seide ein
Regenschirm wird. Nie hatte ich es erfahren, dafi der erste Versuch
einer Fiillfeder unter dem Namen »die tragbare Tintenfeder« bereits
im Jahre 17 8 1 gemacht wurde - wenn eine Fullfederhandlung nicht die
Aufgabe ubernommen hatte, das Publikum iiber die Geschichte dieses
nutzlichen Instruments, mit dessen Hilfe ich mir das Brot verdiene,
aufzuklaren. Wir sind ja so blind, hilflos und kindisch! Wir haben Xe-
nophons »Anabasis« gelesen, aber wir wissen nicht, wie ein Regen-
schirm hergestellt wird. So wandern wir erstaunt und bewundernd an
den Gcgenstanden vorbei, die wir taglich benikzen und fast nicht wie-
dererkennen. Einen einsamen Henkel, der, vom Geschirr losgelost,
einsam auf einer Glasplatte liegt, konnen wir nicht identifizieren. Be-
standteile wohlvertrauter Dinge gewinnen fremde Gestalt und schei-
nen unerklarlichen Zwecken zu dienen. Ein metallener Knopf, der als
Schubladengriff verwendet wird, sieht (ohne Schublade) wie ein nutz-
loses Spielzeug aus. So lernt man Demut in der Leipziger Strafie, und
der humanistisch gebildete Geist beugt sich in bescheidener Selbster-
kenntnis vor dem grofien Genius der alltaglichen Niitzlichkeit.
Frankfurter Zeitung, 24. 5. 1924
EIN UNPOLITISCHER GEHT IN DEN REICHSTAG
Der deutsche Parlamentarismus hat eine poetische Lage. Der Reichstag
ist nur durch den »K6nigsplatz« von der griinen Auen-Lyrik des Tier-
gartens getrennt. Dem Unpolitischen fallt es schwer, auf den schonen
Maitag zu verzichten, an dem der neue deutsche Reichstag zusammen-
tritt.
Das grofie Kunstgebaude wird im Dezember dieses Jahres dreifiig
Jahre alt. Seit drei Jahrzehnten argerte es Menschen von Geschmack
und demokratischer Gesinnung. An seinem Eingang befindet sich die
Widmung: »Dem deutschen Volke«. Aber auf seiner Kuppel, fiinfund-
siebzig Meter iiber dem Strafienniveau, erhebt sich die goldene Krone,
breit, wuchtend, eine Last, die in keinem Verhaltnis zur Kuppel steht
und jenen Widmungsspruch desavouiert.
Wer es nicht weifi, halt den Haupteingang dieses Hauses fur den -
Haupteingang. Wer es nicht weifi, glaubt, dafi diese grofiartige Haupt-
fassade mit den sechs grofien korinthischen Saulen den Zweck hat, die
Vertreter des deutschen Volkes zwar etwas pompos, aber dennoch
wiirdig zu empfangen. Aber dieser Haupteingang ist iiberhaupt keiner.
Die grofien Tore sind immer geschlossen. Sie offneten sich in der repu-
blikanischen Zeit nur einmal- als Rathenau begraben wurde. Die Am-
bition der sechs korinthischen Saulen ist zwecklos. Die verschwendete
Hauptfassade ist eine tote Pracht. Der vordere Teil des Reichstages
macht den Eindruck eines unbegrenzten Hauses, dessen Inhaber ver-
reist sind. Die deutsche Jugend spielt barfuft auf den Stiegen. Wie eine
Zierpalme wachst ein griiner Polizist - einsames Griin zwischen wei-
fiem, unfruchtbarem Stein.
Und seitwarts, durch eine schmale Pforte in der Simsonstrafte, begeben
sich die Vertreter des Volkes an hire Arbeit. Es ist unendlich schwer,
hier kein Symbol aus der Zeit Kaiser Wilhelms II. zu sehen. Vier deut-
sche Kaiserges taken aus Bronze stehen im Vorraum, um gleichsam die
Parade der Abgeordneten abzunehmen. Der Plenarsitzungssaal, braun
getafelt, ernst und dunkel, hat fur Publikum und Presse ungastliche,
unwillige, beschrankte, beschrankende Tribiinen.
Sie sind heute - am Eroffnungstage - seit zwei Uhr nachmittags iiber-
fiillt. Die Saaldiener haben einen festlich gescharften Kontrollblick.
192 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Spezialberichterstatter fur Stimmungs- und Personalnachrichten wan-
deln in den Gangen, um Ludendorffs Ankunft zu beobachten. Neugie-
rige aus politischem Interesse und Vulgar-Neugierige sind anwesend.
Heifi geht ihr Atem. Herren liebkosen mit altmodischen Taschentii-
chern ihre nassen Glatzen. Damen, Angehorige der heute auftretenden
Manner, facheln sich Kuhlung zu mit abgelegten Handschuhen. Das
Publikum befindet sich nicht dort, wo es sich scheinbar befindet. Es
niitzt die giinstige Bauanlage der Tribune nicht aus, welche es ihren
Besuchern gestattet, iiber den Parteien zu stehen. Niemand niitzt die-
sen gliicklichen Umstand aus.
Die Atmosphare miifite festlich sein, mindestens so festlich wie bei
der Eroffnung irgendeiner Ausstellung, an der die ganze Nation,
ohne Unterschied der Partei, mitgearbeitet hat. Audi jene Teilnehmer
- so denkt der Unpolitische -, die den Parlamentarismus bekampfen,
miifiten nicht vor diesem, aber doch vor ihrer eigenen Tatigkeit, die
sie jetzt jedenfalls beginnen, Achtung haben. Vielleicht miifite das Ze-
remoniell, die niitzliche Uniform jeder feierlichen Situation, strenger
und komplizierter sein. Die Kirchen und die Kaiser hatten lange ge-
nug Gelegenheit, zu erproben, ob und wie wichtig Zeremonien sind.
Die demokratischen Einrichtungen haben zu wenig Zeremoniell. Es
gibt dem haltlosen Teilnehmer wenigstens Ablenkung von seiner
eigenen Haltlosigkeit und seiner Lust, sich bemerkbar zu machen,
und verleitet ihn zu einer unfreiwilligen Stille. Dem Wiirdevollen gibt
es noch mehr Haltung. Es erhoht die Ruhe und dampft die Lautheit.
Es zwingt wenigstens fur einige Stunden diese Korperschaft, die sich
aus Unterschieden zusammensetzt, zu einer einzigen Form der Ge-
meinsamkeit.
Hier aber, im deutschen Reichstag, hat jede Partei nicht nur ihre
eigene politische Uberzeugung, sondern auch ihr eigenes Zeremo-
niell. Hier ist kein Sinn fur die Form. Fremde Botschafter, der feier-
liche Lord d'Abernon zum Beispiel, sitzen in der Loge. Die Augen
Amerikas, Frankreichs, Italiens sind auf die Vertreter des deutschen
Volkes gerichtet. Was sehen sie? Den Gansemarsch der Volkischen.
Getummel unter den Kommunisten. Eine blaue Brille fiir Luden-
dorff. Der Unpolitische kann nicht begreifen, weshalb von alien Be-
rufsmenschen der Welt gerade der deutsche Politiker eine unbandige
Sucht hat, sich selbst lacherlich zu machen: ehe er noch mit seiner
Politik, welche genug Gefahren der Lacherlichkeit in sich birgt, be-
1924 193
gonnen hat. Aber was versteht der Unpolitische von den Ratseln der
Politik?
Den neunundsiebzigjahrigen Altersprasidenten, der eine schwache
Stimme hat, fordert ein Ruf von rechts auf, »lauter!« zu sprechen.
Habe ich diese Stimme, diesen energischen Tonfall nicht schon einmal
gehort? War es nicht in einem Kabarett, wo ein Herr, im Bewufitsein
dessen, dafi er fiir den Eintritt gezahlt und eine Flasche Wein bestellt
hat, dem Conferencier zurief: »Lauter!!!« - dafi man die drei Rufzei-
chen der Entriistung geradezu sehen konnte? Ach! - und wo habe ich
dieses Pfeifen gehort, das jetzt von den Kommunisten kommt? Doch
schon in der Schule, irre ich nicht, in der Sexta! Bin ich dariiber hinaus-
gewachsen, weil ich ein Unpolitischer bin?
Der General Ludendorff hat diesen Sturm entfesselt! Als ich ihn zu-
letzt sah, fuhrten wir noch beide Krieg, er und ich. Aber wir haben
ihn beide verloren. Von da an gingen unsere Wege auseinander. Er
wurde Politiker und ich nicht. Mich hat niemand gefeiert, obwohl ich
auch besiegt wurde. Jetzt habe ich Gelegenheit, ihn in Zivilkleidern
zu sehen. Er hat eine gewisse rundliche Freundlichkeit in der Weste
und das Doppelkinn, das ein Abzeichen der Biederkeit ist. Weshalb
schreit man so, wenn er sich erhebt? Er hat sich verandert. Er ist alter
geworden, behabiger, burgerlicher. Er war vielleicht immer nur ein
Burger im Heldenrock. Er hat nichts von Mars, dem Gott des Krie-
ges.
Jetzt singt man links die » Internationale « und rechts »Deut$chland
iiber alles«. Gleichzeitig, als ob es nicht verniinf tiger ware, nacheinan-
der beide Lieder zu singen. Weshalb nicht Musik, Freunde? Weshalb
sollte Politikern nicht Gesang gegeben sein? Weshalb will einer den
anderen nicht anhoren? Konnte es doch sein, dafi beiden Lagern beide
Lieder teilweise gefallen. »In mancher Hinsicht« steht ja Deutschland
wirklich iiber andern Landern. Und in andern »Belangen« ist Interna-
tionalitat gar nicht schlecht. Wir Unpolitischen wissen, was wir der
Welt schuldig sind und was wir ihr gegeben haben. Weshalb wissen die
Politiker nicht beides?
Wahrend sie noch im Plenarsitzungssaal singen, gehe ich durch die
einsamen Korridore. Ich sehe eine grofie Bibliothek, die Bibliothek des
Reichstages. Sie konnte zum Beispiel »Biicherei« heifien, wenn man
194 DAS JOURNALISTISCHE WERK
das heimische Fremdwort schon durchaus vermeiden wollte. Aber wie
heifk sie wirklich? - Bucherspeicher! Gehn wir in den Bucherspeicher!
Wir finden hier wertvolle Werke aus alien Gebieten. Aber gleichzeitig
kitschige Allegorien, grofiartige Tugenden aus Stem. Die Bibliothek
sollte »Tugendspeicher« heifien. Auf Schritt und Tritt iiberladene Ma-
jestat. Unkonigliche Verschwendung an Material. Bequeme Uberliefe-
rung ohne Phantasie. Prunk ohne Warme. Pompose Gefrierlust. Wie
soil hier Menschlichkeit, Verstandnis, Warme entstehen. Im »Kuppel-
saal« hangt ein Kronleuchter, der h under tundsechzig Zentner schwer
ist. Schwer wie das Schicksal dieses Volkes, dem der Kronleuchter ge-
hort. Sechsundzwanzig und eine halbe Million Mark hat es fur seinen
Reichstag bezahlt. Er ist aufierlich nur »imposant«. Hoffentlich ma-
chen ihn die Abgeordneten auch imponierend.
Frankfurter Zeitung, 30. 5. 1924
GROSSTADTFRUHLING
Das ist die Zeit, in der ein Drang ins Freie den von Intimitaten ver-
schalten Menschen in die glaserne Unverfrorenheit der Veranda grau-
sam hinausstofk.
Des Morgens platschert ein Sonnenstrahl oder eine Regenstrahne in
seiner Kaffeetasse. Und am Abend verblutet weihevoll eine Ampel.
Auswarts gekehrt und alien sichtbar hangt der Schofi der Familie und
alles, was er wintertiber geborgen hatte. Im Angesicht der nachbarli-
chen Welt vollzieht sich die Traulichkeit behuteter Gebarde.
In der Dammerung erknattern, StraKen entlang, im Kufi explodierende
Lippen, und zartlich zerschmetterte Gabeln sterben von der Hand un-
gebandigter Familienvater mit leise weinendem Geklirr.
Wande haben Augen. Der Mensch im Glaskafig, preisgegeben in Ohn-
macht, Zorn und Hemdsarmeln, von Blumentopfen sparlich beschat-
tet, hangt, als ware er sein eigener Kanarienvogel, zum Biirgersteig
hinaus.
Der Tau netzt sein nach Wolken auslugendes Nasenbein, und der
Abendwind streicht kiihl iiber die behaarte Brust, das Touristenhemd
wie ein Segel blahend.
1924 195
Ein lauer Dunst von geliifteten Betten und privaten Angelegenheiten
kampft siegreich gegen den schiichternen Duft eines etwa erbluhenden
Fliederstrauchs, der im Hinterhof, von Windeln beschwert, ein niitzli-
ches Dasein fiihrt.
Lachen links, 30. 5. 1924
PROZESS IM HALBDUNKEL
In Berlin geht ein Prozefi zu Ende, der ein »politischer« genannt wird
und der das Interesse der Kulturhistoriker, der Psychologen und Dich-
ter mehr verdient als jener der Politiker, der doch nur das Stoffliche,
das »Materiai« des Prozesses in Anspruch nimmt. Bedeutsamer ist die
Atmosphdre y aus der er herauswachst, und das Halbdunkel, in dem er
spielt. Interessanter als die Frage nach dem »Was« ist diesmal die Frage
nach dem »Wie« und »Wer«. Vor den Schranken des Gerichts stehen
die Vertreter einer neuen Zeit und einer neuen Romantik; die Typen
des modernen Halbdunkels, jener Gewitterbeleuchtung, in der die
Grenze zwischen Staatsaktion und Verbrechen, zwischen Patriotismus
und Pathologie, glaubiger Schwarmerei und zynischem Spitzeltum
verschwinden. Es ist der Prozefi gegen Tbormann und Grandel, denen
man einen Mordversuch an General Seeckt vorwirft.
Es ist ein Prozefi der halben Worte, der Achtel-Gestandnisse. Wer oft
in Gerichtssale kommt, wird wissen, dafi die Zuhorer charakteristisch
sind fiir die »Sache«, iiber die verhandelt wird. Ich will versuchen,
einen Teil dieser Zuhorer zu beschreiben: Manner zwischen achtzehn
und vierzig. Kleinbiirger, gewesene Offiziere, Matrosen, die man an
ihren scharfen und zugleich naiven Augen erkennt, Studenten und
Halbstudenten, viele in der schon Uniform gewordenen Kleidung der-
jenigen, denen der politische Dilettantismus zum Sport geworden ist
und die infolgedessen Sportjacken mit Gurtel tragen. Ich habe den
Mut, eine eigene Rassentheorie aufzustellen, die ebensowenig wissen-
schaftlich fundiert ist wie jede Rassentheorie, aber mehr Wahrschein-
lichkeit hat: Diese deutschen »Konsuln«, Stahlhelmtrager, Versailler-
Rollen-Sprenger, Stammbaumkletterer hat eine gemeinsame Lebens-
weise, eine gemeinsame Denkart, ein einheitlicher Wahnwitz wirklich
196 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zu einer Gemeinschaft gemacht, die gemeinsame Rassenmerkmale auf-
zuweisen hat. So bildet sich eine Ahnlichkeit unter Menschen, die
lange in der Gefangenschaft oder in sibirischer Verbannung gelebt ha-
ben und von dem gleichen Ideenkomplex beherrscht werden. Es gibt
wirklich eine Rasse: die volkische.
Ihre Angehorigen sitzen im Gerichtssaal und stehen vor den Richtern.
Tettenborn, der Sekretar der Partei, mit dem langlichen, scharfen Ge-
sicht, dem windhundahnlichen Profil. Alles ist Spitze in diesem Ant-
litz, die Nase, das Kinn, die Backenknochen, alles sucht, drangt sich
vor, wittert, der Blick verrat Bereitschaft zu allem und fliichtet sich
doch hinter die Lidervorhange wie ein Lauscher, der immer furchtet,
er hatte sich zu weit vorgewagt. Thormann, der mit dem Auftrag zur
Ermordung kam und einen geeigneten Morder suchte, wie man einen
doppelten Buchhalter sucht oder einen tiichtigen Inseratenakquisiteur.
Thormann mit dem Hang zur mafivollen Fettleibigkeit wie ein Proku-
rist am Beginn seiner Karriere, aus dem Stadium des gewohnlichen
Vollstreckers bereits hinaus und noch nicht der alleinverantwortliche
Befehlshaber. Den »typischen« Blick hat auch er, den unsicheren der
Verborgenen, Verbergenden, auch die witternde Nase und nur das
schon gerundete Kinn der Sicheren. Dr. Grandel reprasentiert die al-
tere Generation und ist ein Kleinburger. Bei ihm bricht sich der Fana-
tismus an den Schutzwallen des kleinbiirgerlichen Gemiits, und eine
furchtsame Besonnenheit wehrt sich gegen die Gewalt der Idee. Des-
halb wird er ein Sonderling, ein Eigenbrotler, der die Ziele der Partei
aufierhalb der Partei erstrebt und ein zuverlassiger Kampfer nicht in,
sondern neben der Reihe wird. Er leidet an Herzanf alien. Gewifi for-
dert die Aufgeregtheit den konstitutionellen Fehler. Er ist ein Choleri-
ker mit Hemmungen. Er hat das Gesicht eines alten Verwaltungsbe-
amten. Die Haltung eines lange Sitzenden, der mechanisch und fleifiig
Kolonnen schreibt.
Dann gibt es noch einen Kopke, einen jungen Mann ohne Besonder-
heiten, der typische Botenjunge, fix, »anstellig« und mit dem Hang zur
Luge ohne Zweck. Man kann viel mit ihm anfangen, er selbst kann es
nicht. Dieser Mann war Leutnant. Alle waren Offiziere. Alle durften
sie befehlen, strafen, Verantwortung tragen. Sie hatten den Beruf des
Aufrechten und sind im Grunde Spitzel. Ihre Tricks sind billig. Den-
noch »fielen« sie aufeinander »herein«.
Das ist die Atmosphare der Nachkriegszeit. Ein Historiker miifite
1924 197
diese Menschen festhalten. Sie wissen alle irgend etwas, was die Sicher-
heit des Staates gefahrden konnte. Es scheint, dafi man sich wirklich
ihrer bedient hat. Jede Aussage ist hier eine Verheimlichung. Jedes Ge-
standnis eine Verschleierung. Jedes Wort eine halbe Unwahrheit.
Frankfurter Zeitung, 4. 6. 1924
DAS HAUS MIT DER BANK
Ich mochte Ihnen von dem Haus erzahlen, das eine Bank hat; nicht
eine Geldbank - solche Banken haben heute viele Hauser -, sondern
eine Sitzbank, eine Ruhebank. Zwar steht dieses bemerkenswerte
Haus nicht in der Mine der Stadt, der grofien Stadt - sonst hatte es ja
ein anderer vor mir entdeckt, oder die Behorde hatte die Bank verbo-
ten, weil die Behorden alles Unnotige fiir vorschriftswidrig halten;
oder jemand hatte die Bank aus Not an Holz im Winter gestohlen.
Aber immerhin befindet sich das Haus mit der Bank in einem nahen
Vorort der Stadt; einem Vorort, der nicht weit genug entfernt ist, um
sein seltenes Haus vollkommen zu rechtfertigen, und nicht nahe ge-
nug, um es uberhaupt nicht enthalten zu konnen. In zwanzig Minuten
erreicht man ihn mit der Strafienbahn. Dennoch konnte man mit Recht
sagen, dieser Vorort liege ungefahr zwanzig Jahre hinter der grofien
Stadt.
Diese Bank ist eine soziale Einrichtung. Frei und gastlich steht sie
da, fiir Alte, Gebrechliche, Fettleibige, Muntere und wohl auch fiir
Liebespaare. Sie ragt ein wenig in den Biirgersteig hinein und
konnte als ein Verkehrshindernis angesehen werden. Aber sie ist
eher eine Verkehrserleichterung. Gepriesen sei der Mann, der sie ge-
zimmert hat.
Ich weifi seinen Namen. Leider ist er schon seit zwolf Jahren begraben.
Er hiefi Gustav Treitel und war ein Uhrmacher, funfzig Jahre alt, als er
hier ein Grundstiick erwarb und ein Haus nach seinem Geschmack
baute. Viele taten damals so. Damals entstand dieser junge Vorort.
Aber niemand zimmerte vor sein Haus eine Ruhebank. Die Menschen
kamen aus der Grofien Stadt, um sich hier niederzulassen. Gustav
Treitel aber kam aus seiner Uhrenwerkstatt, in der er Bedachtigkeit
198 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gelernt hatte. Er hatte nur eine alte Wirtschafterin - man weift nicht,
wo diese Frau ihr Ende gefunden hat. Das Haus vermachte der Herr
Treitel seinem Neffen, der ein Kaufmann war. Dessen Sohn gehort
dieses Haus heute. Aber der Hausbesitzer wohnt nicht hier, sondern in
dem vornehmen Charlottenburg, wo er mehrere Hauser besitzt. Er ist
ein reicher Mann und kummert sich um das Haus mit der Bank iiber-
haupt nicht.
In diesem Haus - so dachte ich - miiftten Leute wohnen, welche eine
Ruhebank vor ihrer Tiir brauchen konnen. Ich stellte mir vor, wie sie
im Sommer an den langen goldenen Abenden nachbarlich nebeneinan-
dersitzen und so freundschaftlich von ihren kleinen Sorgen reden, daft
es fast Freuden wiirden. Hier miissen, dachte ich, ein alter Rentner
sitzen und eine Groftmutter, deren Enkel nach Amerika ausgewandert
sind, ein junger Handwerker mit seiner Frau, dessen Kinder vor der
Bank spielen. Und manchmal kommt ein Freund mit einer Ziehharmo-
nika.
Aber die Bewohner dieses Hauses sind ganz anders. Ich habe mich
nach ihnen erkundigt. Der Portier, den ich fragte, nahm an, ich wollte
das Haus kaufen. Er war ein einfacher Mann, und ich habe ihn bei
seinem Irrtum gelassen. Er hatte doch niemals verstanden, daft ich aus
Interesse fur die Bank fragte.
Das Haus hat sechs Parteien. Zwei, ein Junggeselle und ein junges Ehe-
paar, sind seit einigen Wochen verreist. Im zweiten Stock wohnt ein
Damenschneider, der sich Tailleur nennt, also infolge dieses vorneh-
men Fremdwortes fur die Bank gar nicht in Betracht kommt. Er hat in
der Stadt eine Werkstatte, die aber sicherlich Atelier oder Salon heiftt.
Ferner besitzt er eine vornehme rassereine Dogge, deren zuriickgezo-
genes, an der Leine verbrachtes Dasein von einem uralten Stammbaum
beschattet wird. Ein Stuckchen Schatten fallt auch auf den Schneider,
der ein Junggeselle ist, ein Frauenliebhaber, und seine eigenen Kleider
bei einem Kollegen fur Herrengarderobe arbeiten laftt, einem Tailleur
wahrscheinlich. Denn um sechs Uhr kam der Schneider, und ich sah,
daft ein Giirtel um seinen Paletot seine elegante Personlichkeit in zwei
Halften teilte und daft er aussah wie eine menschliche Wespe.
Im ersten Stock wohnt, wie der Portier sagte, ein »Schieber«. Der
kame jeden Abend mit einer groften Gesellschaft, fuhre in eleganten
Automobilen, besafte orientalische Teppiche und ware von alien Schie-
bern vielleicht der einzige, der diese schlimme Geschaftszeit wohl
1924 199
iiberstehen wiirde. Die Nachbarn beklagten sich iiber den Larm seiner
nachtlichen Gaste. Er lasse sich »Herr Direktor« titulieren und bei der
Frau des Portiers seine Wasche putzen. Diese bestande aus seidenen
Pyjamas und zwei Dutzend schoner Hemden. Im iibrigen bezahle er
gut.
Im Hochparterre wohnen zwei altliche hafiliche Schwestern, Heimar-
beiterinnen, ledige Tochter eines toten Regierungsrats. Sie besitzen viel
Geld, aber sie sind geizig. Sie konnten gewift, so meint der Portier, ein
besseres Leben fuhren und weniger arbeiten. Aber sie gehen nur hie
und da in das nahe Vorstadttheater und amusieren sich des Abends mit
ihrem Grammophon. Sie wohnen bereits sechs Jahre hier und haben
sich noch nie »freundiich gezeigt«, was, aus der Sprache des Portiers
iibersetzt, heifien soil: sie hatten ihm noch niemals ein Trinkgeld gege-
ben.
Die nachste Nachbarin dieser beiden Schwestern ist eine Witwe. Sie
hat einen kleinen Papierladen und eine sechsjahrige Tochter. Seit eini-
gen Monaten bewirbt sich ein Feuerwehrmann um ihre Gunst. Ob sie
ihn heiraten wird? Der Portier meint, es ware fur ihn ein Gliick, weil er
doch »in einen Reichtum« hineinkame. Die Wohnung besteht aus zwei
Zimmern und Kuche. Aber die Frage ware, ob ein Feuerwehrmann
iiberhaupt und dieser im besonderen der Mann fiir eine doch schon in
die Jahre gehende Witwe ware.
In diesem Hause wohnt aufterdem ein Studienrat. Diesen Herrn sah
ich. Er hat einen langen Hals und einen noch langeren Stehkragen. Er
tragt einen zusammengerollten und wie mit Klebestoff in den Falten
zusammengeprefken Regenschirm. Er geht aufrecht und erinnert an
eine bekleidete Tanne. Er ist sehr feierlich, und er versammelt in sei-
nem hageren Gesicht die traurige Strenge eines ganzen Leichenkon-
dukts. Der Portier griifk ihn sehr hoflich. Der Studienrat sagt nur:
»Tach!« Der Regenschirm hangt an seinem linken Unterarm wie eine
umgekehrte schwarze Totenkerze.
»Wozu haben Sie die Bank da vorne?« fragte ich den Portier.
»Die wollen wir wegschaffen.U sagte der Gute. »Wir warten nur, bis
der Herr kommt. Der meldet sich aber schon lange nicht. Er hat seit
drei Monaten die Miete nicht geholt.«
Man wird also die Bank wegschaffen. Diesem Vorort pafit es nicht
mehr, zwanzig Jahre hinter der Groften Stadt zu liegen. Er will nur
zwanzig Minuten von ihr entfernt sein. Man wird sie zerhacken und
200 DAS JOURNALISTISCHE WERK
als Kleinholz verbrennen. In ihrem Feuer wird vielleicht der Kessel
sieden, in dem die Wasche des reichen Mannes gekocht wird. Wozu
braucht ein modernes Haus eine griine hoizerne Ruhebank?
Frankfurter Zeitung, 8. 6. 1924
DER MERKANTILE SUPERLATIV
Der merkantile Superlativ ist ein Berliner Monstrum, eine exotische
Form der deutschen Sprache. Er bluht auf den Ladenschildern und
gedeiht prachtvoll in dem aquatorialen Klima der einheimischen Ge-
schaftstiichtigkeit, der die Muttersprache ein Ausdrucksmittel fur
Handelspropaganda ist . . .
Die Zwerg-Konditorei in meiner Strafie enthalt vier Schachteln Prali-
nes und drei Glasbehalter fur Bonbons. Was steht auf ihrem Schild? -
»Confiserie des Westens« . . . Daneben, zwei Meter tief, ist eine Rasier-
stube in einem Keller begraben. Was liest man iiber dem Keller? -
»Salonfur moderne Haarkunst.« - Wie nennt sich der verborgene La-
den, dessen »Inventar« ein Dutzend Strumpfe und sechs Fischbein-
Mieder bilden? - »Tricotagen- und CorsetpalasL* - Alle verheifien:
»rascheste Bedienung«, »hochst reelle Ware«, »modernste Okkasio-
nen« und »preiswertesten Einkauf«.
Ich nenne diese Berliner Sprachbewegung: den Superlativismus. Er
entspringt einer verdrangten Liebe fur Kolossalware; er verursacht so-
zusagen sprachliche Siegessaulen; adjektivische 42-Zentimeter-Kano-
nen; er totet Reklamewirkungen; er opfert die Personlichkeit dem Ti-
tel; den Wert dem Klang. Er gebar die Reden Wilhelms des Zweiten,
den Volkerschlachtdenkmalstil der Generalsprache und die Verwechs-
lung der Propaganda mit »Monumentalitat«. Es ist das Ungliick unse-
rer Nation, die - sparsam mit materiellen Giitern - Pathos und Ekstase
verschleudert, die Titel nach den grammatikalischen Regeln fiir Adjek-
tive steigert und in die groteske Gefahr gerat, in der Geschichte der
Volker fortzuleben als das - »Hoflieferanteste«.
Frankfuner Zeitung, 11. 6. 1924
DER FRIEDHOF DES PANOPTIKUMS
Vor anderthalb Jahren wurde das grofite Berliner Panoptikum aufge-
lost und sein Inhalt versteigert. Bei der Auktion fanden sich Kaufer fur
seine Gegenstande, die im panoptikalen Rahmen die Rolle historischer
Requisiten spielten, wie Thronstiihle, Becken aus Kupfer, Messing und
Stein, Gongs, Glocken und allerlei Kram, der ebensogut in den Alltag
eines Haushalts pafit wie in den Festtag der Historie. Dagegen blieben
die eigentlichen Prunkstucke ohne Kaufer. Ein Mann fand sich, der die
wdch semen Kopje kaufte, in irgendeiner unbegreiflichen Hoffnung, sie
mit Gewinn losschlagen zu konnen. Jetzt befindet sich das Panopti-
kum in einem dunklen Hausiererladen. Er ist gezwungen, alles zu ver-
schleudern. Der Verkauf - im Norden Berlins - dauert nun schon drei
Tage.
Im Laden sah ich die ganze zersplitterte Welt aus Wachs und Kunosi-
tat, die Welt des plastischen Grauens, der materialisierten geschichtli-
chen Anekdoten, der Paraden, der gallonierten Ereignisse. Die panop-
tikale Denkmalsindustrie entkleidet ihre Objekte jeder Feierlichkeit.
Sie schafft Denkmale ohne das Pathos der Pietat. Ein Goethe aus
Wachs besitzt naturgemaE nicht die majestatische Gewichtigkeit eines
marmornen. Die billige Materie kann nur lebensechte Gesichtsfarbe
vortauschen, nicht der Bedeutung des Genius gerecht werden. Die
Tendenz des Panoptikums: Lebensahnlichkeit bis zum Erschrecken
mufi zur Lacherlichkeit fiihren. Es ist die kunstfeindliche Tendenz,
auflere Wahrscheinlichkeit statt innerer Wahrheit zu geben. Ein Mas-
senmorder aus Wachs ist skurril. Lacherlich ist auch ein Genius aus
Wachs. Jener verhert an das Material seine Grausamkeit, dieser seine
Wiirde. Wir kennen ein anderes Grauen; das der unaufhorlichen Be-
wegung im Trick- und Schauerfilm. Im Zeitalter des Kinos hat die
ewig lachelnde oder ewig drohende Puppe nichts mehr zu erfullen. Ein
Schatten in Bewegung ist lebendiger als die tote Ruhe einer unkiinstle-
rischen Plastik.
In einer Ecke des Ladens haufen sich die Wachskopfe. Man trennte sie
der Bequemlichkeit wegen von den Riimpfen und loste sie doch nicht
vollstandig von ihrem friiheren Leben. Hier ein bartiges Mannerhaupt,
das seine Krawatte unter dem Bart hat, dort eine Hemdbrust an einem
amputierten Hals. Es lachelt ein nacktes Wachsmadchen, dessen Un-
202 DAS JOURNALISTISCHE WERK
terleib in Scherben zerbrach - und so grausam ist der Kontrast zwi-
schen lachelnden Lippen und zerschmettertem Schofi, dafi jetzt - zum
erstenmal - ein Hauch grotesken Lebens von der Figur ausgeht. Es
sieht aus, als hatte man ein Massengrab konservierter Haupter aufge-
deckt, eine grausige Walstatt toten Lebens. Alle diese Wesen sind in
der Bliite ihrer Tage gekopft, es ist, als hatte ihre Seele knapp vorher
noch eine Freude genossen und der gleich darauf eingetretene Schmerz
keine Zeit mehr gehabt, die Gesichter zu verzerren.
Daneben sind ausgestopfte Affen und Affenskelette, der verstaubte
Plunder einer popularen Wissenschaft, die nur das interessante Resul-
tat zeigt und die Zusammenhange verheimlicht, Minerale und seltsame
Pflanzen und eine kulturhistorische Romantik, Kocher, Lanzen, Pfeile
der Indianer: alles gleichsam eine Illustration menschlicher Halbbil-
dung und wahlloser Belesenheit, die Welt des wifibegierigen Broschu-
renmenschen, der immer irrt, indem er immer strebt. Diese Dinge er-
fordern eine sentimentale Beschaulichkeit. Auch sie sind wie jene Pup-
pen Opfer dieser Zeit, die den einseitigen Fachmenschen gebart und
bildet und hoffentlich den Menschen der Tiefe vorbereitet - den Ge-
gensatz des breiten und halben Wissens.
Man kauft Elefantenzahne, eine Holzschnitzerei, einen Kafig ohne
Stabe und eine Glocke ohne Kloppel. Ein Mann ist da, der alles kauft.
Er kennt keine Geldknappheit. Er kauft Blech, Holz, Messing. Stuhl-
beine, Fensterglas. Er kauft nicht aus Sentimentalitat. Breit, kurzbei-
nig, quadratisch, die Zigarre zwischen Zahnen aus Edelmetall, steht er
da, ganz gesammelte Ruhe und Berechnung, ein Kalkulierender, ein
Mann der Zinsen. Gott weifi, was seine Hande aus den Scherben und
Fragmenten machen werden! Dukaten schlagt er aus jedem Pofel. Er
ist der Goldmacher der neuen Zeit, der Alchimist, er schlagt Kapkal
aus der Sensation der Vergangenheit. In jedem Kochtopf des Mittelal-
ters findet er den Stein der Weisen - nicht durch Experiment, sondern
durch Spekulation. Was er beriihrt, verteuert sich. So steht er hier, der
Sieger iiber eine vergehende Welt, und verschlingt Affen und Fiirsten,
Morder und Skelette, Wachs und Glas. Es wird Gold daraus.
Frankfurter Zeitung, 12. 6. 1924
DIE LEBENDEN UBER DIE TOTEN
Es liefi sich leider nicht vermeiden, dafi einige Rennreiter von Karlshorst
im Weltkriege fielen. Der »Verein fur Hindernisrennen« aber und sein
Vorsitzender, der Graf Westphalen, blieben am Leben. Sie »liefien es sich
nicht nehmen« - obwohl es ihnen niemand zu nehmen versuchte -, den
Gefallenen von Karlshorst ein »Rennreiterdenkmal« zu errichten. Vor-
laufig legten sie einen Grundstein. Der Bildhauer, der das Denkmal
modelliert hatte, heifit Fritsch. Er hat eine seltsame Vorstellung von dem
Aussehen gefallener Rennreiter. Er modeilierte einen »edlen Vollblut-
hengst«, auf dem ein lorbeergeschmiickter Jungling siegreich heimreitet.
So sehen aber bedauerlicherweise die gefallenen Rennreiter nicht aus.
Ich werde sie Ihnen schildern, Herr Fritsch ! Die gefallenen Rennreiter
liegen in Massengrabern ; in den Karpaten, am Isonzo, in den Vogesen, in
Rufiland. Sie haben langst nicht mehr das junge Fleisch, nicht mehr die
straff e Muskulatur, die Ihr edles Junglingsmodell aufweist. Die Rennrei-
ter bestehen nur noch aus Knochen. Dariiber kriechen Regenwiirmer,
Maulwurfe und allerlei unterirdisches Getier. Und was die Pferde be-
trifft, so haben Granaten ihre Leiber zerrissen, so, dafi man die Einge-
weide sehen konnte. Wenn Sie im Felde waren, Herr Bildhauer Fritsch,
so werden Sie sich daran erinnern!
Der Graf Westphalen hielt eine Rede. Er verlieh der plastischen Luge des
Bildhauers Fritsch einen rhetorischen Aufputz. »Sie starben«, so sagte er,
»den Heldentod fur Konig und Vaterland und ruhen jetzt aus unter dem
griinen Rasen.« Sie ruhen aus, meint der Graf. Er stellt sich das so vor wie
sein eigenes Mittagsschlafchen, bevor er in den Klub geht. Aber- wie die
Grafen schon sind - ihm geniigte es keineswegs, dafi schon so viele
Rennreiter »ausruhen«, ohne eigentlich miide gewesen zu sein. Er meint,
dieses Andenken moge sein: »Der Gegenwart und der Zukunft ein
Ansporn, es den Gefallenen gleich zu tun.« Ich weifi nicht, ob die
Karlshorster Rennreiter Pazifisten sind, aber ich weifi: Wenn sie zu
wahlen hatten zwischen der Moglichkeit, fur ewig »auszuruhen«, und
der, eine Gedachtnisrede zu halten - sie wiirden sich alle fiir das gnadige
Schicksal des Herrn Grafen Westphalen entscheiden, der sich auf seinem
Kanapee ausruhen darf und nicht »unter dem griinen Rasen«; der »fiir
Konig und Vaterland« Grundsteine legt, weil die anderen gestorben sind.
Der Zeitungsbericht meldet, dafi die »offiziellen Personlichkeiten« sich
204 DAS JOURNALISTISCHE WERK
urn den Redner scharten und »ergriffen lauschten«. Die Ehrfurcht des
Schmocks, der dabei war, vor den Personlichkeiten und dem Grafen ist
beinahe so grofi wie vor den toten Rennreitern. In kurzer Zeit wird das
Denkmal enthullt werden. Man wird den edlen, gesunden, siegreichen
Jiingling des Herrn Fritsch sehen und, wer sich in den Dingen der
Pietat nicht auskennt, wird glauben, es ware ein Denkmal fur die ge»
sund beimgekehrten Rennreiter. Kann die Perversitat der Phrase wirk-
lich so weit gedeihen, dafi man sich nicht schamt, das wahre Gesicht
des Kriegstodes so zu verfalschen? Der Nachwelt vorzuspiegeln, dafi
der Tod fur Konig und Vaterland so gut konserviert, daf? man aussieht
wie der marmorne Jungling des Herrn Fritsch? Wodurch haben es die
armen toten Rennreiter verdient, dafi man sie so verhohnt?! Dafi man
uber sie die Luge verbreitet, sie »ruhten aus«, wahrend sie in Wirklich-
keit vermodern?!
Aber die toten Rennreiter konnen nicht dementieren. Die »offiziellen
Personlichkeiten« »scharen sich« leider nicht urn die Massengraber,
sondern um den Grafen Westphalen. Hier sind sie »ergriffen«. Wie
waren sie erst dort? Es ist eines der traurigsten und furchtbarsten Na-
turgesetze, dafi tote Reiter nicht mehr reden konnen. Aber dafi der
Fritsch Denkmaler schaffen mufi, ist fast noch trauriger.
Ware ich ein toter Rennreiter, kein Naturgesetz ware starker als meine
Erbitterung iiber meine eigene Totenfeier. Ich wiirde meine Knochen
zusammensuchen, auch wenn sie mir eine Granate fiir Konig und Va-
terland so weit auseinandergesprengt hatte, wie der Konig vom Schiit-
zengraben entfernt war. Und zur tiefsten, allertiefsten Ergriffenheit
der offiziellen Personlichkeiten wiirde ich mich selbst um sie und den
Redner scharen und um meine eigenen Hinterbliebenen, die diese
hohnvolle Pietat mitmachen; und wiirde mein angenagtes Knochenge-
riist auf den Grundstein stellen und neben mich den Jungling des
Herrn Fritsch, auf dafi die Uberlebenden lernen, Wahrheit und Luge
zu unterscheiden und die Phrase vom Heldentod von diesem selbst.
Und den Bericht in der Zeitung mochte ich dann gerne lesen . . .
Josephus
Vorwarts, 13.6. 1924
BESUCH IM RATHENAU-MUSEUM
Zum Todestage Walter Rath enaus
Das Rath enau- Museum steht leider nicht alien Besuchern offen. Man
mu8 vom Reichskunstwart eine Erlaubnis zur Besichtigung des Hau-
ses in der Konigsallee erhalten. Auslandische Besucher scheuen den
Weg in die Berliner Amter, obwohl das Biiro des Reichskunstwarts
im Ministerium des Innern mehr eine Institution der Menschlichkeit
als eine »amtliche« ist, eine Humanitatsoase in der Wiiste der Biiro-
kratie. Eine »Rathenau-Gesell$chaft« ist »in Bildung begriffen« - das
heifit: Sie wird langsam gebildet. Wenn es »soweit« ist, wird es viel-
leicht moglich sein, das Rathenauhaus ohne den Umweg uber das Mi-
nisterium aufzusuchen. Es sind meist Fremde, die den Wunsch haben
zu sehen, wie der Mann gelebt hat, der auf eine so furchtbare Weise
gestorben ist.
Er hat wunderbar gelebt: unter edlen Buchern und seltenen Gegen-
standen, zwischen schonen Farben und Bildern, mit nutzlosen, erha-
benen, kleinen, zarten, ehrfurchtgebietenden, Zartlichkeit heischen-
den, machtvollen, traumerischen Dingen; mit den Zeugen menschli-
cher Vergangenheit, menschlicher Weisheit, menschlicher Schonheit,
menschlicher Kraft und menschlichen Leidens: vom Ewig-Menschli-
chen umhaucht. Deshalb wird hier auch das Seltsame nah und das
Fremde heimisch. Auch das ungekannt »Exotische« blendet nicht, ver-
wirrt nicht, iiberrumpelt nicht, verbliifft nicht. Die Uberraschung
selbst ist behutsam. Auch das Distanzierende einladend. Auch das
Vertrauliche reserviert. Eine instinktsichere Hand hat hier liebend ge-
ordnet. Nach inneren verborgenen Gesetzen hat ein prophetisches
Auge gesucht. Eine genial phantasiereiche Pedanterie hat hier geregelt,
getrennt und vereinigt. Allen Dingen, den Buchern, den Schranken,
den Tischen ist der verborgene geheime Rhythmus der natiirlichen
Ordnung zartlich und liebevoll entlockt.
Dieses Haus ist ein einheitlicher Organismus, weise geteilt in Ober-
haus und Unterhaus, in das menschliche Oben mit Schlafzimmer und
Waschraum, Besuchszimmer und kleinem Arbeitszimmer; und in das
mehr berufliche, mehr reprasentierende Unterhaus, wo aber das Ar-
beitszimmer, das grofie, der Schreibtisch des offentlich Wirkenden
auch nicht fehlen - wie oben der stille Schreibtisch des Privatmenschen
206 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und Schriftstellers ist - fast hatte ich des Dichters gesagt. Uberall aber
Biicher, die Sinnbilder dieses Lebens: Tieck, Ariosto, Kant, Chester-
field, Plutarch, Goethe. Ich konnte die Reihe beliebig verlangern.
Fast gibt es keinen Namen der Geistesgeschichte, der grofien, unend-
lichen Geistesgeschichte, der hier nicht vertreten ware. Nur wenige
Namen moderner, lebendiger und jungst verstorbener Autoren von
Eigenart und Bedeutung fehlen. Zwei Bucherschranke mit Werken,
die man Rathenau mit achtungsvollen, ergebenen, hoflichen, warmen
Bitten und Widmungen geschickt hat. So lebendig und unermudlich
war sein Kontakt mit den arbeitenden, schopferischen und schaffen-
den Gehirnen der Gegenwart, dafi zu ihm der reiche Strom geistiger
Fruchtbarkeit ins Haus flofi wie nach einem geheimnisvollen Natur-
gesetz.
Immer wieder trifft man das Buch der Biicher, die Bibel. Alte Bibeln
von unschatzbarem bibliophilem Wert als Prunkstiicke der Einrich-
tung. Die kleinen, handlichen Ausgaben des Neuen Testaments an Or-
ten, die von liebevoller, eifriger Behandlung zeugen: auf dem Schreib-
tisch und iiber dem Bett. Dort liegt das Neue Testament mit dem grie-
chischen Text und der Luther-Ubersetzung. Rathenau hat Uberset-
zung und Text verglichen, Unstimmigkeiten entdeckt, verwunderte
und leise mahnende Fragezeichen an den Rand gemalt. Widerspriiche
durch zierliche kleine Pfeile gleichsam erlegt, die Biichertexte ungefahr
so behandelt wie ein Stratege das Operationsfeld seiner Strategic auf
der Generalstabskarte. Er fuhrte Feldziige mit Gedanken, schlug Irrtii-
mer in die Flucht, umkreiste sie, eroberte fremde Welten, feme Werke,
verbiindete sich mit ewig wirksamen Potenzen. Er war wie ein friedli-
cher Feldherr des Geistes; mit der Liebe zu den kleinen Schonheiten
des Alltags, der ornamentalen Kultur der Haushchkeit. Im oberen Teil
des Hauses, an seinen eigenen, gewissermafien gam eigenen Wanden
hat er selbstgemalte Bilder angebracht, die Produkte eines in benach-
barten Kunstgebieten dilettierenden Schriftstellers. Niemals hielt er
sich in einer fremden Stadt auf, ohne Antiquitatenladen zu besuchen.
Das edle Werk entlockte er dem Geriimpel. Sein Diener erzahlt, dafi er
sich einmal in den Anblick eines alten Schranks vertieft hatte und wie
in plotzlicher Erleuchtung den Auftrag gab, die metallenen Verzierun-
gen an den Schlossern abzunehmen. »Sie gehoren nicht hierher!« sagte
er. Man nahm sie ab; und fand unter dem Metall Umrahmungen aus
Elfenbein. So hellsichtig war sein Auge.
1924 207
Und sah doch das nahe Ende nicht deutlich. Auf seinem Schreibtisch
im oberen Teil des Hauses sah ich ein Buch: »Die deutsche Jugend und
das Gebot der Stunde«. Ach! er iiberschatzte den Teil der deutschen
Jugend, dessen Opfer er wurde. In einem Zimmer fand ich auf einem
Tisch in friedlicher und sinnreicher Nachbarschaft den alten, weisen
»Schulchan Aruch«, den religiosen bon-Ton der jiidischen Diaspora-
Orthodoxie, urid das alte - »Weissenfelsische Gesangbuch«. Durch das
ganze Haus und durch das ganze Wesen dieses Mannes ging dieser
versohnende Geist. Sein Leben kennzeichnet der Versuch, Antike, Ju-
dentum und Urchristentum in Harmonie zu bringen. Es weht ein star-
ker Akkord der Versohnlichkeit durch die Biicher, die er las und
schrieb. Es war der Versuch, in die Gemeinschaft eines Orchesters die
verschiedenen Instrumente der Kulturwelten zu bringen. Er las am
Tage das Neue Testament, um es zu erforschen. Es lag neben seinem
Bett, um ihn mit Liebe zu erfullen. Er war ein Christ; ihr findet keinen
Besseren.
Er hat einen einfachen Menschen geformt, ihn aus der Dumpfheit und
Enge erlost, in die Menschen durch Armut und durch sozial niedrige
Stellung gelangen. Wie viele grofie Schriftsteller konnen ahnliches von
sich behaupten?
Es ist sein Diener, heute staatlich angestellter Fiihrer im Rathenauhaus
und ein Werk des Verstrobenen, ein lebendiger Zeuge der personlichen
Wirksamkeit. Deshalb stehe sein Name hier; Er heifk Hermann Mer-
kel und ist Ostpreufie. Er war sein halbes Leben ein Diener und wurde
im Hause Rathenaus ein feiner, stiller, denkender Mensch.
»Lesen Sie«, fragte ich ihn, »gelegentlich in diesen Buchern?« »Ja«,
sagte er, »ich verstehe nicht alles. Aber ich denke mir: Auch wenn
man nicht alles versteht - diimmer wird der Mensch auf keinen Fall
davon.«
Der Diener Rathenaus redet Aperc,us.
Wahrend ich diesen Aufsatz schreibe, besucht mich ein Herr. Ein
Freund, dem es schlechtgeht - und nicht seit heute. Er sieht, dafi ich
iiber Rathenau schreibe, und erzahlt: »Vor vier Jahren schrieb ich an
ihn. Er gab mir eine Empfehlung an die AEG. Aber es war keine Stelle
frei. Da schickte er mir 400 Mark.« »Kannten Sie ihn denn?« »Nein!
Ich schrieb ihm zum erstenmal. Ein Universitatsprofessor riet mir
dazu.«
Ein Fremder schrieb einem Fremden. Der gute Mensch hone den Kla-
208 DAS JOURNALISTISCHE WERK
geruf des Bruders aus den Niederungen. Er wird viele Klagerufe ge-
hort und erhort haben.
Ich gehe an der Stelle vorbei, an der er ermordet wurde. Es ist nicht
wahr, dafi jeder Mord ein Mord ist. Dieser hier war ein tausendfacher,
nicht zu vergessender, nicht zu rachender.
Frankfurter Zeitung, 24. 6. 1924
POPULARE KULTURGESCHICHTE
Der danische Regisseur der Svenska-Filmgesellschaft, Benjamin
Christensen, ist der Schopfer des lobenswerten und originellen kultur-
historischen Films, der im Berliner grofien Ufa-Theater seit einigen Ta-
gen »lauft« - man darf in diesem Falle sagen: sich abspielt. Der Film
heifit sehr wirkungsvoll: »Die Hexe«. Die Filmzensur hat Anderungen
verlangt und durchgesetzt - zum Schaden des Stiickes, das einheitlich
war und nunmehr zerpfliickt ist, das trotz der padagogischen Tendenz
ein Kunstwerk war und nun eine Broschure aus Lichtbildern und
Worten ist. Allein, es bleibt immer noch eine amusante Broschure;
und der Zensur darf man ausnahmsweise einmal recht geben. Was man
dem danischen Publikum vorsetzen darf, ohne mifiverstanden zu wer-
den, dafur sind wir Deutsche leider noch lange nicht disponiert. Wir
sind wahrscheinlich ebenso reif wie der danische Durchschnitt. Aber
unsere Atmosphare 1st hafigeladen, politisiert, und wir sind leicht ge-
neigt, einen tendenziellen Willen anzunehmen, wo er gar nicht vorhan-
den ist, und aus einer Erkenntnis eine Waffe zu Schmieden. Dazu wa-
ren die Voraussetzungen gegeben.
Der Regisseur Christensen hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einen
Vortrag mit Lichtbildern liber den Fanatismus des Mittelalters zu hal-
ten. Er wollte die ganze Zeit der Mystik des Hexenglaubens, der Un-
menschlichkeit, der Naivitat auferstehen lassen. Ein richtiger Instinkt
hat ihn geleitet. Denn seit der Aufhebung des geistigen Mittelalters,
seit den letzten Auswirkungen der Aufklarung, seit Newton und Vol-
taire waren wir noch nie so in Gefahr, in jene Art des Fanatismus
wieder zu verfallen, der im Mittelalter, vor und nach der Reformation,
1924 20 9
die Hexenverbrennungen verursacht hat. Der Rassenhafi ist nicht we-
niger »mittelalterlich«, als es der religiose war, das Hakenkreuz ebenso
ein Abzeichen des Aberglaubens, wie es im Mittelalter die »Gottesge-
richte«, die Teufels- und Hollensymbole waren, und der dunkle, nicht
immer saubere Pseudo-Mystizismus, dessen Opfer viele unserer Zeit-
genossen werden, die Kritiklosigkeit dieser Gegenwart sind mittelal-
terliche Krankheiten. Es beweist eine Verbundenheit des Films mit der
europaischen Kultur, wenn ein Filmregisseur einen solchen - ich
mochte sagen: Kulturinstinkt hat. Und weil Benjamin Christensen ein
Kiinstler ist, wurde aus seiner padagogischen Absicht eine reizende
Folge kiinstlerischer Bilder. Weil er Takt besitzt, wurde »Die Hexe«
kein argerliches Dilettantenwerk, sondern der Film eines gebildeten
Menschen, der genug weifi, um populare Kulturgeschichte amiisant
vorzutragen und Gott sei Dank nicht soviel gelernt hat, um einen lang-
weiligen »wissenschaftlichen Film« herzustellen. Es ist der beschei-
dene Beitrag eines kiinstlerischen Menschen zur popularen Wissen-
schaft - der Beitrag eines Regisseurs, der seine wissenschafthchen
Grenzen kennt und der iiberdies weifi, was dem Fachgelehrten meist
verborgen bleibt: daft man am wirksamsten lehrt, indem man spiele-
risch zeigt.
So entstand »Die Hexe«. Ihr eigentlicher »Inhalt«: ein Hexenprozefi
aus der vorreformatorischen Zeit. Ein Hexengericht; Folterinstru-
mente; hysterische Frauen; krankhafte Wundertraume iiberreizter
Menschen; Hexenritte nach dem Blocksberg; Teufels tinze; Verschwo-
rungen; Wunderkuren; Benediktiner-Monche, die aus Angst grausam
werden. Man hatte hier leicht eine Spitze gegen die katholische Kirche
herausfinden konnen. Aber da korrigiert der Film sich schnell, indem
er mitteilt, dafi in Rom, dem Herzen des Katholizismus, nicht ein ein-
ziges Mai eine Hexenverbrennung vorgekommen sei; daft ein Jesuit
(Spee) der erste war, der gegen die Hexenprozesse schrieb; dafi auch
Martin Luther das Tintenfafi gegen den Teufel geschleudert und dafi
auch der reformierte Norden Europas - sogar im besonderen Mafie -
grausam und aberglaubisch war. Die Konsequenz liegt nahe: Christen-
sen fragt am Schlufi, ob nicht auch der Weltkrieg des zwanzigsten Jahr-
hunderts von unseren Nachfahren ebenso bes taunt werden wiirde wie
von uns die Hexenprozesse?! —
Man sieht einen neuen Weg des Films. Er kann ein vorziigliches - er
kann das beste Instrument der Aufklarung werden. Er iiberwindet die
210 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
geographischen und staatlichen und sprachlichen Grenzen. Er bannt
auch jene, die vor einer wissenschaftlichen Erlauterung am liebsten
fliehen mochten. Er bringt der gedankenlosen Menge die Wahrheit
bei wie Kindern. Der Weg ist gezeigt. Moge man ihn beschreiten.
Man kann, wie Christensen beweist, Dummheit, Verirrung, Fanatis-
mus durch den Film besser bekampfen als durch zehntausend Bro-
schiiren.
Der Regisseur Christensen ist allerdings uber die rein padagogische
Absicht hinausgegangen. Er hat Gesichter, Szenen, Milieus, Traume,
Krankheit, Spuk, Teufel, Schmerz mit Meisterschaft dargestellt. Die
Bilder selbst sind kunstlerische Geniisse. Und wo ein Text anfangt,
langatmig zu werden, rettet, entziickt die Feinheit eines Angesichts,
einer Bewegung, einer Gruppe, eine heitere Ironie - alle Tugenden, die
man an den nordischen Filmen schatzen gelernt hat.
Frankfurter Zeitung, 4. 7. 1924
OSTSEE-REISE
Die »Saison« - ein Wort, das leider unvermeidlich ist - hat an der
deutschen Ostseekiiste sehr erfolgverheifiend »eingesetzt«. Man unter-
scheidet auch hier, wie in anderen Weltbadern, eine Vor-, Hoch- und
Nachsaison. Die zweite beginnt jetzt, im Juli, die dritte im Spataugust.
Fur beide sind so viele Teilnehmer angemeldet, dafi die meisten Ho-
tels, Villen und Pensionen keinen Platz mehr zu vergeben haben. Es
scheint diesmal ein besonders gewinnbringender Sommer fur die Gast-
wirte und die ansassige Bevolkerung des Ostseestrandes zu werden. Sie
verdient es. Der Sommergast, der das Meer und die Kiiste nur im
Sonnenglanz sieht oder schlimmstenfalls einen mehrtagigen Regen er-
lebt, hat naturgemafi keine Vorstellung von den Schwierigkeiten, mit
denen die Bewohner im Herbst, im Winter und den ersten Friihjahrs-
tagen zu kampfen haben. Die Ostsee ist nicht immer so freundlich wie
in den Zeiten der »Saison«. Wahrend die Gaste aus dem Binnenland
fern sind, in zivilisierten, sturmfernen Stadten den Segen der Kamine
und Zentralheizungen geniefien, spielt sich an der Kiiste ein erschut-
ternder Kampf zwischen den Bewohnern und den Elementen ab. Was
I924 211
die nicht ubermafiig reichen, kleinen Gemeinden mit viel Geld und
Muhe errichten - Briicken, Hiitten am Strand, kleine holzerne
Tiirme-, vernichtet der Sturm einer einzigen Friihjahrsnacht. Es ist
eine Zahigkeit ohnegleichen, die hier erste und wichtigste Vorausset-
zung des Lebens ist. Ich habe mit Einwohnern gesprochen, sie haben
mir von den grausamen, weifien, unendlichen Wintern ihres Lebens
erzahlt, Wintern, in denen niemand auf die Strafie kommt, in denen
der Schnee haushoch liegt, die Elektrizitat, die Gasbeleuchtung nicht
funktionieren, das Wasser in den Brunnen gefriert und am Strande
der Sturmwind mit einer so unbarmherzigen Wucht dahinrast, dafi
ihm kein Lebewesen standhalten kann. Der Sommer bedeutet diesen
Menschen mehr als uns eine Gesundung, eine Rekonvaleszenz, eine
Auferstehung. In diesen grausamen Wintern haben sie gelernt,
schweigsam zu sein, hart, mifitrauisch, stiernackig. Dennoch ruht
eine warme Menschlichkeit in ihnen, ihre Gastfreundschaft ist herz-
lich, ihr Wort einfach, ihr Grufi stumm, aber freundlich. In unserm
vielgestaltigen, stammereichen Deutschland ist diese Bevolkerung
eine der interessantesten. Ihre Lieder sind einfach wie der Rhythmus
des Meeres, ihre Sprache ist reich an dumpfen Konsonanten, die dem
ewigen Brausen Widerstand leisten mu'ssen, um horbar zu werden.
Man kann es diesen Leuten nicht ubelnehmen, wenn sie verhaltnis-
mafiig hohe Preise verlangen, zurzeit hohere als die Bader an der Ri-
viera. Die Schonheiten des Ostseestrandes entschadigen fiir hohe
Ausgaben reichlich. Die Bader sind aufterdem naher als andere See-
kurorte, und sie gehoren schliefilich - uns selbst. Wir fordern uns,
indem wir sie besuchen. Zimmer mit Verpflegung kosten in der
Hochsaison j-10 Mark pro Tag und Kopf. In der Fnihsaison sind sie
um 2 bis 3 Mark billiger.
Die Ostseebader vereinigen mehr naturliche Schonheiten als die mei-
sten europaischen Kurorte. Es kennzeichnet sie eine fast unwahr-
scheinliche Verbindung von landlicher Vielfaltigkeit und der ewigen
Monotonie des Meeres. Man kann tagelang wandern - und hat zu einer
Hand die See, zur anderen eine Landschaft von kontinentaler, ab-
wechslungsreicher Bes chaff enheit. Hiigel, Taler, Walder und Meer,
Meer, Meer. Man erwacht friih, hort die Brandung an der Kuste, ein
wachsendes und wieder verrauschendes Brausen. Kommen und Ge-
hen, Ankunft und Abschied, den Kuft der Welle, in dem Begriifiung
und Schmerz der Trennung liegt - und gleichzeitig ertont ein sufier,
212 DAS JOURNALISTISCHE WERK
millionenfacher Vogelsang, ein fast exotischer Chor, dafi man glaubt,
im fernen Siiden zu sein. Man stellt sich vor, dafi aufier der Stimme des
Meeres nur noch der Schrei der Mowe horbar sein wird. Aber hier ist
der Melodienreichtum eines kontinentalen Laubwaldes und kampft
gegen den eintonigen Rhythmus des Wassers mit verzehrender Ener-
gie. Und es ist so unwahrscheinlich, Vogelgezwitscher und Meeresrau-
schen gleichzeitig zu horen, dafi man zu traumen vermeint und sich
erst langsam an diese marchenhafte Verbindung disharmonischer Me-
lodien gewohnen mufL
Man kennt die grofien Bader: Swinemiinde, Heringsdorf, Bansin, Ahl-
beck besser als die Insel Riigen. Die naive Vorstellung von einer »In-
sel«, die die meisten Binnenlandmenschen beherrscht, verursacht es,
daft manche vor Riigen jene leise Scheu empfinden, die man vor schwer
erreichbaren Gegenden hat. Und man mufi, obwohl - oder weil es so
selbstverstandlich ist, immer wieder bestatigen: Die Bader der Insel
Riigen sind genauso komfortabel, genauso europaisch, genauso zivili-
siert wie jene an der Kiiste des Kontinents. Sie haben Elektrizitat, Gas,
Wasserleitung, Telephon, Friseure, Bader, Hotels. Und sie haben noch
mehr: namlich jenes Quantchen unberuhrter, naiver Natiirlichkeit, das
dem zivilisierten Stadter erst recht eine Erholung von der Kultur ga-
rantiert. Man kann sich rasieren lassen, ein Telegramm aufgeben, eine
Kapelle horen - und dennoch eine einsame Wanderung durch verzau-
berte Gegenden unternehmen und einem Fischer begegnen, der aus
einem Marchenbuch gestiegen ist. Ja, in Binz, dem grofiten der Riigen-
schen Bader, ist es sogar sehr schwer, einer Jazzband zu entgehen.
Poetisch veranlagte Naturen und geschickte Reklamefachleute nennen
es: »Das nordische Sorrent«. Es hat 20 Hotels und 200 Mietvillen und
eine 2 Kilometer lange Strandpromenade, von Schminke, Puder, Atro-
pin, Tennisschlagern und Biigelfalten, Likordielen und Angeheiterten
bevolkert; ein Kurhaus mit Tanzgelegenheiten fur Smokings und
Abendtoiletten; und sogar Hakenkreuzfahnen. Man trifft in Safinitz
mit mehr als 26 000 Badegasten zusammen und kann dennoch etwas
fur die Seele tun und an einem evangelischen wie einem katholischen
Gottesdienst teilnehmen. Es liegt in einem Talkessel, durch buchenbe-
wachsene Hiigelketten gegen Norden geschiitzt, und in der Nahe ist
Stubbenkammer, zu Fufi in etwa 2 Stunden zu erreichen. Der Sand-
und Lehmboden wird hier durch Kreide abgelost. Hier ist das Land
der alten Seeraubersagen. Die Kreidefelsen sind unwahrscheinlich, sie
1924 2I 3
leuchten in der Nacht gespenstisch, sie sind pradestimert fur Seerau-
bergeschichten, die Kreidefelsen haben Physiognomie und skurrile
Formungen, und es ist ein marchenhafter Widerspruch zwischen der
todlichen Fahlheit des Materials und seinen lebendigen, fratzenhaften
Formen.
Wer die Ruhe sucht, Nationaleigentiimlichkeit, Idylle - wird die klei-
nen Bader Sellin, Baabe, Gohren, Tbieftow, Putbus, Lauterbacb auf-
suchen. Hier tragen die Kellner weniger steife Hemdbriiste, und die
Wirte sprechen plattdeutsch. Hier gackern die Hiihner auf den Stra-
fien, und eine schone Frau darf im Bademantel durch die Stadt wan-
dern. Die dorfische Ruhe wird nur durch einen unschadlichen
Marsch der Kapellen hier und da unterbrochen. Keine Jazzband reizt
Neptun und die Gotter des Meeres. Und wenn du Gliick hast, siehst
du die alten Mdnchsguter in ihren Trachten tanzen. Sie haben selbst-
gewebte Leinenkleider an, schwarze Rocke, bunte Westen, goldene
Ketten und breite, wallende, kurze weifte Hosen, die um schwere
Wasserstiefel schlottern und aussehen wie Glocken. Die Beine sind
wie diinne Kloppel - trotz den Stiefeln. Es sind die letzten Tanzer.
Die jungen Bauern weben nicht mehr, tanzen nicht mehr. Eine ganze
alte Welt versinkt.
Badegasten, die der Politik aus dem Wege gehen wollen, sei Baabe
empfohlen, das von dem tiichtigen, klugen und modernen Vorstand
Thormann verwaltet wird und das ubrigens eines der stillsten und -
billigsten Bader der Ostsee ist. Auch in den anderen Orten ist die ein-
heimische Bevolkerung nicht etwa hakenkreuzlerisch von Natur, und
was sich an volkischer Propaganda findet, wird gewaltsam ins Land
geschleppt - von den Gasten selbst.
Das Meet aber ist ewig, rein und unbenihrt von dem kindischen
und grausamen Spiel der Menschen. Man sieht in die weite Unend-
lichkeit aus Himmel und Wasser und vergifit. Der Wind, der die
Hakenkreuzfahne blaht, weift nichts von ihr. Die Welle, in der sie
sich spiegelt, kann nichts dafur, dafi sie entweiht wird. So toricht
sind die Menschen, dafi sie selbst im Anblick dieser Ewigkeiten
nicht erschauern.
Frankfurter Zeitung, 6. 7. 1924
DAS HAKENKREUZ AUF RUGEN
Zwischen Riigen, das zur deutschen Republik gehort, und dieser be-
findet sich die prophylaktische Ostsee, die das Ubergreifen der Revo-
lutionen und Demonstrationen verhindert. Deshalb weifi man auf Rii-
gen noch gar nichts von der inzwischen geanderten deutschen Staats-
verfassung. Zwar sitzt in Bergen ein sozialdemokratischer Landrat,
und er konnte den staunenden Besuchern gezeigt werden als ein Uber-
rest aus jener sagenhaften Zeit, in der man noch glaubte, eine Republik
ware eine Republik. Denn er ist wirklich eine anachronistische Sehens-
wiirdigkeit, wie die Hunengraber. Riigen ist die ostliche Ordnungs-
zelle Deutschlands, wie Bayern seine siidliche ist.
Dieser Umstand hat den Ostseebaderverein nicht davon abgehalten,
die Vertreter der deutschen Presse zu einer Propagandafahrt durch Rii-
gen einzuladen. Es waren Blatter aller Parteien: von den anstandigen
bis tief hinunter zu den nationalistischen und noch tiefer zu den gesin-
nungslosen. Es waren sozialistische, biirgerliche und reaktionare Zei-
tungen. Manche Vertreter der offentlichen Meinung hatten nicht ver-
fehlt, ihre Frauen mitzunehmen. Man hatte freie Fahrt und eine mar-
chenhafte Verpflegung. Und es gab reizende Uberraschungen.
Der Zweck dieser Propagandafahrt war: Der Ruhm Riigens sollte ver-
kiindet werden, unter den Juden, wie die Einladung an biirgerlich-
jiidische, unter den Proletariern, wie die Einladung an sozialistische
Blatter bewies. Ungliicklicherweise war ich auch dabei. Man hatte
nicht damit gerechnet, dafi es einen Berichterstatter geben konnte, der
wirklich die republikanische Gesinnung seines Blattes bekundet. So
wenig halt der Ostseeverband von republikanischen Zeitungen, daft er
deren Vertreter mit - schwarz-weifi-roten Fahnen empfing. Als vor
einem Jahre deutsche Journalisten nach Schweden fuhren, empfing
man sie mit schwarz-rot-goldenen Fahnen. Der »Deutsche Ostseeba-
derverband« ist nicht so gut informiert, wie die schwedischen Gastge-
ber es waren. Sein Sitz ist ja auch kulturell weiter entfernt von Repu-
blikanismus als Schweden geographisch von Deutschland.
Man empfing uns also mit monarchistischen Fahnen und mit schmet-
ternden Militarmarschen. Wir speisten in Salen der Kurhauser, an de-
ren Wanden Kaiserbilder hingen. In Binz wehten zwei grofie Haken-
kreuzfahnen von den Giebeln eines groften Strandhotels. In einer
1924 215
Diele, die ich betrat, begriifite mich ein Herr Direktor mit dem Ha-
kenkreuz im Knopfloch. Der kleine Zeitungsboy bot Hakenkreuze
zum Verkaufe an. In Sellin erzahlte mir ein biederer Eingesessener
stolz und traurig zugleich, dafi die Regierung die Tafel verboten habe,
die Juden den Eintritt verwehrte. An manchen Hausern sah ich ahnli-
che Tafeln. In Putbus wurden zwei sozialdemokratische Redakteure
im Furstenzimmer des »Hotel Fiirstenhof« einquartiert. Sie traten auf
den mit einer Krone geschmiickten, von schwarz-weifi-roten Fahnen
umwedelten Balkon, und einer von ihnen hielt eine Ansprache an
uns, die wir unten standen und Untertanen spielten. Zum erstenmal,
seit Putbus besteht, wurde hier ein Fiirst verulkt. Und nur in Baabe,
dessen Vorstand ebenfalls ein versprengter Sozialdemokrat (namens
Thormann) ist, gab es keine patriotische Demonstration.
Allerdings hatte ich mich bei ihm, als dem Sekretar des Baderverban-
des, liber die Abzeichen des Antisemitismus und der Reaktion be-
schwert. Er teilte es dem Vorstand mit. Dieser dem deutschnationalen
Journalisten von den » Hamburger Nachrichten«, Herrn Thomas
Hiibbe, Herr Hiibbe ist ein witziger Mann. Einer von den Gastge-
bern erzahlte uns, daft der starke Eisgang des letzten Winters eine
Brucke vernichtet habe. Als man uns nach dem Essen mit Eis bewir-
tete, stand Herr Hiibbe auf und sprach: »Denken Sie an die Brucke!
Essen Sie nicht zuviel Eis, sonst zerspringen Sie!« Sprach 's und setzte
sich. Die deutsche Presse lachte. So ungefahr war das Niveau. Dieser
witzige Hiibbe ulkte mich am Abschiedsabend mit einem gereimten
Witz an. Einige republikanische Blatter protestierten gegen den »per-
sonlichen Ausfall« Hiibbes. Ich. hatte wenigstens die Genugtuung,
daft diese einheitliche Atmosphare von Sekt, Monarchismus, Haken-
kreuz zerrissen war.
In Putbus beschenkte man uns mit dem einzigen geistigen Produkte
der Insel: der »Rugenschen Zeitung«. Hier steht wortlich folgende
Notiz:
»Kommt da die letzten Tage ein Negerparchen nach Stralsund. Eine
Schar Kinder folgt den seltsamen Gdsten, bis sich der Herr Neger
umdreht und ein ihn begleitendes Schulmadchen ohrfeigt. Am nach-
sten Tag halten Herr und Frau Neger in den Anlagen am Frankenwall
bei Mutter Grim ihr Mittagsschlafchen. Jungen machen sich einen
Spafi daraus,< das seltsame Parchen durch Werfen mit kleinen Stein-
chen zu storen. Da wacht er auf, und in der Annahme, daft seine bes-
2l6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sere Halfte an dem jahen Erwachen schuld ist, bringt er ihr seine
mannliche Kraft recht fiihlbar nahe . . .«
Der Redakteur dieses Blattes trank auf unser Wohl. Der Herausgeber
riihmte in seiner Rede die »Riigensche Zeitung« als die »geistige Zen-
trale von Putbus«. Die Vertreter der Presse liefien dieses Riigen, die
Zeitung, die Wirte hochleben. Sie sangen in Sellin »Deutschland iiber
alles«, gefiillte Weinglaser in der Hand, wie man es in der Wilhelma-
Diele in Berlin gewohnt ist. Es war ein Fest des entfesselten Journalis-
mus.
Ich fiihle mich verpflichtet, diese Schilderung irgendwo drucken zu
lassen. Man wird die Wahrheit in dem grofiten Teil der republiani-
schen Presse vergeblich suchen. Jiidische und republikanische Leser
geraten in die Gefahr, nach Riigen zu reisen. Ich warne sie davor. Es
konnte ihnen so gehen wie dem »Negerparchen« oder noch schlim-
mer. Riigen kann volkischen Besuchern empfohlen werden. Ich tue es
hiermit.
Josephus
Der Drache, 8. 7. 1924
DER KOLPORTEUR (II)
Er hat zweiundzwanzig Jahre in Amerika gelebt. Aber, ob wohl ich mit
ihm befreundet bin und er mich mit jenem Vertrauen ehrt, das man
einer zuverlassigen und wiirdigen Personlichkeit schuldig ist und das
man mir so selten entgegenbringt, weifi ich nicht, was er in Amerika
getrieben hat. Wohl pflegt er von seiner Vergangenheit zu erzahlen:
gleichgiiltige Daten: wann er beim Militar gewesen; wie er den Tod
seiner Tante in Wiirzburg erfahren; weshalb er keine Brille tragen
wollte, obwohl er schwachsichtig war; und derlei Dinge. Indem er
mitteilt, verschweigt er. Denn er zeigt nur die Daten, welche die aufte-
ren Schalen der Erlebnisse sind. Er tut Begebenheiten kund, keine Er-
eignisse. Er teilt vieles mit, nur sich nicht. Er ist nicht schweigsam,
aber verschwiegen.
Die Stimme, mit der er seine Zeitungen ausruft, hallt in dem Tumult
der lebendigen Strafie wider, wie von den Wanden einer groften verlas-
1924 21/
senen Kathedrale. Die Rufe aller anderen Kolporteure vermischen sich
mit den Stimmen der Gefahrte. Aber seine Stimme ragt iiber die an-
dern hinaus, ein akustischer Gipfel. Sie ist echozeugend. Nach einer
halben Minute kommt sein Ruf zuriick von der glasernen Kuppel des
Himmels. Und es ist kein Zweifel, dafi er dieses kunstvolle Rufen in
den Strafien von New York erlernt hat, wo es sehr schwer ist, sich
bemerkbar zu machen.
Auch die visuellen Wirkungen vernachlassigt er nicht. Er hat eine be-
merkenswerte Physiognomie: weifiblonde Haare und einen dunkel-
bronzenen Teint; eine lange hockerige Nase und einen grofien Mund
mit schmalen blassen Lippen und langen Zahnen; ein breites und gro-
fies Kinn, einen langen Hals mit zwei Langsfalten, rechts und links;
kleine blaue Augen, runde Pupillen und weifiblonde unsichtbare Au-
genbrauen. Man konnte ihn fiir einen blonden Indianer halten. Er tragt
kurze Militarstiefel, eine Samannsmiitze mit Schild, eine schwarze
Joppe. Er ist grofi und gleichsam aus Hoflichkeit gegeniiber den Klein-
gewachsenen - etwas gebiickt. Und immer lachelt er, auch wenn er
schreit; auch wenn es regnet; auch wenn keine Kunden kommen; auch
wenn er Katastrophen ausruft.
Er steht zwischen zwei Kolporteuren. Sie leben von seiner Gnade. Er
schenkt ihnen Licht wie die Sonne dem Mond. Sie verkaufen nur, weil
er riicksichtsvoll ist und sich im Kaufen von zehn zu zehn Minuten
vom offentlichen Leben in einen Hausflur zuriickzieht; weil er zu ru-
fen aufhort und seine Blatter unter der Joppe verbirgt, so daft die Vor-
iibergehenden glauben, er habe keine Zeitungen mehr. Aber dann
bricht er wieder hervor, mit Blitz und Donner, und beherrscht den
Zeitungsmarkt. Neidvoll erblassen seine Kollegen. Seine Stimme
driickt sie an die Wand. Bis er ihnen wieder gestattet, zu verdienen.
Aber sie sind verdrossen, langsam, sie haben niemals Kleingeld, sie
graben umstandlich in den Taschen, und sie sehen aus wie die traurigen
Botschaften, die sie verkaufen.
Sie sind Kleinstadter und suchen Streit mit dem Amerikaner. Manch-
mal hore ich, wie sie ihn anklaffen. Er halt nicht inne. Er ruft, iiber-
zeugt, iiberzeugend, als bote er seine Weltanschauung fiir 10 Pfennig
feil. Er lachelt seine Neider an.
Am Strafienrand stehen Baume. Der Kolporteur hangt einen Regen-
schirm auf einen Zweig. Einmal, es war blauer Himmel und heller
Sonnenglanz, und die Kollegen fingen gerade zu fluchen an, spannte
2l8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
der Amerikaner seinen Regenschirm auf, das Dach gegen die Schreien-
den haltend. Zugleich verkaufte er Zeitungen. Den Kaufern erklarte er:
»Die Kollegen machen Platzregen!« - und lachelte. Dann streckte er
die Hand waagrecht aus wie einer, der priift, ob es noch regnet. Weil
die Kollegen schwiegen, klappte er den Regenschirm zu und nickte
zufrieden. Dann ging er grofimiitig in den :Hausflur.
Von hier aus sieht er in das Getriebe der Welt. Viele Strafien hat er
schon gesehn. Er war zweiundzwanzig Jahre in Amerika. Die Sonne
von New York hat ihn gebraunt. Der Wind des Ozeans hat sein Haar
gebleicht. Das sind meine poetischen Vermutungen. Denn er wird nie
mitteilsam. So werde ich verreisen, wegziehen, diese Strafie erst in
zwanzig Jahren vielleicht wiedersehn, und er wird verschwunden sein.
Dann werde ich viel von ihm wissen und gar nichts. Er ist mit mir
verbunden, ein Stuck meines Wegs, und ich kenne ihn eigentlich nicht.
Frankfurter Zeitung, n. 7. 1924
BEKENNTNIS ZUM GLEISDREIECK
Ich bekenne mich zum Gleisdreieck. Es ist ein Sinnbild und ein An-
fangs-Brennpunkt eines Lebenskreises und phantastisches Produkt
einer Zukunft verheiftenden Gewalt.
Es ist Mittelpunkt. Alle vitalen Energien des Umkreises haben hier
Ursprung und Miindung zugleich, wie das Herz Ausgang und Ziel des
Blutstromes ist, der durch die Adern des Korpers rauscht. So sieht das
Herz einer Welt aus, deren Leben Radriemenschwung und Uhren-
schlag, grausamer Hebeltakt und Schrei der Sirene ist. So sieht das
Herz der Erde aus, die tausendmal schneller um ihre Achse kreist, als
es Tag- und Nachtwechsel uns lehren will; deren unaufhorliche, un-
sterbliche Rotation Wahnsinn scheint und Ergebnis mathematischer
Voraussicht ist; deren rasende Schnelligkeit sentimentalen Ruckwarts-
Sehern brutale Vernichtung innerlicher Krafte und heilenden Gleich-
gewichts vortauscht, aber in Wirklichkeit lebensspendende Warme
zeugt und den Segen der Bewegung.
In den Gleisdreiecken, Gleisvielecken vielmehr, laufen die grofSen
glanzenden, eisernen Adern zusammen, schopfen Strom und fullen
1924 2I 9
sich mit Energie fur den weiten Weg und die weite Welt: Aderndrei-
ecke, Adernvielecke, Polygone, gebildet aus den Wegen des Lebens:
Man bekenne sich zu ihnen!
Sie sind starker als der Schwachling, der sie verachtet und fiirchtet, sie
werden ihn nicht nur iiberdauern: Sie werden ihn zermalmen. Wen ihr
Anblick nicht erschuttert, erhebt und stolz macht, verdient den Tod
nicht, den ihm die Gottheit der Maschine bereitet. Landschaft! - was
enthalt der Begriff? Wiese, Wald, Halm und Ahre. »Eiserne Land-
schaft« ist vielleicht das Wort, das den Tummelplatzen der Maschinen
gerecht wird. Eiserne Landschaft, grofiartiger Tempel der Technik un-
ter freiem Himmel, dem die kilometerhohen Schlote der Fabriken le-
bendigen, zeugungstrachtigen, Bewegung fordernden Rauch darbrin-
gen. Ewiger Gottesdienst der Maschinen, im weiten Umfang dieser
Landschaft aus Eisen und Stahl, deren Ende kein menschliches Auge
sieht, die der graue Horizont umklammert.
So ist das Reich des neuen Lebens, dessen Gesetze kein Zufall stort
und keine Laune verandert, dessen Gang erbarmungslose Regelmafiig-
keit ist, in dessen Radern das Gehirn wirkt, niichtern, aber nicht kalt,
die Vernunft, unerbittlich, aber mehr erstarrt. Denn nur der Stillstand
erzeugt Kalte, die Bewegung aber, durch Berechnung bis zu den Gren-
zen der Leistungsfahigkeit gesteigert, schafft immer Warme. Die
Schwache des Lebendigen, der dem erschlaffenden Fleisch nachgeben
mufi, ist kein Beweis fur seine Lebendigkeit - und die konstante Starke
der eisernen Konstruktion, deren Materie kein Erschlaffen kennt, kein
Beweis fur Totsein. Es ist im Gegenteil: die hochste Form des Lebens,
das Lebendige aus Unnachgiebigem, keiner Laune gehorchendem, ner-
venlosem Stoff. Im Bereich meines Gleisdreiecks herrscht der Wille
des konsequenten Gehirns, der, urn des Erfolges sicher zu sein, sich
nicht in einen unzuverlassigen Leib verpflanzte, sondern in den Kor-
per von unbedingter Sicherheit: in den Korper der Maschine.
Deshalb ist alles Menschliche in diesem metallenen Bereich klein und
schwachlich und verloren, reduziert auf die ihm angemessene Bedeu-
tung eines bescheidenen Mittels zu stolzem Zweck - genauso wie in
der abstrakten Welt der Philosophie und der Astronomie, der Welt der
klaren und grofkn Weisheiten; da wandelt ein uniformierter Mann
mitten zwischen den verwirrenden Systemen der Geleise, winzig ist
der Mensch, in diesem Zusammenhang nur wichtig als Mechanismus.
Seine Bedeutung ist nicht grofier als die eines Hebels, seine Wirksam-
220 DAS JOURNALISTISCHE WERK
keit nicht weitreichender als die einer Weiche. In dieser Welt gilt jede
menschliche Ausdrucksmoglichkeit weniger als die mechamsche Zei-
chengebung eines Instruments. Wichtiger als ein Arm ist hier ein He-
bel, mehr als ein Wink ein Signal, hier niitzt nicht das Auge, sondern
die Laterne, kein Schrei, sondern der heulende Pfiff des geoffneten
Ventils, hier ist nicht die Leidenschaft allmachtig, sondern die Vor-
schrift, das Gesetz.
Wie eine kleine Spielzeugschachtel sieht jenes Hauschen aus, das dem
Wachter, dem Menschen gehort. So geringfiigig ist alles, was sich darin
durch ihn, mit ihm abspielt, so nebensachlich, daft er Kinder zeugt und
dafi sie krank werden, dafi er Kartoffeln grabt und einen Hund fiittert,
daft seine Frau Dielen scheuert und Wasche trocknet. Auch die grofien
Trauerspiele, die in seiner Seele stattfinden, verlieren sich hier, wie die
Kleinigkeiten seines Alltags. Sein Ewig-Menschliches ist hindernde
Zutat zu seinem Wichtig-Beruflichen.
Diirfen die kleinen Herzschlage noch vernehmbar bleiben, wo der
drohnende einer Welt betaubt? Man sehe in den klaren Nachten das
Gleisdreieck, das von zehntausend Laternen durchsilberte Tal - es ist
feierlich wie der gestirnte Nachthimmel: eingefangen darin, wie in der
glasernen Himmelskugel, sind Sehnsucht und Erfullung. Es ist Etappe
und Anfang, Introduktion einer schonen horbaren Zukunftsmusik.
Schienen gleiten schimmernd - langgezogene Bindestriche zwischen
Land und Land. In ihren Molekulen hammern die Klangwellen fern
rollender Rader, an den Wegrandern spriefien Wachter in die Hohe,
und Signale erbliihen griin und leuchtend. Dampf entzischt geoffneten
Ventilen, Hebel bewegen sich selbstandig, das Wunderbare erfiillt sich
dank einem mathematischen System, das verborgen bleibt.
So gewaltig sind die Ausmafie des neuen Lebens. Dafi die neue Kunst,
die es formen soil, den Ausdruck nicht finden kann, ist selbstverstand-
lich. Diese Realitat ist noch zu grofi fiir eine ihr gemafie Wiedergabe.
Dazu reicht keine »getreue« Schilderung. Man miifite die gesteigerte
und ideale Wirklichkeit dieser Welt empfinden, das platonische »Eido-
lon« des Gleisdreiecks. Man miifite sich mit Inbrunst zu ihrer Grau-
samkeit bekennen, in ihren todlichen Wirkungen die »Ananke« sehen
und viel lieber nach ihren Gesetzen untergehen wollen als nach den
»Humanen« der sentimentalen Welt glucklich werden.
So ein Gleisdreieck von machtvollen Dimensionen wird die zukiinftige
Welt sein. Die Erde hat mehrere Umformungen durchgemacht - nach
1924 221
naturlichen Gesetzen. Sie erlebt eine neue, nach konstruktiven, be-
wufiten, aber nicht weniger elementaren Gesetzen. Trauer um die alten
Formen, die vergehen - ahnlich dem Schmerz eines Antidiluvialwesens
um das Verschwinden der prahistorischen Verhaltnisse.
Schiichtern und verstaubt werden die zukiinftigen Graser zwischen
metallenen Schwellen bliihen. Die »Landschaft« bekommt eine eiserne
Maske.
Frankfurter Zeitung, 16. 7. 1924
GRUSS AN ERNST TOLLER
Seit drei Tagen ist Ernst Toller in Berlin, der Dichter der »Maschinen-
stiirmer« und des »Hinkemann«, ein erfolgreicher Dramatiker, ein Ly-
riker von Kraft und Inbrunst und - was uns mehr bedeutet: ein Marty -
rerftir das Proletariat, der fiinf Jahre in jener bayerischen Festung ge-
sessen hat, die noch »Niederschonenfeld« heifk und inoffiziell in alien
anstandigen Landern Europas die deutsche Kulturschande genannt
wird. Waren wir noch in der Lage, uns den »Luxus eines Kulturgewis-
sens« zu leisten, dann ware heme Ernst Toller nicht der einzige leben-
dig der bayerischen Justiz Entronnene, dieser Justiz, die so wenig eine
»irdische Gerechtigkeit« handhabt, dafi man sich wundern muE, wenn
man eines ihrer Opfer noch auf irdischen Pfaden wandeln sieht. Es ist
eine geradezu metaphysische Justiz: schickte sie doch Ludendorff in
die Walhalla und unzahlbare Proletarier ins Jenseits! Deshalb grufien
wir in Toller einen Auferstandenen. Eine Wiederkehr aus bayerischer
Gefangenschaft ist ebenso wunderbar wie eine Auferstehung.
Man kommt, ihn zu bestaunen. Die Presse ist so gedrangt in seiner
Nahe, dafi sich jeder einzelne Schmock auf seine eigenen Hiihneraugen
tritt. Ach! es ist dieselbe Presse, die sich gar nicht danach gedrangt hat,
gegen die bayerische Festungshaft zu schreiben; dieselbe Presse, die
ein Verbot in Bayern mehr furchtet, als sie ein »Interview« mit Toller
ersehnt; diese Presse, die sich alles leisten kann: Photographen, Zeich-
ner, Berichters tatter - nur nicht eines: den Mut. Was ihr an dieser
Eigenschaft abgeht, ersetzt sie durch Zudringlichkeit. Und so kann
man seit drei Tagen sehen, wie fix die deutsche Journalistik ist, wenn
222 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einer das Gefangnis verlafit Aber seit sechs Jahren erleben wir es
zweimal taglich, wie stumm sie ist, wenn ein er ins Gefangnis gelangt;
und wie totenstill, wenn Proletarier massakriert werden. Sie ehrt den
sozialistischen Tod durch Schweigen.
Ernst Toller sieht nicht wie ein »weltfremder Schwarmer« aus. Es ist
Energie in seinem dunklen, jiidischen Gesicht, er hat den Blick eines
Beobachters, nicht den eines versonnenen Trimmers. Er spricht und
formuliert schnell. Es ist Festigkeit in seinem Wesen, in seinem Ge-
sicht der Skeptizismus des Erkennenden und die Hoffnung des Glau-
bigen. Gedanken, Hoffnungen, Enttauschungen, Energien hat er fiinf
lange Jahre komprimiert. Plotzlich erlebt er die Freiheit, die immer ein
Wunder ist, auch wenn man sie erwartet und sich auf sie vorbereitet.
Es gehort eine grofie Kraft dazu, sich auf Sachlichkeiten zu konzen-
trieren. Rede und Antwort zu stehen, wo die Fragen so banal, so un-
wiirdig sind, so gedankenlos, so schablonenhaft, wie sie frei herumlau-
fende, aufier Festungshaft befindliche Journalisten hervorbringen kon-
nen. Ich gestehe, dafi ich mit Toller kein »Interview« gehabt habe. Auf
die Frage: Wie geht es Ihnen? hatte er mir mit Recht antworten kon-
nen: Ihnen gesagt - solange Miihsam in der Haft stirbt! . . .
Und so gilt dieser Grufi an den befreiten Ernst Toller - seinen gefange-
nen Genossen. Von ihnen weifi der Dichter viel mehr zu erzahlen als
von sich selbst. Erich Miihsam ist nicht mehr fahig, ein halbes Jahr
Festungshaft zu iiberstehen. Aber es ist auch nicht leicht moglich, ihn
zu retten. Und so werden wir, so wird Europa zusehen, wie ein Un-
schuldiger langsam zu Tode gefoltert wird. Niemand regt sich dariiber
auf. Als Toller vorgestern im Residenztheater zum erstenmal seinen
»Hinkemann« sah und am Schlufi iiber die Qualen seiner Mitgefange-
nen sprach - wer war da von der Presse anwesend? Die Theaterkritiker
der biirgerlichen Blatter, die auf ein Drama wie »Hinkemann«, weil es
proletarische Schmerzen behandelt, den grofien Bannfluch des Berliner
Kritikerverbandes schleudern und aus gekrankter Asthetenkehle
»Tendenz! Tendenz!« schreien. Wo aber bleiben die Leitartikler? Frei-
lich - die Begeisterung der Zuschauer war grenzenlos. Sie gait dem
Stuck, dem Dichter, den Gefangenen in Niederschonenfeld. Aber glil-
tig ist hierzulande nicht die Stimme des Volkes. Uber ein Stuck ent-
scheiden die Kritiker, iiber Leben und Tod der deutschen Dichter die
Justizfeldwebel.
Im Rechtsausschuft des Deutschen Reichstages sprach Toller am nach-
1924 223
sten Tage iiber die bayerische Justiz. Aber nur ein Demokrat kam und
horte zu. Alle biirgerlichen Parteien blieben zu Hause. Wie? Fiirchte-
ten sie eine menschliche Regung? Hatten sie Angst vor der Erschiitte-
rung des so unwahrscheinlich widerstandsfahigen Gewissens? Sie erin-
nern an die Anekdote von jenem Kapitalisten, der seinen Dienern zu-
rief, als ihn ein verhungerter Bettler besuchte: »Schmei8t ihn hmaus! -
Er bricht mir sonst das Herz!«
Man mochte nicht gerne einen befreiten Dichter begriiften mit der
Mahnung: Sie reden tauben Ohren. Ihr Genosse Miihsam leidet an
Arteriosklerose. Es ist die deutsche Krankheit, Ernst Toller! Die Ge-
hirnverkalkung grassiert! Erich Miihsam ist in der Gefangenschaft
taub geworden! Aber die biirgerlichen Politiker sind schon langst taub
gewesen! Indem wir Sie griifien, weinen wir, Dichter Toller! . . .
Josephus
Vorwarts, 20. 7. 1924
DAS AMT
Weil ich ins Ausland fahren will, mufi ich in Amter gehn, viele Amter,
graue Hauser, grauweifie Zimmer, zu Herren an Schreibtischen, zu
Herren hinter Schaltern, zu Mannern in alten Anziigen, mit vergram-
ten Gesichtern, mit Schnurrbarten und Glatzen, mit Scheiteln und
Brillen, mit Blaustiften in den Rocktaschen - arme Manner, arme Am-
ter. Von manchen trennt mich nur eine Barriere, aber es ist eine Welt.
Ich lehne an fremden Schreibtischen und sehe rote, blaue, violette
Stempelkissen und breite Stempel, zerbissene Federstiele, Zahnspuren
in braunen Bleistiften, alte Bilder, Wandkalender mit den Uberresten
vergangener, zerrissener Tage, Papierreste in den Fugen des Blechrah-
mens, abgenagt von den Zahnen der Zeit, die jeden Morgen, zum
Fruhstuck, ein Datum verzehrt. Ich gehe durch Korridore, unwahr-
scheinliche, fast ertraumte, an wartenden Menschen vorbei, die sich
auf Regenschirme stiitzen und Zeitungen lesen. Manchmal geht eine
Tur auf, und mein Blick stiehlt sich durch die Spalte fur eine Sekunde
in das Zimmer, in dem ein Herr sitzt, ein Schreibtisch steht, ein Kalen-
der hangt, genauso wie in dem Zimmer, in das ich bald eintreten
224 DA S JOURNALISTISCHE WERK
werde, obwohl dieses die Nummer 24 tragt und jenes bereits 64. Zwei
Fliegen summen an den Fensterscheiben und werfen ihre kleinen
schwarzen Korper gegen das Glas, und eine dritte stent auf dem Blech-
deckel des Tintenfasses und reibt sich mit einem diinnen Beinchen die
Nase. Im Tintenfafi trocknet die Time, Krusten bilden sich an den
Randern, blauschwarze Krusten, verdorrte, vor der Zeit verkummerte
Ziffern, Ermahnungen, Akten.
Vorne sitzt ein junger Mann und hinten ein alterer. Der junge Mann ist
hellblond, er hat ein sympathisches, widerspenstiges Haar, das sich
keineswegs zu einem Scheitel hergeben will, eine runde Nase und
einen roten Bogenmund und eine sanfte Mulde am Kinn, wie ein Mad-
chen. Die Kindheit liegt noch in seinem Angesicht, sein blaues Auge ist
lieblich-strenge wie das eines Knaben, der »Rauber und Gendarm«
spielt. An seinen Handen sind rundliche urifertige Finger, und schon
steckt ein unwahrscheinlicher Ehering an einem. Auch rundet sich
sanft die Weste iiber einem Bauchlein, das Abzeichen der Karriere. Die
Aktentasche ist noch neu, junge Frauenhande haben sie mit Fruh-
stiicksstullen gefiillt, an den Lippen des Beamten klebt noch die ver-
schlafene Zartlichkeit des Morgens, und er ist freundlich, sanft, sach-
lich, er macht einen bescheidenen Witz, um mich, die »Partei«, zum
spafihaften Widerspruch zu ermuntern. Er ist ein Mensch hinter der
Barriere. Versunken die Wand, die uns trennte, eine trennende Welt ist
zertrummert, mit der Sehnsucht des Menschen auf einer verlassenen
Insel sieht er mich an, dankbar, mit iibervollem Herzen. Er ist wie der
beriihmte Stationschef, an dem der Exprefizug taglich vorbeirollt,
ohne zu halten - und ich bin hier ebenso exotisch, fremd, geheimnis-
voll wie ein Zug, der niemals halt. Dieser junge Beamte mochte mich
festhalten, er will wissen, wie es in den Landern ist, aus denen ich kam
und in die ich fahre. Er will mehr wissen als nur von den Landern. Er
ist jung, er will einen Menschen horen, noch ist er mir verwandt, noch
ist er ungliicklich an diesem Schreibtisch, er kaut noch nicht an den
Bleistiften, und auch er hat kuhne Traume. Er hat noch den heiligen
Glauben an die Unmoglichkeit, er ist entschlossen, dieses Zimmer ein-
mal zu verlassen, Geld zu haben, in Expreftziigen zu sitzen, den Fu-
dschijama zu sehn.
Aber wenn ich nach zwanzig Jahren wieder in dieses Amt komme,
wird er der altere Herr sein, der hinten sitzt und mich mit einem mifi-
trauischen Blick iiber den Brillenrand streift, ein alterer Herr mit einer
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Glatze, von der sich die Haut in kleinen Schuppen schalt. Neue Tinte
wird Krusten bilden an den Randern der Tintenfasser, die zweihun-
dertste Fliegengeneration wird an den Fenstern summen. Und mein
Freund, es ist furchtbar zu wissen, wird Bleistifte kauen.
Prager Tagblatt, 20. 7. 1924
DER FURST DES WELTALLS
Das ist der Backergeselle Peter Qhlerich, den ein allzu geringes Inter-
esse fiir die Backerei dazu verleitet hat, Fiirst des Weltalls zu werden,
des Weltalls, nicht der Welt, des Kosmos also, des Universums - wenn
man will: ein Gott, ein Nebengott in irdischer Residenz und menschli-
cher Gestalt. Man sehe daraus, wie weit es ein Backergeselle bringen
kann. Uber den Fursten des Weltalls aufierte sein Richter, Amtsge-
richtsrat K., folgendes: »Schade um ihn! Von geistiger Krankheit kann
keine Rede sein, nicht einmal minderwertig ist er zu nennen. An richti-
ger Stelle wiirde er vielmehr Gutes leisten. Bedauerlich, dafi solch ein
Mann so tief sinken kann.« Namlich: vom Backergesellen zum Fursten
des Weltalls.
Er nahm diesen Weg, der ihn iiber den Beruf eines Elektromonteurs in
einige Untersuchungsgefangnisse fiihrte, mit Energie und Bildungs-
eifer auf, und niemand kann ihm vorwerfen, daft er seine Vorbildung
vernachlassigt hatte. Der Elektrotechnik als der Wissenschaft von der
geheimnisvollsten und furchtbarsten Kraft seines Weltalls brachte er
eine Leidenschaft entgegen, die seiner Tugend und seinen Planen ge-
mafi war. Er kleidete sich mit dem personlichen Geschmack und der
unauffalligen Eleganz eines Fursten, der inkognito bleiben will und
nur entschlossen ist, sein Geheimnis zu liiften, wenn die kurzsichtigen
Behorden ihn in seiner Laufbahn storen wollten. Im Gerichtssaal kann
sich sein Anzug sehen lassen, der Rock eines kunstbegabten Schnei-
ders, einreihig geschlossen, passend, ohne eng zu sein; der moderne
Kragen mit auseinanderstrebenden Spitzen, kurz, bequem, gerade
noch den Adamsapfel verbergend, die Atmung nicht behindernd; der
mit sicherem Griff vor dem Spiegel gekniipfte Knoten der Krawatte,
schmal, jugendlich, fast blutenhaft. So war er immer angezogen, wenn
226 DAS JOURNALISTISCHE WERK
er die Backerschiirze ablegte, um sein fiirstliches Leben zu beginnen,
das keineswegs nur aus Geniissen bestand, sondern auch aus Pflichten,
Intelligenz, Studieneifer, Arbeit und Ubung in der Beherrschung der
gesellschaftlichen Sitten und des sympathischen Auftretens. Er bekam
gutbezahlte Stellungen. Seine Vergangenheit hatte man ihm nicht zu-
getraut. Man wufite nur, dafi er aus Koln am Rhein stammte, nicht,
daft er als Siebzehnjahriger schon wegen eines Sittlichkeitsdelikts ein-
gesperrt war, nicht, daft er kleinere Betrugereien begangen hatte. Auch
Elektromonteur ist noch keineswegs der eines Fiirsten wiirdige Beruf,
wenn auch schon ein bedeutender Unterschied zwischen den Mate-
rien: Teig und Elektrizitat besteht, den niemand bestreiten wird. Al-
lein, wirklich frei ist ein Monteur ebensowenig wie ein Backer. In sol-
chen Fallen fiihrt nur Unredlichkeit schnell zur Freiheit, besonders
wenn man vor seinem eigenen Gewissen ein Furst ist.
Man kann ein Furst des Weltalls sein, und die Heimat kann einem
doch gefahrlich werden. Peter Ohlerich ging ins Ausland, nach Eng-
land, Frankreich und Italien, und lernte viele europaische Gefangnisse
kennen und die feinen Nuancen der europaischen Justiz, so dafi er,
wieder heimkehrend, vor Bekannten Vortrage uber den Unterschied
zwischen deutschen und aufierdeutschen Strafanstalten halten konnte.
Inzwischen hatte er auch die Sprachen seiner Volker gelernt, er spricht
sie fliefiend - man konnte sagen, er sei ein Weltbiirger geworden, wenn
er nicht schon der Weltall-Fiirst gewesen ware. Er konnte wirklich alle
Gestalten annehmen - nicht nur annehmen, sondern auch leben. An-
fang 1915 kam er nach Berlin als preufiischer Offizier mit dem Eiser-
nen Kreuz I.Klasse und dem tiirkischen Halbmond. Aber in einer
westfalischen Stadt konnte er einem Zivilmantel nicht widerstehen, zu-
mal da dieser einem Fremden gehorte. Kleinlich, wie die Menschen
sind, fanden sie es auffallig, daft ein Offizier einen Zivilmantel trage.
Die Polizei verhaftete Peter Ohlerich, zwei Beamte eskortierten ihn in
der Eisenbahn. Da schlug er sie nieder und sprang aus dem fahrenden
Zuge. Er kam wieder nach Berlin - als Stabsarzt und als reicher mexi-
kanischer Farmer. So begab er sich in ein Amtsgericht, zum ersten
Male freiwillig, denn er hatte eine wirkliche Mexikanerin mit Wertpa-
pieren kennengelernt, und er bedurfte eines Beweises fur seine Farmer-
Existenz. Oh, wie trat er in diesem Amtsgericht auf ! Vor ihm verbeug-
ten sich Diener und Schreiber, denn er kam, um furstlich, weltallfurst-
lich eine Schenkungsurkunde aufzusetzen; einen grofien Teil seines
1924 227
mexikanischen Vermogens stiftete er fur das verarmte, hungrige
Deutschland. Was bedeuteten gegen diese phantastischen Summen die
paar Aktien, die er der Mexikanerin abnahm?
Er hatte es satt, ein Farmer zu sein. Er wurde amerikanischer Stabska-
pitdn. So gefiel er sich besser und einer reichen Bielefelder Fabrikan-
tentochter ungemein. Er entfiihrte sie, nachdem er einen Scheck ge-
falscht hatte. Aber eine Flucht zu zweit ist bereits eine halbe Entdek-
kung. Man verhaftete beide. Und nun entsann sich Peter Ohlerich sei-
nes eigentlichen Berufes. Er gab sich als Fiirst des Weltalls zu erken-
nen. Die Behorden fuhrten diesen Rang auf Geisteskrankheit zuriick.
Peter war frei. Bis 1931. Da zeigte ihn seine Freundin an wegen Zuhal-
terei. Dem Kriminalbeamten, der ihn im Berliner Sportpalast fest-
nahm, entkam er. Schnell verwandelte er sich in einen Ingenieur. Er
war aus Stockholm. Er hiefi Doktor Carlson. Er fuhr nach Koln. Und
errichtete hier ein chemisches Laboratorium. Doch war auf die Dauer
Stockholm geographisch und psychologisch zu nahe, zu gewohnlich
und eines Universumfursten nicht ganz so wiirdig wie das exotische
und romantische Buenos Aires. Peter Ohlerich war entschlossen, aus
Buenos Aires zu stammen und den Namen Ulrich ererbt zu haben. Als
Doktor-Ing. Ulrich wurde er Syndikus der Aero-Radio-Funkgesell-
schaft. Dennoch verschob er die Apparate dieser Gesellschaft auf der
Leipziger Messe. Die Polizei ergriff ihn. Er gestand sofort - um nicht
alles gestehen zu miissen. Er bat um ein schnelles Urteil. Aber jetzt
rachte es sich, dafi er seinem Prinzip untreu geworden war. Zum ersten
Male blieb er freiwillig in der Gewalt der Behorde. Zum ersten Male
bat er selbst um eine Verurteilung. Aber nun, da er wollte, konnte der
Polizeirichter nicht. Diesem geniigt auch beim besten Willen der Ver-
dacht nicht und auch nicht das Gestandnis des Taters. Er muE Zeugen
haben. Da diese fehlten, ging die Angelegenheit den Instanzenweg der
Gerichte. So entdeckte man Peters wirkliche Personlichkeit. Er erhielt
gestern ein Jahr und acht Monate Gefangnis. Er gab alles zu. Nur nicht
die Zuhalterei. Das darf ein Fiirst auch nicht zugeben.
Seine Physiognomie ist interessant wie seine Laufbahn. Sein Haar ist
sorgfaltig gescheitelt, halb hinaufgestrichen, die Frisur das Resultat
eines nicht muhelosen Kampfes zwischen Kamm und eigentlichen
Strahnen. Dieses Haar will romantisch sein, gelockt, und wurde gebiir-
stet, niedergelegt. Die Stirn verlauft konvex, bildet einen feinen energi-
schen Wulst iiber Brauen und Nase, gleichsam einen Wall zwischen
228 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Hirn und Antlitz, zwischen Gedanken und Anschauung, Abstraktion
und Beobachtung. Spitz im Profil ragt die Nase vor iiber langer Ober-
lippe, Instrument des Instinkts. Zueinanderstrebende Augenbrauen ver-
leihen dem Blick strenge Bestimmtheit, den Ausdruck sachkennerischer
Betrachtung. Klein, aber vorwitzig schaufelt das Kinn Mulden in die
Luft, gibt dem Gesicht etwas Vorgestrecktes, Interessiertes, bedachtige
Kuhnheit. Beide Arme liegen auf der Bank, die Hande umfassen die
Kante, bereit ist der Korper, jeden Augenblick aufzuschnellen. Peter hat
im Innern eine Sprungfeder. Das ist Peter Ohlerich, der Backergeselle,
der Monteur, der Farmer aus Mexiko, der Stabskapitan aus Amerika, der
Ingenieur aus Stockholm, der Syndikus aus Buenos Aires, der Fiirst des
Weltalls. Er hatte nicht nur alles sein konnen, er war wirklich alles. Ein
Jahr und acht Monate geniigen zur genauen Erforschung der deutschen
Gefangnisse. Ich zweifle nicht, dafi Peter Ohlerich sich ihr fleifiig und
ghindlich hingeben wird.
Frankfurter Zeitimg, 23. 7. 1924
DER KRIEGSBERICHTERSTATTER
Er hatte Sonne im Herzen, seine »Unabkommlichkeit bescheinigt« in der
Tasche, er war der Mittler zwischen der Begeisterung des Hinterlands
und der stumpfen Gleichgiiltigkeit der Front, er war der moderne Barde
des modernen Krieges, seine Kriegsgedichte waren Telegramme, seine
Muse war das Pressequartier, er war General-Interviewer und Siegespro-
phet, weit genug vom Schutzengraben, um in Stimmung zu bleiben, nahe
genug, um den Jammer zu sehn, und klug genug, um ihn zu verschweigen.
Er war ein Marketender der offentlichen Meinung. Zehn Kilometer
hinter der Front hatte er seinen Berichterstattungs laden aufgeschlagen
und verkaufte Zuversicht. Den Prostituierten, die, wie er, mitgezogen
waren, um den Patriotismus zu erhalten, fiihlte er sich keineswegs ver-
wandt, obwohl er sich billiger, als sie es getan, verkauft hatte. Manchmal
wurde er mit einer Latrine verwechselt - von Leuten, deren Geruchsor-
gan auf geistigen Gestank reagiert. Dennoch durfte er nicht beniitzt
werden, denn nicht jeder Mifibrauch, sondern jeder Gebrauch wurde im
Felde bestraft.
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Er trug eine phantastische Uniform und als das Abzeichen der Presse,
die er vertrat, nicht etwa den Revolver, sondern eine Feder. Deshalb
hielt man ihn fur einen »Waschlappen« und ignorierte seine militari-
schen Fahigkeiten, obwohl er den Krieg genauso verlieren konnte wie
jeder bessere General. Er schlug zwar nicht sein Leben, wohl aber sei-
nen heimathch-redaktionellen Schreibtisch in die Schanze, als er in Ge-
fahr war, die Schanze graben zu miissen. In den Ruhepausen und vor
jeder neuen Musterung schrieb er schnell einen Hafigesang, ein Aushe-
bungslied, und erreichte so, dafi er in den vordersten Schiitzengraben
der Kriegslyrik gelangte, die ihre Position hinter dem Armeeoberkom-
mando aufgeschlagen hatte.
Hier schwebte er im Fesselballon iiber den Leichenfeldern, die nur aus
diesem Grunde stanken. Und weil er ohnehin in Hindenburgs nachster
Nachbarschaft kampfte, hatte er es nicht weit bis zum Interview mit
Ludendorff. Er iibernahm es sogar, die Verachtung, die ihm Generale
entgegenbrachten, statt ihrer zuvorkommend zu schlucken, damit jene
reden konnten. Mit seiner tapferen Rechten stenographierte er fiir K6-
nig und Vaterland.
Manchmal bekam er sogar einen Orden fiir tapferes Verhalten weit vor
dem Feind. Dann fuhr er ins Hinterland und erzahlte von »unsern
Feldgrauen«, obwohl diese niemals von »unserm Kriegsberichterstat-
ter« sprachen. Sie lasen nur gelegentlich, was er berichtet hatte, und
bewunderten seine Phantasie, der die Sachkenntnis keine Hemmungen
bereitete. Wild galoppierte sie dahin auf gepanzertem Pegasus. Sie ritt
Attacken der Stimmungsmalerei. Es war die Kavallerie der Durchhal-
tekunst.
Aus alien gefahrlosen Zonen kehrte er gliicklich heim, der Kriegsbe-
richterstatter. Dann fuhr er nach Versailles. Heute macht er fiir neue
Kriege Reklame. Er ist der Propagandachef der Firma Revanche, Ge-
neral und Co. Er verfaftt Leitartikelplakate. Er ist selbst eine Litfafl-
saule der Begeisterung an den Ecken der Heerstrafien. Er sehnt sich
nach Heldentaten, Hafigesangen und Interviews. Fiir ihn lafit Gott
Stahlfedern wachsen.
Vorlaufig berichtet er iiber Denkmalsenthiillungen. Er produziert na-
tional Belange. Er ist der Krupp der Phrasengeschosse. Er widersteht
jeder Kontrollkommission, weil er ihr entgeht, wie er den Granaten
entgangen ist. Es ist sein Schicksal zu entgehn. Wir biifien sein Leben
mit unserm Tod. Er ist international; Hier heifit er Maurenbrecher und
230 DAS JOURNALISTISCHE WERK
in Paris Sauerwein. Er hat viele Namen und ist immer derselbe. Er
unterscheidet sich von einer Hydra nur dadurch, dafi sie Kopfe hat
und er nicht einen einzigen.
Man kann ihm gewissermafien nichts abschlagen . . .
Josephus
Lachen links, 1. 8. 1924
DIE STERBENDEN TAN2ER
Ich habe die sterbenden Tanzer von Riigen gesehen.
Es waren alte Fischer und Fischerinnen in den schonen Monchsguter
Trachten, vier Paare, darunter ein buckliges Weiblein, dessen Tanz wie
ein Abschied vom Leben war. Sie kamen alle aus einer versunkenen,
farbenfreudigen Zeit, in der die Kleidung noch mehr bedeutet hat als
ein Schutz von den Unbilden der Witterung. Die Manner trugen
schwarze Rocke und bunte, rotbestickte Westen und lange Halsketten
aus Silber und Gold, schwere Wasserstiefel und weifie, sehr kurze und
weite Glockenhosen iiber den Stiefeln. Die Kopftiicher der Frauen wa-
ren fest an die Stirnen geprefit und lieflen doch ein paar Haarlockchen
sehen. Ihre Blusen waren eng, und die Rocke weit und lang, es lag
Zuchtigkeit und Koketterie in dieser Kleidung. Ein Mann in dem Ko-
stum der Tanzer safi in der Ecke, bearbeitete eine Ziehharmonika mit
beiden Handen, und vor ihm stand eine Pauke, die durch ein Pedal in
Funktion gesetzt wurde. Der Musikant hatte einen Stiefel ausgezogen,
und ich sah, dafi er grobe graue Socken trug, wie sie ein Fischer brau-
chen kann, der oft in Gefahr gerat, kalte Fiifie zu bekommen.
Es war eigentlich keine Melodie, zu der hier gespielt und zu der hier
getanzt wurde. Sie bestand aus zwei tiefen und zwei hellen Tonen, die
abwechselnd erklangen. Es war wie ein unaufhorlicher Wechsel von
Alt und Jung, von Stark und Schwach, Winter und Sommer, Ebbe und
Flut, Wellenankunft und Wellenabschied. Wenn man will, war es die
Musik des Meeres. Es kann auch die Musik des Lebens sein, der Gene-
rationen, der Tages-, der Jahreszeiten, die Musik des bestandigen
Wechsels, die Urelemente jeder Melodie ohne Nuancen und ohne Ab-
wandlung. Denn in der Nahe des Meeres, dessen Brausen alles Hor-
1924 231
bare frifit, kann man sich nur auf die Urelemente beschranken, die
allein dem gefrafligen Rauschen standhalten.
Zu dieser Musik tanzten die Fischer den alten Gesellschaftstanz,
Frauen und Manner zuerst einander gegeniiber, dann einander an den
Handen haltend, dann wechselnd, schliefilich Rundtanz der Manner in
der Mitte, Rundtanz der Frauen in der Mitte, wahrend Manner und
Frauen jeweils den Rhythmus durch Handeklatschen unterstrichen.
Dieser Tanz hat ebenso wie die Melodie keine Steigerung, keinen H6-
hepunkt, er kennt keine Ekstase, aber auch keine Erschopfung, und er
hort nicht auf, sondern bricht ab.
Bei alien Tanzen sind die Figuren einander gleich, und nur die Reihen-
folge ist verschieden. Auch die Musik ist immer die gleiche. Aber
manchmai lafk ein Fischer einen Juchzer steigen, und es ist wie der
plotzliche Schrei einer Mowe, vom siidlichen Jodler ebenso verschie-
den wie der Pfiff dieses Vogels vom kompiizierten Trillern der Lerche.
Dennoch sieht man in diesem Augenblick die Urgemeinschaft zwi-
schen Nord und Siid, zwischen Mowe und Lerche. Wenn der Bayer
und Tiroler jodelt, wirbelt er sein Madchen manchmai durch die Luft,
oder er klatscht auf den Oberschenkel und jenen Korperteil, den man
in Tirol und Bayern nicht umschreiben mufi. Hier bleiben Fischer und
Fischerin in der vorgeschriebenen Tanzbewegung. Aber hier wie dort
kommt plotzlich die Notwendigkeit, durch Kehle und Stimmband den
Tanz zu unterstiitzen. Plotzlich geniigt die Musik nicht mehr, die
Hand nicht mehr, der Fufi nicht mehr. Man mochte zehn Kehlen ha-
ben, um den Jubel hinauszuschreien. Es ist der Urschrei der Freude,
der alte Liebesruf, das unartikulierte sinnlos-sinnreiche Rohren aus
einer Zeit vor dem Turmbau zu Babel, da wir noch keine Grammatik
hatten, sondern das primitive Esperanto der primitiven Leidenschaf-
ten.
Die Tanzer haben Texte, aber sie werden nicht gesungen. Das Meer
wiirde sie verschlingen, wenn man sie sange. In den Bergen darf man
Texte singen. Sie hallen wider von den Felsen. Hier an der Kiiste ist
der Text, den der Sturmwind singt, starker als jedes menschliche
Lied. Die Tanzer selbst haben die Texte vergessen. Sie konnen tan-
zen, aber nicht singen. Ich habe die altesten befragt. Aber sie wufken
nur ein paar Verse. Ein Tanz heifit: »Dunkler Schatten«. Sie wufken
nur diese Zeilen:
2}2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Kum mit mir in dunklen Schatten,
Wir wulln leben as (wie) de Katten (Katzen),
Kieken ut de Luken rut (raus) . . .
Und von einem anderen:
Schiittel de Biix (Hose), schuttel de Bux,
Nich zu langsam, nich zu fix . . .
Und das bucklige Weiblein konnte eine ganze Strophe mit diinner
Stimme hersagen:
Min ol Vadder Brouder Sohn
Set (sitzt) op den Stubenbohn (Stubenboden),
Rokt sin lange Pip —
Pipendanz,
Rosenkranz,
Buer wull mi steken —
Weit nich, worum,
Dideldum,
Schlei mi bit Maden;
Maden, du Rodnding (Rattending),
Kunst du nich swigen (schweigen) —
Wat ick di taugesakt hab,
Wullst du wol kriegen
Niemand wufite mehr. Die paar Gebildeten wissen vielleicht mehr.
Diese Fischer aber singen nichts. Sie werden auch nicht lange mehr
tanzen. Sie sind die letzten Vertreter einer versunkenen Welt, sie sind
die sterbenden Tanzer.
Vor dem Kriege kummerte sich das preu&sche Unterrichtsministe-
rium urn die Erhaltung dieser volkstiimlichen Trachten und Tanze. Es
setzte Preise fur die besten Kostiime aus. Jeder junge Fischer bekam
hundert Mark im Jahr bar bezahlt und fiinfzig auf sein Sparkassen-
konto. Seit dem Krieg haben diese Zuschiisse, kulturhistorische Sti-
pendien, leider aufgehort. Die jungen Fischer und Bauern von Riigen
wollen Jazzband und Shimmy tanzen und Smokings und steife Kragen
tragen. Ein ganzes Stuck alter deutscher Kultur versinkt, und niemand
1924 233
sieht's. Noch ist es zu retten, solange ein paar Tanzer leben und die
letzten Reste heimischer Uberlieferung.
Nach dem Tanz trank man Bier. Audi von der neuen Zeit war die
Rede. Und man rauchte sogar Zigarren. Ein Fischer erzahlte: »Ich
habe einen Sohn verloren. Ich habe eine Tochter, und mein Haus nab'
ich verkauft in der Inflationszeit.«
Das war fur seine Begriffe ein langes Stuck Lebensgeschichte. Er war
iiberzeugt, dafi er zuviel gesagt hatte. Also schwieg er und sah mich
lange an und schuttete mir sein Herz auf optischem Wege aus.
Frankfurter Zeitung, 3. 8. 1924
DER SEHR ELEGANTE REISENDE
Der sehr elegante Reisende betrat das Abteil, in der Hand ein ganz
winziges Etui aus weichem Leder, von einem Trager begleitet, der
einen Koffer aus hartem Leder in das Gepacknetz legte. Der sehr ele-
gante Reisende bezahlte stumm, ohne auf den Trager zu sehen, ohne
dessen Grufi zu erwidern. Sofort lafit er sich in die Polster nieder und
wippt noch einmal, ehe sein Korper ruhig bleibt. Graue Lederhand-
schuhe streift er ab und legt sie in das kleine weiche Etui, dem er graue
Zwirnhandschuhe entnimmt. Diese zog er an und liebkoste jeden Fin-
ger einer jeden Hand. Hierauf sah er in einen kleinen Spiegel mit leder-
nem Riicken, fegte mit der Rechten leicht uber die Haare und sah
durch das Fenster, ohne einen bestimmten Menschen oder Gegenstand
zu betrachten.
Der Reisende war in ein unauffalliges Grau gekleidet und mit einer
herrlichen violettschimmernden Krawatte geziert. Wohlgefallig und
aufierordentlich aufmerksam betrachtete er seine Fufle, seine braunen
Halbschuhe und den schonen Knoten der breiten Schuhbander. Die
Beine streckt er in dem Abteil aus, die Arme liegen in schoner Lassig-
keit auf beiden Sitzlehnen. Bald zog der graue Reisende wieder seinen
Spiegel hervor und fegte uber die schwarzen dichten gescheitelten
Haare mit Fingern, wie man mit einem leichten Federwisch uber Nip-
pessachen fahrt. Dann wuhlte er in seinem Etui, und verschiedene,
sehr niitzliche, geradezu unentbehrliche Gegenstande kamen zum
234 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Vorschein: ein lederner Behalter fiir Schliissel, eine Nagelschere, eine
Birne, eine Schachtel mit Zigaretten, ein seidenes Taschentiichlein und
eine Flasche Eau de Cologne.
Jetzt steckte der Reisende eine Zigarette zwischen die Lippen und
suchte in den Taschen nach den Streichholzern. Ja, wo waren die
Streichholzer? Wo waren die Streichholzer, die eleganten, flachen
Streichholzer fiir die Westentasche mit den kleinen gelben jugendli-
chen Phosphorkopfchen?
Sie waren vergessen, verloren, gestohlen, verdorben, verschwunden,
sie waren nicht da. Der sehr elegante Reisende horte auf, den Raum zu
beherrschen. Ja, er war sogar ein ganz klein wenig lacherlich mit seiner
tadellosen Ausriistung, der die Streichholzer fehlten. Sein vornehmes,
erotisches, olivengelbes Angesicht nahm eine hellbraune Farbung an.
Das kleine weiche Lederetui in der Hand, ging er schnell in den Speise-
wagen.
Als er zuriickkam, satt, ein bifichen Fett zwischen den Mundwinkeln,
entnahm er ein ledergebundenes Buchlein seinem Paletot. Er schrieb
mit einem silbernen Bleistift vertieft, versonnen. Er war ein Dichter.
Ja, er ist ein mondaner Dichter. Er ersinnt Frauengestalten, so athe-
risch, so morphinistisch, so diinn, dafi man sieht, wie sie aus dem
Nichts geschaffen sind. Er ist ein Dichter auf Biittenpapier, seine Hand
signiert dreihundertundeinundfiinfzig Biicherdeckel im Jahr.
Aber als er sich vorneigte und sein Heft auf das Knie legte, sah ich, dafi
er Zahlen schrieb und addierte. Profane Dinge standen in dem schonen
Buch.
Dann steckte er wieder eine Zigarette zwischen die Lippen, und sein
olivengelbes Angesicht braunte sich, und weil ich aussteigen mufite,
war ich bereit, ihm meine Streichholzer zu hinterlassen. Er aber wollte
sie nicht nehmen. Denn es war eine ganz gewohnliche Streichholz-
schachtel, grofi, nicht fiir die Westentasche und mit groben rotlichen
Streichholzern gefiillt, die man keineswegs in ein Lederetui stecken
kann, ohne sich zu blamieren.
Frankfurter Zeitung, 8.8. 1924
DIE GRENZE
Hier, so sagt man mir, ware die Grenze, und ein Gitter aus grauem
Zinkdraht, wie ein Netz geflochten, bestehend aus den Maschen des
Gesetzes, durch die man schliipfen kann, beweist es.
Ja, ein Gitter trennt Land von Land, Heimat von Fremde, Deutsches
von Polnischem. Ein griiner Zollbeamter, wunderbar dem unfruchtba-
ren Pflastergestein des Perrons entsprossen, besitzt den Schlussel zu
der Tiir, die aus Deutschland nach Polen fiihrt; er kann sie of men, er
kann sie schliefien, er hat einen Zauberschlussel und weifl es nicht. Er
ist grofi, breit, blond und einfach, auf seinen Schultern ruhen die sil-
bernen Epauletten der Verantwortung, in der starken Faust, auf deren
Riicken blonde Harchen spriefien, halt er den Schlussel zur Heimat,
den Schlussel zur Fremde und gebraucht ihn nicht.
Ihm gegemiber, neben dem Zug, den er bedient, steht der polnische
Schaffner, die kleine, runde Miitze schief auf dem Kopfe, die letzten
drei Knopfe des Uniformrockes hat er geoffnet, eine graue Zivilweste
mit Perlmutterknopfen ist zu sehen. An seiner Hose ist eine Bugelfalte
leicht angedeutet, und Gummibander, Privileg der Offizierskaste, ver-
binden die Hose mit den Schuhsohlen.
Durch den Korridor des Zuges geht der Mann, der die Passe beriecht,
mit einem Gummistempel schnuppert er. Er ist bieder und zugleich
verschmitzt, er hat listige Augen und einen braven Bauch, er ist Burger
und Spitzel, romantisch und michtern, er ist zwei Manner Wenn er
vom Dienst heimkommt, legt er seinen Kautschukkragen ab, das vor-
dere Hemdknopfchen aus gelbem Messing lafit er stecken, das wie ein
Abendstern leuchtet. Dann spielt er mit dem jiingsten Kind und halt
ihm seine grofie Rofikopfuhr an das kleine Ohr und sagt: »Tick-Tack,
Tick-Tack. « Dann schlaft er ein bifichen, steht auf, ladt seine Pistole,
geht auf die Visa-Jagd und erlegt Reisepasse.
Ein kleiner polnischer Jude ist aus Amerika heimgekehrt. Hier an der
Grenze erwartet ihn seine Familie. Der Jude tragt amerikanische Ge-
wander, einen Wiirfel aus grauem Stoff - das ist der Rock, und zwei
langliche Rechtecke - das sind die Hosen. Er reist in Pantoffeln und
geht so mit seiner Frau spazieren, in geblumten Pantoffeln, als ware
hier der Garten vor seinem Haus. Den Kindern, es sind drei Madchen,
hat er neue Kleider mitgebracht, und er fragt, was zu verzollen ist. Er
2}6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zeigt, dafi er, Gott sei Dank, nicht zu schmuggeln braucht. Ein Mad-
chen heifit Perele, kleine Perle; in einem Kleidchen aus diinnem oran-
genem Tiill ist es dem Vater entgegengefahren. Jetzt nimmt er es jedes-
mal auf den Arm und wird schwach und muE es absetzen. Er reist mit
vier Koffern von Chicago bis Jaworow. Fiir ganz Jaworow hat er Ge-
schenke gekauft.
Alle Grenzbeamten betrachten die jiidische Familie. Die polnischen
lacheln wie iiber einen alten Bekannten, der immer ein bifichen lacher-
lich war. Von den Deutschen mochte keiner eine private Meinung im
Dienst haben. Es ist nicht verboten, in gebliimten Pantoffeln auf dem
Bahnsteig zu spazieren. Es ist nicht verboten, auffallend zu sein. Was
ist da noch zu denken?
Plotzlich ist eine Tiir ins Schlofi gefallen, es war wie ein Schlag des
Schicksals :
Der griine Zollbeamte hat mit seinem Schlussel die Gittertur geoffnet
und geschlossen und ist heimgekehrt.
Der Jude aus Chicago fangt an, seine Kinder zu verstauen wie Kolli.
Zum Schlufi steigt die Frau ein. Sie hat einen weifien Reiher auf einem
schwarzen Crepehut, und es leuchtet der weifie Spitzensaum ihres Un-
terrocks auf dem Trittbrett. Der kleine Mann in den Pantoffeln starrt
auf diesen Spitzensaum, steigt ein, und der Zug fahrt.
In diesem Augenblick erblicke ich eine kleine Maus, die durch das
Gitter huscht, hinuber auf die andere Seite - in die Heimat, in die
Fremde? Alle Beamten blickten auf den Zug. War es eine Maus mit
Pafi oder eine Konterbandemaus? . . .
Frankfurter Zeitung, 16. 8, 1924
ZIRKUS IM NEGLIGE
Vor den Zelten des Zirkus Krone in der Danziger Strafie sitzt die Mu-
sikkapelle und blast Marsche. Die Musiker sind diinn, jung, schmal-
gliedrig. Sie stecken in weiten, dunkelblauen, silberverzierten Unifor-
men, die Armel und Hosen schlottern um ihre zarten Gliedmaften,
und die Musiker sehen aus wie junge Rekruten, denen der Herr
Wachtmeister die Monturen alterer Jahrgange zugewiesen hat. Es ist
1924 237
zehn Uhr vormittag. Der Zirkus ist soeben aufgestanden. Der Kassen-
schalter hat sein Auge aufgeschlagen. Aus den provisorischen Stallen
dringt Gewieher der Pferde, Gebriill der Lowen, tiefes, ernstes Grun-
zen der Ochsen, Krachzen der Papageien. Schon steht em langer Inder
im gelben Kittel auf einem Sockel und bietet Ansichtskarten feil. Der
kleine abessinische Pferdejunge hat ein schmales, kleines, knochiges
Gesicht, das glanzt wie das Reklameschild einer Schokoladenfabrik.
Der Billetteur ist ein kleiner Tscheche. Er ruft: »Herrrein!« - und rollt
das scharfe »r« auf seiner Zunge wie ein Feinschmecker, lange, lang-
sam, geniefterisch, bis es in den Gaumen hinabschmilzt. Der Lowen-
bandiger schreitet, furchtbar und schon in seinem roten, goldverzier-
ten Pyjama, eine Art Heugabel in der Rechten, iiber den Hof. Die
Heugabel ist, scheint es, das Friihstiicksbesteck der wilden Tiere. Bald
wir man ihnen grofie rote, rauchende, bluttriefende Pferdefleischwiir-
fel zustecken, die Maggiwurfel fur Bestien. Schon briillen sie in ihren
Kafigen nach Bedienung. Vor den Gittern stehen die Zuschauer, die
schon gefriihstuckt haben und infolgedessen nicht mehr briillen.
Die Kamele drangen sich auf einem kleinen Podium hinter gespannten
Seilen und strecken ihre langen Halse ins Publikum. Man schenkt ih-
nen eftbare Kleinigkeiten. Sie schnuppern zartlich, dankbar und
fromm. Sie stromen eine gute Warme aus. Ihnen gegeniiber sind die
Kafige mit den Straufien. Die Sraufte sehen aus wie Kamele der Vogel-
welt. Ihre Halse machen geradezu kamelhafte Bewegungen. Mit einem
Schritt ihrer langen Beine haben sie eine Diagonale durch den Kafig
gezogen. Sie essen Hafer und Mais zum Friihstuck. In ihrer Nahe heult
ein Schakal aus Asien, und ein Somali-Luchs schleicht aus seiner Hiitte
hervor. Dann kehrt er wieder um. Auf eisernen Stangen hocken bunte
Papageien. Sie heben eine Kralle und reiben den Schnabel. Sie haben
ein Jucken in der Nase. Die Elefanten schieben ihre Riissel durch die
Gitterstabe. Die Riissel sind unten fleischig, rosa und weich und mit
winzigen Harchen besat. Das Riisselende erinnert an Schnecken.
Am warmsten ist es in der Nahe der Ochsen, der Zebu-Ochsen und
Stiere, die in Indien angebetet werden. In Europa dressiert man sie.
Aber trotzdem stromen sie eine lebendige, heitere Warme aus und
einen scharfen Geruch. Es ist gleichsam eine gebeizte Warme. Sie blik-
ken gut und fraulich in diese Welt feindlicher Dompteure und Zu-
schauer. Sie sind wie gute, verzeihende Mutter. Sie vertreiben nicht
einmal die schmarotzenden Fliegen, die sich auf den breiten Riicken
238 DAS JOURNALISTISCHE WERK
niederlassen. Nur manchmal lauft nervos ein Zittern durch das Fell,
vom Nacken bis zum jungsten Ende der Wirbelsaule.
Vom Dunst, den Mensch und Tier ausstromen, ist die Luft grau und das
Tageslicht dammerig. Aber es ist ein traulicher Dammer. Der Larm,
zusammengesetzt aus Disharmonien, wird endlich harmonisch. Das
zischende Fauchen eines jungen Tigers unterbricht die Melodie des
Marsches nicht, sondern vervollstandigt sie. Das dumpfe Muhen einer
Kuh stort keineswegs den jugendlichen Triller der Piccoloflote. Wohl-
geordnet ist das akustische Chaos. Harmonisch ist das Durcheinander
der Stimmen. Nur die menschliche Stimme stort, Ein weinendes Kind
fiigt sich noch in die gesetzmaftige Wirrnis der Laute. Ein erwachsener
Mann aber, der »Kiek mal, Lotte!« briillt, hort sich barbarischer an als
ein Berberlowe.
Gehen wir in den Pferdestall, wo die Schimmel und die Braunen stehen,
jedes Pferd an die Wand gekoppelt, vor sich ein Stuckchen grauer Zelt-
leinwand. Das ist seit Jahren die Welt. Ein Stuckchen grauer Leinwand,
ein schwarzer Riemen, ein bifichen Heu und Hacksel, ein Eimer, halb
gefiillt. Die Beleuchtung wechselt, je nachdem, ob die Sonne am klaren
Himmel wandelt oder ob Wolken sie verbergen. Riickwarts ist Raum
genug. Aber wer kann sich umwenden? Von Zeit zu Zeit fiihlt man die
gute Hand des Warters, den freundschaftlichen Schlag auf den Riicken
und wedelt ein wenig mit dem Schwanz. Zur Abwechslung scharrt man
mit dem rechten Vorderfufi im Stroh, scharrt und hort auf und fangt
wieder an. Das ist alles. Aber wenn die Sonne untergeht und wir schlaf-
rig werden, miissen wir hinaus, in Lichtmeere, in Klangstrome, musika-
lische Orkane gehen iiber uns hin, wir wirbeln in stromenden Sonnen
und in schrecklichen Gewittern aus Applaus ...
Die Hunde bellen eifrig, erbittert, feindselig, an den Pfosten angekettet,
welche die Spitze des Zeltes an gespannten Seilen festhalten und wie
kunstliche Wurzeln des luftigen Gebaudes sind. Die Hunde zerren an
den Ketten, an den Pfosten, der Platz ist weit, und man konnte sich
stundenlag tummeln. Aber es geht nicht. Wenn ein Mensch vorbeigeht,
werden die Tiere still, wedeln und senden flehende, untertanige Blicke
aus weifien Augapfeln empor. Immer wieder versuchen sie, ob es nicht
gelange, einen guten Menschen zu finden, der sie befreie von Kette und
Pfosten. Aber Hunderte gehen voriiber, und kein einziger Mensch ist
gut. Man wird wohl schon so sterben miissen einmal, an der Kette.
Wenn ich nicht irre, ist hier der Herr Direktor zu sehen, erkennbar an
1924 239
der zweimal geschwungenen Uhrkette aus schwerem Gold iiber der
Weste. In der Mitte, von der die beiden Kettenbogen auslaufen, klirrt
wehmiitig ein goldgefafiter Elefantenzahn in Miniatur, sooft er an
einen Knopf anstoftt. Der Herr Direktor begibt sich zur Kasse, wo die
Leute in langen Reihen anstehen, er geht an dem ehrwiirdigen Inder
vorbei, der sich auf dem Postament verneigt wie ein Denkmal, das
plotzlich aus Respekt lebendig geworden ist. Der tschechische Bille-
teur rollt einen Guten Morrrgen durch den Stall, und die Lowen be-
griifien ihren Arbeitgeber mit dem schmerzlichen Gebriill der Ausge-
beuteten. Nur die klugen Papageien heucheln freudige Uberraschung
und reden alles, was sie gelernt haben. Die blauen Musikanten blasen
einen Tusch.
Frankfurter Zeitung, 5.9. 1924
EIN STRAUSS IST KEIN PFERD!
Ich bin nach Ruhleben gefahren, um die Straufterennen zu sehen, aber
sie rannten nicht. Ein Straufi ist kein Pferd. Ich hake es fiir ein Un-
gliick, dafi die Pferde rennen. Aber ich habe mich damit abgefunden,
wie sie selbst es getan haben. Der Italiener Signor Franco Melonis dage-
gen ist der Meinung, dafi auch die Vogelwelt den Buchmachern unter-
worfen werden musse. Er hat zehn Straufle nach Berlin gebracht und
sie wochenlang dressiert. Er hat ihnen wunderbare Namen gegeben:
Bellana, Stino, Battista, Petturu, Picolini, Ras Aluka und so weiter. Die
Berliner veranstalteten ein Trabrennen nach Ruhleben, setzten sich
und warteten. Dann kam ein Strauft, legte sich in den Sand und wollte
nicht laufen. In diesem Augenblick fuhlte ich das Waken einer hoheren
Gerechtigkeit. Gott leistete dem Buchmacher passiven Widerstand.
Und Gott blieb siegreich. Im Kampf gegen Sensationsveranstaker
pflegt er sonst zu unterliegen.
Uber diese miftlungene Sensation brauchte man weiter nichts anderes
zu berichten, als daft die versammelten Menschen lachten. Sie fanden
es lacherlich, dafi Franco Melonis sich blamiert hatte. Fiinf erwachsene
Manner, darunter ein Photograph, umstanden einen groften Vogel und
baten ihn aufzustehen. Das war wirklich ein bifkhen lacherlich. Der
240 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Straufl blieb sitzen. Wochenlang, Tag fiir Tag, hatte er laufen miissen.
Man setzte ihm ein Kappi auf den Kopf, band Ledergurte um seinen
Hals und zwang ihn, ohne Ziel zu rennen. Was war das plotzlich fiir
ein unheimlicher Druck auf dem Schadel? Die kleine Kappe wurde mit
jedem Schritt schwerer. Wollte man den Kopf in den Sand stecken, um
sie abzustreifen, so rifi jemand ruckwarts am Zaumzeug. Ein lacherli-
ches Gefahrt baumelte, schlenkerte. Eine Peitsche knallte. Menschen
schrien.
Da wollte der Strauft weinen. Aber er war kein Mensch. Sein Herz
klopfte nur. Sand war unter seinen Fiifien, aber es war nicht der Sand
der Heimat, der warme, trockene, feine, rieselnde Staubsand. Es war
ein feuchter lehmiger Sand. Wolken jagten iiber die Welt. Man fror.
Eine trockene Trauer stieg in die grofien, scharfen, dunklen Augen des
Vogels. Ein leises Zittern, das niemand merkte, lief in sanften Wellen
iiber den langen Hals. Ein paar Federn straubten sich.
Das war alles. In den Zeitungen stand nur: »Eine mifilungene Sen-
sation«. Man lachte den Signor Franco Melonis aus. Der aber hat seine
Absicht noch nicht aufgegeben. Am nachsten Sonntag wird er noch
einmal die Natur herausfordern. Denn die Vogel sind teuer. Ein Straufi
kostet 4 bis 5000 Goldmark. Und viel eher kann man von einem Straufi
verlangen, dafi er ein Rofi werde, als von einem Menschen, dafi er sein
Geld »umsonst« ausgebe.
Frankfurter Zeitung, 6. 9. 1924
PIETAT MIT HANDGRANATE
In der Berliner Technischen Hochschule wird sich bald ein Denkmal
erheben, das den Zweck haben soil, die Gefallenen zu ehren und die
besondere Bedeutung der technischen Wissenschaften zu bezeichnen:
Es wird einen Krieger darstellen, der eine Handgranate schleudert. Der
Plan ist perfekt, der Bildhauer hat den Auftrag, und es wird ihm nicht
schwerfallen, ihn auszufiihren. Das Denkmal wird in der groften Halle
stehen. Es war hochste Zeit. Es war Zeit, die vielen Schwertschwinger
und Speerwerfer durch den modernen Kampfer zu ersetzen, das Sym-
bolische ins Realistische zu iibertragen, es war Zeit, nicht nur die To-
1924 241
ten, sondern auch die Toter zu ehren, nicht nur den Tod, sondern auch
sein Instrument. Es fehlte der Gesinnung, die unaufhorlich vorgibt, die
Opfer zu betrauern, indessen sie den Frieden bedauert, ihr eigener pla-
stischer Ausdruck. Noch hatte die Bestialitat des chemisch-techni-
schen Krieges kein Monument. Die Technische Hochschule wird es
ihr widmen. Ich kann den Namen des Bildhauers, der das Denkmal
ausfiihren soil, nicht erfahren. Ich wiirde den Schmerz, ihn kennenzu-
lernen, gerne in Kauf nehmen, wenn es mir moglich ware, ihm folgen-
des zu sagen:
»Mein Herr, haben Sie jemals eine Handgranate geschleudert? Fiihlten
Sie in Ihrer Rechten die komprimierte Holle, die zum Ausbruch
drangte, wahrend Ihre Lippen bis 21 zahlten, trocken, heifi, zitternd in
der Furcht, dafi Ihre hastigen Finger sich nicht schnell genug losen
konnten vom Tod, den sie schleudern sollten und der Sie selbst treffen
wiirde? Sahen Sie jemals einem Menschen ins Auge, dem Ihre Hand-
granate zugedacht war? Und erlebten Sie die Wirkung? 1st Ihnen je-
mals ein getroffenes Antlitz aufgefallen, eine rote Hohle, das ganze
Gesicht ein einziger roter, verbrannter Rachen? Haben Sie nie be-
merkt, wie eine Menschengruppe auf Handgranaten reagierte? Wie sie
in die Luft flog, zertriimmert, Leiber in Scherben, Hirnschalen in Brei,
Gliedmafien wirbelnd in Mannshohe, Rippen in weifien und rotlichen
Splittern? Wenn Sie es selbst nicht gesehen haben, so lassen Sie es sich
sagen, dafi jeder Mensch, der jemals eine Handgranate warf, ungllickli-
cher war als der Getroffene. Seine eigene Seele zersplitterte, ehe des
andern Leib zerbrach. Oder er war kein Mensch. Wenn Sie aber zufal-
lig selbst eine Handgranate jemals warfen, und sie blieb dennoch das
Objekt Ihrer Verehrung, dann wiinschte ich, Sie stiinden selbst anstelle
Ihres Denkmals in der groften Halle der Technischen Hochschule, eine
Stielhandgranate in der Rechten schwingend - ohne zu zahlen. Sie
wiirden zu spat erfahren, was dann geschahe. Ich wiinschte, Sie waren
Ihr eigenes Monument. Leben Sie wohl, mein Herr!«
So wiirde ich zu dem Bildhauer sprechen. Aber es wird nicht gesche-
hen. Ein Handgranatenwerfer wird sich in der Halle der Hochschule
erheben, ein schoner Jungling aus Stein, voll verlogener Klassik, ein
Soldat, wie er niemals gelebt hat und niemals leben wird. Am nachsten
Morgen wird man das Denkmal einweihen, und ein Student wird eine
Rede halten und geloben, daft er »weiterhin« Handgranaten schleu-
242 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dern wird. Seine Rede wird genauso sein wie das Denkmal, klassisch
verlogener Kitsch aus Wortmaterial, und zur Lasterung des Gedan-
kens fiigt sich die Schmahung des Wortes, wie wir es taglich erleben!
Frankfurter Zeitung, 8.9. 1924
DIE KANZEL IM CHAOS
Uber den Potsdamer Platz sind seit einigen Wochen Planken gespannt,
wie eine Art holzerner Wascheleinen. Man baut Rettungsinseln (baut
sie mit jener bedachtigen Griindlichkeit, die Berlin von anderen gro-
fien Stadten der Welt unterscheidet, aber nicht vor ihnen auszeichnet).
In der Mitte hat man eine holzerne Tribune errichtet. Ein paar Stufen
fuhren zu ihr empor. Oben steht ein Polizist, durch einen Gummi-
mantel vor den Unbilden der Witterung gesetzlich geschiitzt, und re-
gelt den Verkehr, indem er eine Trompete mundhabt. Der Potsdamer
Platz sieht aus wie ein Wohnzimmer vor einem grofien osterlichen
Reinemachen. Der Schutzmann in der Mitte erinnert an einen Tapezie-
rer auf der Leiter.
Das klingt ein bifichen blasphemisch, und ich bereue den Vergleich in
demselben Augenblick, in dem ich ihn niederschreibe. Denn ich weifi,
was der Mensch der Behorde schuldig ist: zehn Prozent Steuern, hun-
dert Prozent Respekt. Und auf die Gefahr hin, dafi nichts mehr fiir die
Selbstachtung ubrigbleibt, begebe ich mich in die Nahe der Tribune,
um mein Urteil zu korrigieren. Hier erlebe ich die Bekehrung zum
Untertan.
Ich mufi vorausschicken, dafi ich mich schon in Gegenwart einer eben-
erdigen Polizei anders fiihle als in meinem Zimmer, wenn ich iiber sie
schreibe; anders, das heifit: weniger sicher, weniger selbstbewuftt. Es
ist keine Kunst, ironisch zu sein, wenn man schreibt. Aber ich wiifite
gern, ob die grofien Satiriker der Weltliteratur es auch dann waren,
wenn sie einer Polizei gegeniiberstanden. Was mich betrifft, so habe
ich die Erfahrung gemacht, daft meine Furchtsamkeit viel grofier ist als
mein Talent, ironisch zu sein.
Ich bin also besonders dazu pradestiniert, eine Obrigkeit zu fuhlen, die
oben ist. Der Polizist auf der Tribune kommt mir anders vor als seine
1924 243
Kollegen auf der Strafie. Dieser Polizist hat einen besonders buschigen
rotlichen Schnurrbart, massive Schultern, auf denen eine Menge Ver-
antwortung Platz hat, den kuhnen Blick der Tiirmer und Seefahrer, die
muskulosen gespreizten Beine eines marmornen Denkmals und die
entschiedenen befehlenden Armbewegungen eines grofien Strategen,
der eine Schlacht leitet. Seine Lenden sind gegiirtet, ein Bajonett hangt
an seiner linken, eine Pistole an seiner rechten Seite. Er ist der Herr-
scher iiber Berlin.
Er ist mehr als ein Herrscher. Seine Tribune ist mehr als ein Thron.
Ergriffen von der imposanten Statur und Tatigkeit des Mannes, habe
ich plotzlich die Vorstellung, dafi er den Verkehr nicht regelt, sondern
zelebriert; daft sein holzernes Gestell eine Kanzel ist; dafi rings um ihn
der Gottesdienst der neuen Zeit stattfindet. In frommer Andacht ver-
harren die Gefahrte auf einen Wink seines Zeigefingers. Wenn Auto-
mobile Knie hatten - sie wiirden sich auf sie niederlassen. Ich erlebe
die Vision eines neuen Gottesdienstes, eines Gotzendienstes wahr-
scheinlich. Ich vernehme den heidnisch-chaotischen Orgelklang der
vielstimmigen Gefahrte, das ungeduldige, drangende, mahnende, kla-
gende Getue der Automobilhupen, die wie das Wimmern und Heulen
der Verdammten sind. Ich habe die Vision des neuen Gottes, dem all
dies gilt, eines Gottes aus Stahl, Eisen, Elektrizitat, Stickgas und Bank-
notenpapier.
Kluge Techniker kommen aus Amerika und bringen das Modell eines
Verkehrsturmes heriiber, eines grofien Turmes, der sich an Stelle der
Tribune erheben und der in der Nacht aus griinen, gelben und roten
Augen furchtbar blicken wird. Es werden die bunten Augen des
zwanzigsten Jahrhunderts sein, vor dessen unbekummerter Muskel-
kraft unsere ganze subtile Ironie verkummert, verweht und Nichts
wird . . .
Hoch oben, fast schon in die Wolken ragend, wird die Polizei sein,
meiner Furchtsamkeit entriickt und meinem Spott wiedergegeben.
Darauf freue ich mich.
Frankfurter Zeitung, 12. 9. 1924
AIDA-RUMMEL
Als Pietro Mascagni vor einer Woche nach Berlin kam, standen die
Zeitungen am Bahnhof, die Kundschafter der Redaktionen und die
Zeichner mit dem aktuell gespitzten Stift. Einer Dame blieb es vorbehal-
ten, ihn zu erkennen. Hierauf stiirzten sich sechs Reporter auf den
Dirigenten. Einer hatte ihm schon unterwegs aufgelauert und ihn aus
dem Zuge der Stadt Berlin apportiert. Am Abend las man in den Blattern
die »Erinnerungen« der alten und die Interviews der jungen Journalistik.
Indessen rasten durch die Stadt Automobile und regneten mit Ankiindi-
gungen der »Aida«-Vorstellung in der grofien Automobilausstellungs-
halle, welche am Kaiserdamm gelegen ist und 12 000 Zuschauer fassen
soil.
Vor einem ebenso grofien oder noch grofieren Publikum hatte Mascagni
in den letzten Wochen dieses Sommers in Wien die »Aida« dirigiert; aber
unter freiem Himmel. Der nahm der Veranstaltung den unangenehmen
Charakter einer »Monster-Demonstration« und verlieh ihr sogar ein
klassisches Profil. Das Riesenorchester, der ganzen Welt gleichsam preis-
gegeben, nicht zwischen Wande gezwangt, verlor die Halfte seiner pro-
vozierenden Stimmgewalt, und des lieben Gottes freier Wind blies den
Instrumenten ihren uberfliissigen Schall in die Wolken, Wiesen und
Baume. Nach Berlin aber kommt Mascagni, wie es sich gehorte, beim
Ausbruch der Saison, die iibrigens eine echte »Saisong« zu werden ver-
spricht. Die kalten Nachte sind da. Eine »Aida«-Vorstellung vor 12 000
Personen mufi jetzt in einem Haus stattfinden. Die Natur selbst sorgt
dafiir, dafi in Berlin ein »Rummel« wird, was in anderen Stadten immer
noch eine popular-romantische Angelegenheit war.
Und es wurde ein Rummel. Eine »Revue« ist nichts dagegen. Polizei,
Automobile, Droschken, Pass an ten, Zeitungshandler, Taschendiebe,
herrenlose Hunde und Kinder bilden eine Stunde vor Beginn einen
einzigen RiesenknaueL Diese Stadt leidet an einem Uberschufi derjeni-
gen, die auf eine Art jus primae noctis der Sensationen Anspruch erheben.
Sie sind immer aufgeregt, vergramt, erbittert, ich mochte sagen: freudig
erbittert, mit Behagen halb iiberfahren, geniefierisch gefahrdet, und sie
kosten alle Lebensfreuden dort, wo diese bereits todlich werden. Die
Geniefier stromten, zwangten sich, schlugen sich in die Ausstellungshalle
durch. Infolgedessen war sie gefiillt.
1924 245
Gefullt, dunkel, schmal unendlich, von summenden, brausenden Stim-
men durchflutet, von Schweifi und animalischer Elektrizitat geladen;
kurz: ein Berliner freudiges Verhangnis. Unter beziehungsweise vor
den Anwesenden bemerkte man (aber nur, weil man sie suchte) den
Reichsaufienminister Stresemann, den Polizeiprasidenten Richter, ein
paar beriihmte Operettenkomponisten, die hier offenbar den Neid ler-
nen wollten. Die Vorstellung begann, die Musik donnerte, blitzte, die
Pianos wuchsen sich aus, schwollen an zu Fortissimos, es war eine
gedunsene Musik, und es fehlten nur die Hupen der heimischen Auto-
mobile, die man eben der »Aida« wegen hinausgeschafft hatte. Schliefi-
lich kamen wirkliche, lebendige Kamele aus dem Zoologischen Garten
auf die Biihne, in den letzten Reihen wurde es lebendig, jeder wollte
die Kamele genau sehen, die Tiere selbst sahen beschamt weg, und ich
erwarte, dafi sie einen guten Eindruck von der menschlichen klassi-
schen Musik behalten haben.
Mascagni erschien, und 24 000 Hande klatschten, 24 000 Fiifie trampel-
ten; er nahm Lorbeer- und Oleanderkranze entgegen, Kranze von
iiberdimensionaler Sinnigkeit, die man den Mafien des Raumes ange-
pafit hatte. Von den Wanden klatschte es zuriick, wie ein geschwolle-
nes Ungeheuer spannte sich das Echo iiber die Halle und schleuderte
aus tausend geoffneten Rachen Rufe, Drommeten, Gesang und Ge-
stampfe wider. Es war wie eine antediluviale Oper, eine Musik aus
prahistorischen Quadern, ubermenschlich, ein kostliches Vergniigen
fiir Giganten und Titanen.
Frankfurter Zeitung, 16. 9. 1924
VERLEGER-TEE
Die Berliner Verleger sind durch den Herrn Johann O. Trebicz auf die
gute Idee gebracht worden, sogenannte »Verleger-Tees« zu arrangie-
ren, bei denen das Publikum - Kaffee trinkt und zu denen die Presse
eingeladen ist. Die Autoren dieses oder jenes Verlages lesen aus ihren
Werken vor. In der Pause kann man Bucher kaufen, die im Vorraum
ausgestellt sind. So lernt der Leser den Autor personlich kennen, der
Kritiker beide. Es ist eine gluckliche »propagandistische« Idee.
246 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ich war beim letzten »Verleger-Tee« des Verlags »Die Schmiede«,
horte Albert Daudistel ein starkes Romankapitel vorlesen, Walter Ha-
senclever, Rudolf Leonhard, Leo Matthias s Alfred Wolfenstein und ein
Kapitel aus einer Erzahlung von Ernst Weift. Ein Schriftsteller, der
neben mir safi, zitierte Karl Kraus: »Ein Autor, der liest, ist wie ein
Kellner, der ifit.« Es war ein gliickliches Zitat, in einem Augenblick
ausgesprochen, in dem die Kellner servierten, wahrend die Dichter la-
sen.
Denn so ist es in Berlin, wo fast jede Kulturveranstaltung von dem
Nebenzweck gestort wird, der mit ihr verbunden ist. Ein »Verleger-
Tee« findet zum Beispiel in dem Kabarett »Die Gondel« statt, der Ein-
tritt ist frei, und der Gastwirt mufi verdienen. Das sind Zusammen-
hange, die man ohne Erlauterung nicht versteht: Wiirde man Eintritts-
preise verlangen, so wiirde sich kaum ein Drittel derjenigen fur den
»Verleger-Tee« interessieren, denen bei freiem Eintritt ein Interesse
fur die Literatur passiert. Vom Inhaber eines literarischen Kabaretts
kann man selbstverstandlich kein Verstandnis fiir die prekare Lage der
Literatur erwarten. Er stellt den Raum umsonst zur Verfugung. Dafiir
raumen ihm die Veranstalter das Recht ein, samtliche Besucher zum
Kaffeetrinken zu zwingen. Und so geschieht es. Aus Angst, ein paar
Besucher konnten dem Kaffee entgehen, beeilen sich nervos beflissene
Kellner, mit Tassen und Besteck zu klirren, wahrend der arme Autor
auf dem Podium liest. Der Saal ist voll, ein paar Gluckliche haben
keinen Tisch mehr gefunden, und da man ihnen keine Kaffeetasse in
die Hand driicken kann, entgehen sie zwar dem Genufi, den Autor zu
horen, aber auch dem Ungluck, Kaffee trinken zu mussen. Solange die
ersten drei Autoren lesen, wird geklirrt. Wahrend die letzten drei le-
sen, wird kassiert. Und man begreift, dafi die Angst um das Geld star-
ker ist und zu dringlicheren Storungen Anlafi gibt als die Furcht um
ein paar entwischende Nicht-Trinker. Ich warne jeden, der in Berlin
einen »Verleger-Tee« besucht, aus der Qualitat des obligaten Kaffees,
den er ja einnimmt, auf die des Autors zu schliefkn, den er selber nicht
genieften kann. Der Kaffee ist schlecht und mufl mit Kuchen einge-
nommen werden. Das kostet zwei Mark und funfundsiebzig Pfennig.
Man mufi Gott danken, dafi man nicht Sekt eingeflofk bekommt.
So wird die gute Idee barbarisch ausgefuhrt. Der Kaffeesieder profi-
tiert. Der Dichter, trunken von seinem eigenen Wort, wie es sich fiir
Dichter gehort, kommt niemals auf die Idee, den Kellner sprechen zu
1924 247
lassen und zu verstummen, wo die hoheren Interessen des Gastwirts
zum Ausbruch drangen. In der Atmosphare dieser verdienenden Stadt,
in der Luft des »Noch und Noch« wird fast jede geistige Veranstaltung
zum »Klamauk«.
Frankfurter Zeitung, 18. 9. 1924
WIEDERBELEBUNG DURCH 20 000 ZINNSOLDATEN
» . . . hat seine Jugendneigung beibehalten und spielt noch
heme mit seinen Soldaten . . .«
Generalmajor Graf v . d. Goltz
Es ist nicht das erstemal, daft ein belangloses Ereignis die historische
Bedeutung eines Symptoms gewinnt; wohl aber ereignet es sich nicht
oft, daft eine Richtung den ganzen Jammer ihres geistigen Zustands in
einer einzigen Belanglosigkeit so treffend, so sich selbst treffend ent-
hiillt, daft sogar dem Karikaturisten nichts mehr iibrigbleibt, als zu
photographieren.
Unter dem Protektorat des Generalmajors Grafen v. d. Goltz veran-
staltete die » Deutsche Zeitung« eine Zinnsoldaten- Auste Hung in den
Raumen des Pochwaldt-Konzerns in der Steglitzerstrafte. Oh, das ist
nicht welterschutternd! Der Verkehr in der Potsdamerstrafte leidet
nicht darunter. Es fehlt leider an Reklame. Diese Ausstellung verdiente
es, popular zu werden. Der Prinz Oskar von Preuften hat sie eroffnet.
Der Generalmajor v. d. Goltz hat sie mit einem Geleitwort noch besser
gekennzeichnet, als sie es ohnehin schon war. Der Leutnant a. D. San-
der ist der Hersteller der Zinnsoldaten. Von ihm sagt der Generalma-
jor: daft der Leutnant »seine Jugendneigung beibehalten hat und noch
heute mit seinen Soldaten spielt«, allerdings »aber nicht mehr wie ein
Kind« - was um so verwunderlicher ist, als ja erwachsene Offiziere
leider nicht mit Zinnsoldaten, sondern mit lebendigen aus Fleisch und
Blut zu spielen pflegen.
Da wird eine Division aus Zinnsoldaten gezeigt - es sind 20 000. Die
»Deutsche Zeitung« will sie gezahlt haben. Sie befinden sich auf einem
fiinfzehn Quadratmeter groften Tisch. Ich glaub's gerne, daft es 20 000
248 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sind. Eine militarische Zinn-Revue. Noch und noch. Buntbemalte
Hauschen aus Pappe, Brunnen, Sand, Wasser, Maschinengewehre, Mi-
nenwerfer und spanische Reiter, Briicken, Tanks, Haubitzen, ein Fes-
selballonchen, die ganze Brutalitat des Krieges im Format der Kind-
lichkeit, eine sinnige Grausamkeit, die nichts vergessen hat, nicht ein-
mal das Blut, nicht einmal die Verwundeten. Man sieht es an und la-
chelt. Plotzlich aber erschuttert die grauenhafte Symbolik, die der Ver-
fertiger mit den wenigen Jugendneigungen nicht gewollt hat und die
um so deutlicher hervortritt. Es ist, als ob sich die Materie an ihrem
Vergewaltiger hatte rachen wollen. Die ganze naturalistisch grausame,
farbige, peinlich getreue Darstellung wird unwahrscheinlich, phanta-
stisch, wahnwitzig. Ein zierlicher geschniegelter Mord wandelt durch
diese bleierne Welt. Mit behutsamer Sauberkeit erledigt er sein grafili-
ches Werk. Mit einer minutiosen Exaktheit vollzieht sich das Weltge-
richt liber zwanzigtausend bleierne, geputzte, saubere Korperchen.
Die siifien kleinen Heldchen werfen Handgranatchen furs Vaterland-
chen. Die spanischen Reiterchen sind so sauber, dafi es keinem Solda-
ten aus Blei einfallt, sie mit seinem Blut zu verunreinigen. Dieses liebli-
che Feldchen der Ehre ist dem Schutze des Publikums anvertraut. Auf
jedes Kliimpchen Blut steht eine Geldstrafe von zehn Mark. Es ist die
Vision eines pedantischen Morders, erlebt durch ein umgekehrtes
Opernglas. Und der Anblick dieser Division, die in der Ruhe sich be-
wegt, im Stillstand lebt, in der bleiernen Erstarrung funktioniert, uner-
mefilich in ihrer Winzigkeit, entsetzlich in ihrer Akkuratesse - der An-
blick dieser Division ist furchtbarer noch als das Erlebnis einer wirkli-
chen Schlacht. Man stelle sich die apokalyptischen Reiter in Einzoll-
grofie vor, die Pest in einer einzigen Giftpille. Es ist die trauliche
Heimwelt eines Kasernengehirns, ein Familienspiel im engeren Kreise
exerzierender Gedanken, das Produkt jener stillen Stunden, in denen
der Geist beim Leutnant Einkehr halt . . .
Nein, es hat sich nichts Erschutterndes ereignet! Ein Leutnant hat eine
bleierne Division dargestellt, auf einem Tisch, der funfzehn Quadrat-
meter mifk. Ein Generalmajor behauptet, diese Ausstellung ware eine
»Erinnerung« an unsere gefallenen und schwer verwundeten Kamera-
den, fiir die Uberlebenden und Gesunden eine Wiederbelebung des
Grofien, was sie geleistet haben«. Er ware nicht der Generalmajor, der
er ist, wenn er nicht hinzufiigen wiirde: »und als Mahnung fiir die
Jungen.«
1924 *49
Nicht viele reaktionare Generalmajore haben so viel Richtiges auf ein-
mal gesagt. J a, diese Ausstellung ist eine Erinnerung an die Gefallenen,
fiir den Pochwaldt-Konzern in der Steglitzerstrafie Gefallenen. Ja,
diese kleinwinzige Division ist eine Wiederbelebung des Grofien, des
grofien Leids, das wir erlitten; und sie ist eine Mahnung an die Jun-
gen . . .
Ganz Deutschland sollte diese Ausstellung sehen. Sie ist ein grausamer
Witz, um den die grofiten Satiriker die »Deutsche Zeitung« und den
Leutnant Sander beneiden konnten. Ein tragischer Witz. Nur den Ver-
anstaltern dieser Ausstellung und ihrem prinzlichen Eroffner und den
Besuchern aus ihrer moralischen Verwandtschaft kann es gelingen, im
Anblick dieses Zinns ernst zu bleiben. Der gesunde Menschenverstand
schiittelt sich vor Lachen u'ber eine gelungene Selbstparodie.
Aber das Herz erstarrt, und die Gotter verhiillen ihr Haupt.
Frankfurter Zeitung, 23. 9. 1924
VOLKSBUHNE
»Der tote Tag« ist die Tragodie des ewigen Kampfes zwischen Mutter
und Sohn, des Krieges zwischen dem mannlichen, dem Vater-Prinzip,
und dem weiblichen, der egoistischen Liebe der Mutter. Das Ewig-
Miitterlich-Weibliche zieht uns hinab, zuriick in die animalische Re-
gion des Schofies, der wir, die Sonne, zwar entsprossen sind, aber nicht
mehr angehoren. Wir sind, im Gegenteil, dem Kampf, der Welt, dem
Leben entgegengeboren. Es ist die Tragodie des jungen Parzival, ehe er
Herzeloide, seine Mutter, verlafit und sie mit dem Abschied totet.
Ernst Barlach, der Bildhauer und Dichter, verkehrt das Parzival-
Thema ins Tragisch-Ausweglose. Die mutterliche Kraft ist starker als
des Sohnes Berufung. Die Mutter totet das Zauberpferd, das drauften,
freudig wiehernd, auf den Sohn gewartet hat, das gefliigelte Tier, den
Pegasus der Genies. Im alten Parzival-Epos ist das Pferdmotiv auch
vorhanden. Da sattelt Frau Herzeloide dem Knaben einen alten Klep-
per, der den Reiter lacherlich machen und vielleicht in die Arme der
Mutter zuriickfiihren soil. Aber der Optimismus des mittelalterlichen
Dichters, seine siidliche Lust, in einigen tausend Versen die Taten sei-
25O DAS JOURNALISTISCHE WERK
nes Helden zu erzahlen, lafit das Unglaubliche wahr werden: Parzivals
Lebensmut befliigelt den lahmsten aller Klepper. Der Mutter Hoffnung
schwindet. Siestirbt. DerSohn triumphiertuberden mutterlich-animali-
schen Egoismus. Bei Ernst Barlach ist die Mutter-Sohn-Tragik konse-
quenter, dramatischer und voller. Die Mutter ertragt den Schmerz des
Sohnes um das verlorene Sonnenrofi nicht und totet sich. Der Sohn folgt
ihr in den Tod.
Dieses einfache Geschehen ist im »Toten Tag« eingebaut in die phanta-
stisch-gruselige Welt boshafter Hausgeister. In dem Hause, in dem
Mutter und Sohn leben und gegeneinander kampfen, lauern Steifibart
und Besenbein. Der Alb erscheint, sehr korperlich und im magischen
Licht eines blauen Scheinwerfers, bereit, sich vom Sohn ermorden zu
lassen, auf daft die Welt von ihm und er von sich selbst erlost werde.
Des Jungen Krafte sind zu schwach, zu sehr ist er der Sohn der Mutter,
zu wenig der Sohn des Vaters, des Unbekannten, des Gottes, wie die
Mutter behauptet. Der Alb geht hohnlachend davon. Als der Morgen
graut, erweist es sich, wie recht er hatte: An diesem Morgen totet die
Mutter das Rofi, schneidet sie mit dem Kiichenmeser dem Sohn die
Zukunft ab. Kule ist da, der alte Blinde, heimgekehrt zur Frau, die er
vor Jahren verlassen, er sitzt am Herd und hat keine andere Aufgabe
als die: Sentenzen zu sprechen und den vergeblichen Versuch zu ma-
chen, die Schuld der Morderin eine Zeitlang auf sich zu nehmen: bis
die Mahnung Steifibarts, des unsichtbaren Hausgeistes, die Blutschuld
der Mutter an das triibe Licht des toten Tages bringt und die bekann-
ten Konsequenzen zeitigt.
In diesem triiben Licht spielt sich alles ab: Die Worte haben einen
dunklen Sinn, sie liegen gewissermafien wie Nebel oder Mantel uber
ihrem eigenen Sinn. Der Hafi wiihlt unsichtbar wie der Hausgeist in den
Menschen. Nicht nur Kule, der Blinde, ist blind. Auch die scheinbar
Sehenden sind es. Sie tasten im Metaphysischen wie der Blinde im Zim-
mer. Die Handlung, den Gesetzen und Bedingungen der »unterbewufi-
ten« Welt entsprossen und ihnen folgend, bekommt niemals fest um-
grenzte Kontur. Alles Fafibare ist symbolisch. Die Menschen sind es
auch. Deshalb werden sie nicht »Gestalten«. Ihre Umrisse verschwim-
men. Diese Dichtung ist noch im Flufi. Der Bildhauer Barlach behandelt
Worte wie Marmor. Aber im Stein gewinnt das Werk durch die Materie
allein schon Grenze und Bestimmtheit. Die Worte aber, die Worte sind
selbst fliefiendes Material. Man muE sie langer meifieln als den Stein.
I 9 2 4 2 5 I
Die Spielleitung (Paul Gunther) unterstiitzte das Verschwimmende der
Dichtung, statt es zu verbannen. Sie legte Wert und Gewicht auf das
Musikalische. Sie hatte plastischer sein miissen. Sie gab schliefilich
Frau Johanna Koch-Bauer die unendlich diffizile Rolle der Mutter.
Frau Koch-Bauer war ihr nicht gewachsen. Man vermifke den grofien
Schmerz. Es war nur der physische, sichtbare und horbare Ausdruck
des Schmerzes. Franze Roloff sprach den unsichtbaren Steifibart. Es
war ein Experiment, ein sehr oft gelungenes physikalisches Wunder:
durch akustische Mittel eine optische Scheinwirkung hervorzurufen.
Den Sohn gab Carl Ludwig Achaz, der einzige an diesem Abend, der
das Gestaltlose zur Gestaltung reifen liefi und dessen Ekstase glaubhaft
wurde. Er ist eine berechtigte Hoffnung der neuen Buhne.
Die musikalische Untermalung besorgte Wolfgang Zeller. Aber die
Herren Hannemann, Wdlscher und Frau Koch-Bauer sangen ihre Rol-
len, als hatten sie die Aufgabe gehabt, Zeller zu erganzen. Mehr Ge-
staltung und weniger Melodie waren besser gewesen . . .
Vorwarts, 26. 9. 1924
»MICHAEL KRAMER«
Im Deutscben Theater wurde Gerhart Hauptmanns »Michael Kramer«
in der Regie Richard Gerners mit jener Feierlichkeit aufgefiihrt, welche
die Anwesenheit hoher Gaste anzudeuten pflegt: Gerhart Hauptmann
war da. Er verneigte sich am Schlufi, groft, schwarz gekleidet, ehrwurdig,
erfolggewohnt und sehr weifihaarig, noch ein Lebendiger und schon ein
Heros, noch in dieser Zeit und schon aus einer vergessenen.
Uber »Michael Kramer « liegt der wehmiitige Schimmer des Vergange-
nen. Um von dieser Tragodie des gehobenen Mittelstandes ergriffen zu
werden, miissen wir schon einige Voraussetzungen historischer Natur
erfullen. Tausend deutsche Akademieprofessoren, tausend Michael
Kramers haben ihre Sonne im Kriege verloren. Millionenfach hat der
Vaterschmerz in Europa geklagt, gestohnt und in erhabenem Trost
oder in klaglichem Alltag sein Ende gefunden. Hier ist ein Drama, das
in vier Akten fast nur vom Vaterschmerz handelt. Gewifi miissen wir
ihn mitleiden. Aber wir miissen auch vergleichen. In diesem Drama
252 DAS JOURNALISTISCHE WERK
stirbt ein junger Mann eines dummen Madchens wegen, von spiefiigen
Stammtischmenschen in den Tod gehetzt. Gewifi ist die Tragik eines
Menschentodes gleich grofi: ob er die Folge einer grofien Idee oder
eines kleinen Madchens ist. Aber seitdem dieses Drama zum erstenmal
aufgefuhrt worden, sind zahllose junge Menschen den Tod fur Ideen
und den Opfertod fur Verlogenheiten gestorben. Wir mussen verglei-
chen . . .
Erst nachdem wir solche historische Vpraussetzungen erfiillt haben,
gelingt es, mitzuleiden und mitzuweinen. Dann aber ersteht auch der
Glanz der Dichtung wieder neu, die goldenen Worte schimmern, und
das alte Weh der Welt wird fiihlbar. Man wiinschte sich in dieser Vor-
stellung nur einen mehr geschlossenen, knapperen Michael Kramer, als
es der Eugen Klopfers ist. Klopfer dehnt die Tragik durch die Aus-
drucksmittel leidender Alltagsmenschen, durch Stohnen, Achzen,
schmerzliche, banale Urlaute der Biirgerlichkeit so sehr, dafi er die
Tragik durchbricht. Er mischt Ungemutlichkeit in die hohe Festlich-
keit des Wehs. Eine strengere Selbst- und Regiezucht tate not. Paul
Bildt als Maler Lachmann war beherrschter und erzielte in aller Be-
scheidenheit doch eine vollendete Wirkung. Als Sohn vereinigte Ma-
thias Wiemen die tragische Groteske des Korperlichen mit der erbarm-
lichen Verstocktheit einer siindigen und heiligen Seele. Es ware noch
die intellektuell, pointiert erfafite, aber dennoch gut erlauschte Liese
Bansch der Anni Mewes zu erwahnen.
Vorwarts, 27. 9. 1924
>DER UNWIDERSTEHLICHE KASSIAN«
Dieses »Abenteuer eines Oberlehrers in drei Akten« ist kein »Stiick«.
Es ist in keines der dramatischen Gattungsfacher einzureihen. Es ist
nichts als ein Abenteuer in drei Akten. Ein alien Gesetzen der dramati-
schen Uberlieferung, des Handwerks, des »Baues« Hohn sprechendes
»Stiick«. Jede Pointenmoglichkeit wird ausgenutzt. Man geht auch
dem billigsten Witz nicht aus dem Weg. Um das diirre Geriist einer
sehr schwachlichen Handlung hangen Witze. Es ist, als hatte man an
einem kleinen, armlichen Weihnachtsbaumchen unzahlige Niisse und
I 9 2 4 253
Pralines angebracht - guter und schlechter Qualitat. Die Erfinder die-
ser unverdient, aber mit rucksichtsloser Witzigkeit behangten Hand-
lung sind die beiden BrUder Golz, die in Wien und Umgebung bekann-
ten und mit verdienter Liebe behandelten. Sie sind eine Besonderheit,
eine Spezialitat des ironiebegabten, fruchtbar-geistigen, sich selbst und
die anderen karikierenden Judentums.
Der Oberlehrer, dem im Komodienhaus das »Abenteuer« zustofit -
eine junge Frau flieht mit ihm, um ihren Mann eif ersiichtig zu machen,
flieht aber gerade mit ihm, um den Mann nicht eifersiichtig zu ma-
chen -, ist Ralph Arthur Roberts. Dieser Komiker in der Maske eines
jener Affenmenschen, die in den hoheren Lehranstalten so oft und so
redlich Naturgeschichte unterrichten, mit rotlichem Bart und sparli-
chem Haupthaar, einer noch nicht entschiedenen Glatze, behaftet mit
sachsischem Dialekt und jungfraulicher Mannlichkeit, sieht sich durch
allerlei unwahrscheinliche Begebenheiten plotzlich als einen von vier
Frauen heifibegehrten Mann und glaubt mit der Zeit selbst an den
»Zauber«, der von ihm ausgehen soil. So lange ist er grotesk-lyrisch,
von der Romantik eines verhinderten Don-Juantums uberweht, la-
cherlich, ohne es zu wissen, und also: lacherlich. Wie sich aber zum
Schlufi herausstellt, dafi kein Zauber von ihm ausgeht, wandelt sich das
Groteske ins Tragische. Dann ist es das Trauerspiel eines enttauschten
Menschen, der die traurigste Enthiillung erlebt: dafi er lacherlich ist.
Der dort verletzt wird, wo sogar die Manner, nicht nur die Oberlehrer
aus dem Geschlecht dieses »Dornbusch«, am verletzbarsten sind: in
der Region der Eitelkeit. Wie Roberts zum Schlufi auf die Verlegen-
heitsentschuldigung der jungen Frau reagiert, wie er zugibt, daft er das
ganze Spiel von vornherein durchschaut und nur aus Gutmiitigkeit
mitgemacht hat, wahrend er den tiefsten Schmerz, den der Selbster-
kenntnis, erlebt - - dieser Augenblick ist der Punkt, an dem der hoch-
ste Schmerz gleich wird dem Gelachter, dem verstummten und als
stille Klage fortwirkenden. Es ist der Meisteraugenblick eines starken
Komikers.
Vorwarts, 2. 10. 1924
»TOLKENING« IM DRAMATISCHEN THEATER
Tolkening ist ein Pastor, sanft, von pazifistischem Gemiit. Er wohnt
an der russischen Grenze, dort, wo es noch tiefe Walder gibt, Elche,
Wolfe und leidenschaftliche Frauen. Mit seiner Frau, einer von der
eben geschilderten Art, haust er in einem Turme iiber der Welt, deren
Seelsorger er ist. Den religiosen Bediirfnissen seiner Gemeinde geniigt
er. Den erotischen seiner Frau keineswegs. Er ist kein Kampfer, kein
Starker, ein Leidender vielmehr und ein Verzichter. Er ist der durch
Zivilisations- und landlaufiges Christentum degenerierte Mann. Sein
Freund, der Arzt, sieht es und weifi, woran es diesem Menschenpaar
fehlt. Der Pastor pflegt die Lammer, die Pastorin zwei gefangene
Wolfe. Eine sehr deutliche Symbolik. Eines Tages entlafit sie die Wol-
fin aus dem Kafig. Wahrend Pastor und Arzt hinausgehen, um das Tier
zu erlegen, lafit sie sich, brennend nach lange entbehrter Gewalt, vom
Wolfsmannchen die Kehle durchbeifien - in ihrem Schlafzimmer.
Nicht einmal »Torkel«, der wilde rothaarige Mann, ein freier Jager vor
dem Herrn, mit dem sie schon ein Rendezvous verabredet, hatte ihr
geniigt. Auch er war dieser Frau zuwenig Wolf. Das ist Tolkenings
erstes Erlebnis.
Sein zweites Erlebnis: Er hat eine Tanzerin geheiratet. Jenes Madchen,
das er einmal, als Jungling, iiberfallen und so leidenschaftlich defloriert
hatte, dafi er ihr das Kreuz brach. Er liefi sie liegen. Ein geheimnisvol-
ler »Dr. Schleier« pflegte sie gesund und fiihrte sie der Tanzkunst zu.
Man mufi sich das so, vorstellen, dafi der Frau schwach geheiltes, aber
bewegliches Kreuz der fiir den Tanz notwendigen Biegsamkeit des
Korpers Ursache ist. Tolkening ist bestrebt, seine Frau durch eine
wohllautende gehobene Sprache von der siindhaften Tanzbiihne »ins
Haus« zuriickzufiihren. Sie soil »lieber eine gute Hausfrau und Mut-
ter« werden - hatte ein prosaischer Mann gesagt, und das fortgeschrit-
tene Parkett hatte mitleidig iiber ihn gelachelt. Tolkening aber ist
durch seine edle Sprache vor dem Verdacht, ein Spiefier zu sein, jam-
bisch geschiitzt. Er ist gewissermafien ein metaphysischer Spiefier.
Denn ein merkwurdiger alterer Herr besucht ihn immer in seinen ein-
samen Stunden, ein »Geheimrat Einsam«, von dem man sofort weifi,
dafi sein burgerlicher Titel und Zylinder nur irdische Attrappe sind.
Dieser jenseitige Geheimrat weiht Tolkening in die Mystik der geisti-
1924 255
gen, reinen, der Engelswelt ein. Von ihm erfahrt man, dafi jener »Dr.
Schleier« eigentlich der Teufel ist. Und so weifi man es: Tolkening ist
der Vertreter des gottlich-sittlichen Prinzips auf Erden, und sein
Schicksal 1st es, durch das Mittel der Frau gegen den Teufel zu kamp-
fen. Im ersten Stuck unterlag er. Jetzt siegt er. Er umarmt seine Frau
nach langer Zeit offenbar zu heftig, ihr schwaches Kreuz bricht, und
sie stirbt, dem Teufel entrissen, den Engeln wiedergegeben.
Im dritten Snick ist Tolkening aus irdischen Bindungen herausgeho-
ben, ebenso wie sein Widerpart. Hier erscheint der Teufel als Teufel,
Tolkening als frommer Wanderer mit dem Glorienschein. Diese naive
Bildlichkeit ist auch notwendig, denn es handelt sich hier um ein naive-
res Milieu. Der Kampf geht um ein einfaches Bauernmadchen, den der
Teufel schliefilich verliert. Tolkening gewinnt ihre Seek, verjagt den
Teufel und bleibt auf der ganzen Linie siegreich.
Wenn diese drei Stiicke zu Ende sind, weifi man nicht, ob ihr Verfasser
Alfred Brust es ehrlich meint mit seiner dramatisierten Uberzeugung:
dafi das Gottliche in diesem naiven mittelalterlichen Sinn das Reine,
Anti-Fleischliche bedeutet - oder ob er nur ein Marchen erzahlen
wo lite. Es gelang ihm namlich nicht, uns zu bekehren. Das mufite
einem Dramatiker gelingen, der das ungeheure Wagnis unternimmt,
gegen eine herrschende Weltanschauung eine eigene, von der Mehrheit
der bewufk lebenden Menschen bereits uberwundene zu propagieren.
Das mufite ihm wenigstens in einem Einzelfall, dem von ihm behan-
delten, gelingen. Aber es ist keine Leidenschaft, die mitreiften konnte,
keine Tragik, die wir begreifen konnten, und also sind wir nicht iiber-
zeugt. Es fehlt in den beiden letzten Stiicken an dramatischem Tempo,
sonst waren wir wenigstens fur eine kurze Stunde Mitlebende, wenn
auch nicht Mitgerissene. Und obwohl die Regie Karl Vogts bemuht
war zu straffen, lyrisch Flieftendes zu konzentrieren, brach doch das
larmoyante Element der Dichtung immer durch. Die einfachen, ein-
drucksvollen Buhnenbilder Eugen Scbiifftans waren nicht imstande,
die weiche, konturenlose Begebenheit zu umgrenzen. Theodor Loos
gab in der Rolle Tolkenings das reine, gloriose Martyrertum. Im ersten
Snick hatte Maria Eis als Pfarrersfrau ein paar kraftvolle Momente.
Dann iiberwucherte Pathos bei alien. Es gab eine sehr bewegte Steige-
rung: den Anmarsch der Bauern im letzten Snick. Aber auch noch
einige solcher Augenblicke konnten nicht den peinlichen Eindruck
verwischen, daft hier viel und Billiges uberdeutlich gesagt wurde.
256 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Wenn im ersten Snick sehr ausfiihrlich und wiederholt Vortrage iiber die
Frauen gehalten wurden, in denen die Uberzeugung ausgesprochen ist,
dafi sie sich fiirchten wollen, wenn sie lieben sollen, dafi sie »geraubt« sein
wollen, daft sie das Animalisch-Furchtbare lieben - so ist man versucht,
dem Dichter zu sagen: »Wem erzahlen Sie das, Herr?«
Autor, Regisseur und Darsteller ernteten starken Applaus. Sie verneig-
ten sich.
Vorwarts, 4. 10. 1924
AMERIKANISIERTES KINO
Svend Gade hat einmal - es wird ein Jahr her sein - iiber die »Aufma-
chung« der amerikanischen Kinos in einer deutschen Filmzeitschrift
geschrieben. Diesen Aufsatz nahm sich die Berliner Branche zu Her-
zen. Es begann die Blutezeit der Staffage, der suggestiven Gewaltmit-
tel, der Gerausche, der Farbentohuwabohus, es fing an die Hypertro-
phic des Rahmens. Das Filmstuck ist eingebettet in musikalische, ma-
lerische, ornamentale Hiillen. In dem Theater, in dem man Lubitschs
ersten Amerikafilm »Rosite« auffuhrte, geschah folgendes: Die Musik
spielte eine »Ouvertiire«, dann fiel sie in Ekstase, verursachte dishar-
monische Gerausche, und gleichzeitig begannen einige Scheinwerfer
bunte Flammen iiber den Saal zu speien, Rot, Blau, Orange, Gelb
wechselten in rasender Folge, die Menschen rissen Mund und Augen
auf, iiber sie war Amerika hereingebrochen wie eine plotzliche Kata-
strophe, bei der die Notausgange nicht funktionierten. Diese iiberra-
schende Dusche aus Farbe und Gerausch dauerte etwa fiinf Minuten,
aber man war mit Amerika fur ein Jahr versorgt und als der Film an-
fing - iibrigens ein Durchschnittsfilm - bereits so miide, als ware es der
funfte Akt. Vollig erschopft torkelte man aus dem Kino.
Andere Kinos versuchen, den angeblichen »Stimmungsgehalt« des rol-
lenden Filmes in der aufieren Ausstattung der Theater zu erschopfen.
Sie hangen gelbseidene Lotosbliiten-Lampions vor den Eingang, wenn
der Film in einem exotischen Lande spielt, wie China zum Beispiel;
was sie mit Indien anfangen wiirden, ist mir ein Ratsel. So wird die
1924 2 57
Ankiindigung pompos, und je pomposer sie ist, desto armlicher der
Film. Der Superlativ ist schon vor dem Emgang iibersteigert. Die Ek-
stase der Reklame dampft die Begeisterung des Zuschauers. Schon die
lastige, ermiidende Annoncen-Zudringlichkeit vor dem Anfang des
Films ist imstande, das Interesse fur das Kommende einzuschlafern. Es
beginnt mit den »edelsten Likoren« und endet mit der patriotischen,
alkoholbegeisterten Aufforderung: »Deutsche, trinkt deutsches Bier!«,
die ubrigens wie ein Witz eines deutschfeindlichen Pariser Blattes
klingt. Hierauf senkt sich der Vorhang, dieser Vorhang, der nichts zu
verhiillen hat und infolgedessen so aufreizend wirkt wie die Geheim-
nistuerei eines nichts wissenden Diplomaten. Dann spielt eine sehr
mittelmafiige Kapelle Beethoven und, wenn man Gliick hat, Richard
Wagner. Aber da mufi man schon sehr viel Gliick haben. Dann folgt
die Filmwoche, die als eine Fortsetzung jener sympathischen nationa-
len Forderung, deutsches Bier zu trinken, die Niederlegungen, Kranz-
niederlegungen deutscher Generale an irgendwelchen Heldendenkma-
lern zeigt. Das ermudet, macht krank, ergeben und gleichgiiltig. In
diesem Zustand befindet man sich, wenn der Film anfangt.
Von den Darbietungen des letzten Monats bleibt das Lustspiel »Die
Ehe im Kreise« in freundlicher Erinnerung. Ernst Lubitsch hat es in
Amerika mit amerikanischen Darstellern gedreht. Es ist amiisant,
leicht satirisch, mit einer ganz leisen, fast verklingenden Andeutung,
moralisch zu sein. Man lernt daraus, daE Heiterkeit in der Atmosphare
liegt, in der amerikanischen, franzosischen, nur nicht in der englischen
und deutschen. Der pathetische Massenregisseur Lubitsch hat in Ame-
rika lachen gelernt. Nie ware es ihm in Deutschland gelungen. Mehr
als jeder andere Apparat ist der Filmaufnahmeapparat abhangig von
der Luft, dem Klima, der Stimmung, den Ergebnissen psychologischer
und geographischer Verhaltnisse. Die Menschen sind mehr oder weni-
ger uberall dieselben. Die »Branche« ist in Frankreich, New York und
Berlin zum grofien Teil dieselbe homogene Schicht. Dennoch entste-
hen typische deutsche, franzosische, amerikanische Filme. Das
»kommt von der Luft . . .«
In einem Wiener, das heifit: in Wien gedrehten Lustspiel sah man den
franzosischen Komiker hinder nach langer Zeit wieder. Wie Chaplin
die Groteske zur kaltschnauzigen Brutalitat steigert, so mildert Linder
2$8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
die groteske Brutalitat durch galante Drolligkeit, elegante, versoh-
nende, rundende Geste. Er ist ein Pariser, trotz seinem Namen und
seiner wahrscheinlich deutschen Abstammung. Chaplin verspottet die
Form, desavouiert sie, beweist geradezu ihre Schadlichkeit. Max Un-
der wahrt sie immer, auch in der verrucktesten Situation, und beweist
so ihre Notwendigkeit. Chaplin ist immer originell. Linder ver-
schmaht auch eine oft verwendete lacherliche Situation nicht, aber er
formt sie durch graziose Liebenswiirdigkeit zu einer ganz neuen. Cha-
plin bestreitet in einem Film die Komik ganz allein - Linder setzt auch
den Nebenpersonen komische Lichter auf. In seinen Filmen ist Schnel-
ligkeit wie in den amerikanischen. Aber es ist nicht die Schnelligkeit
der Maschine, sondern die elegantere des Wiesels, des Tiers, eine ani-
malische Fixigkeit.
Mauritz Stiller, der kultivierteste, der dichterische, der Hamsun der
Filmregisseure, hat »Gosta Berling« verfilmt, den beriihmten Roman
der Selma Lagerlof. Der Film blieb - besonders im zweiten Teil - weit
hinter dem Roman zuriick. Die Dichterin soil selbst mitgeholfen und
Anregungen gegeben haben. Es fehlt nicht an der Stimmung, die eine
Konsequenz des Milieus ist. Wohl aber an jener, weitaus wertvolleren,
die ein Resultat und eine Ursache der Dichtung ist. Was ein Helden-
epos ist, wird im Film ein Sittenbild, eine Kulturmalerei.
Was Mauritz Stiller nicht ganz gelingen konnte, mufite dem Regisseur
Carl Th. Dreyer vollstandig mifilingen, der es unternahm, Herman
Bangs »Michael« zu verfilmen und nach dem Manuskript der Thea v.
Harbou, die schon »Die Nibelungen« griindlich mifiverstanden hat.
Hier sieht man, wie aus einem sensiblen Kunstwerk ein lappisches
Filmstuck wird: Benjamin Christensen, der die Rolle des Meisters
spielt, kann durch rein plastische Wirkung nicht den Zauber ersetzen,
den Bang im Roman durch musikalische Hilfsmittel hervorruft. Ein
belangloser, hubscher, junger Mann (der Sohn des Sangers Slezak)
spielt den Michael. Der ist im Roman ein schoner junger Mann mit der
gesunden Unerbittlichkeit der Jugend. Im Film ist es ein mannliches
Kammerkatzchen. Der Meister wandelt im seidenen Pyjama herum,
und die groEen Werke, die der Regisseur Dreyer unvorsichtigerweise
auch sehen lafit, sind Kitsch aus einem »Kunstladen« der Friedrich-
strafte. Es ist viel »Stimmung« aus den Situationen herausgeholt, aber
1924 259
zu Sentimentalitat erweicht. Es ist ein »Michael« in kleinbiirgerlicher
Bearbeitung, wie »Die Nibelungen« eine Bearbeitung fur die erwach-
sene Jugend waren. Thea v. Harbou hat gewift Qualitaten. Sie sollte
sich fiir die Romane von Norbert Jacques und Ludwig Wolff aus der
»Illustrierten« reservieren. Herman Bang liegt auf einer anderen
Ebene.
Im »Ufa-Palast am 2oo« sieht man eine amerikanische Verfilmung des
alten jiidischen Konfektionslustspiels »Pottascb und Perlmutter«, das
eine innige Vertrautheit des amerikanischen Regisseurs mit den Sitten
und Gebrauchen der jiidischen Welt verrat. Als »Einlage« wird eine
»Modeschau« gezeigt. In der Mine der Buhne erhebt sich eine Wen-
deltreppe. Damen und Herren in seidenen Kleidern, mehr vom bunten
Licht der Scheinwerfer als von Stoffen bekleidet, erscheinen, ver-
schwinden, kommen in neuen Kleidern, drehen sich. Amiisant sind die
Herren in Zylindern, mit Radmanteln und Stocken; sie trippeln wie
junge Madchen, werfen kokette Blicke um sich, sind »Helden«, Salon-
lowen vom Zylinder bis zum Lackstiefel; sie wiegen sich in den Hiif-
ten, zieren sich und - daran soil man sich ein Beispiel nehmen? Es ist
das pantomimisch verlebendigte Modeblatt aus dem »Atelier« eines
»Tailleurs«. Wenn diese Salonhelden die Wendeltreppe hinansteigen,
erinnert sie an einen vertikalen »Strich« der Herrenwelt, der etwas ge-
wunden ist und nicht mit Unrecht . . .
Frankfurter Zeitung, 4. 10. 1924
BERLINER THEATER
In Direktor Roberts »Theater am Kurfurstendamm« spielt man Bern-
hard Shaws alte Komodie »Helden«. Alte Komodie? Was in der Welt,
in Europa vor zwanzig Jahren aktuell und revolutionar war, ist es
heute noch in Deutschland. Hier sind die Helden noch lebendig, sie
marschieren durch die Straften, sie enthiillen Denkmaler, sie sind hier-
zulande die eigentlich »herrschende Klasse«. Der Versuch, eine Mon-
turen-Dammerung herbeizufiihren, ist in anderen Landern iiberflus-
sig, in Deutschland eine »Tat«. Antimilitaristische Komodien behalten
l6o DAS JOURNALISTISCHE WERK
in Deutschland geradezu ewige Giiltigkeit. Fast gleichzeitig mit der
Auffuhrung der »Helden« im Theater Roberts wurde in der Steglitzer
Strafie durch den Prinzen Oskar von Preuften eine Zinnsoldaten-Aus-
stellung eroffnet. Sie wird besser besucht als die Berliner Theater.
Denn in dieser Ausstellung ist zu sehen, wie eine Division angreift.
Und man kann es den Berlinern nicht ubelnehmen, wenn ihr Interesse
fiir Offensiven grofier ist als fur Theater. Das Publikum des Kurfiir-
stendamm-Theaters hat immer dem Heldentum skeptisch gegenuber-
gestanden. Der Erfolg der Shawschen »Helden« braucht also nicht zu
tiberraschen. Shaw zieht in seiner Komodie die Helden bis zur erbarm-
lichen Nacktheit aus. Es erweist sich, dafS die Kiihnheit eines bulgari-
schen Kavallerieoffiziers nur Dummheit war, die »Feigheit« eines in
der serbischen Armee als Berufssoldaten dienenden Schweizers hoch-
ste Klugheit. Den Ohren derjenigen, die von der Lacherlichkeit des
Heldenbegriffs bereits genauso iiberzeugt sind wie Shaw, klingt man-
ches banal. Aber den Horwerkzeugen selbst der skeptischen Berliner
Burger - die Berliner Skepsis wohnt nur in der Gegend des Kurfur-
stendamms - klingt alles neu und kuhn. Neu und kiihn - selbst in
dieser Auffuhrung Emil Geyers, in der nach guter, alter deutscher
Theatersitte Balkanmenschen dadurch gekennzeichnet werden, dafi sie
ein gebrochenes Deutsch mit ungarischem Akzent sprechen.
Gelinder als sein grofier und bissiger Landsmann Shaw behandelt der
sanfte Englander Maugham die Helden in seinem Gesellschaftslust-
spiel »Viktoria«. Ein im Kriege vermifiter Major kehrt unvermutet zu-
riick und trifft als neuen Herren seines Hauses und seiner Frau seinen
besten Freund und Kameraden an, auch einen Major. Die sympathi-
sche Stupiditat englischer Berufssoldaten feiert ihre Triumphe in un-
glaublichen Mifiverstandnissen, die nur einem langsam begreifenden
Majorsgehirn zustofien konnen. Nur dem schwierigen Begriffsvermo-
gen seiner Figuren hat Maugham seine witzigen Wirkungen zu verdan-
ken. Der Autor macht sich das Leben leicht, indem er es seinen Gestal-
ten schwermacht. Ein Deus ex machina lost, was in diesem Schauspiel
aus Mangel an dichterischer Phantasie nicht einmal ein Knoten werden
konnte: Viktoria, die Frau zwischen den beiden Manner, wahlt einen
Dritten. Frau Camilla Spira spielt diese Frau im »Theater in der Konig-
gratzer Strafie«, blond, verwohnt, ein bifkhen forciert-lustig und
(durch ein bestimmtes Maft von Molligkeit) eher wienerisch-kleinbur-
gerlich als englisch-ladymafiig.
1924 26l
Mit Leopoldstadtischer Ungeniertheit brechen die Zwillingsgettobrii-
der Emil und Arnold Golz ins »Komodienhaus« vor, die popularen
Wiener jiidischen Dioskuren, mit einem »Abenteuer in drei Akten«,
das »Der unwiderstehliche Kassian« heiftt. Mit zaher Unerbittlichkeit
ist jeder moglichen und unmoglichen Situation ein Witz entrissen, er-
prefit, riicksichtslos wird Humor gemundhabt. Das diirre Gerippe der
Handlung, ohne Miihe zusammengefiigt, ist schwer mit Komik bis
zum Zusammenbruch beladen. Ein sehr lacherlicher Oberlehrer wird
von einer jungen Frau entfiihrt, die ihren gleichgiiltigen Gatten eifer-
siichtig machen will. Diesen Oberlehrer spielt Ralph Arthur Roberts,
ein Komiker von Rang, den die Berliner Kritik ein bifichen von oben
herab behandelt. Wie Roberts, mit sparlichem rotem Haar und sachsi-
schem Dialekt behaftet, ein keuscher Oberlehrer, dank verschiedenen
unwahrscheinlichen Verwicklungen von vier Frauen begehrt wird; wie
er bald selbst iiberzeugt ist, daft »ein Zauber von ihm ausgeht«; wie er
seiner Entjungferung entgegenzittert und sein Herz spate und diirre
Bliiten treibt — das alles hebt Roberts aus der Sphare der sketchmafti-
gen Lacherlichkeit in die Region des Menschlich-Gultigen. Am Schlufi
erlebt er die erste und letzte Enttauschung seines Lebens, erfahrt er,
dafi »kein Zauber von ihm ausgeht«, und tut so, als hatte er das Spiel,
das man mit ihm getrieben, von vornherein durchschaut. Und hier er-
reicht Roberts jenen Grad von Komik, der bereits tiefste Tragik ist.
Ein leises Zittern des Zeigefingers - sonst nichts. Aber es ist ein Zeige-
finger, der schon in die Regionen des Metaphysischen weist, in einem
Schmerz, der ein verlorenes Leben bedeutet und deshalb nicht mehr
von dieser Welt ist.
Gerhart Hauptmann »weilt« seit einigen Wochen in Berlin. Im »Schil-
lertheater« spielt Heinrich George den Fuhrmann Hensel, im »Deut-
schen Theater« Klopfer den Michael Kramer. George triebhaft, stark,
komprimiert, Klopfer verloren dehnend, mit theatralischem Schmerz.
Der Dichter ist hier wichtiger als seine Stiicke - er wird wichtiger, weil
er auf die Blihne kam, alt, weifthaarig, noch lebendig und schon ein
Heros. Diese Hauptmann-Auffuhrungen bewiesen, wie schnell und
gefraftig die Literaturgeschichte alles Lebende verschlingt. Uber Wor-
ten und Gestalten lagern die schweren Ubel des Gestern. Und das
Ewig-Giiltige bricht nur wie ein ferner Sonnenschimmer manchmal
hervor, alles herbstliche Gedenken iiberstrahlend. Es ist gleichgultig,
262 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ob hier Jurgen Fehling die Regie fiihrte und dort ein anderer. Ob hier die
Straub schwacher war und ein anderer stark. Die Bedeutung der Dich-
tungen und der Auffuhrung tritt zuriick hinter das grofiartige Schauspiel
der Geschichte. Wir fuhlen den Hauch einer Epoche, die in die Ewigkeit
gegangen ist. Und ihr Dichter, schwarz gekleidet, weifihaarig, bedeutend
und Ehrfurcht gebietend, steht auf der Buhne und verneigt sich . . .
Mindestens sechs Jahre zu spat hat die sehr oft zu spat kommende
»Volksbtihne« Ernst Barlachs, des Bildhauer-Dichters, schwaches Stuck
»Der tote Tag« aufgefiihrt. Es ist die Tragodie des Kampfes zwischen
dem mannlichen, dem Vater-Prinzip und der egoistischen Liebe der
Mutter. Das Ewig-Miitterlich-Weibliche zieht uns hinab, zuriick in die
animalische Region des Schofies. Wir aber, die Sohne, sind dem Kampf,
der Welt, dem Leben entgegengeboren. Es ist die Tragodie Parzivals, der
seine Mutter Herzeloide durch den Abschied totet. Barlach verkehrt das
Parzival-Motiv ins Auswegios-Tragische. Hier totet die Mutter das ge-
fliigelte Rofi, das des Sohnes Berufung zum Leben symbolisiert. Sie totet
sich selbst, der Sohn ersticht sie. Dieses einfache Geschehen ist eingebaut
in die phantastisch-gruselige Welt boshafter Hausgeister. Ein Alb er-
scheint, ein blauer Scheinwerfer zaubert unwahrscheinliches Licht in
diese Welt. Es ist ein schauriges Marchen. Die Worte haben dunklen Sinn ,
sie liegen wie Ubel oder Mantel iiber ihrem eigenen Inhalt. Die Sehenden
tasten blind in das Gestriipp ihrer Schicksale. Die Handlung, den Geset-
zen des Unbewufiten entsprossen, bekommt niemals fest umgrenzte
Kontur. Alles Faftbare ist symbolisch. Die Menschen sind es auch. Sie
haben keine Namen, aber auch kein Profil. Die ganze Dichtung ist im
Flufi. Der Bildhauer Barlach behandelt die Sprache, als ob sie Marmor
ware. Aber im Stein gewinnt das Darzustellende schon durch die Materie
Grenze und Bestimmtheit. Die Worte aber sind selbst flieftendes Mate-
rial. Man muE an ihnen langer hammern als am Stein. Die Regie Paul
Gunthers forderte das Verschwimmende, legte Gewicht auf das Musika-
lische, statt die flieftende Musikalitat ins Plastische umzusetzen. Und
Frau Johann Koch-Bauer gab als Mutter statt des Schmerzes nur die
Melodie des Schmerzes, nur den visuellen und akustischen Ausdruck des
Tragischen. Nur Carl Ludwig Achaz, eine der Berliner jungen Hoffnun-
gen, liefi das Gestaltlose zur Gestaltung reifen. Die verspatete Auffuh-
rung rief fast einen Theaterskandal hervor.
Prager Tagblatt, 7. 10. 1924
OKTOBER
In der ganzen Nachbarschaft sind plotzlich die Gardinen von den Fen-
stern verschwunden, und ich freue mich ob der sichtbar gewordenen
Heimlichkeiten der vielen fremden Menschen, die mich gar nichts an-
gehen und meine Nachbarn sind.
Uber Nacht mussen sie gekommen sein, wie Zugvogel, deren Anwe-
senheit immer iiberraschend ist; Zugnachbarn sozusagen. Eines Mor-
gens erwachte hinter der Tapetenwand, an der ich schlafe, eine Melo-
die, verworren noch und schlafrig, als ware sie mit dem linken Fufi aus
dem Klavier gestiegen. Es war eine Ubergangs-Melodie, und ich er-
kannte die vertraute musikalische Fruhandacht einer Heimgekehrten.
Seit jenem Morgen weift ich, daft Fraulein Trude wieder da ist, und ich
gestehe, daft mich ihre Anwesenheit beruhigt. Es ist gesund, zu wissen,
daft sich in unserer naheren Umgebung keine aufregenden Ereignisse
vollziehen und insbesondere keine Umwalzungen. Wie leicht kommt
es zum Beispiel in den Bergen vor, daft jemand abstiirzt oder sich ver-
lobt! Ich danke Gott, daft nichts dergleichen geschehen ist . . .
Gegenuber in der ersten Etage ist auch die blonde Frau wieder am
Fenster zu sehen. Frauen am Fenster sind immer anziehend, es ist, als
wollten sie jemanden erwarten - und wer kann wissen, ob sie nicht
mich erwarten? Sie sehen so aus wie Gefangene, und ich darf mir ein-
bilden, daft ich sie vielleicht, ja wahrscheinlich befreien werde. Ich
Hebe Frauen an Fenstern und insbesondere die blonden.
Aber eigentlich Hebe ich ja den Oktober, ein Monat, in dem die Ge-
wohnheiten und Gewohnlichkeiten wiederkehren, ein herrlicher Mo-
nat, gesetzt und ohne Phantastik. Ich weift, daft ich im Oktober nie-
manden befreien werde, und erkenne die realen Grundlagen der Welt
und meines Lebens. Ich Hebe die Distanz von Fenster zu Fenster, weil
sie die Erfullung unseliger Moglichkeiten ausschlieftt.
Hinter den geschlossenen Gardinen der fremden Fenster konnte Un-
glaubliches geschehen. Gespensterwandel oder Einbruch oder ver-
schwiegene Orgie. Es war unheimlich, geschlossene Fenster zu sehen;
wie ein Anblick gehender, aber zeigerloser Uhren oder die Gesell-
schaft eines Taubstummen. Nun ist es mir bewuftt, daft nichts gesche-
hen ist. Rote Kissen und weifte Bettlaken iiber fremden Fensterbret-
tern sind sehnsuchtigen Augen ein Labsal.
264 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Jeden Morgen geht der Beamte wieder seinen Weg ins Biiro. Er hat
nicht einmal seinen Stock in der Sommerfrische vergessen, wo man
doch derlei zu vergessen pflegt. Im Gegenteil: Er klopft mit seinem
Spazierstock auf die Pflastersteine.
Die alte Dame mit dem Kapotthiitchen, auf dem immer ein paar zer-
driickte Glastrauben klimpern, trippelt wieder iiber die Strafie. Wie
leicht hatte ein Windstofi, wie er in Kurorten so haufig aufzutreten
pflegt, ein klimperndes Glastraubchen aus der Gesellschaft der ubrigen
reifien und entfiihren konnen - hui, weit in einen schwaneberuderten
Teich! Aber nichts dergleichen! Ein zufalliger Spiegel in einem Warte-
saal zweiter Klasse oder ein gutmiitiger alter Herr hatte der Frau leicht
sagen konnen, daft sie ihren Hut hartnackig schief aufsetzt und daft das
Leben keine Maskerade ist. Haben die Windstofte aufgehort, gutmiitig
und hilfreich zu sein?
Ich kann auch nicht finden, daft Fritz gewachsen ware. Unlangst ging
er mit seiner Mutter und wollte ein Reifibrett haben. Seine Mutter aber
fragte mich, ohne an Reiftbretter nur zu denken, ob ich nicht sehe, wie
grofi Fritz in den paar Wochen geworden sei. Ich sagte selbstverstand-
lich ja, aber ich log. Fritz wird wohl immer klein sein, ein Liliputaner
vielleicht und im besten Fall ein iiberaus kurzstieliger Mensch. Und er
hatte doch wirklich wachsen konnen! Was haben die Kinder sonst in
den Ferien zu tun?
Seit Jahr und Tag kommt der Herr mit dem grauen Pliischhut um drei-
viertel zwolf nach Hause. Er war zwei lange, unerhort lange Monate
fort, aber er kommt immer noch um dreiviertel zwolf nach Hause. Es
ist nichts veranderlich in der Welt, und das oberste ihrer Gesetze ist
das Gesetz der Tragbeit.
Wie aprilhaft schienen mir Mensch und Ding noch im Juni, ehe jene
Fenstergardinen sich schlossen. Ich erwartete, daft der Herr mit dem
Pliischhut schon um sechs Uhr, moglichst vor Sonnenuntergang, zu
Hause sein wiirde; daft Fritz, ein Dutzend Reiftbretter unter dem Arm,
lang wie ein Laternenpfahl, iiber die Strafte stochern wiirde; dafi ein
machtiger Sturm alle Glastrauben der alten Dame weit iiber fremde
Lande getragen, in blaue Seen geworfen hatte und daft sie jetzt im Be-
griff seien, iiber den Groften Ozean zu schwimmen. Und ganz im stil-
len hoffte ich, daft etwas passieren wiirde mit der blonden Frau am
Fenster. So viele schone Manner wandern im Sommer durch die Welt
und halten Auslug nach wartenden Frauen. Wozu hat uns der Hebe
Gott den Sommer geschenkt?
1924 265
Es ist gar nicht beruhigend im Oktober. Das Laub fallt mit einer un-
glaublichen Sicherheit von den Baumen - man konnte glauben, daft es
ein gewohnlicher Herbst ist, ein Oktober, in dem sich die Welt auf ihre
Nuchternheit besinnt. Aber mir bleiben die Menschen verdachtig. Wo
waren sie? Was trieben sie? Seltsame Gefahren haben sie vielleicht er-
lebt, und ich teile nur ihre Wochentaglichkeiten. Die blonde Frau am
Fenster verschweigt mir etwas. Manchmal glaube ich, einen fremden
Schimmer um die alte Frau mit dem Kapotthutchen spielen zu sehen,
und irre ich nicht - mengt sich eine seltsame Melodie in das Geklimper
ihrer Glastrauben. Und vielleicht ist Fritz gewachsen?
Frankfurter Zeitung, 8. 10. 1924
»WALLENSTEIN« IM STAATSTHEATER
Einmal im Jahre hat ein Staatstheater die Pflicht, Schiller zu spielen.
Aber - ach! - selbst wenn wir den »Wallenstein« auffiihren, finden wir
keine Beziehung mehr zu ihm. Er ist uns - Wallenstein. Zu wenig des
Ewig-Giiltigen ist in seiner und der Piccolomini Tragik. Zu viel ist in
seinen Gestalten der Gebundenheit an biirgerliche Gesetze und Ge-
fuhle, zu wenig fliefien sie mit der historischen Atmosphare zusam-
men, in die sie gestellt sind. Umwege hemmen den dramatischen Ab-
lauf. Rhetorik halt auf. Wir haben ein hellhoriges Ohr fur hohle
Klange und ein scharferes Aug' fiir den leeren Faltenwurf. Nur die
Regie tintsjefiner kann Schiller erlosen.
Jefiners Wallenstein - man sah gestern das »Lager« und »Die Piccolo-
mini* - ist, obwohl ein Kompromifi aus Tradition und Gegenwart,
keine Koalition, sondern eine Synthese. Es gab schimmernde Rlistun-
gen, polternde Graubarte, Masken, untermalenden Trompetenschall,
sentimentale Jugend und so manche Deklamation. Aber es gab vor
allem knappe dekorative und dramaturgische Architektur, modernes
Raumgefuhl und viele Streichungen - fast immer gliickliche. Eine hin-
dernde Detailausstattung, eine heroische Maskerade - aber das inmit-
ten eines Raumes, der die konzentrierte Einfachheit ermoglichte. Es
war ein Kornpromift. Aber im »Lager« und in den »Piccolomini« mnfi
rauschende Buntheit vorherrschen. Cesar Kleins Biihnenbilder waren
266 DAS JOURNALISTISCHE WERK
entstanden aus der Tendenz, den Raum durch den Schauspieler gestal-
ten zu lassen. Diese Masken verloren sich manchmal im Raum, oder sie
verwirrten seine Gesetze. Alle Generale sind biderbe, handfeste Kerle,
der Idealist ist ein schimmernder Pathetiker, der Jiingling ist »edel«
und »entflammt«, der Diplomat ist »intrigant«, »hoflich« und in Gold
und Seide gekleidet. Es ist ein Stuck iiberlieferter Schiller, aber ganz
befreit von den Reminiszenzen, die uns mit ihm, mit der Schule und
mit dem alten Theater verbinden. Es ist das gelauterte Schema der
Schillerschen Welt.
Zu dieser Auffiihrung waren die besten Schauspielerkrafte entboten -
wie man gute Truppen in eine gefahrliche Schlacht schickt. So konnte es
nicht fehlen, dafi sich starke Momente voll dramatischer Spannung entlu-
den, zum Beispiel: wenn Werner Kraufe als Wallenstein die Szene betrat,
den Raum beherrschend, innig, verhalten und grofi, und trotz der Maske
die Gestalt aus dem Wort formend, den pathetischen Vers menschlich
vereinfachend. Agnes Straub (Grafin Terzky) hatte einige reiche, voile
Momente. Wie konnte sie in zwei, drei Auftritten die ganze Vielfalt des
reifen Weibes so enthiillen, dafi sie doch verborgen blieb: die Zartlich-
keit, die Liebe, Bereitschaft zum Verrat, hochste Treue, Lacheln, Dro-
hung, liebenswert und gefallig ! Leonhard Steckel (als Kapuziner in » Wal-
lensteins Lager«) gelang es als dem einzigen in dieser Haufung von
Typen, eine Gestalt zu sein. Und wie nahe lag doch gerade hier die
Gefahr, Type zu bleiben. Um dieser Gefahr zu entgehen, verschmahte
Alexander Granach als kroatischer General Isolani aufiere Charakteri-
sierungsmittel nicht. Sie behinderten die Entfaltung des eigentlichen
Isolani, des Harmlos-Naiv-Gefahrlichen. Granachs Leistung bleibt in
der Erinnerung haften - aber nur infolge der sorgfaltig nuancierten
aufieren Ausstattung an Sprache, Tonfall, Kleid und Maske. Karl Eberts
fand fur den Oktavio Piccolomini erst am Schlufl die erforderliche Aus-
druckskraft, die notig ist, damit der Zuschauer die historische Objektivi-
tat empfinde, mit der dieser Schuldlos-Schuldige dargestellt ist und
Schicksal erfullt. Leo Reufi aber wufite mit der- an sich schwierigen -
Rolle des Max Piccolomini nur wenig anzufangen. Dieser Max blieb auf
dem schmalen, gefahrlichen Grat, der das sentimentale Pathos Schillers
von der Lacherlichkeit trennt. Eine junge Schauspielerin, Sonie Reiner
(Thekla), konnte den gefahrlichen Grat zeitweise verlassen. -Es gab viele
Hervorrufe und starken Beifall. Es war ein Sieg Jefiners.
Vorwarts, n. 10. 1924
.DIE HEILIGE JOHANNA«
Die heilige Johanna ist das Produkt naiver Landlichkeit und jener
hysterischen Religiositat, die in der freien Natur zwar selten gedeiht,
aber, wenn sie es einmal tut, ihr Objekt weltgeschichtlich beriihmt
macht. Die heilige Johanna ist ein kleines, naives Bauernmadchen,
die nichts dafiirkann. So wie andere kleine Madchen von Prinzen
traumen, so traumt Johanna von Heiligen. Wunderbare »Stimmen«
und »Gesichte« erleben alle Madchen zwischen vierzehn und acht-
zehn. Jedes konnte eine Heilige werden, wenn die historischen Be-
dingungen giinstig sind. Hier sind sie es: Die Englander sind im
Land, der Dauphin ist ein bequemer, ehrgeizloser, verzogener, lie-
benswiirdiger Durchschnittsliimmel, die franzosische Armee kann
nur noch durch ein Wunder aus ihrer Passivitat erlost werden. Da
schneit schon das Wunder in die Weltgeschichte: Die kleine, harm-
lose Jeanne kommt zum polternden Schlofihauptmann, weil sie es
sich in den Kopf gesetzt hat, dafi dieser Baudricourt, der Rationalist
aus iibermafiiger Physis, ihr Pferd, Riistung und Begleiter geben
wird, damit sie sich zum Konig begebe. Herr von Baudricourt ist in
grower Aufregung: Seine Hennen legen keine Eier. In dem Augen-
blick, in dem er den Bitten des kleinen Madchens nachgibt, bricht
der Eiersegen los: ein Wunder! In dem ganzen Stuck ist diese Eier-
geschichte der echteste Shaw. Dieser Satiriker liebt es, das Erhabene
in jenen Staub zu ziehen, in dem die Hennen Eier legen. Alles
Strahlende, Welthistorische, scheinbar Ubermenschliche, Heroische
gelangt, ein bifkhen zerzaust, auf das menschliche Niveau des All-
taglichen, Kleinen, Lacherlichen. Aus der Perspektive eines Wochen-
tages blickt man auf die Historic
Johanna siegt bei Orleans, sie kront den Dauphin, sie ist im Begriff,
nach Paris zu ziehen. Sie kann nichts dafiir. Sie hat den gesunden Men-
schenverstand, den ihre Gesichte nicht beeintrachtigt haben und der
den Generalen abgeht. Da kommt der echte Shaw wieder zum Vor-
schein: je kleiner seine Johanna, desto grower die Idiotie der Feldherrn,
Politiker und Konige. Bedarf es eines Wunders, damit dort gesiegt
werde, wo ein General versagt? Bernhard Shaw ist der Ansicht, dafi
der Sieg eines Generals von Beruf das grofke aller Wunder sei. Kein
Bauernmadchen kann dummer, einfaltiger sein als ein General, ein Mi-
268 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nister, ein Konig. Johanna hat aufier den obligaten Madchentraumen
noch ein bifkhen Griitze in ihrem kleinen Kopfchen. Das hat kein
General, kein Konig, kein Minister. Wunderbar ist Johanna nur, weil
sie gescheit ist. Und weil in dieser Welt der Verstand viel seltener ist als
das Wunderbare . . .
Aber der Verstand ist der Politik nicht gewachsen. Johanna hat zwei
politische Faktoren aufs schwerste verletzt: die Aristokratie - weil sich
das kleine Madchen aus dem Volke direkt an den Konig gewandt hat,
ohne sich um die Herren zu kiimmern, die den Thron nur stiitzen, um
ihn von sich abhangig zu machen; und zweitens die Kirche, die geistli-
che Aristokratie, die den lieben Gott nur propagiert, um machtig zu
sein. Johanna hat den vorschriftsmafiigen Instanzenweg nicht einge-
halten. Die Feldwebel sind ungehalten, weil sie sich direkt an den
Herrn Hauptmann gewandt hat. Das untergrabt die Autoritat der
Feldwebel. Die beiden Unteroffiziere der Weltgeschichte, Politik und
Kirche, vereinigen sich, um Johanna den Prozefi zu machen. Sie wird
verbrannt.
Hier ware die Geschichte zu Ende, wenn der Satiriker Shaw nicht doch
ein Optimist ware. Seine Menschen sind gerade noch schlecht genug,
um ein Madchen zu verbrennen. Aber nicht verworfen genug, um kein
Gewissen zu haben. Deshalb macht die Kirche gut, was sie verbro-
chen : Sie hebt das erste Urteil auf und spricht Johanna heilig.
Da tut's dem Satiriker Shaw schon wieder leid: Allzu gut darf man die
Menschen doch nicht machen! Also hangt er dem Drama einen Epilog
an, der 400 Jahre nach der Verbrennung spielt. Die Geister der am
Drama Beteiligten erscheinen und bitten Johanna alles ab. Die Jung-
frau ist auch im Jenseits naiv geblieben. Deshalb fragt sie: Soil ich also
wieder auf die Erde zuriickgehen? Und alle erschrecken und winken
lebhaft ab. Die Menschen konnen nur tote Heilige brauchen. Deshalb
verbrennen sie die lebendigen.
Das ist die Weltanschauung des grofien Satirikers, des grofken unserer
Zeit. Dieses Drama ist eine der grofken Schlachten, die er der Mensch-
heit geliefert. Natiirlich fehlt es auch nicht an kleinen siegreichen Epi-
sodenkampfen : so, wenn ein lacherlicher, nationalistischer englischer
Geistlicher auftritt, der sich dariiber aufregt, dafi die Heiligen mit Jo-
hanna- franzosisch gesprochen haben sollen. Anstandige Heilige spre-
chen eben nur englisch. Das ist die volkische Welt, iiber die der Erzbi-
schof sein Urteil fallt: sancta simplicitas. Shaw kennt nur die englischen
1924 269
Nationalisten. Mit einem so milden Urteil waren bei ihm die Deut-
schen nicht weggekommen! . . .
Dieses Drama hat ein leuchtender Verstand geschaffen, und ein drama-
tisches Temperament hat es durchheizt. Es hat grofie dramatische, lei-
denschaftliche Momente. Den leidenschaftlichsten offenbart wohl jene
Szene vor dem Tribunal der heiligen Inquisition, wenn Johanna beim
Anblick des Henkers so wunderbar natiirlich erschrickt, aufhort, eine
»Heldin« zu sein, und aus Furcht vor dem Flammentod alles abzuleug-
nen bereit ist. Aber als sie erfahrt, dafi selbst ihr erlogenes Gestandnis
ihr nicht die Freiheit wiedergeben soil, sondern nur eben ein Leben in
der Gefangenschaft, meldet sie sich freiwillig zum Tode. Das ist der
dritte echte Shaw. »Held« ist man nur, wenn Heldentum das bessere
Teil ist. Schlimmer als der Scheiterhaufen ist der ewige Kerker. Wer,
vor die Wahl zwischen Kerker und Scheiterhaufen gestellt, den letzten
wahlt, handelt nur hochst natiirlich. Er wird ein Held aus Zwang. Es
gibt kein anderes Heldentum.
Die Regie Max Reinhardts war reich, uppig, eine koniglich verschwen-
densche Regie, die mit Licht, Seide, Stimmung, kostbaren Kleidern so
umgeht wie unsereins mit Vorschussen, wenn wir sie bekommen. Die
majestatische Uppigkeit mufite oft, besonders am Schlufi, das dramati-
sche Tempo ersetzen. Die Zeit, die man zur Verdauung des Geschau-
ten brauchte, hatte man besser mit Erlebnis gefullt. - Elisabeth Bergner
hatte zuwenig robuste Vitalitat fur das gesunde Landmadchen, zuwe-
nig des Metaphysischen fur die verziickte Schwarmerin. Ihre liebliche
Kindlichkeit versohnte dennoch. Sie war eine junge Jeanne aus einem
aufieren Bezirk, wo zwar noch nicht die Wiesen beginnen, aber im-
merhin die Villen schon stehen. Die Herren Forster, Vallentin, Mii-
thel, Hartmann und Ledebour bemiihten sich mit wechselndem Er-
folg.
Vor dem Theater zeugten vielhundert Automobile, im Parkett viel-
hundert leuchtende Westen und Abendkleider von der Sensation, die
diese Auffuhrung bedeutete. Max Reinhardt kehrte heim - kann man
nach Berlin »heimkehren«? - wie ein Konig jener Bretter, die heute
noch zumindest die vornehme Welt bedeuten.
Prager Tagblatt, 17. 10. 1924
DIE UNWIRKLICHE KULISSE
Eine findige Dekorationsfirma hat eine neue Kulisse erfunden. Sie ist
in der Tecbnischen Th eater ausstellung (in der Alten Jakobstrafie) in
Berlin zu sehn.
Die neue Kulisse ist fast eine philosophische Angelegenheit, und ihr
Anblick regt den Betrachter zu Spekulationen an. Diese Kulisse ist
namlich mehr und weniger als eine Kulisse. Sie ist eine Imitation der
Imitation. Wenn die gewohnliche, althergebrachte Kulisse Wirklich-
keit vortauscht - so tauscht die neue eine Wirklichkeitstauschung vor.
Sie ist eine Imitation der Scheinwelt. Ein blauer Himmel aus fruhlings-
hafter Leinwand ist doch gewifi kein echter? - Nun. Hier sieht man
nicht einmal einen Leinwandhimmel. Ein Leinwandersatz ist da. Der
Himmel besteht aus »Seidenmoulette« .
Der alte Mafistab, den man an die Kulisse anzulegen pflegte, gilt also
nicht mehr. Von einem Biihnenrequisit, das eine Realitat darstellen
soil, kann man nicht mehr sagen: »Wie lebendig!« Man wird sagen
miissen: »Wie Pappe!« Denn das ist die Ambition der »Seidenmou-
lette«: die alte, schwerfallige Kulisse zu ersetzen.
In der Theaterausstellung sah ich ein kleines Haufchen Stoff auf dem
Boden. Ein junger Mann setzte einen Apparat in Bewegung, das Hauf-
lein blahte sich, erhob sich vom Boden, wuchs und wurde ein Tisch.
Genauso wird ein Lindwurm hergestellt, eine Menschenpuppe, ein
Schrank, Diese Gegenstande sind mit Luft gefullt wie Ballons. Ich
habe einen Baum gesehen. Er war wie ein gewohnlicher Theaterbaum.
Ich hatte ihn nie fur einen lebendigen gehalten, aber sicherlich immer
fiir einen Theaterbaum. Er aber war nicht einmal ein solides Kulissen-
gewachs. Nichts an ihm war fest. Die Zweige steckten lose im Stamm.
Die kleinen Zweige steckten lose in den grofien. Die Blatter waren aus
Papier. Aber sie sahen aus, als waren sie aus Wachs. Die wachsernen
Blatter sehen bekanntlich aus wie wirkliche. Wenn man daran denkt,
sind auch die aus Papier wie lebendig. Durch das Mittel einer Imitation
imitieren sie das Leben. Man kann die Zweige zusammenlegen und
sozusagen in die Westentasche stecken, den Stamm in den Uberzieher
und in einer schattenlosen Landschaft spazierengehen. Eins, zwei, drei
hat man seine eigene Vegetation aufgestellt.
Der Theaterschmuck bestand immer aus falschen Steinen. Sie glanzten
1924 2/1
wie echt. Jetzt gibt es einen Schmuck, der glanzt wie falsch und infol-
gedessen auch echt. Die Stickerei auf einem Kleid besteht aus ganz
winzigen, mit freiem Auge nicht erkennbaren Perlen. Sobald sie vom
Scheinwerfer getroffen sind, erstrahlen sie bunt und larmend. Die »Sei-
denmoulette« schimmert im Scheinwerferglanz wie Seide. Aber ohne
das Licht ist sie wie der billigste Stoff, armlich zerknittert, unansehn-
lich.
Im Hintergrund ist auf einer Seidenmoulette-Wand eine Groftstadt-
strafie perspektivisch gemalt. Wenn sie beleuchtet wird, vertieft sie sich
selbst, die Konturen der Hauser treten hervor, die Inschriften leuch-
ten. Das erspart viel Kulissenmiihsal und ersetzt den Schein vollgultig.
Und all das ist beinahe unheimlich. Denn es tibersteigert die Phantastik
der Kulisse. Es veranschaulicht die Relativitat der Gesichtsempfin-
dung. Es raubt den letzten Rest der Wirklichkeit. Auch die alte Kulisse
war noch wirklich. Sie bestand noch axis irgendeinem, wenn auch an-
organischem Material. Pappe war immerhin noch Pappe. Jetzt ist sie
nicht einmal Pappe. Sie scheint es zu sein. Man fiihlt bei der Betrach-
tung dieser hochst praktischen und gebrauchsgegenstandlichen Deko-
rationen etwas von jenem leisen Schauer, der uns befallt, wenn wir mit
einem Handspiegel vor den Wandspiegel treten und die unendliche
Reihe unserer Spiegelbilder sehen.
Die Stilbuhne bedarf dieser Dekorationen nur selten. Denn sie will
nicht Milieu vortauschen, sondern komprimierte Wirklichkeit in einer
Andeutung erschopfend darstellen. Im Grunde gibt sie also starkere
Realitat als die Wirklichkeit kopierende Biihne. Diese Dekorationen
werden mehr in Varietes Verwendung linden, fur reisende Artisten
und Wandertheater unentbehrlich werden. Sie sind immerhin ein Zei-
chen dieser Zeit, der Relativitaten-Zeit. Relativ ist auch der Schein.
Auch die unwirkliche Kulisse wird noch unwirklicher. Es geht ins
Korperlose, bis zu jenem Punkt, wo Buhne und Film ihre Wege kreu-
zen: in das Reich des Schattens.
Frankfurter Zeitung, 18. 10. 1924
DIE FRIEDENSTAUBE AUF DEM ZWEIRAD
Gestern ging ich in eines der grofken Berliner Varietes. Die Varietebe-
sitzer sind gute Kenner der Volkstimmung. Was des Volkes Herz er-
fiillt, davon lassen die Direktoren ihre Biihnen iiberfliefien. Sie gehen
mit der Zeit, die Direktoren. Sie sind zuverlassige Barometer fur Ten-
denz-Witterungswechsel. Nun, gestern sah ich, dafi dieses Variete sich
»international« nannte.
Ein franzosischer Radfahrer trat auf. Das war ein sympathischer dun-
kelgebraunter Herr, in Sportleder gebunden, die Luxusausgabe eines
Radfahrers. Seine Spezialitat bestand darin, dafi er, ungefahr einen Me-
ter iiber der Biihne, auf einer sehr schnell rotierenden Scheibe fahren
mufite. Zuerst rotierte die Scheibe von links nach rechts, er fuhr von
rechts nach links, immer hart am Rande der Platte. Es war eine lebens-
gefahrliche Nummer. Dennoch schien der Artist, als er fertig war, kei-
neswegs dariiber erstaunt, dafi er noch lebte. So sind ja die Artisten.
Dann wurde es finster, man sah an allerlei Vorzeichen, dafi jetzt atem-
raubende Augenblicke folgen wurden, die Musikkapelle begann ge-
dampft zu spielen, der Hauch des Todes hatte die Instrumente ge-
streift, man horte das Knattern des Motorrads, das pfeifende Geheul
der kreischenden Scheibe, vom ledernen Korper des Radfahrers war
nichts mehr zu sehen als ein gelber Fleck mit schwachen menschlichen
Umrissen. Er hatte sich das Leben sehr schwergemacht. Zu beiden Sei-
ten, an zwei gegenuberliegenden Punkten der Scheibe, hatte er zwei
Stangen angebracht, an denen er immer wieder vorbei mufite und de-
nen in diesem Tempo auszuweichen nicht leicht sein konnte. Gerade
das aber war sein Ehrgeiz.
Plotzlich ward es dunkel, auf der Scheibe fing ein Feuerwerk zu kra-
chen und zu blitzen an, es wurde eine Hollenfahrt, effektvoll und
grausam, der Radfahrer pfiff schrill, die Scheibe rotierte langsamer,
und nun setzte der Beifall ein, erlost atmeten die Instrumente in einem
Wiederbelebungsmarsch auf, und man sah: Auf den beiden Stangen
der Scheibe waren zwei Fahnen befestigt: die franzosische Trikolore
und die deutsche Fahne, namlich die der Republik, die schwarz-rot-
goldene.
Das ist eine sehr unbedeutende, aber lehrreiche Geschichte: Sie lehrt,
dafl die Varietedirektoren wissen, woher und wohin die historischen
1924 273
Winde wehen; ferner, daf5 wenigstens die franzosischen Kunstradfah-
rer die Farben der deutschen Republik kennen.
Deshalb habe ich diese Begebenheit verzeichnet.
Frankfurter Zeitung, 25. 10. 1924
MtfTTER IN DER REVUE
Aus Angst, ich konnte hinter den Torheiten der Zeit zuriickbleiben,
von denen ich lebe, ging ich in die »Grojle Revue « im Grofien Schau-
spielhaus, jene Revue, von der die Blatter schrieben, noch ehe sie statt-
gefunden hatte, die ein Ereignis war, bevor sie sich ereignete, und an
dem Abend, an dem sie endlich stattfand, fast eine Verkehrskatastro-
phe verursacht hatte, weil sie die Automobile der guten Gesellschaft in
eine lebhafte Gemiitsbewegung versetzte.
Da safi ich nun und sah dreiundzwanzig ausgewachsene Szenen in
einer unheimlich schnellen Folge und ohne den Zusammenhang zu be-
greifen, den sie gar nicht hatten. Ich schatze, daft etwa fiinfzig Men-
schen in diesen Szenen mitgeschaffen haben. Es war ohne weiteres zu
erkennen. Der einzige Rahmen, der die Bilder zusammenhielt, war der
Abend, an dem sie gezeigt wurden. Es ist ein Gliick, daft die Stunden
die Gewohnheit haben, ohne Pause aufeinander zu folgen, und daft die
Zeit nicht aufhoren kann abzurollen. Denn, gesetzt den undenkbaren
Fall, daft zwischen den Abendstunden von sieben bis elf zeitlose Ab-
griinde gahnen wurden - was fur einen locherigen uneinheitlichen
Rahmen hatte dann so eine Revue, die ihren Zusammenhang den Na-
turgesetzen der Zeit zu verdanken hat?! . . .
Ballett, Oper, Kintopp, Kabarett, Variete, Operette, Modeschau,
Stoffe, Kitsch, Sentimentalitat, Lyrik, Licht, Klang, Erotik, Sakrales,
Pathos, Ironie - was gibt es noch? - Sport, Gesellschaft, Militarismus,
Mode, Spielzeug, Schiff, Eisenbahn, Luftschiff, Wasser, Feuer, Ro-
koko, Gegenwart, Humanismus, Technik - aus all diesen Dingen be-
steht eine »Revue«. Sie kommt aus Amerika. Sie ist amerikanisch. Sie
ist der Ausdruck einer Zivilisation, die den Ehrgeiz hatte, alles durch-
zumachen, und keine Zeit, alles zu verdauen. Sie ist der theatralische
Ausdruck einer Gesinnung, die »aufs Janze« geht« einer Quantitatsge-
2/4 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sinnung. Sie lebt von der Masse, sie besteht aus Massen, sie wird fur die
Massen gespielt. Mit ihr ist endlich das Theater der Gegenwartsmen-
schen da, die sich zerstreuen mlissen, weil sie keine Sammlung haben,
und die sich die »Zeit vertreiben«, weil sie die Zeit nicht festhalten
konnen.
Erfahrene Weltreisende erzahlen mir, dafi es in andern grofien Stadten
nicht anders ist: diese Massen von nacktem gepudertem Fleisch und
Flitter, von Trikot, Witz, Lichtkegel und Stimmung. Uberall dieselben
trockenen Strandbader mit Klabriaspartie. Uberall dieselbe Welt, die,
mit offenen Augen betrachtet, langweilig wird und nur von Zwinkern-
den gesehen zu werden verlangt. Gut! Wir finden uns damit ab! Wir
anerkennen den Fleifi der Reisenden in Sensation, die Unermudlich-
keit, mit der sie in Paris und in New York Anleihen machen, die Uber-
raschungen, zu der sie ihre Phantasie zwingen, ihren guten Geschmack
in der Zusammenstellung der Farben und Klange.
Sehr schon sind die Tillergirls, exakte, lustige Erotik, schone Madchen-
beine in muhevoll und dennoch leicht und anmutig dressiertem Takt
hinaufhinabgeschwungen, ein spielerischer Militarismus, der mit dem
Dienstreglement versohnt, weil man sieht, wie heiter es wird, wenn
man es nicht ernst nimmt. Wie aber, warum und wozu in aller Welt ein
Orgelklang in diesem parfiimierten Paradies des Lebemannes? Wozu
diese Konzession an den riihrseligen Kleinbiirger, die gleichzeitig eine
Entweihung des Heiligtums ist?
In dieser Revue »An Alle« gibt es eine »Mlitterszene«. Eine Negerin,
eine Zigeunerin, eine Russin, eine japanische und eine deutsche Mutter
singen hintereinander ihre Kinder in Schlaf. Sobald sie fertig sind, er-
strahlt die Blihne magisch, Engel treten liber dem Portal des heiligen
Gebaudes in Erscheinung, in dem die Mutter sitzen - jede in einer
Nische -, Heilige stehen an den Wanden, und himmlische Chore er-
klingen, in die alle Mutter einstimmen. So! Das ist die neunte Szene.
Und in der zehnten erscheinen die Tillergirls. Und die elfte heifk:
»Dinge, die man nicht zeigt und liber die man spricht.« Ein irreflihren-
der Titel: Denn man spricht hier zuviel liber sie und zeigt sie zuwenig;
namlich: nackte, schone Frauen.
Eben noch war der gute Blirger erbaut, und schon ist er gekitzelt. Man
verstehe mich recht: Schone nackte Frauen sind durchaus keine Ent-
weihung der Mutter- Verherrlichung: wenn diese nicht kitschig, jene
nicht llistern »aufgemacht« sind. Hier aber folgt einer oligen Ansichts-
1924 275
karte mit Orgelbegleitung eine »Nur flir Erwachsene«-Ansicht mit
redseligen Entschuldigungen. Ich habe die Programmbilder amerikani-
scher und Pariser Revuen gesehen. Da gibt es viel selbstverstandliche
Nacktheit und gar keine Religiositat. Denn: was hat eine Orgel unter
Jazzbands zu suchen?
Es war peinlich, demiitigend, und alle fanden es: entziickend. Und eine
Kritik, die sich sonst kein Zeitungsblatt vor den Mund nimmt, sondern
diesen laut flir jenes verwendet - stand erstarrt und begeistert vor die-
ser Prachtentfaltung, sah nur den Genufi und fuhlte nicht die Ohrfeige.
Ich habe nichts gegen Pikanterie in eleganter Aufmachung.
Ich wollte nur das Gleichgewicht wiederherstellen . . .
Frankfurter Zeitung, 27. 10. 1924
LUDWIG HARDT REZITIERT FRANZ KAFKA
Den Dichter Franz Kafka, der so still gestorben ist, wie er unheimlich
still gelebt hatte, wiirdigte der Rezitator Ludwig Hardt im Berliner
Meistersaal durch Rezitationen. Hardt nannte seinen Abend eine
Trauerfeier fur Kafka. Ich kann mir keine andere Trauerfeier fur diesen
Dichter denken. Ich kann mir keinen anderen Kafka-Rezitator vorstel-
len. Der Stilkiinstler Kafka - mit diesem Attribut ist seine Bedeutung
noch lange nicht erschopft - erfordert keine »Interpretation«, keine
Ubertragung aus dem Geschriebenen ins Gesprochene, aus dem Ge-
druckten ins Gesagte, aus dem Sichtbaren ins Horbare. Jede »Umge-
staltung« Kafkas ware eine billige Popularisierung. Der nur melodi-
sche Dichter bedarf der Vermittlung seines Rezitators, seines Sangers.
Aber Kafkas Melodie birgt sich in der Architektur des Satzes, ja ver-
mischt sich mit ihr, vertauscht sich sogar selbst mit ihr, und es mufi ein
sehr feines Ohr sein, das einen Winkel, eine Ecke, einen humorigen
Schnorkel singen hort. Versuchte ein Rezitator, nur die Satzmelodie
herauszuholen - er gabe uns nur einen halben Kafka. Wer Kafka
spricht oder liest, muE bauen und musizieren zu gleicher Zeit. Er mufi
jenen plastischen Grad der Wiedergabe erreichen, bei dem eine Wol-
bung horbar wird - so wie manchmal der Anblick eines Doms Glok-
ken, unsichtbare, nicht vorhandene, tonen macht. Nun kommt aber
276 DAS JOURNALISTISCHE WERK
bei Kafka noch ein Dnttes hinzu: die sehr verborgene, in Lapidares
eingebaute intellektuelle Pointe, die »Geistigkeit«, spitz und geschlif-
fen, aber im kostbaren Futteral der mildernden, sanften, runden Form.
Der ideale Rezitator mufi die Pointen glanzen lassen, ohne die Form,
in der sie sich bergen, zu verletzen. Auch fiir den Leser ist Kafka ein
komplizierter Dichter. Fiir den Vortragenden ein sehr souveranes Vor-
tragsobjekt, aufterste Behutsamkeit, distanzierte Liebe, treue Ehr-
furcht fordernd. Hardt bringt alle Voraussetzungen fiir Kafka mit: den
kritischen Intellekt, ein architektonisch sehendes Auge, ein Melodie
heraushorendes Ohr. Dennoch vermeidet er manchmal - wenn er zum
Beispiel Rilke liest - nicht einen theatralischen Ton, indem er sich an
die verfuhrerische dufiere Melodie eines Verses hingibt. Kafka aber hat
keine aufiere Melodie. Lebte er noch, er wiirde seine Stimme erfreut
wiederhoren. Leider ist er fruh gestorben, einsam und arm. In
Deutschland kennen ihn wenige. Ihn vielen zu vermitteln, scheint mir
Ludwig Hardt berufen.
Frankfurter Zeitung, 8. 11. 1924
BETRACHTUNG UBER DEN VERKEHR
Seit einigen Monaten ist die Frage der Verkehrsregelung in Berlin in
dem Mafie aktuell, dafi sie peinlich wird. Wichtige Teile wichtiger Ver-
kehrsstrafien sind fiir Fahrzeuge aller Art gesperrt. Der Potsdamer
Platz sieht aus wie eine grofie erbarmliche Rifiwunde der Stadt. Und
Tag fiir Tag, Nacht fiir Nacht wiihlen Arbeiter in dieser Wunde. Vor
zwei Wochen hat man den Verkehrsturm aufgerichtet. Man hatte sich
etwas grofiartig Ragendes vorgestellt. Aber eines Tages stand ein klei-
nes graues metallenes Tiirmchen da, mit groften, aber noch geschlosse-
nen runden Augen am obern Rand. Diese Augen sollten, bunten
Schein strahlend, den Verkehr automatisch regulieren. Aber indessen
wird als Verkehrsautomat noch der blonde, ansehnliche Schutzmann
auf der holzernen Tribune verwendet. Fast jeden zweiten Tag melden
die Zeitungen Straftenbahn-Zusammenstofie. (Mit den Entschadi-
gungssummen, die in Berlin jahrlich an Verungliickte ausgezahlt wer-
den, liefie sich ein wirklich weltstadtischer Verkehr einrichten.) Be-
1924 277
hordlich geschiitzte Fachmanner fuhren in die Welt, um den Verkehr
in den grofSen Stadten auszukundschaften. Als sie heimkamen, verfaiJ-
ten sie eine neue Verkehrsordnung, in der viele verwirrende Paragra-
phen zusammenstiefien, wie StrafJenbahnen. Einige Zeitungen erhoben
ein Geschrei in »Cicero-fett«, als ob sie selbst iiberfahren worden wa-
ren. Mit machtigen Kopfen aus dem Waffenarsenal der Setzerei schlug
man die neue Verkehrsordnung tot. Man druckte die Auslagen der
Droschkenkutscher, der Chauffeure, der Omnibuslenker, der Motor-
fiihrer; und ware die Verkehrsordnung nicht zuriickgezogen worden,
man hatte noch als Zeugen gegen sie die Beweiskraftigsten angerufen -
namlich diejenigen, die es nichts angeht: wahrscheinlich die Schorn-
steinfeger, die Kammerjager, die Friseure und andere um jene Meinung
befragt, die sie sich aus Berufsgriinden nicht gebildet haben. . . . Man
sah bei dieser Gelegenheit, dafi es niemandem darauf ankam, die Be-
horden zu schonen. Hier ware eine Gelegenheit gewesen, mehr zu ra-
ten und weniger zu schimpfen. Aber ein guter Rat ist ebenso teuer wie
ein schlechter Spott billig. . . .
Ich schreibe diese Betrachtung iiber den Berliner Verkehr nicht mit
dem reinen Gewissen eines Fachmannes, der helfen zu konnen glaubt;
wohl aber mit dem Rechte des Laien, der selbst ein Opfer des schlech-
ten Verkehrs ist und der die Aussicht hat, durch eine lange Dauer der
schlimmen Zustande und verschiedene neue Experimente einmal ein
Fachmann zu werden; denn sobald die Strafienbahnen dieser Stadt
iiberhaupt nicht mehr werden fahren konnen, werde ich sie zu fuhren
verstehen. Heute weifi ich nur, was ich selbst sehe und erleide. Es ge-
niigt.
Es scheint mir, dafi die Strafienbahnen einen weltstadtischen Verkehr
unmoglich machen. Im Zeitalter des Luftverkehrs wirken sie wie Post-
kutschen. Sie fahren meist in der Mitte des Straftendamms. Sie konnen
an einem Fahrzeug, das zufallig auf die Schienen geraten ist, nicht vor-
bei. Sie sperren die Aussicht dem Passanten und verhindern, dafi er
heranfahrende Gefahrte auf der gegeniiberliegenden Strafienseite
rechtzeitig bemerkt. Sie stehen, ohne sich riihren zu konnen, lange,
bange Minuten und bilden eine Mauer mit kleinen Liicken, durch die
man sich schon zwangen konnte, wenn man nicht fiirchten miifite, von
einem gedeckt heranfahrenden Auto getotet zu werden. Diese Fehler
der Strafienbahn liegen so klar auf dem Pflaster, dafi sie sogar die Fach-
leute schon eingesehen haben. Man ist also darauf bedacht, die Schie-
278 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nen abzuschaffen und Autobusse einzufiihren. Aber von der Idee bis
zu ihrer Verwirklichung ist ein weiter, gleichsam mit der Strafienbahn
zurikkzulegender Weg. Indessen mehren sich die Autofahrer, am er-
sten Dezember soil die Taxe ermafiigt werden, die Autodroschken
werden so (verhaltnismafiig) billig, dafi sie ein neues Problem in dieser
an Problemen reichen Angelegenheit bilden werden.
Berlin hat sehr wenig geschulte Verkebrspolizisten. J a, es gibt keine
»Verkehrspolizei«. Es gibt nur ein Arm, das mit Fachleuten, hoheren
Beamten, besetzt ist. Den Strafiendienst versieht die (»abkomman-
dierte«) Mannschaft der Schutzpolizei: Diese braven und eifrigen
Leute machen unnotig weite, fuchtelnde, ausholende Bewegungen mit
den Armen. Sie wirken nicht exakt und infolgedessen undeutlich und
nicht verstandlich. In der Dunkelheit - die auch ein schwieriges Kapi-
tel ist - sieht man sie kaum. Sie konnen leicht uberfahren werden. Ihre
graugriinen Uniformen verschwimmen in der grauen Atmosphare. Sie
sind im allgemeinen klug, »helle« und selbstandig genug, um Vor-
schriften »individuell« abwandeln zu konnen. Aber sie miissen auch
Auskiinfte erteilen und renitente Fahrzeugleiter zur Vernunft bringen.
Uniiberlegte Zeitungsartikel untergraben die Autoritat der Polizisten,
und ein interviewter Schwerfuhrwerkskutscher glaubt in jedem Falle
mehr zu verstehen als der Polizist, der ja schliefilich mehr sieht, weil er
in der Mitte steht. Er mufite nur knapper sein und sparsamer mit den
Bewegungen. In der Dunkelheit tate ihm eine Lampe not. Noch besser
ware freilich eine ordentliche Stadtbeleuchtung. In belebten und gar
nicht abgelegenen Winkeln Berlins sieht es am Abend aus wie in der
fernsten, tiefsten Provinz. Die Sparsamkeit des Magistrats hat viele
Opfer gefordert.
Am schlimmsten sind die langsamen Strafienreparaturen. Nirgends
werden Strafien so langsam, so vorsintflutlich umstandlich ausgebes-
sert wie in Berlin. Es gibt Strafienecken, an denen jede Nacht die Pfla-
stersteine sorgfaltig ausgehoben werden, um am Morgen wieder provi-
sorisch eingelegt zu werden. Um Mitternacht beginnen zehn bis zwolf
Manner die Pflastersteine auszuheben und an den Strafienrand zu le-
gen. Hierauf beginnt die Arbeit an dem Fundament der Strafie und an
den Schienen. Morgens, ehe die erste Bahn kommt, mufi die Strafie
glatt sein. Es ist wie nach einer Operation, wenn jeden Tag ein Ver-
band erneuert werden mufi. Man hat zu wenig Arbeiter eingestellt.
Manchmal sieht man ein verlorenes Hauflein - drei oder vier Manner -
1924 279
an einer Ecke mit primitiven Geraten und Handen Steine ausheben,
Teer schiitten, von hellen Stichflammen grell und phantastisch be-
leuchtet, merkwiirdige Schatzgraber, einsam, geheimnisvoll und be-
dachtig.
Das sind einige der sichtbaren Mifistande und Ursachen der Mifi-
stande. Es gibt auch andere Griinde, uber die Praktiker lacheln wer-
den, es gibt - ich mochte es am liebsten fliistern, wenn man fliisternd
schreiben konnte - es gibt: metaphysische Griinde.
Fur viele Peinlichkeiten im offentlichen Alltag ist die Bevolkerung ver-
antwortlich, das heifJt der undisziplinierte Charakter der Nachkriegsge-
neration, die Verbitterung, die mit den Leuten explodiert. Ich bin kiihn
genug, die Vermutung auszusprechen; Dafi ein Autobus, der von lauter
erbitterten, Streit und Zusammenstofi suchenden Passagieren besetzt
ist, auch schliefilich zusammenstoflen mufi. Die Stimmung im Wagen
ubertragt sich auf den Lenker. Jeder ist gekrankt. Niemand macht den
stehenden Frauen Platz. Jeder sieht im andern den Feind. Einer wirft
dem andern wiitende Blicke zu. Den halt man fur einen Juden, jenen fur
einen »Bolschewisten«. Diese Dame hat einen zu kostbaren Pelz. Ihre
Nachbarin ist nicht nur wutend - was selbstverstandlich ware -, sie
verbirgt die Wut auch nicht. Ein angeheiterter Kegelverein glaubt, den
Wagen stiirmen zu imissen. Politische Uberzeugungen auftert man am
liebsten laut, weil sie provozieren konnten. Allen Frauen sieht man
frech unter den Hut, wenn er sie beschattet. Haben sie einen Begleiter,
um so besser! Da ist die langentbehrte Gelegenheit zum Streit. Immer
Hegt die Katastrophe in der Luft. Dem Nachbarn sieht man liber die
Schulter in die Zeitung. Man driickte ihn in die Ecke oder an den Rand.
Man ist des Nachsten Polizist. Stolpert er, schreit man ihn an, er moge
sich festhalten. Jeder ist Schaffner und kommandiert: Vorgehn. Aber
weil der Kommandierte auch ein Schaffner ist, geht er nicht vor. Es fehlt
vor allem an der Disziplin des Individuums; an Wohlerzogenheit; an
Formensinn; an natiirlichem Takt. Wenn jeder einzelne Katastrophen
verursacht, wie sollten sich keine Katastrophen ereignen? Alle Passa-
giere eines Wagens bilden schlieftlich eine Gemeinschaft. Aber sie sehen
das selbst im Augenblick der Gefahr nicht ein. Sie glauben, einander
immer befeinden zu miissen: aus politischen, sozialen, vielen anderen
Griinden. Wo so viel Haft aufgespeichert ist, ubertragt er sich auf die
toten Dinge und ruft die bekannte Tiicke des Objekts hervor.
280 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die Sachverstandigenfahrten ins Ausland konnen nicht viel helfen, so-
lange nicht jeder einzelne eine neue Verkehrsordnung fur sich selbst
ausarbeitet. Es liegt ein Sinn in dem sprachlichen Zufall, dafi »Ver-
kehr« in den Strafien der Stadt und »Verkehr« zwischen Mensch und
Mensch denselben Ausdruck haben . . .
Zu den hier besprochenen chronischen Verkehrskrankheiten Berlins
tritt nun eine akute, die jene fast in den Hintergrund riickt. Die Unter-
grundbahn streikt. Sie ist die wichtigste Verkehrsader Berlins. Strafien-
bahndirektion und Omnibusgesellschaft haben alle verfugbaren Reser-
vewagen in den Dienst gestellt. Aber sie geniigen nicht. Das Gedrange
ist ungeheuer. Dabei ist das Wetter trocken und kiihl. Wenn jetzt ein
nasser Novembertag kommt, ist die lange erwartete Verkehrskatastro-
phe da. Der Schiedsspruch des Arbeitsministeriums soil zwar bindend
sein, aber die Angestellten der Untergrundbahn erkennen ihn nicht an.
Das scheint sowohl die Direktion als auch das Arbeitsministerium zu
einer katastrophalen Untatigkeit veranlassen zu wollen. Nichts riihrt
sich. Aber ein Streik der Berliner Untergrundbahn ist keine private
Angelegenheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sondern
eine des offentlichen stadtischen und sogar staatlichen Wohles.
Frankfurter Zeitung, 15. 11. 1924
Reise durch Galizien
LEUTE UND GEGEND
Das Land hat in Westeuropa einen iiblen Ruf. Der wohlfeile und faule
Witz des zivilisierten Hochmuts bringt es in eine abgeschmackte Ver-
bindung mit Ungeziefer, Unrat, Unredlichkeit. Aber so treffend ein-
mal die Beobachtung war, dafi es im Osten Europas weniger Sauber-
keit gebe als im Westen, so banal ist sie heute; und wer sie jetzt noch
gebraucht, kennzeichnet weniger die Gegend, die er beschreiben will,
als die Originalitat, die er nicht besitzt. Dennoch ist Galizien, das
grofte Schlachtfeld des grofien Krieges, noch lange nicht rehabilitiert.
Auch fur diejenigen nicht, die Schlachtf elder fur Felder der Ehre hal-
ten. Obwohl westeuropaische Leiber in galizischer Erde zerfallen, um
sie zu diingen. Obwohl aus den faulenden Gebeinen der zerschossenen
Tiroler, der Niederosterreicher, der deutschen Soldaten aus dem Rei-
che der Kukuruz dieses Landes bluht.
»Kukuruza« heifien die Maiskolben. Wenn sie reif geworden sind, sau-
men sie die Strohdacher der Bauernhiitten, grofie, gelbe Naturtrod-
deln, von langen gelben Haaren iiberweht. Man mastet die Schweine
mit Kukuruz, die Ganse, die Enten, und bringt sie auf die Markte, in
die grofien Stadte. Arme jiidische Handler in Galizien legen die Mais-
kolben in Topfe voll kochenden Wassers, Ziehen mit den siedenden
Erdfriichten durch die Straflen und verkaufen die Kolben an jene ar-
men Juden, die mit alten Lumpen, Glasresten und Zeitungspapier han-
deln. So leben die Kukuruzhandler von den Lumpenhandlern. Von
wem aber leben die Lumpenhandler?
Es ist schwer zu leben. Galizien hat mehr als acht Millionen Einwoh-
ner zu ernahren. Die Erde ist reich, die Bewohner sind arm. Sie sind
Bauern, Handler, kleine Handwerker, Beamte, Soldaten, Offiziere,
Kaufleute, Bankmenschen, Gutsbesitzer. Zu viele Handler, zuviel Be-
amte, zuviel Soldaten, zuviel Offiziere gibt es. Alle leben eigentlich
von der einzigen produktiven Klasse: den Bauern.
Die sind fromm, aberglaubisch, furchtsam. Sie leben in scheuer Ehr-
furcht vor dem Priester und haben einen mafilosen Respekt vor der
282 DAS JOURNALISTISCHE WERK
»Stadt«, aus der die seltsamen Fuhrwerke kommen, die ohne Pferde
fahren, die Beamten, die Juden, die Herrschaften, Arzte, Ingenieure,
Geometer, Elektrizitat, genannt: Elektryka; die Stadt, in die man die
Tochter schickt, auf dafi sie Dienstmadchen werden und Prostituierte;
die Stadt, in der die Gerichte sind, die schlauen Advokaten, vor denen
man sich hiiten mufi, die gerechten Richter in den Talaren hinter den
metallenen Kreuzen, unter dem bunten Bild des Heilands, in dessen
heiligem Namen der Mensch verurteilt wird zu Monaten und zu Jah-
ren und auch zum Tode durch den Strang; die Stadt, die man ernahrt,
damit man von ihr leben kann, damit man in ihr bunte Kopftiicher
kaufe und Schurzen, die Stadt, in der die »Kommissionen«, die Ver-
ordnungen, die Paragraphen, die Zeitungen ausbrechen.
So war's, als der Kaiser Franz Joseph regierte, und so ist es heute. Es
sind andere Uniformen, andere Adler, andere Abzeicben. Aber die we-
sentlichen Dinge andern sich nicht. Zu den wesentlichen Dingen geho-
ren: die Luft, die menschliche Seele und Gott mit alien Heiligen, die
seine Himmel bewohnen und deren Abbildungen an den Wegen ste-
hen.
Diese Heiligenbilder zwischen den Ahren der weiten Felder, an den
Wiesenrandern, in den Waldlichtungen sind im grofien Kriege vernich-
tet worden, durchlochert, zerhackt, verkriippelt und dort wieder auf-
gerichtet, bemalt, mit Inschriften versehen, wo der Bauern Opfermut
so grofi war wie ihre Frommigkeit tief. So ist es nicht uberall. Noch
steht in dem kleinen ostgalizischen Dorf jener beriihmt gewordene
Christus, dessen Kreuz von einem sarkastischen Geschofi zertriimmert
wurde, so dafi nur der steinerne Heiland blieb, an den Stumpf des
Kreuzes die blutenden Fiifie genagelt und die Arme weit breitend im
verzweifelten Nichtverstehen des schweigenden Gottes und der schie-
fienden Welt; ein Erloser, der gekreuzigt wird, ohne am Kreuz zu han-
gen; das symbolische Ergebnis eines martialischen Zufalls. Man hat
dieses Wunder mit Recht so stehen lassen. Ringsum vernarben langsam
die Schiitzengraben.
Aber die Narben sind hafilich und wie entstellende Hautkrankheiten
der Erde. Ich mochte gerne die bequeme Art jener Berichterstattung
vermeiden, die durch das Kupeefenster blickt und die zuriickliegenden
Impressionen mit hurtiger Genugtuung notiert. Aber ich kann es
nicht. Mein Blick schweift immer wieder von den aufschlufireichen
Physiognomien der Mitreisenden in die melancholische, ebene Welt
1924 283
ohne Grenze, in diese sanfte Trauer der Erde, in welche die Schlachtfelder
hineingewachsen sind, Erganzungen a posteriori. Und mag in meiner
Nachbarschaft ein ebenso seltsamer wie typischer Mensch gerade im
Begriff sein, eine Welt, seine Welt zu verraten - ich kann das Bild der
kleinen Station nicht missen.
Alle diese Stationen sindeng, schmal, sie bestehen aus einemTrottoirund
ein paar Schienen davor, der Bahnsteig sieht aus wie das Fragment einer
Strafie mitten zwischen Feldern. Als ware es just die Strafienecke vor der
Borse, so stehen hier jiidische Handler, schwarze und rothaarige. Sie
erwarten niemanden, sie begleiten keinen Freund, sie gehen zur Bahn,
weil es zum Beruf eines kleinen Handlers gehort, zur Bahn zu gehen, den
ankommenden Zug zu sehen, die aussteigenden Leute, diesen Zug einmal
im Tage, die einzige Verbindung mit der Welt, der ihren Larm mitbringt
und etwas von den grofien Geschaften, die rund um den Globus abge-
schlossen werden. Der Zug bringt deutsche Zeitungen aus Wien, aus Prag
und aus Mahrisch-Ostrau. Einer liest vor. Wahrenddessen gehen die
Handler, in Gruppen diskutierend, nach Hause auf dem Feldweg, der
den Marktflecken mit der Bahn verbindet, links sind Felder, rechts sind
Felder, rechts ist das Christusbild, links ein Heiliger und zwischen beiden
die Juden mit gesenkten Kopfen, die flatternden Rocke hebend, sorgsam
bedacht, das Kreuz nicht zu beruhren, dem Heiligenbild auszuweichen,
zwischen Szylla und Charybdis des fremden, gewollt unverstandenen
Glaubens. Es spritzt der Schlamm der Strafte.
In der Feme leuchtet der Schlamm wie schmutziges Silber. Man konnte
die Strafien in der Nacht fur triibe Fliisse halten, in denen sich Himmel,
Mond und Sterne tausendfaltig und verzerrt spiegeln wie in einem sehr
schmutzigen Kristall. Zwanzigmal im Jahr schuttet man Steine in den
Schlamm, ungefiige, grobe Steinblocke, Mortel und rostbraune Ziegel,
und nennt es Schotterung. Aber der Schlamm bleibt doch am Ende
siegreich, er verschlingt die Steinblocke, den Mortel, die Ziegel, und seine
triigerische Oberflache heuchelt glatte Ebenen, wo ganze Hohenziige
schlummern unter glucksenden Wassern, ein von Engpassen qualvoll
durchfurchtes Kettengehiigel. Viele Trainkolonnen sind iiber diese Stra-
fien gezogen, schwere Geschiitze haben tiefe Spuren hinterlassen, die
Pferde sanken bis zum Sattel unter- ich weifi es noch, ich weifi es noch.
Einmal zog ich diese und andere Strafien dahin, ein Lastmensch unter
Lasttieren, und uns fraft der unsterbliche Schlamm, wie er die Schotte-
rung der Straite frifk.
284 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Wie ein Flufi im Gebirge Seen bildet, so weitet sich kreisrund die
Strafie zum Marktflecken. Hier sehe ich die Geburt einer Stadt. Sie ist
ein Kind der Strafie. Es sind geheime Gesetze, nach denen hier ein
Stadtchen entsteht und dort ein Dorf. Jenes breit und rund, dieses
schmal und langgestreckt. Montag ist der Markt. Der Markt erzeugt
den Marktflecken. Dieser das Stadtchen. Eine Stadt wird es nie.
Schicksalhaft begrenzt sind die Karrieren der Ortschaften wie der
Menschen.
Denn es scheint, dafi in diesem Land die Bedingungen fur die aufiere
Entwicklung der Organismen gering sind. Sie wachsen nicht ins Weite.
Sie wachsen ins Groteske. In dieser mifihandelten, verponten europai-
schen Ecke ist die Romantik noch lebendig. In manchen Gegenden ist
alles unwirklich: Familien, die im Sommer vom Handel mit Gurken-
saft leben und im Winter von Totengebeten; Grafenschlosser, in denen
Geister gesehen werden; kleine, barfiiftige Jungen, die Trinkwasser in
den Stationen verkaufen, Trinkwasser, nichts anders. In Lemberg er-
eignete es sich, dafi ein groftes Lastwagenpferd durch ein offenes Ka-
nalgitter fiel. Die Kanaloffnungen in Lemberg sind nicht grofier, die
Pferde nicht kleiner als in der ganzen europaischen Welt. Aber Gott
lafit Wunder geschehen. Jeden Tag lafit Gott Wunder geschehen. Jeden
Sonntag iibertrifft er sich selbst.
Anders als in den kleinen Stadten Westeuropas ist der Mensch in den
galizischen Kleinstadten. Dort wachst er in die Behaglichkeit hinein,
die morgens vom Fruhschoppen, abends vom Stammtisch begrenzt
wird. Die galizische Kleinstadt aber ist ohne Behagen. Sie wandelt ih-
ren Spiefter selbst in eine Raritat. Sie fordert die Entwicklung zur Selt-
samkeit. In den galizischen Kleinstadten hastet die Tobsucht der gro-
fien Weltstadte. Es ist Bewegung ohne sichtbaren Zweck und aus ge-
heimnisvoller Ursache.
Aber iiber das flache Land wandelt unaufhorlich ein ewig gleicher
Wind, den man kaum fiihlt. Hiigel, Verheifiungen der Karpaten,
blauen in der Feme. Raben kreisen iiber den Waldern. Sie waren hier
immer zu Hause. Seit dem Krieg sind sie uppig geworden. Keine Fa-
brik, keine Reklame, kein Rufi. Auf den Markten verkauft man pri-
mitive, holzerne Hampelmanner, wie in Europa vor 200 Jahren. Hat
hier Europa aufgehort?
Nein, es hat nicht aufgehort. Die Beziehung zwischen Europa und
diesem gleichsam verbannten Land ist bestandig und lebhaft. In Buch-
1924 285
handlungen sah ich die letzten literarischen Neuerscheinungen Eng-
lands und Frankreichs. Ein Kulturwind tragt Samen in die polnische
Erde. Der Kontakt mit Frankreich ist der starkste. Uber Deutscbland,
das im toten Raum zu liegen scheint, spriihen Funken heriiber und
zuriick.
Galizien liegt in weltverlorener Einsamkeit und ist dennoch nicht iso-
liert; es ist verbannt, aber nicht abgeschnitten; es hat mehr Kultur, als
seine mangelhafte Kanalisation vermuten lafit; viel Unordnung und
noch mehr Seltsamkeit. Viele kennen es aus der Zeit des Krieges, aber
da verbarg es sein Angesicht. Es war kein Land. Es war Etappe oder
Front. Aber es hat eine eigene Lust, eigene Lieder, eigene Menschen
und einen eigenen Glanz; den traurigen Glanz der Geschmahten.
Frankfurter Zeitung, 20. 11. 1924
LEMBERG, DIE STADT
Es ist eine grofte Vermessenheit, Stadte beschreiben zu wollen. Stadte
haben viele Gesichter, viele Launen, tausend Richtungen, bunte Ziele,
diistere Geheimnisse, heitere Geheimnisse. Stadte verbergen viel und
offenbaren viel, jede ist eine Einheit, jede eine Vielheit, jede hat mehr
Zeit als ein Berichterstatter, als ein Mensch, als eine Gruppe, als eine
Nation. Die Stadte iiberleben Volker, denen sie ihre Existenz verdan-
ken, und Sprachen, in denen ihre Baumeister sich verstandigt haben.
Geburt, Leben und Tod einer Stadt hangen von vielen Gesetzen ab, die
man in kein Schema bringen kann, die keine Regel zulassen. Es sind
Ausnahmegesetze.
Ich konnte Hauser beschreiben, Strafienziige, Platze, Kirchen, Fassa-
den, Portale, Parkanlagen, Familien, Baustile, Einwohnergruppen, Be-
horden und Denkmaler. Das ergabe ebensowenig das Wesen einer
Stadt, wie die Angabe einer bestimmten Anzahl von Celsiusgraden die
Temperatur eines Landstriches vorstellbar macht. (In Berlin friert man
schon bei plus 15 Grad Celsius.) Man miifite die Fahigkeit haben, die
Farbe, den Duft, die Dichtigkeit, die Freundlichkeit der Luft mit Wor-
ten auszudriicken; das, was man aus Mangel einer treffenden Bezeich-
nung mit dem wissenschaftlichen Begriff »Atmosphare« ausdriicken
286 DAS JOURNALISTISCHE WERK
muS. Es gibt Stadte, in denen es nach Sauerkraut riecht. Dagegen hilft
kem Barock. Ich kam an einem Sonntagabend in eine kleine ostgalizi-
sche Stadt. Sie hatte eine Hauptstrafie mit ganz gleichgiiltigen Hau-
sern. Jiidische Handler wohnen in dieser Stadt, ruthenische Handwer-
ker und polnische Beamte. Der Biirgersteig ist holprig, der Fahrdamm
wie die Nachbildung einer Gebirgskette. Die Kanalisation ist mangel-
haft. In den kleinen Seitengassen trocknet Wasche, rot gestreift und
blau kariert. Hier miifite es doch nach Zwiebeln duften, verstaubter
Hauslichkeit und altem Moder?
Nein! In der Hauptstrafie dieser Stadt entwickelte sich der obligate
Korso. Die Kleidung der Manner vor von einer selbstverstandlichen,
sachlichen Eleganz. Die jungen Madchen schwarmten aus wie Schwal-
ben, mit hurtiger, zielsicherer Anmut. Ein heiterer Bettler bat mit vor-
nehmem Bedauern um ein Almosen - und es tat ihm leid, daf? er ge-
zwungen war, mich zu belastigen. Man horte Russisch, Polnisch, Ru-
manisch, Deutsch und Jiddisch. Es war wie eine kleine Filiale der gro-
fien Welt. Dennoch gibt es in dieser Stadt kein Museum, kein Theater,
keine Zeitung. Aber dafur eine jener »Talmud-Thora-Schulen«, aus
denen europaische Gelehrte, Schriftsteller, Religionsphilosophen her-
vorgehen; und Mystiker, Rabbiner, Warenhausbesitzer.
In dieser Stadt lernte ich zufallig einen Gymnasiallehrer kennen. Er
sagte: »Sie sind aus Deutschland? Erklaren Sie mir, was aus der Ent-
deckung des Professors geworden ist, der Gold aus Quecksilber ge-
winnt. Was bleibt dann noch? Was ist aufierdem im Quecksilber ent-
halten? Ich mufi fortwahrend dariiber nachdenken. Sie miissen wissen,
daft ich sehr viel Zeit habe. Wenn ich soviel Geld hatte, ich wurde nach
Deutschland fahren und mich informieren. Es lafit mir keine Ruhe!«
So sprach der Mann. Er wird wieder zwei Jahre warten, bis jemand aus
Deutschland kommt.
Solche Menschen gedeihen in kleinen ostgalizischen Stadten. In den
grofieren wiirden sie wahrscheinlich auch gedeihen. Aber es gibt keine
grofieren. In Ostgalizien gibt es nur eine: die Stadt Lemberg.
In diese Stadt bin ich zweimal gewissermafien als ein Sieger eingezo-
gen, und das war nicht ganz ungefahrlich. Lange Zeit war sie eine
»Etappe«, Sitz eines osterreichischen Armeekommandos, einer deut-
schen Feldzeitung, vieler Militaramter, einer k. u. k. Personalsammel-
stelle, einer »Offiziersmenage«. Es gab eine Militarpolizei, eine
»Kundschafter- und Nachrichtenstelle«, ein osterreichisches und ein
1924 287
deutsches Bahnhofskommando, Krankenhauser, Epidemien und
Kriegsberichterstatter. Hier hauste der Krieg, hier hausten seine Be-
gleiterscheinungen, die schlimmer, weil sie dauerhafter waren. Um
diese Stadt kampften nach dem Zusammenbruch Polen und Ruthenen,
und hier ereignete sich der Novemberpogrom. Und heute noch sieht
Lemberg wie eine Etappe aus.
Die Hauptstrafie hieft einmal »Karl-Ludwig-Strafte«, aus Loyalitat ge-
geniiber dem Herrscherhause. Heute heifk sie die »Strafk der Legio-
nen«. Es sind die polnischen Legionen gemeint. Hier war einmal der
Korso der osterreichischen Offiziere. Heute spazieren die polnischen
Offiziere. Hier horte man immer Deutsch, Polnisch, Ruthenisch. Man
spricht heute Polnisch, Deutsch und Ruthenisch. In der Nahe des
Theaters, das am unteren Ende die Strafie abgrenzt, sprechen die Men-
schen Jiddisch. Immer sprachen sie so in dieser Gegend. Sie werden
wahrscheinlich niemals anders reden.
Gegen diese Vielsprachigkeit wehrt sich das neugestarkte, durch die
jiingste Entwicklung der Geschichte gewissermaften bestatigte polni-
sche Nationalbewufitsein - mit Unrecht. Junge und kleine Nationen
sind empfindlich. Grofie sind es manchmal auch. Nationale und
sprachliche Einheitlichkeit kann eine Starke sein, nationale und
sprachliche Vielfaltigkeit ist es immer. In diesem Sinn ist Lemberg eine
Bereicherung des polnischen Staates. Es ist ein bunter Fleck im Osten
Europas, dort, wo es noch lange nicht anfangt, bunt zu werden. Die
Stadt ist ein bunter Fleck: rot-weift, blau-gelb und ein bifkhen
schwarz-gelb. Ich wiifite nicht, wem das schaden konnte.
Diese Buntheit schreit nicht, blendet nicht, macht kein Aufsehen, ist
nicht um ihrer selbst willen da, wie die Buntheit balkanisch-orientali-
scher Stadte, wie die Budapester zum Beispiel, das balkanischer ist als
der Balkan. Die polyglotte Farbigkeit der Stadt Lemberg ist wie am
friihen Morgen noch im Halbschlummer, schon in halber Wachheit. Es
ist wie die erste Jugend einer Buntheit. Junge Bauerinnen mit Korben
fahren im Bauernwagen durch die Hauptstrafte, Heu duftet. Ein Dreh-
orgelmann spielt ein Volkslied. Stroh und Hacksel sind iiber den Fahr-
damm gestreut. Die Damen, die in die Konditorei gehen, tragen die
letzten Toiletten aus Paris, Kleider, die bereits den Anspruch erheben,
»Schopfungen« zu sein. In den Seitenstrafie staubt man Teppiche.
Adam Mickiewicz, der grofie polnische Dichter, steht in der Strafien-
mitte. Kaftanjuden patrouillieren zu seinen Fiifien, die Wachtposten
288 DAS JOURNALISTISCHE WERK
des Handels. Ein Mann mit einem Sack iiber der rechten Schulter
schreit »Handele!« mit melodischer Weinerlichkeit. Das hindert kei-
nen einzigen der schlanken, sehr kriegerischen Kavallerieoffiziere, mit
seinem grofien, gebogenen Sabel zu scheppern, mit den musikalischen
Sporen zu klirren. Er klirrt, scheppert, schreitet mit anmutiger Mann-
lichkeit in einer kleinen Wolke aus Kriegsmusik dahin und ist dennoch
ein friedlicher Mensch - und als hatte er keinen gewaltigen Schleppsa-
bel, sondern nur einen Regenschirm, so zwangt er sich durch die dicht-
geballten Gruppen der Handler, welche die Politik der Welt bespre-
chen und einen Handel abschliefien und beides gleichzeitig. So demo-
kratisch ist hier das Militar. Ich sah einen Oberleutnant mit vielen
Kriegsauszeichnungen und bunten Bandchen an der Brust. In der
Hand trug er ein Glas »Eingemachtes«. Seiner Frau hielt er den Markt-
korb. Dieser Kopfsprung ins Ewig-Menschliche, ins Private, ins Haus-
liche versohnt mit den kriegerischen Wolken aus Sporenklang und Or-
densglanz. In anderen Stadten tragt ein »Bursche«, drei Schritte hinter
den Herrschaften Oberleutnants, das Eingemachte. Manchmal ist es
gut zu sehen, dafi ein Oberleutnant ein Mensch ist.
Die Stadt demokratisiert, vereinfacht, vermenschhcht, und es scheint,
dafi diese Eigenschaften mit ihren kosmopolitischen Neigungen zu-
sammenhangt. Die Tendenz ins Weite ist immer gleichzeitig ein Wille
zur selbstverstandlichen Sachlichkeit. Man kann nicht feierlich sein,
wenn man vielfdltig ist. Sakrales selbst wird hier popular. Die grofien,
alten Kirchen treten aus der Reserve ihres heiligen Zwecks und mi-
schen sich unter das Volk. Und das Volk ist glaubig. Neben der grofien
Synagoge bluht der jiidische Strafienhandel. An ihren Mauern lehnen
die Handler. Vor den Kirchenportalen hocken die Bettler. Wenn der
liebe Gott nach Lemberg kame, er ginge zu Fufi durch die »Strafie der
Legionen«.
Strafien, Platze, Hauser, die vornehm zu sein die Bestimmung und die
Pflicht haben, Schlosser hinter Gittern, offentliche Gebaude, zu denen
man auf Stiegen emporschreitet - alle sind popular. Die strenge Form
lockert sich volkstiimlich. Die Milderung der strengen Form artet auch
in Unordnung aus, in zerstorende Langsamkeit, selbstmorderische
Verwirrung. Die Gesetze sind zahlreich. Ihre Ubertretung oberstcs
Gesetz, wenn auch ungeschriebenes. Der alte »6sterreichische Schlen-
drian« findet eine adaquate Fortsetzung in der Lassigkeit, die slawisch
ist und eine Begleiterin der Melancholic
1924 289
Es gibt em Literaten-Cafe, »Roma« heifit es. Gute Burger besuchen es.
Auch hier verwischen sich die Grenzen zwischen Sefihaftigkeit und
Boheme. Der Sohn des bekannten Rechtsanwalts ist Stammgast, Regis-
seur, Literat. Am Nebentisch konnten seine Angehorigen sitzen. Alle
Trennungsstriche sind mit schwacher, kaum sichtbarer Kreide gezogen.
Es ist die Stadt der verwischten Grenzen. Der ostlichste Auslaufer der
alten kaiserlich und koniglichen Welt. Hinter Lemberg beginnt Rut-
land, eine andere Welt. Das weit westlichere Krakau ist weniger oster-
reichisch. Es blieb immer ein nationales Museum. Zwischen Wien und
Lemberg ist heute noch, wie immer, der Radioaustausch der Kultur.
Aber Bukarest ist noch dazugekommen. Der Umsturz hat namlich alle
galizischen Stadte um einige Meilen nach Osten geriickt. Vielleicht zum
Segen des Ostens . . .
Frankfurter Zeitung, 22. 11. 1924
DIE KRUPPEL
Einpolnisches Invalidenbegrabnis
In Lemberg wurde der beriihmte polnische Invalide begraben, uber
dessen demonstrative^ heroischen Selbstmord alle Zeitungen der Welt
berichtet hatten. Dieser Invalide sprach in einer Versammlung seiner
Kameraden uber die gemeinsame Not, schlofi mit einem Hochruf auf
die polnische Republik und schofi sich eine Kugel durch den Kopf. Er
verlieft das Leben fruher als das Rednerpult.
Man begrub ihn an einem jener tniben Tage, an denen der verhangte
Himmel sehr nahe iiber unseren Kopfen zu hangen scheint und der liebe
Gott dennoch ferner ist als je. Den Kondukt bildeten alle Invaliden der
Stadt, alle Fragmente, alle gewesenen Menschen, die Hinkenden, die
Blinden, die ohne Arme, die ohne Beine, die Gelahmten, die Zitternden,
die ohne Gesicht und die mit zerschossenem Riickgrat, die Skrofulosen,
die von der Liebe Zerfressenen, die Verblodeten und die taubstumm
Gewordenen, die das Gedachtnis verloren hatten und sich selbst nicht
erkannten, und alle, fur deren Krankheiten die Gelehrten noch keinen
Namen gefunden haben und die am Heldentum zugrunde gingen.
Es gab keinen Invaliden, der zu Hause geblieben ware. Diejenigen, die
290 DAS JOURNALISTISCHE WERK
humpeln konnten, humpelten; die kriechen konnten, krochen, und die
sich iiberhaupt nicht bewegen konnten, lagen auf einem grofien Last-
auto. Leider fand dieses Begrabnis in Lemberg statt, im entlegenen
Ostgalizien! Man hatte den Invaliden mitten in Europa begraben miis-
sen, in Genf zum Beispiel, und Diplomaten und Feldherren einladen
sollen.
Denn es war ein Kondukt, wie man ihn nirgends zu sehen bekommt,
und die polnischen Juden waren die Reprasentanten aller Kriegskriip-
pel der Welt, der internationalen Kriegskriippelnation, deren gemein-
sames Merkmal es ist, dafi man ihnen verschiedene Merkmale wegge-
schossen hat, und die man unfehlbar daran erkennt, dafi man sie nicht
erkennen kann.
Wir haben die Massengraber gesehen, verschimmelte Hande, ragend
aus zugeschutteten Gruben, Oberschenkel an Drahtverhauen und ab-
getrennte Schadeldecken neben Latrinen. Wer aber weifi, wie Ruinen
aussehen, die sich bewegen; Schutt, der sich riihrt; Trummer, die sich
kriimmen? Wer hat schon gehende Krankenhauser gesehen, eine Vol-
kerwanderung der Stiimpfe, eine Prozession der Uberreste!
So war dieser Leichenzug. Tausende Kriippel zahlte ich hinter dem
Wagen. In Doppelreihen, so wie sie einmal in der Marschkompanie
marschiert waren, bewegten sie sich vorwarts. Zuerst hinkten die Lah-
men, zweihundert an der Zahl. Es waren jammerliche Doppelreihen,
ein entstellter Militarismus, eine groteske Truppe, und statt des gesun-
den, gleichmafiigen Rhythmus der Soldaten horte man das ungleich-
mafiige Klopfen der Kriicken auf dem holprigen Pflaster, eine Musik
aus Holz und Stein, dazwischen quietschten und knarrten die Gelenke
der Prothesen, und aus den Kehlen der Kranken kamen verschiedene
Rausper- und Pfeifgerausche, Gemurmel und Gestohn. Hinter den
Lahmen gingen die Blinden, gingen, tappten sich vorwarts in einer
Welt aus schwarzem Samt, ein Blinder war dem anderen Fiihrer, alle
vier in einer Reihe hielten sich an den Handen fest, sie konnten nicht
fehlgehen, sie hatten keinen Zusammenstofi zu furchten, denn der
Tote und der Tod ebneten ihnen den Weg. Sie hatten ihre Brillen und
Binden abgenommen, man sah die ausgeronnenen Augen unter den
vorgewolbten Stirnknochen, wie hohe Torbogen uberschatteten die
unteren Stirnrander die tiefen Augenhohlen, die unbewohnten, grau-
enhaft leeren. Ein gleichmaftiges Schliirfen war horbar, und Stocke und
Metallspitzen erklangen.
1924 291
So waren sie geordnet all nach ihren Schicksalen. Hinter den Blinden
gingen die Einarmigen und hinter ihnen die Armlosen und nach den
Armlosen die Kopfschufiler. Dann kam ein grofies Lastauto, von dem
ein solcher Schrecken ausging, dafi man sein Rattern nicht horte, denn
starker als das Horbare wurde das Gesehene, und ein lautloser Jammer
schrie so betaubend, dafi er jedes Gepolter der Rader ubertonte.
Denn dieser Wagen sah aus, als kame er geradewegs aus einer furchtba-
ren Hollenphantasie. Da standen die Kriippel, deren ganzes Gesicht
ein einziges gahnendes rotes Loch war, von weifiem Verbandzeug ein-
gesaumt, mit rotlichen Narbenrillen statt der Ohren. Da standen
Klumpen von Fleisch und Blut, Soldaten ohne Gliedmaften, Riimpfe in
Uniform, die losen Armel auf dem Rlicken zusammengebunden in
einer koketten Grausamkeit. Da saflen die Ruckenmarkschufiler wie
Taschenmesser eine knappe Sekunde vor dem Zuklappen, die Rlicken
parallel zum Boden des Wagens. Da waren Manner, die ihre Finger
fortwahrend in der Luft herumschleuderten wie tote Knochenbundel
an Bindfaden, und andere, deren Gesichter seitwarts gewandt waren,
links und rechts, und andere, deren Gesichter riickwarts sahen, als
hatte man ihnen den Kopf zuriickgedreht. Das Vorne war hinten, sie
sahen unermudlich zuriick, als bannte sie die schreckliche Vergangen-
heit und als liefie das erlebte Grausen ihren Blick nicht los. Und all das
war eine traumhafte Mischvision von Rot und faulendem Fleisch und
rinnendem Riickenmark und gebrochenen Halswirbeln. Ganz hinten
safi die Elite des schrecklichsten Schreckens, ein Mann, dessen Hals
lang war wie eine auseinandergezogene Harmonika, lang und faltig,
und dessen Kopf bei jeder starkeren Bewegung des Wagens hinten-
iiberfiel, so daft der Boden der Miitze auf dem Nacken lag. Ganz lose
safi der Kopf, ein schwerer Kiirbis an diinner Kette aus welken Haut-
lappen.
Hinter dem Auto schritten die Verblodeten. Sie hatten alles, Augen,
Nase und Ohren, Beine und Arme, und nur der Verstand war ihnen
ausgeronnen, sie wufken nicht, wohin und wozu sie hier gefiihrt wur-
den, sie sahen aus wie Briider, sie erlebten alle dasselbe grofie, vernich-
tende Nichts, wie gelbe Nullen waren ihre Gesichter, und ihre Miinder
standen halb geoffnet in reglosem Lacheln. So belachelten sie blode
den Toten und die Welt, die Strafte, die Hauser, die zusehenden Men-
schen.
Ja, die Menschen blieben stehen und sahen zu und riihrten sich nicht.
1<)1 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es begann zu regnen, und niemand spannte den Regenschirm auf, ob-
wohl viele mit Schirmen ausgeriistet waren. Es tropfte starker, ein
Wind erhob sich, und iiber dem Leichenzug, knapp vor dem Knaben
im weiften Hemd, der das mattschimmernde Metallkreuz trug, segelte
eine dunkelblaue Wolke, zackig, wuchtig und schwer, und streckte
vorne einen Zipfel aus wie einen zerfetzten Zeigefinger, um den Kriip-
peln den Weg nach dem Friedhof zu weisen.
Frankfurter Zeitung, 23. 11. 1924
EIN PAAR »SENSATIONSFILME«
Karl Grune> einer der geschmackvollsten, subtilen und graziosen Film-
regisseure hat den Film »Arabella« gedreht - nach einem Manuskript
von Hans Kyser. Der Film behandelt den tragischen Lebenslauf eines
Pferdes. Die Namen: Grune und Kyser, das Thema selbst halten die
Erwartungen hochgespannt. Es ware moglich gewesen, die Tragik des
Tieres fur sich allein wirken zu lassen, die Tragik, die ja dadurch allein
schon vorhanden ist, dafi das Tier mitten in eine Welt von Menschen
gestellt ist. Man miifite glauben, dafi kein anderer Stoff es dem Filmre-
gisseur so leicht macht. Die »Sensation« ist in den bescheidensten Mo-
menten eines Tierlebens gegeben. Die filmisch wirksamen Gegensatze
sind immer vorhanden: Mensch und Tier. Und sowohl der Respekt
vor dem Tier wie die kiinstlerische Uberlegung hatten geboten, Men-
schen eben nur zur Erzielung von Kontrasten zu verwenden. Der Re-
gisseur aber leidet ebenso wie der Verfasser des Manuskripts an der
falschen Voreingenommenheit gegen den Geschmack und das Inter-
esse des breiten Publikums. Es will sich nur fur Tiere begeistern, mit
ihnen fiihlen, mit ihnen leiden, wenn man ihm Tierfilme verspricht.
Statt dessen wird in »Arabella«, die edle Geschichte eines edlen Pfer-
des, noch eine menschlich banale und langweilige Begebenheit hinein-
komponiert. Die Etappen der menschlichen Begebenheit storen den
Ablauf der Tiergeschichte, hemmen ihn und senken schliefilich das Ni-
veau des ganzen Films.
Ludwig Wolff schreibt nicht nur seine Romane, er filmt sie auch. Ich
weifi nicht, welcher von den beiden Vorgangen der primare ist. Das
soil kein Vorwurf sein. Theoretisch kann ein Romancier sein eigener
Filmregisseur sein. Man darf es nur weder dem Roman noch dem Film
anmerken. Diesem nicht, dafi er aus einem Roman entstand, der von
vornherein als Film gedacht war. Jenem nicht, dafi er zu dem Zweck
entstanden ist, in einem spateren Leben ein Film zu werden. Die Pro-
dukte Ludwig Wolffs sind zur Seelenwanderung verurteilt, sobald sie
geboren werden. Man ahnt die Form ihres zweiten Lebens.
»Garragan« ist solch ein Produkt. Die Geschichte eines Barons, der
aus menschlichen, verstandlichen und verzeihlichen Motiven in den
Kerker gelangt. Mit seinem Wiedereintritt ins freie Leben beginnen
294 DA S JOURNALISTISCHE WERK
Film und Roman. Zwei Frauen treten auf. Ein amerikanischer Milliar-
ds. Ein osterreichischer Baron. Sie sind Klischees. Weil viel im Ro-
man gesprochen wird, mufi der Film viele storende Titel haben. Weil
die handelnden Personen reich sind und sich in interessanten Stadten
und Landschaften aufhalten diirfen, sieht man Stadte und Landschaf-
ten. Diese sind allerdings sehr schon. Ein Verdienst der Photographie
und der Objekte. Ludwig Wolffs grofie Leserschar wird wahrschein-
lich schon bessere Filme gesehen haben. Ein geschickterer Romancier
ist selbst mir noch nicht begegnet . . .
Der in Wien lebende ungarische Regisseur Kertesz hat die »Sklavenko-
nigin« gedreht, einen Film, der freie Phantasie, Prahistorie und Bibel
ungeschickt und plump durcheinandermengt. Die Juden in Gosen
werden von den Agyptern bedrangt. Ein agyptischer Prinz liebt ein
Judenmadchen. Er mufi die Thronfolge an seinen Bruder abgeben. Das
ist eben jener Pharao, von dem die Bibel erzahlt. Sein bekanntes Ende
im Roten Meer verschafft dem edlen Prinzen die Konigswiirde. Seine
geliebte Jiidin stirbt indessen, gemordet von der Gegenpartei. Man er-
lebt schaudernd das primitive Chaos, das in der Welt des Herrn Ker-
tesz braut. Die Juden von Gosen sehen aus wie galizische Kleinstadtju-
den. Ihre Kennzeichen: Sie reden viel und laut und gestenreich. Wenn
einer Kertesz heifit und aus Ungarn ist, miifite er die biblischen Juden
besser kennen. Herr Kertesz hat aber nur den grofien amerikanischen
Film »Die zehn Gebote« gut gekannt. Zum erstenmal in der - ach! so
reichen! - Geschichte des Films diirfte es sich ereignet haben, dafi
ganze Partien, darunter die wichtigsten, so aussehen, als waren sie aus
einem Film glatt in den andern ubernommen worden. Der Zug der
Juden durchs Rote Meer, die gespaltenen Wasser sehen genau so aus
wie in den »Zehn Geboten«. Es ist das Verdienst des Berliner Kritikers
Kurt Pinthus, den Zusammenhang erlautert zu haben: Er folgert ganz
richtig, dafi Kertesz diesen Film noch gedreht hat, als es eine Inflation
gab und fur Deutschland keine Moglichkeit, die kostspieligen Dollar-
filme zu beziehen. Damals glaubte Kertesz, mit seinen Bildern der er-
ste zu sein. Er hat sich getauscht. Freuen wie uns iiber einen Sieg der
Gerechtigkeit, der in der Filmwelt selten ist. . . .
Den »Jagdruf der Liebe«> einen »echt amerikanischen « Film der Fox-
Gesellschaft, ziehe ich dem Kertesz vor, obwohl der »Jagdruf« nichts
anderes will als »Aufregung«. Es ist eine Symphonie rasender Un-
1924 295
wahrscheinlichkeiten, der grofite Teil der physikalischen Gesetze ist
aufgehoben und hat andern, amerikanischen Gesetzen Platz gemacht.
Man saust zwischen zwei Eisenbahnziigen im Auto, fliegt iiber Ab-
griinde, kommt immer im letzten Moment, besteht Millionen Gefah-
ren in zwei Sekunden, und die Logik des Geschehens ist so erschopft,
dafi sie keine Logik mehr ist. Einem Mut, der solche Marchen er-
zahlt, glaubt man alles. Da ist eine naive Unbefangenheit, die keine
Grenze kennt. Das Tempo des Bluts jagt den letzten Rest der Ver-
nunft iiber den Haufen. Dieser Film diirfte einen Hohepunkt der
Gattung Amerika bedeuten. Er ist anspruchslos. Und die grofie
Kunst besteht darin, bescheiden zu sein, wenn man dem Zuschauer
so viel zumutet. Es gibt eine Grenze, hinter der auch fur uns das
Wunder anfangt . . .
Frankfurter Zeitung, 20. 11. 1924
WIEVIEL KOSTET EIN PERSONLICHES FURWORT?
Bevor ich zu der Erklarung dieser Frage und ihrer Beantwortung
komme, mufi ich ein Kapitel streifen, das sich auf sie bezieht. Es ist
das Kapitel: »Militarische Sprache, merkantile Ausdrucksweise und
literarischer Stil.« Die Verwandtschaft, ja die Identitat dieser drei
kann leicht ersichtlich gemacht werden.
In einem ekstatischen Drama sagt zum Beispiel der Hausarzt: »Ab-
stirbt Kind!«
Dem Reisenden telegraphierte der Chef: »Ankaufet fiinf [. . .] Bal-
len!«
Eine militarische Beobachtungsstation oder ein Abteilungskommando
schreibt: »Melden hierorts Anriickung zweier Feinddivisionen!«
Im Drama kann diese Ausdrucksweise sehr notig sein, vielleicht eine
peinliche kunstlerische Notwendigkeit. Dem Kaufmann ist es bei
einem Telegramm, bei dem es auf den Inhalt ankommt, begreiflicher-
weise schade urn ein kostspieliges Wort. Nun, und das Verhaltnis des
Militars zur Sprache kennt man. Das Militar ist gewohnt, Satze zu
amputieren wie seine Arzte menschliche Gliedmaften - auch dann,
296 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
wenn es nicht unbedingt notig ist. In diesem Punkte nahert sich der
Typus »Leutnant« dem Typus Kommis wie dieser jenem in manchen
Aufierlichkeiten der Frisur und der Toilette.
Man kennt die Begriifiung zweier Offiziere aus dem alten Simplizissi-
mus: »Wo jewesen?« - »Theater jewesen!« - »Wat jesehen?« - »Stuck
von Joethe: wurde auf Obst jeschossen!«
Man kennt die Anfangszeile eines »kaufmannischen« Briefes: »Ihr Ge-
ehrtes vom . . . habe dankend erhalten und Selbiges in alien Teilen zur
Kenntnis genommen.«
Die kaufmannische Forschheit kommt aus dem Bestreben, Zeitmangel
vorzutauschen. Denn was ein »tuchtiger« Handler ist, der hat niemals
Zeit, einen bestimmten Artikel iiber die Lippen zu bringen. Die milita-
rische Kefiheit kommt aus dem Bestreben des Leutnants, »ein Mann
der Tat« zu sein. Er will kein Mann der Worte sein, der Sprache, be-
sonders nicht der deutschen Sprache.
Ich weifi nicht, wie diese sprachlichen Barbarismen auf Fremde wir-
ken. Ich vermute, daf5 ein Fremder, der Deutsch kann und einen der
landesublichen Briefe erhalt, nachdem er zufallig zwei Offiziere gehort
hat, der Meinung ist, sein Geschaftsfreund wolle ihm militarische
Zucht beibringen. Solche Mifiverstandnisse konnen aufgeklart werden.
Aber manchmal . . .
Manchmal ereignen sich die sogenannten »feierlichen Telegramme«.
Staatsmanner miissen telegraphieren, offiziell, hoflich, formell. Der
Anlafi ist eine »Formalitat«. Der Inhalt ist eine »Formalitat«. Die
Form ist ein Monstrum, ein sprachliches Ungeheuer ohne der, die, das,
wir, uns, Ihr. Manchmal klingt ein Gluckwunsch wie eine militarische
Mafiregelung. So wirken schon unsere Gluckwunsche. Wie erst alles
andere? Da hat vor einiger Zeit die Internationale Studentenverbin-
dung die deutschen Studenten zum Beitritt aufgefordert. Die Interna-
tionale Studentenverbindung tagte in Warschau. Die deutschen Stu-
denten telegraphierten nach Warschau. Das Telegramm beginnt:
»Danken in Warschau versammelten Delegationen herzlichst fiir
Wunsch . . .« Es schliefit mit den Worten: »Erwarten Antwort!«
Vielleicht vertragt jede andere Sprache Abkiirzungen. Die deutsche be-
kommt sofort einen militarischen Klang. Die Worte des Telegramms,
der »Drahtung«, habe ich gezahlt: Es sind genau sechsundsechzig ohne
Adresse. Ich habe mich im Telegraphenamt erkundigt. Ein Wort nach
Polen kostet 16/10 Pfennig. Das Telegramm der deutschen Studenten
1924 297
diirfte etwa 15 Mark gekostet haben. Mit den Fiirwortern und be-
stimmten Artikeln hatte es wahrscheinlich 20 gekostet.
Ich gebe alien Staatsmannern, Verbindungen, Biinden, Vereinen, Pra-
sidenten und alien, die manchmal in die Lage kommen, feierliche Tele-
gramme abzusenden, zu bedenken, ob es wirklich auf die i6 2 A a Pfen-
nig ankommt.
Ein personliches Fiirwort ist ebenso billig wie ein Hauptwort. Aber
auch ebenso wichtig.
Frankfurter Zeitung, 27. n. 1924
DIE FREUNDE
In der Altonaer Strafie 10, im Gartenhaus, starb ein alter Professor,
Privatdozent an der Landwirtschaftlichen Hochschule, Dr. Franz
Duysen. Auf einmal war ein Vorhang weggerissen, und man sah die
Tragodie, das Idyll, den Roman einer dreifiig Jahre langen Freund-
schaft.
Doktor Duysen war 65 Jahre alt. Er las iiber Graser, Samen- und
Pflanzenkunde. Sein einziger Freund war der alte Arzt Dr. Kratz.
Beide Herren lebten seit vielen Jahren zusammen. Dr. Kratz kochte,
wusch das Geschirr, beschaftigte sich mit den Sorgen des Haushalts.
Manchmal sahen die Bewohner des Hauses die beiden alten Freunde
Arm in Arm die Stiegen hinauf- und hinabsteigen. So fest hielten die
Freunde zusammen gegen die Feinde des Lebens: das Stiegenhaus, den
halbdunklen Flur, den dammerigen Hof, die angriffswutige Kalte des
Winters und die noch grausamere der Menschen. Sie liebten sich wie
Mann und Weib nach langen Jahren zusammen erlebter Leiden und
Gliicksfalle. Sie liebten sich mehr als Mann und Weib; denn sie ver-
band die ruhige Gleichmafligkeit des mannlichen Sinns, und das logi-
sche Argument des einen fand im andern Widerhall und Geltung, ohne
jener leisen Gereiztheit zu begegnen, die immer den Unterschied der
Geschlechter betont, den nie zu verwischenden.
Der November kam. Ein schlimmer Monat fur alte Freunde. Im Zim-
mer wurde es kalt. Man saft in der Kiiche. Und kam auf den Einfall,
nicht den Gasherd anzuziinden, sondern ein Herdfeuer zu machen, ein
298 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gutes, solides Herdfeuer, bei dem es warm wurde und die Speisen gar.
Ein richtiges Herdfeuer wie in der alten Zeit.
Aber irgendeine Klappe funktionierte nicht. Kohlenoxydgas stromte
aus und betaubte den kranken, verkalkten Doktor Duysen. Er safi vor
dem Feuer, blickte hinein in die gute Warme, wie man in eine gute,
verlorene Zeit sieht und starb.
Der Doktor Kratz war Arzt. Er hatte viele Menschen sterben gesehn.
Er war ein Naturwissenschaftler. Der Tod war ein natiirlicher Vor-
gang. Gegen die Todesgefahr hat man vorschriftsmafiig dies und jenes
zu unternehmen, um sie zu bannen oder wenigstens aufzuschieben. Ja,
der Tod war ein natiirliches Ereignis. Aber nur der Tod fremder Men-
schen.
Hier starb der Freund. Mehr als dreifiig Jahre hatte man zusammen
gelebt. Man war ineinander iibergegangen. Man war die Halfte des
andern. Wenn Doktor Duysen tot war, lebte er, Doktor Kratz, eigent-
lich noch?
Nein, Duysen kann nicht tot sein. Es ist ihm nur kalt. Also erhalten
wir fleifiig das Feuer. Riicken ihn behutsam, aber ganz nahe an die
goldene Warme.
Doktor Kratz war kein Arzt mehr. Er war nur noch Freund. Der
Schrecken machte ihn wieder primitiv, machte aus dem Intellektuellen
das Kind, das seine erkaltete Mutter warmt.
Als die Studenten ihren Lehrer Duysen suchen kamen, sagte Dr.
Kratz: »Er sitzt im Speisezimmer.« So unwirklich ist der Tod unseres
Freundes ! Er ist nicht tot. Er sitzt zwar in der Kiiche, am Herd. Aber
wenn er nicht tot ist, kann er ebensogut im Speisezimmer sitzen!
Doktor Duysen aber war wirklich tot. Nach dreifiig Jahren, in denen
er soviel Treue, Liebe und Gute gewesen war, Freundschaft, Nah-
rungsgenosse, Freudenbringer - wurde er plotzlich zu Nichts. Man
kann tausendmal den Tod in der Natur sehn und, weil man Arzt ist,
sogar erklaren. Aber hier hort die Naturwissenschaft auf. Es ist etwas
ganz Unmogliches geschehen: Ein Freund ist gestorben!
Dariiber verlor der Arzt den Verstand. Er befindet sich jetzt in der
psychiatrischen Klinik.
Frankfurter Zeitung, 2. 12. 1924
GROCK
Grock ist in Berlin. Grock, der grofie Clown.
Zuerst betritt ein bebrillter Herr im Smoking die Biihne. Es ist ein
Geiger, ein Virtuose, ein Normalvirtuose, ein zivilisierter Mensch,
nichts ist aufiergewohnlich an ihm. Wie er die Geige unter das Kinn
riickt, den Bogen mit einem zierlichen und iiberlieferten Schwung hebt
und zu spielen beginnt, das ist vorbildlich mittelmafiig, unauffallig und
selbstverstandlich.
Da hebt sich leise die rechte Wandkulisse, und sehr vorsichtig, be-
schamt, neugierig und mk der bescheidenen Frechheit derjenigen, die
hier nichts zu suchen haben, tritt ein sehr auffalliges Lebewesen auf die
Biihne im grauen Schlufirock, der iiberlang iiber die weiten grauen
Hosen fallt, einen grauen, runden Steifhut auf dem Kopf. Die grofien
Glotzaugen, die ihrer Form nach sehr dumm sein miifiten, aber ganz
widernaturlich verschmitzt sind, tasten sorgfaltig die Atmosphare ab.
Ein langes, sehr weiches und braves Kinn hangt traurig hernieder, resi-
gniert und enttauscht, tausendmal, zehntausendmal, und immer noch
ein bifichen glaubig. Kein Zweifel: Dieses merkwiirdige Lebewesen ist
Grock.
Grock tragt einen grofien Reisekoffer in der Hand. Es ist das Etui einer
winzigen Geige. Der brave Herr im Smoking ist mafilos verwundert.
Grock fiihlt sich schon heimisch. Nein! Wie schon ist das hier! Welch
ein netter Herr! Grock wird etwas spielen. Er setzt sich bequem auf
die Stuhllehne, die groften, weichen gelben Schuhe auf dem Sitz, und
spielt sehr brav, sehr riihrend und »mit Gefiihl« auf der winzigen
Geige richtige, erwachsene Tone.
Dann soil er den Herrn auf dem Klavier begleiten. Grock geht hinaus,
um Toilette zu machen. Er kommt zunick, im schwarzen, engen
Frack, mit jammerlich gekriimmten, gewellten Beinen in strenge anlie-
genden, unerbittlichen Hosen, die sich getreu den Formen der Beine
anpassen. Und nun beginnt der Kampf gegen das Leben, der harte,
aufreibende Kampf gegen den Widerstand aller Dinge auf Erden, die
Bosheit und Ungeschicklichkeit der Sachen, die groteske Unlogik der
gewohnlichen Zustande. Das Klavier steht zu weit vom Stuhl entfernt:
Man mufi es naher riicken. Die Decke des Fliigels ist offen: Legt man
den Zylinder hin, so rutscht er zu Boden. Die Tasten trifft man nicht
300 DAS JOURNALISTISCHE WERK
richtig: denn man tragt weifie, dicke Handschuhe. Also mufi man sie
ablegen. Wie sollte ein verniinftiger Mensch selbst darauf kommen?
Der grundgescheite Herr in der tadellosen Gewdhnlichkeit mufi einen
erst darauf aufmerksam machen.
Grock legt die Handschuhe ab und rollt sie zusammen. Jetzt sehen sie
aus wie ein Ei. Ein Ei! Seht her! In der Erinnerung Grocks taucht ein
unerhort amiisantes Bild auf: ein Mann, der mit Eiern jongliert. Ein
Jongleur. Jonglieren ist im Augenblick wichtiger als Klavierspielen. So
zwingend ist ein weifies Handschuhpaar, das wie ein Ei aussieht, dafi
Grock jonglieren mufi. Es dauert langere Zeit. Dann erinnert ihn der
Herr an das Klavier.
Grock hat eine wunderbare, runde, fast zylinderformige Ziehharmo-
nika. Sie kann wie eine Orgel klingen. Dann ist sie naturlich ein sehr
wurdevoller, ja ein religioser Gegenstand. Aber wenn man sie in Han-
den halt, spielt sie von selbst. Ihr entfahren wider Willen einzelne
hohe, komische Tone. Grock fiirchtet sich vor diesen Tonen, die selb-
standig, lebendig aus dem Instrument springen, ubermiitige Tierchen,
die ihre lange Gefangenschaft nicht aushalten. Grock springt davon.
Die Ziehharmonika hat er noch. Da fliegt, da spritzt ein Tonchen her-
vor. Grock wendet sich. Es ist ein erschutternder Kampf zwischen
dem Willen eines Menschen, seinen Fingern und dem widerspenstigen
Instrument.
Einige Male erreicht dieser Kampf seine Hohepunkte: wenn Grock die
Manschetten hoch uber dem Ellenbogen sucht, dort, wo der Mensch
gewohnlich geimpft wird; wenn Grock die Geige in die rechte Hand
nimmt, den Bogen in die Linke und nicht spielen kann; wenn Grock
den Bogen in die Luft wirft und ihn nicht auffangen kann. Dann geht
er hinter die spanische Wand und iibt. Kommt hervor, wirft den Bogen
in die Luft und erwischt ihn. Eine Minute verstreicht. Da fallt Grock
ein, dafi er ja das schwierige Kunststiick schon getroffen hat, und er
lafit ein Jubeln horen, das halb ein Grunzen ist und halb ein Jauchzer.
Es ist die grofie Freude eines lieben, lieben Trottels.
Fur den Applaus bedankt er sich, er kommt vor den Vorhang, verneigt
sich und findet nicht mehr den Aus gang. Grock ist vom rollenden
Hinterland abgeschlossen, preisgegeben der Menschheit im Parkett,
die ihn jetzt noch beklatscht - aber wie lange noch, wie lange noch?!
Bald fangt sie an, liber seine Unbeholfenheit zu lachen, wie sie liber
seine absichtlichen Spafie lachen kann, diese Bestie Menschheit. Keiner
1924 3 01
riihrt sich, niemand hilft, niemand zeigt den Ausweg, der Vorhang hat
unzahlige Falten, ja, er besteht aus lauter Falten, und eine mufi doch
der Ausgang sein! Eine fatale Situation! Nur nicht zeigen, dafi man
verlegen ist! Immer wieder eine schone, lachelnde, liebenswiirdige
Verbeugung! Die Leute sollen nur glauben, dafi es aus Dankbarkeit
geschieht, aus herzlicher Dankbarkeit. Und wahrend sie noch klat-
schen, rasch den Vorhang hochgehoben und unten durchgeschlupft!
Gerettet!
Noch einmal erscheint Grock, aber das ist ein anderer Grock, ohne
Glatze, mit dem traurigen Gesicht voll adeliger Hafilichkeit, ein Ari-
stokrat in einer Welt von Grobgeformten, ein Mann von edler Treue
und tausendmal verraten, ein ehrlich, ja dermitig Strebender und im-
mer Zuriickgeworfener, einer, der geboren ist fur die Verzweiflung
und sich zwingt zu edler Glaubigkeit, ein Tolpatsch, ein Held, ein
Erhabener in den Niederungen, ein tausendmal Besiegter, aber ewig
ein Sieger.
Frankfurter Zeitung, 10. 12. 1924
BERLINER FILMBERICHTE
Von den grofteren Filmen, die man in den letzten Wochen in Berliner
Lichtspieltheatern gesehen hat, scheinen mir nur drei des genaueren
Berichts wiirdig. Es sind: »Das Wachsfigurenkabinett«, der Film
»Nju« und der Jackie-Coogan-Film »OHver Twist*.
Das »Wachsfigurenkabinett« hat Henri Galeen verfafk. Das Manu-
skript kniipft filmische Motive nur lose aneinander und gefahrdet von
vornherein die Einheitlichkeit des Werks. Hier hatte der Regisseur
(Paul Lent) einsetzen miissen, denn es lassen sich gewifi im Film Uber-
gange, naturliche, »gewachsene« herstellen, auch wenn das Manuskript
Liicken hat. Es geschah in diesem Film nicht. Obwohl das Programm
aufier dem Regisseur Lent noch einen Spielleiter (Birinski) anfuhrt.
(Was ist ein »Spielleiter«, was ein »Regisseur«?)
Ein junger Dichter erhalt vom Besitzer des kleinen Wachsfigurenkabi-
netts den Auftrag, Geschichten fiir das Programmheft zu verfassen;
Geschichten von Harun al Raschid, von Iwan dem Grausamen, von
302 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Jack the Ripper. Der junge Dichter verliebt sich in die Tochter seines
Auftraggebers. Und nachdem er zwei ergotzliche Geschichten ge-
schrieben und eine schreckliche getraumt hat, nimmt er sich die junge
Tochter.
Man sieht die gar nicht zwingende, rein zufallige Rahmenhandlung.
Dennoch gelingt in diesem Film, was in solide gezimmerten und fest-
gekitteten Filmen so selten gelingt: die Einheitlichkeit der Stimmung.
Sie tauscht iiber die auseinanderfallende Handlung hinweg. In eine
phantastische Welt ist alles Geschehen eingebaut. Der Film weht vor-
iiber wie ein Traum in mehreren Teilen; wie einige Traume. Aber was
ihn zusammenhalt, ist eben die Nacht, in der sich die Traume vollzie-
hen. Das ist Bindung genug. Und dafi es gelingt, die marchenhafte, fast
sonnige Heiterkeit der unwahrscheinlichen Ereignisse durch das Dii-
stere der Stimmungsfarbe hindurchleuchten zu lassen, ist ein besonde-
res Verdienst der Regie. Es werden nicht viele spielerische, heitere,
anspruchslose und dennoch kunstlerische Filme bei uns hergestellt.
Die phantastischen Voraussetzungen sind - es sei zugegeben - dem
Zuschauer aufgezwungen. Aber hat man einmal die Voraussetzung an-
genommen, so geniefit man weiter, ohne dafi ein logisches Bedenken
mit seinem Zwischenruf das leichte Behagen storte . . .
Den Film »Nju« mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle hat Paul Gin-
ner hervorgebracht, ein Mann, der vom Theater kommt und der viel-
leicht deshalb das riihrselige und weichliche Konversationsstiick des
Ossip Dymow gewahlt hat. Denn im Film fallt gliicklicherweise die
Konversation weg, und man lernt an diesem wie an so manchem ande-
rem Beispiel, dafi der Film um viele Jahre jiinger ist und um noch mehr
wesentliche Merkmale primitiver als das Theater. Denn Dymow ist auf
der Biihne unertraglich. Im Film korrigiert sich sogar seine falsche
Psychologie wie von selbst.
Nju ist eine kleine Burgerin, die ihren Spiefiergatten verlafit, dem
»Dichter« zuliebe, um von diesem verlassen und vernichtet zu werden.
Hier hat die Bergner zwar ergreifen konnen, aber nicht uberzeugen.
Im Film fehlt dieser Schauspielerin namlich das wichtigste ihrer Kunst-
mittel: die Stimme, diese arme, zerbrechliche, zwitschernde, traurige
Madchenstimme. Im Film blieb die Bergner auf die paar Bewegungen
beschrankt, die ihr zur Verfiigung stehen, die tandelnden, auch in der
Tragik tandelnden Bewegungen, das ewig Anmutige, auch im Unter-
1924 3°3
gang Anmutige. Und weil die Anmut allein so selten tragfsch werden
kann, bleibt auch hier noch ein Rest iibrig, eine leise Unbefriedigtheit.
Aber dafiir erstrahlt hier der ewige Sieg des Anmutigen iiber den Tod.
Es ist weniger die leidenschaftliche Tragik eines Weibes als der
Triumph eines lustigen, zwitschernden Vogels iiber den Kafig und
iiber den Tod in seiner falschen, kalten Freiheit.
Viel wuchtiger und tragischer, lacherlich und heilig ist Emil Jannings'
biirgerlicher Ehemann. Hier verrat sich eine intuitive und intellektuelle
Beobachtung des Biirgers, die ohne Beispiel in der deutschen Film-
kunst bleibt.
Von Jackie Coogan ein alter, in Deutschland neuer Film: »Oliver
Twist«. Man kennt die unsterbliche Dickens-Gestalt. Man darf natiir-
lich nicht den Film mit dem Roman vergleichen. Filme verlieren im-
mer, wenn man sie mit ihren literarischen Urbildern vergleicht - wenn
diese nicht zufallig Ossip Dymow sind. Der Film hat Langen, er ver-
liert sich in Details, die im Roman notwendig, auf der Leinwand iiber-
fliissig sind. Aber sieghaft wie immer bleibt der kleine Wunderknabe,
das einzige Kind, das nie kitschig wird, obwohl es von Geschmacklo-
sigkeiten umgeben ist . . .
Frankfurter Zeitung, 12, 12. 1924
BERICHT UBER GOAL-GAME
In Wien hat jemand ein neues Gesellschafts- und Sportspiel erfunden.
Es heifit: »Goal-Game«. Hierauf griindete sich in Berlin eine Gesell-
schaft. Sie nennt sich: »Goal-Game-Gesellschaft«. Die Verbreitung
des neuen Spiels in Deutschland scheint ihr besonderer Zweck zu sein.
Sie lud zu einem »Funf-Uhr-Tee« im Hotel Esplanade alle jene Men-
schen ein, die in den iiblichen Zeitungsberichten als Personlichkeiten
des offentlichen Lebens, der Presse, des Films und des Sports bezeich-
net werden konnen. Diese kamen. Um halb sechs betrat ein oster-
reichischer Conferencier (der bekannte Humorist Paul Morgan) die
Buhne und sprach iiber das angebliche Wesen des Osterreichers
witzig, also ohne die Verpflichtung, sich der Wahrheit mehr zu na-
304 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
hern, als ein Paradox gestattet; wenn auch ein iiberKefertes. Man be-
kam Tee oder Kaffee, Cognac oder Likor; aber nicht beides. Dann
gruppierten sich die Menschen um zwei Goal-Game-Spieltische. Das
Spiel ist eine Abart des Fufiballspiels. Ein kleiner Ball liegt in der Mitte
des Tisches. Zwei Parteien spielen gegeneinander. Sie haben je einen
»Tormann«, zwei »Verteidiger«, zwei »Innensturmer« und zwei
»Aufiensturmer«. Jeder Mitspieler steht vor einer winzigen eingebau-
ten Kanone, die mit kleinen Hohlkugeln geladen wird. Der Lauf dieses
Miniaturgeschiitzes ist frei verstellbar. Man richtet ihn je nach der
Lage des kleinen Balles gegen diesen und feuert Kugeln ab. Dadurch
zwingt man den Ball, seine Lage fortwahrend zu andern. Und das geht
so lange, bis er in einer Versenkung verschwindet. Das ist das »Goal-
Game«. Ein neues Gesellschaftsspiel. Man macht Reklame dafur. Die
Presse bekommt einen Tee und einen Prospekt. Man liest die Stimmen
der Kollegen aus Wien. Sie schreiben dort sehr enthusiastisch iiber
Goal-Game. Einer sagt: »Worin die Seligkeit besteht . . . kann der Zu-
schauer zunachst nicht verstehen. Aber . . . ehe er es merkt, ist er ge-
nauso besessen wie die Tausende ...« Ein anderer: »Wenn nicht alle
Zeichen tru'gen, ist wohl ein Goal-Game-Fieber auf dem Anmarsch,
das diesseits und jenseits des Ozeans das Publikum befallen wird.«
Und solcher Zeichendeuter gibt es viele. Ein Berichterstatter nennt
Goal-Game »eine wirkliche Erfindung« und stellt es uns frei zu den-
ken, dafi unter »unwirklichen Erfindungen« jene gelegentlichen der
Berichterstatter zu verstehen sind. Und all diesen Stimmen ist nichts
mehr hinzuzufiigen. Jedes lobende Urteil wiirde nur die Wirkung ab-
schwachen. Es ist eine undankbare Aufgabe, sich in ein solches Ge-
drange voll Superlativen zu begeben . . .
Frankfurter Zeitung, 17. 12. 1924
BUCHER DIESER ZEIT
Der bekannte Berliner Rechtsanwalt Sami Gronemann lafit im Welt-
Verlag ein Buch erscheinen, das er im Vertrauen auf das Verstandnis
eingeweihter Leser: »Hawdoloh und Zapfenstreich« nennt. Demjeni-
gen, der diesen Titel versteht, verspricht das Buch sehr viel; eine Welt;
1924 3°5
zwei Welten sogar. »Hawdoloh« ist das Gebet der Juden am Sabbat-
abend, das Gebet, das den heiligen Ruhetag von der profanen Woche
trennt, diese einleitet und jenen beendet. Es wird am Abend, nach
Sonnenuntergang, gesprochen, ungefahr um dieselbe Stunde, in der
der »Zapfenstreich« ertont, den wir leider alle kennen. Die Symbolik
dieser Namen: ostjudische Welt und deutsche militarische Okkupa-
tion. Das Buch enthalt also die Erlebnisse des Rechtsanwalts Grone-
mann an der Ostfront, dieses Rechtsanwalts, der wie wenige seines
Standes und seines Stammes mit Stolz Jude ist, mit Freude und mit
Begeisterung. Er erzahlt heitere und todtraurige Dinge, mit witziger
Anmut, Anekdoten, scharf pointierte und melancholische, sein Spott
liber die Borniertheit des westeuropaischen Militarismus versucht
noch, gar echt zu sein, und die Satire selbst hat noch das faire Ver-
dienst der Objektivitat.
Im Verlag: Die Wolfe, Leipzig, erschien »Der rote Heiland« von Her-
mynia zur Muhlen. Der Titel ist ein Bekenntnis zur Propaganda und
zum Programm. Die Erzahlungen, die das kleine Buch enthalt, sind
dichterischer, als der Titel vermuten lafit. Man hat in Deutschland viel
Vorurteile und noch mehr Angst vor Biichern »mit Tendenz«. Nun,
die Erzahlungen im »roten Heiland« baben Tendenz. Wenn man will,
eine sozialistische. Sie enthalten nichts Neues: das Leid der Armen
namlich, die Qual der beherrschten Klasse, Wenn man will, ist es eine
christliche Tendenz. Man findet sie auch zum Beispiel im Neuen Te-
stament. Deshalb hatte es geniigt, das Buch »Der Heiland« zu nennen.
Die Farbe ergibt sich von selbst.
Jakob Israel de Haan ist vor kurzem Opfer eines Attentats in Palastina
geworden. Er war ein sogenannter »orthodoxer« Jude aus Holland,
eine umstrittene Personlichkeit, dessen Wirken in Palastina nicht ganz
aufgeklart ist, aber auf jeden Fall eine Personlichkeit, ein starker
Mensch. Im Verlag Sanger, Frankfurt am Main, erschienen seine »Jeru-
salemer Skizzen«. Sie verraten viel gesunde giitige Menschlichkeit, ein
offenes Auge, plastische Gestaltungsfahigkeiten. Das Land, die Ara-
ber, die Juden, die bekannten »Statten« auferstehen in kleinen Skizzen,
bunt, neu, leuchtend und suggestiv. - Man hatte nur eine bessere
Ubersetzung gewiinscht.
306 DAS JOURNALISTISCHE WERK
John Cournos hat in seinem Roman »Die Maske« (See-Verlag, Kon-
stanz) den bitteren Weg der Ostjuden in Amenka beschrieben: eine
jiidische Jugend, so grausam, so grau, so schwer, so belastet, dafi man
sie in Traumen noch durchleidet, lange nachdem man dieses Buch gele-
sen hat. Der Stoff hatte leicht zu Sentiments verfuhren konnen. Der
Dichter, ein gewordener und also amerikanischer als ein »geborener«
Amerikaner, ist sachlich, trocken, kiihl, er gibt eine ntichterne Inhalts-
angabe von einem Dutzend Tragodien. Er unterbricht seine Erzahlung
manchmal, nicht zum Schaden des »epischen Flusses«, mit knapp for-
mulierten Erkenntnissen eines Mannes, der durch viele Leiden nicht
die Kraft verloren hat, klar zu sehen.
»Unterwelt« heifit ein Roman von Erhardt Breitner (Ehrlich-Verlag,
Berlin), ein Buch, dem die Gefahr droht, vergessen, obwohl es noch
nicht Zeit hatte, bekannt zu werden. Es schildert die Welt des ostlichen
Kriegsschauplatzes, also die Welt des in diesem Sammelreferat zuerst
genannten Gronemann. »Unterwelt« ist die Etappe. »Unterwelt« sind
die schmierigen, unheimlichen Gestalten, vom Kriege genahrt, von der
Etappe gemastet. Nicht der Hintergrund, sondern sozusagen: der Vor-
dergrund ist der Krieg. Da tappen die Durchschnittsexistenzen blind
im Weltbrand, von tausend Hollenfeuern geblendet, nicht gut, nicht
bose, sondern menschlich, allzu menschlich in dem Grade, dafi sie tie-
risch werden; ein Offizier, ein Madchen, ein Kellner, die Revolution,
die Nachkriegszeit, die Geheimverbande. Es ist ein Buch dieser Zeit.
Es emport nicht; es klagt nicht an. Es schildert, fast idyllisch, fast be-
haglich, das Unbehagliche, das Dunkle, das Irrlicht, das Schwankende,
das Bodenlose. Zwischen feste epische Grenzen gebannt ist das trau-
rige und groteske Chaos dieser Jahre, unserer Jahre.
Frankfurter Zeitung, 21. 12. 1924
FILME FUR KINDER
Das ist die Zeit, in der alle Branchen ein Herz fur die Kinder entdek-
ken: auch die Filmbranche, die durch ein lastiges Gesetz den Jugendli-
chen unter sechzehn Jahren verboten ist. Jetzt diirfen die Berliner Kin-
der in den Ufa-Palast am Zoo. Man gibt dort einen amerikanischen
Kinderfilm: »Die junge Stadt«. Das Manuskript stammt von den Her-
ren Hoye Lorinz und Lewis Leighton, die Regie fuhrte der Herr Wil-
liam Beaudine, und der kleine Hauptdarsteller heifit Ben Alexander, ist
hochstens zwolf Jahre alt und schon feu gedruckt. Der »Inhalt« des
Films ist leicht erzahlt: Der kleine Bobby spielt mit Jugendgefahrten
Revolution. Alle Requisiten sind vorhanden, die man zu einer »Revo-
lution« benotigt: Papphelme, Steckenpferde, Holzschwerter; ein klei-
ner Hund, der bald iiberfahren und begraben wird; ein kleines Grund-
stiick, das der Vater Bobbys dem reichen Vater eines unsympathischen
Knaben verkauft. Friih lernte so der Knabe den Schmerz der Heimat-
losigkeit, den Hohn des Besitzenden, die Schmach des Vertriebenseins
kennen. Naturlich endet der Film mit dem Riickkauf des Grundstlik-
kes und der Inszenierung einer neuen » Revolution «. - Die Amerikaner
verstehen es vortrefflich, Knabenspiele, Kinderwelten glaubhaft zu re-
konstruieren. Die wenigen Erwachsenen, die in diesem Film mitspie-
len, sind wie grofie Kinder. Es ist ein riihrender Ernst in ihrem Spiel.
Die amerikanischen Filme erinnern an die letzten Kindergeschichten
der Weltliteratur. Aber da sind zwanzig oder mehr kleine Filmschau-
spieler, zwanzig Kinder, die das leben sollten, was sie bewufk vortau-
schen, und bestimmt nicht mehr sein konnen, was sie so treffHch dar-
stellen. Sie werfen ihre Kindlichkeit in das gefraftige Licht der Jupiter-
lampen. Sie opfern sich dem Atelier-Moloch, und wir freuen uns be-
triibt, dafi sie so lieb sind auf der Leinwand, und fiihren unsere Kinder
ins Kino und vergessen, dafi jene spielenden Kinder sich muhsam ge-
zwungen haben, Kinder zu sein. Haben sie noch Freude an Papphel-
men, die ihnen das Atelier liefert? Sind sie nicht weit hinausgewachsen
uber das Spiel? Sie tragen lange Hosen in ihren Privatleben und gahnen
gelangweilt, wenn sie mit Altersgenossen zusammenkommen, die
nicht filmen. Und sie »spielen« statt zu spielen. Hundert, vielleicht
tausend Kinder wachsen in den amerikanischen Filmstadten heran, in
den Stadten aus Pappe, in perspektivisch gemalten Wiegen, hinter Ku-
308 DAS JOURNALISTISCHE WERK
lissen gezeugt, in einer Filmszene geboren, von Regisseuren erzogen,
hundert, tausend, zehntausend Kinder . . .
Frankfurter Zeitung, 23. 12. 1924
HEIMWEH NACH PRAG
Wenn ich keine Sehnsucht nach Paris hatte, so hatte ich Sehnsucht
nach Prag. Es ist eine Stadt, in der ich niemals zu Hause war und in der
ich jeden Augenblick zu Hause sein kann. Man braucht in Prag nicht
»verwurzelt« zu sein. Es ist eine Heimat fiir Heimatlose. Sie hat keine
Sentimentalitat.
Aber ich lebe seit fiinf Jahren in Berlin. Ich sitze da wie im Wartesaal
eines grofien Bahnhofs und wane auf den Zug. Um mir das Geld fiir
die Fahrkarte zu verdienen, handle ich inzwischen mit Buchern und
Zeitungsartikeln. Es ereignet sich viel in diesem Bahnhof, man kann
schreiben, man sieht allerhand fremde Volkerstamme, Arier, Professo-
ren und deutschnationale Juden, Generale vom Bahnhofskommando
und gefallene Soldaten. Eine Familie erwartet eine Tante aus Dresden
mit Militarmusik, man spielt »Deutschland iiber alles«, und die Ge-
packtrager entblofien ihre Schultern von der Traglast, und alle miissen
aufstehen, auch wenn sie dabei sind, ein Wiener Schnitzel aus der
Tunke zu heben.
Am Tage wandere ich durch den Bahnhof Berlin, die eiligen Reisenden
stofien mich, den Beamten bin ich im Weg, der Polizeiprasident mit
der roten Miitze erteilt mir Verbote, der Schaffner ertappt mich bei
ihrer Ubertretung, die ebenfalls verboten ist. Des Nachts schlafe ich in
leeren Wartesalen, die mit Friihstiick zu vermieten sind und in denen
sich Klaviere mit Hirschgeweihen befinden. Vom Standesamt erhalte
ich die Erlaubnis zum Empfang nachtlicher Besuche, am Abend lasse
ich mich trauen, des Morgens scheiden. Denn man achtet hier auf die
Moral. In der Friih weckt mich die Witwe eines hoheren Offiziers, die
den Wartesaal instand halt und Mieter mit solider Konfession bevor-
zugt. Sie tragt ein Hakenkreuz am Adamsapfel.
Hierauf begebe ich mich in die Abteilung fiir Herren, erhalte Instruk-
tionen vom Verwalter, der ein Eis ernes Kreuz tragt und mit seinen
Besuchern Gelenksiibungen macht. Der Vormittag findet mich in einer
1924 3°9
Fiitterungsstelle, da stehen wir alle mit Efinapf und Trinkeimer und
bedienen die Kellner, die hier polizeilichen Charakter haben. Jede Un-
hoflichkeit einem Kellner gegeniiber wird als Amtsehrenbeleidigung
geahndet.
Am Nachmittag schreibe ich an einem Stollwerck- Automat: Ich werfe
eine Miinze in den Spalt, und unten fallt ein Einfall heraus, wenn man
kraftig zieht. Manchmal ist der Automat verstopft. Dann miissen die
Schriftsteller Konventionalstrafen bezahlen. Um mir die Zeit zu vertrei-
ben, gehe ich in die Polizeistation und schreibe Meldezettel. Dadurch
[macht] man sich in Berlin beliebt.
Am Abend sitze ich im Kino. Man gibt den Kolossal-Monumental-Film
der Decla-Bioscop: »Deutsche, trinkt deutsches Bier!« mit Massensze-
nen von Lubitsch und Henny Porten als deutscher Heldenmutter, und
die Kapelle spielt den Fridericus-Rex-Marsch. Einpaar Wartesale sind als
Kaffeehauser aufgemacht, sie durfen ohne Perronkarten nicht betreten
werden. Man mufi sie vom Portier knipsen lassen.
Es ist mir gelungen, hier etwas Geld zu verdienen, mit dem ich mir ver-
schiedene Sekkaturen leisten kann, den Ankauf von Briefmarken, die Be-
zahlung der Einkommensteuer und den Genuft des Kaffees. Ich bin auf
dem Bahnhof geradezu schon heimisch. Die tiefe Kniebeuge ist mir we-
gen guten Verhaltens erlassen. Ich mache nur noch Salutieriibungen.
Dennoch habe ich, wie gesagt, Heimweh nach Prag, und im Pafi ein
tschechoslowakisches Jahresvisum. In Paris mochte ich die Sonntage
verbringen und die Wochentage in Prag. Hier sind die abstrakten Kos-
mopoliten, in denen die Welt als Wille lebendig ist und die den Willen zur
Welt nicht brauchen. Sie haben alle Schmerzen gelitten, alle Freuden
genossen, und weil sie nichts mehr iiberraschen kann, suchen sie keine
Uberraschungen. Sie sind Skeptiker, aber sie lieben ihr Leben, das Leben
in Prag. Alle Stimmen der Geister, die in der Welt verstreut sind, gelangen
konzentrisch nach Prag, denn alle Geister in der Welt stammen aus dieser
Stadt, oder es war ein Irrtum der Schopfung. Wenn sie sentimental in
Paris, pathetisch in Berlin, sachlich und roh in Amerika geworden sind,
flugs kehren sie nach Prag heim, in den Schofi der mutterlichen Skepsis
und lassen sich auslachen, bis sie gesund werden.
Ich mufi es aus rhythmischen Griinden wiederholen, obwohl ich nicht
zweifle, daft man es mir glauben wird: Wenn ich nicht so viel Sehnsucht
nach Paris hatte - ich hatte Heimweh nach Prag.
Prager Tagblatt, 25. 12. 1924
DAS KLASSISCHE GESPENST
Das klassische Gespenst erschien in der Mittagsstunde im Berliner
Zentrum und erregte die Aufmerksamkeit, ja sogar die Achtung aller
Menschen, die in dieser bewegten Stunde im Mittelpunkte einer Rie-
senstadt mit ganz anderen Dingen beschaftigt sein sollten als mit der
Bewunderung eines Gespenstes. Ich mochte es nicht langer verber-
gen: Das klassische Gespenst war ein Romer in einem Trikot mit
Panzerplattchen und einem romischen Helm auf dem Kopfe, ein ro-
mischer Soldat, stehend auf einem Gefdbrt, das im klassischen Alter-
turn »Quadriga« genannt ward und dem ich auch heute noch diesen
wiirdigen Namen verliehen hatte, wenn nicht zwei, sondern vier
Pferde das Gefahrt gezogen hatten. Aber es waren nur zwei Pferde,
Schimmel zwar, aber doch nur zwei; und ich kann beim besten Wil-
len nicht Quadriga sagen, obgleich ich einem Gespenst die Achtung
nicht verweigere, das in der Erkenntnis der modernen Verkehrsver-
haltnisse die geradezu wichtigsten Bestandteile seiner Tradition ohne
weiteres aufgibt und, selbst auf die Gefahr hin, ein sogenannter Wi-
derspruch in sich genannt zu werden, vor die Quadriga nur zwei
Pferde spannt. Der Romer, der stehend die Rosse lenkte, war mager
und infolge der deutschen Kriegsnahrung unterernahrt, also fast ein
Gespenst und klassisch in einem ganz anderen Sinn, als es zu Anfang
schien. Dieser Romer war ein deutscher Proletarier aus dem Norden
Berlins. Wenn Trikots die Eigenschaft hatten zu schlottern, sein Tri-
kot hatte um seinen diirren und armen Leib geschlottert. Er gehorte
der Gattung der Arbeitslosen an, und er hatte sich selbst verliehen;
auf einen Tag verliehen. Die Zinsen, die man ihm fur sein Darlehen
bezahlen wird, werden seinen Korper nicht fetter machen. Aber er
hat die Genugtuung, ein Romer gewesen zu sein. Ich schatze, daft er
vierzig Jahre alt ist. In ganzen langen vierzig Jahren ist es ihm nicht
einmal gelungen, Aufsehen zu erregen. Er war gezwungen, eine
plotzliche Karriere zu machen: aus einem Menschen ein Plakat zu
werden. Hinter ihm fuhr ein simpler Kassenbote auf einem Zweirad,
vor ihm ratterte ein Lastauto, und er, in der Mitte, war ein Romer im
Auftrag einer Kino dire ktion, die jetzt den groften Massenfilm ro-
misch-historischen Inhalts in ihrem Theater »rollen« Talk. Der Mann,
der den Romer spielte, sah, dafi der Radfahrer den Versuch machte,
1924 3 n
sich vor die Pseudo-Quadriga zu begeben und hinter das Lastauto.
Der Romer sagte nicht etwa in seiner Muttersprache: Bleib hinten,
Bengel! - - nein; der Romer rief : »He!«, was auch lateinisch sein kann,
er wandte sich dem Radfahrer zu und legte schweigend und mit der
Wiirde, die ihm seine Rolle gebot, den Zeigefinger an die Stirn; und
auch das kann lateinisch gewesen sein. Es wurde Abend, der Mann
legte den romischen Panzer ab und sagte auf deutsch: Gib mir was zu
essen, Alte! — und ich fiirchte, sie wird nicht imstande gewesen sein,
ihm viel Essen zu geben.
Frankfurter Zeitung, 27. 12. 1924
EINE SEHR SERIOSE VARIETEKRITIK
Ich sitze in der funften Reihe, auf dem Eckplatz rechts, denn ich Hebe
es, unabhangig von der Grofie der vor mir Sitzenden alle Details des
vielfaltigen Programms zu sehen und aufierdem wenigstens nach einer
Seite hin vollkommene Bewegungsfreiheit zu haben, eine Sitzlehne al-
lein fur meinen Ellenbogen zu reservieren, in dem sich meine ganze
Aufregung iiber Jongleure und Drahtseilakte konzentriert.
Ich komme erst zur siebenten Nummer. Ich habe mich nur um zwan-
zig Minuten verspatet und dennoch schon sechs Nummern versaumt.
Es ist fur jede Art von Theater mehr bezeichnend, wieviel man in kur-
zer Zeit versaumen kann, als wieviel man in der langen Zeit der Anwe-
senheit geniefk.
In jedem Schauspiel sind Akteure und Publikum nach zwanzig Minu-
ten kaum liber die Exposition hinausgekommen. In diesem Variete ha-
ben sich im Verlauf derselben Zeit bereits sechs Tragodien abgespielt -
und ich muE nicht einmal bedauern, sie nicht gesehen zu haben. Denn
ich werde noch sechs schauerliche und heitere, schone und groteske,
verworrene und riihrend einfache Schaustiicke erleben, deren ganzer
Ablauf aus lauter Hohepunkten, Spannungen, elektrizitatsgeladenen
Momenten bestehen wird.
Die siebente Nummer ist das ruhmliche Werk der »Charles-Perezoff-
Comp.«, »weltberuhmter Jongleure«, wie das Programmheft glaub-
wiirdig verkiindet. Die Szenerie zeigt ein elegant mobliertes Zimmer,
312 DAS JOURNALISTISCHE WERK
eine Negerin, die offenbar in diesem Hause bedienstet ist, und einen
weifien Diener in der Hausschiirze. Es klingelt. Der Hausherr tritt
ein. Er bringt einen Gast mit, einen alteren Herrn mit naturalistisch
angeklebtem grauem Vollbart. Waren die Menschen nur das, was sie
scheinen, namlich ein Hausherr, sein wiirdiger Gast und seine Die-
nerschaft - wahrlich, sie hatten nichts auf dieser offenen Biihne zu su-
chen. Sie sind aber ganz ungewohnliche Menschen. Der weifige-
schiirzte Diener nimmt Platz in einer Ecke des Zimmers, gegeniiber
seinem Herrn, und schleudert diesem einen Porzellanteller nach dem
andern zu; und der Herr, durchaus nicht verwundert oder erbost,
fangt einen Teller nach dem andern auf. Derlei Sitten und Gebrauche
machen das gemiitliche Heim keineswegs ungemiitlich. Denn die Ka-
tastrophen, die hier (statt in der Luft zu liegen) durch die Luft flie-
gen, landen glatt und gliicklich in den Armen des Hausherrn, der es
gewohnt ist, von seinen Dienern mit Porzellantellern empfangen zu
werden. Man kann sich, nach dieser Begriifiung, den Alltag der Men-
schen wohl vorstellen. Sie sind nun einmal so! Deshalb uberrascht es
mich nicht, daft der Hausherr sich eine Zigarre anstecken will und
diese sehr einfache Handlung unglaublich kompliziert. Er wirft nam-
lich die Zigarre in die Luft und halt in der rechten Hand ein Streich-
holz. Gleichzeitig wirft ihm der Diener die Streichholzschachtel zu.
Und wahrend der Raucher die Reibflache der Schachtel mit dem be-
reitgehaltenen Streichholz im Fluge streift und dieses also entzundet,
fallt ihm die Zigarre aus der Luft in den liebevoll wartend geoffneten
Mund; und indem er so aus drei Handbewegungen und Handlungen
mindestens sechs gemacht hat, konzentriert er im nachsten Augen-
blick alle sechs wieder in einer einzigen.
Dieser Herr behalt in seinem Hause den Zylinder auf dem Kopf;
nicht aus Mifiachtung der europaischen Sitten, sondern weil er es of-
fenbar seit seiner friihesten Kindheit liebt, Eier im Zylinder zu ver-
bergen, sie blitzschnell herauszunehmen und sie mit unheimlicher
Eile wieder im Innern des Zylinders verschwinden zu lassen. Viel-
leicht hat er das so in seinem Vaterhause gesehen, dessen Beispiele die
Sitten der Kinder beeinflussen und sogar bestimmen. Die Lebensge-
wohnheiten des Herrn wiederum nehmen die Diener gerne an. Des-
halb ist es ganz in der Ordnung, dafi Diener und Negerin das zeitver-
treibende Gesellschaftsspiel des Tellerschleuderns im Hintergrunde
iiben, wahrend vorne ihr Brotherr seinem wiirdigen, aber etwas aufier
1924 3*3
sich geratenen Gast alle Blumenvasen an den grauen Kopf schmeifit,
deren es in diesem vornehmen Haushalt viele gibt. Nicht genug da-
mit, fangt der extravagante Herr noch an, weifie Eier aus hartem
Gummi ins Publikum zu werfen; und als ein Zuschauer ihm ein Ei
wieder auf die Biihne wirft, fangt er es mit dem Mund auf. Ja, er
bricht ein friedliches Eiergefecht mit dem Publikum vom Zaun bezie-
hungsweise von der Rampe und ereifert sich dabei ebenso, wie sich
die Zuschauer ereifern. Die Diener und der Gast fangen an, alle Mo-
belstiicke durcheinanderzuwerfen, zu schleudern, zu wirbeln. Kein
einziges zerbricht. Denn alles fliegt gesetzmafiig durch die Luft in ge-
nau berechneten Bahnen. Und so entsteht ein streng geregeltes Tohu-
wabohu in der Welt, ein Chaos, das von Gesetzen beherrscht wird,
ein ordentlicher Tumult, eine berechnete Aufregung, ein Durcheinan-
der ohne Durcheinander.
Es ist hochste Zeit, dafi die Pause kommt. Wir haben alle Herzklop-
fen. Es gibt einen Hohepunkt der Zuschauerekstase, hinter dem nur
noch der Schlaf ist und das Nichts. Die Pause bricht im richtigen Mo-
ment an. Die Pause ist ein Zwischending. Sie ist nicht der Schlaf. Sie
ist nicht das Nichts. Die Pause ist Wiederkehr zum geregelten At-
men. Ich meine: die Pause im Variete. Denn die im Theater ist nur
eine Unterbrechung der Spannung oder - der Langeweile. In den
Korridoren des Variet.es ist das Rauchen gestattet und der lauernde
grime Schutzmann so uberfliissig, dafi er nicht einmal aufreizend ist.
Ja, es gehort ohne Zweifel zu den kennzeichnenden Merkmalen eines
Varietebesuchers, in der nachsten Nachbarschaft des Polizisten zu
rauchen, dessen Ohnmacht also zu beweisen. Kurz: Ich Hebe die
Pause im Variete. Die Kinoreklame auf der schnell iiber dem Vorhang
improvisierten Leinwand. Es ist beruhigend zu wissen, wo Brautleute
ihre Einrichtung am billigsten kaufen konnen; wo der Treffpunkt der
Gesellschaft ist, wo und wie man die schlanke Taille erhalt und be-
halt. Und das alles gleichsam umsonst. Denn keineswegs ist die Di-
rektion des Varietes verpflichtet, uns in der Pause Ratschlage zu ertei-
len, die wir nicht gesonnen sind zu befolgen. Ebensowenig sind die
Madchen, die Schokolade und Eiscreme verkaufen, verpflichtet,
hubsch zu sein. Dennoch sind sie es. Sie stecken in der lieblichsten
Packung, die jemals fur Schokolade und Bonbons verwendet worden
ist. Sie tragen weifie Haubchen und Zierschiirzen. Man konnte sie fur
Zimmermadchen halten; oder fur Pflegerinnen. Aber sie sind beides
314 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nicht; und sind es dennoch. Man fiihlt sich heimisch und rekonvales-
zent und mufi vorher nicht krank gewesen sein.
Das ist die Pause im Variete.
Und noch ehe sie zu Ende ist, freue ich mich auf die Neger, die jetzt
kommen werden. Es ist »Will Garlands Neger-Ensemble«. Sie kom-
men, Manner und Frauen. Sie tanzen und singen. Die Negermadchen
sind ganz jung. Vielleicht werden sie spater so abschreckend dick wer-
den, wie es die schlimmen Beispiele lehren. Heute noch - freuen wir
uns dessen! - sind sie dunn und halbnackt. Die Manner singen. Neben
den Mannern fallt ein sehr dicker Neger auf, der einen Bauch hat und
Backentaschen, das Gesicht und die Statur der Gutmiitigkeit. Ich ver-
mute, das es Will Garland personlich ist. Aber ich will nicht bei ihm
verweilen. Ich denke, was selbstverstandlich ist, an die diinnen Korper
der Negerinnen, die tanzen konnen von Geburt und Natur und die der
Erde naher sind, viel naher als wir Zuschauer; und zehntausendmal
naher als wir Schreibenden. Ich bine, mir das nicht ubelzunehmen.
Frankfurter Zeitung, 31. 12. 1924
IN EINER DER SULLEN GASSEN . . .*
In einer der stillen Gassen, die strahlenformig zum Rathaus fiihrten,
entstand um die Mittagstunde Larm.
Zehn Manner liefen hinter einem einzelnen her.
Unterwegs wuchs die Zahl der Verfolger. Weiber kamen dazu, vom
Larm herbeigeholt, in nachlassigen Hauskleidern, klappernden Panti-
nen und unordentlichen Haaren. Wahrend sie liefen, lockerten sich
ihre Haare und Gewander, verloren sie hier einen Kamm und dort
einen Pantoffel, die Briiste wogten schlaff und lose, und die schwatz-
haften Zungen rannten mit den Ftifkn um die Wette. So glichen sie
einer aufgescheuchten Ganseschar und ihre Armbewegungen einem
gerauschvollen Fliigelschlagen.
Titel vom Herausgeber.
1924 315
Die mannlichen Verfolger unterschieden sich von den Weibern nicht
an Aufgeregtheit. Der hatte einen Nagel geziickt, jener schwang eine
Zaunlatte; der steckte nur mit einem Arm im Rock, und den zweiten
hohlen Armel schleifte er sinnlos, den linken Arm hinter sich strek-
kend, in der Hoffnung, seinen Anzug vervollkommnen zu diirfen,
ohne Zeit zu verlieren. Jener buckte sich nach dem herabgefallenen
Hut, mit beiden Handen am Boden tastend, weil die Augen keine Zeit
hatten, von ihrem Ziel loszulassen, und selbstandig vorwartsliefen,
wahrend der Korper noch stillehielt.
Der schwachliche Schneider schwenkte das Eisen, das ihm sonst Keu-
chen verursacht hatte, plotzlich leicht und fast freudig, als war's eine
Fahne oder ein Schnupftuch. Der hofliche Konfektionar, dessen Ant-
litz Feigheit verbarg und Galanterie prasentierte, jagte mit geblahtem
Mantel dahin, und sein Schnurrbart straubte sich; wie weifie Ge-
schosse, vom Friseurladen abgefeuert, rannten drei Barbiere in Kitteln
schnurstracks und gleichzeitig; irgendwo klirrte eine Scheibe, vor Auf-
regung zersplittert, und eine Ladentiir krachte. Die Lehrjungen pfiffen
schrill und in hochsten Tonen, wie wenn es brennen wiirde; eine Gou-
vernante zerrte ein trippelndes Kind im achtlosen Laufen hinter sich
her und horte der Kleinen Wimmern gar nicht.
Tur und Fenster flogen auf, und den fragenden Gesichtern knallten die
Hastenden den Ruf: »Ein Dieb!« entgegen.
Der Dieb lief weit vorne.
Seine angstvollen Blicke peitschte er voraus wie ein Pferdegespann. Noch
hatte das Aug' die Zuflucht nicht erspaht, der die Fufie bedachtlos
entgegeneilten. Seines Riickens Tastgefuhl schatzte die Entfernung von
den Verfolgern, und zwischen dem Zwang, kiihl zu erwagen, und der
torichten Hoffnung, die ein Wunder versprach, schwankte das Bewufk-
sein, aufgehetzt und eingeschlafert, und beides in einer Sekunde.
Der Atem flog dem Korper voraus und hatte Mauern umblasen mo-
gen; die Zunge klebte am unteren Gaumen; aus der Nase troff gelbe
Flussigkeit; die Hande ziichtigten rudernd die Luft; wertlose Dinge
wie Hut, Rock und Schnupftuch liefi er im Laufen fallen, obwohl seine
Vernunft ihm sagte, dafi die Verfolger sich nicht aufhalten wiirden.
Der Fluchtling hatte die Briicke erreicht. Da schwang sich der Dieb
liber das Gelander und fiel mit schwerem Schlag in den Fluft.
Hart am Ufer blieben die Verfolger stehen. In ihren erhitzten Gesich-
tern erwachte die Besinnung.
}l6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Hier war der Tod.
Zwei Manner hatten einen Kahn vom Ufer losgemacht und ruderten
dem Ertrinkenden nach. Sie hoben ihn an den Fiifkn empor, sein Kopf
hing noch hinunter ins Wasser. Man brachte den Dieb ans Ufer. Man
zog ihn aufs Pflaster. Wasser rann iiber sein Gesicht und liber die of-
fene Brust. Das Hemd klebte am Korper. Die Augen waren glasig und
aufgerissen und wufiten Schreckliches zu sagen.
Die Menschen bildeten einen wirren Knauel. Gesicht drangte an Ge-
sicht, und alle Gesichter waren die gleichen, die Miinder standen offen
vor Verwunderung, aber es sari aus, als gabe sich so der Appetit der
Verfolger kund.
Ein Polizist fand in der Hosentasche des Ertrunkenen eine elektrische
Gluhbirne. Die hatte er in einem Hausflur gestohlen, und ihretwegen
war er verfolgt worden.
Das Gesicht des Ertrunkenen war entstellt durch das Wasser, aber im-
mer noch erkannte man die gespannten Zuge des Fliehenden. Es
schien, als fliichtete der Tote noch weiter, obwohl er stille lag. Unend-
liches Grauen ging von diesem Anblick aus.
Und irgend jemand lachte.
Typoskript von 1924 (?) im Leo Baeck Institute, New York
1925
BERLINER SILVESTER UND DIE FOLGENDEN TAGE
Die Silvesternacht war laut, bunt und lustig. Ja, es herrschte sogar eine
luxuriose Lustigkeit. Alle beruflichen Beobachter teilen ubereinstim-
mend mit, daft diese letzte Silvesternacht alle kennzeichnenden Merk-
male der friedlichen Silvesternachte trug. Wenn der Beginn eines Jah-
res bestimmend ist fur dessen Verlauf, so wird dieses Jahr ein friedli-
ches werden. Die traditionellen »Scherze«, »Uberraschungen« und
jene Schikanen, mit denen man den Mitmenschen zu erfreuen pflegt,
hatten diesmal einen fast liebenswurdigen Charakter. Manche leiteten
auch dieses Jahr mit Schlagereien ein. Aber es ist bemerkenswert, daft
auf dem Schlachtfelde der Silvesterfreuden nicht ein Schwerverletzter
liegenblieb. Es gab keine echten Prugel. Berlin war nicht wiederzuer-
kennen.
Mit Ausnahme der Staatsanwalte, die sich mit der »Seehandlung« be-
schaftigen, hatte niemand einen Groll im Herzen. Man legte die alten
Affaren ab wie abgelaufene Taschenkalender. Jene, die von der kummer-
lich verdienenden Hand in den niemals befriedigten Mund leben, genos-
sen die Genugtuung, daft ein paar Geldverdiener im Untersuchungsge-
fangnis das neue Jahr beklagten, statt es zu begriiften. Man sah Mittel-
standler in Automobilen, obwohl die wichtigsten Verkehrsmittel die
ganze Nacht zur Verfiigung fuhren. Es gab nach langer Zeit wieder den
Leichtsinn der Vorschuftfreudigkeit. Die Stabilitat der Valuta hatte die
Gemuter aller Bediirftigen mit Freude erfiillt. Man hungert leichter,
wenn man weift, daft die Mark nicht fallt. Der Aufschwung des Vaterlan-
des trostet iiber den personlichen Untergang hinweg. Es geht die Sage,
daft sich sogar die Abgebauten gefreut haben.
Ich habe drei Bdlle besucht: einen vornehrrien im Westen; einen
Kiinstlerball; und im Norden den der Proletarier, die Kleinbiirger sein
mochten und es infolgedessen schon sind. Die aufteren Vergniigungs-
mittel waren iiberall dieselben: Papierschlangen, Eintrittskarten und
schlechter Wein. Im Norden trug man blaue Straftenanziige und ge-
starkte Sonntagskleidchen. Bei den Kunstlern geliehene Smokings. Bei
den Reichen im Westen Frack und eigene Pelze. Uberall waren die
Frauen schon und anspruchsvoll; nur im Norden waren sie schon und
bescheiden. Die Anspruchslosigkeit erhoht den Wert der Schonheit.
Im Norden gab es Betrunkene. Im Westen Beschwipste. Denn der
320 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Reichtum mildert die Wirkung des Alkohols, well man ihn haufiger
geniefien kann. Bei den Kiinstlern gab es sogar Besoffene. Das ist die
Heiterkeit der Kunst, von der ein grofier Dichter spricht.
In den Strafien der Stadt befanden sich alle Polizisten, die man bei der
Verhaftung der reichen Leute entbehren konnte. Die Polizei storte
nicht. Sie hielt die liebenswiirdige Anordnung aufrecht. Die Minder-
jahrigen schossen aus Kinderpistolen. Die Knallerbsen explodierten
mit Temperament. Theater und Gasthauser waren gefiillt. Die zu
Hause feierten, offneten die Fenster und warfen griine und rote Brande
auf harmlose Passanten. Man hatte bestimmt das feierliche Glocken-
lauten gehort, wenn man Zeit gehabt hatte zu lauschen. Aber in der
Begeisterung ging die Andacht unter. . .
An den Silvester schliefit sich in Berlin der »Inventurausverkauf«.
Man verschleudert angeblich die Reste des alten Jahres zu billigen Prei-
sen. So leitet man das neue mit unverhofftem Gewinnste ein. Die La-
den sind gefiillt, als bekame man etwas geschenkt.
Alle Enttauschten diirfen wieder hoffen. Man geht mit neuem Mut
neuen Enttauschungen entgegen. Am Horizont der kommenden Wo-
chen taucht verheifiend die Ankundigung des Sechstagerennens auf. . .
Frankfurter Zeitung, 5. 1. 1925
100 000 MARK FUR EINEN ROMAN
Der Verlag der »Miinchener Neuesten Nachrichten« und der des
» Hamburger Fremdenblattes« veroffentlichen ein Preisausschreiben
im Inseratenteil der groften deutschen Tagesblatter: Beide Verlage zah-
len 100 000 Mark, in Worten: hunderttausend Mark, fur den »besten
deutschen Zeitungsroman«. Dieses Inserat ist geeignet, Aufsehen zu
erregen. Die deutschen Schriftsteller sind an solche Honorare nicht
gewohnt. In einem Lande, in dem Zeitungen von der Qualitat und der
Gesinnung der »Miinchener Neuesten Nachrichten« erscheinen, kann
es Schriftstellern von Qualitat und Gesinnung nicht gut ergehn. Es
ware zu wiinschen, dafi die »Munchener Neuesten Nachrichten« als
Bufie fiir ihre Existenz und ihr tagliches Erscheinen jedem anstandigen
deutschen Schriftsteller 100 000 Mark zahlen, selbst wenn er ihnen kei-
1925 3 21
nen Roman liefert, auf dafi er in Stand gesetzt werde, seine Heimat zu
verlassen und die »Miinchener Neuesten« nie mehr zu sehen.
Fiirwahr, wenn ich bedenke, dafi ein Mann, der 100 000 Mark besitzt,
wirklich nicht mehr in die fatale Lage geraten mufi, die »demokrati-
sche« und pseudodemokratische Presse Deutschlands zu lesen, so bin
ich fast geneigt, mich den Bedingungen des oben erwahnten Preisaus-
schreibens zu unterwerfen und den besten deutschen Zeitungsroman
zu schreiben - obwohl ich Anlafi genug habe zu zweifeln, ob er den
»Miinchener Neuesten Nachrichten« gefallen wird. Und was das
»Hamburger Fremdenblatt« betrifft, bin ich sehr skeptisch. Es ist ein
»demokratisches Organ« und hat vor der Wahl gegen die Rechte »ge-
kampft«; mit den Waffen gekampft, die zu der iiberlieferten Riistung
der deutschen Demokratie gehoren. Diese Waffen sind: Wiirde, gema-
fiigter Republikanismus und Sanftheit des Gemiits. Wenn so ein Repu-
blikaner sehr aufgeregt ist, so schreibt er: »Es eriibrigt sich, naher auf
die Anwiirfe der Rechtspresse einzugehen . . .« Seitdem sie (angeblich)
besteht, kampft die Republik mit diesem »Es eriibrigt sich«. Es eriib-
rigt sich zu kampfen. Es eriibrigt sich, eine Republik zu sein.
Aber es eriibrigt sich nicht, einen Zeitungsroman zu bringen. In der
Belletristik finden wir uns wieder. Wie oft hat Rudolf Herzog, auch
wenn er in der »Woche« schrieb, dem » Hamburger Fremdenblatu aus
der demokratischen Seele gesprochen! Die Devise lautet: »Getrennt
marschieren, vereint amiisieren!« Wenn ich die Wahl hatte zwischen
einem Leitartikel des »Hamburger Fremdenblatts« und einem der
»Miinchener Neuesten Nachrichten«: Ich konnte mich, bei Gott! -
nicht entscheiden. So wenig unterscheidet sich die deutsche Republik
von einer bayrischen Monarchic Ja, im Traum kommt es mir vor, dafi
ich Adolf Hitler als Zeitungsausrufer sehe, und ich hore deutlich, wie
er Kopfe verwechselt. Er ruft: »Hamburger Neueste NachrichtenU
und: »Miinchener Fremdenblatt!« Ob er sich wohl auch am Preisaus-
schreiben beteiligen wird?! ...
Kinder, Kinder! Es sind hunderttausend Mark zu verdienen! Das Pa-
thos der Zahl wiirde das satirische Geliist im Keime ersticken, wenn
man einem satirischen Geliist widerstehen konnte, das sich bei der Er-
wahnung der »Miinchener Neuesten Nachrichten« meldet! Hundert-
tausend Mark sind sogar dann eine ernste Sache, wenn sich ein demo-
kratischer Verlag mit einem bajuwarischen verbiindet, um sie zu zah-
len. Oh, wie grofi mufi die Eintracht sein, die zwischen den schwarz-
322 DAS JOURNALISTISCHE WERK
rot-goldenen und den Miinchener Putschverlegern besteht! Sent, wie
die Begeisterung fiir die deutsche Literatur sie innig vereint: Je $o 000
Mark zahlt jeder fiir den »besten deutschen Zeitungsroman«.
Ich kann es mir nicht versagen, hier die Bedingungen zu erwahnen und
(wenigstens) Teile des Inserats zu zitieren. Es beginnt:
»Es wird die Aufgabe gestellt, einen echt deutschen Roman zu schaf-
fen. Das heifit, nicht ein von Phrasenhaftigkeit lebendes oder ein wie
audi immer tendenzios gerichtetes Machwerk, sondern ein in den tief-
sten Problemen des deutschen Volkes wurzelndes und aus ihnen orga-
nisch wachsendes wirkliches Kunstwerk von hohen Qualitaten in
schriftdeutscher Sprache, mit interessierenden Einzelschicksalen, die
symbolhaft das Wesen unserer Zeit dartun.« »Ein erhohtes Augen-
merk ist den besonderen Anforderungen zuzuwenden, die der Zei-
tungsroman stellt und die in erster Linie dann bestehen, dafi, da der
Zeitungsroman in taglichen Fortsetzungen erscheint, jede dieser Fort-
setzungen in sich die Leser interessieren und sie in Spannung auf die
ndchste Fortsetzung erhalten mufi; « »Sind sich doch die beiden
Verlage bewufit, dafi es sich nicht nur um die Erlangung eines solchen
hochstehenden Zeitungsromans handelt, sondern mehr noch darum,
das Interesse unserer besten Dichter und Schriftsteller wieder dem Zei-
tungsroman zuzuwenden. «
Zuviel verlangt und sehr viel bezahlt! Aber doch zuviel verlangt. Er-
stens ist ein »echt deutscher« Roman zu schaffen, und wer es probiert
hat, ohne Wolzogen, Herzog, Stratz und Bloem zu heifien, weifi, wie
schwierig so was ist; sogar, wenn er sich bemuht, nicht ein »von Phra-
senhaftigkeit lebendes Machwerk« zu schreiben, sondern eines, das »in
den tiefsten Problemen des deutschen Volkes wurzelt«. Aber die Ver-
lage, die 100 000 Mark zahlen, wollen ja noch mehr: Sie wollen, dafi
das Kunstwerk »organisch aus den tiefsten Problemen des deutschen
Volkes wachse« und nicht nur in ihnen »wurzle«. Mit dem Wurzeln
allein konnte man sich schon abfinden. Aber mit dem organischen
Wachsen - das ist eine Frage, fast ein »Problem« wie jenes deutsche, in
dem der Roman wurzeln und aus dem er wachsen soil! Bleibt noch
iibrig, sein »Augenmerk« erstens zu »erhohen« und es zweitens den
besonderen Anforderungen zuzuwenden, die der Zeitungsroman
stellt; und jede der Fortsetzungen so zu gestalten, dafi sie »in sich« die
Leser interessiert. Wer von euch, meine Freunde, ist imstande, seine
Fortsetzungen wurzeln, organisch wachsen und »in sich« die Leser der
1925 3 2 3
»Miinchener Neuesten Nachrichten« interessieren zu lassen?! Ich
wette: Ihr werdet die 100 000 Mark nicht gewinnen! Es sei derm, die
»von Phrasenhaftigkeit lebenden« Zeitungen wiirden zu einer Kon-
ventionalstrafe verurteilt, die 100 000 Mark betragt und den deutschen
Schriftstellern auszuzahlen ist.
Ich kann nicht leugnen, dafi im Preisrichterkollegium Namen von Be-
deutung zu finden sind: der Hamburger Dichter Blunck, Frau Ricarda
Hack, Bernhard Kellermann, Gustav Frenssen. Wie aber wird mir,
wenn ich Herrn Albert Broscbek sehe? Wer ist Broschek? Was ist Bro-
schek? Eine Frage, wert, durch ein zweites Preisausschreiben gelost zu
werden. Dagegen weifl ich, dafi Doktor Trefz, der Verlagsdirektor der
» Munchener Neusten«, der Propagandist der »Suddeutschen Monats-
hefte« von Cofimann ist, die fiirwahr aus den tiefsten Problemen des
deutschen Volkes nicht organisch wachsen, aber dafur von »Phrasen-
haftigkeit« leben. Und der dritte der Preisrichter heifit: »Wilhelm
Mayer«, schlicht und deutsch, und ist ein Munchener Landgerichts-
prasident und veroffentlicht in den »Fliegenden Blattern« Harmlosig-
keiten und anderswo schlechte Romane. Es klingt wie das Personen-
verzeichnis eines Lustspiels: Mayer und Broschek suchen einen Ro-
man. Wer wird entscheiden? Ricarda Huch und Wilhelm Mayer?
Bernhard Kellermann und Doktor Trefz? Gustav Frenssen und Direk-
tor Broschek? Wenn auch Doktor Trefz sich auf die » Phrasenhaftig-
keit« versteht und Broschek auf die »Spannung auf die nachste Fortset-
zung« - was macht Ricarda Huch noch in diesem Kollegium?
Und dennoch sind 100 000 Mark eine Summe, fur die es lohnt, sich
dem Urteil des Munchener Landgerichtsprasidenten zu unterwerfen.
Wenn er sich nur nicht irrt und, aus Gewohnheit, einen deutschen
Schriftsteller zum Zuchthaus verurteilt. Dergleichen Dinge sollen in
Miinchen schon passiert sein. Und die »Munchener Neuesten Nach-
richten« haben damals fur die Befreiung kein Preisausschreiben erlas-
sen!. ..
Der Drache, 6, 1. 1925
»DER LETZTE MANN«
Der grofie, kiinstlerische deutsche Film dieses Jahres heifit: »Der
letzte Mann«. Sein Verfasser ist Carl Mayer, der einzige deutsche
Film -Dichter. Ich betone »Dichter«, weil es viele Manuskriptverfas-
ser und -verfertiger gibt. Carl Mayer aber dichtet Filme, wie man
Gedichte, Erzahlungen und Dramen dichtet; das heifit: Er u'ber-
tragt einen »Stoff« aus der materiellen, irdischen und zufalligen
Ebene der »Existenz« und der »Begebenheit« in die metaphysische,
einmalige, gultige und notwendige Atmosphare.
Den Dichter Carl Mayer beruhrt es nicht, ob der Film iiberhaupt
ein »Kunstwerk« ist oder nicht. Seine Filme sind jedenfalls Dich-
tungen. Er ist kein Sprachdichter, sondern ein Bilddichter. Der
Dichter malt, singt und spricht mit Worten. Der Filmdichter, wie
ihn allerdings der einzige Carl Mayer reprasentiert, malt, singt und
spricht in direkten Bildern. Die Tatsache, dafi er »Manuskripte«
verfafit, also mit Papier, Feder oder Schreibmaschine arbeitet wie
ein Schriftsteller, spielt hier eine ganz untergeordnete Rolle. Sein
»Manuskript« ist ein Brief an den Regisseur, mit Anweisungen.
Man mufite fur solche Filmdichter ein Instrument erfinden, etwa
ein Bildklavier, mit zahllosen Situations- und Bildskalen, mit Ta-
sten, deren Beruhrung die Projektion des vom Autor gewollten
Bildes verursacht.
Tatsachlich sehen die Manuskripte Mayers wie kurze Regiekom-
mandos aus. Situation reiht sich an Situation. Oder vom Dichter
aus: Vision reiht sich an Vision. Dazwischen stehen die technischen
Erlauterungen und Anweisungen: »Grofiaufnahme«, »Blende!« usw.
Diese Regiebemerkungen verraten die Struktur des schopferischen
Prozesses: Die dichterische Vision verwandelt sich (bewufit oder
unbewufit) in die filmtechnische Art zu sehen. Die Intuition hat
mit der Technik einen Bund geschlossen. Es ist ahnlich wie der
Schopfungsprozefi im Dramatiker: Auch dieser vergifit, wenn er
ein echter Dramatiker ist, keinen Augenblick die Biihne und ihre
technischen Moglichkeiten. Aber die Filmtechnik ist um so viel
komplizierter, wie der Film situationsreicher, »handlungs«-gefiillter
ist. Um diesen Schopfungsprozefi auf eine Formel zu bringen,
mufite man etwa sagen: Carl Mayer empfangt Visionen wie jeder
»Seher«, das heifit: Kiinstler. Aber er vermittelt sie dem Regisseur mit
den technischen Ausdrucksmitteln der Filmwissenschaft.
Es bleibt dem Regisseur nun verhaltnismaftig wenig zu tun iibrig. Er
kann das vom Autor so deutlich geschaute und so ausdriicklich be-
schriebene Bild nicht aufs neue »komponieren«. Der Regisseur muE
sich darauf beschranken, den Darsteilern und den technischen Mitar-
beitern das Diktat des Dichters sehr deutlich und prazise zu iibermit-
teln. Er kann nur Nebensachliches in die Bilder hineinkomponieren.
Es bleibt ihm iibrig: die Staffage, die Kulisse. Ob das nun wenig oder
viel ist, hangt von der kunstlerischen Begabung des Regisseurs ab. Ein
grofter Kiinstler wird »Atmosphare« schaffen. Der kleine Regisseur
wird die schon vom Autor ges chaff ene »Atmosphare« getreulich ko-
pieren.
Der Regisseur des »Letzten Mannes« ist Murnau. Es war hochste Zeit,
daft er zum Dichter Carl Mayer fand. So entstand ein Film, in dem das
Erganzungsverhaltnis zwischen Regisseur und Autor ein vollendetes
ist. Murnau ist einer jener wenigen Filmregisseure, deren Einfuhlungs-
kraft den eigenen schopferischen Gestaltungswillen nicht beeintrach-
tigt. Kommt noch, wie hier, ein Photograph von dem dichterischen
Anschauungsvermogen Freunds hinzu, so entsteht ein bedeutender,
»ktinstlerischer« Film!
Der letzte Mann ist der Portier eines grofien Hotels. Der erste Portier
mit einem grofiartigen, goldverschniirten Generalsmantel. In der stil-
len Armeleutegegend, in der er wohnt, hat alle Welt Respekt vor dieser
Uniform. Weiber, Manner und Kinder griiften den Portier ehrfurchts-
voll. Er ist der vornehmste Bewohner des Viertels. Plotzlich entdeckt
der Hoteldirektor, daft er zu alt ist. Man »versetzt« den Portier in die
Herrentoilette und nimmt ihm den wunderbaren Mantel. Damit hat
man ihm alles genommen: den Inhalt seines Lebens. Er stiehlt den
Mantel und geht nach Hause wie gewohnlich, ein General, gegrufit
und salutierend. Aber der Diebstahl hat nichts geniitzt. Am nachsten
Tag entdeckt das Armenviertel doch den wahren Beruf des alten Man-
nes. Er bleibt in der Herrentoilette.
Das ist die ganze »Handlung«. Ist das ein Film? Es ist eine gefilmte
soziale Skizze. Sie konnte eine Novelle von Gogol sein; oder auch eine
von Tschechow. Ihr Autor hatte sie bestimmt als Skizze geschrieben
und nicht als Filmmanuskript, wenn er ein Sprachdichter, ein Worte-
Dichter ware. Aber weil zufallig nicht die Sprache sein Werkzeug ist,
326 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sondern das Bild und der photographische Apparat, wurde ein Film
daraus. Es ist also ein zufalliger Film. Und der Autor selbst gibt es zu,
indem er einen »Epilog« anhangt. »So«, sagt der Autor ungefahr,
»mufite der Film enden. Aber des von alien Verlassenen nimmt sich
der Autor an und schenkt ihm ein gliickliches Ende.« Man erfahrt
(Zeitungsnotiz), dafi ein mexikanischer reicher Sonderling in seinem
Testament sein ungeheures Vermogen demjenigen vermacht habe, »in
dessen Armen er sterben wiirde«. Nun, und er stirbt in den Armen
unseres Helden in der Herrentoilette des grofien Hotels. Der fruhere
Portier wird ein reicher alter Herr und feiert in demselben Hotel, in
dem er Portier und Toilettenverwalter gewesen ist, Triumphe des
Reichtums und der Herzensgiite. Die armen Freunde ladt er an den
Tisch, herablassend griifit er den Hoteldirektor, einen Bettler ladt er in
seine grofiartige Kutsche. Das ist der hocherfreuliche Schlufi.
Man sieht, kein organischer, bewuflt kein organischer. Es sieht aus, als
hatte ihn der Autor lachelnd angefugt, um dem kindischen Verlangen
des Publikums nach dem »guten Ausgang« einen Gef alien zu erweisen.
Es ist eine sogenannte »romantische Ironie« in diesem Schlufi. Der
Autor macht sich lustig liber die Mode des Films mit freudigem Ende.
Es ware im landlaufigen Sinne »filmischer« gewesen, den ironischen
Satz, der Ende und Schicksalswende einleitet, wegzulassen und statt
dessen den Tod und die uberraschende Testamentsgeschichte des rei-
chen Mexikaners abrollen zu las sen. Aber dann hatte das » Niveau «
gelitten. Und so gibt es wieder das Dilemma, unter dem ein Kiinstler
wie Carl Mayer leiden mufi: Ist der Film »Kunst« oder nicht? Stort
man sein kunstlerisches Niveau, wenn man iandlaufig »filmisch« wird,
das heifit: kolportagehaft? Carl Mayer rettet sich aus diesem Dilemma
durch eine feine, dichterische Ironie. Aber sie kann nicht dariiber hin-
wegtauschen, daft sie nicht zum Film gehort. Sie ist willkurlich hinein-
getragen. Und wenn man eine Willkiir zugesteht, hort sie nicht auf,
WHlkiir zu sein.
Dieser Film hat also einen Bruch; der Bruch ist begriindet in der fal-
schen Auffassung: dafi man eine dichterische Skizze filmen kann. Man
kann sie namlich nur schreiben. Carl Mayer ist ein bedeutender Dich-
ter. Aber er leidet unter dem Fluch seines Handwerks: des Apparats.
Er mufite schreiben. Und er ware vielleicht ein Gogol. Aber ein Gogol
des Films kann man nicht sein. Leise und feine Dichtungen wollen die
Leute nicht sehen. Es sei denn, man macht ihnen eine Konzession wie
19^5 3*7
Mayer im »Letzten Mann«. Ein Dichter aber kann, ja er mufl es sich er-
sparen, Konzessionen zu machen. Er darf es nicht einmal auf dem Urn-
weg und mit dem Verlegenheitsmittel der »romantischen Ironie«.
Die Hauptrolle spielte Jannings. Seine Bewegungen sind reich und
kraftig und zielsicher. Niemals ist eine Geste, eine Miene, ein Augen-
aufschlag verschwendet. Unerschopfliche Fiille in knappster Konzen-
tration. Und dazu eine stille, heitere, verstehende Einsicht in die letz-
ten Geheimnisse der armen Seele. Wie Jannings ein gebrochener Greis
in der Toilette und ein wiirdiger, reicher Herr ist im vierspannigen
Wagen - und doch immer derselbe: das gehort zu den grofiten Filmlei-
stungen der letzten Jahre.
Dieser Film wurde gleichzeitig in Amerika uraufgefiihrt, und, wie man
hort, mit demselben Erfolg. Auch das Berliner Publikum ist begeistert.
Aber es ware schwer zu entscheiden: ob das dichterische Element den
Erfolg verursacht oder die filmischen Vollkommenheiten. Ware nicht
der ironische Konzessionsschlufi angehangt worden, so hatte es sich
vielleicht jetzt entschieden, ob das Publikum wirklich reine Dichtun-
gen im Film sehen will. So ist die Entscheidung wieder aufgeschoben.
Gute Filme will es jedenfalls sehen. Und »Der letzte Mann« ist, abge-
sehen von der Frage: Dichtung oder vergewaltigte Dichtung - einer
der besten Filme nicht nur Deutschlands, sondern der Welt.
Frankfurter Zeitung, 8. i. 1925
GESANG MIT TODLICHEM AUSGANG
Am 13. November 1924, kurz vor Mitternacht, verliefien die drei Brii-
der Lehmann, Berliner Arbeiter, ein Gasthaus und stimmten das be-
riihmte Lied: »Ich weifi nicht, was soil es bedeuten . . .« an. Dieses Lied
hat der Jude Heinrich Heine gedichtet; und es ist nicht giinstig, in
Deutschland von Juden gedichtete Lieder zu singen, insbesondere
nicht an einem Dreizehnten. Vielmehr empfiehlt es sich, bewahrte pa-
triotische Texte zu wahlen wie »Fest steht und treu die Wacht am
Rhein . . .« oder: »Der Gott, der Eisen wachsen liefi . . .« oder aber die
Nationalhymne, deren sich auch Demokraten und Sozialdemokraten
bedienen, wenn sie dem Wunsch, alles unter Deutschland zu sehen,
328 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nicht mehr widerstehen konnen. Wenn man patriotische Lieder singt,
hat man die Behorde nicht zu fiirchten und erregt nirgends Anstofi.
Noch besser freilich ist es, den Takt zu patriotischen Melodien auf
judischen Riicken zu schlagen - wenn man ganz sicher sein will.
Die drei Arbeiter Lehmann aber sangen, wie gesagt, das Lied eines
judischen Dichters. Es war Mitternacht und der Dreizehnte. Der Poli-
zeiwachtmeister Gelmroth verbot den Arbeitern zu singen. Darauf
sagte ihm einer der Briider: »Kummert euch urn Verbrecher, aber lafit
uns Arbeiter singen !« Der Arbeiter Lehmann hatte recht. Diese Poli-
zei, die sich in Hannover und in Munsterberg nicht um Massenmorder
kummerte, besafi nicht die Berechtigung, Gesang in der Nacht zu ver-
bieten. Diese Polizei, die den Kapitan Ehrhardt nicht finden kann, darf
nicht Sangern die Freude verderben. Diese Polizei, die den Oberregie-
rungsrat Barrels zu ihren Chefs zahlt, kann nicht mit gutem Gewissen
Arbeiter an der Ausiibung ihrer Freude und ihres Rausches hindern.
Der Wachtmeister Gelmroth war nicht dieser Meinung. Er forderte
den einen Lehmann auf, zur Wache zu kommen. Ja, er wollte dem
Sanger Handfesseln anlegen. Der Bruder des Verhafteten wiinschte,
aus bruderlicher Solidaritat, auch verhaftet zu werden. Der dritte Bru-
der Lehmann versetzte dem Beamten einen Schlag, leider nur einen
Schlag. Der Beamte zog das Bajonett. Der Wachtmeister Kalisch kam
seinem Kollegen zu Hilfe. Die drei Bruder warfen sich nun auf den
Kalisch. Da erschoft der Wachtmeister Gelmroth zwei Bruder, Karl
und Willi. Am Leben blieb der dritte Bruder. Welch ein Zufall! Er
hatte sich mit Berliner Polizisten geschlagen und blieb dennoch am
Leben !
Was macht nun der Staat mit einem Arbeiter, der am Leben bleibt? Er
verurteilt ihn wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu drei Mo-
naten Gefangnis. Der Verteidiger legt Berufung ein. Wie naiv so ein
Verteidiger sein kann! Welch ein Optimismus! Welch ein frommer
Glaube an die Justiz! Die Berufungsstrafkammer verurteilt das iiberle-
bende Opfer der unmusikalischen Polizei auch zu drei Monaten Ge-
fangnis. Der schiefiende Wachtmeister aber wird heute, morgen, iiber-
morgen weiter das Singen verbieten, vorausgesetzt, dafi man nicht
auch in Arbeitervierteln zur Sicherheit die Nationalhymne anstimmen
wird, und nicht das judische, vaterlandslose: Ich weift nicht, was soil es
bedeuten . . . Bei der Nationalhymne weifi jeder Wachtmeister, was sie
zu bedeuten hat. Kein Vorgesetzter wird dem Wachtmeister Gelmroth
1925 3 2 9
klarmachen, dafi es keiner Handfesseln bedarf, ja dafi eine verniinftige
Aufklarung geniigt hatte, die B ruder zu beruhigen. Nein! Der Wacht-
meister Gelmroth wird weiter schiefien. Aber es wird ihm nie gelingen,
den Kapitan Ehrhardt zu ergreifen. Denn dieser singt, wenn die Polizei
sich nahert, das Stahlhelmlied. Dann salutiert die Polizei und kehrt
um. Und abonniert den Lokalanzeiger und liest jene Nachtausgabe des
»Deutschen Tags«, die jetzt liber uns alle fallt und die Nachtbeleuch-
tung des Hauses Scherl in Deutschland als einen dauernden Ersatz des
Tageslichts einfiihrt, jene Nachtausgabe, in der Kapitan Ehrhardt seine
Erinnerungen den deutschen Staatsanwalten widmet, die sich damit
begniigen, ihn zu lesen, ohne ihn sehen zu wollen.
Was war geschehen? Drei angeheiterte Arbeiter hatten gesungen. Da-
bei fanden sie ihren Tod. In Preufien ist das ein natiirlicher Tod. Wer
singt, stirbt. Wer sich den Tod wiinscht - und es ist ein Wunder, dafi
wir ihn nicht alle wiinschen-, gehe am Dreizehnten hinaus und singe
Heines Lieder. Und wenn der deutsche Wachtmeister auch nicht weifi,
wer Heine ist, so schiefk er doch aus Instinkt. (Auch ein Leipziger
Reichsgerichtsrat fragte vor kurzer Zeit: »Was is denn der Heine fur
ein Zeitjenosse?«)
Es muE nicht ein Dreizehnter sein! Am 10., 11. oder 12. kann man
auch einen leichten Tod finden. Und man muE nicht ein Arbeiter sein!
Einem Schriftsteller ist diese Art Selbstmord auch zu empfehlen. Nur
ein Kapitan (ein General, ein Leutnant, ein Geheimrat) muE sich selbst
erschiefien, wenn er sterben will.
Nirgends ist der Tod so billig wie bei uns, nirgends das Leben so teuer,
das Singen so schwer, der Massenmorder so sicher, die Pistole so lok-
ker was noch? was noch?! - Die Republik so gesichert... ich
hatte es vergessen.
Drei Arbeiter wurden in einer stillen Strafte von einem Wachtmeister
uberfallen. Es gelang ihm, zwei zu toten. Leider war das rollende
Uberfallkommando der Einbrecher nicht telephonisch zu erreichen.
Der dritte Lehmann biifit die Frechheit, daft er am Leben blieb, mit
drei Monaten Gefangnis. Wenn er seine Strafe mit der des Rathenau-
morders Techow vergleicht, kann er sich immerhin trosten.
Josephus
Der Drache, 13. 1. 1925
VERSAMMLUNG DER BUHNENSCHRIFTSTELLER
Am i2.Januar fand eine ordentliche Mitgliederversammlung des Ver-
bandes deutscher Scbriftsteller und BUhnenkomponisten statt, auf de-
ren Tagesordnung ein wichtiger Antrag des Vorstandes stand. Der An-
trag lautete: »Buhnenschriftsteller und Biihnenkomponisten diirfen
iiber die Auffiihrungen im Theater nicht schreiben, an die sie Biihnen-
werke zur Auffiihrung eingereicht haben.« Diesen Antrag unterstiitzte
Dr. Rehfisch und erweiterte ihn sogar dahin, dafi der jeweilige Kritiker
nicht nur iiber das eine Theater, sondern iiber alle Theater der Stadt, in
der er Referate schreibt, nicht berichten diirfte, wenn er an diese Thea-
ter Buhnenwerke zur Auffiihrung eingereicht hat. Dr. Rehfischs Aus-
fiihrungen waren sehr interessant, weil er Mifistande verschiedener
deutscher Provinzstadte aufdeckte. An der Diskussion, die sich dann
entspann, nahmen u. a. der Schriftsteller Hans Kyser, die Kritiker Her-
bert Ihering und Moritz Jacobs teil. Im allgemeinen widersprachen die
deutschen Buhnenschriftsteller dem Antrag des Vorstandes. Man ei-
nigte sich schliefilich auf eine sehr abgeschwachte Resolution, in der
zum Ausdruck kam, dafi es den Buhnenschriftstellern, die zugleich
Kritiker sind, nur nicht gestattet sein sollte, Werke zur Urauffubrung
an den Theatern einzureichen, iiber die sie schreiben. Die Resolution
bedeutet nach den Ausfiihrungen des Vorstandes nicht etwa ein Ver-
bot fiir die Mitglieder und ist infolgedessen nur eine Art sittlicher Ge-
ste. Die Frage ist insofern interessant, als sich mit ihr schon vor langer
Zeit der Kritikerverband beschaftigt hat. Hier ist es ein stillschweigen-
des Gesetz, dafi kein Berliner Kritiker ein Drama an einem Berliner
Biiro einreicht.
Von den anderen Punkten der Tagesordnung ist noch hervorzuheben:
ein neuer Entwurf eines Urheberschutzgesetzes, den Dr. Wenzel-
Goldbaum dem Justizministerium eingereicht hat und der bedeutende
Verbesserungen des alten Urheberschutzgesetzes enthalt, ferner eine
Eingabe des Biihnenschriftstellerverbandes an das Auswartige Amt
zwecks Schutzes der deutschen Werke in Rutland, Livland und Lett-
land. Man erfuhr bei dieser Gelegenheit, daft in der Sowjetrepublik
sehr viele deutsche Autoren aufgefuhrt werden.
Einen leisen politischen Anstrich erhielt die Versammlung bei der Er-
wahnung des aufgehobenen franzosischen Boykotts und bei der Versi-
J 9^5 33i
cherung des Vorsitzenden Ludwig Fulda, dafi der Boykott franzosi-
scher Stucke nicht aufgehoben worden ware, wenn man die Nichtrau-
mung der Kolner Zone vorausgeahnt hatte. Da gleichzeitig Dr. Kyser
beantragte, man mochte sich bei der Pariser Societe des Auteurs iiber
ihre praktische Art, die Tantiemen der Dramatiker einzuziehen, er-
kundigen und sogar einen Herrn vom Vorstand zu diesem Zweck nach
Paris entsenden, wurde die Versammlung mit Recht dieses Wider-
spruchs inne, der sich immer wieder zeigen mufi, sobald ein unpoliti-
scher Verband polrtische Grundsatze aufstellt. Jeder ist in Deutschland
prinzipiell damit einverstanden, dafi franzosische Schundstlicke von
den deutschen Biihnen verschwinden; iiber den Zusammenhang aber
der Ruhrbesetzung mit einem Verbot franzosischer Autoren in
Deutschland uberhaupt kann man verschiedener Meinung sein; um so
eher, als gerade jetzt in Paris deutsche Autoren aufgeiuhrt werden und,
wie man weifi, sogar ein deutsches Ensemble mit dem Direktor Tagger
nach Paris fahrt, wahrend ein franzosisches nach Berlin kommt.
Frankfurter Zeitung, 14. 1. 1925
DAS XIII. BERLINER SECHSTAGERENNEN
In diesem Augenblick haben die eifrigen Radfahrer schon mehr als
dreizehnhundert Kilometer zuriickgelegt, ohne irgendwohin gekom-
men zu sein. Sie wollen ja gar nicht irgendwohin gelangen! Sie kreisen
immer auf derselben Bahn, die zweihundert Meter lang ist und zwei
Millionen Meter langweilig. Hatte diese Bahn ein Ende, man konnte
sagen, an ihrem Ende warte ein Preis, fur den es wert ist, sich sechs
Tage lang zu martern. Aber die Bahn hat kein Ende, und den Fahrern
winkt dennoch ein Preis: So kindisch und nutzlos sind meine Gedan-
ken, wahrend ich dem Rennen zusehe. Es sind nur noch hundert Stun-
den bis zum Ende. Wenn ich dabliebe, ich bekame die Physiognomie
jenes Megaphons, durch das dem Publikum in diesem Irrenhaus di-
verse Mitteilungen gemacht werden. Eigentlich wunderbar, dafi diese
Menschen irnmerhin noch wie Menschen aussehen. Sie muftten ausse-
hen wie Megaphone, wie Schreie, wie brutale Liiste, wie Bier-Eksta-
sen, wie Fahrrader, wie blinde Begierden, wie dekadente Barbarei.
332 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Aber so stark ist der unbewufite Trieb, ein Ebenbild Gottes zu sein,
daft nicht einmal das Sechstagerennen den Menschen verandert. Er
kommt wieder als ein Mensch zum Vorschein, obwohl er sechs Tage
gerannt ist oder dem Rennen zugesehen hat. Sechs Tage hat Gott ge-
wartet, ehe er den Menschen erschuf, damit er sechs Tage renne. Es hat
sich gelohnt.
Es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag. Uberfiillte Autobusse mit
dem Ziel Kaiserdamm rasen durch die Strafien. Die Schutzpolizei ist
hundert Mann stark. Vor den Kassen drangen sich die Menschen wie -
es fehlt an Vergleichen, und ich mufi sagen: wie vor den Kassen einer
Sechstagerennbahn. Um acht Uhr abends hat das Megaphon verkiin-
det, dafi keine Karten mehr ausgegeben werden. Es gibt Resignierende,
die still, traurig, mit hangenden Kopf en umkehren. Nichts kann sie
mehr trosten. So sehen die Seelen aus, denen vor der metaphorischen
Nase das Tor des Himmels zugeschlagen wurde. Ganze Familien keh-
ren heim. Manner mit weinenden Kindern auf dem Arm. Manner, die
selbst dem Weinen nahe sind. Ach! wohin werden sie jetzt gehen?
Sechs Tage lang haben sie gearbeitet, und jeden Abend, vor dem Schla-
fengehen, haben sie einander und sich selbst aufs neue geschworen, am
Samstag unbedingt zum Sechstagerennen zu gehen. Was bleibt ihnen
noch iibrig? Ein freiwilliger Tod vielleicht! Aber sogar erfahrene
Selbstmorder wissen zu erzahlen, dafi der eigene Tod noch lange keine
solche Sensation ist wie ein »Vorstofi« von Huschke.
Sprechen wir nicht mehr von diesen Ungliicklichen! Wenden wir uns
lieber jenen Vorsorglichen zu, die noch vor vier Tagen ihre Wohnung
abgesperrt haben und mit Rucksacken, Aftermietern, Kindeskindern,
Hunden, Papageien und Kanarienvogeln nach dem Kaiserdamm gezo-
gen sind, um sich dort hauslich niederzulassen. Sie haben alles mitge-
bracht, was mitzunehmen polizeilich verboten ist. In den Rucksacken
liegen die Haustiere und verraten sich von Zeit zu Zeit durch erbarmli-
che Hilferufe, gerichtet an eine Offentlichkeit, die nicht gesonnen ist,
ihre Menschlichkeit durch irgendwelche Mitgefuhle kundzugeben.
Sooft ein gequalter Hund aufbellt, nimmt er sich in dieser Umgebung
aus wie ein Mensch. Die ganzen hohen Wande entlang Gesichter, Ge-
sichter, Gesichter. Die Range sehen aus wie Regale, Kopf steht geprefk
an Kopf, wie Biicher in einer grofien Bibliothek. Man glaubt, einen
und den andern Kopf mit einem sichern Ruck von seinem Stander her-
unterholen zu konnen. Aber es ist ein Irrtum. Diese Kopfe stecken auf
*9 2 5 333
Korpern, und die Korper sind durch die Klebestoffe, Schweifi und Be-
geisterung mit den Sitzen verbunden. Aus zehntausend Kehlen fahrt
ein wilder Schrei, ein einziger Schrei, in dem der Kulturlaut bellender
Hunde leider versinkt. Unten ist ein Fahrer »vorgestofien«. Welch ein
Ereignis!
Schmerzliches, todliches Weifi der Scheinwerfer, der groKen Lampen,
die kalt und herzlos sind wie Sonnen der Unterweit, vereiste Sonnen,
die eine festliche Nordpolstimmung verbreiten. Im Glanz dieser
Lichter greift man nach der Garderobe. Dort, wo der Lichtkegel mit
messerscharfem Rand den Schatten schneidet, wirken Millionen Staub-
chen. Wenn der Schrei der Menge ertont, geraten sie in Unordnung,
und es kommen Tumult, Schrecken, Chaos in das gesetzmaflige Krei-
sen, Tanzeln, Fliegen der Staubchen. So gewaltig ist die Erschiitterung
der Atmosphare. Manchmal wirft der Wirbelsturm der Ekstase auch
die festgefiigten Menschenreihen durcheinander, schrille Frauen-
schreie, das Sprichwort vom schwachen Geschlecht desavouierend,
fahren sagend durch die festgestampfte Tonmasse mannlicher Basse,
und man bekommt eine zwingende Vorstellung von der Existenz my-
thologischer Furien. Gleichzeitig packt eine sorgende Hausfrau lange
abgelagerten Kase aus dem Leitartikel des Leibblattes, und es stinkt
nach Lebensmitteln und Politik. Der Geruch senkt sich, durch die
schwere Luft niedergedriickt, schwebt eine gedrangte Wolke, iiber den
Kopfen der Untensitzenden, und sie sehen auf, neugierig, mit gehassi-
gen Augen, als konnte man den Gestank erblicken und ihn toten. Je-
mand macht einen Witz, eine Reihe lacht, ein Zuruf entziindet sich am
andern, wie Streichholzer brennen sie ab.
Schutzleute klammern sich an Saulen, halten sich unter Umstanden
und wenn kein Ehrlicher in der Nahe ist, an den Riicken der Taschen-
diebe fest, um ein Stuckchen Rennbahn zu erspahen. So geht die
Wiirde des Staates in dem Jubel seiner Bewohner unter. Kriminalbe-
amte in Zivil sind, trotz vorgeschriebenem Kautschukkragen, nicht zu
erkennen. Jetzt konnten sie ihren Zweck erfullen - wenn sie es noch
konnten! Wenn es einem verfolgten Einbrecher gelange, sich in die
Rennbahn zu retten, er ware gerettet. Durstige Menschen ziehen
Schnapsflaschen aus dem Rock und trinken und bieten einen Schluck
dem Nachbarn an. Man benimmt sich menschlich wie bei einem ge-
meinsamen Ungliick. Einer, der seinen Platz verlassen hat, um einem
Bediirfnis zu gemigen, das noch starker ist als die Anziehungskraft des
334 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Sechstagerennens, findet den Platz besetzt. Sofort schlagt die mensch-
liche Giite in ihr Gegenteil um, und die Erbitterten gehen boxend vor.
In der grofien Sensation sind tausend Sensationen enthalten.
Unten, auf der spiegelglatten Bahn, kreisen die Fahrer, den Rucken
parallel zum Boden, kreisen, kreisen, kreisen, kreisen. Stunden, Stun-
den, Kilometer, Kilometer. Pedale drehn, rechts und links, Vorstofie
machen, zuriickbleiben, vor sich den Vordermann, Stahl und Gummi,
ein Trikot, tropfender Schweifi, um sich die Menge, am Ende der sechs
Tage ein Preis, ein Bad, ein langer Schlaf, ein Photograph, Blitzlicht,
ein Sportbericht, eine Frau, ein Sekt, eine Reise. Jenseits der sechs Tage
ist das Leben, das man lebt, weil man sechs Tage gefahren ist und, um
wieder sechs Tage zu fahren. Man ist noch nicht tot, aber man lebt
auch noch nicht. Horch, die Posaune der sechs jungsten Tage, das Me-
gaphon, verkiindet den Preis fur einen Teilerfolg, gestiftet von einem
Gonner, der sich langweilt und der nicht umsonst hierhergekommen
ist. Er hat heute noch was zu tun, sein Chauffeur friert draufien und
schlagt in die Hande. Also los: Stiften wir ein Preischen, die faulen
Kerle zu ermuntern, dafi sie lebendig werden! Sie werden lebendig.
Die Mitternacht ist vorbei, ein kleines schlaftrunkenes Kind, Nach-
komme eines Sportbegeisterten, weint mit klaglicher diinner Stimme,
sein Wimmern bahnt sich miihsam einen schmalen Pfad durch die ver-
schmutzten Luftwellen; es ist eine kleine akustische Tragodie. Im Hin-
tergrund wankt ein Betrunkener, und seine Zunge kampft gegen die
Sprache, erbittert, zah, eine Stunde lang. Man mahnt ihn zur Ruhe. Er
kann nicht. Es mufi heraus, was ihn bewegt. Einige schlafen und
schnarchen. Laut und gleichmafiig rasseln ihre Nasen, wie kleine Kar-
ren mit Alteisenbestanden auf schmalspurigen Bahnen. Glatzen leuch-
ten wie runde Spiegel aus den Logen. In welchem Zusammenhang
steht das Kapital mit dem Haarausfall?
Bald graut der Morgen. Hierher wird keine Ahnung des jungen Tages
kommen. Hier werden die eisigen Sonnen der Unterwelt leuchten, die
Rader werden kreisen, die Betrunkenen nuchtern werden, die Schla-
fenden erwachen - indes drauflen die Welt die Nacht abschiittelt und
die Nebel von den Feldern stelzen und die winterliche Sonne rot und
zogernd ihren Weg beginnt. Noch hundert Stunden, neunundneunzig,
achtundneunzig. Die Reste von vier Tagen und hundert Familien we-
hen durch diesen Raum.
Draufien schlummern die Chauffeure. Ein Teil von dem Geldregen,
W5 335
der drinnen niedergeht, tropft auch iiber sie. Darauf haben sie gewar-
tet. So lebt eins vom anderen. Das ist der Sinn der Welt.
Frankfurter Zeitung, 20. 1. 1925
KAISERS GEBURTSTAG
Am 27. Januar werden wir aufstehen wie an alien anderen Morgen des
Jahres, um uns an die Arbeit zu begeben, die, einem on dit zufolge, das
Leben siift macht, und, wenn uns das vaterlandstreue Herz es nicht
verrat, gar nicht merken, daft Kaisers Geburtstag ist. Sowenig ich auch
von einer acht Stunden lang unaufhorlich versufienden Arbeit und von
einer Republik erbaut bin, die seltsamerweise keine Monarchic ist, so
herzlich freue ich mich doch auf den Geburtstag des Kaisers, den ich
vergessen darf. Wenn uns diese Republik nichts anderes gebracht hatte
als die Moglichkeit, den Geburtstag des Kaisers zu vergessen, so hatte
sie schon viel gebracht.
Es hat »sich nichts geandert«. Es ist »alles beim alten« geblieben. Es ist
nur eins anders: Der Alte ist nicht bei uns geblieben. Und dieses Eine
ist die trostliche Gewiftheit, daft die Geschichte recht behalt. Dieses
Eine: die Moglichkeit, seine gesenkten Blicke zu einem Thron zu erhe-
ben, der leer ist, und zu wissen, daft zwischen Gott und mir keine
Majestat die direkte Verbindung unterbricht, unter dem Vorwand, sie
aufrechtzuerhalten; zu wissen, daft der Orkus der Vergangenheit die-
ses Angesicht verschlang, das in der Hauptsache aus bionden Bartspie-
fien bestand und in dessen Ziige eine hohere salierische Macht alle
Kennzeichen des deutschen Kleinbiirgertums gegraben hat: dieses zu
wissen gehort zu den Freuden des Daseins. Und so schlimm es ist, daft
in diesem Lande einer, der dem Studium des Flaschenbiers oblag, den
deutschen Kronprinzen nur fur eine »Frage der Zeit« halt, so herrlich
ist es doch, daft gerade die Leute, die mittelbar oder unmittelbar mit
Flaschenbier zu tun haben, ihre Pietat unterdriicken miissen, um nicht
noch mehr in Europa aufzufallen. Und so schlimm es ist, daft Tau-
sende Landsleute an diesem Tage nach Holland telegraphieren, so
wunderbar ist doch die Fiigung, daft sie nach Holland telegraphieren
miissen und nicht nach Berlin. So schmerzlich es ist, daft die halbe
336 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Nation sich bei den Wahlen immer wieder fiir irgendeine Art Kaiser-
tum entscheidet, so herrlich ist es doch, dafi es der andern Halfte ge-
gonnt ist, gegen den Kaiser zu sein und es sogar sagen zu konnen. Der
Geburtstag des Kaisers ist der einzige republikanische Feiertag. Denn
an diesem Tage merkt man, dafi es keinen Kaiser gibt.
Nein! Es gibt keinen Kaiser, man verehrte ihn nur in alien Teilen des
Reiches, die sich mit Recht »Gaue« nennen. Diese Generation hat
trotz allem das grofiartige Schauspiel einer Entthronung erlebt, wenn
auch nicht das weit schonere einer Revolution. Diese Generation hat
gesehen, wie der Purpur fallt und sich in einen Uberzieher fiir die
Reise verwandelt. Wir haben die Gnade Gottes kennengelernt, die
darin bestand, dafi Er das Gottesgnadentum desavouierte. Wir haben
mit eigenen Augen gesehn, wie etwas, was wir fiir Marmor hielten,
Gips war. Wir haben das grofie Wunder der Entzauberung erlebt. An
uns ist Hopfen und Malz des Monarchismus und des Flaschenbiers
verloren.
Es briillt niemand mehr in Europa durch das Schallrohr Kommandos,
Phrasen und Dummheiten. Es erfindet niemand mehr Manschetten-
knopfe. Es hat einer, der den Sa'bel aus der Scheide zog, einen Spaten
zur Hand genommen. In tausend Herzen lebt noch die Monarchic.
Aber sie lebt nicht mehr auf dem Throne. Indessen wachsen Tausende
heran, deren Kindheit nicht gestort wird durch offizielles Blechge-
schmetter und die nur noch vom pietatvollen Horensagen wissen, dafi
einmal einer oben safi, den Kiirassierstiefel auf dem Nacken der Na-
tion, das Zepter als Rohrstock gebrauchend, der geflugelte Worte
sprudelte, nicht jeder Zoll, sondern jeder Hohenzoll ein Kaiser, einer
von jenen Casaren, die Hans Midler die Hand schiittelten und die den
Dichtern zuriefen: Schopfen Sie aus dem Brunnen nationaler Ge-
schichte, indes, es war im Jahre 19 16, der Brunnen der nationalen Ge-
schichte auf den Schlachtfeldern zerrann. Es wachsen Kinder heran,
die zwar die Trutzlieder des Stahlhelms singen, aber doch nicht mehr
in der Schule »Heil dir im Siegerkranz« lernen - und so widerwartig
auch ein Stahlhelm ist, er ist schwacher und weniger gefahrlich als eine
Krone aus altem Gold, als ein konigliches Haupt, das nicht einmal mit
alien Salben geschmiert ist. Und ein Gummikniippel, der zugibt, ein
Kniippel zu sein, ist mir lieber als einer, der wie ein Zepter aussieht.
Tausend nationale Tolpel sind lange nicht so gefahrlich wie ein tolpel-
hafter Herrscher, und eine Dummheit, die sich offentlich dokumen-
J 9*5 337
tiert, ist geradezu erne Erholung nach einer konstanten Eselei, die sich
fiir den Ratschlufi Gottes ausgab. Im Namen Wodans zu toten ist we-
niger gemein, als es im Namen Gottes zu tun. Hakenkreuze in alle
deutschen Eichen zu graben ist besser, aufrichtiger, als Kirchen zu
bauen zur Ehre Gottes und eine Gotteslasterung zu begehen, indem
man jenen Kirchen seinen eigenen Namen gibt, auf dafi sie heme noch
als Strafienbahnstationen von den Schaffnern ausgerufen werden.
Dieser Republik fehlt noch viel zu einer Republik. Es ist nicht einmal
das wichtigste, dafi sie keinen Kaiser mehr besitzt. Es ist viel wichtiger,
dafi sie des Kaisers Geburtstag nicht mehr feiern mufi, wenn sie ihn
auch feiern darf. An diesem Tage lassen wir unsere Blicke durch die
Requisitenlager des Monarchismus schweifen und entdecken entziickt,
dafi keine einzige Krone mehr von Hauptern belastigt wird, dafi her-
renlose Zepter auf Regalen liegen, dafi die Reichsapfel weit von den
Baumen gefallen sind, herbstliches Fallobst der Geschichte.
Nie mehr kommt ein Kaiser so wieder, wie er gewesen ist. Nie wieder
in der diisteren Wolke der Hoheit, nachdem man gesehen hat, wie ein
Gottlicher iiber Grenzen fliichtet, mit Regenschirm und Sportmiitze.
Die ununterbrochene Kette des geheimnisvollen Dunkels, aus dem
niemand klug werden durfte, und diese schwule Atmosphare, die dazu
diente, theatralische Blitze als ubernatiirliche zu deuten - die Kette ist
gerissen, die Atmosphare verweht.
Die Kulissen sind zerstort. Das ist das - vorlaufige - Ergebnis des
Jahres 1918.
Der Drache, 20. 1. 1925
DER FILM VOM VATIKAN
Eine Freiburger Lichtbildgesellschaft, genannt »Caritas«, fiihrte der
Berliner Presse ihren Film vor, dessen Inhalt der Vatikan, dessen Titel
»Der Vatikan in Kunst und Geschichte« ist. Dieser Film wurde »mit
Genehmigung Seiner Heiligkeit des Papstes hergestellt«; und diese Ge-
nehmigung war notwendig, denn der Papst selber erscheint einige
Male im Film, er ist der »Held« des Vatikanfilms, wenn ein so profaner
Ausdruck fiir eine so sakrale Personlichkeit eine angemessene Bezeich-
338 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nung ist. Es mufi als ein filmtechnisches Wagnis bezeichnet werden,
den Vatikan zu filmen. Denn hier widerstrebt das Material dem er-
sten und wichtigsten Prinzip des Films: der Bewegung. Den Vatikan
zeichnet museale Ruhe aus, und konnte man von seinem »Prinzip«
sprechen, man miifite sagen, er hatte das der vornehmen, ehrwiirdi-
gen Laut- und Bewegungslosigkeit. Er ist ein Thema fiir »Panora-
men«. Schnell dahingleitende Aufnahmen von Bildern, Statuen, Bi-
bliotheken, Bauwerken geben einen fliichtigen Eindruck, der geeig-
net ist, in jenen, die Rom nicht kennen, Sehnsucht nach Rom zu er-
wecken; jenen aber, die es schon gesehen haben, geben solche Bilder
nichts mehr als eine hurtige Erinnerung. Die »Caritas« hat diesen
Film von italienischen Operateuren in Rom aufnehmen lassen. Die
italienische Filmtechnik ist noch nicht entwickelt genug, um derglei-
chen schwierige Probleme zu losen, wie es das der Verfilmung star-
rer Monumentalitat ist. In der Skulptur und im Gemalde erwachst
die Bewegung aus der Situation. Der Film verwandelt die lebens-
und bewegungstrachtige Situation in einen rasenden Ablauf von Si-
tuationen, die ihr inneres Leben verlieren und ein aufieres gewinnen.
Man kann eine ruhige Landschaft ohne Schaden filmen. Aber keine
gemalte Landschaft. Man kann Natur filmen ; nicht gesteigerte,
komprimierte Natur.
Es ware geschickter gewesen, statt der vielen nur einzelne, beson-
ders wichtige Teile zu filmen und diese nicht mit filmgemafier Eile
abrollen zu lassen. Bibliotheken, Wand- und Deckenornamente,
Kostbarkeiten beduffen, um gewiirdigt zu werden, einer langeren
Betrachtungsdauer. Man wird diesen Film gewifi nicht nur fachman-
nisch werten diirfen. Aber auch er will offenbar wirken, und er un-
terliegt infolgedessen den landesiiblichen Gesetzen der Wirkung.
Anders verhalt es sich mit jenen Teilen, in denen der Papst selber
gezeigt wird, wie er eine Deputation empfangt, wie er die Menge
segnet, wie er einen Kongrefi eroffnet. Diese Teile sind nicht orga-
nisch in das Ganze eingefiigt. Aber sie sind das Interessanteste in
diesem Film. Der Heilige Vater hat im anno santo ein besonders ak-
tuelles Interesse. Sein kluges, lebhaftes Antlitz, in Augenblicken von
dem Apparat aufgefangen, in denen der Papst nicht weifi, dafi ihn
gerade jetzt die Offentlichkeit beobachtet, gewinnt an in teres santen
Ausdrucksmoglichkeiten. Es ist sehr viel natiirliche Menschlichkeit
in diesem Gesicht, eine freie Wurde, ein Pathos ohne Kulisse. Es ist
1925 339
der Bergsteiger Rati, der Naturliebhaber, der einfache, freie Mensch
und das Haupt der machtigsten Kirche der Welt.
Man sieht, wie der Papst Pfadfinder besichtigt, wie er jungen Mannern
die Hand gibt, Fahnen betrachtet, eine »Front« abgeht und wie er
»dreifiig Reden in dreifiig verschiedenen Sprachen« abhoren mufi. Der
Papst fahrt durch die Garten des Vatikans, durch die stillen, verzau-
berten Garten mit den Brunnen, den Baumen, die so aussehen, als
wiirden sie aus naturlichem Stolz niemals rauschen, sondern immer
sdlle stehen, der Wiirde bewufit, die reprasentiert. Man sieht schlieft-
lich den alten Kutscher, der Tag fur Tag ftinf Pdpste gefahren hat, ein
ganzes Leben lang, jeden Tag denselben Weg. Dieser Kutscher steht
starr vor der Linse, so, wie er auf dem Bock sitzt, von einer Verant-
wortung erfullt, die ihm ein freier Entschlufi auferlegt; und nichts an-
deres.
Der Film ist trotz seiner Mangel sehr aktuelL Er wird, etwas gekurzt
und zusammengedrangt, gewifi viele Zuschauer finden. Die Lichtbild-
gesellschaft »Caritas« will keinen Geldgewinn - eine Ausnahme in der
Filmbranche. Die »Caritas« wendet, wie ihr Name verrat, alle Ge-
winne wohltatigen Zwecken zu.
Frankfurter Zeitung, 26. 1. 1925
KAISERLICHE ORTHOGRAPHIE
Aus den Veroffentlichungen, die im Auftrag des Auswartigen Amtes
bei der Deutschen Verlagsgesellschaft erscheinen, kann man neben
vielen andern wissenswerten Dingen auch erfahren, wie Kaiser Wil-
helm II. die deutsche Rechtschreibung behandelte. Er schrieb fehler-
haft. Er hatte in jeder Dorfschule einen Vierer bekommen. Seine be-
riichtigten »Randbemerkungen« zeugen nicht nur durch ihren Inhalt
fur des Kaisers Inferioritat auf jedem Gebiet. Sie sind auch unortho-
graphisch. Es ist nicht die mangelhafte Orthographie eines Genies. (Es
gibt namlich geniale orthographische Fehler. Sie sind die Folge einer
souveranen Freiheit, auch in aufierlichen, rein formalen Dingen. Es
gibt ferner eine schlechte Orthograpie der Ungebildeten, die nach dem
Klang des Worts in ihrem Dialekt und ihrer Sprechweise schreiben.
340 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Diese Orthographie hat etwas kindlich Riihrendes, Aufrichtiges, Ar-
mes und Hilfloses. Und schliefilich ist noch die Orthographie der
Halbgebildeten da: eine Unrechtschreibung.) Die Halbgebildeten,
auch in allem andern schlimmer, das heifit: ungebildeter als die, die
nichts gelernt haben, schreiben so, wie sie sprechen und wie sie den-
ken: gespreizt, unecht, hohl, pathetisch. Ja, es gibt eine pathetische
Orthographie, und sie ist dem hohlsten Pathetiker aller Zeiten, Kaiser
Wilhelm, eigen gewesen. Er schrieb die Orthographie des halbgebilde-
ten Kleinburgertums.
Man hat leider niemals von einer Majestat verlangt, daft sie eine Dorf-
schule absolvierte. Viele Majestaten waren danach. Sie blieben weit un-
ter dem Niveau einer Elementarschule zuriick. Sie standen, bildlich
ausgedriickt, auf der Tiefebene einer Kadettenschule. Hatte Wil-
helm II. etwas Ordentliches gelernt, so ware er zwar noch immer nicht
fahig gewesen zu herrschen; aber vielleicht orthographisch zu schrei-
ben. So aber ergibt sich die pikante Tatsache, dafi der Kaiser zwar
sechzig Millionen, aber nicht die Rechtschreibung beherrschte. Diese
sechzig Millionen waren immer stolz darauf, dafi sich unter ihnen am
wenigsten Analphabeten befanden. Sie hatten keine Zeit zu bemerken,
dafi einer ihrer wenigen, und der ausgiebigste unter den wenigen An-
alphabeten, an der Spitze des Reiches stand.
Mit Recht zitiert Jan Altenburg in einem Aufsatz der »Weltbiihne«
einen der immer wiederkehrenden orthographischen Fehler Wil-
helmsll. Der Kaiser schrieb das Wort »Konflikt« folgendermafien:
» Conflicku
Eine ungemein reizvolle Schreibweise des sympathischen Wortes, bei
dessen Klang man ohnehin schon an Wilhelmll. denkt. Ach, er war
ein prachtvoller Konflikterreger, ein Konfliktbazillus, ein ganzer Kon-
fliktherd, eine Konfliktseuche. Niemand ist so berechtigt, das Wort
»Konflikt« falsch zu schreiben, wie der Kaiser. Man beachte, wie er es
ausschmuckt, aufputzt, exotisch macht durch das altertumliche »C«
am Anfang und wie er vor das »k« in der Mitte noch ein »c« setzt und
den ganzen Begriff gleichsam mit Gewichten beschwert. Er begniigt
sich nicht mit einem einfachen, landesublichen »Konflikt«. Er mufi
seinen »Conflickt« haben. Bei Wilhelmll. wird jeder Konflikt schwer
und trachtig. Jeder »Conflickt« gebart »Conflickte«.
Es ist ein unheimlicher Fehler. Er wiirde soviel verraten von der Kon-
fliktfreudigkeit Wilhelms, von seiner Begabung, Konflikte zu besche-
leu* 34 1
ren, wenn man ihn ohnehin nicht schon kennen wiirde und wenn man
uber den Stand seiner Rechtschreibung und seines hochmiitigen Nar-
rentums nicht schon unterrichtet gewesen ware, ehe man seine »Rand-
bemerkungen« seiner mitlebenden Nachwelt iibergeben hatte. Man
mufite es ja den Worten des Kaisers anhoren, wie schlecht er sie
schrieb! Er schrieb ja nicht nur, er sprach sogar unorthographisch! Er
hatte ja Stil, Sprechweise und Auftreten eines Feldwebels, der sich im
Kasernenhof eine Kanzel errichten lafk! Er hatte ja die unorthographi-
sche sakrale Feierlichkeit eines Kasinoballes! Er sprach, er war wie ein
Unteroffizier der Theologie . . .
Vielleicht meint jemand, ich machte zuviel her von einem orthographi-
schen Schreibfehler? Und es ware schade um das Papier, das so viel
Bemerkungen iiber eine verflossene Gestalt ertragen miifke?! —
Oh, ware doch diese Gestalt so verflossen wie ihre Orthographie un-
richtig! Aber leider ist der Kaiser zwar in Holland, und seine »Con-
flickte« mit »ck« sind in Deutschland lebendig. In Deutschland leben
noch, um mit dem Kaiser zu schreiben, die »Cronprintzen« und die
»Conflickte«. Ja, sie leben seit kurzer Zeit erst recht in dieser Repu-
blik, die ich mit »ck« zu schreiben grofte Lust hatte.
Ich furchte sehr, unsere ganze republikanische Orthographie ist so
falsch, wie es die kaiserliche war.
Und es ist Zeit, daft wir uns einen republikanischen »Duden« anschaf-
fen, eine Rechtschreibung mit republikanischen Konsequenzen.
Und es ist Zeit, daft wir noch manches in dieser Republik anschaffen
und das meiste abschaffen.
Aber ich kann dem Unterrichtsminister, den wir in diesem Jahr dem
Kaiser zum Geburtstag geschenkt haben, nicht derlei Vorschlage un-
terbreiten. Ich furchte, es konnte zwischen ihm und mir ein echt wil-
helminischer »Conflickt« ausbrechen, wenn ich noch weiter
schreibe . . .
Der Drache, 27. 1. 1925
DAS BRATOPFER AUF DEM BIERFEST
Die Berliner Bockbierfeste zeichnen sich durch eine heitere Annahe-
rung der sogenannten Kulturwelt an die Sitten und Gebrauche unge-
zwungen lebender Volksstamme aus. In der wunderbaren Freiheit, die
der Alkohol dem einzelnen wie der Gesamtheit gewahrt, entfalten sich
Humor, Menschlichkeit und Gemiit. Es hat keiner notig, sich vor dem
andern zu schamen. Es ist wie im Dampfbad oder des Sommers am
Strande. Alle Seelen sind in Badekostumen. So entwickelt sich ein hei-
teres Strandleben der losgelassenen Instinkte.
In einem der beliebtesten Bockbierlokale werden taglich ungefahr
secbstausend Liter »ausgeschenkt«; wobei zu bemerken ist, dafi dieses
Fachwort nur ein Witz der Sprache ist. Denn das ausgeschenkte Bier
mufi leider bezahlt werden. Ware dem nicht so, wer weifi, wie viele
Tausende Liter taglich dem Verderben (oder dem Genufi) anheimfallen
wiirden; wer weifi, wie viele Seelen noch die beliebten Badestrandorte
bevolkern miifiten !
An den Wanden und vom Plafond des Bockbierhauses wehen bunte
Fahnen und Spriiche, sinnige Spriiche, kunstvoll gereimte oder auch in
ungebundener Rede geformte Spriiche, in denen die ganze Weisheit
des Okzidents enthalten ist. Zum Beispiel ins Fach schlagende: »Hop-
fen und Malz, Gott erhaltV.« Oder patriotische: »Wir wollen sein ein
einig Volk von Brudern« . . . oder allgemeiner Natur: »Ein guter
Trunk, macht Altes jung!«... Aufterdem gibt es da noch Siegestro-
phaen in Gestalt von Hornern, Geweihen, ausgestopften Auerhahnen
und Stierkopfen, die aus glasernen Augen auf ihresgleichen blicken, ein
bifichen erhaben, ein wenig armselig, sehr aufmerksam und dennoch
verloren traumerisch.
Einer alten Tradition zufolge opfert man bei Bockbierfesten ganze
Ochsen, indem man sie so brat, wie Gott sie geschaffen hat, mit Haut
und Haar, Kopf und Huf, Aug', Ohr, Zunge und Schwanz. Ehemals
briet man sie am Spiefi. Heute haben es die Ochsen der fortgeschritte-
nen Technik zu verdanken, wenn sie in einem Bratapparat gebraten
werden. So geniefien sie den Tod zugleich mit den Segnungen der Zivi-
lisation.
Um den Eindruck hochentwickelter Kulturapparate wieder wettzuma-
chen, bemiihen sich die Festarrangeure, auch Natur in das Bild zu
*9 2 5 343
bringen - und gleich die wildeste. Man baut namlich Alpen aus Pappe
in den Saal, mit Engpassen, Schluchten, Zacken und kunstlichem
Schnee. Manche bemiihen sich, die Berge zu ersteigen. Es sind Tief-
landgeborene und Ungeiibte. Sie sind ohnehin schon geneigt, Ebenen
fiir Gebirgsketten zu halten. Gelingt es einem, eine papierschneebe-
deckte Spitze zu erklimmen, so sturzt er auf der andern Seite herunter,
eine Lawine aus Fleisch und Bockbier.
Urn wieder auf die Ochsen zuruckzukommen: Es ist traurig, daft sie
nicht wissen, wem sie zum Opfer fallen. Welch ein geheimnisvoller
Gott fordert ganze Ochsen in Lucullus-Apparaten? Welcher Gotze
freut sich an traurigen und bratenden Kopfen, die so ergeben sind,
ohne zu wissen, wem sie ergeben sind? Diese Apparate haben sinnige
Scheiben aus Marienglas, die einen sakralen Eindruck machen und eine
Atmosphare frommer Andacht verbreiten. Man sieht durch diese Gla-
ser die glotzenden Rindskopfe, wie sie braun und immer mehr braun
werden, man schmeckt mit den Augen die Knusprigkeit der Tiere und
ihrer Gehirne und serviert sie frisch von der Bratmaschine weg in die
offenen Munder der Gaste, von denen merkwurdigerweise niemand
aus Irrtum zufallig in die Maschine gesteckt wird.
Nein, die Gaste werden niemals gebraten! Sie vergniigen sich im Ge-
genteil damit, Preise zu verteilen: fiir den tiefsten Ausschnitt; fiir die
dickste Wade; fiir die diinnste Wade; fiir den grofken Daumen; fiir den
besten Bubikopf ; fiir die langsten Zopfe.
Unter solchen Spielen gehen die Bockbierfeste zu Ende. Und weil,
geheimen Gesetzen zufolge, der Appetit auf Bier und Ochsen mit dem
erotischen gleichzeitig zu erwachen und zu wirken pflegt, werden bald
gesunde und hoffentlich geratene Bockbierkinder das Licht dieser
Welt erblicken, um es, spater einmal, bei Bockbierfesten doppelt sehen
zu konnen . . .
Frankfurter Zeitung, 31. 1. 1925
FILME
Zwei deutsche und ein amerikanischer
Ich beginne mit dem Bericht iiber den bedeutendsten deutschen Film
der letzten Tage: es ist Berthold Viertels »Perucke«. Viertel 1st Dichter
und Regisseur der »Periicke«. Ihm gilt also jedes Lob; aber auch jeder
Tadel. Viertels Held ist ein armer, glatzkopfiger Schreiber, der sich
eines Tages die Periicke kauft. Ein Fiirst hat sie einmal getragen. In
dem Augenblick, in dem der Schreiber sie anzieht, ist er der Fiirst und
setzt des Fursten wunderbares Leben fort. Er kampft mit seinem jun-
gen, grausamen Nebenbuhler um die schone, junge Fiirstin; erleidet
Niederlagen, Schmahungen, Demiitigungen, siegt endlich, will freiwil-
lig in den Tod gehn - und erwacht. Es war ein Traum. Der Schreiber
erwacht in seine Wirklichkeit. Er ist wieder Schreiber.
Es liegt im Wesen des Traums, dafi er der irdischen Logik nicht bedarf,
dafi er eine durchlocherte, oft gehemmte, willkiirlich einsetzende und
ebenso abbrechende Logik und kein organisches Ende hat im Sinne
irdischen Geschehens. Eine Traumhandlung ist andern, unerforschten,
unverstandlichen, kaum noch erfuhlbaren Gesetzen unterworfen. Der
Dichter, der eine Traumhandlung kunstlerisch fixiert, schaltet freier,
willkiirlicher, gesetzloser. Wo immer er den Schlufipunkt setzt - der
Schlufi ist immer berechtigt. Auch ebenso unberechtigt. Die Handlung
kann tausend Jahre weitergehn. Sie kann eine Sekunde wahren. Und
niemand tragt die Verantwortung. Jeden Vorwurf erledigt die Tatsa-
che: dafi es ein Traum ist.
Aber die Tatsache selbst ist ein Vorwurf, den man Viertel nicht erspa-
ren kann. Das Traumthema ist alt, oft gebraucht, abgenutzt. Der Film
verfuhrt so sehr zum Traumthema, dafi es bereits nicht mehr filmbar
ist. Mufite es aber dennoch schon Traum sein, so hatte er nicht acht
Akte und viele tausend Meter dauern diirfen. Obwohl auf jeden Meter
sehr viel kunstlerische Sorgfalt verwendet ist. Sahe man diesen Film in
unzusammenhangenden Ausschnitten, man ware ohne Einwand ent-
ziickt, gefesselt, mitgerissen. Aber der Film im Zusammenhang ermu-
det, qualt und lafit unbefriedigt. Er lafit unbefriedigt wie jeder Traum;
wie die Traume, die wir selbst traumen. Im Kino aber wachen wir,
obwohl es dunkel ist. Den wachen Menschen befriedigt nur irdische
Logik, die Konsequenz des wachen Lebens. Die des Traums kann ihn
: 9*5 345
sogar erschiittern. Aber sie wird ihn, wenn sie anhalt, sich wiederholt
und nicht steigert, leider langweilen.
Schade urn diese Verschwendung visionarer Kraft. Schade um diese
kostbare Photographie, die auf Nuancen, Zwischenstimmungen, Seeli-
sches, Ahnungen, Lust und Unkorperliches eingestellt ist. Schade um
diese liebevolle Regie. Viertel hatte bei sich ein straf feres, mehr ge-
schlossenes, zwingenderes Manuskript bestellen sollen. Leichter kann
man es einem Regisseur nicht machen, als wenn man ihm den Dichter
so nahe riickt, dafi beide eins sind. - Fur das eintonige, aufdringliche,
aufierliche, iiber ein paar klassische Situationen verfiigende Spiel Otto
Gebuhrs kann Viertel nichts.
Dennoch ist dieser Film technisch eine grofiartige Leistung. Denn hier
gelang Traumhaftes so trefflich, daft wir nicht mehr das Traumhafte
ertrugen: So liegen Vorzug und Fehler dieses Werks in einem und sind
nicht zu trennen.
Die Kulturabteilung der »Ufa« wollte wieder einmal einen ihrer ver-
dienstvollen »Kulturfilme« drehen. »Kulturfilm« ist ein »Lehrfilm«.
Beide Bezeichnungen sind falsch, lappisch, geschmacklos. Aber alle
»Kulturfilme« sind bezaubernd, fesselnd, geschmackvoll - bis auf die
Texte. Wenn man einen »Kulturfilm« in eine »Handlung« einwickelt,
wie man Kindern bittere Medizin in siifien Hiillen reicht, dann - ja,
dann mochte man die Wande hinaufklettern, wenn so was nicht poli-
zeilich verboten ware. Die Kulturabteilung der »Ufa« wollte uns Laien
mit der Landwirtschaft bekannt machen. Also hatte sie Misthaufen,
Kiihe, Milchmagde, Stalle, Schweine, Walder, Gutsbesitzer kurbeln
sollen. Sie aber, die Kulturabteilung, verfilmt Fritz Reuters » Ut mine
Stromtid«, nennt es billig, patriotisch, mit »Riecher« fur die Provinz,
wo man jetzt derlei tragt, »Kampf um die Scholle«, degradiert den
Dichter zum Filmverleiher, den Roman zum Vorwand, macht aus
einem Epos eine banale Handlung, garniert sie mit Schweinen, Mist-
haufen und anderen rustikalen Dingen - und gibt sich zufrieden. Zum
Gliick kann man die Augen schlieften, wenn der »Film« kommt, und
sie beim Anbruch der »Kultur« wieder of men. Man argert sich iiber
die Regie und freut sich der guten Linse, die so treulich Schweine auf-
nehmen kann.
»Bei mir~Niagara« ist der geschmacklose ha-ha-ha-witzige Titel eines
amerikanischen Meisterfilms mit Buster Keaton. (Der Titel ist nicht
346 DAS JOURNALISTISCHE WERK
amerikanisch.) Der Film spielt in der »guten, alten Zeit«, der man in
Amerika so wenig nachtrauert, dafi man sie sogar verspottet. Wer die-
sen Film sieht, sehnt sich bestimmt nicht mehr in eine Zeit zuriick,
deren Gemiitlichkeit grotesk ist, deren gesellschaftliche Vorurteile bar-
barisch sind. Es ist ein grofies Meisterstiick, nicht eine Zeit zu verhoh-
nen, sondern eine Sentimentalitat auszurotten. Das war Sinn und
Zweck dieses Films. Nirgends war ich mir so der Wahrheit bewufit,
dafi Lacherliches totet. In diesem Film bricht der neue Mensch endgul-
tig mit der Romantik seiner Vorfahrenzeit. So ist dieser Film beinahe
eine historische Etappe. Ware er eine geschriebene Satire, er (bezie-
hungsweise: sie) kame in die Literaturgeschichte. Eine Filmgeschichte
haben wir noch nicht.
Frankfurter Zeitung, 8. 2. 1925
FUNF-UHR-TEE MIT HEXAMETERN
Ein Funf-Uhr-Tee, der nichts mehr ist als ein Anlafi, unbekannte
Dichtungen zu fordern, verlauft selten glucklich. Nichtsdestoweniger
wiederholen sich solche Funf-Uhr-Tees in den Hallen verschiedener
Hotels immer wieder. Diesmal war es ein Werk in Hexametern, das
der Schauspieler Ernst Deutsch im »groEen Saal« des »Hotel Kaiser-
hof« vorlas. Es waren gedruckte wunderschone Einladungen »ergan-
gen«. Fiir die Veranstalter zeichneten: Resi hanger und Johann O.
Trebicz. Die Einladung enthielt ein Vorwort, eine Art Versuch, Dich-
ter und Werk vorzustellen. Der erste Satz des Vorworts lautet: »Aus
der Not der gegenwartigen Zeit mit ihrem politischen und kulturellen
Niedergang ist ein Werk eines bisher als Dichter noch nicht an die
Offentlichkeit getretenen Mannes entstanden, das nicht nur als eine
Perle der deutschen Literatur, sondern als ein Schatz der Weltliteratur
anzusprechen ist. « Ein Satz, der, wie man sieht, geeignet ist, sowohl
seiner sprachlichen Mangel wegen Bedenken als auch seines Inhalts
wegen Verwunderung hervorzurufen. Man erfahrt aus dem Vorwort
ferner, daft Alexander Moissi und Ferdinand Bonn neben andern »ihre
Mitwirkung zugesagt« haben. Die Verwunderung des Eingeladenen
erreicht ihren Hohepunkt, wenn er erfahrt, dafi ein Geheimer Kom-
l 9*5 347
merzienrat, ein Warenhausbesitzer, ein Geheimer Regierungsrat, ein
friiherer Finanzminister, ein Bankier »zur Forderung der Dichtung aktiv
beigetragen« haben. Und kaum ist man von dieser Neuigkeit erholt, so
wendet man das Blatt und liest eine Widmung des Dichters in Hexame-
tern an den Herrn Geheimrat A.: »Sie, Herr Geheimrat A., gehoren zur
Schar jener Grofien, die mit Empfindung des Herzens die Klugheit des
Geistes verbanden.«
Man erwartet trotz dieser Widmung, trotz dem Stil im Vorwort, trotz
alien Bedenken gegen Funf-Uhr-Tees, gegen Biittenpapier, gegen Ge-
nies, die zuerst von der Finanzwelt entdeckt werden - man erwartet
trotzdem zwar keinen »Schatz der Weltliteratur«, aber immerhin ein
Werk, das sich horen lassen kann; und geht ins Hotel, trinkt einen Kaffee,
sieht vor sich den umfangreichen Rucken einer kostbar gekleideten
Dame und denkt: Aha, die Finanzwelt! Dann begriifit Frau Resi Langer
die Gaste, Vertreter der auswartigen Presse und der heimischen, Ernst
Deutsch beginnt zu lesen. Es ist das Epos eines Herrn G. Bresin, es heifit
»Josephs Traume«, gemeint ist der biblische Joseph. Der Verfasser sieht
deutliche Analogien zwischen der Zeit der Wirrnis im biblischen Agyp-
ten und unserer deutschen Gegenwart und preist die Literatur Josephs
mit dem deutlichen Hinweis: »Seht, so was brauchte man in Deutsch-
land !« Es ist eben die Uberzeugung eines Epikers, der nicht anders kann,
da ihn doch die Finanz entdeckt hat und er ihr Widmungen schreibt.
Allein gegen eine Uberzeugung ist schwer anzukampfen, wenn ein Dich-
ter sie auEert, und sei es auch in Hexametern. Nur miissen solche Hexa-
meter dichterisch sein. G. Bresin aber dichtet so von der Stimme Gottes :
»Eine gewaltige Stimme, erklingend wie tausend Posaunen.« Und mich
diinkt dieser Vergleich nicht mehr ganz neu. Auch spricht der liebe Gott
selbst nicht sehr originell, wenn er sagt:
»Eingesetzt nab' ich die Sonn y zur alleinigen Herrschaft am Tage . . .«
Originell ist an diesem Vers eigentlich nur die Achtung des Ewigen vor
der Zasur, der er den Wohlklang opfert. Vom Konig Pharao heifk es :
»Und er safi auf dem Throne in milder Haltung des K6rpers« - was zwar
deutlich genug gesagt, aber nicht dichterisch gesehen ist.
So sehen die Hexameter aus, die in der groEen Halle des Kaiserhofs ein
Schauspieler vom Range Ernst Deutschs vorlas; die Hexameter, welche
die auswartige Presse anhoren mufke; die von der Finanzwelt gefordert
werden; die den »Schatz der Weltliteratur« bilden sollen.
Man brauchte iiber diesen Funf-Uhr-Tee nicht einmal soviel Worte zu
348 DAS JOURNALISTISCHE WERK
verlieren, wie ein Hexameter Bresins enthalt - wenn diese ganze Art,
auf kostbarem Papier einen gedruckten Larm zu erheben, nicht so
kennzeichnend ware fiir die gesellschaftlichen Zustande Berlins. In
zwei Tagen ist ein »Josephs-Komitee« gegriindet. Nach einer Woche
sind bedeutende, aber unkritische und leichtglaubige Schauspieler ge-
wonnen und Finanzmanner, die nur in Dingen der Literatur leicht-
glaubig sind. Ein Tag spater - und man renommiert mit leuchtenden
Namen und klingenden Titeln. Man versendet Einladungen, die Post
bestellt sie, man zahlt zehn Mark Eintrittsgeld. Einige Snobs, die im-
mer dabeisein miissen und den Drang zur Wohltatigkeit verspiiren,
kaufen diese Hexameter, die »bisher nur als Manuskript gedruckt«
sind, aber auch als Luxusausgaben auf Biittenpapier, in Leder gebun-
den, mit Widmung des Autors. Ein Exemplar kostet funfzig Mark.
Eine Ausgabe ohne Widmung kostet zehn Mark.
Morgen sind diese Hexameter allerdings vergessen. Aber iibermorgen
taucht einer in der kostbaren Halle eines andern Hotels auf, ein neuer
Dichter, ein bekannter Schauspieler, und diesmal sind es vierfiifiige
Trochaen. Und alles ist wieder da: die Finanz, die Presse, der Kaffee,
das Biittenpapier und der Dilettantismus.
Frankfurter Zeitung, 10. 2, 1925
GLADIUS DEI
Seit einigen Wochen erregt ein junger Kaplan namens Fahsel sowohl
Aufsehen als auch die offentliche Meinung. Er halt Vortrage im Saal
des Reich swirtschaftsrats, in einem Raum, der mehrere hundert Perso-
nen fafk. Der Saal ist eine halbe Stunde vor dem Beginn des Vortrags
gefullt. Regelmafiig mufi man etwa hundert Verspatete zuriickweisen.
Der Kaplan sprach einmal iiber die Heilige Johanna, ein zweites Mai
iiber Spinoza. Er wird nachstens iiber Rousseau sprechen. In einem
grofieren Blatt erscheinen Referate. In einem andern Blatt erschien die
Zuschrift eines Freiheitsliebenden, der vor dem verfiihrerischen Ka-
plan alle Freunde der Freiheit warnte.
Kaplan Fahsel besitzt aufier anderen Tugenden auch die, Zeitungen zu
lesen. Er las den Warnungsruf und erwiderte, ehe er iiber Spinoza zu
1925 349
sprechen anfing, mit den Worten Spinozas: ein Ziel sei kein anderes,
als die voile Erkenntnis zu erwerben und sie anderen mitzuteilen. Eine
kluge Antwort, und wenn auch keine ausweichende, so doch eine viel-
deutige. Jedenfalls eine Antwort, die eher geeignet ist, den besorgten
Warner in eine noch grofiere Unruhe zu versetzen, als ihn zu besanfti-
gen. Eine Beruhigung, die keine Drohung ist, aber immerhin eine Un-
erschrockenheit. Es ist eine diplomatische Gepflogenheit, sich auf den-
jenigen zu berufen und denjenigen zu zitieren, den man bekampft und
den der Gegner fur sich in Anspruch nimmt.
Somit ist der Kaplan Fahsel fast schon gekennzeichnet, noch ehe ich
ihn zu schildern angefangen habe. Wenn er den Saal betritt, hat er die
Zuhorer schon gewonnen. Er ist jung, schlank, dunkel und hiibsch. In
seinem schmalen Antlitz mischt sich vieles, ohne sich zu bekampfen:
Eifer, Mut, gesunder Verstand, sympathischer jugendlicher Optimis-
mus, Leidenschaft und der Wille, sie zu bandigen. Es wirkt angenehm,
dafi die Stirn, physiognomische Reprasentantin des Geistes, eine be-
deutende Rolle in diesem Priestergesicht spielt, ohne iiberragend zu
sein; dafl die Augen, von der Stirn uberdacht, im Schatten liegen wie
im Halbverborgenen und ihr Blick dennoch sichtbar, wirksam und ge-
rade sich auf die Zuhorer richtet. Fahsel ist ein geborener Rhetor. Zum
wohlklingenden, tiefen und weichen, alle Lagen beherrschenden Or-
gan gesellt sich die sprachliche Begabung, die Einsicht in die Gesetze
der Stilwirksamkeit. Der junge Kaplan vermeidet lange Perioden. Aber
wenn er in einen langeren Satz gerat, weil die Materie es so erfordert
und die Formung erzwingt, setzt er die Pradikate in die Mine, statt sie
grammatikalisch und wirkungslos an das Satzende zu hangen wie arg
verspatete Nachzugler, die man langst schon erkannt hat, noch ehe sie
da waren.
Diese Eigenschaften fordert der praktiscbe Sinn fiir den Wert der Zeit,
fur die Gehaltsmoglichkeiten einer Zeiteinheit. In einer halben Stunde
hat der junge Kaplan Spinoza so erlautert, daft selbst ein Ahnungsloser
Spinozas Philosophie in ihren Grundziigen kennt. Es ist ein padagogi-
sches Kunststiick, so zu vereinfachen, ohne zu banalisieren; so zusam-
menzudrangen, ohne unverstandlich zu werden. Und es ist eine tech-
nische Leistung des Gedachtnisses: Denn der Kaplan spricht frei, fiigt
ein Glied der Rede an das andere und hat kaum Gelegenheit, sich zu
korrigieren.
Es ist nicht meine Aufgabe, ihn zu widerlegen und gegen seine Ein-
3J0 DAS JOURNALISTISCHE WERK
wande andere zu erheben; ja, nicht einmal iiber das, was er gesagt hat,
ist ein kurzer Bericht moglich. Denn er ware zu kurz, um nicht Mifi-
verstandisse hervorzurufen. So bleibt nur iibrig zu betonen, dafi die
Einwande des Kaplans konkret sind, bildhaft, eindringlich und wenn
nicht den philosophischen Geist, so doch den gesunden Menschenver-
stand iiberzeugen. Der junge Mensch vergifit auch im Eifer nicht, dafi
Eifern schaden wiirde. So bleibt er bei jenem Grad von Pathos, das
gerade noch mitreifit - und noch nicht den Widerspruch der Skepsis
weckt.
Freilich kampft Fahsel/#r die Kirche. Aber man kann auch von einem
Kaplan nicht verlangen, dafi er gegen sie oder fur etwas anderes
kampfe. GewifJ wird der mifkrauische Beobachter bedenklich, wenn er
mitten im Publikum Gesichter entdeckt, auf denen die Neugier der
Sensationsbediirftigen oder die der Snobs zu lesen ist. Denn in diesen
Horsaal kommen: glaubige Kleinburger, Salonbesitzer vom Kurfur-
stendamm, junge Madchen aus dem Westen, ein paar Eigenbrotler,
Pseudowissenschaftler und Damen, die zu dick sind, um noch ein wis-
senschaftliches Interesse zu besitzen. Aber auch Studenten, Intellektu-
elle und Menschen, denen man es ansieht, dafi sie zu irgendwelchen
Zielen streben, die nicht von dieser Welt sind. Und waren selbst diese
nicht vorhanden, das Mifkrauen des Beobachters schwande dahin vor
diesem Redner, dem man es glauben mufl, dafi er seine Erkenntnis
verbreiten mufi.
Er ist ein Gladius Dei, ein Schwert Gottes, wie der Priester einer ver-
gessenen Zeit steht er auf, jener Zeit, in welcher der katholischen Kir-
che noch Flammenzungen zur Verfiigung standen. Der Kaplan besitzt
jene Eigenschaften, die der katholischen Kirche die Macht verschafft
haben: die wohlabgemessene Mischung von modernem Verstand und
metaphysischer Begabung, vom Diesseits und Jenseits, von Nachgie-
bigkeit und Starrheit, Kompromifi und Dogma. Ich glaube nicht, dafi
es in dieser Zeit noch viele solcher Personlichkeiten in Deutschland
gibt, und fiihle mich deshalb frei von Ubertreibungslust, wenn ich die
Begegnung mit dem Kaplan ein »Erlebnis« nenne.
Frankfurter Zeitung, 13.2. 1925
DAS DIENSTMADCHEN AUF DEM
TREPPENGELANDER
Der Herr Oberstleutnant aus der Mommsenstrafie warf sein Dienst-
madchen, weil es aus Unachtsamkeit Geschirr zerbrochen hatte, iiber
das Treppengelander. Das Madchen fiel auf den Riicken und ward so
schwer verletzt, daft es dem zerbrochenen Geschirr zum Verwechseln
ahnlich sah. Sie kam ins Krankenhaus, und es ist durchaus nicht sicher,
daft man sie reparieren wird. Auch das Geschirr des Oberstleutnants
ist fur immer dahin. Zwischen einem Porzellanteller und einem
Dienstmadchen ist der Unterschied auch dann nicht grofi, wenn beide
intakt sind. Der Oberstleutnant warf die Scherben zum Fenster hinaus,
das Madchen die Treppe hinunter. Die Scherben bewaltigte er selbst,
das Dienstmadchen raumten er und seine beiden Sonne aus der Woh-
nung. Denn so will es die Sitte, daft die Sonne in den Spuren ihrer
Vater wandeln, auf dafi jene lange leben auf Erden und niemals iiber
das Treppengelander geworfen werden. Dagegen verbieten es Gesetz
und Sitte, daft Dienstmadchen Oberstleutnants hinunterwerfen, ob-
wohl nichts Sachliches gegen eine Weltordnung vorzubringen ware, in
der ein Oberstleutnant zu der groften und uberfliissigen Familie der
alten Geschirre gehoren wurde.
Weil aber dem nicht so ist, kam die Feuerwehr vor das Haus des
Oberstleutnants und las die Uberreste des Dienstmadchens auf, wie es
ihre Pflicht war. Ich mull allerdings zugeben, daft ich wenig von einer
Feuerwehr halte, die in einem solchen Augenblick nichts weiter darf
als die Opfer aufheben, ohne den Oberstleutnants ein Haar zu kriim-
men. Sollte aber jemand den Einwand machen, daft die Rache nicht zu
den Aufgaben der Feuerwehr gehore, so erklare ich, daft ich die Not-
wendigkeit einer Feuerwehr gar nicht anerkenne, die nur loschen
kann, was schon verbrannt ist, und die den Brandstifter nicht bestrafen
darf, sondern den Gerichten iiberlassen muft, deren Respekt vor
Oberstleutnants alien Menschen bekannt ist.
Es ist also zu hoffen, daft niemand den Oberstleutnant und seine Sonne
iiber ein Treppengelander werfen wird. Luise, das Dienstmadchen,
wird so lange im Krankenhaus bleiben, bis sie entlassen wird, als
Kriippel auf die Strafte, als Leiche in ein Grab und im besten Fall als
ein gesundetes Madchen. Wohin aber kommt sie im besten Fall? Wie-
352 DAS JOURNALISTISCHE WERK
der in das Haus eines Oberstleutnants! Da kann es ihr wieder passie-
ren, dafi sie Geschirr zerbricht und die Treppe hinunterfallt. Wenn ich
ein Dienstmadchen ware und zu warden hatte zwischen einem sanften
Ende und einer neuen Stellung bei einem Oberstleutnant - ich wahlte
das Ende und das Grab und ware den ganzen Tod lang sicher vor dem
Zugriff hoherer Offiziere. Denn es ist nicht mehr Krieg und noch nicht
Krieg. Es gilt, die kurze Pause zu niitzen, in der die Offiziere zwar
iiber Lebende, aber nicht iiber Leichen verfiigen diirfen. Wie gut geht
es einem toten Dienstmadchen, das kein Geschirr mehr zerbrechen
kann und keine Heldenleiche ist! . . .
Das ware ein Standpunkt. Aber derjenige, der lebt, will um jeden Preis
weiterleben. Auch Dienstmadchen, die einen Oberstleutnant zu fiihlen
bekommen haben, wollen weiterleben. Sie werden sich allerdings hii-
ten, noch einmal in militarische Dienste zu treten. Also werden sie zu
einem Kommerzienrat gehen, zu einem Fabrikanten, zu einem Bank-
direktor, zu einem Oberregierungsrat. Allen diesen Menschen sind die
Dienstmadchen weniger als Porzellanteller. Auch ein Bankdirektor
liebt immer sein Porzellan, und sein Dienstmadchen gelegentlich, und
nur dann, wenn es ihm gefallt. Der Zorn eines Bankdirektors ist viel-
leicht kultivierter. Aber den Zorn hat auch der Bankier, dessen Por-
zellan zerbrochen wurde. Und solange es Dienstmadchen gibt, sind sie
in Gefahr, iiber Treppengelander geworfen zu werden, metaphorisch
oder wirklich.
Weshalb aber ist ein Oberstleutnant schneller im Zugriff, kiihner und
leichter entschlossen zur Gewalt als sein Kollege vom Zivil? Nun, weil
jener ein Offizier ist; ein Mann, der in der Meinung lebt, das Vaterland
bediirfe seiner so dringend, dafi sogar die Feuerwehr vor ihm salutiert,
die seine Opfer aufhebt; ein Mann, den man dazu erzogen hat, daft er
befehle und bestrafe; ein menschlicher (oder nicht menschlicher?)
Automat, der nur dann einen Unterschied zwischen den Geschlech-
tern anerkennt, wenn sein eigenes Geschlecht sich meldet; der im iibri-
gen aber ein Dienstmadchen nicht von einem Kanonier unterscheidet,
der sich gegen die Subordination vergangen hat.
Um vom Kanonier (oder Infanteristen) zu sprechen: Was hat dieser
von einem Offizier zu erwarten, der Madchen iiber Treppen schleu-
dert? Was haben die Soldaten des Oberstleutnants nicht schon erlebt?
Uber wieviel Treppengelander sind sie schon geworfen worden? -
Ach! iiber ihren Leiden liegt die tiefe Ruhe der Diskretion, die eine
!9 2 5 353
grausame Folge der Disziplin ist. Die Schweigsamkeit jener, die Furcht
haben, ist tiefer als die Stille der Graber. Millionen Treppengelander
gibt es in den tausend Kasernen des Landes. Vieltausend Infanteristen,
Kanoniere, Grenadiere und Reiter gleichen den Millionen Dienstmad-
chen, die aus Unachtsamkeit Geschirr zerbrechen.
Und dennoch, wie merkwiirdig fanden die Menschen eine Welt ohne
Dienstmadchen, ohne Treppen, ohne Truppen und ohne Offiziere?
Es muE, so sagen die Menschen, eine Treppe geben, auf der die einen
hinaufgehen und die andern hinunter. Diejenigen, die nicht friedlich
hinuntergehen wollen, werden hinuntergeschmissen. Nur auf den Ki-
sten, die Porzellan enthalten, steht die Uberschrift: »Achtung! Nicht
stiirzen!«
Wer aber hat jemals eine solche Inschrift auf dem Korper eines Dienst-
madchens gesehen?! . . .
Der Drache, 24. 2. 1925
TOTENFEIER UM MITTERNACHT
In der Nacht von Samstag auf Sonntag, zwischen zwolf und ein Uhr,
fuhr man den toten Reichsprasidenten aus dem Sanatorium in seine
Wohnung. Es ist ein weiter Weg von der Joachimsthaler- in die Wil-
helmstrafte. Das Volk von Berlin saumte beide Strafienseiten. Der Tote
fuhr zwischen zwei Reihen stummer, dunkler Menschen. Die Reichs-
bannerleute entziindeten die Totenfackeln. Es wurden lange, unend-
lich lange Alleen aus roten Flammen. Der Dunst der nackten Lichter
erhob sich in die Luft, hullte die silbernen Laternen ein, und bald war
nichts mehr sichtbar als das Schwarz der Nacht und das Rot der
Brande, welche die Nacht unterbrachen, ohne die feierliche Schwarze
aufzuheben. Es war Mitternacht, mit Flammen bestickte Mitternacht.
Nie habe ich eine geheimnisvollere erlebt.
Nie habe ich schweigsamere Menschen gesehn. Sie standen wie an tau-
send Grabern. Sie sprachen miteinander und waren doch stumm. Sie
lieften einzelne schwere Worte in die Luft fallen, sie warfen sie wie
Schollen auf einen Sarg. Jedes Wort hatte Gewicht, auch das einfach-
ste, alltaglichste, banalste. Nichts war umsonst gesprochen. Jedes hatte
354 DAS JOURNALISTISCHE WERK
seinen schicksalhaften Zweck. Wenn irgendwo ein Mensch ein kleines
Lachen anschlug, so verlor es seine Heiterkeit und hiillte sich in den
Dunst der Fackeln, es wurde rot, feierlich und schmerzhaft.
Autobusse und Strafienbahnen waren leer. Vehikel, Gegenstande, tote
Dinge waren traurig. Pferde trabten leise, fast gespenstisch, als gingen
sie nicht auf hartem Pflaster, sondern als traten sie mit ihren Hufen in
weiche, schmerzgefullte Luft. Die Kommandos der Polizei und des
Reichsbanners klangen wie in Watte gehiillt, unwirklich und fern. Zu
beiden Seiten des Leichenwagens schritten Soldaten. Nur ihre Schritte
horte man, sie marschierten, wie Soldaten marschieren. Dennoch fug-
ten sich selbst ihre mechanischen Tritte in das grofie Schweigen, so
sehr, dafi sie verhallten, auf gingen und auch Schweigen wurden.
Das traditionelle und bis zur Wirkungslosigkeit mifibrauchte Zeremo-
niell gewann in dieser Mitternacht seine alte, langst vergessene Wiirde.
Das Pathos der gedeckten Wagen, der dunklen Rocke, der Zylinder
bekam in der diisteren Fackelbeleuchtung die Grofie des Schmerzes
und ein monumentales Gesicht. Es war wie eine Wiederkehr jener frii-
hen Zeit, in der die Gefiihle noch Gehalt hatten und ihr Ausdruck
noch ganz Gefuhl war. Ich erlebte zum erstenmal ein Pathos, dem die
Skepsis nicht gewachsen war.
Frankfurter Zeitung, 2.3. 1925
ABSCHIED VOM TOTEN
An diesem Tage nahm das republikanische Berlin Abschied vom toten
Prasidenten des Deutschen Reiches. Diese Stadt, in ihrer Hast herzlos,
niichtern durch ihren deutlichen Drang zur Zweckmafiigkeit und dort,
wo sie gefuhlvoll zu sein versucht, so oft an der Peripherie des Kit-
sches - diese Stadt bekam fur einen Tag ein schmerzliches und sogar
tragisches Antlitz. In alien Strafien, durch die sich der Leichenzug be-
wegte, schwieg es. Das Schweigen wehte durch die Strafien. Es be-
wegte die zarten Trauerschleier der Kandelaber, und es war, als ware es
die einzige Triebkraft, weiche die Menschen in Gang setzte; als gingen
die Menschen nicht selbst; als wurden sie vom Schweigen sachte den
Weg entlanggetrieben.
J 9 2 5 355
Am Morgen war die Wilhelmstrafie von Menschen gefullt. Nicht be-
lebt! Denn eine diistere Stimmung war iiber ihnen, selbst dort, wo
keine Trauer war. Die Wilhelmstrafie ist abgesperrt. Steil, schwarz,
erstarrte Wachter, stehen Obelisken vor dem Eingang zum umfriede-
ten Teil; exotische Ornamente, aus der Feme herbeigeholt und in den
Asphalt gepflanzt. Dennoch wirken sie nicht wie auf den Asphalt ver-
irrt. Sie lassen die Strafie vergessen. Aus der Strafie, der Passage, dem
Durchgang wird so ein begrenzter Hof von tragischer Anmut. Obelis-
ken, dunkles Griin von ewiger und deshalb so diisterer Haltbarkeit,
wandeln die lebendigste aller Einrichtungen, die Strafie, in die stillste,
unwandelbarste: in einen Friedhof.
Da ist der Hof des Hauses. An den Wanden ruhen die Kranze mit
bunten Schleifen, wie Gaste, die von weit her gekommen und miide
sind. Ein paar Stufen haben ein schwarzes, diinnes Gewand angezo-
gen. Sie sind plotzhch keine Stufen mehr, auf die man tritt, um in ein
Haus zu gelangen. Sie sind trauernde Wegweiser. Man steigt diese Stu-
fen empor, man tritt nicht auf sie. Im ersten Zimmer stehen Kranze,
lehnen sich an die Wande und warten. Wer an ihnen vorbeigeht, biickt
sich, um die Inschriften auf den Schleifen zu lesen. Dann sieht es aus,
als griifite der Gast den Gast.
Auf dem Tisch liegt das Buch mit den Namen der Gaste. Ein gewohn-
liches Buch, schmal, in griine Leinwand gefafit, ein ganz sachliches
Requisit. Es enthalt ja auch nichts anderes als Namen. Viele Namen,
erschutternd durch ihre Einfachheit, burgerliche Namen: Franz Krule-
weit, ein Gastwirt; Frieda Beckmann, Pensionsinhaberin; Arnold
Krug, Kriegsinvalide; Robert Weitig, Tischler. Kamen sie, um einmal
in der Wohnung eines Reichsprasidenten zu sein? Aus Neugier und
weil die Gelegenheit sich bot? Vielleicht waren sie nur neugierig, als sie
sich auf den Weg machten. Aber wahrend sie ihren schlichten, guten
Namen eintrugen, waren sie gewifi ergriffen. Denn sie sind einfache
Menschen. Die Trauer findet leichter den Weg zu ihnen. Vor dem Tore
ihrer Herzen steht nicht die bittere Skepsis.
Es ist leicht, in diesem Hause erschiittert zu sein. Der Reichskunstwart
Redslob und der Intendant Jeftner haben aus kleinen, verhaltnismafiig
niedrigen Wohnraumen Gemacher geschaffen von Dimensionen, die
man mit dem uberlieferten Mafte nicht messen kann. Alle Wande sind
mit leichtem Schwarz bekleidet. Hinter den Schleiern fuhren die Spie-
3$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gel ein lichtloses Leben. Ihr Zweck ist nicht mehr, Leben widerzu-
strahlen, sondern den Tod in sich aufzunehmen, in die silberne Flache
zu bergen, die soviel Tiefe vortauschen kann. Heitere Bilder bergen ihr
buntes Angesicht hinter Schleiern. Wande, Winkel und Decken fliefien
sanft und schwarz ineinander. Nackt und unverhiillt sind nur die
Lichter zu beiden Seiten der Bahre und die zwei Ehrenwachen. Deren
Leblosigkeit mildert das gute, beruhigende, goldene Licht. Da stehen
die goldenen Stiihle fur die Besucher. Es ist nicht mehr das heitere
Metall, aus dem sie bestehen. Es ist, als waren die Stiihle aus dem gel-
ben Schein der Totenlichter hergestellt. Ihre Pracht ist unleugbar vor-
handen, aber tragisch verstarkt und gleichzeitig gemildert.
Draufien gehen immer neue Menschen am Haus vorbei. Verirrte Wa-
gen kehren um, Automobile verlangsamen ihren Lauf, je naher sie
kommen, Menschen hart an Menschen, hintereinander, nebenein-
ander.
Um 12 Uhr mittags ist in der Staatsoper am Konigsplatz die Feier zum
Gedachtnis des Toten fur Schuler der Grofi-Berliner Schulen. Die Ka-
pelle der Staatsoper spielt Mozarts Maurische Trauermusik. Max v.
Schillings dirigiert. Der Staats- und Domchor singt unter der Leitung
des Prof. Hugo Riidel. Auf der Biihe sitzen zu beiden Seiten, auf je
zwei Stuhlreihen, Mitglieder der Regierung. Der Minister fur Wissen-
schaft, Kunst und Bildung, Prof. Dr. Becker, spricht zu den jungen
Horern. Er liest einen uberraschend formvollendeten, trotz aller Feier-
lichkeit sachlichen und trotz vielen iiberlieferten Wendungen spannen-
den Vortrag. Der Minister ist ein Professor. Nach diesem Vortrag (der
eine Art Konfession war) kein Republikaner aus Leidenschaft, aber
immerhin einer aus der Erkenntnis historischer Notwendigkeit. Er
weist auf die Vereinigten Staaten hin, in denen der politische Kampf
nicht milder sei als bei uns und in denen der Tod einer historischen
Personlichkeit dennoch den Streit des Tages zum Schweigen bringe. Er
erklart den Unterschied zwischen dem Autoritatsstaat Bismarcks und
dem klassischen Staatsideal des Altertums: der res publico,. Er bekennt
sich zu dieser und fordert die Jugend auf, sich zu ihr zu bekennen. Es
ist ein politisch bedeutsamer Vortrag, republikanischer, als man ihn
erwartet hatte, und deshalb dreifach zu begriifien. Marx sagt ein paar
schlichte Worte. Dann spielt die Kapelle Bruckners Adagio aus der
7. Symphonie. Im Saale sitzen junge Menschen, Schuler, und junge und
J 9 2 5 357
alte Lehrer. Alle, die hier sitzen, sind gewifi irgendwo politisch gebun-
den. Viele stehen sicherlich weit rechts, sehr weit entfernt von ihrem
Unterrichtsminister. Dennoch mufi diese Feier Eindruck auf sie ge-
macht haben. Wir hatten republikanische Feiern fur Lehrer und Schuler
auch ohne traurige Anlasse sehr notig.
Um i Uhr sind die Strafien der inneren Stadt von einer hastigen Festlich-
keit. Man lauft irgendwohin, um schliefilich irgendwo stehenzubleiben.
Nervose Automobile suchen verzweifelt Auswege. Schwere Lastwagen
rollen langsam. Kutscher stehen hochaufgerichtet und lassen sich von
ihren Pferden fuhren. Rings um den Reichstag sind alle zusammenge-
drangt, in 12 dichten Reihen, hinter engen blauen lenkenden Schutz-
mannketten. Wer in den Reichstag kommen will, mufi iiber acht Schul-
tern hinweg von der Polizei herausgezerrt werden. Blickt man von der
Rampe des Reichstages auf den weiten Konigsplatz, so ist es ein Riesen-
feld wogender Gesichter. Sie sehen aus wie seltsame, dicht gesate weifie
Blumen. Es ist, als wiichsen die Gesichter, die unsichtbaren Korper aus
dem Boden, aus dem Rasen, und man konnte Menschen pfliicken. Uber
ihnen rote und bunte Fahnen. Die Tiicher erbliihen und entfalten sich.
Wie Gestalten aus Blei stehen Polizisten und Soldaten: ein Zaun aus
Wachtern um einen unendlichen Menschengarten.
Der Potsdamer Bahnhof ist nicht mehr Bahnhof, nicht mehr Tor in die
Welt, sondern Tor in den Tod. Man steigt schwarze Stufen empor. Es
duftet nach Tannenreisig. Die Halle ist ein schwarzes Gemach. Hinter
die schwarzen Tiicher verbannt sind die lauten und lustigen Gerausche
einer reisenden, klingelnden, rufenden, tutenden Welt. Signale schlafen,
taub in tauben Winkeln. Gehen hier noch Ziige ab? Gibt es noch Fahr-
kartenschalter, Stollwerckautomaten, Telephonapparate, griine und
rote Signale, Weichenwarter? Die Wartehalle ist eine Vorhalle zur
Ewigkeit geworden.
Draufien, abseits, wo man schon von oben die Strafienziige der Stadt
sieht, wartet der Leichenwagen, innen griin von Tannentapeten. Es ist
ein gewohnlicher Lastwagen. Marschkompanien safien einmal in sol-
chen Wagen und rollten dem Tod in die weitgeoffneten Arme. Der
Wagen tragt an der Brust eine sachliche, unfeierliche, gleichgiiltige
Nummer. Man hat sie in einen Trauerflor gerahmt. Jetzt sieht die Num-
mer aus wie der umrandete Name eines Leidtragenden.
358 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Vor dem Bahnhof steht der Sarg auf erhohtem Postament. Zu beiden
Seiten brennen Raucherschalen. Der Dunst steigt empor. Reisigteppi-
che liegen auf dem Pflaster und dampfen den Schritt der Vorbeiziehen-
den. Der Sarg liegt jetzt ganz frei, ohne Ehrenposten, der Strafte, der
Stadt, dem Volk iibergeben. Niemand bewacht ihn. Das Reichsbanner
liegt groft und leuchtend iiber dem Sarg. Es 1st wie eine visuelle Ab-
schiedsrede an die Offentlichkeit. Man sieht sie und versteht, was sie
spricht.
Die Dunkelheit kommt. Das Leben klingelt, tutet, hammert. Der Sarg
ist verschwunden. Eilige Reisende gehen im Bahnhof aus und ein. Man
hort schon das Geschrei der Zeitungshandler. Einmal in vielen Jahren
ist die Pietat horbarer als die Sensation.
Frankfurter Zeitung, 5.3. 1925
DER HERR AUS DEM PUBLIKUM
Am Schlufi seiner Nummer und wenn alle jene Kunststiicke schon
vollbracht sind, deren iiberraschende Wirkung dem Umstand zu ver-
danken ist, daft sie sich in einer betrachtlichen Entfernung vom Publi-
kum abspielen, liebt es der Zauberer Rha-Min-Tho, einen oder auch
zwei Herren aus dem Publikum auf die Varietebuhne zu bitten, damit
sie sich uberzeugen, dafi die Kunst, zwei weifie Tauben aus der leeren,
ganzlich taubenlosen Luft des Buhnenraumes in einem Netz zu fan-
gen, keine Angelegenheit eines geschickten Schwindels, sondern die
Folge einer ubernatiirlichen Gabe sei.
Jeden Abend macht der Zauberer Rha-Min-Tho dieselbe einladende
Handbewegung, jeden Abend bittet er in demselbenen gebrochenen
Deutsch die Zuschauer, ihn zu kontrollieren. Seit einem Monat weilt
er schon in Berlin, und es wundert mich eigentlich, daft der grofte Zau-
berer Rha-Min-Tho, der soviel unmogliche Dinge vollbringen kann, es
noch immer nicht versteht, seinen einzigen deutschen Satz fehlerlos
herzusagen. Vielleicht aber ist der Arme Tag fur Tag so stark von der
metaphysischen Welt und ihrer Sprache in Anspruch genommen, daft
er fur irdische Verstandigungsmittel weder Zeit noch Interesse auf-
bringt. Vielleicht soil sich ein Zauberer taglich mit Geistern unterhal-
1925 359
ten, mit denen man, wie ich annehme, nicht deutsch, sondern wahr-
scheinlich irdisch reden muf?.
Jedenfalls versteht das Publikum den Herrn Rha-Min-Tho, auch wenn
er Fehler macht; und jeden Abend besteigt ein Herr aus dem Parkett
die Biihne, um sich zu uberzeugen, daft es unmoglich ist, die Wunder-
taten des Zauberers auf eine natiirliche Weise zu erklaren. Meist sind es
intelligente Herren, mutige Herren, man kann sogar sagen: Manner.
Manner, die es sich zutrauen, einem Zauberer hinter seine Schliche zu
kommen, die das Rampenlicht und den Scheinwerfer nicht scheuen
und nicht die erwartungsvollen und ein wenig spottischen Blicke der
Zuschauer. Manchmal ist es ein Herr, der mit einer Dame gekommen
ist und sie im Parkett sitzen lafit, ohne die Angst, sich vor ihr zu bla-
mieren, und seiner Wirkung auf der Biihne ebenso sicher wie seiner
unausloschlichen Macht liber das Herz seiner Begleiterin.
Leider ist es ein Irrtum des Herrn aus dem Publikum. Im Privatleben
ist er vielleicht eine machtige Personlichkeit, ein Feldwebel, ein Poli-
zeiagent, ein Kanzleivorstand - und seine Anziige liefert ihm ein vor-
trefflicher Schneider, so daft sie passend sitzen, keine Falten werfen,
korperliche Mangel verbergen und korperliche Vorziige zur Geltung
bringen. Solange der Herr sich im Parkett befindet, ist er respektabel
und ein Mann von Ansehen. In dem Augenblick aber, in dem er auf
der Biihne steht, hat ihn der Scheinwerfer iiberfallen wie ein unbarm-
herziger Rauber und aller Tugenden entkleidet. In dem unbestechli-
chen weifien Licht sieht man, dafi der mutige Mann einen Bauch hat,
ein lacherliches Doppelkinn, rote und abstehende Henkelohren. Sein
Rock wirft breite Querfalten, seine Hose ist zu kurz, seine Schnursen-
kel spahen, von lockerer Neugier aus dem Stiefel geworfen, aus den
Schaften hervor, die Absatze sind schiefgetreten, und die Sohlen haben
eine leise, aber immerhin deutliche Krummung nach oben.
Kurz, der eben noch so mutige und intelligente Herr sieht neben dem
geschminkten, tadellos gekleideten, sehr eleganten und sicheren Zau-
berer sehr schwach, unbeholfen und komisch aus. Ja, komisch! Es
steht von vornherein fest, dafi es diesem Herrn aus dem Publikum nie
und nimmer gelingen wird, hinter die Geheimnisse Rha-Min-Thos zu
kommen. Zwar bemuht sich der Herr aufrichtig und mit wirklicher
Eindringlichkeit. Er beobachtet genau jedes Gefafi, das Netz, den Ka-
fig, das Gewand des Zauberers und dessen Hande. Er geht, der Vor-
sichtige, bis zum Hintergrund der Biihne und schickt auch noch einen
}6o DAS JOURNALISTISCHE WERK
priifenden Blick hinter die Kulissen. Aber was nu'tzt ihm das alles? Er
hat nicht einmal die Sympathie des Pulikums, dessen Abgesandter und
Beauftragter er doch eigentlich ist. Im Gegenteil: Dem Publikum ist
der Zauberer viel sympathischer. Das Publikum tragt vielleicht selbst
zu kurze Hosen, kann sie aber auf der Biihne nicht sehen - insbeson-
dere nicht, wenn sie auch noch Beulen haben.
Allmahlich wird der Herr, der so verheifiungsvoll die Biihne betrat,
eine tragische Erscheinung. Da er das Wunder nicht erklaren konnte,
sieht es aus, als ware er der einzige, der es nicht erklaren kann. Wah-
rend das Publikum dem Zauberer herzlichen Beifall spendete, lachelt
es mitleidig iiber den Herrn. Der Zauberer Rha-Min-Tho schickt ihn
mit einer einfachen, fast wegwerfenden Handbewegung von der Biihne
zuriick ins Parkett, auf den meist kostspieligen Platz. Ich kann mir
schon denken, wie es dem Herrn urns Herz ist, und ich verstehe nicht,
weshalb sich iiberhaupt noch jemand freiwiilig meldet.
Was mich betrifft, so werde ich niemals eine Biihne betreten, um einen
Zauberer zu kontrollieren.-
Frankfurter Zeitung, 10. 3. 1925
FILME
Man sah im letzten Monat in Berliner Filmtheatern »Das grofie weifie
Schweigen«, einen Film, der kein Film ist und iiber den vom Stand-
punkt der ziinftigen Filmkritik wenig Fachliches zu sagen ware. »Das
grofie weifie Schweigen« besteht aus den Aufnahmen der englischen
Siidpolexpedition Scotts, dessen tragischen Untergang man kennt. Der
Film wurde also zum Teil von jenen Siidpolfahrern aufgenommen, die
im Eise gestorben sind. Man fand bei den Toten Scotts letzte Tage-
buchaufzeichnungen und ein paar Filmrollen. Die Tapferen filmten ge-
wissermafien noch ihren eigenen Tod - im Interesse der Wissenschaft,
nicht mit der Absicht, unsterblich zu werden. Es ist keine H/mtrago-
die. Es ist eine menschliche und eine historische Tragodie.
Sie enthalt Bilder von der weifien, schweigsamen Ewigkeit des siidli-
chen Eismeeres. Schnee, Eis und Himmel. Wande, Festungen, Stadte,
Welten aus Schnee. Schlitten, Hunde und einige Menschen. Pinguine,
1925 }6i
ein Zelt, ein Walfisch. Man sitzt in einem modernen Theater. Es ist
alles da, was zu den sogenannten Segnungen der Zivilisation gehort:
saubere Madchen mit Programmheften, in weifien Schiirzen; elektri-
sches Licht; Zentralheizung; eine Filmleinwand. Und man sieht, von
alien Seiten, gegen alle Gefahren der Natur geschiitzt, in eine ganz
unwahrscheinliche Welt, in der sich das ganz unwahrscheinliche
Schicksal unwahrscheinlicher Kampfer vollzieht.
Ein paar Menschen wandern zum Siidpol. Was ist der Siidpol? Ein
geographischer Begnff. Auf dem Globus befand sich noch ein weifier
Fleck. Jetzt haben die Institute, welche die Globen herstellen, die Ge-
nugtuung, einen schwarzen Punkt mitten in das siidliche Eismeer
zeichnen zu konnen. Auf dem Siidpol sieht es genauso aus wie einige
hundert Kilometer vor dem Siidpol. Aber man friert, hungert, stirbt,
um diesen Punkt zu erreichen. Das ist noch fast wunderbarer als die
ganze wunderbare Welt aus Schnee und Eis. Noch merkwiirdiger als
die ratselhaften Vogel mit den menschlichen Gesichtern, die Pinguine,
sind die Menschen. Und noch tragischer als ihr Untergang ist die Ursa-
che ihres Untergangs.
Denn der kiihne Sudpolfahrer Scott starb nicht unmittelbar an Ent-
kraftung, Hunger und Frost - sondern er starb infolge der Tatsache,
dafi vor ihm schon der Kollege Amundsen dagewesen war. Auch diese
schmerzliche, todliche Enttauschung wurde von den Todbereiten ge-
filmt. Als sie nach unendlichen Entbehrungen den Siidpol erreichten,
sahen sie schon die Fahne Amundsens. Der Siidpol war schon ent-
deckt. Ihre Anstrengungen, ihre Opfer, ihre Todesbereitschaft - alles
war »umsonst« gewesen. So, erschiittert, hoffnungslos, traten sie den
Riickweg an. Kaum eine Tagereise vor dem Hilfsplatz ereilte sie der
Tod, der sie schon so lange vergebens belauert hatte. Aber der Tod
kann jenen schwer beikommen, die ihn eines geographischen Begriffes
wegen herausfordern. Dagegen hat er leichtes Spiel mit denen, die
einer fiktiven Entdeckung wegen enttauscht sind.
Das ist so unsagbar traurig, daft ein Siidpolentdecker, ein Pionier der
Wissenschaft, seinen Drang, Erkenntnis zu verbreiten, mit dem torich-
ten Bestreben verbindet, der »Erste« zu sein. Er will die englische
Flagge hissen. Aber da ist schon die norwegische. In Wirklichkeit ge-
hort der Siidpol weder England noch Norwegen. Der Sturm zerreifk,
vernichtet beide Fahnen. Hangt tausend Fahnen hin, sie sind nach
einem Jahr das, was sie immer waren: Leinwandfetzen. Die Eitelkeit,
362 DAS JOURNALISTISCHE WERK
die Fahne seines Vaterlandes zuerst zu hissen, teilt der grofie Mann der
Wissenschaft mit dem torichten Kadetten, der eine Schanze erstiirmt
und mit einer letzten Phrase auf den Lippen stirbt. Es ist so trostlos zu
sehen, dafi einer, der den Siidpol entdeckt, nicht vergifit, eine Fahne
mitzunehmen. Noch trostloser, dafi es ihn schmerzte, weil eine andere
Fahne schon vor der seinigen wehte . . .
Ja, die Welt aus Schnee und Eis ist sehr wunderbar, aber zu erforschen,
wie man sieht. Wunderbar und unerforschlich ist nur die Welt, die sich
in den Menschen ausarbeitet, in jedem Menschen, im kleinen Kadetten
und im grofien Gelehrten . . .
Ein zweiter grofier Film: »Die Karawane«, hergestellt von der Para-
mount-Filmgesellschaft. »Die Karawane« behandelt das Schicksal der
deutschen Auswanderer nach Wildwest in der Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts. Es ist ein Stuck deutscher Geschichte in der Feme. End-
lose Wanderungen durch die endlose Prarie, Wagen, Zelte, Pferde,
Ochsen, Kinder, Frauen, Wasser, Himmel, Biiffel, Indianer, Kampfe,
Entbehrungen, Feste, Idylle. Feuerschein, roter Prariebrand, Goldgru-
ben in Kalifornien. Auch die sentimentale Liebesgeschichte ist vorhan-
den. Ich wehre mich nicht gegen die sentimentale Fabel, die nichts
mehr ist als ein Anlafi.
Ein ganzer Wagentrain durchquert einen breiten Fluft. Die Pferde, die
Ochsen, die Kiihe waten durch das Wasser. Die unmittelbare Leben-
digkeit der Tiere im unmittelbaren Leben der Wellen; ernste schwere
Bewegungen der Korper durch das heiter bewegte silberne Wasser.
Wir zittern um jedes Pferd, jeden Stier, jedes Kind. Wie atmen wir
erlost, wenn wir sehen, dafi sie am anderen Ufer wieder emporsteigen,
schwer, langsam, machtig - dem Tod entronnen, ohne zu wissen, wie
nahe sie dem Tod waren.
In diesem Film ist nicht ein Augenblick verlegener Leere, ereignisloser
Handlung, jede Situation hat tausend Bewegungen und jedes Gesche-
hen einen zweckmafiigen Sinn. Jede Episode entstammt dem Grund-
thema, keine einzige schweift von ihm ab. Der Film ist wie ein grofies
Haus mit vielen Nebengebauden, die alle den Zwecken des Hauses
dienen und seinen architektonischen Gesetzen unterliegen.
Das sind die zwei Film-»Ereignisse« der letzten Wochen. In beiden
Filmen ist nicht die »Handlung« Hauptsache, sondern das Geschehen.
In beiden Filmen erreichen nicht die Menschen die filmisch beste Bild-
1925 3^3
wirkung, sondern die Tiere. Wieviel wunderbare Filme hatten wir,
wenn wir kein »Filmmanuskript« verwenden wiirden, sondern einfach
die Welt, die Tatsachen, die Tiere, die Baume, die Fliisse und die Wal-
der. Jeder von uns hatte es leicht, seine eigene Tragodie in den Roh-
stoff zu komponieren, und wir besafien in einem einzigen Filme soviel
dramatische »Handlungen«, wie es Zuschauer gibt.
Frankfurter Zeitung, 17.3. 1925
PIETAT des kleinburgers
Der »Lokalanzeiger« wirft dem toten Ebert »Kleinbiirgertum« vor.
Der »Lokalanzeiger« lebt von Kleinbiirgern, wird von Kleinbiirgern
gemacht, sogar von solchen, die »Breslauer« heiften, und ist der typo-
graphische und journalistische Ausdruck des Kleinburgertums. Im
»Lokalanzeiger« findet der Leser die Inserate der Hebammen, der Ra-
tenhandler, der bttrgerlich moblierten Wohnungen, die Berichte iiber
Hausfrauenvereine, Flottenmanover und Reichswehrparaden, Notizen
iiber Generale, Kronprinzen und preisgekronte Gastwirte, lauter
kleinbiirgerliche Angelegenheiten. Wenn also ein Blatt wie der »Lokal-
anzeiger«, an dessen Ehrlichkeit ich immer, an dessen Kleinburgerlich-
keit ich niemals gezweifelt habe, einen toten Mann einen »Kleinbur-
ger« nennt, um ihn herabzusetzen - so bleibt mir eigentlich nichts an-
deres iibrig, als auf jenen Breslauer hinzuweisen, der ein Antisemit ist
und es nicht einmal der Muhe wert findet, seinen Namen abzulegen.
Man sieht die Analogic Und es ist eigentlich iiberflussig, noch einmal
zu bemerken, daft der Hussong, der die Leitartikel schreibt, ebensowe-
nig ein Grofiburger, Adeliger oder Proletarier ist wie der Herr Bres-
lauer ein Arier.
Ja, ich wage sogar die Behauptung, dafi jener alte Scherl, dem der
Hussong heute sein Leben zu verdanken und der den alten Breslauer
vermutlich engagiert hat, ebenfalls ein Kleinbiirger war, allerdings ein
reicher und launischer; daft die Besitzer des »Lokalanzeigers« (vorge-
stern, gestern und heute) Kleinbiirger sind; daft die Redakteure
Kleinbiirger sind; daft die Leser Kleinbiirger sind, mogen es Friseure
oder Generale oder Fleischhauer sein. Denn ob einer Schweine oder
364 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Menschen schlachtet, ist gleichgiiltig; ob einer fremde Haare schneidet
oder sich die eigenen schneiden lafit, ist gleichgiiltig. Mafigebend ist die
Tatsache, dafi der General im Lehnstuhl des Friseurs den »Lokalanzei-
ger« liest, und zwar den Leitartikel des Herrn Hussong - und infolge-
dessen eine Physiognomie erhalt, mit der verglichen das Angesicht
eines Rasierpinsels geistreich erscheint. Der lesende General, der
schreibende Hussong und der einseifende Barbier stehen gemeinsam
auf der Plattform des kleinen Burgertums, die das Niveau des »Lokal-
anzeigers« ist. Selbst wenn mit dem Reichsprasidenten ein Kleinburger
gestorben ware, hatte der Hussong merits zu lachen. Auch der Bres-
lauer rmifite ernst bleiben. Denn es kommt hier nicht auf die Konfes-
sion an. Das ganze Deutschland, das reaktionar ist, hatte den Tod eines
kleinburgerlichen Genossen zu beklagen. Selbst die Ratenhandler, die
im »Lokalanzeiger« inserieren und sich durch eine mutige Manifesta-
tion des Judentums von Breslauer unterscheiden, miifken die Haupter
entblofien, wie es der Breslauer taglich macht, obwohl es ihm seine
Religion verbietet. Er aber hat sich vom Gott seiner Vater ab- und dem
Hugenberg zugewendet. Er kann nicht anders, der Breslauer. . .
Den also kann ich zur Not begreifen. Wieso aber kommt das ganze
Geschlecht der Hussongs dazu, die Ebene zu verleugnen, auf der es
lebt und von der es lebt? Woher nahmen die schreibenden, die rasie-
renden, die kommandierenden Hussongs den Mut, auf »Kleinburger«
hinabzusehen? Sie bilden sich doch nicht etwa ein, etwas anderes zu
sein? Am Ende halt sich der Hussong fur einen Bohemien und der
Breslauer fur einen Goj ? !
Ach! In der Gegend der Schwerindustrie ist alles moglich! Es ist mog-
lich, dafi der Hugenberg uberzeugt ist von seiner eigenen und von
Hussongs Genialitat! Es ist moglich, daf? einer, der viel Geld verdient,
im Glauben lebt, ihm kame zu, was ihm zukommt. Es ist moglich, dafi
ein Burgermeister, der doch die natiirliche Konsequenz des Burger-
tums ist, sich selbst nicht fiir einen Burger halt. In diesem Lande wol-
len die Hussongs nicht die Hussongs, die Breslauers nicht Breslauers
sein. Der Ludendorff halt sich fiir eine Personlichkeit, der Kronprinz
fiir eine Majestat und der Kaiser hatte sich »Jehova« genannt, wenn er
sich nicht vor Breslauer geschamt hatte.
So sind sie bei uns. Die reichen Juden glauben, sie waren ihre eigenen
adeligen Schwiegersohne mit Syphilis und Schulden. Der Schutzpoli-
zist steht mit der Wiirde eines Gotzen Posten vor dem Pissoir. Der
1925 3^5
Gymnasiast, der unter der Schulbank mit Dynamit und Briefmarken
handelt, glaubt, er ware ein Rebell. Der sozialdemokratische Gewerk-
schaftsbeamte halt sich fur einen revolutionaren Vorturner. Der sozial-
demokratische Parlamentarier fur einen deutschnationalen Abgeord-
neten. Noske glaubt, er ware ein Junker. Er traumt davon, dafi er Ja-
gow sei. Jeder hat ein Vorbild. Der Breslauer den Hussong. Der Hus-
song den Hugenberg. Der Hugenberg den Kaiser. Nur der Kaiser ist in
Verlegenheit. Er ist sein eigenes schauderhaftes Vorbild.
Welch ein Gewimmel von Kleinbiirgern! Die Auflage des »Lokalan-
zeigers« steigt von Stunde zu Stunde. Es ist Bedarf an Hussong! Alles
schreit nach Hussong! Jeder will lesen, wie man einen Kleinburger
beschimpft. Dann glaubt der Leser, der Hussong hatte ihn nicht er-
kannt. Und der Hussong denkt: Jetzt halt man mich fiir den Hugen-
berg. Und der Breslauer denkt: Vor Pogromen bin ich geschiitzt.
Nicht einmal die Inserenten erkennen mich! . . .
DerDrache, 17.3. 1925
DIE EROTISCHE SCHUTZPOLIZEI
Der Zeitungsbericht lautet:
»Es ist jetzt nachgewiesen, daft der Schutzpolizeibeamte Wiesner in
einigen Fallen jungen Madchen Gewalt angetan hat, die er auf seinen
nachtlichen Streifen vorerst von ihrem Begleiter getrennt hat. Er na-
herte sich dem Parchen, befahl dem Madchen . . ., ihm zur Wache zu
folgen, und bedrohte die jungen Manner mit Waffengewalt. Diese lie-
ften sich auch einschiichtern, weil ihnen bekannt wurde, daft - leider -
dem Schutzmann das Recht zusteht, Frauen von ihren mannlichen Be-
gleitern nach Belieben zu trennen.«
Ich kenne nach des Tages Miihen keine bessere Erholung als die Lek-
tiire des Berliner Lokalberichts. Da lese ich schwarz auf weifi des
Abends, was ich den ganzen Tag lang nur geahnt habe, und erkenne
aus der berichteten Tatsache die Grausamkeit der Physiognomie wie-
der, der ich an keiner einzigen Straftenecke entrinnen kann. Mir war es
immer unheimlich, in der Berliner Natur mit Madchen spazierenzu-
gehn, weil ich weifi, daft man zu zweit Gefahr lauft, sich in die Obhut
}66 DAS JOURNALISTISCHE WERK
des Staates begeben zu rmissen, und ich ziehe es vor, einem Raubmor-
der meine Brieftasche auszuliefern als das Objekt meiner Liebe einer
Behorde. Auch ist es mir ein Vergniigen, einem Wegelagerer zu begeg-
nen, sobald ich daran denke, daft seine Anwesenheit jede Annaherung
einer Polizei unmoglich macht, einer Polizei, die mich jeden Augen-
blick arretieren, schlagen und im besten Fall »aufschreiben« konnte.
Ich bin sicher in der Gefahrenzone eines Raubers und gefahrdet unter
dem Schutz eines Polizisten.
Man sieht, wie recht ich habe: Da steht es in der Zekung, daft der
Schutzmann das Recht hat, Frauen von ihren mannlichen Begleitern
»nach Belieben« zu trennen, »Leider« - fiigte die Redaktion hinzu, die
so eine Art offentlicher Meinung zu vertreten hat. Die offentliche Mei-
nung, die ja aus den mannlichen Begleitern und den von ihnen nach
Belieben getrennten Madchen besteht, kann hierzulande nichts anderes
als »leider« sagen, ein Wort, das einem sprachlichen Achselzucken
gleichkommt. Das Blatt, dem ich den Bericht entnehme, hat ungefahr
ioo ooo Auflage und wird mindestens von einer halben Million Men-
schen gelesen. Eine halbe Million mannlicher Begleiter und getrennter
Frauen hat fur diese Barbarei nur ein Achselzucken iibrig. Jedem die-
ser Leser und Leserinnen kann es morgen passieren, daft sie wehrlos
einem Hiiter des Gesetzes ausgeliefert werden. Denn ich nehme nicht
an, daft alle Menschen meinem Prinzip huldigen, das darin besteht, der
Polizei aus dem Waldweg zu gehn. Und dennoch zucken sie die Achsel
und sagen: »leider«. Sie lassen sich »einschuchtern«, denn sie sind ein-
geschiichtert durch diese Sitten, diese Behorden, diese offentliche Ord-
nung. Und so geschieht es ihnen eigentlich recht, wenn die Polizei
trennt, was Gott zusammengefiigt hat.
Wenn ein auslandischer Korrespondent zufallig so gescheit ware, sei-
nem Blatt den Lokalbericht zu telephonieren statt der Reden und Mei-
nungen unserer politschen Schwachkopfe - wie stiinden wir da! Wenn
es eine Zensur gabe - und wo bleibt sie denn eigentlich in einem Staat,
in dem der Schutzpolizist Wiesner seinen Liebesdienst versieht? -,
wenn es eine Zensur gabe, sie miiftte diese Notiz iiber den Wiesner
unterdnicken. Diese Notiz ist gefahrlicher als alle Meldungen iiber die
schraffierte Reichswehr. Daft unsere Polizei nicht imstande ist, Kriege
gegen Frankreich zu fuhren, konnen wir leicht beweisen. Aber daft
eine Polizei, der es gestattet ist, »nach Belieben« Frauen von Mannern
zu trennen, die Sicherheitsbehorde eines selbstbewufiten und wiirde-
1925 }6 7
vollen Gemeinwesens ist, konnen wir niemals beweisen. Wer bietet
uns die Gewahr dafiir, dafi es nicht mehr Wiesners unter den patrouil-
lierenden Wachtern gibt? Wer? Die Vorgesetzten? Die Offiziere? Sie
miifiten medizinisch vorgebildet sein. Und solange sich nicht jeder
Schutzpolizist einer griindlichen Untersuchung durch Magnus Hirsch-
feld unterworfen hat, kann ich den sittlichen Bedenken kernes einzigen
Polizisten glauben. Und es ware viel gerechter, den mannlichen Beglei-
tern liebender Frauen Dienstpistolen auf den Weg mitzugeben, als den
Sitten- und Schutzpolizisten, die ihren Namen von der bei ihnen herr-
schenden Sitte herleiten, getrennten Frauen ihren Schutz aufzuzwin-
gen.
Der Polizist Wiesner verteidigt sich, indem er sagt: »$ein Korper konne
vielleicht dabeigewesen sein, sein Geist aber sicher nicht\« Den zweiten
Teil dieser Verteidigung glaube ich gerne. Vermisse ich doch den Geist
nicht nur bei den Wiesners, sondern auch bei jenen Mannern, die zu-
falHg nicht Frauen von ihren Begleitern trennen. Vermisse ich doch
den Geist selbst in jener Verfugung, die dem Wiesner das Recht gibt,
Frauen »nach Belieben« von ihren Begleitern zu trennen?! Vermisse
ich doch den Geist auch bei den Opfern, die sich einschuchtern lassen!
Nein! Geist war sicher nicht dabei! Geist ist nicht einmal in der Lokal-
notiz, deren Pointe ein »leider« ist! Ich wundere mich nicht dariiber.
Ich werde mich nicht wundern, wenn der Wiesner in meinem Schlaf-
zimmer erscheint, um mich von meiner Begleiterin zu trennen, weil ich
diese Zeilen geschrieben habe. Das wiirde allerdings zur Folge haben,
dafi zum erstenmal Geist in jene Wachtstube kame, in die mich der
Wiesner brachte, um mich »einzuschuchtern« . . .
Der Drache, 24. 3. 1925
DIE CHINESEN BEWEINEN IHREN TOTEN
In einem Saal des Restaurants »Rheingold« veranstaltete die Berliner
cbinesische Kolonie eine Trauerfeier um den ehemaligen Prasidenten
der chinesischen Republik Doktor Sun Yat-sen. Die Feier dauerte un-
gefahr anderthalb Stunden. An ihr nahmen aufter den geladenen euro-
paischen Gasten Vertreter aller in Berlin lebenden chinesischen Grup-
368 DAS JOURNALISTISCHE WERK
pen teil. Es waren Studenten, Diplomaten, kleine Kaufleute, Proleta-
rier. Auf den Stiihlen, in zwei Reihen, safSen die Europaer. Die Chine-
sen standen in der Mine des Saales. Es war sehr still, sehr fremd und
sehr feierlich. Das chinesische Zeremoniell ist, wie es scheint, nicht wie
das europaische dazu da, eine herzliche Trauer zu ersetzen. Vielmehr
ist das chinesische Zeremoniell der feierliche Ausdruck eines leiden-
schaftlichen Gefuhls. Daher konnte der europaische Zuschauer nicht
nur »interessiert« bleiben. Er mufite ergriffen werden. So wurde aus
dem Zuschauer ein Teilnehmer.
An den Wanden hingen weifie und schwarze Leinwandstreifen. In chi-
nesischen Buchstaben waren hier die Lebensdaten des Toten verzeich-
net. Hinter duftenden Kranzen stand ein Podium. Uber dem Podium
hing das Portrat des Toten, das mongolische Antlitz eines europaisch
Gekleideten, ein breites Gesicht, eine breite, gewolbte Stirn, ein etwas
bitterer Mund, ein sehr entschiedenes Kinn und ernste, kritische, sach-
lich-traurige Augen. Das war der Mann, der den Hsing-Dschung-Club
griindete, der vor 30 Jahren schon fiir die Demokratie und den Sozia-
lismus in China kampfte, der die Mandschus stiirzte, die alteste Dyna-
stie der Welt. Ich begreife es, daf? im Hintergrunde dieses Saales die
chinesischen Proletarier stehen, ein bifichen schlichtern, in viel zu en-
gen blankgewetzten Kleidern, die armsten Proletarier der Erde. Es ist
ihr Toter, um den hier geklagt wird.
Auf das Podium tritt ein junger Chinese im Frack, die Uhr in der
Hand. Er ist Leiter des Trauerfestes. Die Prazision tut der Feierlichkeit
keinen Abbruch. Alle Anwesenden erheben sich. Die (unsichtbare)
Musik spielt einen Trauermarsch. Dann verneigen wir uns alle dreimal
vor dem Bild des Verstorbenen. Wir setzen uns und sind ganz still. Auf
dem Programm steht: »Silentium fiir die Dauer einer Minute«. Eine
Minute kann sehr lang sein, wenn man sie mit Schweigen erfiillt. Und
wenn eine Trauerversammlung eine ganze Minute lang schweigt, so ist
es, als verharrte sie an einem offenen Grabe, als hatte sie dem sehr
fernen Toten das letzte Ehrengeleite gegeben.
Die Minute ist um. Der junge Chinese mit dem unbeweglichen und
dennoch so lebendig einpragsamen Gesicht nennt einen Namen. Aus
der Schar der Wartenden tritt ein chinesisches Madchen hervor. Sie
verneigt sich vor dem Bilde des Toten und liest ein Gedicht vor. Es ist
vielleicht ein sehr altes Trauergedicht oder ein aktuell gedichtetes. Mir
kommt es sehr alt vor. Es klingt wie ein Gedicht fiir Floten oder fiir
1925 3^9
Vogel, nicht wie eines fiir menschliche Rezitatoren. Es besteht aus hel-
len, glasernen Silben mit dunnen, durchsichtigen Vokalen. Es steht
wahrscheinlich sehr viel in so einem Gedicht, in dem jede Silbe ein
Symbol ist, das heifk: eine Welt. Dann kommen einige Redner. Im
Programm heifk es: »Trauerreden; Gesamtdauer eine halbe Stunde«.
Unter den Rednern ist einer, der seine Ansprache singt. Es ist eine
monotone Klagemelodie, sie klingt wie ein Jammer, der sich in Musik
fliichtet, um seine Form zu finden und sich den Herzen und Ohren
verstandlich mitzuteilen.
Alle diese Redner sprechen mit dem Riicken zu uns, das Gesicht gegen
das Bild des Toten, den Kopf gesenkt. Jetzt spricht der chinesische
Gesandte in Berlin, Suntchou Wej, nicht mehr zum Toten, sondern zu
uns. Seine Rede ist kein Trauergedicht und kein Klagegesang. Es ist
offenbar eine Rede eines Emporers, eine Sprache voll starker Laute -
obwohl es dieselben Laute sind, die auch in dem zarten Gedicht vorka-
men. Es ist die grofite rhetorische Leistung: einen Horer zu bannen,
der die Sprache nicht versteht. Mir scheint, daft diese Exzellenz ein
grofier Rebell ist. Es spricht der Vorsitzende der Sektion der Kuo-Min-
Tang in Deutschland. Ein proletarisches, trotziges, offensives, ein vor-
dringendes Gesicht eines Eiferers. Ein Gesicht ohne jedes Mienenspiel,
Trager einer Gesinnung und ihr Gestalter, ein Antlitz wie eine Vision.
Europaische Sprecher, die dann folgen, von der russischen Botschaft
Krestinski und ein Abgeordneter der deutschen Kommunisten, sehen
(nach diesen chinesischen Rednern) pathetisch aus, obwohl sie sachli-
che Worte sagen.
Dann erklingt wieder der Trauermarsch. Die Gruppe der stehenden
Chinesen verteilt sich, offnet sich, eine Bahn freizulassen. Die Verbeu-
gungen sind lautlos. Hunderte stehen vor der Garderobe ganz still, mit
wiirdiger Heiterkeit. Niemand drangt, niemand eilt, man griiftt einan-
der hoflich, und die Augen der Wartenden sind keineswegs auf die
Mantel hinter der Barriere gerichtet. Diese tausendjahrigen Augen se-
hen gar nicht auf das nachste Ziel, weil es selbstverstandlich ist, dafi
man es erreicht. Die tausendjahrigen Augen sehen in eine Zukunft
nach tausend Jahren.
Frankfurter Zeitung, 25. 3. 1925
KORPERLICHE ERZIEHUNG DER FRAU
Vom 22. bis zum 24. Marz dauerte die Berliner Erste offentliche Ta-
gung fiir die korperliche Erziehung der Fran. Der »Bund Deutscher
Frauenvereine« hatte, gemeinsam mit dem »Reichsausschuft fiir Lei-
besiibungen«, diese Tagung einberufen. Am ersten Tag sprach Fraulein
Dr. Gertrud B'dumer den einfiihrenden Vortrag. Es war nicht nur der
erste, es war auch der bedeutendste Vortrag. Dr. Baumer sprach von
den innigen Beziehungen, die zwischen der Harmonie eines ausgebil-
deten Korpers und der geistigen Leistungsfahigkek bestehen. Die Er-
ziehung des Korpers zur »Gesetzlichkeit« bedeute das Wecken des
»Pers6nlichkeitsbewufitseins«. Das Training des Korpers bewirke den
Stolz auf diesen Korper. Je mehr man sich um die Bildung des Korpers
bemuhe, desto wertvoller erscheine er. Es folgten dann sachliche Vor-
trage. Fran Dr. med. Heusler sprach iiber die korperliche Erziehung
der Frau vom arztlichen Standpunkt; iiber die korperliche Erziehung
und Berufsarbeit sprach Fraulein Else Fisch. Frau Professor Dr. Stret-
cher aus Wien referierte iiber das Frauenturnen in Osterreich. Aber alle
Vortrage enthielten eigentlich Selbstverstandliches. Neues erfuhr man
aus den praktischen Vorfiihrungen, die Frau Professor Streicher und
Fraulein Forster leiteten. Man merkte das deutliche Streben, sich von
den alten, unfruchtbar gewordenen Traditionen zu befreien, besonders
von den Traditionen des Mannerturnens. Der weibliche Korper ver-
langt ein anderes Training. Es war erfreulich, feststellen zu konnen,
dafi die ausgefiihrten Ubungen niemals gegen das oberste Gesetz der
Frauenwelt: das der Erhaltung der Anmut verstiefien. Besonders inter-
essant erschienen mir die Ubungen zur Musikbegleitung. Die Melodie
lost die Starrheit der plotzlichen, ruckartigen Bewegungj und der
Rhythmus verstarkt sie gleichzeitig. Hier ist eine Beziehung zum mo-
dernen Tanz, der Korper der Turnenden wird kiinstlerischer Aus-
druck, er fiigt sich gesetzmaftig in den Raum, die Bewegung wird Ar-
chitektur und bleibt nicht nur Hygiene. Es soil bei dieser Gelegenheit
hervorgehoben werden, daft solche regelmafiigen Veranstaltungen von
einem unschatzbaren sozialen und moralischen Wert sind. Gesunde
Frauenkorper sind selbstverstandlich eine Gewahr fiir die Gesundheit
des Volkes und seine Zukunft. Allein - Kongresse dieser Art diirfen
nicht etwa beschrankt bleiben auf den einen Teil des Volkes. So wurde
diese erste und verdienstvolle Tagung unterstiitzt vom »Allgemeinen
Deutschen Lehrerinnenverein« und vom »Deutschen Turnerverein«.
Unter den Zuschauern und Zuhorern befanden sich nur Frauen aus
dem sogenannten Mittelstand. Wo blieb das »Volk«? Wo blieben die
vielen proletarischen Turnvereine? Wo die Arbeiterinnen, um deren
korperliche Erziehung uns am meisten bang sein mufi? Denn sie sind
es, die die meisten Kinder zur Welt bringen! Sie stellen das grofte na-
tionale Kontingent! Diese Bedenken sind keineswegs »politisch«, son-
dern national Man weifi, dafi viele deutsche Turnvereine leider partei-
politisch eingestellt, ja sogar volkisch sind. Der »Grofie Deutsche
Turnverein« in Osterreich, die beste deutsche Turnerorganisation, ist
»rein arisch«. Die Mehrzahl der deutschen Frauen ist zweifellos nicht
volkisch. Die Mehrzahl der deutschen Frauen lebt in den Fabriken,
und ihre Korper verderben in den Fabriken. Man wird so lange nicht
von einer wirklich nationalen Bedeutung solcher Tagungen sprechen
konnen, so lange sie sich nicht an alle deutschen Schichten wenden und
so lange sie nicht von alien Schichten unterstiitzt werden.
Frankfurter Zeitung, 26. 3. 1925
KLEINE KUNSTWANDERUNG
Japanische Holzschnitte und alte Uhren
Im sogenannten »Bleichroderhaus«, Unter den Linden, hat der be-
kannte Antiquar Heinrich Tiedemann seit einigen Wochen sein Buch-
und Kunstantiquariat neu eingerichtet. Der Besucher findet hier Bar-
tolozzische Blatter, Toulouse-Lautrec und Daumier, Basler Drucke
(Inkunabeln), einen illustrierten Lafontaine, einen kostbaren Dickens.
Vorlaufig haben alle diese Schatze japanischen Holzschnitten Platz ge-
macht.
Es sind Holzschnitte aus dem siebzehnten, achtzehnten und neun-
zehnten Jahrhundert. Holzschnitte von Hanegawa Chincho, von
Okumura, Mofanobu, von Suzuki Harunobu, Kitagawa Utamaro u. a.
sehr schwer auszusprechenden, aber Kennern gelaufigen Meisterna-
men. Die Holzschnitte stammen aus der Sammlung Tony Straus-Reg-
bauer. Sie haben einen unschatzbaren Wert. Es kann einem Referen-
372 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ten, der davon lebt, dafi er berichtet, nicht im Traum einfallen, eines
dieser Blatter auf redliche Art zu erwerben. Und es ist ganz in der
Ordnung, dafi der Betrachter nichts anderes von ihnen mitnehmen
kann als eine ungestillte und unerfullbare Sehnsucht. Diese Holz-
schnitte kann man nicht »haben«. Sie sind immateriell, nicht »Bilder«
mehr, sondern Hauch, Duft, Vorstellung von Bildern. Je naher man
ihnen kommt, desto mehr entfernen sie sich. Sie leben hinter Glas, aber
es ist, als lebten sie hinter Schleiern. In ihrem Leuchten noch ist ein
miides Verdammern. Ihre Bewegtheit ist wie ein Traum von Bewe-
gung. Man kann nicht von ihnen sagen, dafi sie »darstellen«. Man mufi
sagen: Sie »erscheinen«. Sie erbliihen, verbliihen, leuchten auf und ver-
dammern und alles in einem. Wenn es Zeitworter gabe, die alle Zeiten
in einer »Nennform« ausdriickten - die japanischen Holzschnitte wiir-
den solchen Verben gleichen. Sie enthalten in einem einzigen Strich
Prasens, Perfektum und Futurum. Sie sind, sie waren, sie werden sein.
Sie sind aus demselben Material, aus dem die Ewigkeit besteht.
Die Farben sind matt und leuchten dennoch. Dieses Rot, das Brand,
Feuerwerk oder rotes Kleid malt, ist nicht rot, nicht rosa, nicht braun,
sondern eine Synthese aus alien roten Farbtonen. Ich denke an den
»Fujiberg bei Gewitter«. Ein gewaltiger Berg mit der Lieblichkeit eines
Hiigels. Der Blitz, ein roter japanischer Buchstabe, liegt an seinem
Fufie wie eine Unterschrift Gottes. Oben schwebt das kalte, glaserne
Weifi des ewigen Schnees und der fliichtigen Wolken. Blaues Dam-
mern in der Landschaft. Alle Skalen von Weifi und Blau, nur ein einzi-
ger Ton von Rot im Blitz. Ohne dieses Stuckchen Rot ware alles fast
lieblich. So aber kommt Furchtbarkeit ins Liebliche, elementarer Mord
in lyrische Natur. Immer beruht die Wirkung der japanischen Holz-
schnitte auf diesem Kontrast zwischen Idyll und Tragodie: in den
Theaterszenen, in den Landschaften, in den Portrats.
Im Salon Paul Cassierer sind »kostbare Uhren aus suddeutschem
Adelsbesitz« zu sehen. Die Uhren sollen versteigert werden. Es sind
Taschen- und Damenuhren aus dem XVI. bis zum XVIII. Jahrhun-
dert, von denen die billigste auf etwa 500, die kostbarste auf etwa 3 000
Mark geschatzt wird; kleine Nutzlichkeitsgegenstande aus einer Zeit,
die von der »Fabrikware« noch sehr wenig Ahnung hatte. Damals war
das Handwerk noch eine Kunst, und der Kunstler war ein Handwer-
ker. Ein Mann schuf eine Uhr, versah sie mit seinem Namen, sie war
J 9*5 373
sein Werk, in ihrem Ticktack war sein Herzschlag zu horen. Das sind
Uhren aus verwehten Jahrhunderten, in denen die Zeit noch Zeit hatte;
Uhren ohne Minuten- und Sekundenzeiger. Nur Stundenzeiger haben
sie, weil man nicht sehen konnte, wie die Sekunden rinnen, rannen die
Sekunden gar nicht. Weil die Stunden nicht in Minuten zerfielen, gab
es grofie runde Stunden, angefullt bis zum Rand mit Leben und Besin-
nung.
Man schamte sich ein biffchen eines niitzlichen Werkzeugs. Die Uhr
sah gar nicht wie eine Uhr aus. Niemand sollte merken, dafi man etwas
auf die Zeit gibt; dafi man in die Stunde hineinlebt, nicht in den Tag.
Deshalb gibt es eine Uhr (aus dem Jahre 1560), die wie ein kleines
Taschenbuch aussieht. Liebesgedkhte konnten drinstehen. Der Mei-
ster Johann Ulrich baute seine Uhr in Form einer Muschel. Weil es ihm
nicht kunstlerisch genug erscheint, einen simplen Zeitmesser zu verfer-
tigen, bringt er noch einen versilberten Ring fur das Datum, einen ver-
goldeten fur das Mondalter an und eine Scheibe mit rundem Aus-
schnitt zur Darstellung der Mondphasen. So bringt er ein bifichen
Kosmos in ein irdisches Werkzeug und verknlipft demonstrativ den
armen menschlichen Tag mit himmlischen Vorgangen.
Der Londoner Uhrmacher David Bouquets (| 166$) baut eine Halsuhr
als Kreuz aus einem Stuck Bergkristall in vergoldeter Messingfassung.
Auf dem Zifferblatt sieht man oben einen Engel, unten das Lamm mit
derFahne, in der Mitte: Christus vor Kaiphas. Eine Uhr zur Erbauung
der Seele. Eine fromme Uhr. Sie ist ein Kreuz und mahnt daran, wie-
viel Schmerz der Welt in einer einzigen Stunde sein kann. Die silberne
Halsuhr in Form einer Taube stammt wahrscheinlich aus der Mitte des
i7.Jahrhunderts, vom Meister Nikolas Grando. Das Zifferblatt mit
dem Stundenzeiger befindet sich im Bauch der Taube. Daniel Hab-
recht, der Altere (sein Groflvater ist der Erbauer der zweiten StrafSbur-
ger Miinsteruhr), liebte das Schaurige. Er sieht in jeder Uhr den Le-
bensmesser. Am Ende der Zeit ist der Tod. Habrecht baute einen To-
tenkopf aus getriebenem Silber. Im kahlen Schadel tickt das Uhrwerk.
Offnet man den Unterkiefer, so kann man die Stunde ablesen. Es ist
eine fiirchterliche Taschenuhr. Wer sie beniitzt, vergifit nicht, daft ihn
jede Stunde naher an das Grab bringt.
Das schonste Stuck der Sammlung ist eine winzige runde Damenuhr,
grofi wie ein Mantelknopf, eine Uhr aus einem Stuck Rosenachat. Die
Uhr steckt in einem kleinen harten Gehause aus ledernem Goldpikee.
374 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Sie stammt aus dem Jahre 1660. Das Werk enthalt Schnecke und
Darmsaite, eine Federspannung mit Schraube ohne Ende.
Ach, wie unzuverlassig waren diese Uhren mit den Darmsaiten! Sie
kannten Mondphasen, aber keine Minuten. Sie schamten sich ihres
Zwecks und verbargen sich in einem Symbol. Sie mafien die Zeit nicht:
Sie liefien durch sich die Zeit hinrinnen; wie fromme Biifier nicht so
vermessen sind, das Dasein Gottes durch abgemessenes Gebet zu be-
statigen, sondern so demiitig, Gott in sich aufzunehmen, um in ihm
aufzugehen . . .
Frankfurter Zeitung, 28. 3. 1925
BRANDES SPRICHT UBER EUROPA
interview und Referat sind der Tod des geistigen Lebens«, sagte
Brandes. Er verlangt von der Zeitung, sie solle Ideen und nicht Be-
richte liefern. Man wird nicht umhinkonnen, gegen den Rat Brandes 1
zu handeln, um das, was er gesagt hat, einer breiten Offentlichkeit
mitzuteilen. Es hangt davon ab, wie und woriiber man berichtet. Der
Bericht »an sich« ist nicht unbedingt schadlich und nicht »der Tod des
geistigen Lebens«. Es lafit sich ein Bericht denken, der gleichzeitig eine
Idee ist. Man kann sich einen Bericht denken, der sogar das geistige
Leben befruchtet: zum Beispiel einen Bericht iiber einen Vortrag von
Georg Brandes.
Der Bluthner-Saal in Berlin war uberfullt. Diejenigen, die den Geist in
Berlin reprasentieren, und jene, die ihn besitzen - sie waren alle vor-
handen. Zeichner entwarfen Skizzen. Photographen schoben ihre Ka-
mera vor. Brandes betritt das Podium. Er hat ein machtiges und den-
noch nervoses Gesicht. Er ist breitschultrig und stark und dennoch
hastig und ungeduldig. Er schiebt mit einem Ruck Blumen fort. Was
sollen diese lyrischen Dinge einem Mann, der jetzt gesonnen ist, mit
uns, mit Europa, Abrechnung zu halten.
Ja, es war eine Abrechnung und kein Vortrag. Brandes begann mit dem
neunzehnten Jahrhundert, mit Krapotkin, Tolstoi. Diese Manner,
meint Brandes, hatten mit Unrecht die Welt schon gesehen und ge-
liebt. Nein, sie sei nicht schon! Plotzlich, ohne einen deutlich sichtba-
*9 2 5 375
ren Ubergang, spricht Brandes iiber die Presse. Sie hatte nicht nur alle
bedeutenden Manner der jiingsten Vergangenheit verkannt - nein, sie
sei auch am Weltkrieg schuldig oder zumindest mitschuldig. Die deut-
sche Presse, die franzosische, die aller Lander.
Brandes zitiert sich selbst: »Gewift haben wir eine internationale Kul-
tur: die Geometrie, die Astronomie, die Physik, die Chemie, die Medi-
zin, die Chirurgie. Dariiber hinaus frage ich mich, ob - wir iiberhaupt
eine Kultur haben. «
Nein, wir haben keine! Europa ist nationalistisch, hochmiitig, mittel-
mafiig. Im Osten beginnt etwas Neues, Siegreiches: Verbriiderung
von Rutland und der Mongolei. Europas Stimme ist nicht mehr die
starkste.
Dennoch kommt am Schlufi noch ein Wort der Hoflichkeit mehr als
der Hoffnung: »Hoffen wir«, sagt Brandes, »dafi unsere Nachkommen
ein Europa haben werden.« Eine Schlufizeile aus formalen Griinden.
Auch ein Skeptiker macht Kompromisse mit der traditionellen Form.
Darin enttauschte er eigentlich. Denn: hatten wir uns schon damit ab-
gefunden, dafi eine der machtigsten Personlichkeiten Europas uns - in
einer allerdings bezaubernden Form - nichts anderes sagt, als was wir
schon wissen, so hatten wir doch nicht diese Konvention am Ende
erwartet. Sollte es eine Abrechnung sein - so mufke sie (nach diesen
Voraussetzungen) eine vollendete sein. Und die bitterste Skepsis am
Schlufi hatte uns befriedigt. Die Hoflichkeit verwirrte uns.
Frankfurter Zeitung, 3.4. 1925
SIEBEN LAMAS SIND ANGEKOMMEN
Sieben Lamas sind nach Berlin gekommen. Es fallt mir schwer, sie
nicht zu bedauern. Hatten sie es notig, nach Europa zu fahren, in Ho-
tels zu wohnen, auf schummrig beleuchteten Biihnen aufzutreten und
ihren Gottesdienst zu verrichten vor einem Publikum, das ihnen sie-
ben Himalajagirls auf jeden Fall vorgezogen hatte? Sie lebten, wie ihr
Kapitan Noel berichtet (der Mann, der sie auf dem europaischen Ge-
wissen hat), in einer Felsspalte und kasteiten sich und beteten und wu-
schen sich nicht. Jetzt fahren sie in Automobilen, bemitzen »fliefiendes
}j6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Wasser«, las sen sich photographieren und halten interviewenden Re-
portern stand. Jede Beriihmtheit, der dieser europaische Komfort zu-
gestofien ist, wird wissen, um wieviel angenehmer das Lamaleben in
einer Felsspalte, um wieviel leichter eine freiwillige Kasteiung ist als
eine durch Reporter aufgezwungene. Wie erhaben ist eine feierliche
Zwiesprache mit Damonen gegen einen Dialog mit Vertretern der 6f-
fentlichen Meinung, die sich mit Auskiinften nicht begniigen, sondern
alle Gegenstande beriihren, um »informiert« zu berichten und ja kei-
nen Leser dariiber im Zweifel zu lassen, dafi die sich dort befunden
haben, wo andern der Eintritt verwehrt ist. Ware ich ein Lama, ich
bliebe in meiner Heimat, in der es mir moglich ware, die bosen Geister
mit Erfolg zu beschworen, statt in die Fremde zu gehen, um sie emp-
fangen zu miissen . . .
Ich wiirde all das den Lamas direkt sagen. Aber sie verstehen mich
nicht. Sie wohnen in jenem Hotel, das der Dichterin Else Lasker-Schu-
ler als Aufenthaltsort dient, in einem Hotel also, das pradestiniert ist,
sieben Lamas eine Herberge zu sein. Sie kamen des Morgens an, und
vor dem Bahnhof schon erwartete sie die europaische Kultur, die sich
aus Kurbelkasten und Notizblocks zusammensetzt. Es sind sieben
gutgewachsene, schone braune mongolische Manner, majestatisch und
fremd, sie schreiten still und leicht; ihre Schritte sind von einer erhabe-
nen Ruhe, wie sie durch keinen Gummiabsatz Europas hervorgerufen
wird. Im Hotel versammelte sich die Presse, ein Reporter nahm einen
heifien Gegenstand in die Hand, und ein Lama nahm dem Mann der
Presse den Gegenstand wieder fort, mit einer Verachtung im Blick,
einer Verachtung, derzufolge man hatte glauben konnen, der Priester
hatte schon jemals einen Bericht des Reporters gelesen. Am Nachmit-
tag mufiten die Lamas ins Theater, zur Probe; sie setzten sich und
verrichteten ihren Gottesdienst, indessen der Kulissen-Himalaja be-
leuchtet wurde, Wolken aus Pappe vorbeidefilierten und der Beleuch-
ter jenes diistere Rot zustande brachte, das am Abend die Zuschauer in
Ekstase fur zwei Mark fiinfzig versetzen sollte. Gleichzeitig kam ein
Photograph und »arrangierte« die Lamas, die alles mit sich geschehen
liefien, obwohl sie, ohne Deutsch gelernt zu haben, ja jedes dumme
Wort, das die Leute fallenliefien, verstehen mufken.
Am Abend, zweimal, um sieben und um neun Uhr, treten die Lamas
auf. Die Biihne ist dunkel, Pappewolken ziehen vorbei, der hochste
Berg der Welt sendet schaurigen Eiseshauch ins Parkett, und die
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. Scheinwerfer haben alle Scheiben voll zu tun. Zwei Lamas blasen aus
riesigen Trompeten dumpfe Tone, ein finsteres Heuien schwarzer Gei-
ster, zwei andere blasen aus hellen, gellenden Trompeten aus menschli-
chen Oberschenkelknochen. Einer beniitzt eine Trommel, die mit
menschlicher Haut bespannt ist, zwei tanzen im Vordergrunde heilige
Tanze. Dann sprechen sie alle eine kurze, monotone, sehr einprag-
same, unvergefiliche Litanei. Dann greifen sie wieder zu den Instru-
menten, der Vorhang senkt sich, und der Film beginnt. Er tragt den
Namen »2um Gipfel der Welt« und stellt die Schicksale der dritten
Mount-Everest-Expedition vor. Es ist ein grandioser Film. Ein Film
von einer Welt aus Gottern und Eis. Die Menschen, die man hier sieht,
haben wunderbare Gesichter voller Runen und Zeichen, sorgfaltig be-
schriebene Gesichter, wie alte Manuskripte. Zwei Teilnehmer der Ex-
pedition verschwinden fur immer in den luftlosen Hohen, man setzt
ihnen ein groftes und majestatisches Grabmal. Unbezwungen bleibt
der Berg, jeden Menschen, der ihn bekampft, vernichtet er, die Nebel
der Ewigkeit lagern iiber ihm, er gebiert sie, er haucht Eis und Wolken
aus Millionen Schlundmaulern, gefrafiig und heilig, morderisch und
imposant, der hochste Gipfel der Welt.
Am Schlufi vergrfit man den Arger iiber die Lama-Konjunktur der Eu-
ropaer, und die Ehrfurcht, die man vor dem Berg empfindet, wird Ehr-
furcht vor der menschlichen Leistung und vor diesem Zeitalter, in dem
es moglich ist, daft Lamas in Automobilen fahren und am Berliner
Nollendorfplatz auftreten. Ja, es ist ein wunderbares Jahrhundert, mit
ein paar Schonheitsfehlern, aber mit einer Riesenkraft, die das Ent-
fernte eint, den Berg zum Propheten und beide ins Kino kommen lafit
- und es niitzt nichts, dafi wir uns wehren. Wir miissen anerkennen
und uns zu dieser Zeit bekennen. Wir, ihre Sohne, Reporter, Photo-
graphen, Automobilisten, Flugzeugpassagiere und Lamas, sind Brii-
der. Vom Nollendorfplatz bis zum tibetanischen Hochland ist weniger
als ein Katzensprung: namlich ein Menschensprung . . .
Frankfurter Zeitung, 4.4. 1925
AUSFLUG NACH CHORIN
Im Lexikon findet man den unrichtigen, aber immerhin lapidaren Satz:
»Chorin ist eine Bahnstation zwischen Berlin und Stettin. « Zweifellos
eine Bahnstation, an der kein D-Zug, aber fast alle Personenziige hal-
ten. Leider sind es nicht viele Ziige. Denn nach Chorin miifiten aus
Griinden, die spater genannt werden sollen, den ganzen Tag iiber Ziige
fahren.
Vom Stettiner Bahnhof in Berlin gehen nur einige Ziige taglich nach
Chorin. Sie halten auch in Chorinchen, einem kleinen Dorf, dessen
diminutive Bezeichnung ein wenig lacherlich klingt. Man hatte die bei-
den Stationen Alt- und Neu-Chorin nennen sollen, um den Klang von
Lacherlichkeit zu vermeiden. Aber wir befinden uns in einer Gegend
des deutschen Vaterlandes, in der man wenig auf die Form gibt. Diese
bedauerliche Tatsache ist auch der Grund dafur, dafi die Berliner eines
der wunderbarsten historischen Denkmaler nicht besuchen, obwohl es
nur anderthalb Stunden von Berlin entfernt ist. Ich meine das Choriner
Zisterzienser-Kloster.
Lage dieses Bauwerk (es ist leider nur eine gut erhaltene Ruine) in einer
anderen Gegend - es ware beriihmt, und sein Ruf halite wider in alien
Reisefuhrern. Da es aber auf der »Strecke zwischen Berlin und Stettin«
liegt, weifi sogar das Lexikon nur drei Zeilen dariiber zu berichten. Die
Einheimischen sprechen von diesem Kloster wie von einer selbstver-
standlichen ortlichen Institution, und sie weisen den Weg dahin, als
hatte man sie nach der Ortsfeuerwehr gefragt. Gut gepflegte, behord-
lich sanktionierte Tafeln mit leuchtenden Pfeilen sind an den Weg-
kreuzungen angebracht. Als ob es so ganz selbstverstandlich ware, dafi
gerade »zwischen Berlin und Stettin« eines der wunderbarsten zier-
lichsten und zugieich erhabensten Bauwerke lage, eine Erinnerung an
eine langst verwehte, wirklich grofie deutsche Zeit, in der wir noch das
europaische Volk waren; eine machtige Nation, deren weltgeschichtli-
cher Atem von der Ostsee bis zum Mittellandischen Meer zu fiihlen
war; eine Nation, berufen, die ganze christliche Welt zu einigen und
im wahrsten Sinne des Wortes zu regieren, ohne zu »beherrschen«.
Die schmerzlichste Uberraschung erlebt der Besucher, wenn er vor der
Ruine angelangt ist: Sie ist namlich von Stacheldrabt eingezdunt. Links
»verbietet« eine Tafel den »Durchgang«. Rechts weist eine fast un-
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sichtbare kleine Tafel darauf hin, dafi »der Eingang nur dort« sei. Wenn
man es fur einen Augenblick vergessen hatte, man wiifite sofort wieder,
dafi man sich zwischen Berlin und Stettin befindet! Hatten das die
Zisterzienser geahnt, die den Bau ausgeiiihrt haben! Das »Feuermachen
und Lagern ist verboten«. Und weil sich links die »F6rsterei« befindet, ist
»Unbefugten der Eintritt verboten«. Der Besucher mufi erst einen gro-
fien Umweg machen, rechts um die Ruine herumirren, ein Gitter offnen,
das sofort wieder »zu schlief5en« ist. Und dann steht er vor einem Mann
mit einer Amtskappe. Der ziickt beim Anblick eines Fremden orangen-
gelbe »Eintrittskarten« zu fiinfundzwanzig Pfennig und gestattet uns,
die Blicke schweifen zu las sen. Wir las sen sie schweifen.
Wir lassen sie schweifen und sehen einen lebendigen Bau aus rohen roten
Backsteinen, einen Uberrest und dennoch vollendet, ein Fragment und
dennoch vollkommen, tot und dennoch ewig, gewaltig im Umfang und
lieblich als Erscheinung, primitiv und formal raffiniert, eine Festung, ein
Requisit der Frommigkeit, in die Wolken strebend, im Irdischen wur-
zelnd, real und spielerisch, niichtern und vertraumt, sinnlich und ab-
strakt. Die ziinftige Wissenschaft nennt es »Backsteingotik«.
Das Kloster von Chorin ist ein Werk der »Backsteingotik«. Die Zister-
zienser hatten es um das Jahr 1270 errichtet. Das Werk einer mannli-
chen, nur mannlichen Gemeinschaft. Es ist das Wesen der Mannlichkeit
ausgedriickt in diesem Bau, der das Produkt eines unerbittlichen, harten
Kampfes ist zwischen dem Willen des kiinstlerischen Formers und dem
sproden, unnachgiebigen und widerwilligen Material. Denn es ist etwas
anderes um den harten Widertand des Steins> des Kiesels sowohl wie des
Marmors: Dieser Widerstand ist ein zeugender, befruchtender, der
Kampf des Kiinstlers mit dem Stein ist ein ununterbrochener Triumph
des Kiinstlers; er gleicht dem Kampf der Liebe zwischen Mann und
Weib, einem Kampf, dessen Ausgang sicher ist und in dessen Verlauf
der Widerstand eines Teilnehmers nur dazu dient, die Angriffskraft des
anderen zu starken und zu beweisen. Aber der Kampf des Formers
gegen den roten Ziegelstein scheint aussichtslos und fluchbeladen. Die-
ses Material ist anorganisch, kunstiich tot, sprode und dennoch
schwach, brockelnd und dennoch unnachgiebig, ohne Zusammenhang
und kiinstlerisches Zielbewufttsein, hochstens dazu geschaffen, prakti-
sche Zwecke zu erfiillen, nicht dazu geschaffen, die Ehre Gottes zu
singen.
Und trotzdem dieser Bau! Welche Muhsal gehorte dazu, dem Stoff
380 DAS JOURNALISTISCHE WERK
seinen natiirlichen Widerstand gegen kiinstlerische (also zwecklose)
Verwendung zu entziehen und ihn zu unterwerfen einem Willen der
Religiositat, der methaphysisch gerichteten Kraft! Jahrelang, jahrelang
haben die Zisterzienser daran gebaut. Ein unwilliges, ein fast feindli-
ches Volk ringsum. Wilde Tiere ringsum. Wald ringsum. Und der Bo-
den karg, armlich, gibt nur Sand, nur Sand. Da sind dreifiig Monche
mit zwanzig Reisigen. Sie bahnen sich Wege durch den Wald, durch
Gefahren, durch Un willen, durch HaK, durch Sand. Die Sehnsucht
nach dem Siiden im siidlichen Herz. Das Wort Gottes in der vertrock-
neten Kehle. Die Liebe in der Seek. Die Lust zum heiligen Krieg in der
Seele. Eroberer und Pfadfinder. Sieger und Demiitige. Tollkiihne und
Beter. Krieger und Fromme. Biifter und Helden.
Es ist das grofite, das einzige Denkmal der mittelalterlichen Welt im
Norden Deutschlands. Rechts ist die Kapelle. Links waren die Zellen.
Die grofien, schmalen Fenster in Ubermannshohe vermittelten Licht
von oben. Es entsteht im Innern jenes lichte Dammern, das hervorge-
rufen wird durch die Sonne, die aus der Hohe dringt, und Schatten, der
von unten aufsteigt. Die Wande verlangen nach Ornamenten. Die Pfei-
ler verlangen nach Ornamenten. Je drei kleine, unbeholfene, kindische
Blatter an den Pfeilerkopfen. Andeutungen von Blattern, Ahnungen
von Blattern, entrissen, entlistet diesem Backstein, der nichts hergeben
wollte. In einer Wand, die nur zu dem Zweck ausgehohlt wurde, ein
Fenster zu enthalten: Mittler zur Welt, zum Ausblick, zum »Hori-
zont«. Das einzige Fenster, das ein Mann ersteigen konnte, um hinaus-
zusehen. Sonst fiel nur ein Licht hinein. Niemand sah zum Licht hin-
aus. Drei Manner hatten aufeinandersteigen mussen, damit der dritte
und oberste den untersten Rand des Fensters gerade noch mit den
Handen erfasse.
1542, im Zeitalter der Reformation, wurde das Kloster leer. Ein Zufall
bewahrte es vor der Zerstorung. Die Monche fliichteten. Ein grofier Teil
wurde erschlagen. Ein Teil kam durch wilde Tiere um. Die Reformation
zerrifi das Volk. Der Schnee kam, der Regen, der Sturm. Die Eulen
nisteten im Gemauer. Das Dach zerfiel. Die holzernen Tore zersplitter-
ten. Die Zeit frafi sich durch alles widerstandslose Material.
Bis »Ordnung und Zucht« in das Land kamen, Fiirsten aufs neue an-
fingen, was die Monche langst vollendet hatten: Wege gehauen wur-
den, die langst vorhanden waren, Wald gerodet wurde, wo Acker
schon gewesen war. Die letzten Konsequenzen sind: der Draht und die
1925 381
Ruine, der Mann mit der Amtsmiitze und die Verbotstafeln. Es sind
mit der Zeit mehr Verbotstafeln als Wegweiser geworden. Die Nation
hat kein Verhaltnis mehr zu diesem Denkmal. Es ist ein deutsches
Denkmal, Backstein von unseren Backsteinen, Historisches von unse-
rer Historie, Blut von unserem Blut.
Wer kennt heute noch Chorin? Ich war einer von zehn zufalligen Be-
suchern. Es waren Touristen, die anderen neun. Sie kannten den Gast-
hof »2ur alten Klosterruine«. Der teuer ist. Der acht Mark achtzig
»pro Kopf und Tag« verlangt.
Stiinde dieses Kloster in einem anderen Land - es hatte rings um sich
zwanzig Gasthofe, und sein Ruf halite wider in alien Reisefiihrern.
Frankfurter Zeitung, 12.4. 192 j
DIE »BRANCHE« MOBILISIERT
Die »Branche« (die Filmbranche meine ich) ist im Grunde eine friedfer-
tige Vereinigung von Konkurrenten, an deren naturlichem, angebore-
nem Pazifismus zu zweifeln ich keinen Grund habe. Dennoch konnen
diese Friedlichen, die ihre Geschaftskampfe untereinander mit Plakaten,
Fliichen und Inseraten ausfechten, auch sehr wild und martialisch wer-
den, sobald es die Situation erheischt, die man in den Kreisen des Films
» Konjunktur« nennt. Ja, man glaubt gar nicht, wie machtig die Kriegslust
und die Liebe zum Militar in der Brusttasche so eines Aktionars der Ifa,
der Refa und der Cefa auflodern konnen - und wenn man ihn selbst sehen
wiirde, seine Photographie neben seinem militarischen Plakat, so wiirde
man es ihm nicht glauben. Ich weifi nicht, wie viele Manner der Branche
im Kriege enthoben waren. Doch weifi ich, dafl mir in meiner £weijahri-
gen Kriegsdienstzeit nicht ein einziger Filmunternehmer, ja nicht einmal
ein Regisseur begegnet ist. Verschiedene Kriegskameraden haben in
ihren Reihen ebenfalls die Manner der Unterhaltungsbranche vermifit.
Um so mehrwunderte es mich, als vorungefahrzweijahren ein Mann mit
dem deutschen Namen Cserepy sich berufen fiihlte, dem deutschen
Volke den ersten reaktionaren und kriegerischen Film »Fridericus Rex«
zu schenken, einen groften Menschen und einen groften Konig in einen
Otto Gebiihr zu verwandeln und mit einem Paradeschritt Geschafte zu
machen, den man, wie ich weift, in Ungarn niemals geiibt hat . . .
382 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es gibt nichts Heiligeres als die Konjunktur. Der Cserepy fand Nach-
folger. Und durch alle deutschen Kinotheater wandert jetzt die militari-
sche Epidemie, diese Krankheit der Nation, an der die Branche gesund
wird. Hans Behrendt und Conrad Wiene, zwei Manner, die friedlich
aussehn, haben im Auftrag der »Contag-Film GmbH« Beyerleins
Drama »Zapfenstreich« verfilmt, eine Kasernentragodie, in deren Ver-
lauf die Tochter des Wachtmeisters ein Opfer ihrer Liebe zu einem
Leutnant und alle Beteiligten Opfer der Disziplin werden. Es ist eigent-
lich ein Antikasernendrama. In jener Zeit, in der wir noch an der »Sub-
ordination« zugrunde gehen mufiten, sobald wir das einundzwanzigste
Lebensjahr erreicht hatten, war dieses Drama ein Protest. Heme ist das
Ganze Angelegenheit eines Panoptikums. Die Herren Behrendt und
Wiene aber wissen durch Exerzierepisoden, Parademarsche und Feld-
iibungen die Tendenz des Dramas zu verwischen und Begeisterung
jener, die Soldaten sein mochten, hervorzurufen. Dasselbe bringen
Ruth Goetz und Gerd Briese (Regie: Fritz Kaufmann) mit dem Film
»Reveille« zustande. Dieser Fall ist sogar schwerer. Denn hier gelang es,
einen Schauspieler von Rang, namlich Werner Krauft, in die Uniform
eines Rittmeisters zu stecken. Der grofte Mime fuhlt sich dabei wohler
als wir, die wir ihn so erleben. Dieselben Szenen, Parademarsch, Exer-
zieren, begeistertes Klatschen der Kriegsbestie in Zivil.
Die »Ufa« kann dem alien nicht tatenlos zusehn. Ihre »Wege zu Kraft
und Schonheiu erwahnen ausdriicklich, dafi »fruher« der Militardienst
zu Kraft und Schonheit ebenso gefiihrt habe wie jetzt der Sport. Das
Gegenteil ist der Fall! Es ist anerkannte wissenschaftliche Wahrheit, daft
die meisten Militariibungen dem natiirlichen Korperbau wider sprech en.
Allein, was tut man nicht fiir die Konjunktur! Man verwirft zwar das
Mieder, aber man lobt den Stechschritt. Und wir wissen doch alle, dafi
der Stechschritt der preufiischen Soldaten nicht besser, nicht gesiinder,
nicht verniinf tiger ist als das Mieder, das unsere Frauen krank und
hafilich gemacht hat.
Wenn einmal eine Branche kriegslustig wird, so ist sie schwer zu zah-
men. Denn sie verdient dabei. Es wird sie nichts von militarischen
Manifestationen auf der geduldigen Leinwand zuriickhalten. Und die
Macht des Inserats wird, wie man sehn kann, die anders gestimmten
Zeitungen davon abhalten, Protest zu erheben.
Die Inserate sind grofi, und der Mut ist klein . . .
Frankfurter Zeitung, 16. 4, 1925
EIN DUSTERES KAPITEL
Ein Zufall (einer jener Zufalle, die Reisenden giinstig sind) brachte
mich auf die Spur des Mannes, der seit dem 2$.Februar 1911 bis 1922
unschuldig im Zuchthaus saft, eines Mordes schuldig befunden, den er
nicht begangen hatte, sondern ein anderer, namlich der pathologische
Massenmorder Denke. Nicht von diesem soil hier in der Hauptsache
die Rede sein, sondern von dem fruheren Fleischer Eduard Traut-
mann aus Neuhof bei Munsterberg in Schlesien, dem Opfer einer
blinden Justiz und einer Polizei, die aus Vermutungen Beweise fabri-
zierte und aus Trugschliissen Ketten schmiedete. Es hatte sehr wenig
gefehlt und Eduard Trautmann ware hingerichtet worden, und wir
hatten heute keine Gelegenheit mehr, ein Unrecht gutzumachen, das
ohnehin gar nicht ganz gesiihnt werden kann. Nur eine Geschworen-
enstimme fehlte damals, und der Angeklagte hatte sein Leben verlo-
ren. So hat er nur vierzehn Jahre seines Lebens verloren. »Nur« vier-
zehn Jahre? Das ist eine Frist, in der ein sensiblerer Mensch als
Trautmann den Verstand, die Gesundheit eingebiifit hatte. Elf Jahre
safi einer unschuldig im Zuchthaus ! Jeden Tag beteuerte er seine Un-
schuld, jeden Tag, elfmal 365 Tage, und niemand horte ihn. (1922
wurde er wegen »guter Fuhrung« entlassen.) Bis ein Wunder geschah
und offenbar Gott selbst auf die Erde kam, zu rachen und zu richten.
Als vor einigen Monaten, kurz nach dem Haarmann-Prozefi, die
Nachricht von der Entdeckung und dem Selbstmord des grauenhaf-
ten Denke aus Munsterberg in der ganzen zivilisierten Welt Entset-
zen verbreitete, erinnerte man sich des unschuldigen Trautmann.
Noch ist er nicht freigesprochen. Er ist mit Bewahrungsfrist entlas-
sen. Denn der grausame und so hilflos komplizierte Mechanismus der
Gerechtigkeit funktioniert heute noch so langsam wie vor einigen
hundert Jahren, und die Justiz ist im Zeitalter des Aeroplans nicht
schneller als eine Postkutsche. Sie bringt ihre Passagiere sehr langsam
ins Gefangnis. Aber noch langsamer in die Freiheit.
Eduard Trautmann wurde am 2$.Februar 1911 in Glatz wegen Tot-
schlags, begangen gegen die ledige Arbeiterin Emma Sander, zu fiinf-
zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, »zusatzlich« wegen Blutschande, die
Trautmann mit seiner Tochter im Rausch begangen zu haben offen
und ohne Zogern eingestand. Dieses Gestandnis war sein Verderben.
384 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Das Gestandnis brachte die dffentliche Meinung, die der primitiven
Geschworenen und der sittlich entriisteten Berufsrichter gegen ihn auf.
Man schlofi aus einer (durch das Gesetz als Verbrechen deklarierten)
Untat ohne weiteres auf einen Mord und konstruierte einen »Indizien-
beweis«, der vor einer klaren Einsicht sich sofort in nichts aufgelost
hatte. Indessen lebte der eigentliche Morder ungestort, man mochte
fast sagen: friedlich weiter. Er konnte seinem (zweiten) Opfer Emma
Sander noch andere 30 folgen lassen.
Emma Sander war ein etwa zwanzigjahriges, schwindsuchtiges Mad-
chen, das bei ihren Verwandten wohnte und vor ihrem Tod in einer
Fabrik beschaftigt war. Am 21. Dezember 1909 wurde sie ermordet.
Man fand ihren Rumpf in einem Geholz in Neuhof, ein paar Tage
spater ihren Kopf, dann die Arme und Beine. Man verdachtigte zu-
nachst ihren Schwager, bei dem sie wohnte, den Eisenbahnarbeiter
Jendrich. Dann aber fiel der Verdacht auf den einzigen Fleischer des
Orts, Eduard Trautmann, der rohe Spafie liebte und den die Bevolke-
rung nicht gut leiden mochte. Aus der Tatsache, dafi man am Leich-
nam der Ermordeten keine Blutspuren gefunden hatte, schlofi man, sie
ware von kundiger Schlachterhand durch den sogenannten »Hammel-
stich« umgebracht worden, eine kunstvolle Art der Fleischer, Tiere
umzubringen. Es hiefi, Emma Sander hatte den Heiratsantrag des Wit-
wers Trautmann abgewiesen, und er hatte sie infolgedessen getotet. Im
Jahre 1910 wurde Trautmann verhaftet.
Die polizeiliche Untersuchung fiihrte der inzwischen in Berlin be-
kannt gewordene Kriminalkommissar Tegetmayer, Seiner Geschick-
lichkeit gelang es, die Tatsache der Blutschande aufzudecken. Zwei
Frauenhaare, die man auf der Jacke des angeblichen Morders gefunden
hatte, konnten nicht mit Sicherheit als die der Ermordeten festgestellt
werden. Aber selbst wenn es die Haare der Emma Sander gewesen
waren, so hatte sie einer der Spiirhunde, die von der Leiche zu den
Kleidern Trautmanns gefiihrt worden waren, ubertragen konnen. Rei-
ner der beiden Spiirhunde, weder »Greif« noch »Bodo«, verbellte den
Fleischer. Trautmann konnte auch sein Alibi nachweisen. Um 3 /4 6Uhr
sollte der Mord passiert sein. Ungefahr um dieselbe Zeit hatten ihn
Ortsbewohner in der Schenke gesehen. Polizei und Gericht nahmen
an, dafi er in fiinf Minuten die Emma Sander ermordet und in das
Geholz geschleppt habe. Fur Trautmann sprach die Tatsache, dafi er
5 Uhr45 in der Schenke war, dafi er, als die Spiirhunde kamen, keine
1925 3^5
Furcht zeigte, daft sie ihn nicht verbellten, daft er sich niemals um
Emma Sander gekummert hatte und daft die ganze Tat, die feige und
tiickisch war, zu dem brutalen, rohen, aber sehr offenen Wesen des
Angeklagten nicht pafite. Gegen Trautmann sprach eigentlich nur
seine Unbeliebtheit und seine Tat an der eigenen Tochter. Das waren
keine Beweise. Dennoch wurde Trautmann verurteilt.
Man hatte ihm fast in letzter Stunde einen Offizialverteidiger gegeben,
den Rechtsanwalt Walter Kuhne-Glatz, der von der Unschuld seines
Klienten iiberzeugt war. In seinem Pladoyer sagte dieser Verteidiger
damals die prophetischen Worte: »Ich bin iiberzeugt, daft weder
Trautmann noch Jendrich den Mord begangen haben. Wahrscheinlich
wird man im Lauf der Zeit einen dritten finden, dem man den Mord
wird nachweisen konnen.« Es dauerte vierzehn Jahre, bis man den
dritten fand. Es war Denke, den Olivier der Polizei auslieferte. Das
unerbittliche Gesetz und die noch unerbittlicheren Verwalter des Ge-
setzes sperrten Olivier wegen Bettelns ein. Denke beging Selbstmord.
Er erhangte sich in der Zelle, und zwar in der Nacht vom 21. zum
22. Dezember 1924. In der Nacht vom 21. zum 22. Dezember 1909
hatte er Emma Sander ermordet. Es gibt ein unheimliches Gesetz der
Daten und der Zahlen,
Die Glatzer Staats an waits chaft zeigt das redliche Bemuhen, ein grausa-
mes Unrecht gutzumachen. Sie findet in Denkes Nachlaft jenes Notiz-
buch, in dem der Morder die Namen und die Todestage aller seiner
Opfer verzeichnete. Da findet sich die Aufzeichnung: »2i. XII. 1909
Emma«. Sie war das zweite Opfer Denkes. Er hatte drei Frauen umge-
bracht, im iibrigen nur Manner - Landstreicher, die er sich aus der
Herberge der Bettler »Zur Heimat« (welch ein Name fur ein Hotel der
Heimatlosen) zu holen pflegte. Es starben: Paul Heidenreich, Kaspar
Huberle, Karl Niebeck, Friedrich Lazina, Hermann Bauer und viele,
viele andere den Tod von Denkes Hand. Immer Heimatlose, nach de-
nen kein Hahn und keine Polizei krahte. Das ist die wuchtigste An-
klage, die Anklage, die wir Zeitgenossen erheben: daft es moglich ist!
Daft es Hunderttausende von Menschen gibt, um die sich niemand
kummert! Daft jemand so verlassen sein kann, daft er nicht einmal mit
den unangenehmen, nicht einmal mit den grausamen Bestandteilen sei-
ner Heimat zusammenhangt! Wir alle haben Passe, Papiere, Meldezet-
tel, sind registriert und rubriziert und verlieren ein halbes Leben in
langweiligen Amtern. Andere gibt es, die ihr Leben in einem Nu ver-
386 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Keren, ausgeloscht werden wie Meteore, nichts bleibt von ihnen, sie
losen sich auf, Menschen, nicht von Fleisch und Blut, sondern aus Ar-
mut und Lumpen und Nichts. Und doch war ihr Leben vielleicht
schoner und reicher, als unser rubriziertes Dasein jemals werden kann.
Den gestempelten PafS in der Brusttasche, sitzen wir im D-Zug und
rasen an der Landstrafie vorbei, auf der jene wandern und vergehn,
nicht wie Meteore, nein! wie Staubkorner, wie Seifenblasen, Gebilde
aus Nichts . . .
Urn aber wieder auf Trautmann zuruckzukommen: Er forderte mit
Recht die Wiederaufnahme des Verfahrens. Er wird mit Recht einen
Schadenersatz fordern. Da geschieht das Unglaubliche: Die oben noch
so eifrige Staatsanwaltschaft, die selbst den Mord Denkes an Emma
Sander aufgedeckt hat, erklart: von Denke sei nichts anders dargetan,
als (wortlich) »dafi er sich auf irgendeine Weise in den Besitz von Lei-
chenteilen zu setzen gewufit hat« . . . Wie? Tut es dem Staat leid, eine
klagliche Summe zu zahlen? Das ware beinahe ein zweiter Justizmord !
Oder will die Justiz nicht zugeben, daft sie sich geirrt hat? Das ware
beinahe ein Justiz-Selbstmord! Trautmann mufi selbstverstandlich ent-
schadigt werden. Es wird sogar kaum moglich sein, einem Menschen
vierzehn kummervolle, entsetzliche Jahre zu bezahlen!
Der friihere Fleischer Trautmann lebt jetzt als Rofischlachter in einem
sachsischen Dorf. Er halt seinen Aufenthaltsort geheim, aus Furcht vor
einem Uberfall durch Reporter. Er ist ein stiller, wortkarger, sehr
schwerfalliger Mensch in den Fiinfzigern. Im Gorlitzer Zuchthaus
»fiihrte er sich« ausgezeichnet. Die Gefangniswarter waren von seiner
Unschuld uberzeugt.
Leider sind Gefangniswarter keine Richter. Trautmann ist der Typus
des landlichen Menschen, der vor einer komplizierten geistigen Ma-
schinerie versagt, versagen mufi, der dem Paragraphen nicht gewach-
sen ist und den das Gesetz mit Behagen verschlingt . . .
Er ist einer jener Menschen, die aus Armut an Worten und Begriffen
unterliegen.
Frankfurter Zeitung, 18.4. 1925
»DER WINTER UNSERES MISSVERGNUGENS«
Der Abschied von der »Saison« ist in Berlin viel spater angebracht als
in andern Stadten. Der gesellschaftliche Kalender Berlins zeigt einen
sehr langen, um Temperatur und astronomischen Jahreszeitwechsel
unbekummerten Winter an. In dieser Stadt aus freudlosem Stein sieht
man den Anlafi zur Lustigkeit, die nur ein Amusement ist, nicht gern
verschwinden und dehnt auf eine kunstliche Weise die kiirzer werden-
den Nachte, weil die langeren Tage trotz Sonnenglanz und Blumen-
frauen mit »Friihlingsboten« doch nicht die Freude bringen, sondern
die Arbeit, die unser Fluch ist.
Die zeitliche Grenze der Saison ist nicht der Aschermittwoch, sondern
der Ostersonntag. Der sogenannte Berliner »Karneval« kann gar nicht
aufhoren, bevor ihm nicht die Natur auf eine sehr riicksichtslose und
unmifiverstandliche Weise Halt gebietet. Er kann nicht aufhoren, weil
er niemals angefangen hat. In anderen Stadten, in anderen Landern ist
der Fasching eine Volkssitte und eine religiose Freude. In Berlin ist er
eine niichterne Konsequenz einer grofien Nachfrage und eines grofien
Angebots nach und an Lustigkeit. Die am Karneval beteiligte Mensch-
heit scheidet sich in Produzenten und Konsumenten der Freude. Am
Schluft des Festes steht auf der einen Seite die Summe der Einnahmen,
auf der andern die der Ausgaben.
Wer eine Eintrittskarte gelost hat, darf sich freuen. Man fuhlt noch die
»Vergniigungssteuer«, mit der die Behorde unser Billett belastet hat.
Die Freude lebt nicht in Straften. In ihnen tobt der Betrieb. Die
»Strafie« ist der Aufenthaltsort, die Heimat des »Volkes«. Aber die
Strafie hat nichts mit den Belustigungen der Saison zu tun. Hinter ge-
schlossenen Tiiren, bewacht von der Polizei, absolviert man das Ver-
gniigen. Man »leistet« einen »Freudendienst«. Man wird zu Vergnii-
gungsmanovern einberufen: Man legt die vorgeschriebene Uniform an
und exerziert Tanze.
Denn es gibt hier keine organisch entwickelte »Sitte« der Freude, ge-
schweige denn »eine Tradition«. Es besteht nur eine »Ubung«, eine
»Usance«, fremd und heimatlos in dieser Stadt und nur deshalb hier
lebendig, weil es der Winterkodex der europaischen Welt zu gebieten
scheint. Wie fremde heitere Pflanzen in Wintergarten, so bliihen hier
388 DAS JOURNALISTISCHE WERK
die fremden Freuden in den Salen. Das ist kein Werturteil. Die Vene-
zianer haben keine Weihnachten, die Berliner haben keinen Karneval.
Doch liefie sich auch, abgesehen von einer Faschingstradition, eine At-
mosphare vorstellen, in der nicht jeder schiichterne Keim einer »Gesel-
ligkeit« erstickt und verdirbt; in der schon allein das Beisammensein
vieler fremder Menschen eine gewisse Heiterkeit erzeugt, die einfache,
primare und primitive » Heiterkeit der MehrzahU; jene Atmosphare,
in der nur die Nahe eines Fremden mich veranlaftt zu lacheln. Denn
wir sind schliefilich nicht hierhergekommen, um jemanden zu bestat-
ten. Wir sind einander fremd. Schicksale, Welten trennen uns. Aber
eben zu diesem Zweck haben wir uns in diesen Raum begeben, um
einander trotz allem und auch nicht langer, als man kann, nahe zu sein.
Wir haben eine Gemeinschaft: die Raumgemeinschaft. Wir sind nicht
Schicksals-, aber »Raumgenossen«.
In Berlin geniigt diese Raumgemeinschaft nicht. Um jeden Berliner
tiirmen sich Berge aus Eis. Es gibt keine kurzfristige Assimilation in-
nerhalb der Mehrzahl. Sie zerfallt in lauter Singulare. Manchmal in
»Gruppensingulare«. Eine Gruppe von fiinf Menschen geht zusam-
men, weil »man doch niemanden kennt«. Diese Gruppe bleibt den
ganzen Abend zusammen, gezwungen, nicht zwanglos und aus Sym-
pathie. Sondern aus Furcht vor dem andern. Der gehort wieder einer
Gruppe an. Die Menschen stehen an bestimmten Tischen, es sind
»ihre« Tische. So bekommt ein Ballsaal das Aussehen eines Restau-
rants, in dem getanzt wird.
Ohne »Geselligkeit« entsteht keine »Gesellschaft«, sondern hochstens
eine Trauergemeinde. »Gesellschaft« bildet sich nur dort, wo der ge-
meinsame Wille zur Anmut mit beinahe diktatorischer Strenge jede
Abwehr, Verdrossenheit, Einsamkeitsmanifestation des einzelnen un-
terdriickt. Wie die Gemeinschaften »Staat« und »Volk« Opfer des In-
dividuums zu (angeblichen oder wirklichen) ethischen Zwecken erfor-
dern, so fordert die »Gesellschaft« bereitwillige Opfer zu asthetischen
Zwecken. Die »Gesellschaft« halt sich nur in einer assimilierenden At-
mosphare. Diese fehlt. Es gibt also nur kleinere und groftere, »gute«
und »bessere Gesellschaften«.
Ihre Entstehung verdanken sie nicht dem Urtrieb zum Spiel, sondern
der Gemeinsamkeit mehr oder weniger praktiscber Interessen. Wo
mehrere Menschen sich nur deshalb treffen, weil sie zufallig dieselben
Interessen haben, bilden sie Fachgruppen, Klassengruppen, Berufs-
1925 3^9
gruppen, aber keine Gesellschaft. Derjenige Anwesende, der nicht zu
ihrer Gruppe gehort, steht aufterhalb der Veranstaltung, obwohl er an
ihr teilnimmt. Wenn ein Fachverein in Berlin einen Ball veranstaltet, so
sind es nur »Mitglieder«, die ihn besuchen. »Fremde« kommen nicht,
obwohl es ihnen freistunde. Es gibt also einen Ball der Schneider, der
Backer, der Touristen. Nicht nur, weil Schneider, Backer und Touri-
sten die Veranstalter sind, sondern auch, weil sie allein die Besucher
sind. Ja, es gab in diesem Winter nicht nur einen »Ball der Backer«,
sondern auch einen der »Backersohne«. Hier fehlten die Eltern, dort-
hin kamen die Kinder nicht.
Es ist kein Wunder, daft die Fachvereinsmitglieder sich langweilen. Die
Gesellschaft soil moglichst verschiedene Individuen haben. Hier bringt
sie gleichartige Individuen zusammen. Wer sich dem Dienst der
Freude weiht, soil alle anderen Verpflichtungen, Bindungen, Weltan-
schauungen, politische Uberzeugung fur diese Stunden der Freude
zwar nicht verleugnen, aber wenigstens nicht demonstrieren. In Berlin
sieht man Ballbesucher mit Parteiabzeichen. Denn nicht die Freude
dringt aus den Hausern in die Straften, wie es sein sollte - sondern der
Betrieb, die Politik, die Eile, die Gehassigkeiten der Strafte dringen in
die Hauser. Das ist der gewaltige Unterschied zwischen den Veranstal-
tungen in andern Stadten und denen in Berlin.
Man merkt es bei jedem Konzert und jeder Premiere. Vor dem Theater
in Wien und Paris beginnt schon die »Theaterstimmung«. Im Foyer,
vor dem Kassenschalter, an der Garderobe herrscht jene schone, aufre-
gende Feierlichkeit, die uns zu Kindern macht, Uberraschungen ver-
spricht, das Unwahrscheinliche, sehnsiichtig Erwartete, das Wunder.
Wir in Berlin aber bringen auch noch in die Loge und vor den Vorhang
die ganze Feindseligkeit, die uns durch die Straften begleitet, in Auto-
bussen, Untergrundbahnen, Droschken umgeben hat. Wir haben keine
Zeit gehabt zu essen, uns zu saubern, uns innerlich und aufierlich vor-
zubereiten. Aus dem Biiro hasten wir nach Hause. Wir denken nicht
an unsere Freude heute abend. Wir denken, daft wir den Zug erreichen
miissen, dafi wir schmutzige Hande haben, dafi wir keine Zeit haben
werden zu essen, daft wir keinen telephonischen Anschlufi bekommen,
daft morgen die Frist fiir das Steuerquartal ablauft, daft der Polizist
unseren Hund ohne Maulkorb gesehen und aufgeschrieben hat. Wir
drgern uns iiber die Unfreundlichkeit des schlecht bezahlten und
hungrigen Schaffners, der uns vorwartsstoftt in das »Innere« des Wa-
390 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gens, obwohl wir schnell aussteigen miissen. Wir argern uns iiber die
Kalte auf dem offenen und lebensgefahrlichen Verdeck des Autobus-
ses. Wir bringen den Arger, das schnell bestrichene, lassige und in ra-
schelnden Papieren eingepackte Butterbrot, die Streitsucht der Mit-
menschen, den Hunger und die Bitterkeit des Schaffners, den hafili-
chen Diensteifer des Polizisten, die ode Grausamkeit der geschmacklo-
sen Hauser mit uns ins Parkett, atemlos, wild noch vom Kampf an der
Garderobe. Wenn man einen Berliner argern will, so schenke man ihm
eine Freikarte. Er ist zu praktisch, um sie nicht zu beniitzen. Er ist zu
hastig, um sich nicht zu argern.
Der »Katzenjammer« ist hier vor dem Vergntigen da. Er leitet insbe-
sondere die traditionell offiziellen Feste ein wie Presseball, Staats-
opernball und andere. Die Besucher dieser Balle rekrutieren sich aus
jenen Personlichkeiten, die der Reporter »unter andern zu bemerken«
hat. Es sind Ballbesucher aus Pflichtgefuhl. Man kann von ihnen teuer
und schon gekleidete und sogar anmutige Frauen verlangen, aber kei-
nen Frohsinn. Sie haben ihn auch nicht. Sie sitzen streng wie Staatsan-
walte in reservierten Logen. Wenn die Zeit vorgeriickt ist, trinken sie
ein Glaschen. Dann vergessen die Reporter nicht, es ausdriicklich zu
erwahnen. Als ob es so merkwiirdig ware, einen Minister trinken zu
sehen. In Berlin findet man es kurios, oder man kreidet es den Wiir-
dentragern als eine ganz besondere Liebenswiirdigkeit an, dafi er ein
Mensch ist. Es ware doch im Gegenteil selbstverstandlich, dafi gerade
hier jeder nur Mensch ist, nicht Wurdentrager nur, nicht nur Repra-
sentant. Hier ist die Gelegenheit zu beweisen, dafi Ungezwungensein,
Gelockertsein die Wiirde unterstreicht, nicht sie aufhebt. Hier sind
sich die verschiedenen »Spitzen« der Wirtschaft, des Handelns, der
Literatur in jedem Augenblick bewufit, dafi eine Kamera sie belauert.
Wenn die unsinnige Sine aufhorte, Namen in Ballberichten zu brin-
gen, es waren alle, die fiirchten und zugleich hoffen, »gesperrt« ge-
druckt zu werden, viel freier und natiirlicher.
»Natiirlicher«, das heifit: gelost von jeglicher beruflicher, politischer
und Erlebnisgebundenheit. Die vorgeschriebene Uniform des Fracks
ist deshalb so praktisch, weil sie Distanzen zwischen den einzelnen
verringert und sogar aufhebt, weil sie soziale Unterschiede unkennt-
lich macht und alle Teilnehmer auf eine gemeinsame Ebene bringt.
Hohe Wurdentrager lassen es sich nicht nehmen, auch noch sichtbare
Zeichen ihres Amtes, ihrer Verdienste, ihrer Stellung zu zeigen. Eine
1925 39i
begreifliche Demonstration derjenigen, denen man, nachsichtig genug,
das Recht zugesteht, Orden entgegenzunehmen. Orden sind schlie/5-
lich dazu da, getragen zu werden. Zwar nicht von mir und meinesglei-
chen, aber von jenen, die ihre Freude daran haben. Ich verstehe diese
Freude. Ich verstehe nur nicht den Orden als Demonstration.
In einem Krieg, wie wir ihn durchlitten haben, ist es selbstverstandlich,
daft alle gesunden Manner der Nation gekampft oder wenigstens ge-
holfen haben. Sehr viele haben das Eiserne Kreuz erhalten. Wer es
verdient hat, mag stolz darauf sein. Es ist ein ernster Orden, er mahnt,
trotz allem, an Blut und Wunden, an Hunger und Grauen und Tod, an
die bittersten Zeiten des Volkes. Seine grofie, scharfe und strenge Form
pafk auf einen feldgrauen Rock. In diesem Winter sah man ihn aber auf
jedem zweiten Frack; und man miifite doch alles tun, urn die freche
Vermutung nicht lebendig werden zu lassen, dafi das Eiserne Kreuz ein
»Zubehor« ist, in Schneiderateliers zu kaufen und ein selbstverstand-
licher Zierat des Fracks wie etwa ein seidenes Taschentuch! Mufi man
auch als simpler Ballbesucher durchaus den Kriegsteilnehmer demon-
strieren und ein Heldentum, das so allgemein war, daft es uberhaupt
keine Auszeichnung gibt, es zu belohnen. Wer von alien Soldaten hatte
das Eiserne Kreuz nicht verdient? Wer von alien anstandigen und ge-
sunden Mannern ist nicht Soldat gewesen?! Dieser Orden ist zu ernst,
um als Demonstration fur eine militarische Gesinnung zu dienen! Er
ist zu ernst, um bei freudigen Anlassen eine kriegerische Lust zu be-
weisen oder vorzutauschen!
Aber es geniigt hierzulande niemandem, nichts mehr, nichts weniger
zu sein als er selbst. Er mufi, er will etwas vorstellen, reprasentieren :
einen Klub, eine Partei, eine Gesinnung. So tut er noch ein iibriges, um
den Verschmelzungsprozefi aufzuhalten. Die Gruppen sind aufterlich
zu erkennen. Sie finden zueinander. Zwischen dieser und jener Gruppe
ist der tiefe Abgrund, uber den keine Briicke fuhrt.
Die nichtoffiziellen, die Kunstlerfeste, waren wohl der Ort, Distanzen
zu verringern, Eiswande auftauen zu lassen, Gemeinsamkeiten herzu-
stellen. Allein hier mangelt es meist an Raum und Einf alien. Auch jene
Veranstaltungen, die als Maskenfeste gedacht sind, werden keine. Viel-
leicht hat der ndrdliche Mensch dieser Zone keine Freude an der
Maske, da er ja auch ohne sie unkenntlich und verborgen ist. Man hatte
von der Phantasie der Kunstler originelle, iiberraschende Verkleidun-
gen erwarten diirfen. Allein es scheint, daft zur Freude auch Zeit ge~
392 DAS JOURNALISTISCHE WERK
hort und dafi man ohne Zeit nichts ersinnen kann und will. Wer Zeit
hat, mit sich selbst beschaftigt zu sein, findet auch Zeit, sich zu verklei-
den. Es gibt keine Zeit zum Spiel und also auch keine Freude am Spiel.
Es gibt ein enges Durcheinander. Soviel Menschen hart nebeneinander
bleiben erst recht isoliert. Es mufi Weite vorhanden sein, damit man
einander naherkomme.
Freude am Spiel lebt nur noch in den Massen. Sie ist grob und auflert
sich in groben Formen. Aber sie ist schopferisch. Auf einem Ball im
Norden sah ich einen Mann mit einem Vogelbauer in der Hand. Im
Kafig lag auf einer Stange ein Hering. In tausend Formen bliihte hier
die originelle Groteske. Die glitt leicht ins Grob-Erotische. Es gab
derbe, Korper gewordene Witze. Es lebte in ihnen die Kraft der mittel-
alterlichen Volksbelustigung.
Aus diesem Spieltrieb der Massen konnte sich eine echte, gewachsene
Karnevalskultur entwickeln und sogar eine »Gesellschaft«. Aber die
Massen des Volkes sind heute schon durch soziale Verhaltnisse selb-
standige Teile, abgeschlossen von der Moglichkeit, Einflusse abzuge-
ben und aufzunehmen, sind »Proletarier« und also eine »Klasse«. Es
gibt keinen Austausch mehr von oben nach unten, von unten nach
oben. Es gibt nur Feindschaft von beiden Seiten. An eine Verfeine-
rung, die von oben herkame, eine Gesundung, die von unten kame, ist
nicht zu denken.
Es klaffen tiefe Risse zwischen den Teilen: zwischen Reich und Ar-
mee, zwischen Geistigen und Besitzenden, zwischen Geistigen und
Armen. Der Besitzende willy der »Intellektuelle« kann den Weg zur
Tiefe nicht finden. Nirgends offenbart sich die Tragik eines Volkes wie
bei seinen Festen. Es mochte sich freuen und findet nicht die Form der
Freude. Es hat Nomenklaturen fur Lustbarkeiten, aber keine Lust. Es
leidet mehr, als es rmifke . . .
Frankfurter Zeitung, 24.4. 1925
DIE »GIRLS«
Die »Girls« sind jiingere und altere Madchen in Schwimmkostumen,
die augenblicklich die Variete- und Revuebiihnen Europas, die etwas
auf sich halten, in trockene Strandbader verwandeln. Die ohne Zweifel
anmutig gebauten Geschopfe konnen Beinchen schleudern, auf Seilen
klettern, auf Handen gehen. Sie sind wie eine Ubersetzung des mannli-
chen ernsten Militarexerzierens ins Weibliche. Ihre Spiele sind Kom-
positionen aus Militarismus und Erotik.
Die »Girls« wurden jenseits des Ozeans, in Amerika, erfunden, wo
jeder zweite Mann und Burger das Urbild des »sittlichen Normalmen-
schen« reprasentiert: wo also die Schliipfrigkeit sich durch eine Ver-
wandtschaft mit ertiichtigenden Tendenzen der Gemeinschaft legiti-
mieren mul!; wo die Musik der Sunde auf heiligen Instrumenten, wie
Orgeln und Militartrompeten, gemacht wird; und die Triebe iiberge-
leitet werden in tugendhaften Patriotismus. Die wachsende Popularitat
der »Girls« in Europa beweist unsere stark fortgeschrittene Amerika-
nisierung.
Die »Girls« vollfiihren, obwohl sie ebensowenig anhaben wie »Nackt-
tanzerinnen«, keine Nackttanze, sondern solide korperliche Ertuchti-
gung. Ihre Nacktheit dient nicht der Lust, sondern der Anatomie: Ex-
perimente des Anschauungsunterrichts von der Entwicklung der weib-
lichen Muskulatur. Sie arbeiten im Dienste der Hygiene, nicht der
Erotik. Ihre Nuditat ist prude. Ihre Schwimmkostume sind weniger
lockend als Nonnengewander. Von ihren Tanzen geht ein frischer,
morgenkuhler Hauch von Schichts Kernseife, von Schwule totender
Sauberkeit und kalten Abreibungen aus. Sie sind wie die siifien Fabel-
wesen der Liebe beim grofien Reinemachen des Horselberges.
Es sind alles »gutburgerliche« Madchen aus »besseren Familien« - und
sie legen Wert darauf, dafi es in der Zeitung gedruckt werde. Ich brau-
che es nicht erst zu lesen. Ich sehe es den Tanzen an. Sie enthalten
nichts, was dem Anstand und dem Gedeih der Familie schaden konnte.
Jeder fromme Stadtrat konnte seine Tochter in den Turnverein der
»Girls« schicken.
Unsittlich sind nur die Besucher, die mit lusternen Vorstellungen zu
den Girl-Attraktionen wan dem,* jene Normalmenschen aber, deren
ewiger Pubertat auch ein anatomischer Bilderbogen noch Nahrung
394 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gibt. Es gehort ein riesiges Quantum Normalmenschlichkeit dazu, sich
durch einen tanzenden Kordon angeregt zu fiihlen, der einem mensch-
lich-weiblichen Tausendfiifiler gleicht. (Ein Kenner der Gegenwart hat
seine jiingst gespielte Operette »Tausend siifie Beinchen« genannt.
Welch eine Lockung! Fur eine Sinnlichkeit berechnet, die »aufs
Ganze« geht: eine Quantitatssinnlichkeit, die das Individuum gar nicht
beriihrt.)
Es kann also den »Girls« gar nicht schwerfallen, »sittHch« zu bleiben.
Ein amerikanischer Pastor begleitet sie. Sie gehen in Doppelreihen spa-
zieren. Am Abend, gleich nach der Vorstellung, schlupfen sie in ihre
engelreinen Bettchen und falten die Handchen.
Es soil vorkommen, dafi hier und dort ein Freier sich meldet und bei
der alteren Tugendhuterin, der Pensionsmutter der Girls, um zwei
Hande anhalt. Er kann sogar mit einer Mitgift rechnen. Er bekommt
eine brave, sittliche Hausfrau, die den Morgenkaffee mit gymnasti-
schen Ubungen zubereitet, Kinder hygienisch gebiert und zu Soldaten
erzieht und noch vor zehn Uhr schlafen geht und eine so strenge
Hausordnung fiihrt, dafi es dem Mann nicht mehr moglich ist, sich an
Girl-Vorstellungen zu ergotzen . . .
Frankfurter Zeitung, 28.4. 1925
REKLAME-MESSE
Auf der Berliner Reklame-Messe ist zu sehen, wie man eine Ware so
lange und so nachdriicklich anpreist, bis man selbst daran glaubt. Es ist
die Van pour /Wt-Theorie des Merkantilismus. Die Messe ist eine Re-
klame fur die Reklame. Hier lobt man die Methoden des Lobs. Die
Anpreisung wird angepriesen. Die Reklame riihrt ihre eigene Trom-
mel. Das Inserat inseriert sich selbst.
Alle Arten der schwarzen Kunst, Gleichgultige oder gar Unwillige
aufmerksam zu machen und fur das zu interessieren, was sie gar nicht
angeht, sind vorhanden. Man zeigt Luftballons, Puppen mit bewegli-
chen Gliedmaften und Korperteilen, Notizbiicher, Bleistifte, Kalender,
Fiillfedern mit Firmeninschriften, und die Zeitungen, die jeden Tag
Reklame fur die Ereignisse machen und fur die Inserenten, liegen da als
1925 395
ihre eigenen grofkn Inserate in kleinen Pavilions und Nischen. (Bei
dieser Gelegenheit erfordert es die Objektivitat gegeniiber der eigenen
Heimat-Nische, diese zu beschreiben: Sie enthalt eine grofie Land-
karte, auf der die Wirksamkeit der »Frankfurter Zeitung« geogra-
phisch anschaulich wird. Nach vielen Punkten der Erde zielen die Wir-
kungsstrahlen. Viele Punkte erreichen sie. Die Stimme des Blattes wird
sozusagen sichtbar und das Echo, das sie wachruft. Von Selbstiiber-
schatzung ebensoweit entfernt wie von unwiirdigem Larm, gibt diese
Reklame das Wesen des Werks wieder, dessen Bedeutung sie zeigt).
Alle grofien Blatter haben ausgestellt, die Annoncenburos, die grofien
Schalltrompeten der Plakatindustrie und die Verwalter der Litfafisau-
len, welche die modernen Meilensteine des Geschafts sind. Und am
Abend zeigt man eine Revue, deren ganzer Text ein bezahltes, gespro-
chenes, gesungenes Inserat ist. Es ist eine Revue, deren Gesetze nicht
eine Dramaturgic, sondern die Wissenschaft vom Verkaufen geschaf-
fen hat: Eine Revue nach merkantilurgischen Gesetzen. Sie enthalt:
Chansons mit Offerten in Pikanterie-Verpackung, und der Refrain
gleicht einem auffallenden Inserat, das zweimal in derselben Nummer
einer Zeitung vorkommt. Man wird, wenn nicht mit dem Kopf, so
doch mit Augen und Ohren auf die Waren gestofien, welche die Ge-
genstande der Handlung sind. Diese erhalt so einen Doppelsinn, und
man konnte, um beim Bilde zu bleiben, die Strophen der Chansons mit
Schaufenstern vergleichen, in denen die Objekte der Revue-Handlung
kokett und appetitlich ausgelegt sind. Vielleicht bliiht hier eine Aus-
sicht auf die Auferstehung des darniederliegenden Theatergeschafts.
Der Weg, der vom Schauspiel zur Revue gefiihrt hat, miindet im dra-
matisierten Inserat. Die Biihne ist der Anzeigenteil der abendlichen
Amusements.
Abgesehen von diesem Versuch eines Amiiserats gibt es nicht viel
Neues. Das Gesamtbild hatte burner, lebendiger, origineller sein kon-
nen. Es ist laut, gewohnlich und trubelhaft. Es scheint, daft nicht alle
Arsenate der Reklame-Phantasie erschopft worden sind. Es sind meist
nur Schleusen der Uberredung geoffnet . . .
Frankfurter Zeitung, 30. 4. 1925
In Deutschland unterwegs
BADER IM RIESENGEBIRGE
Das popularste - und teuerste - der schlesischen Bader ist Kudowa, der
Heilort fur Basedow- Kranke, Neurastheniker und am Veitstanz Lei-
dende, reich an Hotels, Cafes, Restaurants, ein bifichen mondan, ein
bifichen biirgerlich, in der Entwicklung begriffen, auf dem Wege, ein
»Weltbad« zu werden, immer noch gehemmt durch die vielen nach-
barlichen Kurorte, die billiger sind.
Diese kleinen Ortschaften wird derjenige aufsuchen, der die Ruhe
ebenso braucht, wie er die Kultur entbehren kann. Es ist der grofie
Vorzug der schlesischen Bader, dafi sie jedes Bedurfnis an falscher und
echter Romantik, an »Abgeschiedenheit«, Bergen, Wald und Andacht
befriedigen und noch viel fur den verwohnten Zivilisationsmenschen
iibrig haben. Von einem Ort zum andern ist es immer der bekannte
»Katzensprung«, mit der Bahn, oft auch mit der Strafienbahn zuriick-
zulegen. Tennisplatz, Kursaal, Ftinf-Uhr-Tee sind iiberall vorhanden.
Aber auch noch mehr: So befindet sich zum Beispiel in Warmbrunn
eine der grofken Bibliotheken Deutschlands: die Grdflich Schaffgot-
sche Bibliotheky reich an Seltenheiten, jedes Kennerherz entziickend,
von Mannern verwaltet, deren Hoflichkeit durch immenses Wissen
keineswegs beeintrachtigt wird.
Ich weifi nicht, ob man durch die Fenster dieser Bibliothek auf die
Berge sehen kann. Aber ich weift, dafi man sie durch jedes Fenster
dieses Ones erblickt, diese sanften, gemachlich ansteigenden Berge,
die so bescheiden sind, dafi sie wie Hiigel aussehen mochten, und de-
ren geradezu urbane, zuvorkommende Hange so leicht uber die Hohe
der Gipfel tauschen. Man kann fiiglich vom Riesengebirge keine Al-
pen-Eigenschaften erwarten, es sei denn vielleicht geologische - ich
gestehe, sie nicht zu kennen. Aber man braucht es auch nicht. Diese
schlesischen Berge sind nicht »trotzig«, nicht »finster«, ihr Charakter
ist nicht tragisch, sondern idyllisch. Dennoch wird es auch hier
Schluchten geben, uberraschende Abenteuer, Schmerzen, die man
nicht erwartet, Tiefen, die man dieser Liebenswiirdigkeit nicht zuge-
1925 397
traut hat. Irgendwo springt eine plotzliche Quelle hervor, Spalten gah-
nen zwischen Stein.
Die Luft ist kiihl ohne Harte, frisch ohne Strenge, leicht zu atmen, den
Lungen ein Kompliment. Langsam kommen die Abende, die Dunkel-
heit fallt niemals plotzlich wie im Hochgebirge. Sie hat viele Stufen
und Schattierungen. Sie breuet sich aus, sie wachst.
Die heifiesten Quellen (bis zu 45 Grad) entspringen dem Granit in
Warmbrunn. Es sind Schwefelquellen, gefrafiig, gelbschwarz und
furchtbar, trotz ihrer Heilkraft. Sie fressen Stein, Kacheln, Wande;
kaum, dafi ihnen Metall standhalt.
Altheide liegt im Tal der Weistritz, 400 Meter iiber dem Meeres Spiegel.
Die Weistritz ist ein kleines Flufichen, wichtig und stellenweise aufge-
regt, ein nervoser Flufi, silbern, behende und jugendlich, von Tannen-
waldern fiihrt er dunkle Schatten und dunkle Diifte mit, ohne den hel-
len, leichtlebigen Charakter aufzugeben. Er ist ein Temperament, dem
kein melancholischer Zufall schadet. Der Ort hat sich ihm angepafit.
Sahbrunn, Flinsberg, Landeck, Reinerz - alle diese kleinen Badeorte
liegen in dichter, warmer Nahe. Die helle Luft des Riesengebirges eint
sie zu einer kleinen, stillen Familie. Sie unterscheiden sich aufierlich
nur wenig voneinander. Aber wie alle Glieder eines begabten Ge-
schlechts bei gleichen Kennzeichen dennoch verschiedene Vorziige in-
dividueller Eigenart besitzen, so hat jedes dieser Bader seine besondere
Quelle und seine besondere Heilkraft. Es ist keine physiognomische,
sondern eine wesentliche Verschiedenheit.
Alle diese Orte liegen in einer kulturell sehr reizvollen Gegend. Eine
friihe katholische Vergangenheit ist iiberall noch lebendig. Die Refor-
mation konnte Kloster aufheben und Kirchen requirieren. Aber die
Zeugenschaft des Steins, die immer lebendig ist wie die des Bluts,
konnte sie nicht aufheben. Wohlverwahrt in alten Gemauern und in
den jungen Adern der Nachkommenschaft ist die Tradition des Mittel-
alters.
Slawische Einflusse mischen sich mit deutschen und romanischen. In
diesem Gebiet herrschten einmal die Piasten; ein stolzes konigliches
Geschlecht, Wegbereiter abendlandischer Kultur nach dem Osten,
vielfach mit dem Deutschtum verwandt, von siidlicher Kultur und sla-
wischem Temperament, gerecht, mutig und friedlich zugleich.
Auf den weiten Marktplatzen der kleinen Stadte dieser Gegend ist sla-
wisches Wesen noch fiihlbar. Rings um den Platz wolben sich die Bo-
398 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gen der alten Hauser. Steinerne Treppen fiihren zu den Kaufladen.
Orientalisches und Siidliches lebt in diesen Platzen. Der Raum ist weit,
die Gange schmal. Hier lebte (oder sollte leben) ein Geschlecht von
Handlern. Stimmen, deren Klang hiniiber- und heriiberreicht. Waren,
selbst beschaulich, ringsum ausgelegt fiir beschauliche Betrachter. Ein
reizvolles Auf- und Niedersteigen auf Stufen. Kostbarkeiten, durch
starke Gewolbe geschiitzt vor den Launen eines temperamentvollen
Wetters. Keller zwischen den Stufen, Treppen, die aufzuheben sind
und Kellertiiren bilden.
Es blieb noch tibrig, iiber die Kosten zu sprechen. Hier mu'fite eigent-
lich die Kritik einsetzen, wenn dem Kritiker die Voraussetzungen, also
die Kenntnisse, gelaufiger waren. Doch scheint auch dem oberflachli-
chen Beurteiler der wunde Punkt, an dem alle deutschen Bader leiden,
nicht nur die schlesischen, leichter zu beheben, als die Kurverwalter
und Hotelbesitzer zugeben. Man muli mindestens 6 Mark tdglich fiir
Wohnung und Verpflegung zahlen; das heifit: Man mufi mit 8 Mark
»rechnen«. In Nizza (einem der teuersten Bader der Welt) kann man
taglich fiir 16 bis 18 Mark leben. In vielen Orten Italiens kostet ein Tag
4 bis 6 Mark. Die deutschen Bader im allgemeinen - die schlesischen
im besonderen - konnen sich iiber die »Auslandslust« der Deutschen
nicht beklagen, solange nicht eine gam bedeutende Preisermafiigung
in Deutschland einsetzt.
Frankfurter Zeitung, 17. 5. 1925
glashOtte
In Glashiitte, von Dresden bequem in zwei Stunden zu erreichen, wer-
den die besten deutschen Taschenuhren geboren, die kleinen lebendi-
gen Dinge, die uns von der Konfirmation bis zum Grabe begleiten.
Jeden Abend vor dem Schlafengehen ziehen wir sie auf, ihre Herzen,
ihre Lungen, ihr Leben um neue vierundzwanzig Stunden verlangernd,
und legen sie auf das Nachtkastchen neben Brieftasche, Fullfeder, Zi-
garrenabschneider, Taschenmesser, Schliisselbund und die anderen
Trophaen, mit denen sich der Europaer tagsiiber behangt. Viel mehr
wissen wir von diesen angeblich nutzlichen Gegenstanden als von un-
1925 399
seren Uhren. Nur ihren vertrauten Klang haben wir im Ohr. Aber ihre
Seele kennen wir nicht, die unsichtbar im Gehause verborgen ist, meta-
physisch existent neben dem Mechanismus; und nicht einmal diesen
kennen wir. Oder weifi jemand, was eine »Federhaustrommel« ist?, ein
»Kleinbodenrad«?, ein «Grofibodenrad«?, ein »Messingwechselrad«?
Wir haben ja allerhand gelernt: die lebenswichtigen Properispomena;
die fiir ein geregeltes Dasein geradezu unentbehrlichen Fiirsten aus der
Siegesallee; die Trigonometric, ohne die man sich ein Leben fast nicht
mehr vorstellen kann; aber den Zusammenhang dieser Wissenschaften
mit den Erscheinungen haben wir nicht gelernt. Konnen wir eine Uhr
berechnen? Konnen wir sie zerlegen, um sie wieder zusammenzuset-
zen? Wissen wir, wie jene Stahlfeder hergestellt wird, mit der wir die
klugen Erkenntnisse in unsere Hefte schreiben? Wie ein Bleistift ent-
steht, eine Kreide, eine Schultafel?
Deshalb ist es notwendig, in die Fabriken zu gehen und nachzusehen,
wie grofi die gebildete Ahnungslosigkeit unserer Lehrer und unserer
Biicher war. Und jeder, der so weise liber »die 2eit« zu schreiben sich
unterfangt, sollte einmal auch etwas iiber eine Uhr erfahren. Denn
diese ist nicht nur ein Instrument, jene zu messen, sondern auch ein
Mittel, jene zu erkennen.
In Glashiitte lebt alle Welt von Uhren. Mit ihrer Erzeugung sind drei
grofie Fabriken beschaftigt, aber auch Heimar better stellen einzelne
feine und weniger feine Teile her und liefern sie den Fabriken.
Der Begriinder der Glashutter Uhrenindustrie war Ferdinand Adolf
Lange, Sohn eines Dresdner Biichsenmachers, Verfasser einer bedeu-
tenden Schrift »Uber den freien Ankergang«. 1845 entstand seine Fa-
brik, in der heute etwa 200 Arbeiter beschaftigt sind und die von sei-
nen Nachkommen geleitet wird.
Die Fabrik liegt nahe dem kleinen Bahnhof und sieht aus wie ein gro-
fies Gartenhaus. Denn eine Uhrenfabrik soil nicht die zyklopisch-
monumentalen AusmaEe etwa einer Automobil- und Motorenfabrik
haben. Es ist eine leise, feine Arbeit, die in ihren Mauern geleistet wird.
Jedes Gerausch einer hastig erbitterten Betriebsamkeit wiirde sie sto-
ren. Jeder Handlanger in dieser Fabrik ist mindestes ein halber Fein-
mechaniker. Die Hand stellt Werkzeuge und Werkzeugteile her, die
Augen ohne Lupe nicht erkennen. Man schafft mit dem dichterischen
Tastgefuhl eines Blinden. Man feilt an unsichtbaren Windungen und
schleift Stahlnadelspitzen, die nicht vorhanden sind, wenn man sie
400 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nicht mit dem Glase sucht. Das ist schon die Grenze zwischen Arbeit
und Schopfung. Die Objekte leben in den Grenzgebieten zwischen
materieller Welt und metaphysischer. Sie leben - und sind nicht da. Sie
sind die letzten Auslaufer der »Materie«, dort, wo sie bereits in das
Immaterielle vorfuhlt. Diese Dinge konnen nur in einem Milieu der
Stille, in einer Atmosphare der Versenkung, des Abseitigen entstehen,
erbliihen. Die groften Uhrmacher der Vergangenheit schufen im Abge-
schiedenen. Heute gibt es keine grofien Uhrmacher mehr. Aber auch
die kleinen Handwerker werden selten. Man kann in Berlin oder in
einem anderen Zentrum der Arbeit nicht nur Motoren, sondern gewiE
auch Dichtungen erfinden und ausfuhren. Aber nicht Uhren herstel-
len. Alle grofien und kleineren Uhrenfabriken entstehen in kleinen Or-
ten oder abseits der grofien Stadte. Und es ergibt sich die witzige Tat-
sache, dafi diese Messer und Zeiger unserer Zeit von ihr nichts Giinsti-
ges zu erwarten haben. Die »Prazision« wird theoretisch grofier, prak-
tisch macht der Larm, den diese Zeit erhebt, die Erfindungen voll, die
sie hervorbringt.
Es gibt Abteilungen in der Fabrik, in denen auch die Musik der grofien
Maschinen horbar wird. Das sind jene Raume, in denen die Werkzeuge
hergestellt werden, die Formen, die Stanzen. Ein Schuster kann seine
Ahle kaufen. Uhrenhersteller miissen auch ihre Werkzeuge selbst ver-
fertigen und die Urbilder der Formen und die Frase. Die Genauigkeit
des Endobjekts ist abhangig von der des Werkzeuges.
Der Anfang einer Uhr ist die sogenannte »Mutterplatte«, eine runde
Messingscheibe, auf der feine Stiche zu sehen sind. Hier sind die
Punkte vorgezeichnet, auf denen die Bestandteile, die Schrauben und
Stifte, angebracht werden. Eine Uhr wird »berechnet«. Es ist selbstver-
standlich wichtig, dafi diese Punkte sich genau dort befinden, wohin
sie die Berechnung dirigiert hat. Eine kleine, gar nicht wahrnehmbare
Abweichung ist unmoglich. Mechanische Mefiapparate von differen-
ziertestem Feingefiihl kontrollieren unaufhorlich die Resultate.
Ein Gerausch macht mindestens fiinf Metamorphosen durch, bis es die
letzte Form erreicht hat. Es ist zumindest ein ziemlich klobiges Stuck
Gold (oder Silber). Die Kunst besteht darin, es so zu hohlen und
gleichzeitig zu flachen, daft moglichst wenig Material verlorengeht.
Die Herstellung eines Gehauses mit der Hand dauert acht Stunden.
Ein sogenanntes »Savinettegehause« (Doppeldeckel) mit der Maschine
drei Stunden. Rings um den inneren Rand mufi ein Nickelstabring so
1925 4 01
eingelegt werden, daE er aussieht wie organisch aus Gold gewachsen. In
dem Arbeitsraum, in dem die Gehause hergestellt werden, liegt, trotz
der peinlichen Sorgfalt, iiberall feinster, kaum sichtbarer Goldstaub.
Die Blusen der Arbeiter sind Eigentum der Fabrik. Man wascht die
Arbeitsblusen in regelmafiigen Zeitraumen, schiittet das Schmutz-
wasser durch ein Sieb in grofie Fasser und - gewinnt Gold. Man gewinnt
Gold aus den Ritzen zwischen den Dielenbrettern, aus den Fugen in den
Arbeitstischen, aus den unwahrscheinlichsten Winkeln, aus dem Was-
ser, in dem sich die Arbeiter die Hande waschen. Man gewinnt aus
seinem »Blusenwasser« durchschnittlich 37 Gramm reines Gold.
Die Generalstabskarte einer Uhrenfabrik ist die »Formituren-Termia-
tafel«. Sie hangt an der Wand, eine grofie Karte mit vielen kleinen
Kastchen, Langs- und Querstrichen und ratselhaften Bezeichnungen
in den einzelnen Kastchen. Das sind alle in der Fabrik umherwandern-
den Uhrenbestandteile. Jedes hat eine Zahl als Bezeichnung. Das Frau-
lein, das diese Tafel bedient, verfolgt die Wanderung der einzelnen
Teile und kennzeichnet die verschiedenen Etappen durch bunte Steck-
nadeln. Braune, griine, gelbe, rote Stecknadelkopfchen bliihen auf der
»Formituren«-Wiese. Es ist hier wie in einem Hauptquartier bei Trup-
penverschiebungen.
Sobald die Uhr fertig ist, kommt sie in eine sechs Wochen lange Qua-
rantine, die man »Regulage« nennt.
Reguliert wird die Uhr nach den Zeitsignalen von Nauen und Babels-
berg. Weil die Temperatur Einfluft auf ihren Gang hat, muE sie alle
Klimate durchwandern. Zuerst kommt sie in einen Eiskeller fur 24
Stunden. Fur die nachsten 24 Stunden kommt sie in einen Warmeofen.
Hierauf, weil auch die Lagerung wichtig ist, liegt sie in verschiedenen
Lagen: sie kommt ins »Hangen«, in die »Bugel-Rechts«- und »Biigel-
Links-Lage«, sie liegt auf dem Bauch und auf dem Riicken. Auf die
feinen Zahnchen ihres Unruhrades schraubt man noch feinere, kleine
Gewichtchen, schraubt sie hier ab, lafk sie dort bleiben, so lange, bis
der Schwerpunkt genau in der Mine erreicht ist.
Der Reguleur, mit dem ich sprach, ist ein bartiger freundlicher Herr,
der von seiner Arbeit fanatisiert ist, ein Uhren-Religioser, ein rechnen-
der Schwarmer, ein Genauigkeitsphantast. Diese Tatigkek mu6 solche
Charaktere heranbilden. Auch sie spielt sich in einem Grenzgebiet ab:
namlich dort, wo die genaueste Realitat schon unwahrscheinlich wird
und wo die Tatsache so berechnet und fixiert ist, dafi sie beinahe keine
402 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Tatsache mehr bleibt. Es ist der »Uberrealismus« des Handwerks, der
wieder ins Jenseits weist.
In Wirklichkeit macht ein Reguleur die iiberraschendsten Erf ahrungen :
daft die Uhr abhangig ist vom Temperament, dem Blut, der Leibesbe-
schaffenheit ihres Besitzers. In der Tasche eines Diinnen hangt sie »wie
auf einem Kleiderstander«. Auf dem Bauch eines Dicken liegt sie
schief- es ist die ungiinstigste Lage fur eine Uhr. Ein Schritt noch, und
das Geheimnis fangt an: Wie reagiert dieser subtilste Mechanismus auf
Mann und Weib? Auf Grofi und Klein? Auf Optimismus und Pessimis-
mus? Auf Laune, auf Begabung, Stumpfheit, Jugend, Alter?
So ein Reguleur hat kein leichtes Leben. Er reguliert immer. Jede Ab-
weichung irritiert ihn. Der, mit dem ich sprach, gestand mir, daft er sich
schamte, seinem Kollegen folgendes zu erzahlen: Er hatte eine Nacht
hindurch auf einen Ball getanzt und dann, ja dann differierte seine
punktliche Uhr um - zwei Zehntel Sekunden . . .
In der Fabrik befindet sich eine Standuhr, die, sobald sie fertig ist, ein
»technisches Wunder« sein wird. Sie gehort ihrem Hersteller, ihrem
Erdichter, und hat einen sehr hohen Seltenheitswert. Ihr Schopfer ist
der Uhrmacher Goertz, ein Deutschrusse aus Charkow. Er ist heute 61
Jahre alt. Als er achtundzwanzig zahlte, begann er, die Uhr zu konstru-
ieren. Er ist heute noch nicht ganz fertig.
Diese Uhr entstand, wie ein grofies Kunstwerk entsteht. Zuerst wollte
der Uhrmacher Goertz eine Pendeluhr bauen, die sowohl unsere Som-
merzeit wie auch die astronomische Sternzeit anzeigen sollte. Aber die
Uhr machte sich selbstandig, sie wuchs unter den Handen ihres Schop-
fers, sie verfuhrte ihn. Und ehe er sich versah, hatte er auch Sonnenauf-
und -untergang hineinkomponiert. Dann kamen die Mondphasen.
Dann ein Kalender. Ein Anzeiger der Schaltjahre, Monate, Wochen,
Tage, ein Schlagwerk fur jede Viertelstunde, ein Werk, das einen Monat
lang geht - die Uhr wuchs und wuchs, und der Uhrmacher ward alt und
grau, der Weltkrieg kam, die Revolution, der Meister fluchtete, die Uhr,
die er mitzunehmen glaubte, folgte ihm selbst, blieb bei ihm und befahl
ihm zu arbeiten. Heute fehlen nur noch ein paar Aufterlichkeiten. Der
Uhrmacher mufi jetzt darangehen, die Konstruktion dieser Uhr aufzu-
schreiben fur die Nachwelt. Es wird eine Dichtung aus Ziffern sein.
Goertz will diese Uhr verkaufen. Sie soil sein Alter sichern. Aber ob
diese Uhr gewillt ist, ihren Meister zu verlassen - daran zweifle ich.
Frankfurter Zeitung, 24. 5. 1925
DER REBELL DES ER2GEBIRGES
Am 24. September 1841 ist Karl Stulpner gestorben. Sein Name, seine
Taten, seine tief ethische und antigesetzliche Personlichkeit leben im
Volk des Erzgebirges heute noch frisch und unmittelbar fort, denn seine
revolutionare Kraft war der in einer einzigen Personlichkeit gesammelte
und zum Ausbruch gelangte rebellische Wille der ganzen Bevolkerung.
Karl Stulpner ist der Held vieler sachsischer Marionettenspiele, eines
»Heldengedichts« von Paul Haar aus Sorau, eines Romans von Eduard
Milan, eines bekannter gewordenen Buches von Kurt Arnold Findeisen.
Aber keiner dieser Autoren ist seinem Helden gewachsen, der auf einen
revolutionaren Homer Anspruch erheben konnte.
Karl Stulpner ist der Sohn eines armen Miillerburschen aus Scharfen-
stein, der's »auf der Brust hat« und friih stirbt. Karl ist der einzige
Sohn seiner Mutter. Er wachst im Walde auf, kommt als Zwolfjahriger
zum Forster von Ehrenfriedersdorf und wird ein guter Schiitze. Zum
erstenmal empfangt er einen revolutionaren Impuls: Es ist ublich, dafi
die Herrschaft, sobald sie Lust zu einem guten Braten verspiirt, bei
ihrem Forster einen Bock bestellt. Wenn die Herren essen wollen,
miissen sich die Diener sofort aufmachen und jagen. Der Forster ist
nicht zu Hause, als der Auftrag kommt. Karl Stulpner, der schon so
friih weifi, was der Befehl eines Brotgebers bedeutet, geht selbst auf die
Jagd, erlegt den Bock und ist mit einem Schuji Jager und Revolutionar
geworden.
Bald holt ihn seine Mutter, die einen »Verdiener« braucht, wieder
heim. Die Mutter hungert. Karl geht in den Wald. Er bringt reiche
Beute. Man ahnt im Dorf, dafi Karl wildert. Der Amtsgewaltige des
Ortes und der Umgebung ist der Gerichtsdirektor Giinther. Er ver-
korpert den Staat, das Gesetz, die Gesellschaft. Er tut nur seine Pflicht.
Er ist der bestellte Jager. Stulpner ist sein Wild. Wie aber kommt es,
dafi wir diesen Mann hassen, weil er tut, was er mufi? Dafi wir ihm
seine Tugend nicht verzeihen? Dafi wir ihm ein Laster hoch anrechnen
wiirden? Eine Pflichtverletzung? Hier erwacht auch in uns die Rebel-
lion gegen die Sitte, die Ordnung, das Gesetz, die wir selbst geschaffen
haben, um vor den Stiilpners sicher zu sein. Aber wir sind trotzdem
nicht vor ihnen sicher. Ja, wir lieben sie sogar, die wir abzuwehren uns
bemiihen.
404 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Der Gerichtsdirektor steckt Karl Stiilpner zu den Soldaten, zum Train
nach Dresden. Karl macht den Bayerischen Erbfolgekrieg mit. Die
Mutter fahrt zum Regiment und erwirkt seine Entlassung. Man holt
ihn wieder. Nach Chemnitz, dann zu den Zschopauer Grenadieren.
Als Grenadier kann er das Wildern nicht lassen. Er Hebt den Wald, und
er hafit die Forster. Seine Auflehnung gegen den Gerichtsdirektor, die
militarische Maschinerie, die reichen Waldbesitzer aufiert sich naiv in
einem unwiderstehlkhen Zwang zur Wilddieberei. Es ist die einzige
aussichtsreiche Form der Emporung. Im Wald ist Stiilpner dem Gesetz
iiberlegen.
Man verhaftet ihn, steckt ihn ins Militargefangnis. Er kommt nach
Muhlberg. Von hier desertiert er und geht iiber die bohmische Grenze
nach Sebastian sberg. Er wird Hausknecht in einem Gasthof, spater
Forstadjunkt beim Grafen Rostiz. Ein ungarischer Adliger nimmt ihn
nach Debreczin. Hier hat er, der Lutheraner, den Hafi der katholi-
schen Bevolkerung zu spiiren. Aber es ist noch etwas anderes: Stiilpner
ist Forster. Man hat den Bock zum Gartner gemacht. Er soil die Ord-
nung schiitzen, gegen die er zu kampfen bestimmt ist. Er verlafit Un-
garn, wandert nach Wien, durch Bayern, die Schweiz, Baden, Hessen,
Hannover und lafit sich in Osterrode, weil er kein Geld hat, zu den
Dragonern anwerben.
Das Militar ist die scharfste Form der fesselnden Gesellschaftsord-
nung, der offensivste Ausdruck der gewaltsam zusammengehaltenen
Gemeinschaft. Karl Stiilpner, der geborene Feind jeder Geschlossen-
heit, desertiert wieder, nach Bohmen, dann nach Hof und schliefilich
nach Bayreuth. Da sind eben Preufien einmarschiert. Stiilpner wird mit
Gewalt zu den preuftischen Musketieren gesteckt. Er zieht nach
Frankreich, trifft vor Verdun einen sterbenden Invaliden, nimmt des-
sen Pafi und desertiert als »Invalide Paul Matusch«. Er kehrt heim,
agitiert fiir die »Menschenfreiheit, wie sie jenseits des Rheins« bestehe,
und geht in die Walder. Er lebt von nun an mit zwei Kumpanen im
Wald, in der ganzen Gegend als »Rauber« bekannt und gefiirchtet, von
Militar- und Zivilbehorden verfolgt, von den Armen und Unterdriick-
ten gepriesen, ein Heiliger und ein Wilder, legendarisch schon als Le-
bender.
Auf der andern Seite, in der andern, der friedlichen Welt lebt nur einer,
dem Stiilpner gefallt: Es ist der osterreichische Major von Einsiedel.
Der verspricht, sich fiir Stiilpner zu verwenden, und reicht ein Gna-
1925 405
dengesuch beim Kurfiirsten ein. Allein, das Gnadengesuch wird nicht
erledigt. Stulpner wartet die Erledigung bei seiner Mutter ab. Alle
wissen, dafi er zu Hause ist, niemand zeigt ihn an. Aber der Gerichts-
direktor erfahrt es dennoch. Er erscheint an einem spaten November-
abend mit 79 Mann bei der alten Frau Stulpner. Karl flieht, die Biittel
drohen der alten Frau und schlagen sie, der Sohn kehrt nach Schar-
fenstein zuriick und beschliefit, einen Krieg gegen die Behorde zu
fiihren. Er stellt sich mit einem Gewehr in einer Nische des SchloK-
hofs auf, im Schlofi tagt inzwischen das Gericht. Karl Stulpner bela-
gert als einzelner das Schlofi. Man ruft Militar herbei, die Soldaten
weigern sich, auf ihn zu schiefien, und ziehen wieder ab. Ein Jahr
spater trifft er den Biittel, der die Hausdurchsuchung bei Stulpner ge-
leitet und dessen Mutter geschlagen hat. Stulpner priigelt den Beam-
ten auf offener Landstrafie und verlangt vom Gericht, es moge sich
verpflichten, diesen Biittel nie mehr in die Gegend zu schicken, in der
er, Stulpner, zu Hause sei. Und das Gericht fiigt sich.
Und nun kommt der tragische Bruch in dieses einheitliche Rebellen-
leben, der Riickfall in die Burgerlichkeit. Stulpner wird waldmiide. Er
will heiraten. Er ist einsam. Seine Kumpane verlassen ihn. Er wendet
sich an jene Macht, die das Unmogliche verwirklichen kann: an die
Kirche. Und der Beichtvater des Kurfiirsten erwirkt fur Stulpner die
Begnadigung. Er kehrt zu seinem Chemnitzer Regiment zuriick, hei-
ratet, zieht mit den sachsischen Hilfstruppen fur Preuflen gegen Na-
poleon, gerat in Gefangenschaft, flieht und - desertiert wieder und
ubernimmt ein Wirtshaus in Bohmen. Nach dem grofien Generalpar-
don fiir Deserteure (18 13) darf er nach Sachsen zuriick. Seine Kinder
sterben, seine Frau stirbt, Karl Stulpner heiratet noch einmal, zeugt
einen Sohn, erblindet am Star und - wird operiert und wieder sehend.
Er findet noch Zeit, einem Dorflehrer seine Erinnerungen zu diktie-
ren. Dann stirbt er, und es wird berichtet, dafi fiinfzehn Dorfgemein-
den ihre Arbeit ruhen liefien, um Stulpner das letzte Geleit zu geben.
An seinem Grabe weinten alle, die Ausgestofienen und die Sefihaften,
die ewigen Wanderer und die kraftlosen Armen, die ohne Mut in der
Enge ersticken.
Auf dem Friedhof zu GroiSolbersdorf ist er begraben. Das ganze Volk
im Erzgebirge liest heute von seinen Taten. Er ist einer der ersten deut-
schen Revolutionare, der Vertreter des unbekannten, verkannten und
als spiefierhaft verschrienen oder gewaltsam zum Spiefiertum erzoge-
406 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nen deutschen Volkes, das Blut hat und wirkliche Emporer hervor-
bringt. Nur dafi man sie nicht kennt. Wo sind die Dichter, die sich
dieser wirklich deutschen Menschen annehmen? In welche Fernen
schweifen Autoren, urn Helden zu finden?
Frankfurter Zeitung, 27. 5. 1925
KLEVE, XANTEN, KALKAR
In Kleve am Niederrhein erzeugt man Margarine, ohne damit der
Schonheit der Stadt zu schaden. Sie lag einmal am Rhein. Der Flufi hat
sich selbst von ihr entfernt, was unrecht von ihm war. Schon im
n.Jahrhundert mufiten die Klever Burger einen Kanal bauen, um die
Beziehungen zum Rhein wiederaufzunehmen.
Kleve hat auch einen hollandischen Namen: Es heifk Kleef und konnte
eine hollandische Stadt sein. Die Einwohner haben runde, blonde,
stille Gesichter, ich glaube, sie regen sich nicht gern auf, sie konnten
ganz gut Hollander sein. Wenn man im Baedeker liest, dafi die Hollan-
der des Sommers gern in Kleve weilen, so macht man sich allerlei kei-
neswegs bose, sondern naturliche Gedanken und freut sich der guten
Beziehungen wenigstens zu einem unserer Nachbarstaaten sowie des
guten Geschmacks der Hollander.
Rings um Kleve ist die Natur schon hollandisch. Die kleinen Hiigel
wagen nicht aufzutreten, die Erde weitet sich flach und griin und fett
und speist den wandernden Blick des Betrachters mit reichlicher, end-
loser Horizont-Nahrung. Bluhende Obstbaume sind zwischen die
Wiesen gestreut, in kleine Garten, vor kleine, blanke Hauser, und das
Sonnenlicht in diesem Lande leuchtet immer hinter einem diinnen
Schleier aus silberner Luft.
Wenn es einen landschaftlichen Ausdruck fur Pazifismus gabe - hier
ist er. An dieser Grenze kann hoffentlich niemals ein Krieg ausbre-
chen. Diese Erde ist fur Spazierganger da, nicht fiir Marschierende.
Fur Spazierganger, ich meine: langsam, ohne Ziel Wandernde. Man
wird hier nicht mude. Die Rast ist in der Wanderung eingeschlossen.
Das versohnlich-sanfte Leuchten der Natur und das zarte rosa und
weifie Licht der Bliiten beruhigen, machen friedlich, die weiche Erde
1925 407
tragt den Fufi, die Landschaft kommt dem Wanderer entgegen, der
Weg bietet sich ihm dar, die StraKe fiihrt ihn selbsttatig. Immer ist liber
seinem Haupt der melodische Larm der unsichtbaren Lerchen wie ein
Baldachin aus Gesang. Die Landschaft ist gut, sanft, freudig und von
Wundern voll, die nicht erschrecken. Es ist eine pfingstliche Land-
schaft.
Durch die Mitte der Stadt, an freundlichen Laden vorbei, die immer
offen sind, fiihrt eine lange, ein wenig krumme Strafie. Sie fiihrt vom
Bahnhof in den Tiergarten. Rechts in der Seitenstrafie eine Kirche,
links ahnt man nur den grofien Platz um die grofie alte Kirche und das
Schloft, in dessen Umgebung auch am hellichten Tage ein besonderer
Dammer fur Liebende eingerichtet ist. Dort sah ich ein paar Menschen
jener Seligkeit fronen, die man Liebe nennt. In den Seitenstrafien spie-
len unzahlige Folgen dieser Seligkeit. Kleve hat mehr als 20 000 Ein-
wohner, davon werden, so scheint es mir, 4 000 Kinder sein. Sie spielen
in den kleinen, bergigen Gassen, die hinauf, hinunter, steil, sanft, ab-
schiissig und auf Treppen laufen. Es sind verspielte Gassen, und ich
wollte, ich ware in einer dieser Gassen ein Kind gewesen.
Einen Schutzmann sieht man nur am Sonntag. Es ist ein freundlicher
Herr, der den starken Verkehr von den Kirchen zum Korso sich regeln
lafit. Denn die Menschen sind fromm in Kleve, sie stehen vor der iiber-
fullten Kirche und horen mit einem, aber keineswegs halbem Ohr die
Predigt und mit dem anderen schon die Glocken, gewissermafien die
Rede des Pfarrers und die Antwort des Himmels auf einmal. Dann
wandern die jungen Madchen in breiten Reihen durch die Strafien, und
die jungen Manner warten an der Strafienecke, indes die Vater vor den
Tiiren stehen wie in den Bilderbiichern. Es ist der echteste Sonntag,
den ich je erlebt habe, ein Sonntag, der fast eine Sensation ist und von
dem Glanz einer grofistadtischen Premiere.
In Xanten, das viel kleiner ist, soil einmal Siegfried, der Drachentoter,
geboren worden sein. Aber das ist, furwahr, nicht wichtig. Wichtig ist
der Dom, an dem man drei Jahrhunderte gearbeitet hat, der gotischste
Dom der Welt, ein Bau aus Geheimnissen, nicht aus Stein. In diesem
Dom vergifit man die Welt, die bliihenden Obstbaume, das griine
Land und die silberne Sonne, denn er ist entruckt den Gesetzen der
Erde, und er entfernt den Menschen alien seinen Beziehungen zum
Leben. Er verbreitet Stille auf einen Umkreis von einigen Metern, er
absorbiert Gerausche, er strahlt Schweigsamkeit aus, aus Turmen,
408 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Spitzen, Fenstern, seine Fenster fuhren nicht in die Welt, sondern in
den Himmel, und in seinem Innern ist das selbstandige, auf Sonne
und Lampen verzichtende Licht der Steine, des Goldes von den
Altaren und des braunen Holzes der Schmtzereien : ein Licht aus
Grau, Braun, Gold; Licht aus Stein, Holz, Opfergabe.
Drei Ausgange fuhren in den Kreuzgang. Ringsum Saulen wie stei-
nerne Baume. Es gibt eine Skulptur, die der Natur spottet. Diese
Saulchen sind lebendiger als Baume. Sie sind nicht in die Erde ge-
steckt, sie wachsen aus dem Boden. Ihre Kronen sind Gewolbe.
Keine Vogel zwitschern darin, kein Laub rauscht. Nur das Steinerne
schweigt rauschend und flotend. Nirgends ist ein siifierer Gesang. In
der Mitte das Quadrat Griin, dariiber das Quadrat Himmelsblau.
Nur geduldet, nur geduldet! Das kleine Stiickchen Natur angepafit
dem grofien Willen des Steins. Tieferes Griin, starkeres Blau, Gras,
nicht von dieser Welt - anderen Gesetzen untertan. Himmel, nicht
von diesem alltaglichen Himmel, der Schritt fur Schritt iiber unse-
rem Kopfe ist: sondern metaphysischer Himmel, jener, in den die
Seligen kommen. Manchmal singt zwar ein Vogel in diesem Kreuz-
gang: aber es ist ein himmlischer Vogel. Das ist keine Lerche, die
sich von Regenwiirmern ernahrt! Das ist eine Lerche, die von
Manna lebt! Unter den steinernen Platten liegen Tote. Ihnen gilt der
Gesang, ihnen gilt das Griin, ihnen das Blau des Himmels. Meta-
physischen Gesetzen untertan ist hier jede Physis.
In Kalkar hat man leider die alte Kirche weifi angestrichen, aus mifi-
verstandenem Gefiihl der Sauberkeit. Aber solange die Holzschnit-
zereien da sind, die braunen, warmen, blanken, ist jedes Weifien der
Wande ohne Nutzen. Denn der braune Ton, der von den Bildern
aus Holz klingt, iibertont jedes renovierende Weifi, jedes Mifiver-
standnis, jedes ehrfurchtslose Beginnen in dieser Kirche, und ein
ehrwiirdiger Schimmer von Alter breitet sich selbst iiber die jiing-
sten Menschen und die hellsten Sopranstimmen. Es schadet auch
nicht, dafi in Kalkar ein preufiischer General geboren ist, der von
Seydlitz, der Sieger von Rofibach, ein weltlicher und grofier Herr,
und es macht nichts, dafi sein Denkmal auf dem Platz in der Mitte
der Stadt steht und seine Ansichtskarten verkauft werden neben den
Photographien der Altare.
Was ist ein General - und selbst ein siegreicher - gegen eine Holz-
schnitzerei aus der alten Kalkarer Holzschnitzschule?
192$ 409
Nur ein General! Aber die lachelnden Heiligen aus braunem Holz sind
die Sieger, und ihre Denkmaler ewiger, am ewigsten, und ihr Sieg so
unermefilich grofi, dafl ihn kein Geschichtsbuch enthalt.
Frankfurter Zeitung, 31. 5. 1925
EIN HERZOGTUM FAST ZU VERKAUFEN!
Das Herzogtum Sagan in Schlesien ist franzosisches Gut, der Herzog
von Sagan ist ein Franzose mit dem beriihmten Namen Talleyrand, der
Besitz noch aus jener fast sagenhaft gewordenen Zeit, in der die mach-
tigste aller Internationalen, die aristokratische, durch Krieg ungehin-
dert, durch diplomatische Verwicklungen unbeirrt, auf alien Hofen
heimisch war und mit alien Konigen ohne Unterschied der Nation auf
gutem Lebensfufi. Audi Sagan ist preufiisches Thronlehen. Damals
war der Patriotismus noch nicht in die aristokratischen Kreise gedrun-
gen, und es gehorte keineswegs zum guten Ton, einen »Erbfeind« zu
besitzen, damit man ihn bekampfe. Man kampfte fur die Person eines
Konigs, nicht fur die Macht, die er reprasentierte. Man kampfte flir
den Ruhm des eigenen Namens, nicht fur das Land, dem man ent-
stammt war. Das Standesbewufitsein war tausendmal starker als das
nationale. Der Konig von Preufien war keinem franzosischen Herzog
personlich bose, auch mitten im Kriegfuhren hatten die regierenden
Menschen iiber die Kopfe der Hopliten hinweg ein hofliches Lacheln
fiireinander.
Heute ist das kaum mehr verstandlich, trotz der Internationale des
Grofikapitals und der angeblichen des Proletariats. Deshalb ist das
franzosische Herzogtum mitten in Deutschland ein anachronistisches
Kapitel und, weil es nur durch das komplizierte »Lehensrecht« seine
juristische Existenz behauptet, auch noch ein schwieriges Diskussions-
thema fur Rechtsgelehrte. Es ist nicht nur ein Thronlehen mitten in
einer Republik - es ist auch ein franzosisches Herzogtum mitten in
Deutschland. Anlafi genug, um interessant zu sein. Sagan ist aber auch
in den letzten zwei Jahren aktuell geworden.
Vor 19 14 war der Anachronismus naturgemafi kleiner. Es ward im-
merhin noch erwogen, ob der junge Erbe des Herzogtums, der jetzt
410 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sechzehnjahrige Prinz von Sagan, nicht in die deutsche Armee ein-
treten und die deutsche Staatsbiirgerschaft erwerben sollte. Wahrend
des Krieges war davon natiirlich keine Rede mehr. In Deutschland
schlug eine grofie Tageszeitung vor, Sagan mit dem Herzogstitel
dem Feldmarschall Hindenburg zu schenken. Nach dem Kriege
wurde Sagan (dank dem Friedensvertrag von Versailles) schuldenfrei.
Die Talleyrands sind wieder rechtmafiige Besitzer des Gutes und des
Schlosses.
Nun aber kommt das dramatische Moment in die Gegenwartsge-
schichte des Herzogtums: Der junge Talleyrand will diesen Beskz
nicht. Es ist ein ungeheurer Reichtum: ein altes Schlofi mit mehre-
ren wertvollen Bildern, mit Mobeln aus vergangener Zeit, mit kostli-
chem Porzellan, mit historischen Reminiszenzen und Reliquen; mit
ungefahr achtzigtausend Morgen Wald; einer gutmiitigen und dank-
baren Bevolkerung, die in Gedanken an wohltatige Herren von
Sagan keinen nationalen Hafi gegen die Talleyrands kennt. Der
junge Talleyrand mochte dieses Schlofi nkht. Es ist zwanzig bis
dreifiig Millionen wert. Von Zeit zu Zeit tauchen Geruchte auf, die
wissen wollen, dafi das Schlofi zur Versteigerung gelangen soil. Kau-
fer aus alien Weltgegenden melden sich. Aber - das Schlofi wird
nicht verkauft.
Die Vormundschaft des jungen Erben mochte einen Kaufer finden,
der die Verpflichtung iibernahme, das Schlofi so zu erhalten, wie es
jetzt dasteht: als historisches Gut. Die Pietat kampft einen fast aus-
sichtslosen Kampf gegen die praktische Einsicht. Der junge Talley-
rand wird niemals in Deutschland wohnen. Das Gut mufi einen
Herrn haben.
Selbst wenn er nicht wollte - er muftte es verkaufen. Aber er ist ein
Talleyrand. Die Geschichte seiner Familie ist mit der Geschichte Sa-
gans zum Teil verbunden. Indessen mufi das Gut, urn Ertragnisse
anzuwerfen, nach dem willkurlichen Gutdiinken eines Kaufers ver-
waltet werden. Man kann von einem, der nicht gerade ein Talley-
rand ist, nicht erwarten, dafi er aus Pietat fur fremde Traditionen
draufzahle. Dem preufiischen Staat ist das Besitztum zu teuer. Es er-
gibt sich also die sehr merkwiirdige Situation, dafi in Schlesien ein
franzosisches Herzogtum zu verkaufen ist an einen idealen, niemals
aufzufindenden Kaufer. Viele Beamte leben auf dem Gut: die For-
ster, die Beamten der herzoglichen Kammer, ein deutscher Major,
1925 4"
der das Herzogtum verwaltet. Es ist ein Herzogtum zu verkaufen?
Aber eines, von dem man sagen konnte, es hange in der Luft, lage es
nicht in Schlesien. Ein Luft-Herzogtum, metaphorisch verstanden . . .
Ich, der ich in Sagan war, kann es dem jungen Talleyrand nicht iibel-
nehmen, dafi er keine Lust hat, das Schiofi seiner Vater zu beziehen.
In Sagan reprasentiert die Kultur ein zwar belangloses, aber nationale
Belange forderndes Blattchen, und aufierdem ist Sagan langweilig. Pa-
ris ist ohne Zweifel in teres santer. In Sagan halt zwar der D-Zug.
Aber von der Bahn in die Stadt ist ein Weg von einer guten Viertel-
stunde - und ich mochte ihn nicht einmal im Wagen mehr als einmal
im Jahr zuriicklegen. Manchmal tanzt man einen Abend lang im Ho-
tel die Shimmys, die, um eine Saison verspatet, in diesen Ort kom-
men. Ein Ringplatz ist vorhanden, die Kanalisation wird ausgebes-
sert, den Burgermeister griifien alle, in der Buchhandlung kauft man
SchreibutensiHen.
Der Park ist grofi, das Schiofi ist schon. Es enthalt u. a. Portrats scho-
ner, leider schon verstorbener Frauen und eines der interessantesten
historischen Stiicke: den Tisch, auf dem die Vertrage des Wiener
Kongresses unterschrieben wurden. Es ist ein gewohnlicher Konfe-
renztisch, mit mehreren Brandlochern im Tuch und, das wichtigste:
ein griiner Tisch - wie alle Tische, auf denen man Geschichte macht
und die Geschichte desavouiert. Grofie, helle Raume, »blaue« Sale,
Kristall, Silber, weite, herrschaftliche Bogenfenster, die in den wun-
derbar weiten, ausholenden, verschwenderisch griinen Park blicken
lassen. Luster, »K6nigszimmer«, Himmelbetten, ein grofies Buch, in
dem sich die Besucher eintragen, Majestaten und andere, Gewohn-
liche . . .
Aber ich verstehe den jungen Erben: Ich mochte nicht in diesem
Schiofi leben und mein eigener Ahnherr sein.
Frankfurter Zeitung, 5.6. 1925
PREMIERE IN ANNABERG
In Annaberg war Premiere. Man spielte den »Lumpazivagabundus« von
Nestroy auf sachsisch, und ich saft in der Loge fur zwei Mark fiinfzig
und genofi alle Wonnen eines Inkognitos. Es war mir freigegeben, von
meiner einsamen Hohe herab sowohl nach rechts als auch nach links
uberlegene Blicke zu schicken und geradeaus herunterzusehen auf die
Honoratioren der Stadt, auf die Burger ersten Ranges, die wirklich den
ersten Rang einnahmen. In kleinen Stadten ist man etwas, wenn man
etwas ist, korperlich, nicht nur metaphorisch, weithin erkennbar, alien
sichtbar. Zwischen der ersten Reihe und jener, in der das einfache Publi-
kum zu sitzen anhub, war ein leerer Raum, standen leere Stiihle, aus
Respekt unbesetzt, so dafi das Parkett an eines jener dicken Bucher
erinnerte, in die sich die Besucher sehenswiirdiger Schlosser eintragen:
Auf die erste Seite schreiben Monarchen und Fiirsten ihre erlauchten
Namen. Dann sind zwanzig Seiten frei. Auf der einundzwanzigsten
fangen die simplen Namen simpler Besucher an, die nicht zum Herrn
des Schlosses kamen, sondern zu seinen Kronleuchtern, seinen dama-
stenen Vorhangen und originalen Olgemalden.
Ich safi also, wie gesagt, in der Loge oben und sah in den Orchester-
raum, wo die Musiker ihre kleine Tragodie auffiihrten, die Basse und
Geigen stimmten, Zwiesprache hielten mit ihren Instrumenten und
auch musikalisch miteinander verkehrten, so dafi, als eine Geige der
anderen antwortete, mit dem gleichen sanften Ton der Ubereinstim-
mung, es war, als waren beide entschlossen, ihr Biindnis aufrechtzuer-
halten, den ganzen Abend hindurch, und als hatte jeder Musiker ver-
sprochen, dem andern keinen Bogenstrich durch die Rechnung zu ma-
chen. Der Primgeiger war ein junger, schmachtiger, blonder Mann mit
lyrisch gekrauselten Haaren, deren Widerspenstigkeit Talente verhiefi.
Aber er steckte in einem viel zu weiten hellen und karierten Anzug,
wie ihn der Bafigeiger hatte tragen miissen. Dessen Rock aber war zu
eng. Und keiner von den Herren trug ein ihm gemafies Kleid. Nur der
junge Kapellmeister, schlank, wie ihn der Ehrgeiz erhielt, trug einen
Frack, und er kam erst im letzten Augenblick, schnell, wie ein Lehrer
die Klasse betritt, und ehe ich ihn noch betrachtet hatte, wurde es fin-
ster, der Beleuchtung ging vor dem Kapellmeister gleichsam der Atem
aus, und eine Weile sah ich noch im Halbdammer den Vorhang aus
1925 4^3
Blau und Rot und fleischigem Weifi, den Himmel, die Saulen, die tra-
ditionellen weiblichen Wesen der Literatur und Kunst, die kiinstleri-
schen Offiziosen des Olymps und links und rechts zwei grofie Namen,
nichts mehr als zwei Namen, die wie Visitkarten aussahen: »Goethe«
und » Schiller «.
Dann begann das Spiel. Aus einer richtigen Versenkung, die einer
Grofistadt wiirdig ge wesen ware, tauchte Lumpazivagabundus hervor,
und nur ich konnte sehen, wie er auf einer beweglichen Fufiboden-
platte stand. Auf alle anderen mufke es den Eindruck machen, dafi sich
die Erde gespalten hatte, um den leichtfertigen Sohn der Unterwelt
hervorzuspeien. Auch den Souffleur horte ich, und ich sah hinter die
Kulissen, und vor mir tat sich das ganze Geheimnis des Theaters auf,
die Zauberei demaskierte sich, und ich schaute ein Geriist aus holzer-
nen und papierenen Knochen, Dennoch war ich nicht desillusioniert.
Denn ich genofi den primitiveren und echteren Zauber der Vorberei-
tung, nicht den der Vollendung. Es war, als hatte ich den Ankleide-
raum einer Frau gesehen und wie sie Toilette macht! Die Konstruktion
des Wunders ist auch ein Wunder, und die Entstehung der Illusion ist
auch eine Illusion.
Es war alles so ergreifend menschlich: Man sah die Note des Anf angers
und das Ende des Verkommenen, die Hoffnung und die Gleichgultig-
keit, die kleine Gage und die grofte Anstrengung, und weil von nie-
mandem mehr als der Text verlangt wurde und diesen der Souffleur
kostenlos spendete, spielte jeder der Akteure sich selbst zu fremden
Worten und war also ein schlechter Schauspieler, wenn man ihn horte,
ein glanzender, wenn man ihn sah. Er war echt, denn er brauchte sich
nicht zu verstellen. Er war nur verkleidet.
Die Pausen waren sehr lang, denn die Verwandlungen brauchten Zeit,
Das Publikum flanierte in den Gangen - und unter den Leuten befan-
den sich keine Kritiker und keine Leute vom Fach. Es war ein reines
Publikum, unberiihrt von Kennerschaft, und es nahm das Theater
nicht wichtiger, als es ist. Die Leute rochen sauber nach Seife, nicht
nach Literatur, sie waren durchsichtig wie blankgeputzte Fensterschei-
ben, und tief sah man auf die Griinde ihres Wohlwollens. Sie begeister-
ten sich nicht, sie zollten ehrlichen Beifall, und wenn sie, die wenigen,
klatschten, war es wie ein kleiner, lustiger Wellensturm eines kleinen,
provinziellen Sees voll geographischer Bescheidenheit.
Sehr spat gingen wir nach Hause. Wir schliefen alle ruhig, kein Schau-
414 DAS JOURNALISTISCHE WERK
spieler empfand Angst vor den Morgenblattern, und es gab keinen Kri-
tiker, der vor lauter witzigen Bemerkungen keinen Schlaf gefunden
hatte. Die Damoklesschwerter hingen in der Requisitenkammer und
waren aus Pappe, die kein so gefahrliches Material ist wie Zeitungs-
papier . . .
Frankfurter Zeitung, 10. 6. 1925
BESUCH BEI DEN WEBERN
Die literarische Fixierung eines Stoffes macht unlebendig, totet das
»Material«, insofern es noch eine weiter wirkende, selbstandige, von
Literatur unabhangige Existenz hat. Was einmal eine oder mehr end-
giiltige Formen gefunden hat, wandert so und nicht anders weiter
durch das Bewufitsein der Generationen, unverandert, obwohl es sich
unaufhorlich wandelt. Es ist bereits unsterblich geworden, das heifit
gleichzeitig: tot. Es ist zu einem Monument erstarrt. Es lebt im Ge-
dachtnis fort, aber nicht mehr irdisch.
Derlei monumental gewordene Gegenstande wieder zu entdecken,
bietet einen besonderen Reiz. Es gilt, den Stoff zu befreien von alien
Vorurteilen, die eine kunstlerisch endgultige Formung unabanderlich
verursacht. Es gilt, das bereits als » unsterblich « Begrabene wiederauf-
erstehen zu lassen, obwohl es lebt, weil es lebt. Es fallt dem Existenten
nicht ein, nur deshalb aufzuhoren, weil es im Bewufitsein der Mitwelt
schon in einem bestimmten Zustand fixiert ist. Es lebt unabhangig von
den literarischen Assoziationen weiter, an die wir es hangen.
Wenn wir hier von den deutschen Webern sprechen wollen, so bemii-
hen wir uns, diesen Begriff von jeder literarischen Reminiszenz zu be-
freien, die an ihm kleben mag. Wir denken zwar an das Gedicht von
Heine und das Drama von Hauptmann, aber wir wollen nicht entge-
gen der lebendigen Weber- Wirklichkeit eine durch Dichtungen beein-
flufite Anschauung vom Stoff iibermitteln. Er mag als »romantisch«
(im alltaglichen Sinn) gelten. Er ist es gar nicht. Er ist (im sachlichen
Sinn) eher wirtschaftlich. Das »Weber-Elend« als kunstlerisches Motiv
ist freilich vorhanden. Aber fast in dem selben Mafte wie das Arbeiter-
Elend uberhaupt. Den sozialen Gesetzen der Entwicklung gemafi sind
1925 415
die Weber heute im »Textil-Arbeker-Verband« organisiert. Innerhalb
der ehernen und tabellarischen Gesetze des wirtschaftlichen Lebens ist
zwar, wie iiberall, viel Platz fiir Poesie, aber wenig Zeit fiir eine »ro-
mantische« Betrachtung. Es gilt, vor allem festzustellen, dafi die Weber
je nachdem 48, 51, 53 Stunden in der Woche arbeiten; dafi nicht alle
Betriebe gegenwartig produzieren; dafi der Hochstlohn fiir Manner 62
und eine halbe Mark betragt, fiir Frauen 38; dafi der fiir ungelernte
Arbeiter 43 betragt, fiir ungelernte Arbeiterinnen 38 Mark; und dafi es
einige hundert »Kurzarbeiter« gibt.
Diese sachlichen Feststellungen nehmen eigentlich die wichtigste vor-
weg: dafi es sich langst nicht mehr um Heimarbeiter, sondern um Fa-
brikarbeiter handelt. Die Heimarbeiter sterben aus. Im September
19 1 8 waren von 112 ansassigen Webern im Erzgebirgsdorf Gnadenfrei
nur 48 beschaftigt. Und die jiingsten Weber waren zwischen 50 und 60
Jahren. Der eifrigste verdiente 20 Mark in der Woche und arbekete
von 6 Uhr friih bis 9 Uhr abends, also den ganzen Tag. Es gibt selbst-
verstandlich auch heute keine jungen Heim-Weber mehr. Die jungen,
aber auch die alteren gehen in die Fabriken. Urake Grofimutter und
Grofivater arbeiten noch vereinzelt, verstreut in verschiedenen Dor-
fern, zu Hause. Diese Alten leben ganz abseits der Zeit. Sie haben nicht
nur den alten (durch die Literatur bekannten) Hafi gegen die Maschine
und die Fabrik, sie sind auch jeder technischen Reform am Webstuhl
abgeneigt. Sie arbeiten noch mit den althergebrachten »Schiffchen« in
der Hand, was selbstverstandlich zur Folge hat, dafi sie viel zu wenig
abliefern und noch weniger verdienen. So horen sie auf, freiwillig oder
weil Krankheit sie lahmt und der Tod sie holt. Ich habe in der Nahe
von Hirschberg eine alte, /6jahrige Weberin aufgesucht. Sie zeigte mir
mit ruhrend zittrigen Handen selbstgewebte Hemdchen fiir ihre Enkel
und Urenkel. Sie sitzt seit 30 und mehr Jahren Tag fiir Tag am alten
Webstuhl. Nur dafi sie vor dreifiig Jahren noch einen kranken Mann
und zwei Tochter erhalten konnte. Heute webt sie, natiirlich ohne
Entgelt, nur fiir den Hausbedarf. Sie ist eine der letzten Weberinnen
der Gegend. Eines Tages wird sie der Tod am Webstuhl aufsuchen und
einschlafern. Die Maschine wird auf den Boden wandern, zu anderem
Geriimpel. Und nur die hangewebten Hemden werden dauern.
Ringsum im Lande aber stehen die Webereien, Fabriken mit Schloten,
hafiliche Ziegelhauser. In der Friihe stromen die Weber durch die gro-
fien Tore, Glocken lauten den Dienst ein, Sirenen ertonen, elektrische
416 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Kraft bewegt Hunderte Rader, und die Produktion ist trotz der nicht
sehr giinstigen Geschaftslage enorm. Freilich bedeuten auch die Fabri-
ken nicht etwa einen Bruch mit der Tradition, sondern im Gegenteil,
ihre Fortsetzung mit zeitgemafien Mitteln. Es ist vor allem eine geo-
graphische Tradition. Die Weberei ist ortlich gebunden. Ihre Heimat
bleibt das Riesengebirge. Auch heute noch klebt an jedem Stuck Lein-
wand, das die Fabrik verlafit, die ganze umfangreiche, an Elend und
Abwechslungen reiche Geschichte der Weber und der Weberei.
Die Geschichte der schlesischen Weberei reicht bis ins if.Jahrbundert
zuriick. Friiher waren es die Kloster, in denen der Flachs verarbeitet
wurde. Eine historisch nicht nachweisbare, aber immer noch im Volke
lebendige Uberlieferung will wissen, dafi der Handwerksbursche Jo-
achim Giroth aus Hirschberg im Jahre 1464 aus Haarlem zuriick-
kehrte, wohin er gegangen war, um sich in der Schusterei zu vervoll-
kommnen. In Haarlem aber lernte er durch Zufall die Schleierweberei.
Als Schleiermacher kehrte er in die Heimat zuriick und er fand Schiiler
und Nachahmer.
Die wissenschaftliche historische Forschung beschrankt sich auf die
Feststellung, dafi die, meist deutschen, Gebirgsbewohner des Landes
sich mit der Herstellung von Leinen befafiten. Die Leineweber lebten in
den Orten Landeshut, Schmiedeberg, Neifie, Greiffenberg, Schweid-
nitz, Jauer und Hirschberg. Zuerst war die Weberei ein nur weiblicher
Beruf. Erst die Ziinfte schaffen auch mannliche Weber. Die ersten We-
beraufstande brechen aus: 1436, 1529. Der Biirgermeister von Greiffen-
berg, Matthias Rothe, vertreibt die schlesische Ware nach Frankfurt
a. M., Koln, Augsburg und anderen Gegenden und macht Schlesien zum
Weltmarkt fur Leinenweberei. 1616 bricht der erste grofiere Weber-
streik aus. Die Aufstande wiederholen sich immer wieder. 1844 wird
Hirschberg der Revolutionsherd fur Schlesien. Hier entstehen die er-
sten revolutionaren Zeitungen: »Der padagogische Wachter«, »Die
Kanzel«, »Der Sprecher«. Seit 1849 gibt es Maschinen. Das Elend der
Weber hort auf, ein Volkselend zu sein. Der Tod der Handweberei setzt
ein. 1913 gibt es nur noch 2000 Hausweber in Schlesien, 1919 nur noch
tausend.
Nach der Revolution wurde die »Zentralarbeitsgemeinschaft der Tex-
tilindustrie« gegrundet, deren Ziel es ist, eine gemeinsame Losung aller
wirtschaftlichen Fragen zwischen Arbeitnehmern und -gebern zu fin-
den. Trotzdem ist hier und dort Unzufriedenheit, besonders mit den
1925 417
mangelhaften hygienischen Einrichtungen mancher Fabriken vorhan-
den. Die alte Rebellion lebt noch zeitweilig auf, und das alte, furcht-
bare und ebenso schone Weberlied ist noch nicht vergessen.
Hier im Ort ist ein Gericht,
Noch schlimmer als die Femen.
Wo man nicht erst ein Urteil spricht,
Das Leben schnell zu nehmen . . .
Hier hilft kein Bitten und kein Flehn,
Umsonst ist alles Klagen-
»Gefallt's euch nicht, so konnt ihr gehn,
Am Hungertuche nagen!« . . .
Hirschberg, das alte Zentrum der Weberei, liegt am Fuft des Riesenge-
birges, 343 Meter hoch. Es ist eine kleine Stadt, alt, im 12. Jahrhundert
gegriindet, reich an Denkmalern aus einer wunderbaren Zeit, in der die
Menschen noch bauten und nicht Hauser errichteten. Schon 1108 er-
teilte BoleslawIIL Hirschberg »Stadtrechte«. Derpolnische Einflufi ist
unverkennbar. Der »Ring« gleicht genau den Marktplatzen kleiner
polnischer Stadte. Runde Bogen, niedere Gewolbe, offene Laden auf
Stufen, Stufen, fur offenen Straflenhandel bestimmt, leichter Anflug
slawischer Melancholie auf den niederen, alten Fassaden.
Katholische Kultur ist iiberall noch vorhanden, aber nicht mehr leben-
dig. Eine katholische Kirche: eine kleine katholische Gemeinde; Ka-
tholizismus in Stein, erstarrt, wehmutig, zuriickgedrangt.
Was hier lebt, ist von eifrigstem Nationalismus erfullt. Ein ganzes
Volk in Windjacken patrouilliert, sobald die Dammerung hereinbricht,
mit grower Uberzeugung hin und zuriick. Die Garnison ist verhaltnis-
mafiig grofi, man sieht Soldaten, Soldaten, Soldaten.
In alien Lokalen trinkt man eifrig und mit grofiem nationalem Erfolg.
Man singt, schimpft auf die Juden und liest die nationalistischen Pro-
vinzblatter. Eine Unterredung mit dem Leihbibliothekar Hirschbergs
belehrte mich dariiber, was man in Hirschberg liest: Den Rekord
schlagt die Courths-Mahler, dann Romane Rudolf Stratz', Maria von
Nathusius gilt als schnurrig und »literarisch«. Walter Bloem ist gera-
dezu ein komplizierter Autor fiir Hirschberg.
Hirschberg ist von alien Stadten, die ich besucht, die einzige, in der ich
in einem Kino einen verfilmten Courths-Mahler-Roman sab.
In Hirschberg, der alten Zentrale der Revolution, lebt die spiefiige Re-
aktion, aber auch die aggressivste.
418 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Kein Wunder, dafi es den Webern schlechtgeht. Von alien arbeitenden
Frauen in der Weberei gibt es keine, die hundert Pfund Korpergewicht
erreichte. So schwache Revolutionary konnen dem Nationalismus des
Riesengebirges nicht imponieren. In alien Orten ist immer noch »ein
Gericht, schlimmer als die Femen« . . .
Frankfurter Zeitung, 12. 7. 1925
Frankreich
WIE MAN EINE REVOLUTION FEIERT
Paris, im Juli [1925]
Man tanzt in den Straften von Paris und freut sich liber eine Revolu-
tion, die schon so lange zuriickliegt, dafi man ein Historiker sein mufi,
um ihre lebendigen Folgen heute noch und uberall wahrzunehmen. Es
gibt wieder den unertraglichen Hochmut einer Kaste, der sich mit dem
der Guillotinierten messen darf. Dennoch ist der vierzehnte Juli das
Fest des Volkes. Im Glanz der alljahrlichen Siegesfeier vergifk man,
dafi der Anlafi langst durch die Entwicklung der Welt iiberholt ist. Der
Platz der Bastille ist so wunderbar illuminiert, dafi man sich der grofien
historischen Illumination erinnert; und in dem Gedrange der Schaulu-
stigen ist so viel elementare Kraft, da£ die groftartige Furchtbarkeit der
Masse wieder fuhlbar wird - heute wie damals.
Seit drei Tagen tanzte man. In der Mine der Straflen und Platze spiel-
ten Musikkapellen. Groftvater tanzten mit Enkeln, Mutter mit Toch-
tern, Vater mit Sohnen. Eine ungeheure Weltstadt wollte keine Welt-
stadt sein, sondern eine Weltfreude. Sie setzte die Unordnung, die
Aufierordnung des Festes, in die Rechte der offentlichen Ordnung ein.
Chauffeure liefien die Wagen stehn, stiegen ab, nahmen einen Trunk
und einen Tanz und fuhren weiter. Denn die Strafie gehorte nicht ih-
nen, solange sie nur Chauffeure waren, sondern erst, als sie Tanzer
wurden. Auch der Biirgersteig gehorte den Tanzern und nicht den Pas-
santen. Wer ware da nicht Tanzer geworden?
Im Schmuck der Strafien war keine Gewaltsamkeit, und die Fahnen,
wie bunte Briicken der Freude iiber Kreuzungen gespannt, waren kein
»Aufputz«. Sie wuchsen aus Portalen und bluhten aus Fenstern. Alte
Mauern erwiesen ihre Fruchtbarkeit und gebaren Zierat. Das Fest war
weder eine Improvisation noch eine muhsame Inszenierung. Es wuchs
aus dem Asphalt, der das ganze Jahr so ist, als miifken fertige Musikan-
ten aus ihm entsprieften. Rote Lampions hingen in den Baumen. Sie
sahen nicht aus wie »seltsame Friichte«. Weit entfernt davon, Gelegen-
heit zu billigen Vergleichen zu bieten, waren sie nichts mehr als be-
420 DAS JOURNALISTISCHE WERK
leuchtetes rotes Papier und dennoch heimisch im natiirlichen Laub. Es
umschloR sie, und sie durchbrachen es. Wunderbar fiigte sich Klinst-
liches in Natur. Und obwohl unten die Kellner sofort kassierten, war
es doch so, als bekame man alles umsonst - weil man es in der herrlich-
sten Mitte der Fahrbahn bekam. Der Arme fuhlte nicht, dafi er ver-
schwendete, und das Bezahlte war geschenkt.
Am Abend des vierzehnten Juli ereignete sich das Feuerwerk. Arbeiter
fiillten die Strafien, und die reichen Leute safien arm in den groEen
Fremden-Automobilen und wurden schnell herumgefuhrt. Jede Pa-
radegeste fiillte sich sofort mit historischem Gehalt. Die Illumination
war keine leuchtende Phrase. Die Lichtreklamen ertranken in der Fiille
des wieder in seine Rechte eingesetzten, der Freude gewidmeten
Lichts. Bunte, knallende Raketen gebar der Horizont. Auf den Schul-
tern der Vater jubelten die Kinder. Diese Kinder, die niemals aufhoren
werden, Republikaner zu sein, auch wenn sie einmal Opfer der Politik
werden miifiten.
Denn sie haben in einem Alter, in dem ein Feuerwerk erhaben er-
scheint, den fernen, aber verwandten Glanz einer Flamme gesehn, die
Revolution heifit! . . .
Zu Lebzeiten unveroffentlicbtes Manuskript
WIRKUNG EINES BOULEVARDBLATTES
Es ist die lauteste Stunde des Tages, in der das Boulevardblatt er-
scheint. Die Millionen Lettern seiner hunderttausend Exemplare er-
zeugen einen optischen Tumult, der den horbaren der Kolporteure
uberflussig macht. Die massiven Buchstaben, aus denen sich die Titel
zusammensetzen, fallen mit unvergleichlichem Krach, wie schwere
Balken aus Ebenholz, uber die Welt. Es ist nicht notig, das Boulevard-
blatt zu lesen. Seine Nachrichten erfiillen das unwilligste Ohr mit Ge-
tose und geben sich selbst kund, ehe man hingeht, sie zu horen. Nur
sehr neugierige Menschen, die ihr Laster glauben macht, daft nach
solch grofiartigen Titeln noch grofiere Ereignisse folgen und dafi sich
hinter solchen Donnern noch ein Gewitter verbirgt, kaufen das Boule-
vardblatt und lesen es sogar.
1925 4"
Zu den Lesern des Boulevardblatts gehort Gaston Parrain, ein
schwachlicher und wahrscheinlich furchtsamer Mensch mit einer star-
ken Einbildungskraft, dessen Genufi die Aufregung ist. Er sitzt auf
seiner Steinbank im offentlichen Park, in einer abgeschiedenen Allee,
und entfaltet das Boulevardblatt. Sein Blick haftet sofort an dem Titel,
der uber drei Spalten lauft und dessen Buchstaben etwa 15 Zentimeter
grofi sind:
»Ein Polizist ringt verzweifelt mit einem Einbrecher und schieflt, an
der rechten Hand schwer verletzt, mit der linken.«
Gaston Parrain liest den Bericht. Er erfahrt alle Details der Begeben-
heit, er sieht den Polizisten vor der Tiir warten, den Einbrecher hinter
der Tiir lauern, sprungbereit, den Revolver in der Rechten, die Linke
zum Wiirgegriff gespreizt, er hort die unvorsichtige Bewegung des Be-
amten, hort das schicksalhafte Knarren der Tiir, fiihlt den Sprung des
Einbrechers und gelangt in diesem Augenblick an den Zwischentitel,
der schwarz aus dem weifien Papier hervorspringt, als ware er soeben
erst aus der Maschine gekommen:
»Da knallte ein Schuft.«
In der stillen Allee wird es dunkel. Der Abend selbst kommt in diesen
Teil des Gartens wie eine plotzliche, schwarze Kunde, ohne Damme-
rung, die Vogel flattern erschrocken auf, ein f rem der Wind, wie er
wahrscheinlich einmal den Untergang der Welt beschreiben wird,
streicht uber das Boulevardblatt, dafi es knistert, und die Buchstaben
des unheimlichen Berichts werden immer kleiner.
Da erhebt sich Gaston Parrain, hart an seinem Ohr vorbei saust eine
Kugel, eine Tiir knarrt, er duckt sich, seine rechte Hand ist ein blutiger
Fetzen, mit der linken versucht er einen schwarzen, bartigen und mas-
kierten Mann zuriickzustofien, der auf ihn stiirzt. Gaston Parrain fallt,
stohnt, sucht seine Alarmpfeife und findet sie nicht, zugleich hort er
den Einbrecher, der klirrendes Silber in einen Sack packt. Gaston Par-
rain greift mit letzter Kraft in die Revolvertasche, sein Zeigefinger er-
iahmt, er driickt schnell ab und schiefk in die Richtung, in der sich sein
Feind befinden mufi.
Er hort noch das ersterbende Echo seines Schusses, fiihlt plotzlich
einen brennenden Schmerz in der Schulter, hort gurgelndes Wasser aus
einem verborgenen Kanalgitter und das Ticken seiner Uhr aus der
Westentasche.
Er sucht das Boulevardblatt, das der Wind davongetragen hat. Er zieht
422 DAS JOURNALISTISCHE WERK
die Uhr, entziffert die Stunde, erschrickt, erhebt sich und versucht,
seinen Anzug vom Staub zu reinigen. Er wohnt drei Strafien weiter.
Grofie Furcht vor seiner Frau, die heute ins Kino gehen wollte, erfiillt
ihn. Er springt, den Hut in der Hand, mitten zwischen rasende Auto-
mobile, und es ist ungewifi, welche von beiden Gefahren er iiberstehen
wird:
Die todliche Strafte
oder
die wartende Frau.
Frankfurter Zeitung, 30. 7. 1925
AMERIKA UBER PARIS
Uber den Dachern der Hduser von Paris lachelt ein fiirchterlicher Rie-
sensaugling von kolossaler Gesundheit. Er macht Reklame, er ist Re-
klame fur eine Seife, deren entsetzliche Wirkungen er selbst ubertrei-
bend reprasentiert. Dieser aufgestockte Saugling ohne Unterleib, des-
sen Mund 15 Meter breit ist, dessen runde Tieraugen einen Durchmes-
ser von drei Metern haben, nistet an den Mauersimsen und Bretterzau-
nen, ein robustes Ungeheuer, das heute noch lachelt, morgen schon
grinsen wird, ein Sportsaugling, dessen Antlitz ein bunter Fufiball ist
und der den kommenden Menschen ankiindigt. Es wird der Idealtyp
des amerikanischen Mannes sein, der immer schon so grofie Kinder-
schuhe getragen hat, daft er sie niemals abzulegen braucht; der naive
und brutale, sentimentale und eiserne, hundertprozentige und Kinder-
wagen schiebende Rekordlaufer. - Es ist zwar eine franzosische Seifen-
firma, die diesen Saugling uber Paris schwingt. Aber es ist mehr als
eine Reklame, es ist ein Symbol, es ist Amerika: Amerika uber Paris.
Ich fiihle den schwarzen Schatten der Wolkenkratzer und ahne sein
Dunkel im Anblick der bunten, tanzenden Lichter, die Schuhe, Kinos,
Fiillfedern und Frauen versprechen. Ein internationales Publikum, das
nicht international ist, sondern nur so genannt wird, weil es mit ver-
schiedenen Wahrungen zahlt, verlangt fur sein Geld die allerletzten
Revuen mit elektrischem Scheinwerferlicht und Heifiluftbadern und
die mit modernstem Komfort ausgestatteten Hofman-Girls; aber auch
1925 423
echtes Pariser Apachentum und lokale Sensationen mit garantiert vor-
iibergehendem Nervenschock. Willig fiigen sich die Boulevards und
Amusements den Forderungen des Fremdenverkehrs. Nichts ist ihnen
fur die Gaste zu billig. Alles wird ihnen teuer gemacht. Manchmal
degradiert sich die ganze wunderbare Stadt zu einer Saison fur
Fremde; und ist immer noch eine wunderbare Stadt. Die langweilige
Buntheit der Lichtreklame wird hier eine lebendige Buntheit. Dennoch
kampft die ewig formende Atmosphare von Paris auf die Dauer verge-
bens gegen den brutalen Inhalt, der ihr unaufhorlich geliefert wird.
Sie kann kaum noch die Fremden verdauen, die gekommen sind, um
an anderen Fremden zu verdienen; Da tummelt sich eine grofie Schicht
wesenloser und hurtiger Konjunkturgeschopfe; Sumpfgeborene in ste-
ter Amusierbereitschaft und im »Fieber der Eroffnungen«. Da leben
die Baialaika-Russen, die ihre Heimat aufgegeben haben und vor Sehn-
sucht nach der guten, alten Zarenzeit sie durch Seide und Flitter im
Variete zu rekonstruieren suchen. Arme Menschen, blind geworden
vom Blitz der Revolution, vom Schicksal verflucht, aus ihrem Heim-
weh Profit zu schlagen, ohne Zusammenhang mit der Erde, die ihre
Talente genahrt hat, und nur von Erinnerungen zehrend und Historie
gewordenen Begriffen, deren Verwendbarkeit gerade noch fur die
Wahrheit einer Operette reicht. Da kommen aus England die Sanger,
die nicht singen konnen, aus Amerika die Tanzer, die nicht tanzen
konnen, und aus alien Teilen der Welt die schonen, nackten Frauen,
die nicht schon und nicht nackt sind. Da kommen die Steptanzer, de-
ren Sohlen so klappern, als liefen Totengerippe auf Holzpantoffeln,
und die Saxophonetiker, deren Instrumente so tonen, wie wenn sich
eine ungeolte Hollentiir in den Angeln bewegte. Da kommen die
Schneider, die Buhnenrevuen erdichten, und die Dichter, die Frauen-
kleider zuschneiden, die Beleuchtungskiinstler mit den Lichteffekten
und die Semi-Spanier mit den Kastagnetten. Und nur da und dort,
zwischen so viel Blendwerk und Dilettantismus, der sich lachelnd zu
erkennen gibt, die schone Weiblichkeit der Spanierin Raquel Meller,
das Temperament der Mistinguette, die grofie Bosheit des grofien
Kriippels Little Titch, der schone Korper einer spanischen Tanzerin
und der tragische Humor einiger Clowns aus der Welt Shakespeares.
Sie gehen nicht unter, aber sie kommen zur Geltung in diesem Gewim-
mel der Dummheit - und das ist noch trauriger. Man geht ebenso ih-
retwegen hin, wie um die Frauen zu sehen, die (als hatten sich Pfaue
424 DAS JOURNALISTISCHE WERK
von StrauSen Federn ausgeliehen) grofie Rader schlagen in den moder-
nen Straufknkostiimen; um die Chansons zu horen, die ein heiserer
Frack ableiert; um sechsunddreifiig zur Anregung bestimmte und den-
noch den guten Ruf wahrende Girl-Beinchen zu sehen, die aus der
keuschen Gymnastik ein erotisches Geschaft machen. In der Pause
aber, die keine Pause ist, ladt ein fetter Halborientale zu orientalischen
Bauchtanzen ein und lafit alltagliche, allnachtliche Frauen aus Smyrna
und Czernowitz torichte Drehungen auf Kunstgewerbeteppichen voll-
fiihren.
In den engen Gassen des Montmartre tonen die Hupen der Autos mit
hundertfachem Echo wider, gelle Lasterungen gegen die Ehrwiirdig-
keit der Mauern und gegen die Echtheit, die sich hier verbirgt, um sich,
wenn der Abend kommt, vom zahlenden Publikum doch herauslocken
zu lassen. Flink legt die echte Schminke noch eine falsche Schmink-
schicht auf. Das Elend der Blumenhandlerin wird unwahrscheinliches
Elend. Das Gebrest des Bettlers ein iibertriebenes Gebrest. Weil dieses
Auditorium dem echten Sanger lauscht, wird sein Lied falsch. Eine
Welt von Snobismus bricht aus den Automobilen. Ihre schmerzenden
Scheinwerfer schalen das schone Dunkel von den schonen Hausern.
Die Wagen warten in den engen Winkeln, bis die Gaste vom Lokalko-
lorit genug haben, das man ihnen gegen Eintrittskarten serviert, und
sausen dann abwarts in die modernen Garagen nuchterner Welthotels.
Es dauert lange, nachtliche Stunden, ehe die Schonheit der Gassen wie-
der zu sich kommt.
Aber sie kommt immer wieder. Keiner der vielen Panoramasucher von
Geburt und Bankdepot kann die Schonheit dieser Welt banal machen,
der Stadt mit tausend bewegten Tiirmen in einer Luft von Glanz,
Wind, Himmel und Abend. Millionen unruhiger, nervoser Schorn-
steine auf Millionen Dachern, ein Ozean von Hausern mit kaum ge-
ahntem Ufer, ein zu Harfenlauten erstillter Tumult, eine bewegte Er-
habenheit, die jeden in die Tiefe lockt wie ein Wasser. . .
Da flammt, die ganze Hdhe des Eiffelturms entlang, der Name einer
beruhmten Firma auf, die es sich leisten kann, die Wahrzeichen der
Welt zu kaufen - und Amerika ist wieder iiber Paris . . .
Der Schlufi dieses Aufsatzes wird durch einen Brief, der uns heute aus
Paris zugeht, nur allzusehr bestatigt. Er lautet:
Dieser Sommer in Paris ist nicht heifi, nicht kalt, nicht regnerisch, er ist
1925 4*5
. . . amerikanisch. Uberall hort man das amerikanischnasale Englisch
sprechen, uberall begegnet man hageren Gestalten mit absatzlosen
Schuhen, mit grofien Hornbrillen - auch bei den Frauen-, liberlebens-
breiten Herrenanziigen, rote Baedeker in den Handen und viele Stocke
und Schirme. Auf alien Boulevards vor den grofien Vitrinen wird laut
diskutiert, ob die ausgestellten Gegenstande teuer oder billig seien.
Uber alle Avenues fahren »Gesellschaftsautos«, vollgestopft mit 50 bis
60 Amerikanern, die artig und fromm, wie in einer Schule, auf den
Banken sitzen. Ein »Guide« lafit das Auto ab und zu halten und be-
lehrt seine Opfer, die ihm mit einem »Ouhh!« im Chorus antworten.
In alien Restaurants sind alle Kellner auf amerikanisches Publikum hin
trainiert; auch ein Tschechoslowake, ein Russe oder ein Deutscher,
wenn er nur sein Essen in gebrochenem Franzosisch bestellt, wird von
mindestens fiinf Kellnern bedient. Die Rechnungen werden gleichfalls
speziell zu diesem Zweck fabriziert. Die Franzosen selbst sind wirk-
lich zu bedauern: Sie werden iiberhaupt nicht bedient; stundenlang
sitzen sie da und verlangen hungrig und verzweifelt nach dem Essen,
das die feschen und jonglierenden Kellner vor ihren Nasen den »ameri-
kanischen« Herrschaften servieren. Nur im Sommer sieht man so viele
mit Gold und Silber bestickte Kleider in den Schaufenstern. Die ele-
gante und geistreiche Linie der Pariser Schneider und Modisten wird
im Sommer iippig und reich: amerikanisch. In den Schuhgeschaften
sieht man seltsame Schuhe ohne Absatze, ein Mittelding zwischen San-
dale und Sportschuh, aus farbigen Brokaten, aus Gold, Silber und Perl-
mutter; so etwas wiirde eine Pariserin nie sich anzuziehen trauen ... In
der Kunstgewerbeausstellung gibt es in der italienischen Abteilung
einen Pavilion der mit Gold und Silber bemalten Stoffe der Signora
Gallenga. Prachtige Mantel und Kleider, mit Renaissance-Ornamenten
verziert. Hier geben sich die amerikanischen Damen ein Rendezvous.
Sie betasten diese Stoffe stundenlang und probieren alle an. Die jiinge-
ren, mit kurzen Naschen und schlanken, schonen Beinen, wickeln sich
wolliistig in diese »Borgia«-Mantel und sehen darin aus wie Variete-
Girls. Auch die alteren, iippigen Matronen mit grofien Hornaugengla-
sern konnen der Versuchung nicht widerstehen, und auch sie hiillen
sich in eine rote oder violette Renaissance-Samtrobe »Ouhh!«
Auch im Louvre vor der Venus von Milo, vor der Mona Lisa und vor
den Sklaven des »Maikel-Engil« singen sie ihr »Ouhh!« Nach dem Di-
ner residieren sie in den grofien Musikhallen. Alle billigen Platze sind
426 DAS JOURNALISTISCHE WERK
leer, aber die Logen und das Parkett sind iiberfullt. Auf der Buhne
Tanze, englisch sprechende Exzentriks und Akrobaten, die unver-
meidlichen Girls in fabelhaften Toiletten dort, wo es mit Nacktheit
schlechthin nicht mehr geht . . . Dafur im Zuschauerraum trotz der
Hitze keine Dekollet.es, denn alle Amerikanerinnen haben ihre . . .
Pelzmantel an. Hermelin- und Chinchilla-Mantel, Fuchse und Herme-
line . . .
Frankfurter Zeitung, 26. 8. 1925
Im mittaglichen Frankreich
LYON
Acht Stunden dauert die Fahrt von Paris nach Lyon. Unterwegs veran-
dert sich die Landschaft sehr plotzlich. Nachdem man einen Tunnel
passiert hat, ist man in einer sudlicheren Welt. Steile Abhange, gespal-
tene Felsen, die ihre steinerne Struktur enthiillen, tieferes Grim, wei-
cher, blaftblauer Rauch von starkerem, entschiedenem Himmelblau.
Ein paar Wolken stehen trage und massiv am Horizont, als waren sie
nicht Dunst, sondern dunkles Gestein. Die Konturen aller Dinge sind
scharfer, die Luft ist unbeweglich, ihre Wellen umschmeicheln die fe-
sten Korper nicht mehr. Jeder hat seine unverriickbaren Grenzen.
Nichts schwebt mehr zwischen hier und dort. Es ist unbedingte Si-
cherheit in allem, als wiifiten die Gegenstande mehr von sich und ihrer
Stellung in der Welt. Hier zweifelt man nicht mehr. Hier ahnt man
nicht. Man weift.
In Lyon zeigt das Thermometer 35 Grad. Es ist sehr heifi. Dennoch
sind Straften und Menschen nicht trage und mude, sondern heiter und
bewegt. Jeder Mensch bemerkt: »Diese Hitze!« und beweist also, daft
er sie noch frohgemut ertragt. Der Gepacktrager sagt es, der Chauffeur
und der Liftboy. Nur der Zimmerkellner glaubt, es ware eine uner-
laubte Intimitat, von der Temperatur zu sprechen. Er kampft einen
schweren Kampf mit sich. Da sage ich: »Diese Hitze!«, und er ist be-
freit, als hatte ich ihm Kiihlung verschafft.
Dieser Kellner ist hoflich wie alle seine Lyoner Kollegen. Sie haben
nicht die subalterne Hoflichkeit des Bedienens, sondern die selbstbe-
wufite des Bewirtens. Ich bin ihr »Gast« nicht nur im fachtechnischen
Sinn. Wenn sie so beschaftigt sind, dafi sie mich nicht anhoren konnen,
lacheln sie wenigstens. Ich weift, da£ sie mich nicht vergessen, dafi sie
wiederkommen. Sie erklaren mir, wie die Speisen aussehen, die sie mir
empfehlen, ohne tjbertreibung, aber mit iiberzeugender Rhetorik. Sie
unterscheiden sich sehr vorteilhaft von ihren Pariser Kollegen, die ha-
stig sind und Geschaftsleute mit Bravour.
Die Lyoner sind hoflicher als die Pariser, nicht nur, weil sie ruhiger
428 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sind und mehr Zeit haben, sondern audi, weil sie vornehmer sind.
Lyon ist eine alte Stadt, es ist 43 Jahre vor Christi Geburt gegriindet
worden. Der Fiihrer berichtet, dafi Augustus in Lyon einen Palast,
mehrere Monumente und einen Aquadukt von 84 Kilometern hat auf-
fiihren lassen. Dieses alte Lyon liegt am rechten, ziemlich jahen Ufer
der Saone. Steinerne Treppen verbinden die iibereinanderliegenden
Gassen. Die Hauser steigen steil an, ihre Dacher bilden Stufen. Eine
Zahnradbahn fuhrt zur Hohe und zur Kathedrale, die ihre stolze Front
wie ein herrschendes und wachendes breites Angesicht der Stadt zuge-
wendet hat - der alten, der spateren zwischen Rhone und Saone und
der jiingsten, am linken Ufer der Rhone entstandenen und immer noch
wachsenden.
Es sind drei durch die Fliisse Saone und Rhone voneinander getrennte
Stadte. Dank den Flussen drei Stadte von verschiedenem Charakter. Es
ist an diesem Beispiel zu sehen, wie sehr Wasser scheiden kann. Im
altesten Teil mischt sich Heidnisches mit fruhem Mittelalter und mit
der Gegenwart in einer lebendigen und intimen Weise. Steine, Topfe,
Brunnen, Scherben, Tiergestalten uberall. Das Steinbild eines Hundes
vor einem Garten, in dem Rosen bliihen, tragt die Inschrift »Cave
canem«; und es ist beruhigend zu sehen, daf? die Schulgrammatik
wirklich recht hatte.
In diesem altesten Teil der Stadt ist kein historisches Andenken tot.
Die alten Gegenstande liegen an den Wegen. Das neue Leben bluht
nicht aus den Ruinen. Die Ruinen bliihen im neuen Leben. In einem
Museum waren sie Gegenstande der Bildung gewesen. Hier aber ent-
deckt jeder Voriibergehende jeden Stein aufs neue, und jeder fiihlt die
Wonnen des ersten Entdeckers.
In dieser Stadt wird die franzosische Seide erzeugt, die in alle Lander
der Welt geht. Hier leben Chinesen, Levantiner, Spanier, Tunesier,
Araber. Man arbeitet, wie man nur in einer deutschen Stadt zu arbeiten
versteht. Aber man freut sich, ifit und lebt, wie man nur in einer fran-
zosischen sich freuen, essen und leben kann. Ein Fremder ist hier we-
niger fremd als in Paris. Niemand wundert sich iiber ihn. Viele Welten
stofien hier zusammen. Griechische, polnische, spagniolische Juden
machen hier Geschafte. Die Seide ist ein edles Produkt. Ich glaube, daE
es ein grofies Vergniigen ist, an der Seide zu arbeiten. Aber ein grofie-
res, an ihr zu verdienen.
1925 4*9
Die Fabrikanten haben Villen jenseits der Rhone. Hier wohnen auch
die Arbeiter - aber nicht in Villen, sondern in Mietskasernen. Am
Abend gehe ich hierher. Nur bei den Armen fuhlt man den Abend.
Den andern ist er die Fortsetzung des Tages. Den Armen ist der Abend
die Ruhe. Sie sitzen vor den Tiiren, sie stehen vor den Fenstern, sie
wandeln langsam zu den Ufern und sehen ins Wasser. Aus ihren harten
Handen rinnt die grofie Miidigkeit des Tages. —
Frankfurter Zeitung, 8.9. 1925
KINO IN DER ARENA
In der Arena von Nimes, wo die famosen Stierkampfe an manchen
Nachmittagen stattfinden, hat sich fur die Abende ein Kino installiert,
das immerhin kultivierter ist als ein Stierkampf. Man gibt die »Zehn
Gebote«, den groften amerikanischen Film, den man in Deutschland
schon kennt. Am Abend gehe ich in die Arena.
Man rechnet damit, dafi es nicht regnet, und man hat's leicht in Nimes.
Es regnet hier sehr selten und sehr kurz. Die Steine werden am Abend
kiihl. Ein paar Bogenlampen beleuchten die eine Halfte der Arena. Die
andere bleibt im Schatten. Aus ihm wachsen gespenstig und weift die
Konturen der rissigen groften Steinblocke. Sie haben schon so viel er-
lebt, diese Steine. Im Mittelalter wohnten 200 Familien in den Mauern
der Arena und errichteten (in einem der geraumigen Torbogen) eine
Kirche. Im Krieg diente die Arena als Festung. Sie machte den Wandel
der Zeiten durch und ist immer wieder das Wahrzeichen jeder Epoche.
Im Jahre 1925 ist sie keine Kirche mehr, sondern ein Kino, in dem man
allerdings die »Zehn Gebote« spielt. In einer Zeit, in der man sie nicht
befolgt, ist das auch schon viel.
In der Mitte der Arena steht die Leinwand wie eine weifie Schultafel.
Im gegeniiberliegenden Torbogen surrt der Apparat. Die Musik sitzt
vor der Leinwand. Die Zuschauer wandeln (fiir 50 Centimes) auf den
hochsten und etwas tieferen Steinsitzen. Manche, die es kiihl und frei
haben wollen, stehen auf dem oberen Rand der Mauer, schwarz gegen
den blauen Himmel. Es ist ein herrliches Kino, hygienisch, kiihl, ohne
jede Feuergefahr und erhabener, als es ein Kino notig hat. Wenn ein
430 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Amerikaner zufallig darauf kommt, dann baut man im nachsten Jahr
in den Vereinigten Staaten fur Filmabende die grofke Arena der
Welt aus Beton mit Pliischuberzug, Wasserleitung, Klosett und
Glasdach.
Ehe die Vorstellung beginnt, tummeln sich die Kinder hinter der
Leinwand und spielen Fangen, Vater, leih mir die Scner' und Ver-
stecken. Alle Kinder von Nimes - das Volk ist hier fruchtbar - ge~
hen ins Kino. Die Mutter vergessen nicht, die Sauglinge mitzuneh-
men. Die jiingsten Kinobesucher zahlen nichts, sehen allerdings
auch nichts, sondern liegen mit offenen Miindern gegen den nachtli-
chen Himmel, als wiirden sie Sterne schlucken wollen.
Beinahe konnte man's. In dieser Gegend treibt der Himmel einen
iiberraschenden Luxus mit Sternschnuppen. Sie fallen nicht im Bo-
gen abwarts wie im Norden, sondern seitwarts, so als wechselten
Sterne ihre Lage. Es gibt viele Arten von Sternschnuppen. Wahrend
auf der Leinwand eine sentimentale, mit Ozean verwasserte Bibel
gefilmt wird, betrachtet man am besten die Sternschnuppen. Manche
sind rot, grofi und klobig. Sie wischen langsam liber den Himmel,
als gingen sie spazieren, und hinterlassen eine diinne, blutige Spur.
Andere sind silbern, klein und hurtig. Sie fliegen wie abgeschossene
Kugeln. Andere sind strahlend wie kleine laufende Sonnen, sie er-
hellen den Horizont betrachtlich fur eine lange Weile.
Manchmal ist es, als offnete sich der Himmel und liefie ein Snick
rotgoldenen Unterfutters sehen. Dann schliefit sich schnell der Spalt,
und die Herrlichkeit ist wieder fur ewig verborgen.
Von Zeit zu Zeit fallt eine grofie, nahe Sternschnuppe. Dann ist es
wie ein silberner Regen. Alle verschwinden in derselben Richtung.
Dann ist wieder diese scheinbare Ruhe am tiefen Blau, dieses ewige
Stehen der Sterne, von denen man doch fiihlt, dafi sie wandern, auch
wenn man es nicht gelernt hatte.
Da sind wieder die alten, vertrauten Sternbilder, die jeden Menschen
an die Kindheit erinnern, weil man sie nur als Kind mit Inbrunst
betrachtet. Sie sind uberall. Da ist man so weit von seiner Kindheit
fortgefahren und trifft sie doch wieder. So klein ist die Erde.
Und wenn man einen Fleck auf ihr flir die Fremde halt, so ist es ein
Irrtum. Es ist uberall Heimat. Der GroEe Bar steht ein brikhen na-
her- das ist alles.
Es war ein guter Gedanke, in der alten romischen Arena einen Film
1925 43i
aufzufiihren. In diesem Kino gelangt man zu trostlichen Resultaten,
wenn man nicht auf die Leinwand sieht, sondern auf den Himmel.
Frankfurter Zeitung, 12.9. 1925
NICHTS EREIGNET SICH - IN VIENNE
Aus dieser Stadt gibt es nichts zu berichten. In dieser Stadt geschieht
nichts mehr. Es 1st alles schon geschehn. Es 1st eine Stadt der grofien
Ereignislosigkeit. In den Strafien schlaft die endgiiltige Ruhe, aus der
nichts mehr geboren werden kann. Es ist nicht die heitere Stille eines
sommerlichen Kirchhofs. Es ist die wuchtende Schweigsamkeit aufge-
deckter Katakomben: die Stille des Steins, der toter ist als Stein: ver-
storbener Stein.
Drei Tage lebe ich in Vienne, einer der altesten, vielleicht der altesten
Stadt Frankreichs. Ich warte nicht mehr auf Ereignisse. Mir ist, als
konnte in der ganzen grofien Welt nichts mehr passieren. So iiberzeu-
gend ist ein Tod, mit dem man sich langst abgefunden hat: ein histori-
scher Tod; mit Sarkophagen, die sich langst geschlossen haben: ein
grower Untergang, den man schon vergessen hat.
Vienne hat 24 887 Einwohner. Aber unter ihnen sind vielleicht tausend
jung. Zweitausend sind arbeitende Manner und Frauen, die man nicht
sieht. Der Rest besteht aus Kindern und Greisen. Wenn die Kinder alt
sind, dafi sie die Stadt verlassen, liegen die Greise auf den Totenbetten.
Dann gibt es keine Menschen mehr in Vienne. Welch ein Wunder, dafi
es langst nicht mehr so ist! Vielleicht kommen diejenigen, die in
Vienne geboren sind, wieder zuruck, wenn sie den Tod nahen fiihlen.
Denn der Tod ruft den Tod herbei, das Gestorbene lockt die Sterben-
den - und es gibt eine Vorfreude der endlichen Seligkeit.
Ich hore seit drei Tagen kein Lachen. Ich sehe kein Antlitz, das Sorgen
von heute und morgen und Freuden von heute und morgen verraten
konnte. Ich sehe nicht den Schmerz eines Hungrigen. Ich sehe nicht
die Bewegung eines Geschaftigen. Ich hore keinen Gesang und keine
Musik. Nur Glocken schlagen von Tiirmen aus alter Gewohnheit,
nicht um die Zeit zu kiinden. Die Zeiger der Uhren drehn sich ohne
Zweck. Diese Stadt rechnet nach Jahrhunderten, nicht nach Stunden.
432 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Sie miifite Uhren von jener Beschaffenheit haben, wie es sie vielleicht
im Jenseits gibt.
Ich habe noch keinen Hund bellen horen. Es gibt hier Hunde. Sie
liegen in der Mine der kleinen Gassen und schlafen. Nichts kann sie
wecken. Die Katzen hocken an den Schwellen und in den Fenstern und
sind von einer unendlichen Weisheit. Die Tiiren aller Hauser sind of-
fen. Alle Fenster sind offen. Es went kein Wind, der den Scheiben oder
den Menschen gefahrlich werden konnte. Und gabe es einen Wind,
weder die Gegenstande noch die Menschen wiirden ihn fuhlen. Am
Abend zwitschern zaghaft ein paar Vogel. Sie machen immer wieder
einen Versuch. Man hort sie nicht! Sie verstummen und f liegen fort.
Die alten Frauen, von den Katzen genahrt und erhalten, sind taub und
so schwachsichtig, dafi sie geradeaus in die Sonne sehen konnen wie in
eine kleine Gliihbirne. Und die Sonne ist hier stark, eine zehnfach
leuchtende Sonne. Auf diinnen Schnuren hangt trocknende Wasche,
die kein Luftzug bewegt. Es ist ein Ratsel, wer sie gewaschen hat. Ich
traue keiner dieser Frauen die Kraft zu, Hemden zu waschen. Mir
scheint, die Hemden hangen da seit undenklichen Zeiten.
Die Wohnungen sind in den dicken Festungsmauern wie offene Safes
in den Kellern grofier Banken. Die Menschen liegen drin wie Gegen-
stande ohne Wert, die man nicht mehr verschliefit. Ich sehe durch die
Fenster in die Stuben. Da sitzt ein lahmer Mann unbeweglich am Tisch
vor einer Schiissel, die er nicht anruhrt. Seine Augen sind aus griinem
Glas und ohne Blick, sein Antlitz ist wachsern, sein gelber Bart aus
Flachs. Vielleicht hat er nur Kopf und Hande wie die Puppen im Pan-
optikum - und wenn man ihn auszoge, wiirde man sehen, dafi sein
Inneres aus Sagemehl besteht.
Es gibt einen Schutzmann, meinen Konkurrenten. Nur wir beide sind
lebendig. Wir kennen einander, wir horen unsere Schritte, welche die
einzigen sind, die ein Echo gebaren. Am Abend aber besteigt der
Schutzmann ein Rad und gleitet auf sanften Gummireifen durch die
Welt, um die Ruhe nicht zu storen. Dann schame ich mich, allein einen
blasphemischen Larm zu machen - als ginge ich auf hallenden Sohlen
durch eine Kirche voll Betender.
Dennoch hort mich niemand. Wunsche ich einer der alten Frauen
einen guten Abend, sieht sie mich an wie einen, der die diimmsten und
uberflussigsten Dinge macht. Wie kann ihr Abend gut oder schlecht
sein? Um sie ist immer Abend. In der Nacht brennen die kleinen
1925 433
Lichter in alien Stuben, in jeder Stube nur ein gelbes Licht, nicht um
Helligkeit zu verbreiten, sondern um die Schatten aus den Mobeln her-
vorzulocken.
Die alten Frauen beten manchmal in der Kathedrale. Sie stammt aus
dem 11. Jahrhundert. Die alten Frauen sitzen unbeweglich, auf Stiihlen
aus geflochtenem Stroh, mit fortwahrend zitternden Lippen, die nicht
von Worten bewegt werden, sondern von einem fremden, leisen Wind.
Die Kirche ist langgestreckt und schmal, und ihre Decke ist ein dun-
kelblauer Himmel mit silbernen Sternen. An ihrem Portal sind zehn
Reihen von Kronen aus Stein angebracht. In den Kronen wohnen sil-
bergraue Tauben, die stillen, christlichen Vogel.
Zwei Gassen weiter ist der romische Tempel des Augustus, flach, weit,
offen, mit korinthischen Saulen, er lafit den Wind einstromen und die
Sonne, den Regen und die Zeit: Es ist ein heidnischer Tempel. Er war im
Lauf der Zeiten Tribunal, Museum, Bibliothek. Heute ist er von einem
Gitter umgeben. Man kann ihn nicht betreten wie noch zur Zeit der
Burgunderkonige, deren Schlofi gegeniiberliegt und deren Kinder noch
im Tempel gespielt haben. Es ist eine enge Burg, mit einem winzigen
Turmchen, mit schmalen Erkern. Ich verstehe nicht, wie man, das Bei-
spiel romischer Freiheit vor sich, im Anblick korinthischer Saulen eines
Tempels, der von drei Seiten offen ist, sich mit einer engen und schiefen
Burg zufriedengeben konnte. Heute ist diese Burg, was sie immer war:
ein Gefangnis. Aber in Vienne gibt es keine Verbrecher und nicht einmal
Trunkenbolde. Es gibt nur einen Gefangniswarter, der sein eigener Ge-
fangener ist. Er flihrt eine sinnlose Existenz - wie ein Schliissel, der zu
keinem Schloft paEt, oder wie eine Tiir ohne Haus. Er wandelt durch die
Gange und gibt acht, dafi er nicht entfliehe.
In einem Hof, der einmal ein Forum Romanum war, leben zwei greise
Frauen. Sie kommen niemals aus diesem Hof. Sie kummern sich nicht
darum, ob ihn jemand betritt. Sie sitzen vor den Turen und nicken
einander zu und verlieren manchmal ein leises Wort, das in den Hof
hinunterfallt wie ein kleiner Kieselstein in einen tiefen Brunnen: Man
hort keinen Laut.
Griin wuchert zwischen den Fugen der Steine. Es sind dieselben
Steine, die auf Befehl Julius Casars zu Festungsmauern aufgeschichtet
wurden. Sie sind tot wie Julius Casar. Es ist nicht wahr, daft Steine
reden. Steine schweigen.
Frankfurter Zeitung, 15.9. 1925
TOURNON
Tournon war im i6.Jahrhundert eine beriihmte, von Gelehrten und
Dichtern besuchte und bewohnte Stadt. Der Kardinal von Tournon
begriindete hier im Jahre 1542 das Lyzeum, das lange Zeit von den
Jesuiten gefiihrt wurde und in dem heute noch unterrichtet wird. Der
Kardinal hatte eine der glanzendsten Karrieren seiner Zeit gemacht.
Sein Monument steht vor dem Eingang zum Lyzeum. Sein Angesicht
hat die Ziige eines diplomatischen Klerikers und den eleganten Skepti-
zismus des Mannes von Welt. Sein Mund ist schmal, seine Nase zart,
und sein Blick, scheinbar versonnen, wie es sich fiir einen Denker ge-
ziemt, reicht keineswegs in jene Fernen, die der praktischen Klugheit
ewig verschlossen sind und erst der Weisheit sich offnen, die nicht von
dieser Welt ist.
Der Kardinal hatte trotz seiner Beriihmtheit wahrscheinlich kein Mo-
nument bekommen, wenn er nicht dieses Lyzeum begriindet hatte, aus
dem viele begabte und einige beriihmte Franzosen hervorgegangen
sind. In der Schule ist das Andenken des Kardinals sehr lebendig. Man
kann fiir die Dauer seines Namens nichts Besseres tun als Schulen
griinden, Hauser, in denen junge Menschen leben. Viele Generationen
tragen den Namen des Kardinals, in dessen Schule sie gegangen sind,
wenn nicht im Herzen, so doch im Kopf.
Jetzt im Juli sind Ferien, das Lyzeum ist geschlossen und von einer
Pfortnerin bewacht, die, alt und beredt, ihre eigene Geschichte des
immerhin alteren Lyzeums erzahlt. Sie zahlt 62 Jahre, ist verheiratet
und kinderlos, ihr Mann ist ein Gartner und sehr schweigsam, still
geworden an der Seite dieser Frau, die ihm seit 40 Jahren jedes Wort
aus dem Mund nimmt und das lastige Reden erspart. Mit welcher
Freude empfangt sie einen seltenen Gast, dem der Mann schon be-
kummert entgegengesehen hatte! Vor 30 Jahren war sie in Paris, und
schon damals war der Larm in den Strafien zu arg. Ob ich ihn ertra-
gen konnte? Ich ware wohl jung und gliicklich? Ich fiihre in einem
Auto durch die Welt und hatte nichts zu tun? Ich bin doch hochstens
25 und mache meinen Eltern Freude? Und dieses Lyzeum ist alt! Sie
sagt »alt« mit so lange gedehnter Bewunderung, daft man grofle Ehr-
fucht vor den Mauern bekommt und dafi man fiihlt, was »Ge-
schichte« bedeutet.
19^5 435
In den Sommerferien, wenn die Sonne schrag durch die Fenster der
Schulen scheint und silberne Vierecke in stillen Gangen malt, wenn die
Klassentiiren offen sind und man leere Banke sieht, die nichts mehr
und noch nichts zu tun haben, die alten Banke mit den eingeritzten
Namen der Insassen, die sich gelangweilt haben - in dieser Zeit sind
alle Schulen so schon, daft man selbst durch die Tur treten mochte,
iiber der »Sekretariat« geschrieben ist, um sofort wieder ein Schiiler zu
werden. Alle Schulen sind im Sommer schon; und ein Lyzeum aus
dem 16. Jahrhundert am schonsten.
Im Park rauschen die Baume iiber dem Schwimmbassin, das jetzt trok-
ken ist und auf dessen Grund Papierschnitzel, Bindfaden und Blech-
schachteln liegen; in den alten weifien Gangen herrscht die peinliche
Sauberkeit eines Raums, der Gaste erwartet. Jeder Schritt hallt wider,
zweimal, dreimal, jeder Laut entlockt den Mauern eine ernste, tiefe
Antwort, und das Gehen ist wie ein Zwiegesprach zwischen Fufi und
Stein.
An den Wanden der Kapelle, die von den Jesuiten gebaut wurde, lese
ich die Inschriften der Schiiler. Neben die Beichtstiihle haben sie ihre
Namen geschrieben und die Namen der Madchen, die sie lieben, wah-
rend der Beichtvater, unsichtbar, aber auch nichts sehend, viel gleich-
giiltigere Gestandnisse entgegennahm als die Wand.
Alte Gobelins von unschatzbarem Wert in den Gangen. Die jiingsten
stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sie stellen biblische Vorgange dar,
in einer frommen Demut, mit einer geraden und kindlichen Einfach-
heit, die aus einfachem Herzen kommt, aber auch zu verschlossenen
spricht.
»Alles mit der Hand gemacht«, sagt die alte Pfortnerin.
Es wird Abend, die Vogel zwitschern, es ist ganz still im Lyzeum. Die
alte Frau ist schweigsam geworden. Wir gehn nebeneinander her wie
alte Freunde, die schweigen. Sie hat niemals meine Heimat gesehn, sie
ahnt nicht, wo sie liegt, sie weiE nichts von mir, aber wir beide kennen
jetzt das alte Lyzeum, und ich kenne das Leben meiner Begleiterin. Es
ist nichts Merkwiirdiges daran, daft ich in einer Stunde der Freund
dieser Alten geworden bin. Hier ist nichts merkwurdig.
Hier ist nur die Stadt merkwurdig. Es ist die unbequemste Lage fur
eine Stadt. Tournon liegt nicht eingebettet, sondern eingeklemmt zwi-
schen felsigen Hiigeln. Man konnte glauben, alle die kleinen Hau-
4}6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ser waren einmal auf einer Flucht begriffen gewesen und hatten sich
in einer schluchtenreichen Welt verfangen, ohne die Aussicht, je wie-
der herauszukommen. Die Felsen erdriicken die Hauser, diese riicken
zusammen und erdriicken die Gassen, diese wieder kriimmen sich
fortwahrend, um endlich einen Ausweg zu haben, bilden Knauel, ver-
wirren sich angstiich, klimmen zitternd empor und fallen plotzlich
wieder hinunter. Dem Spazierganger prefit es den Atem zusammen.
Nirgends offnet sich ein Platz. Es gibt keinen Markt. Es sei denn,
man wiirde den Hof, von der Grofie eines kleinen Weihers etwa, als
Markt ansehen, der vor der Burg liegt.
Die Burg birgt sich in der Festungsmauer, als hatte sie Angst, eine Burg
zu sein. Sie sieht immerverschlossen aus. Sie konnte alle ihreTuren und
Fenster offnen - es waren doch Gitter davor. In dieser Burg ist das
Gefangnis untergebracht, die Prafektur, das Biirgermeisteramt. Aber es
ist schwer, die drei Institutionen voneinander zu unterscheiden. Der
Herr Biirgermeister und der Herr Polizeiprafekt sitzen hinter Gittern,
genauso wie die Gefangenen. Alle Einwohner von Tournon sind einge-
sperrt. Sie leben zwischen schiefen Mauern, in fliichtigen, krummen
Gassen, unter Dachern, die sich biegen, alle ihre Tage sind wie wiiste
Traume, spitz und scharf ragen die Giebel in ihr Leben. Wer nicht in
Tournon geboren ist, kann sich in dieser Stadt nicht zurechtfinden. Man
verirrt sich hier, obwohl es nur 5 000 Einwohner gibt. Aber auch wenn
man sich nicht verirrt, ist jeder Schritt ein irrender, die Hauser, die auf
ihrem Platz zu stehen scheinen, sind in fortwahrender Bewegung, in
angstlicher Hast, furchtsam gekrummt, und jeder runde Tiirbogen
driickt wie ein Joch den Riicken des Eintretenden.
Welch ein Gliick, dafi man sich in zwei Minuten zur Rhone retten
kann und auf die grofie Hangebriicke (die erste Frankreichs), die leicht
und schaukelnd ist, als waren die Ketten am Himmel befestigt, und auf
der man nicht fuhlt, dafi man geht. Es ist, als hinge man selbst an einem
Strick und pendelte an das andere Ufer, ein Spazierganger und ein
Wunder der Technik zugleich.
Driiben Uegt Tain, flach, klein und jiinger und ohne die furchtsame
Wirrnis des Auf und Ab. Tain hat einen winzigen Ringplatz, auf dem
ein Marionettentheater steht. Man gibt heute das alte Spiel vom Schu-
ster und den Zwergen, und der dritte Platz ist ausverkauft.
Der erste kostet 1 R 50 C.
Frankfurter Zeitung, 23.9. 1925
STIERKAMPF AM SONNTAG
Am Sonntag fahre ich nach Nimes. In der grofien Arena, die noch sehr
gut erhalten ist, obwohl sie aus dem 2.Jahrhundert nach Christi Ge-
burt stammt, finden am Nachmittag Stierkampfe statt. Die provenzali-
schen Stierkampfer halten einen Vergleich mit den beriihmten spani-
schen nicht aus. Es gibt weniger Farben, weniger Kostiime, die Aufre-
gung ist kleiner, und von Blutfliefien kann keine Rede sein. Diese
Stierkampfe, scheint es, hat das internationale Volkerrecht geregelt.
Die jungen Manner vom Lande begniigen sich damit, den Stier zu rei-
zen, ein wenig mit eisernen Kammen zu kratzen und mit Pfeilen zu
kitzeln. Der Stier stirbt nicht, der Mensch verendet nicht. Das ist noch
keineswegs ein Trost und eine Entschuldigung. Aber was soil man in
einer so gut erhaltenen Arena machen? Schliefilich ist es fur die Ord-
nung des Staates gut, wenn die Regierten ihren Groll gegen Tiere aus-
lassen. Dazu ist ja die kostspielige Arena gebaut worden. Die Romer
wufiten, dafi sie immer noch billiger ist als eine Revolution. Und die
Nachfolger der Romer wissen es auch.
Das denke ich auf der Fahrt und spater im Gasthaus, wo neben mir
die Bauern sitzen, denen die Stiere gehoren und deren Sonne heute
kampfen werden. Die Bauern schneiden das Fleisch mit ihren gro-
ften, geschliffenen Taschenmessern vom Knochen, essen zierliche,
kleine Stiickchen, trinken den guten roten Wein der Papste, von
dem eine halbe Flasche soviel kostet wie eine ganze Mahlzeit, haben
lange, faltige Halse, durch die man jeden Bissen gleiten sieht, und
grofie knocherne und bedachtige Hande. Sie sprechen wenig, mit
Ausnahme eines einzigen, stadtisch gekleideten, mit Kragen und
Krawatte ausgeriisteten, halb bauerlich aussehenden Mannes, den
man »Herr Direktor« nennt und der President des Komitees fur
Stierkampfe ist. Heute nachmittag wird er in einer Loge sitzen und
Preise verteilen. Jetzt ist er aufgeraumt, ein kleiner, dicker Schaker,
witzig und herablassend. Die Hunde von Nimes riechen die guten
Knochen und schleichen um den Tisch herum. Die gutherzigen Bau-
ern legen die Knochen, an denen fur hundische Begriffe noch sehr
viel Fleisch klebt, seitwarts auf einen Teller und geben nicht zu, daft
die Kellnerin die Speisereste abraume. Es sind gute Seelen. Sie
freuen sich am Appetit der Hunde und klopfen die Tiere wohlwol-
438 DAS JOURNALISTISCHE WERK
lend ab. Sie sitzen sehr lange, trinken noch eine Flasche und noch
eine und amiisieren sich auf ihre Art.
Langsam fiillt sich die Arena. Die Erwachsenen, die Kinder und die
Soldaten sitzen vom ersten, tiefsten Rang bis zum hochsten, und
selbst am obersten Rande der Mauer hocken und stehen noch Zu-
schauer. Die Arena ist ungefahr drei Stockwerke hoch. Die steinernen
Galerien sind mit Menschen gespickt, die ganz klein sind in diesem
weifien runden Ungeheuer. Die vielen Kopfe neben- und iibereinan-
der wachsen aus dem Stein wie Ruben aus einem Feld. Es ist, als hat-
ten die Menschen sich nicht gesetzt, sondern als hatte man sie gesat
und sie waren aufgegangen. Die Sonne liegt weifi schmelzend auf dem
kahlen Rund in der Mitte. Ringsum ein Zaun mit vielen Toren und
mehreren verborgenen Ein- und Ausgangen. Aus einem dieser Tore
stiirzt nach einem feierlichen Trompetenstofi der erste Stier, empfan-
gen vom Geheul der Zuschauer und geblendet von der schmerzenden
Sonne. Der Stier kommt aus dem guten dunklen und kiihlen Stall.
Ihm ist diese Arena eine wiiste Holle aus weifigelbem Brand und Ge-
schrei. Die Horner gesenkt, die Vorderbeine geknickt, setzt er zum
ersten Sprung an, der ihn retten soil. Nach einer Sekunde hat er be-
reits gesehn, da(5 aus diesem Ring kein Ausweg ist. Er lauft den run-
den Zaun entlang und saubert ihn von den Zuschauern, den Man-
nern, die alle mit flinken Spriingen iiber die Planken setzen. Sie
schreien dabei, beschimpfen das Tier, werfen ihm Miitzen in den
Weg. Der Stier stofit gegen den Zaun. Indessen sind die jungen Leute
wieder in der Mitte der Arena. Sie locken den Stier, schreien, schrek-
ken ihn. Einer lauft dem Tier entgegen, streckt die Hand aus, der
Stier stofit gegen den Mann vor, der Mann entweicht. Er ist flinker,
er ist zweibeinig, er hat Genossen, die ihm helfen und den wiitenden
Stier ablenken, er ist in einer unvergleichlich besseren Situation, der
tapfere Mensch. Er darf alle Waffen benutzen: die List, die Feigheit,
die Zweibeinigkeit, den Zaun, die Ausgange, den eisernen Kamm.
Der Stier hat nichts, man hat ihm iiber die Horner Schlauche aus
Leinwand gestiilpt, um seine Stoftkraft zu mindern.
Der Stier ist scfrwarz, kraftig, um seinen Nacken krauselt sich das Fell,
sein guter, breiter Schadel glanzt blaulich in der Sonne, seine Augen
sind groft, ratios, dunkelgriin und in aller Wildheit noch fromm.
Die Menschen, die ihn reizen, sind jung, braunhautig, dumm. Unter
ihnen sind zwei, die ich nie vergessen werde: der eine dick, schwer, mit
1925 439
einem wurfelformigen Schadel, den linken Unterarm bandagiert, die
Hande klotzig, die Finger aus primitiv geschnitztem Holz, die Nase
kurz und stumpf, eine Stirn, die aus zwei Querfalten besteht und zwei
Wiilsten, die Augen grofi unter ganz kleinen Lidern. Das ist der flink-
ste Jager, trotz seiner Korperschwere. Er setzt mit einem hohen
Sprung liber den Zaun. Er lafit sich im richtigen Moment fallen. Er
vollfiihrt fiinf Drehungen in einer Sekunde. Er ritzt die Stirn des Stiers
mit dem eisernen, scharfen Kamm und ist im nachsten Augenblick ver-
schwunden. Er wird zwanzigmal beklatscht, ein paarmal von der Pra-
sidentenloge geehrt, die Musik blast ihm zu Ehren einen Tusch. Nichts
kann seinem Ehrgeiz geniigen. Das ist kein Spiel mehr. Dieser Mann
hafit den Stier mit der ganzen Kraft seiner Seele. Das Tier ist sein
Feind. Dieser Mann will den Stier bluten sehn.
Sein Kollege ist diinn, grofi, schwarz, mit langen Gliedmafien, die ihn
hindern. Seine schmale Nase ragt wie ein Messer aus dem Gesicht.
Dieser Mann hafit das Tier ebenfalls. Er greift zu Mitteln, die noch
hinterhaltiger sind als die ublichen. Er racht sich am Stier fur sein eige-
nes Ungeschick. Er spannt einen violetten Damenschirm auf und halt
ihn dem Stier vors Gesicht. Verfolgt und vom Schirm geschutzt,
kriecht er iiber den Zaun und stofit aus seiner feigen Sicherheit die
Spitze des Schirms gegen das Geschlecht des Stieres. Grofies Gelachter
in der Arena. Die Zuschauer halten sich die Bauche. Das hafilichste
Requisit, das der Menschengeist erfunden hat, wird zur Waffe gegen
das kraftigste der Tiere. Der Mann konnte kein besseres Symbol fur
die Wiirde der Menschheit finden.
Ratios, erschopft, mit fliefiendem Schaum steht der Stier, den Blick
gegen das Tor gerichtet, hinter dem der gute, warme, riechende Stall
ist, die bergende Heimat. Ach! das Tor ist geschlossen und offnet sich
vielleicht nicht wieder! Die Menschen schreien und lachen, und es
scheint, dafi der Stier jetzt schon zu unterscheiden weifi zwischen den
reizenden Rufen und dem billigen Spott. Eine ungeheure Verachtung,
grofier als diese Arena, erfullt die Seele des Stiers. Jetzt weifi er, dafi
man ihn auslacht. Jetzt ist er zu schwach, um wiitend zu sein. Jetzt
erkennt er seine Ohnmacht. Jetzt ist er kein Tier mehr. Jetzt ist er, in
einem, die Verkorperung aller Martyrer der Weltgeschichte. Jetzt sieht
er aus wie ein verspotteter, geschlagener Jude aus dem Osten, jetzt wie
ein Opfer der heiligen Inquisition, jetzt wie ein zerrissener Gladiator,
jetzt wie ein gemartertes Madchen vor dem mittelalterlichen Rat, und
440 DAS JOURNALISTISCHE WERK
in seinem Blick liegt ein Schimmer von dem leuchtenden Schmerz, der
im Auge des Gekreuzigten gebrannt hat. Der Stier steht und hofft
nicht mehr.
Da erscheint hinter dem Zaun mein Tischgenosse, der Bauer, der so
freundlich den Hund gefiittert hat, die gute Seek, mit einer langen
Mistgabel und stofit zwei spitze Zinken in den Rucken des Tieres, um
es aufzumuntern. Der Stier springt auf, schlagt aus, scharrt den Sand
zu einer Wolke auf, rennt gegen den ersten Schreier, stofit mit dump-
fern Laut gegen den Zaun, springt liber das Gelander, rast im engen
Raum zwischen Zaun und Zuschauern. Der Jubel ist schauderhaft und
betaubend. Man hort ihn gewifi eine Meiie in der Runde.
Oh, jetzt werden noch die schonsten Dinge kommen! Noch wartet
man auf den stolzen und rotgoldenen Reiter, die funkelnden Sprin-
ger, die Trager der roten Tiicher, die Pfeilewerfer. Alles, was sich
bis jetzt ereignet hat, war nur ein Vorspiel. Die gutherzigen, wohl-
erzogenen, hoflichen Burger, die sich mit tapferen Zurufen und he-
roischen Taschentiichern am Spiel aus gesicherter Entfernung beteili-
gen, die Schneider und Friseure im Sonntagsanzug, sie sind schon
aufgeregt. Der Schaum geniigt ihnen nicht. Sie wollen Blut sehen,
die Braven!
Ich werde die rotgoldenen Helden nicht mehr sehen. Wenn ich das
Aussehen eines Tieres hatte unter diesen Menschen - ich bliebe viel-
leicht. Aber ein Stier konnte mich Ungliicklichen fur einen Menschen
halten. Mein einziger Genosse ist ein kleiner weifier Hund, den eine
Frau mitgebracht hat. Der Hund bellt immer aufgeregt, wenn ein
Mensch dem Stier entflohen ist. Der Hund mochte dem Stier bei-
springen. Ich auch.
Aber, ach! was konnen zwei arme Hunde gegen funftausend Men-
schen?!
Frankfurter Zeitung, 1. 10. 1925
MARSEILLE
Ich sehe vor lauter Mastbaumen nicht das Meer. Es riecht im Hafen
nicht nach Salz und Wind, sondern nach Terpentin. Ol schwimmt an
der Oberflache der See. Boote, Barken, Flofie, Fufiboden sind so eng
nebeneinandergepflastert, dafi man trockenen Fufies durch den Hafen
spazieren konnte, ware nicht die Gefahr, in Essig, Ol und Seifenwasser
zu ertrinken. 1st hier das unermefiliche Tor zu den unermefilichen
Meeren der Welt? Das ist vielmehr das unermefiliche Magazin fur die
Bedarfsartikel des europaischen Kontinents. Da sind Fasser, Kisten,
Balken, Rader, Hebel, Bottiche, Leitern, Zangen, Hammer, Sacke, Tu-
cher, Zelte, Wagen, Pferde, Motoren, Autos, Gummischlauche. Da ist
der berauschende kosmopolitische Gestank, der entsteht, wenn tau-
send Hektoliter Terpentin neben tausend Zentnern Heringen lagern;
wenn Petroleum, Pfeffer, Tomaten, Essig, Sardinen, Juchten, Gutaper-
cha, Zwiebeln, Salpeter, Spiritus, Sacke, Stiefelsohlen, Leinwand, K6-
nigstiger, Hyanen, Ziegen, Angorakatzen, Ochsen und Smyrnateppi-
che ihre warmen Diinste ausatmen; und wenn schliefilich der klebrige,
fettc und lastende Rauch der Steinkohle alles Tote und Lebende um-
hiillt, alle Geriiche eint, alle Poren trankt, die Luft sattigt, die Steine
umflort und endlich so stark wird, dafi er die Gerausche dampfen
kann, wie er langst schon das Licht gedampft hat. Ich habe hier die
Grenzenlosigkeit des Horizonts erwartet, die blaueste Blaue des Mee-
res und Salz und Sonne. Aber das Meer des Hafens besteht aus Spul-
wasser und riesenhaften graugriinen Fettaugen. Ich besteige einen der
grofien Passagierdampfer und hoffe, hier einen leisen Duft jener Fer-
nen zu erhaschen, die das Schiff durchfahren hat. Aber hier riecht es
wie zu Hause vor Ostern: nach Staub und geliifteten Matratzen; nach
Lack fur die Tiiren; nach feuchter Wasche und Starke; nach ange-
brannten Speisen; nach geschlachtetem Schwein; nach gesaubertem
Hiihnersteig; nach Schmirgelpapier; nach einer gelben Pasta fur Mes-
sing; nach einem Mittel fiir Ungeziefer; nach Naftalin; nach Bohner-
wachs; nach Eingemachtem.
In dieser Stunde stehen mehr als siebenhundert Schiffe im Hafen. Das
ist eine Stadt aus Schiffen. Die Biirgersteige bestehen aus Booten, und
die Strafienmitten aus Flofien. Die Einwohner dieser Stadt tragen blaue
Kittel, braune Gesichter und harte, grofie schwarzgraue Hande. Sie
44^ DAS JOURNAUSTISCHE WERK
stehen auf Leitern, streichen die Riimpfe der Schiffe mit frischem brau-
nem Lack an, tragen schwere Eimer, walzen Fasser, sortieren Sacke,
werfen eiserne Haken aus und angeln Kisten, drehen an Kurbeln und
ziehen auf eisernen Rollen Waren in die Hohe, polieren, hobeln, sau-
bern und verursachen neuen Mist. Ich mochte zuriick in den alten Ha-
fen, wo die romantischen Segelschiffe stehen und die knatternden Mo-
torboote und wo man die frischen, triefenden Muscheln verkauft, das
Snick zu dreiftig Centimes.
Ich habe ein Boot gemietet, aber wir konnen uns nicht bewegen. Un-
sere Ruder sind eingeklemmt wie die Arme eines Passagiers in einer
uberfiillten Strafienbahn. Wo immer wir uns auch hinwenden, wir sto-
len an Holz, an Barken, an Fasser, an Ketten, an diese grofien, klirren-
den und rostigen Ketten, die in den modernen Meeren wachsen. Es ist
keine Gefahr. Wir konnen nicht ertrinken. Auf diese dicke Olschicht
konnen wir uns auch ohne ein Boot wagen. Aber wir konnen erdriickt
werden zwischen zwei holzernen Biirgersteigen, die einander langsam,
aber unerbittlich nahe kommen, um sich zu einem grofien Holzplateau
zusammenzuschliefien. Also winken wir, obwohl uns niemand sieht,
rufen wir, obwohl uns niemand hort, entgleiten wir diesem Chaos
einer grofiartigen Ordnung und retten wir uns zu den Gefahren der
offenen See und der wilden Wogen.
Ich habe hinter mir den eintonigen Gesang des Wassers, vor mir schon
den bunten der Stadt und iiber mir eine grofie Wolke aus Larm.
Ich liebe den Larm von Marseille, voran reiten die schweren Glocken
der Tiirme, stiirmen die heiseren Pfiffe der Dampfer, aus blauen H6-
hen tropft die Melodie der Vogel. Dann kommt der ganze Heerbann
der Alltagsstimmen, die Rufe der Menschen, das Tuten der Gefahrte,
das Klirren der Geschirre, der Schall der Schritte, das Klopfen der
Hufe, das Gebell der Hunde. Es ist ein Festzug der Gerausche.
Langsam losen sich aus dem Weifi des Stadtbilds die grauen Streifen
der Gassen, das Zickzack gekriimmter und hastiger Treppen, die Ge-
stalten der Menschen, die bunten Waschefahnen iiber der Straften-
mitte, die braunen Bottiche vor den Turen, die schmalen Bander rin-
nenden Schmutzes, die grauen Zelte der Straftenhandler, die dunklen
Berge der Muscheln, die bunten Schilder der Laden, die goldenen Fen-
ster, in denen die Sonne schwimmt und das samtene Griin der Baume.
Ich liebe die schone, bewegte, miifiige und zwecklose Geschaftigkeit in
1925 443
den Straflen. Die meisten Menschen gehen nicht ihren Pflichten nach,
sondern neben den Pflichten. Der exotisch gekleidete Fremdling, von
fernen Kusten hergetrieben, reiht sich in den Gewandern seiner Heimat
dem bewegten Zug der StrafSe ein und fiihlt sich wie zu Hause. Er andert
weder Tracht noch Schritt, noch Bewegung. Er schreitet wie auf eige-
nem Boden, er tragt die Heimat an den Sohlen. Nichts kann so exotisch
sein, daft es Aufsehen erregte. Der Burgersteig gehort der ganzen Welt,
den Passagieren von siebenhundert Schiffen aus alien Landern.
Hier kommen die Reiter aus Turkestan, in den breiten, an den Knocheln
gebiindelten Hosen, welche die gekrummten Beine verhiillen. Dann die
kleinen chinesischen Matrosen in den schneeweifien Uniformen wie
Knaben im Sonntagsanzug; die grofien Kaufleute aus Smyrna und Kon-
stantinopel, die so machtig sind, als handelten sie nicht mit Teppichen,
sondern mit Konigreichen; die griechischen Handler, die ein Geschaft
nicht zwischen vier Wanden abschlieften konnen, sondern nur unter
freiem Himmel, wie um Gott noch mehr herauszufordern; die kleinen
Schiffskoche aus Indochina, auf leichten Fiifien durch den Abend hu-
schen sie, schnell und lautlos wie Nachttiere; die griechischen Priester
mit den langen Batten aus Hanf; die heimischen Monche, die eigene
Fiille vor sich hertragend wie eine fremde Last; die schwarzen Nonnen
im bunten Gewiihl, jede ein kleiner, versprengter Leichenzug; die wei-
fien Zuckerbacker, die kandierte Niisse verkaufen, freundliche Gespen-
ster des Mittags; die Bettler mit dem Brotsack und Wanderstab, die
nicht Requisiten des Elends, sondern Insignien der Wiirde sind; die
weisen algerischen Juden, grofi, hager, stolz, wie schwankende Tiirme;
die wandernden Schuhputzer, Knaben und erwachsene Manner, Ver-
treter eines bluhenden Gewerbes und einer Kunst.
Ich glaube, man muE lange lernen, ehe man mit dieser mutterlichen
Zartlichkeit einen griinen Pliischlappen iiber die Stiefelkappe gleiten
lafit und dem Leder alle Nuancen entlockt, vom tristen-feuchten Matt
bis zur strahlendsten, schwarzesten Trockenheit. Mit leichtem Knall
fliegt die Burste aus der Rechten in die Linke. Die Blechdose mit der
Pasta wirbelt wie ein Ball durch die Luft. Ihr Deckel springt automa-
tisch ab und springt mit sanftem Klirren in die Utensilienkiste.
Und der Gast sitzt indessen hoch auf einem breiten, holzernen Thron;
und wenn nichts an ihm koniglich ist, so werden es bald wenigstens die
Stiefel sein . . .
Frankfurter Zeitung, 15.10. 1925
EIN BOOTSMANN
Der Bootsmann ist alt. Seine Arme hangen schlaff wie Flossen von
seinen krummen und schiefen Schultern. Seine Augen sind klein und
haben den weifien Schleier, den das hohe Alter iiber menschliche Au-
gen zieht. Sie haben schon genug gesehn. Aus den harten Ohrmu-
scheln wachst graues Moos. Die Hande sind wie zwei sehr alte Gesich-
ter. Die Handrikken sind braungelb, und ihre diinne Haut bis zum
aufiersten gespannt. Die Stimme des Alten aber ist jung geblieben und
mannlich. Er spricht sehr kurze, sehr einfache Satze, wie sie in Lesebii-
chern fiir Kinder stehn. Ihre Melodie ist immer ein bifichen fragend,
das letzte Wort fallt jah ab, von einer betrachtlichen Hohe - und
kommt dennoch heil an:
»Ich bin aus Korsika, Herr. Korsika ist der Garten von Frankreich. Ich
bin Landsmann Napoleons. Und hier ist sein Bild. Diese Miinze habe
ich aus dem Krieg. Von 1870. Ich war bei der Marine. Ich kenne alle
diese Schiffe. Auf vielen bin ich gefahren. Ich war in vielen Landern. In
Rufiland auch. In England, in Deutschland, in Spanien, in Syrien, in
Konstantinopel. Ich war niemals in Paris. Nach Paris kommt man
nicht mit dem Schiff. Ich bin nur einmal mit der Bahn gefahren. In der
zweiten Klasse. Da fahrt man gut.
Ich bin funfundsiebzig Jahre alt. Wenn ich zehn Jahre jiinger ware,
bliebe ich nicht hier. Ich habe funf Franken taglich Pension. Seit sechs
Tagen sind Sie mein erster Gast. Dieses Boot hat dreihundert Franken
gekostet, da hab' ich das Segeltuch selbst geflickt. Diese Stricke nab'
ich selbst gedreht. Die Ruder kosten sechzig Franken das Stuck. Dann
hab' ich das Boot getauft. Auf den Namen meines Vaters. Er hiefi
Jacques. Da steht >Jacques<. Mit weifier Farbe.
Mein Vater war ein Kapitan. Auf der >Sphinx<. Da driiben steht sie.
Wir sind zwei Briider. Mein Bruder war auch Kapitan. Jetzt ist er in
Pension. Er bekommt eine grofie Pension. Ich schlafe bei ihm.
Ich wollte nicht in die Marineschule. Ich wollte gleich in die Welt.
Deshalb bin ich heute arm. Meine Schwagerin ist gut. Um acht Uhr
essen wir Nachtmahl. Dann lese ich Romane. Ich lese den >Grafen von
Monte Christo<. Ich glaube diese Geschichte nicht. Es ist Phantasie.
Da sehen Sie unsere Kathedrale. Ein schones Haus. Ich war zweimal
dort. Ich geh' nicht oft in die Kirche. Alle Religionen sagen dasselbe.
1925 445
Ich bin ein Katholik. Aber ich war in einer Synagoge. Ich war in einer
Moschee. Die Mohammedaner sagen Allah. Die Juden sagen Jehova.
Wir sagen lieber Gott. Es ist immer dasselbe. Mein Freund ist ein Jude.
Er war im Gefangnis. Seine Frau hat ihn betrogen. Er hat ihren Lieb-
haber beinahe erschlagen. Jetzt leben beide. Die Frau ist gestorben.
Da fahren die Fischer. Sie kommen erst morgen mittag zuriick. Sie
haben viele Netze mit. Ein guter Tag zum Fischen. Bei uns sind mehr
Angler als Fische. Probieren Sie einmal zu angeln. Vielleicht haben Sie
Gliick. Weil Sie ein Fremder sind.
Fur tausend Franken konnte ich mir einen Motor in meinen >Jacques<
bauen. Dann konnt' ich nach Korsika fahren. Unten ist es um die
Halfte bilHger als in Marseille. Das ist eine teure Stadt. Aber ich zahle
keine Miete.
Hier haben Sie meine Visitkarte. Ich heifte Bouscia Pascal. Ein korsi-
scher Name. Wir sprechen so ahnlich wie Italiener. Wir verstehn auch
die Spanier. Alle Sprachen stammen aus dem Lateinischen. Englisch
stammt aber aus dem Deutschen. Latein ist die alteste Sprache. Aber
mein Freund sagt: Chinesisch ist alter.
Ich werde Sie im alten Hafen absetzen. Da konnen Sie abends spazie-
rengehn. Lassen Sie das Geld zu Hause. Wenn Sie Geld haben . . .
Ich fahre jetzt nach Hause. Wir haben heute marinierte Heringe und
junge Bohnen. Dann werde ich lesen. Um zehn werde ich schlafen
gehn. Mit meinem Bruder werde ich nichts reden. Ich lebe schon fiinf
Jahre bei ihm. Das letztemal habe ich vor zwei Jahren gesprochen.
Damals bekam er den vierten Enkel. Im Dezember kommt sein fiinf-
ter.
Am Sonntag kommt meine Schwester aus Ajacchio. Sie bringt mir Ta-
bak. Ich aber brauche eine Pfeife.
Leben Sie wohl, Herr. Steigen Sie vorsichtig aus. Springen Sie nicht!
Lassen Sie das Geld zu Hause!«
Frankfurter Zeitung, 17. 10. 1925
»Die Gasse der Liebe«, Frankfurter Zeitung, 21. jo. 192$, identisch mit der ent-
sprechenden Passage in »Die weijlen Stddte. Marseille^, S. joi (2. Absatz) bis
S. $02 (vorletzter Absatz).
NIZZA
Nizza sieht so aus, als ware es von den Autoren der Gesellschaftsro-
mane begriindet und von ihren Helden beiebt worden. Die meisten
Gestalten auf der Kurpromenade und am Strand kommen aus der
Leihbibliothek und aus den Traumen kieiner Provinzmadchen. Diese
Menschen kann Gott nicht erschaffen haben. Sie sind nicht aus gemei-
ner Erde gemacht, sondern aus mondanem Papierstaub. Schriftsteller
haben sie so lange beschrieben, bis sie lebendig wurden. Ihre Bewe-
gungen, ihr Gang, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihre Gedanken, ihre
Ziele, ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihre Erlebnisse sind wie litera-
risch gefiltert, aufierordentlich und gesucht. Hier vollzog sich zum er-
sten Male ein umgekehrter Prozefi: Autoren erschufen Menschen nach
origineller Konzeption, und die Schopfung machte es ihnen nach. Ein
Verfasser diktierte eine Welt in die Schreibmaschine - und siehe da! -
sie war, sie ist, sie geht spazieren, spielt Roulette, tanzt Java und nimmt
Seebader.
Eine ganze Saison in einer Romanwelt wiirde wahrscheinlich langwei-
lig. Aber drei Tage sind beruhigend. Man erholt sich von den Strapa-
zen gewohnlichen Erdenlebens, von den Beriihrungen mit den gemei-
nen Alltagssorgen und von dem Waffengeklirr, den der Kampf urns
tagliche Brot verursacht. In der Gesellschaft der echten, von Adam
abstammenden Menschen umfangt uns der gewohnliche Geruch ge-
wohnlicher Tragik. Hier aber, in Nizza, breitet sich der Weihrauch der
romanhaften Tragik aus. Hier gibt es nur Luxusschicksale. Hier siehst
du lauter Edelgeschopfe. An ihren goldenen Wiegen standen gut be-
zahlte Domestiken. Ihre ganze Jugend war eine einzige gute Kinder-
stube, von Hausarzten personlich geliiftet. Ihre Ehe ist eine aufkror-
dentlich gunstige Kapitalanlage. Ihr Tod selbst wird keine Liicke, son-
dern eine Erbschaft hinterlassen.
Denn sie sind nicht notwendig im gemeinen Sinn, sondern im hohern.
Sie sollen nur die Romanautoren bestatigen. Sie tun es in Nizza. Um
die Aufregung kennenzulernen, geben sie viel Geld in Monte Carlo
aus. Zu uns anderen kommt Monte Carlo jeden Tag, und unser Leben
ist ein Roulettespiel.
Hier aber ist kein Mensch aufgeregt, wenn er nicht auf Schwarz oder
Rot gesetzt hat. Alle stromen selige Sicherheit aus. Auch den Unsi-
1925 447
chern begnadet sie. Den ganzen Tag liegt man im blauen Wasser. Die
Sonne macht sich eine Ehre daraus, unaufhorlich, wolkenlos, in so gu-
ter Gesellschaft zu scheinen. Die Nachte bleiben so warm wie moglich
und geben acht, dafi sich die Kurgaste nicht erkalten. Die alten Herren
aus England und Amerika gehen mit gemessenen Schritten, die so ab-
gezahlt sind wie Medizintropfen, vor dem Schlaf spazieren. Ihre Sonne
und Tochter tanzen indes, lieben, leiden und heiraten nach den Vor-
schriften der Autoren. Die alten Damen, durch Gesichtsmassagen und
Diat zehn Jahre junger, auf achtzehnjahrigen Beinen, in kurzen Rock-
chen, von riesigen Brillanten gefolgt und unwahrscheinlich kleinen
Schofihundchen geziert, sprechen von der Zukunft, nicht wie andere
Alte von der Vergangenheit. Alle paar Minuten gleitet ein Herr im
Zylinder nach Monte Carlo auf der breiten, schonen Strafie, auf der
kein Staub entsteht und die eigentlich ein vornehmer Korridor des vor-
nehmen Volkes ist.
Nichts Schlimmes kann passieren: Die Schwachen werden stark, die
Kranken gesund, die Gesunden gliicklich, die Gliicklichen erleben
hier die ersehnte Tragik und sind noch gliicklicher als im Gliick -
und wenn einer Selbstmord begeht, so ist sein Tod durch einen ro-
mantischen Schleier dem gemeinen Bedauern und in die Sphare der
Bewunderung fur die grofie Welt entriickt. Es ist wunderbar, in so
guter Gesellschaft zu leben, die bei Tag nackt und abends im Smo-
king ist, abgebrannt und hygienisch, sauber und gut erzogen, aus
Papier und dennoch aus Fleisch und Blut, ohne die Laster, welche
eine Folge der Arbeit sind und so tugendhaft, daft sie vom Herrn
selbst genahrt werden, obwohl er sie nicht nach seinem Angesicht
ers chaff en hat . . .
Frankfurter Zeitung, 26, 10. 1925
EIN KINO IM HAFEN
Das Kino liegt gegeniiber den Schiffen. Von der See aus kann der
Mensch, der die Freuden des Kontinents lange entbehrt hat, die gro-
flen, bunten Plakate mit dem Feldstecher sehen. Das Kino heifk be-
448 DAS JOURNALISTISCHE WERK
scheiden »Kosmos-Theater«. Man gibt den Film von den »Roten
W6lfen«.
Die »Roten W6lfe« sind eine Rauberbande in den Abruzzen. Sie haben
Margot geraubt, ein schones Madchen, und haben es in einem uner-
reichbaren, hohen Turm verborgen. Aber was ist unerreichbar, was ist
hoch? Ein tapferer junger Mann, Cesare mit Namen, wird Mitglied der
»Roten W6lfe«, aber nur zum Schein, und befreit Margot.
Sie glauben wohl, es ware eine Kleinigkeit, Mitglied einer Rauber-
bande zu werden? Sie irren sich! Es ist unendlich schwierig. Man mufi
eine Aufnahmeprufung bestehen: im Ringen, im Messerstechen und
im Armbiegen.
Diese Aufnahmeprufung ist der wichtigste Teil des Films. Cesare be-
steht sie und erobert nicht nur den Beifall der »Roten W6lfe«, sondern
auch den der Zuschauer, deren sehnstichtigster Traum es ist, Rauber in
den Abruzzen zu sein.
Von zehn Uhr vormittags bis zwolf Uhr nachts wird im Kino der Film
von den »Roten W6lfen« achtmal gegeben. Achtmal im Tag besteht
Cesare die Aufnahmeprufung, achtmal begeistern sich die Zuschauer,
von denen ein Drittel den ganzen Tag im Kino sitzt.
Dieses Drittel sind Frauen und Kinder. Bei Tag ist es im dunklen Kino
kiihler als in der engen Wohnung und in der noch engeren Gasse. Die
Frauen gehen also zur Abkiihlung ins Kino. Die Kinder zahlen nichts.
Jede Besucherin hat mindestens vier Kinder. Sie zahlt fur einen Platz
und nimmt fiinf ein.
Am Abend kommen die Manner, Arbeiter aus dem Hafen, essen,
waschen sich und gehen ins Kino. Sie haben gestern und vorgestern
die Taten Cesares gesehen und bejubelt. Aber derlei Helden kann
man nicht oft genug sehen, wenn man nichts mehr als ein Hafenar-
beiter ist- mit der Sehnsucht im Herzen, Rauber in den Abruzzen
zu sein.
Noch romantischer als ein Hafen ist eine Rauberhohle in den Abruz-
zen. Dem Taglohner, der heme ein Fischer ist, morgen angeheuert
wird, ubermorgen in einem anderen, fernen Hafen zu dem Film von
den »Roten W6lfen« geht, ist sein eigenes Leben nicht romantisch ge-
nug.
Ich mochte wissen, ob die Rauber aus den Abruzzen in ein Kino ge-
hen, in dem ein Film von den Seelowen von Marseille gespielt wird.
Die Rauber aus den Bergen beneiden die Manner aus dem Hafen. Der
1925 449
Rauber verrichtet sein romantisches Geschaft wie ein niichternes
Handwerk und traumt von einer fremden Romantik. Davon lebt die
Filmindustrie.
Dabei haben die Manner aus dem Hafen ungefahr die gleichen Sitten
wie die von den Bergen. Auch die Hafenleute stechen mit korsischen
Messern, biegen mit Leidenschaft die Arme der Kollegen und ringen
mit den besten Freunden. Sie freuen sich, dafi in den Abruzzen diesel-
ben Freuden iiblich sind. Wahrend sie im Kino sitzen, ziehen sie die
Messer, und das Auge noch auf die Leinwand geheftet, strecken sie
schon die Hande gegen den Nachbarn aus, um ihm einen kleinen, spie-
lerisch leichten Stich zu versetzen. Der Nachbar, der sich nicht alles
gefallen laftt, fordert den Freund auf, vor die Leinwand zu treten und
es dem Helden Cesare gleichzutun.
Man sieht also im Kino nicht nur die Taten der Manner aus den Ab-
ruzzen, sondern auch die der Manner aus Marseille.
Indessen hammert der Klavierspieler immer wieder »Die Tochter des
Regiments«. Kein Wunder, dafi sich die Zuschauer langweilen. Sie ver-
langen ein anderes Lied. Der Klavierspieler erhebt sich, geht hinaus,
und der Film lauft ohne Musik weiter.
Nach einer Weile sieht man einen grofien, ergrimmten Mann. Er lafk
sich diese Frechheit eines Klavierspielers nicht gefallen. Man weifi, was
es bedeutet, wenn ein sehr grower, sehr breiter Mann, mit einem brei-
ten roten Giirtel um die Hiiften, mit einer zwei Zentimeter kurzen
Stirn und mit Handen wie eiserne Schaufeln, sich die Frechheit eines
winzigen Klavierspielers mit Regenschirm und Cutaway nicht gefallen
lafit.
Nach fiinf Minuten zappelt der Klavierspieler in der eisernen Faust
des erbitterten Besuchers, es wird hell, und die Gaste lachen. Der
Riese winkt mit der Linken zum Publikum, setzt den Klavierspieler
vor das Instrument und befiehlt das von der Mehrheit gewiinschte
Lied.
Dann lauft der Film weiter.
Ich sitze zwischen zwei Kindern, die auf meinen Knien mit Glasku-
geln spielen. Es sind zwei schone, schmutzige Kinder. Ich mochte
sie streicheln. Die Kinder stehlen einander die Kugeln und verber-
gen sie in meinen Rocktaschen. Ihr Vater ziindet ein Streichholz an
und leuchtet mir ins Gesicht. Er will wissen, ob seine Kleinen gut
aufgehoben sind.
4J0 DAS JOURNALISTISCHE WERK
»Schone Kinder!« sage ich.
»Geben Sie acht!« sagt er, »dafi sie sich nicht schlagen.«
Ich glaube, ich bin ihm sympathisch. Er hat gefunden, dafi ich Kinder
sehr gut bewachen kann, und er wendet sich jetzt sorglos den Ereignis-
sen zu, die sich teils auf der Leinwand, teils im Saal abspielen.
Frankfurter Zeitung, 4. 11. 1925
Die weissen Stadte
Ich wurde eines Tages Journalist aus Verzweiflung uber die vollkom-
mene Unfahigkeit aller Berufe, mich auszufiillen. Ich gehorte nicht der
Generation der Leute an, die ihre Pubertat mit Versen eroffnen und
abschliefien. Ich gehorte noch nicht der allerneuesten Generation an,
die durch Fufiball, Skilauf und Boxen geschlechtsreif wird. Ich konnte
nur auf einem bescheidenen Rad ohne Freilauf fahren, und mem dich-
terisches Talent beschrankte sich auf prazise Formulierungen in einem
Tagebuch.
Seit jeher mangelte es mir an Herz. Seitdem ich denken kann, denke
ich mitleidslos. Als Knabe futterte ich Spinnen mit Fliegen. Spinnen
sind meine Lieblingstiere geblieben. Von alien Insekten haben sie, ne-
ben den Wanzen, am meisten Verstand. Sie ruhen als Mittelpunkt
selbstgeschaffener Kreise und verlassen sich auf den Zufall, der sie
nahrt. Alle Tiere jagen der Beute nach. Von der Spinne aber konnte
man sagen, sie sei verniinftig, sie sei in dem Mafl weise, dafi sie das
verzweifelte Jagen aller Lebewesen als nutzlos und nur das Warten als
fruchtbar erkannt hat.
Geschichten von Spinnen, von Straflingen, die sich in der finsteren
Einsamkeit ihrer Zelle mit Spinnen unterhalten, las ich mit Eifer. Sie
regten meine Phantasie an, an der es mir iibrigens keineswegs fehlt. Ich
habe immer leidenschaftlich, aber mit wachen Sinnen getraumt. Mein
Traum konnte mir niemals eine Wirklichkeit erscheinen. Dennoch ver-
mag ich mich so tief in den Traum zu begeben, dafi ich eine zweite,
eine andere Wirklichkeit lebe.
Als ich dreiftig Jahre alt war, durfte ich endlich die weiften Stadte se-
hen, die ich als Knabe getraumt hatte. Meine Kindheit verlief grau in
grauen Stadten. Meine Jugend war ein grauer und roter Militardienst,
eine Kaserne, ein Schiitzengraben, ein Lazarett. Ich machte Reisen in
fremde Lander - aber es waren feindliche Lander. Nie hatte ich fniher
gedacht, dafi ich so rapid, so unbarmherzig, so gewaltsam einen Teil
der Welt durchreisen wiirde, mit dem Ziel zu schieften, nicht mit dem
Wunsch zu sehen. Ehe ich zu leben angefangen hatte, stand mir die
ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt
452 DAS JOURNALISTISCHE WERK
verwiistet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. Die Kinder
der andern, der friiheren und der spateren Generationen, diirfen einen
standigen Zusammenhang zwischen Kindheit, Mannestum und Grei-
senalter finden. Auch sie erleben Uberraschungen. Aber keine, die
nicht in irgendeine Beziehung zu ihren Erwartungen zu bringen ware.
Keine, die man ihnen nicht hatte prophezeien konnen. Nur wir, nur
unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nachdem sie mit der voll-
standigen Sicherheit der Erde seit der Geburt gerechnet hatte. Uns al-
ien war es wie einem, der sich in den Zug setzt, den Fahrplan in der
Hand, um in die Welt zu reisen. Aber ein Sturm blies unser Gefahrt in
die Weite, und wir waren in einem Augenblick dort, wohin wir in
gemachlichen und bunten, erschiitternden und zauberhaften zehn Jah-
ren hatten kommen wollen. Ehe wir noch erleben konnten, erfuhren
wir's. Wir waren furs Leben geriistet, und schon begriifite uns der
Tod. Noch standen wir verwundert vor einem Leichenzug, und schon
lagen wir in einem Massengrab. Wir wufiten mehr als die Greise, wir
waren die ungliicklichen Enkel, die ihre Grofivater auf den Schofi nah-
men, um ihnen Geschkhten zu erzahlen.
Seitdem glaube ich nicht, dafi wir, Fahrplane in der Hand, in einen Zug
steigen konnen. Ich glaube nicht, dafi wir mit der Sicherheit eines fur
alle Falle ausgeriisteten Touristen wandern diirfen. Die Fahrplane
stimmen nicht, die Fiihrer berichten falsche Tatsachen. Alle Reisebu-
cher sind von einem stupiden Geist diktiert, der nicht an die Verander-
lichkeit der Welt glaubt. Innerhalb einer Sekunde aber ist jedes Ding
durch tausend Gesichter verwandelt, entstellt, unkenntlich geworden.
Man berichtet iiber Gegenwart mit historischer Sicherheit. Man
spricht iiber ein fremdes Volk, das lebt, wie iiber eines, das in der
Steinzeit gestorben ist. Ich habe Reisebucher iiber einige Lander gele-
sen, in denen ich gelebt habe (und die ich so gut kenne wie meine
Heimat und die alle vielleicht meine Heimat sind). Wie viele falsche
Berichte sogenannter »guter Beobachter«! Der »gute Beobachter« ist
der traurigste Berichters tatter. Alles Wandelbare begreift er mit offe-
nem, aber starrem Aug'. Er lauscht nicht in sich selbst. Das aber miifite
er. Er konnte dann wenigstens von seinen Stimmen berichten. Er ver-
zeichnet die Stimme einer Sekunde in seiner Umgebung. Aber wer
weifi nicht, dafi andere Stimmen ertonen, sobald er seine Horcherstel-
lung verlassen hat. Und ehe er's niederschreibt, ist die Welt, die er
kennt, nicht mehr dieselbe.
19*5 453
Und ehe wir ein Wort niederschreiben, hat es nicht mehr dieselbe Be-
deutung. Die Begriffe, die wir kennen, decken nicht mehr die Dinge.
Die Dinge sind aus den engen Kleidern herausgewachsen, die wir ih-
nen angepafit haben. Seitdem ich in feindlichen Landern gewesen bin,
fuhle ich mich in keinem einzigen mehr fremd. Ich fahre niemals mehr
in die »Fremde«. Welcher Begriff aus einer Zeit der Postkutsche! Ich
fahre hochstens ins »Neue«. Und sehe, dafi ich es bereits geahnt habe.
Und kann nicht dariiber »berichten«. Ich kann nur erzahlen, was in
mir vorging und wie ich es erlebte.
Ich war neugierig, zu erfahren, wie es hinter dem Zaun aussieht, der
uns umgibt. Denn uns umgibt ein Zaun, uns Menschen, die wir zur
deutschen Welt sprechen. In Deutschland ist der »Begriff« heilig und
unwandelbar. Wir glauben an die Nomenklatur. In Deutschland er-
scheinen die »zuverlassigsten« Fuhrer, die »griindlichsten« Beobach-
tungen und Forschungen. Alles Niedergeschriebene wird Gesetz. Man
glaubt einem Buch aus dem Jahre 1880. Man diirfte nicht einmal einem
aus dem Jahre 1925 glauben. Man glaubt, wie vor dem Krieg, heute an
die Bedeutung der alten Begriffe.
Jenseks, hinter dem Zaun, war die Nomenklatur niemals so heilig. Die
Namen flossen immer weit um die Dinge, die Kleider waren lose. Man
war nicht bestrebt, alles unverriickbar zu fixieren. Man wandelt sich
jeden Augenblick, driiben, hinter dem Zaun. Wir nennen das immer
»Treulosigkeit«, und Anpassung ist halber »Verrat«. Hinter dem Zaun
gewann ich mich selbst wieder. Ich gewann die Freiheit, die Hande in
den Hosentaschen, eine Garderobemarke an den Hut geheftet, einen
zerbrochenen Regenschirm in der Hand, zwischen Damen und Her-
ren, Strafiensangern und Bettlern zu wandeln. Ich sehe in den Straften
und in der Gesellschaft genauso aus wie zu Hause. Ja, ich bin draujlen
zu Hause. Ich kenne die stifle Freiheit, nichts mehr darzustellen als
mich selbst. Ich reprasentiere nicht, ich libertreibe nicht, ich verleugne
nicht. Ich falle trotzdem nicht auf. Es ist in Deutschland fast unmog-
lich, nicht aufzufallen, wenn ich nichts spiele, wenn ich nichts ver-
leugne und nichts ubertreibe. Zwischen diesen zwei Arten zu erschei-
nen, habe ich die traurige Wahl. Denn ich muE auch, wenn ich keinen
Typus, keine Gattung, kein Geschlecht, keine Nation, keinen Stamm,
keine Rasse reprasentiere, dennoch etwas zu reprasentieren suchen.
Wir sind gezwungen, »Farbe zu bekennen«, und nicht etwa eine belie-
454 DAS JOURNALISTISCHE WERK
bige, sondern eine aus der offiziellen Farbenskala: sonst sind wir
»ohne Gesinnung«. Es ist das Kennzeichen der engen Welt, dafi sie das
Undefinierbare verdachtigt. Es ist das Kennzeichen der weiten, dafi sie
mich gewahren lafit. Auch sie hat fur mich noch keine Bezeichnung
gefunden. Aber nennt sie mich so oder anders, so ist immer noch ein
freier Raum zwischen der Bezeichnung und dem Begriff, den sie deckt,
denn die Welt nimmt nicht alles wortlich. Wir aber nehmen sie beim
Wort und nicht »bei der Sache«, weil wir die Namen mit den Dingen
verwechseln.
Deshalb verstehn wir sie nicht, deshalb versteht sie uns nicht. Hinter
dem Zaun sind Ferien. Siifie, lange Sommerferien. Was ich sage, nimmt
man nicht wortlich. Was ich verschweige, ist gehort worden. Mein
Wort ist noch lange kein Bekenntnis. Meine Luge noch lange keine
Charakterlosigkeit. Mein Schweigen ist nicht ratselhaft. Jeder versteht
es. Es ist, als zweifelte man an meiner Punktlichkeit nicht, obwohi
meine Uhr falsch geht. Man schliefit nicht aus der Eigenschaft eines
meiner Attribute auf meine Eigenschaften. Niemand reguliert meinen
Tag. Wenn ich ihn verliere, so ist es mein Tag gewesen. (Ein »Tage-
dieb«! Wie deutsch ist dieses Wort! Wem gehoren die Tage, die einer
sich selbst gestohlen hat?)
Ich habe die weifien Stadte so wiedergefunden, wie ich sie in den Trau-
men gesehn hatte. Wenn man nur die Traume seiner Kindheit findet,
ist man wieder ein Kind.
Das zu hoffen, hatte ich nicht gewagt. Denn unwiederbringlich weit
lag die Kindheit hinter mir, durch einen Weltbrand getrennt, durch
eine brennende Welt. Sie war selbst nicht mehr als ein Traum. Sie war
ausgeloscht aus dem Leben; verstorbene und begrabene, nicht ent-
schwundene Jahre. Was dann kam, war wie ein Sommer ohne Friih-
ling. Ich fuhr mit der Skepsis in dieses Land, welche die Folge eines
Lebens ohne Kindheit ist. Alle Menschen meiner Generation sind in
diesem Sinne »skeptisch«. Und wahrend uns die Alteren Tag fur Tag
mit ihrer Mahnung zu »Aufbau« und »Positivsein« in den Ohren lie-
gen, lacheln wir das wissende Lacheln derjenigen, die Ursache, Werk-
zeug und Opfer einer grofiartigen Zerstorung gewesen sind. Oh, wenn
sie uns nicht so stumm gemacht hatte, wir konnten ihnen sagen, was
»Aufbau« ist! Wir glauben so wenig an ihn, dafi wir nicht einmal im-
19*5 455
stande sind, seine Unmoglichkeit darzulegen. Der Vater, der seinen
Sohn verloren hat, weifi von der Zerstorung weniger als sein toter
Sohn. Wer im Hinterland gewesen ist, hat den Weltuntergang doch
nur aus historischer Perspektive erlebt, den grofien Weltkrieg unserer
Jahre wie die Kriege Karthagos und Roms. Er lernte den Krieg seiner
Zeit aus den Berichten, wie er die der Vergangenheit aus den Lehrbii-
chern gelernt hatte. Es ist immer noch ein Unterschied, ob man etwas
am eigenen Leib oder an dem seiner Sonne erlebt hat.
Wir sind die Sonne. Wir haben die Relativitat der Nomenklatur und
selbst die der Dinge erlebt. In einer einzigen Minute, die uns vom Tode
trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der
Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbe-
wufitsein. In einer einzigen Minute wufken wir mehr von der Wahr-
heit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen
Toten. Wir kommen, mit der ganzen Weisheit des Jenseits beladen,
wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen. Wir haben die Skepsis
der metaphysischen Weisheit.
Alles, was sich bei uns, im Norden und im Osten, seit unserer Wieder-
auferstehung zugetragen hat, konnte unsere Skepsis nur bestarken. Im-
mer wieder entfernten wir uns von unserer Kindheit. Es war, als waren
wir zuriickgekehrt, um noch einmal alle Vernichtungen mitzumachen.
Und uns, die wir geradezu unmittelbar vom Studium des Dreifiigjahri-
gen Krieges weg in den Weltkrieg gezogen wurden, ist es heute, als
hatte in Deutschland der Dreifiigjahrige Krieg noch nicht aufgehort.
Wir konnen nicht glauben, dafi irgendwo noch die Kontinuitat des
Friedens vorhanden ist und die grofte und machtige Kulturtradition
des antiken und mittelalterlichen Europas lebendig. Seit unserer Wie-
derauferstehung erleben wir das Werden einer ganz neuen Kultur, er-
leben wir die Revolution des Nahen Ostens und das leise Erdbeben des
Fernen und gleichzeitig Amerikas technischen Zauber. Gefangen in
einem Land, in dem ein kindischer Hang zur verstorbenen letzten Ver-
gangenheit in denselben Menschen vorhanden ist, die eine Umwand-
lung des Menschen aus Fleisch und Blut in ein Wesen aus Stahl und
Eisen wiinschen, gefangen in einem sonderbaren Land, in dem die
Halfte der Nation gleichzeitig zwei so verschiedene und gegensatzliche
Erscheinungen bewundern kann wie eine Militarparade und einen
Luftballon, gefangen in einem Land, in dem die Empfindsamkeit
ebenso groft ist wie das technische Bewufksein - erleben wir stiindlich
456 DAS JOURNALISTISCHE WERK
die kleinen Kampfe und grofien Kriege zwischen Vergangenheit und
Zukunft, den klassischen, katholischen, europaischen Einfliissen des
Westens ebenso ausgeliefert wie den revolutionaren des Ostens und
den kapitalistischen Amerikas. Das wird mehr als ein Dreifiigjahriger
Krieg sein.
Denn es ist Krieg, wir wissen es, wir, die beeideten Sachverstandigen
fur Schlachtfelder, wir haben sofort erkannt, dafi wir aus einem kleinen
Schlachtfeld in ein grofies heimgekehrt sind. Wenn wir dieses Land
verlassen, ist es, als fiihren wir in Urlaub. Wie friedlich und ahnungslos
ist unten noch alles! Wie wenig weifi diese Welt von den Lawinen, die
langsam heranrollen! Werden sie nicht bis hierher gelangen? Wird ihre
Macht hier schon gebrochen sein? Wird die neue Kultur, der die Zer-
storung vorangeht, aus Respekt, wie schon einmal, vor den lebendigen
Denkmalern der alten stehnbleiben, um einen Kompromifi zu schlie-
fien?
Gluckliches Land meiner Kindheit, das so vor den Stiirmen geborgen
liegt und Zeit hat zur Besinnung und zu Friedenskonferenzen, wah-
rend wir oben preisgegeben sind dem ersten, verstandnislosen und
noch nicht verhandlungsbereiten Wiiten der Elemente. Gluckliches
Land, in dem man wieder traumen kann und glauben lernt an die
Machte der Vergangenheit, von denen wir dachten, sie waren, wie so
vieles, ein Irrtum und eine Luge des Lesebuches!
Die Sonne ist jung und stark, der Himmel hoch und tiefblau, die
Baume dunkelgnin, versonnen, uralt. Und weifie breite Strafien, die
seit Jahrhunderten Sonne getrunken haben und widerstrahlen, fiihren
zu den weifien Stadten mit den flachen Dachern, die so eben sind, als
wollten sie zeigen, dafi hier nicht einmal die Hohe gefahrlich werden
kann und dafi man niemals, niemals hinunterfallt in schwarze Tiefen.
LYON
An einem Sonntagnachmittag kam ich nach Lyon.
Diese Stadt liegt an der Grenze zwischen dem Norden und dem Siiden
Europas. Es ist eine Stadt der Mitte. Dem nordlichen Ernst und dem
nordlichen Zielbewufitsein ebenso hingegeben wie der Ungezwungen-
W 457
heit des Siidens, lachelt sie und arbeitet. Ihr Wochentag ist hart und ihr
Sonntag voll bewegter Festlichkeit. Alle Menschen sind eifrig beflis-
sen, gar nichts zu tun. Sie feiern mit unermudlichem Fleifi.
Man fabriziert in dieser Stadt Seide. Das Geschaftsviertel erinnert
iiberall an dieses Produkt. Alle Schilder sprechen von Seide. In alien
Schaufenstern sieht man Seide. Alle Frauen tragen Seide, auch die ar-
beitenden und unbemittelten.
Sind arme Menschen, die zehn Stunden und langer taglich an der Seide
weben, gliicklicher als ihre Kameraden, die nur gewohnliche Leinen-
sacke erzeugen? Sie verdienen ebensowenig. Seide kann man nicht es-
sen. Die Sozialwissenschaft rechnet nicht mit der Kostbarkeit der Pro-
dukte als einem Faktor fur das Wohl oder Weh der Arbeiter.
Ich glaube dennoch, dafi es irgendeinen Unterschied bedeutet, ob man
Seidenkleider produziert oder Leinensacke. Ein Schimmer von dem
festlichen Produkt fallt auf die Menschen, die es beschaftigt. Und wie
die Grubenarbeiter die traurigsten der Welt sind, so scheinen mir die
Seidenweber die frohlichsten, nach den Zuckerbackern. Wenn jemand
zwanzig Jahre leuchtende, schimmernde, bunte Regenbogenfaden
kniipft, ist seine Seele heiter, seine Hand zartlich, und sein Hirn denkt
trostliche Gedanken.
Zwar wohnt auch er jenseits der Rhone, in einer Mietskaserne, in einer
trostlos langen und breiten Strafie, in einer jener Strafien, die gestern
noch neu, billig und hygienisch waren und heute nur noch billig sind.
Es ist merkwiirdig, wie schnell die modernen proletarischen Straften
aller Stadte alt werden. Man erfindet immer besseres Material, man
pflanzt gesunde, griine Baume an die Rander der Biirgersteige, man
kanalisiert, legt Wasserleitungen an, Abfluftrohre, Porzellanbecken
und Gitter, die nicht rosten. Nach zwei Jahren ist das Porzellan ge-
sprungen und mit einer schmutzigen gelben Masse verklebt, die Baume
sind grau und konnen unter ihrer dicken Staubschicht nicht atmen, die
Kanale sind verstopft, die Wasserleitungsrohre platzen, von den Zim-
merdecken tropft es, und die Eisengitter rosten aus dem einfachen
Grund nicht, weil sie langst nicht mehr vorhanden sind. Die Mauern
werden schwarz, der Mortel fallt ab, und die Hauser stehen da wie in
einer hafilichen Krankheit, bei der sich die Haut schalt. Es ist kein
ehrwtirdiges Altern, sondern ein hastiges Verbrauchtwerden.
Auch die Seidenfabriken sind ebenso nackt, wuchtig, trostlos wie alle
anderen Fabriken der Welt. Aber die Arbeiter sind heiter. Sie sehen am
458 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Abend aus den Fenstern wie Menschen, die noch ein paar freie Tage
vor sich haben und Zeit, sich mit fremden Vorgangen zu befassen. Die
jungen Arbeitermadchen sind schlanke braune Prinzessinnen, die aus
Laune, nicht aus Not, in den schwarzen Kasernen wohnen. Jeden Au-
genblick tritt eine kleine Konigin aus einem dunklen Tor. Die Manner
trinken gern und sind selten betrunken. Man hort keinen Streit aus den
Wirtshausern. Die Frauen sitzen in Gruppen an den Ufern der Rhone.
Man angelt und liest beim verloschenden Tageslicht die Zeitung. Man
sieht auf den grofien, schonen Flufi, der eine der wichtigsten Strafien
der Romer war. So sind hier schon vor beinahe zweitausend Jahren die
romischen Manner und Frauen gesessen, die Krieger und die Frauen
der Krieger und die jungen Braute.
Ich gehe gern am Abend in dieses Viertel. Da sind die kleinen Laden
mit den verstaubten Schaufenstern und den ruhrenden, einfachen Ge-
genstanden, die nur arme Menschen kaufen: Tabaksbeutel und dicke
Uhrketten und grofie Elefantenzahne und kleine Hunde und Katzen
aus griinem Prozellan und Kaffeetassen mit nur einem Sprung und hol-
zerne Serviettenringe und Glasperlen in alien Farben und ein Behalter
aus Nickel fur Zahnstocher. Da sind die kleinen Delikatefigeschafte
mit den verstaubten und ein wenig zerdriicktcn Friichten, mit den
Zwiebeln, den Kartoffeln, dem Zeitungspapier fur Tiiten und den Kat-
zen, die auf den Lebensmitteln hocken, und den kleinen Kindern, die
vor dem Laden spielen. Alles ist langsam und ohne Aufregung. Die
Stunden gehen stiller und gemachlicher. Die Uberraschungen selbst
kiinden sich an. Die Freuden sind inniger und leiser. Der Tod wird
hingenommen wie ein Geschenk. Das Leben hat keinen ubermafiig
hohen Wert. Das Leben ist soviel wert wie der karge Wochenlohn, ein
billiger Wein, ein Kino am Sonntag.
In diesem Teil von Lyon fiihle ich auch am innigsten seine alte Ge-
schichte, obwohl es hier keine Denkmaler gibt und alle Hauser neu
sind. Denn die armen Menschen scheinen den warmsten Zusammen-
hang mit der Entwicklung und der Vergangenheit zu haben, am spate-
sten bekommen sie Verbindung mit den hastigen Neuigkeiten der Ge-
genwart, am frommsten ist ihr Verhaltnis zur Uberlieferung - sie sind
»Volk«, und in den Zugen ihrer Gesichter erkenne ich die romischen
Physiognomien, die vor 1 800 Jahren in dieser Stadt zum erstenmal
erschienen sind, um nie wieder aus ihr zu verschwinden. Die armen
Leute konnen nicht reisen, sie bleiben sefihaft, sie haben einen geogra-
1925 459
phisch engen Horizont, sie heiraten Frauen aus den nachsten Gassen,
und sie schreiben ihre Genealogien zwar nicht, aber es ist ohne Doku-
mente ersichtlich fur jeden, der in Gesichtern lesen kann, daft sie aus
der »Antike« stammen und daft historisches Blut in ihren Adern rollt.
Einfache Manner, sie sitzen plaudernd an den Ufern, und die Schatten
des Abends und ein rotlicher Strahl der untergehenden Sonne meifieln
ihr Profil scharf heraus und heben es aus der Gewohnlichkeit des All-
tags in eine fast symbolische Bedeutung: Ich sehe in dem und jenem
einen romischen Hauptmann, setze dem armen Mann einen funkeln-
den Helm mit geschwungenem Vorsprung aus blankem Messing auf,
ich lege um seine Brust ein rotes Hemd und dariiber einen Panzer aus
stahlernen Schuppen, und ich driicke in seine ahnungslose, biedere,
friedliche Faust ein kurzes zweischneidiges Schwert, in der Mine ge-
buchtet, mit zwei gerundeten Scharfen, glatt, spitz und leckend wie
eine Zunge: Siehe da - es ist ein Romer.
Und ich liebe die Wascherinnen an der Rhone. Auch sie sind arm und
iiber die erste und zweite Jugend schon hinaus, aber frohlich wie junge
Madchen. Seit sechs Uhr friih stehen sie da bis spat am Abend, und den
letzten, schwachen Sonnenschein wollen sie noch ausniitzen, und es
ist, als waren sie sparsam mit der kostbaren Sonne und imstande, einen
einzigen Tag in drei auszudehnen. An ihnen vorbei rinnt das Wasser,
fortwahrend neues silbernes Wasser, Millionen Wellen sehen sie am
Tag, und in jede tauchen sie ein Waschestuck, mit der Gebarde von
Priesterinnen waschen sie den Schmutz, und das Profane wird heilig.
Sie sind bunt und lustig wie das Wasser, sie singen unermudlich und
rufen einander Griifie zu, diesseits und jenseits des Flusses erklingen
die Stimmen, mit dem Gerausch des platschernden Wassers vermischt,
durch das Echo der steilen Boschung verstarkt und geklart, silberne
Briicken, unsichtbar und nur mit dem Ohr zu vernehmen, Brucken fiir
Grufle. Die Wasche der ganzen Stadt wird in der Rhone sauber. Es ist,
als wiirde aller Unrat von den Menschen weggespiilt; als stiinden diese
Frauen hier, um den ganzen Tag die Seelen der Einwohner von Lyon
sauber zu erhalten. Und ich denke, daft eine Stadt, die an zwei Fliissen
liegt, von einer anstandigen Bevolkerung bewohnt wird. Das Wasser
ist ein heiliges Element.
Morgen vormittag werde ich iiber die grofte Wilsonbriicke in den mitt-
leren Teil der Stadt gehen, dorthin, wo man die Seide verkauft. Dieser
Teil ist um elf Uhr vormittags am schonsten. Da offnen sich die grofien
460 DAS JOURNALISTISCHE WERK
alten patrizischen Biirohauser, und die jungen Madchen eilen in die
Mittagspausen wie in ein grofies Gliick. Eine halbe Stunde lang eilen alle
Einwohner der Stadt ins Gliick, und es ist ein grofies Gewimmel in den
StraEen und ein Tuten der Gefahrte, in denen die Kaufherren und die
Fabrikanten der Seide sitzen, und die ganze Stadt ist wie ein grofier
Jahrmarkt, die Gasthauser fullen sich, und die Musikanten stellen sich in
den Ecken und in den alten Gafichen auf und spielen Geige, Ziehharmo-
nika und Zimbeln, und die kleinen Madchen kaufen die Noten und gehn
mit schwarz auf weifi fixierter, ewiger, unverlierbarer Musik ins Mittag-
essen. Man hort auch das Tuten der Automobile, das Klappern der
Geschirre und das Rasseln der Rollbalken vor den Laden, und eine
Stunde lang bereitet man diesen grofien, erhabenen Feiertag vor, der in
den weifien Stadten Siidfrankreichs »Essen« heifit.
Und dann ist der Feiertag da: die Mittagspause. Man kann in den Stra-
fien das Ticken der Uhren aus dem Innern der Hauser horen, die leisen
Stimmen der plaudernden Menschen, und die Stille ist weifi, grofi, voll
von Sonne, Licht ohne Schatten, eine Pause voll Erhabenheit. Ich sehe
die ruhenden Schreibmaschinen in den Kontoren unter ihren schwarzen
Decken aus Wachstuch und die zugeklappten Tintenfasser und ahne die
schmalen griinen Geschaftsbucher in den Schubladen, die Sammler des
Reichtums und die Seidenfaden, Millionen Seidenfaden in den grofien
Maschinen, harrend der Vollendung zum schimmernden Gewebe.
An diesem Abend will ich die gnadenreiche »Fourviere« besuchen.
Langst schon habe ich zu ihr emporgeblickt wie ein demutiger, naiver
Fruhmensch zum Symbol einer iibersinnlichen Macht. Denn so steht
die Kathedrale oben, das breite Angesicht der Stadt zugewendet, vier
Saulen, drei Tore, dariiber ein Giebel, auf dem ein Kreuz wie eine Blume
bliiht, von zwei runden Tiirmen flankiert wie von Wachtern, und unten
die Stufen, flach, zahlreich, breit, nicht Stufen, auf denen man hinan-
steigt, eine Treppe vielmehr, auf der man sich hinaufkniet. Hier stand
einmal das romische Forum, es ist haargenau derselbe Platz, Sinnbild
einer andern Macht, es gab den Platz her und selbst einige seiner Steine
zum Bau der kleinen Kapelle, es ist noch steinernes Fleisch und Blut
vom Forum, ein Symbol hat sich selbst in ein neues gewandelt, derselbe
Stein diente mit derselben Treue einer verschwundenen Macht, mit der
er einer neuen ergeben ist, und beide konnen auf seine Festigkeit trauen.
Aus alien Teilen Westeuropas pilgern die Frommen einmal im Jahr zu
diesen Steinen.
1925 4^ :
Im 9.Jahrhundert erstand die erste Kapelle, wuchs an Ruhm und An-
sehn, bekam reiche Geschenke von LudwigXL, LudwigXII., Lud-
wigXIIL Aber erst, als die Pest 1642 mit Grausamkeit die Stadt zu
vernichten drohte, bewies der Hiigel mit der Kapelle seine besondere
Wunderkraft, die Menschen retteten sich zu ihm empor, und seit da-
mals wandern die Prozessionen jedes Jahr am 8. September zur Four-
viere, und der Erzbischof segnet die Stadt. Erst seit 1896 stent die neue
Kathedrale. Sie hat 15 Millionen Francs gekostet - das Geld der from-
men kleinen Leute.
Die Kathedrale ist zu dem Zweck angelegt worden, ein Wahrzeichen
zu sein und zu reprasentieren. Und niemals habe ich ein Monument
aus unseren Tagen gesehn, dessen Grofie sich so innig verband mit
Zartheit, dessen Wucht so bescheiden zuriicktrat hinter die sanfte Wir-
kung des Details. Die Heiligen tragen den Giebel und stiitzen ihn mit
den Hauptern, die Heiligen saumen die Wolbungen der Torbogen,
und so lebendig ist die Wirkung menschlicher Gestalten, die techni-
sche Funktionen ausiiben, daft jeder Stein zu atmen beginnt, denn nahe
ist seine Beziehung zum Lebendigen, und der ganze fertige kolossale
Bau ist immer noch im Werden begriffen. Und obwohl diese Statuen
ewig diese Steine stiitzen werden, ist es, als ware ihre Stellung nur ein
Augenblick aus ihrer fortwahrenden Tatigkeit. Im nachsten Augen-
blick werden sie sich bewegen, und die Kirche wird wandern, zu den
Menschen hinunter, schon steht sie hart am Rand, sie kommt den Pil-
gern entgegen am 8. September, dem heiligen Tag.
Der ganze Hiigel ist mit steinernen Stufen besat, und jede Gasse ist
eine Treppe, und die alten Hauser aus grofien Festungsquadern mit
bunten Dachern aus einem schimmernden Schiefer, der wie Perlmutter
aussieht, stehn, eines immer um einen Kopf grofter als das andere, zu
beiden Seiten der Treppen, immer geschlossen, immer still, wie in
einem Geliibde der Schweigsamkeit fur ein ganzes Jahr, bis zur An-
kunft der Pilger. Dann werden sich die Turen of men, V/asser und
Wein in Kriigen wird man den frommen Wanderern entgegentragen,
auf jeder Stufe wird einer gelabt werden. An jeder kleinen Schwelle
wird ein Gast stehen. Heute zwitschern nur die bunten Stieglitze und
die gelben Kanarienvogel in idyllischen griinen Kafigen vor den Tiiren,
neben den saubern Postkasten, deren es vier und funf an jedem Haus
gibt, um dem Postboten die steilen Stiegen in den Hausern zu erspa-
ren.
462 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Gleich hinter der Kathedrale fangt Rom an, ein lebendiges Rom. Alle
ausgegrabenen Erinnerungen hat man stehnlassen, statt sie in ein Mu-
seum zu tragen, Jeder Wanderer fuhlt die Wonne des ersten Entdek-
kers. Wie vor 1 800 Jahren steht heute die romische Vase im lebendigen
Blumenbeet, und der lebendige Gartner bedient sich einer antiken stei-
nernen Spritzkanne, und vor dem Eingang zum Garten steht der romi-
sche Hund mit der Aufschrift: Cave Caneml, ein primitiver Hund aus
Sandstein, ein bifichen Lowe, ein wenig Wolf, ein bifichen Bar, um so
schrecklicher in dieser Mischung furchtbarer Tierhaftigkeit und harm-
los heiter wie die Erinnerung an meine lateinischen Grammatikstun-
den. Wie gut miissen es die Gymnasiasten von Lyon haben. Nicht
einmal die Grammatik ist abstrakt. Jede Regel konnen sie mit den
Handen greifen. Alle Ausnahmen stehn an den Randern der Spazier-
wege. Alle Steine halten historische Vortrage. Da ist eine Strafie, die
geradewegs nach Rom fuhrt, hinein in die Antike, auf diesem Wege
sind sie gekommen, hier iiberschritten sie die Saone, auf diesen Hugel
stiegen sie, um das Land zu iibersehn, hinter dem Flufi begannen sie,
die Steine aufzuschichten, und sie hifiten eine Festung, wie man heute
eine Fahne hifit.
Von hier aus sehe ich das ganze Ausmafi meiner ersten weifien Stadt.
Ja, so habe ich sie getraumt. Also stehn sie alle noch da: die schim-
mernden Hauser, die weifien Wande, mit Sonne getuncht, die flachen,
schillernden Dacher aus Regenbogen, die hiipfenden Rauchfange, die
kleine blaue Wolkchen aussto{$en wie zartes Baumaterial fur den
blauen Himmel. Strafien aus weifier Kreide, fliehende breite Bander,
miindend im Griin der Felder, hineilend zu den dunkelgriinen Wal-
dern und den blauen Felsen am Horizont, hinter denen Rom liegt, die
Erbin Griechenlands und unsere erste Lehrmeisterin. Es lebt noch, es
lebt noch. Da lauten schon die schweren Glocken von den Turmen des
Mittelalters, da reiten die Stimmen von der Kathedrale St. Jean hinein
in die bluhenden Steine des Altertums, da kommen schon die spitzen
und scharfen Turmchen von St. Nizier, die kleinen Dacher, mit spitzen
Buckeln und Stacheln bewehrt und oben vom versohnlichen Kreuz
geziert.
Die Abendschatten legen sich uber die Welt, die Stimmen der Strafien
werden stiller, das Rauschen der Rhone ist starker. Noch kann ich das
Rathaus erkennen, die Bibliothek der Stadt, die Kirche St. Martin mit
den festungsartigen Mauern. Der Mond taucht hinter den Felsen em-
1925 4^3
por, und die weifie Stadt ist noch weifier, die Steine strahlen um die
Wette mit dem Mond, und in holder Eintracht fliefien Rhone und
Saone, die eine hurtig, die andere bedachtsam, demselben Ziel entge-
gen, der langersehnten Vereinigung, und umklammern die weifie Stadt
wie einen kostbaren Besitz, um ihn nie wieder zu lassen.
VIENNE
In einem Lyoner Museum sah ich ein Bild vom rekonstruierten romi-
schen Vienne: Es lag, zwischen Hiigel gebettet, auf einer Seite mahlich
ansteigend, auf der anderen eben, an beiden Ufern der Rhone und
hatte in all seiner Lieblichkeit noch etwas von der romischen Monu-
mentalitat, von deren Ewigkeitsgeprage, das Rom alien s einen Bauten,
Denkmalern und Niederlassungen zu verleihen verstand. Die Hiigel
umschlossen die Stadt, ohne sie einzuzwangen. Immer noch war Platz
genug, um zu wachsen und sich auszubreiten. Immer noch war Gain
zwischen den Steinen. Die Stadt wuchs in das Land hinein, und das
Land schmiegte sich an die Stadt. Natur und Kunst waren einander
ebenburtig, Des Menschen Hand schuf aus dem Material der Erde.
Nirgends war das Material vergewaltigt. Es unterwarf sich freudig dem
Willen des Menschen. In zwolf grofkn Hauptgebauden konzentrierte
sich das Leben der Stadt. Und es war dennoch eine grofie Stadt. Sie
hatte keine Strafien, nur Platze, sie hatte fast keine Hauser, nur Palaste.
Und dennoch ging von diesem Bild ein grofistadtischer Atem aus, wie
ihn niemals die Gesamtansicht einer modernen Weltstadt ausstromen
kann. Ich hatte das Gefiihl, dafi der Mensch einer kolossalen Arena
gegenuber immer noch Mensch ist, aber im Augenblick eines Wolken-
kratzers zur Ameise herabsinkt. Wie kommt es, daft man auf dem wei-
ten romischen Platz nicht verloren ist wie auf einem modernen Boule-
vard? Die romische Grofte ist nicht gigantisch, sondern menschlich.
Rom mifit nach irdischen Maften. Die GroEe und Monumentalitat ha-
ben einen »humanen« Charakter.
Mit diesem Bild im Herzen kam ich nach Vienne. Wie verwandelt ist
es! Immer, fast seit seiner Entstehung, war es Hauptstadt, Sitz der Fur-
sten und Konige. Es hat mehreren Nationen angehort, es hat sich im
464 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Laufe der Zeiten gewandelt, aber keiner seiner Herren hatte gewagt, es
zu einer Stadt zweiten Ranges zu degradieren. Es war ewig Jung, stolz,
schon und weit. Es durfte furchtlos in die Zukunft sehn, wie eine Got-
tin, der die Zeit nichts anhaben kann.
Die Stadt Vienne ist mitten in ihrer Schonheit gestorben, und sie
gleicht darin wirklich einer abgesetzten Gottin. Sie ist nicht verbraucht
und nicht herabgesunken. Sie horte plotzlich auf, eine grofte, schone,
stolze, angebetete Stadt zu sein. Sie bequemte sich nicht, nach anderen
Zwecken zu suchen. Sie blieb in ihrer Vergessenheit und in dem Zu-
stand, in dem sie gewesen war, als man sich von ihr abwandte. Nichts
von den Neuerungen der Zeit drang in ihre tauben Mauern. Sie schlofi
sich zu, horte nichts mehr, sah nichts mehr und liefi nichts mehr ein.
Nachdem ich drei Tage in Vienne gelebt hatte, erschien es mir merk-
wiirdig, dafi ich hierher mit der Eisenbahn gekommen war. Seltsam,
seltsam, daft hier ein Bahnhof stand, dafi man manchmal den Pfiff einer
Lokomotive horte. Was wollte hier ein Zug? Was kiindete hier eine
Stimme? Hier lebten ja die Toten! In diesen Gassen hatte ja niemand
mehr was mit der Welt zu tun! Hier lebten die Menschen wie Denk-
maler. Den ganzen Tag safien die Frauen am Fenster, und unbeweglich
wie sie hockten neben ihnen die Katzen. Die Hunde schliefen in der
Mitte, und kein Fuhrwerk storte ihren Schlaf. Und ich war der Fufi-
ganger. Hinter den bunten Vorhangen aus Glasperlen, die hier statt der
Turen an den Hausern angebracht waren, riihrte sich nichts. Ich blieb
dreizehn Tage in Vienne. Als ich ankam, sahen mich die Frauen aus
den Fenstern an wie ein Gespenst. Als ich wegfuhr, wunderten sie sich
immer noch iiber mich. Noch schliefen die Hunde in der Strafienmitte,
wie am Tag meiner Ankunft. Schliefen sie wirklich? Waren sie nicht
tot? Safien die alten Frauen wirklich an den Fenstern? Sahen Sie mich
an? Oder hatten sie die Fahigkeit der Toten, durch lebendige Korper
hindurchzusehn wie durch Luft und Glas? Hatten mich wirklich die
Einwohner von Vienne bemerkt? Oder war ich durch diese Stadt hin-
durchgeweht worden wie ein Windhauch, den alte Menschen kaum
fiihlen und Tote iiberhaupt nicht?
Man schlofi mir ein Hotelzimmer auf, lieft mich eintreten, verkaufte
mir Brot, Wurst und Kase in einem Laden und antwortete mir mit
leisem Kopfnicken auf meine Griifie. Uberall erschrak ich vor meiner
eigenen Stimme. Meine eigenen Schritte vernahm ich wie feme Gerau-
sche. Und wenn ich vor eines der Denkmaler kam, die der Fuhrer
1925 4^5
ausdriicklich den Besuchern verordnet, war es mir nicht, als ob ich den
Zeugen einer entschwundenen Zeit sahe, sondern einen Zeitgenossen.
Und obwohl Denkmaler aus verschiedenen historischen Epochen
stammen, hatten sie die Gemeinsamkeit des Jenseits, so wie in einem
andern Leben die Altersunterschiede zwischen Vatern, Sohnen, En-
keln aufgehoben sind und alle Verstorbenen gleichaltrig. Die gotische
Kirche war eine Sch wester des romischen Tempels.
In andern, in lebendigen Stadten merkt man am lebendigen Heute, das
ein Morgen und Ubermorgen gebart, wie sehr sich das Gestern vom
Vorgestern unterscheidet. In Vienne aber war die Gegenwart eine Ver-
gangenheit. Was alt, was alter war, konnte ich an keinem Neuen mes-
sen. Und auf einmal verstand ich, wie wenig Namen, Bauart, Stile be-
sagen. Alles Vergangene begriff ich mit einem gleichmaftig liebenden
Aug'. Waren die verschiedenen Formen noch Zeugnisse fur die Gegen-
satzlichkeit der Volker und Geschlechter? Im wesentlichen glichen
sich alle Baudenkmaler: in ihrer reinen Ziellosigkeit, welche das hoch-
ste Ziel ersehnt: empor zu Gott. Empor sogar das flache romische
Dach, wie eine auf warts gestreckte Handflache, empor der gotische
Bogen, wie ein gekrummter Finger, aus ewigem Stein der Tempel, aus
ewigem Stein die Kirche.
Nur Spielarten waren die »Stile«. Wie Kinder immer Spiele ersinnen,
so ersannen die Geschlechter immer neue Bauten. Und wie ein Kind
von einem Spielzeug zum andern geht, so ging ich von einem Bauwerk
zum andern: stand zuerst vor dem Tempel des Augustus; stand vor
den flachen zehn Stufen und schickte meinen Blick auf ihnen empor;
kam zu den Saulen, die keine Wande sind, aber wie Pfeiler fiir Wande
aus Luft und Sonne; sah, wie das Tageslicht die Schatten der Saulen auf
die Fliesen bedachtsam legte, vorsichtig, als ware auch der Schatten
einer Saule zerbrechlich; sah das Dreieck an der Front unter dem Gie-
bel, das wie eine Stirn und wie ein geschlossenes groftes Auge ist. Sechs
Saulen warfen sechs Schatten. Also waren es zwolf Saulen. Und jede
der wenigen Saulen verdoppelte sich. Bald war's ein kleiner gleichma-
fiiger Wald. Im Hintergrund erst war die Tiir, die das Heiligtum ver-
schloft. Sollte ich sie aufschlieften lassen? Es gab keinen Warter. Wer
weifi, ob es einen Schliissel gab. Vielleicht war iiberhaupt kein Schliis-
sel vorhanden. Als der gottliche Augustus den Tempel verliefs, schlofi
er ihn ab und nahm den Schliissel mit. In anderen Stadten erbrach man
die Tiiren. In Vienne tut man so was nicht.
466 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Niemals werde ich den Tempel betreten. Stiinde ich drinnen, ich
wiirde sehen, dafi er leer ist und dafi die verschlossene Tiir gar nichts
verborgen hat, keine Statue, keine Gottheit, keine Beter. Die Tiir ver-
schlofi das Leere, das Vergangene. Der Tempel enthalt dasjenige, das
ich draufien fiihlen kann und drinnen nicht entdecken wiirde. Er ent-
halt das Warten. Ich fiihle das Warten hinter der verschlossenen Tiir.
Nur hier noch wartet etwas. Der Tempel ist das einzige ganz erhaltene
romische Monument in Vienne. Vom alten Theater ist nur noch eine
Mauer vorhanden. Dann gibt es Reste einer alten Treppe, die das
Forum mit dem Palast verband. Und die Reste des Forums bilden
einen Teil eines mittelalterlichen Hofes, in dem heute noch ein paar
uralte Menschen leben. Die Steine der alten Form gingen iiber in eine
jiingere Form, so wie eine Epoche iibergeht in eine andere. Hier fiihle
ich die Entwicklung ohne Abschnitt, ohne Grenze. Der Stein fliefit wie
die Stunde.
Achtundfiinfzig Jahre vor Christi Geburt hat Julius Casar den riesigen
Aquadukt anlegen lassen. Ungefahr funfhundert Jahre spater drang
Gondebaud, der Konig der Burgunder, durch diesen Aquadukt in die
Stadt und eroberte sie. Das Denkmal half der Geschichte. Wie friiher
das Wasser drang jetzt eine neue Epoche in die Stadt.
Nur die Denkmal er der Gottheiten stehen ganz. Wie der Tempel des
Augustus blieb, unberiihrt vom Lauf der Zeiten, noch die Kathedrale.
Auch zu ihr empor fiihren flache Stufen. Ihre Tiirme liegen tief einge-
bettet hinter drei Bogen wie Augen unter dichten, vorgebauten Augen-
brauen. An jedem Bogen kleben sechzehn hohle Kronen aus silberwei-
fiem Stein. In jeder Krone wohnt ein Taubenpaar. Die Vogel kommen
und gehn, fliegen auf und kehren wieder, wie flatternde Gebete. Uber
dem Portal wolbt sich der Bogen iiber sechs Saulen eines zweiten, ho-
hen, unerreichbaren Portals. Hier gehn keine irdischen Beter ein. Hier
ist das Tor der Engel.
Drinnen ruhn der Kardinal de Montmorin und der Kardinal de la Tour
d'Auvergne, der Erzbischof von Vienne. Alte Frauen sitzen in den tie-
fen Stiihlen und beten. Die Decke ist dunkelblauer, gestirnter Himmel.
Er ist so lebendig, so sehr Wirklichkeit, dafi man glauben konnte, er
ware das Urbild des echten und nicht umgekehrt. Gliicklich die From-
men, die hier beten! Sie sehn, wie ihre Gebete geradewegs hinaufstei-
gen und die Sterne erreichen. Nichts bleibt unerhort in dieser Kirche.
Der Himmel ist so nah, dafi er das leiseste Flehn vernehmen mu8. Nur
1925 4*7
leben hier keine Lebendigen. Dieser Menschen Gebete sind frei von
irdischer Qual. Ihre Wunsche sind schon jensekig. Uber ihnen ist der
Himmel so tief, weil sie dem Himmel so nah sind.
Hoch auf dem Hiigel liegen die endgiiltig Toten unter steinernen
Kreuzen, Manchmal wandert eine uralte, kleine Frau hinaus, eine
Kerze, eine Blume, einen Stock in der Hand. Es scheint nicht, dafi sie
einen Toten besuchen geht. Es sieht eher aus, als gmge sie sich selbst in
ein Grab legen. Ihre zweite Wohnung auf dem Hiigel ist langst bereit.
Unten in der Stadt ist nur eine alte Katze geblieben, eine Pendeluhr,
ein paar Stricknadeln und ein Jesus aus Gips.
Dreizehn Tage blieb ich in Vienne. Ich ging in das Postburo, um
einen lebendigen Menschen zu sehn. Ich ging am Abend den Arbei-
tern entgegen, um laute Stimmen zu horen. Aber die Arbeiter schwie-
gen. Sie wohnten meist drauEen. Im Postburo schliefen die Schalter.
Ein paar Kinder spielten am Abend in den engen Gassen. Aber auch
sie waren nicht wie Kinder in andern Stadten. Kein Hund bellte. Die
Glocken klangen von den Turmen, aber nicht wie Glocken aus Erz,
sondern wie himmlische Signale. Ein Polizist fuhr auf einem gespen-
stischen Rad durch die Gassen. Ein Gefangenenwarter lebte im Ge-
fangnis ohne Arrestanten. Alle Turen bestanden aus bunten Glasper-
len. Alle Fenster waren of fen. Fremde Touristen kamen in Automo-
bilen, jagten wild durch die Stadt, brachen ein in die Stille der Kathe-
drale, peitschten ihre Blicke durch den Tempel des Augustus und ver-
schwanden wieder.
Zweimal in der Nacht pfiff eine Lokomotive wie ein heulender Mensch.
TOURNON
Ich bin nicht mit der Bahn nach Tournon gekommen, sondern zu Fufl.
Drei Tage war ich unterwegs. Ich bin die Rhone entlanggegangen,
ohne Plan, ohne Fuhrer und ohne langer als eine Nacht zu rasten. Ich
sah die dunklen Schiffer auf den breiten FloEen und auf den hochbela-
denen Kahnen, und die Angler, die stumm sind wie die Fische, die sich
so selten fangen lassen. Immer hatte ich das leise Rauschen des Flusses
im Ohr. Je weiter er fliefk und je naher er seinem Ziei kommt, desto
468 DAS JOURNALISTISCHE WERK
naher, desto lauter, desto gefahrlicher ist er. Er vertragt keine Kahne
mehr, und er mag keine Schiffer. Dennoch hat er eine liebliche Melo-
die, wenn man neben ihm hergeht, und seine Sprache ist sanfter als sein
Charakter. An seinen Ufern sind viele franzosische Dichter geboren
worden. Fliisse befruchten nicht nur die Erde. Der Wein wachst auf
den Hiigeln, und die Dichter bliihen. Im Mittelalter haben hier die
Troubadours gesungen. Ein paar Meilen weker, Avignon schon nahe,
liegt das Zauberschlofi Les Beaux, das weifte Schlofi der Poesie. Ware
hier nicht die Stadt Tournon, ich ginge weiter, Tag und Nacht, um
Avignon zu erreichen, die weifieste der Stadte. Aber da erheben sich
schon die Festungsmauern einer mittelalterlichen, einer romantischen,
beinahe einer deutschen Stadt. Das ist Tournon.
War ich soeben nicht in Vienne, das niemals aufgehort hat, romisch zu
sein, obwohl die Burgunder es eroberten und obwohl es eine Stadt der
deutschen Kaiser wurde? Es sind kaum drei Tage her, und mir ist, als
ware ich durch die grofien, brausenden, mit wilder Geschichte gefull-
ten Jahrhunderte gewandert, die zwischen romischer Weltherrschaft
und der Weltherrschaft der lateinischen Sprache liegen. Der Siegeszug
der Sprache war glanzender, dauernder, wichtiger als der des Volks.
Langst war die Erde verwandelt, und noch einmal und immer noch
sprach man Latein.
Es begann zu regnen, als ich in Tournon ankam. Vor mir erhoben sich
die scharfen Mauern der Festungsreste, und mir war, als gabe es keinen
andern Weg, in diese Stadt zu gelangen, als den, vorsichtig die gefahrli-
chen Mauern hinaufzusteigen. Nirgends war ein Tor, nirgends ein
Weg. Hoch oben sah ich die nassen Gitter vor den triiben Fenster-
scheiben. Ein paar Stufen fiihrten zu einer schmalen Gasse, deren Ende
man schon von weitem sehen konnte. Es war eine blinde Gasse, sie lief,
ohne zu wissen, wohin, geradeaus gegen eine Mauer, die noch glatter
und steiler schien als die Mauern der Festung. Niemand wohnte hier.
Wie sollten auch Menschen in einer Gasse wohnen, in der man nicht
weifi, wozu sie da ist? Gassen sollten verbinden. Sie fuhren das Leben-
dige zu Lebendigem. Diese aber fuhrte den Stein zu den Steinen.
Aus der Feme horte ich, durch das Rauschen des Regens gedampft,
Menschenstimmen, Pferdewiehern und den hellen, singenden und
trostlichen Klang von geschlagenem Eisen aus einer Schmiede. Nur
wenige Gerausche noch konnen einen Einsamen und Abgeschiedenen
so plotzlich mit dem Leben verbinden und mit der Gemeinschaft der
1925 4^9
Menschen. Der Klang eines Hammers auf Eisen ist wie die Stimme der
Tat, und wie eine Glocke ruft audi er zur Gemeinsamkeit. Als hatten
die Hammerschlage mir einen Weg mitgeteilt, sah ich auf einmal einen
andern kleinen Pfad, eine Gasse, schmal, eng wie ein Flaschenhals. Sie
fuhrte zur Stadt.
Ich liebe es, in den Stadten die breiten Mitten zu finden, jene Platze,
von denen die Gassen nach verschiedenen Richtungen ausstrahlen und
die nicht nur Mittelpunkte sind, sondern auch Anfange zugleich. Von
diesen Mittelpunkten aus erkennt man ebenso den Charakter wie die
Anlage der Stadt. Sie sind still, stiller als andere Teile, oder laut, lauter
als alle Gassen. Sie sind entweder wie geweiht und geborgen, herr-
schaftlich und stolz oder Brennpunkte des Lebens, von alien Gerau-
schen erfiillt, dienstbar und zweckbewufit.
Tournon aber hatte keinen Mittelpunkt. Tournon bestand aus Gassen,
die unentwirrbar ineinander verflochten waren. Eine grausame Angst
ergriff mich. Ich bin nicht in eine fremde Stadt gekommen. Ich bin in
ein fremdes Jahrhundert geraten. Ich will in meine Gegenwart zuriick.
Und wie manchmal eine billige Allerweltsmeinung, die der kritische
Sinn des wachen Bewufkseins negiert und weit von sich weist, in einem
wiisten Traum von drohender, substantieller Wirklichkeit erfiillt wer-
den und uns bedrangen kann, so bekam auf einmal die Phrase vom
»finstern Mittelalter« gefahrliches Leben und begann, mich wahrhaft
zu angstigen. Ich will zuriick in meine Zeit! Verziehen sei ihr das tote
Wissen, das sie ausmacht, und die stupide Mechanik, die sie bewegt!
Ich bin ihr Kind, Teil von ihr, ich bin selbst Gegenwart. Und niemals
fiihlte ich mich so mit meinem Jahrhundert verbunden, niemals war
ich so bewegt vom Gedanken an eine breite Strafie, ein Automobil,
eine Wasserleitung und ein Flugzeug. Man kann in einem einzigen Au-
genblick ein unermeftliches Zeitbewufksein fiihlen. Man kann mit wa-
chen Sinnen, am lichten Tag, aus seiner eigenen Zeit hinausfallen und
zwischen den Jahrhunderten der Geschichte herumirren, als ware die
Zeit ein Raum, als ware eine Epoche ein Land. So ist es in Tournon.
Auf der einen Seite Hiigel, auf der andern der Flufi. Es ist kein Platz zu
atmen. Die Hauser haben sich hier verfangen. Sie konnen nicht mehr
hinaus, Eine ganze Stadt ist gefangen. Sie findet Schutz vor dem
Feinde, aber sie ist geschiitzt wie ein Mensch, der nur deshalb nieman-
den mehr zu fiirchten hat, weil er lebenslanglich eingesperrt ist. Miih-
sam bricht sich eine Gasse ihre Gasse. Ach, sie stofit an eine Mauer,
470 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
engt sich noch mehr ein, driickt sich zusammen, zwangt sich durch
und trifft eine Schwester, der es ebenso geht. Wie gekriimmte Wiirmer
liegen die Gassen zwischen den Hausern. Diese drangen gegen den
Flufi und wiirden ertrinken, wenn sie nicht die schroffe Festungsmauer
aufhielte.
Ich gehe rechts, links, vor und zuriick. Ich hore Menschen reden und
sehe ihre Bewegungen, aber alles ist weit von mir, wie durch Glas-
wande getrennt. Ein Kind lacht, aber es ist nicht das Gelachter, nicht
das Kind meiner Zeit. Ich kann in fremden Landern zu Hause und
heimisch sein, aber nicht in fremden Zeiten. Unsere wahre Heimat ist
die Gegenwart. Das Jahrhundert ist unser Vaterland. Unsere Stammes-
genossen und Landsleute sind unsere Zeitgenossen.
Gabe es hier nicht das beriihmte Lyzeum, dessen Griinder der be-
riihmte Kardinal von Tournon gewesen ist, ich wiirde fortstiirzen,
zum Flufi, die Hangebriicke hinuber, die nach Tain fiihrt. Dort ist der
Bahnhof. Dort gehn die Ziige ab, die mich zuriick in die Gegenwart
fuhren.
Das Monument des Kardinals, eine kleine Biiste, steht sehr bescheiden
vor dem Lyzeum, in der linken Ecke, nicht im Hof, nicht vor dem
Eingang. Als hatte der kluge Kardinal selbst diesen Platz bestimmt!
Oh, welch eine weise Zuriickhaitung! Wie wiirdig jesuitischer Tradi-
tion! Welch ein Gesicht! Was bist du? Kardinal, Hofling, Monch, Ge-
lehrter, Frauenliebling, Glaubiger, Skeptiker, Menschenkenner, Ver-
achter? Wenn ich deine kleinen Augen sehe, deinen schmalen, langen
und etwas eingefallenen Mund, dein kleines, aber plotzlich vorsprin-
gendes Kinn, deine schmale und noch im Stein vibrierende Nase,
glaube ich, dafi du entschlossen warst, alles zu scheinen und nur etwas
zu sein, was man nicht wissen darf. Ein Gelehrter warst du nicht, denn
du hast Karriere gemacht. Ideale hattest du nicht, denn du hast Ehrgeiz
gehabt. Die himmlische Unsterblichkeit geniigte dir nicht, du hast die
irdische gewiinscht. Ob du jene erreicht hast, weifi ich nicht genau.
Diese aber ist dir gewifi. Dein Lyzeum ist heute noch eine Schule, von
mehr als hundert jungen Leuten besucht, und jeder nimmt deinen Na-
men mit ins Leben und vererbt ihn seinen Kindern. Man halte sich an
die Jugend und griinde Erziehungsanstalten und nicht Altersheime
und Krankenhauser! . . .
Es sind Ferien im Lyzeum. Die Abendsonne liegt in den Korridoren,
die Fenster sind offen, die Pfortnerin wischt den Staub von den Pulten,
1925 47i
nur der Herr Sekretar sitzt noch in seinem Biiro und nimmt Inskrip-
tionen entgegen. Ich mochte hineingehn und mich anmelden. Ach! Ich
bin dreifiig Jahre alt! In dieser krummen und mittelalterlichen, aber
weifien, weifien Stadt mochte ich jung sein, ein Knabe, und auf den
Festungsmauern spielen und auf der Rhone das Lyzeum des Kardinals
schwanzen. Aus diesem Mittelalter dann mitten in die Gegenwart hm-
einkommen - das ist ein Schritt ins Leben. Wie anders wiirde ich es
fuhlen! In wie vielen Jahrhunderten ware ich zu Hause! Und wie le-
bendig ware in meinem Blut das Bewufksein von der unbedingten
Kontinuitat der menschlichen Entwicklung und wie verkniipft in mei-
ner Seele ein Jahrhundert mit dem nachsten, und wie stolz ware ich,
ein Mensch zu sein! Die Kinder dieses Landes fuhlen, dafi wir Fortset-
zung sein miissen der Vordern, um uns nicht zu verlieren. Sie haben
die ganze Jugend in Geschichte getaucht. Getrankt mit dem Kulturbe-
wufitsein vergangener Zeiten, stehen sie kritisch und gewaffnet den
neuen Entwicklungen gegeniiber. Nichts kann sie so erschrecken wie
uns. Uns wirft jede Zeitungsnachricht aus dem Gleichgewicht. An die-
sem Land ist selbst der Weltkrieg vorbeigegangen, ohne mehr zu hin-
terlassen als Trauer und Tranen. Uns aber bereitete er das Chaos.
Weit gestreckt, eine kleine, abgesonderte Stadt, das Lyzeum. Die
kleine Kapelle hat die ganze Traulichkeit eines schmalen Klassenzim-
mers, und noch liegen iiberall die jungen Stimmen, und an der Wand,
vor der ein Beichtstuhl stent, haben hundert Bleistifte torichte junge
Zeichen gekritzelt und Namen von Madchen, und jeder Strich bedeu-
tet eine geheime Regung, die man zwar keinem Beichtvater, wohl aber
einer Wand mitteilt. Wie vortrefflich kann ich diese Zeichen lesen, und
wie klar ist mir diese Geheimschrift!
Langst hat der Regen aufgehort. Die Abendrote eines klargewaschenen
Himmels farbt die Fenster und die Wande der Kapelle und das Gesicht
der alten Pfortnerin. Das ist eine fromme, himmlische Schminke fur
alte Frauen.
Die Stadt schlaft am Abend, die krummen und angstlichen Gassen ru-
hen von ihrer unermudlichen Flucht aus. Jetzt gehe ich an den Fluft.
Jetzt sehe ich den weifien halbrunden Turm der Bastei, mit den
schwarzen schmalen Scharten im Leib und den winzigen vergitterten
Fenstern, die ganz willkiirlich und ohne Plan iiber die ganze Mauer
verstreut sind und hinter denen jetzt die Arrestanten von Tournon
sitzen. Aber auch der Biirgermeister, der Unterprafekt und der Gefan-
47^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
genenwarter leben hinter denselben Mauern. An den Turm drangen
sich kleinere, jiingere Gehause, aus der Feme sieht man ein Biindel von
Dachern, ein ungeordnetes, gleichsam frisch gepfliicktes Hauserbu-
kett.
So weifi wie dieser einzelne Turm werden alle Tiirme von Avignon
sein. In der Nacht gehe ich nach Avignon. In Avignon mufi man bei
Tag ankommen. Morgen werde ich dort sein.
AVIGNON
Das Antlitz der Landschaft verandert sich oft und plotzlich. Nur die
drei Grundfarben bleiben immer: weifier Stein, blauer Himmel, dunk-
les Griin der Garten. Die Gestalt der Erde aber ist wechselreich. Die
Hiigel sind bald schroff und bald spitz, bald sanft und bald rund. Hier
starrt der rissige Fels, dort lachelt schon die leis geschwellte Ebene
zwischen zarten Erhebungen. Daudet, der grofie Erzahler der Pro-
vence, hat die sehr treffendc Beobachtung gemacht, daft die starke
Sonne die Dimensionen vergrofiert. Scharfes Licht erzeugt scharfe
Schatten und starkeren Gegensatz zwischen belichtetem und beschat-
tetem Teil. Die Sonne lafit die Details wachsen und vermehrt sie. In
sonnenschwachen und nebelreichen Landern verlieren sich die Einzel-
heiten, und es ist, als driickte der tiefe und lastende Himmel das Ra-
gende nieder. Ich bin immer nur durch nebelreiche Lander gewandert.
Meine Wanderung war ein Kampf gegen die unerforschten Verborgen-
heiten der Landschaft. Ich fuhlte durch alle ihre Giite hindurch die
Unverlafilichkeit der Natur, das, was man im vermenschlichten Jargon
»Tucke des Elements« nennt. Hier wanderte ich zum erstenmal mit
Behagen. Ich konnte das Gliick der Menschen verstehen, die sich sorg-
los einem Weg iiberlassen diirfen. Nichts Schreckliches konnte sie un-
terwegs treffen. Ihnen fehlte nur eines: der Wald.
Ja, es fehlte hier der Wald. Es fehlte die siifie Feuchtigkeit und der
geheime Gesang der Walder. Walder sind die Geheimnisse einer Land-
schaft. Diese Landschaft hat keine Geheimnisse. Ach, ich verstehe, daft
hier die Rationalisten wachsen und anderswo die Mystiker bluhn. Der
Wind, der beriihmte, besungene und gefiirchtete Mistral, ist voll Vehe-
19^5 473
menz und ohne Widerstand. Die Walder halten anderswo die Winde
auf, hiillen sie ein, besanftigen sie, wie es Mutter mit grofien, starken
und wilden Kindern tun. Hier gibt es keine Walder. Hier gibt es nur
Garten. Die Halfte der Natur ist Privateigentum. Welch ein reiches
Land! Jeder zweite Einwohner hat eine riesige, glatte Festungsmauer
um seinen Besitz errichtet und ihren oberen Rand mit hafilichen Glas-
scherben bestreut. Hier darf kein Wanderer miide werden. Er miifite
sich in den weifien, dichten, schweren Kreidestaub der Landstrafie le-
gen. Alle Seitenwege fuhren zu verschlossenen Hausern, zu umzaun-
ten Ackern. Ach, ich begreife: Wo die Natur so liebenswurdig ist,
konnen die Garten verschlossen und hart sein. Die Sonne ziindet die
sparlichen Walder an, sie brennen ab, einer nach dem anderen. Die
Walder sterben, der Sonne ist es noch immer nicht klar, ubersichtlich,
scharf genug in diesem Land. Wie rticksichtslos kann das gepriesene
Licht sein und wie gutig der gescholtene Nebel! . . .
Avignon aber konnte nicht zwischen Waldern stehn. Avignon braucht
Licht.
Avignon ist die weifieste aller Stadte. Sie braucht keinen Wald. Sie ist
ein steinerner Garten voll steinerner Bliiten. Ihre Hauser, Kirchen und
Palaste sind gewachsen und nicht gebaut. Noch um ihre klaren For-
men webt ein Geheimnis. In ihren Mauern rauscht es wie in Waldern.
Ihr Stein ist weifi und grenzenlos tragisch wie alles Unermefiliche. Ein-
faltige Legendenbiicher enthalten manchmal Bilder von solchen Stad-
ten. Tdricht-fromme Menschen stellten sich so die himmlische Stadt
vor, in der die Seligen wohnen. Knaben traumen von solchen Stadten
mit weifien breiten Mauern, hundert Glocken, flachen Dachern, auf
denen Koniginnen spazierengehn.
Mit dem Begriff Festung verbinden wir das Bild einer drohend gezack-
ten Burg hinter einer grauen, bemoosten und schroffen Mauer. Siehe
da: Hier ist eine freundliche, beinahe einladende Festung. Sie zu bela-
gern ware ein Genufi. Vor Bewunderung wiirde man vergessen, sie zu
bekampfen. Um sie zu erobern, miifke man sie umwerben. Hier flosse
kein Blut. Hier gabe es keinen grausamen Tod. Vor dem starken Klang
der Glocken erstiirbe jedes Getummel.
Als ich vor einem der grofien Tore stand, die in die weifien Mauern der
Festung eingefafit sind wie graue Steine in einem silbernen Ring, als ich
die flachgezackten Tiirme und die edle Starke, die adlige Festigkeit, die
unerschrockene Schonheit dieser Steine sah, begriff ich, dafi eine
474 DAS JOURNALISTISCHE WERK
himmlische Macht wohl ihren irdischen Ausdruck finden kann und
dafi sie keinen Kompromifi zu schliefien braucht, wenn sie sich selbst
den irdischen Bedingungen anpafit. Ich verstand, dafi eine geistige
Macht die Moglichkeit hat, ohne ihr Niveau zu verlassen, sich milita-
nsch zu sichern, und dafi es einen himmlischen Militarismus gibt, der
nicht einmal die Art der Bewaffnung mit dem irdischen gemein hat.
Diese Festungen haben Papste angelegt. Es sind religiose Festungen.
Es sind geweihte Krafte. Ich verstehe, daft sie den Frieden sichern
konnten. Es gibt pazifistische Festungen und Waffen, die dem Frieden
dienen und den Krieg verhindern.
1st das eine mittelalterliche, ist das eine romische Stadt? 1st sie orienta-
lisch oder europaisch? Sie ist nichts von alledem und alles zusammen.
Sie ist eine katholische Stadt. Und wie diese Religion alle Volker um-
fafit und wie diese Religion kosmopolitisch ist, so ist Avignon die Fe-
stung der katholischen Kirche, kosmopolitische, organische Ver-
schmelzung aller Traditionen und Stile. Es ist Jerusalem und Rom, und
es ist Altertum und Mittelalter.
Fiinf Jahrhunderte lang regierte hier der vornehmste Geschmack. Fiinf
Jahrhunderte lang sammelten sich hier alle kiinstlerischen, politischen,
literarischen Traditionen. Durch fiinf Jahrhunderte lebte hier der gei-
stige und der gesellschaftliche Adel Europas. Die Urbevolkerung die-
ser Stadt gehorte dem intelligenten, flinken und harten Volk der Kelten
an. Aber Phonizier aus Marseille, Orientalen, die durch griechische
Bildung gegangen waren, hatten Avignon begriindet. Viele phonizi-
sche Familien blieben hier. Es waren Handler. Aber Handler einer
Zeit, in der Handel noch Heldentum bedeutete und jedes Geschaft
neben dem materiellen Zweck noch einen volkerverbindenden, Hori-
zont erweiternden, historischen Sinn hatte! Welch eine Zeit, in der die
Kaufleute die Aristokratie an wirklicher Bildung, Weltkenntnis und
Weitblick urn ein Betrachtliches iibertrafen und in der zum Abschlufi
eines Vertrages mehr Mut gehorte als zu einem Krieg.
In so einer Zeit, von einem Volk solch heldenhafter Kaufleute wurde
Avignon begriindet. Phonizisches Blut mischte sich mit keltischem,
romischem, gallischem und germanischem. Aber es ging nicht unter.
Im Mittelalter noch behielt diese Bevolkerung den heitern und offenen
Sinn, der ein Erbgut der orientalischen und griechisch gebildeten See-
fahrer ist, und in der Hauptstadt der Kirche regierte ein frohlicher
Katholizismus, der Dionysos leben liefi, ohne dafi es dem Glauben und
J 9 2 * 475
der Macht geschadet hatte. Heute noch sind die Bewohner von Avi-
gnon halbe Phonizier: laut, unternehmungsfroh, schnelldenkend, gute
Rechner und Kosmopoliten.
Die eigentliche Geschichte Avignons beginnt im i2.Jahrhundert. Die
friihesten Bauten, die wir heute in Avignon sehen, stammen aus diesem
Jahrhundert: die Kathedrale und die noch altere Briicke von Avignon,
deren Bau 1177 begonnen wurde. Sie war nur fur Fufigimger und Rei-
ter bestimmt. Denn sie ist zwar 900 Meter lang, aber nur 4 Meter breit.
Im 13. Jahrhundert wurde sie abgebrochen. Heute sieht man nur noch
eine halbe Briicke. Ihr letzter Pfeiler ruht in der kleinen Insel in der
Mitte des Fiusses. Ich habe einen alten farbigen Stich gesehen. Er stellt
den traditionellen Tanz des Volkes auf dieser Briicke dan Obwohl sie
so schmal war, dafJ eine unvorsichtige Drehung gefahrlich werden
konnte, war sie doch der Tanzboden des Volkes von Avignon. Es
riihrt mich, dafi die Leute hierher tanzen gingen, wo es am schmalsten
und gefahrlichsten war. Sie taten es sicherlich nicht bewufit, und es
kam ihnen wahrscheinlich nicht in den Sinn, dafi sie buchstablich hart
liber dem Abgrund tanzten. Sie narrten den Tod. Sie hupften uber dem
Wasser. Ihre Heiterkeit spiegelte sich in den heitern Wellen des Fius-
ses, und vom Wasser entliehen sie die Frohlichkeit. Auf dem alten
Stich ist zu sehen, wie Kinder, Burger, Frauen, Bettler und Monche
sich bei den Handen halten. Welch ein Trubel unter dem Protektorat
der Kirche! Welch ein Fest unter den Augen des Papstes! Man kennt
die schone Geschichte Daudets vom »Esel des Papstes« und weifi, wie
popular das Oberhaupt der Kirche in Avignons Strafien war. Hier, am
Flufi, ging der Vater der Christenheit spazieren und iachelte. Es hatte
wenig gefehlt, und er hatte mitgetanzt.
Denn die Papste hatten Ferien. Die Geschichte nennt ihren Aufenthalt
in Avignon sehr feierlich: das babylonische Exil der Papste — aber es
war das lustigste Exil, das die Welt je gesehn hat. »Rom«, schreibt
Renan, »war in Wirklichkeit die turbulenteste italienische Repu-
blik. Seine Umgebung war eine Wiiste, jedem Wanderer gefahr-
lich. — Der Aufenthalt in Rom war fur die Papste eine der unertrag-
lichsten Gefangenschaften.« Clemens V. wanderte nach Avignon aus.
Sein Nachfolger JohannXXII. begann zu bauen, er legte die Festungen
an, die unter der Herrschaft BenediktsXIL verbessert und beinahe
vollendet wurden. Drei grofie Kirchen haben die Papste iiberdies in
Avignon errichtet: Saint Agricol, St. Pierre und St. Didier.
476 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die imposanteste und dauerndste historische Erinnerung bleibt der
Palast. Er ist im Innern durch die Ereignisse der Revolution fast voll-
standig vernichtet worden. Spater war er lange Zeit und bis kurz vor
dem Krieg eine Kaserne. Die Militarbehorde weigerte sich, den Palast
zu raumen. Sein Inneres ist wiist, graue, rissige Kalktiinche klebt an
den Wanden. Die Restaurierung, vor einigen Jahren begonnen, schrei-
tet sehr langsam fort. Zweimal taglich ist er das Ziel neugieriger Touri-
sten und das Objekt falscher Erlauterungen, die ein Fiihrer gegen
Trinkgeld den Amerikanern erteilt.
Aber nichts kann vollkommen untergehn, was die Frommigkeit gebaut
hat und was in der Hoffnung auf eine ganz andere Unsterblichkeit, als
es die irdische sein kann, entstanden ist. Hort nicht auf den Fiihrer!
Sondert euch ein wenig vom Trofi der Touristen ab, und ihr werdet ein
Fenster sehn, »Fenetre de rindulgence«, das wie ein Tor zum Reich
der Sonne ist, von vier Saulen gestiitzt und fiinf schmale Portale bil-
dend unter einem halbgeschwungenen und uberraschend spitz enden-
den Bogen, in dem ein groftes, kreisrundes Ornament iiber zwei klei-
nen eingefafit ist wie eine himmlische Blume; ein Rad mit lebendigen
Speichen, geschwungene Kreuze aus Licht und Glas; eine runde Ru-
hestatt fur das Licht des Tages; die Sonne eingefangen in einem kunst-
vollen Netz. Ich bleibe einen Augenblick am Anfang der grofien Gale-
rie stehn, die schmal und lang ist, deren Decke hundert Bogen gebart,
alle paar Sekunden einen Bogen, wie ein Vorhang aus gerafftem Stein,
lebendig und wechselreich wie aus weichem Stoff und eine Unendlich-
keit vortauschend wie durch raffinierte Spiegelungen. Am Ende des
Korridors ein schmaler Streifen einbrechender Sonne, und hinter die-
ser rechteckigen Insel aus Licht, Gold, Silber und flimmerndem Staub
eine Treppe, die wer weifi wo hinauffuhrt, zum Himmel vielleicht,
unzahlige, kleine, schmale, steile Stufen, ohne Pause, ohne Rast, eine
unermudlich eilende Leiter.
Dann stehe ich im Hof. Er ist von vier Seiten eingeschlossen wie ein
Kleinod. Er hat viele schwarze Tore in den Wanden, aber man glaubt
nicht, daft sie hinausfuhren. In diesem Hof miiflte ein Gefangener seine
Ohnmacht starker fiihlen als in einer kleinen und finstern Zelle. Er
konnte in Fenster hineinsehn, aber niemals durch Fenster hinaus. Da
ist ein Brunnen, da liegt meterhoch der Sand, da lagern Holzklotze,
und hier sind Bretter und alte Pfosten. Und dennoch ist es immer noch
der Hof eines Palastes. Wunderbare Fenster sehen in diesen Hof hin-
W5 477
aus. Hier haben Soldaten Schiefiiibungen veranstaltet, und hier hat
man exerziert. In diesen Torbogen lehnten die Gewehre. Und doch hat
der Hof der Kaserne, in der ich »abgerichtet« wurde, ganz anders aus-
gesehn. Ob es nicht eine Weihe gibt, die von einem Stein, einem Glas,
einer Wolbung ausstrahlt und einen Hof vor der endgiiltigen Vernich-
tung schiitzen kann?
Die Militarbehorde wufite nicht, was sie tat, als sie die zarten Wandbil-
der iibertiinchen liefi. Unter dem schwachen, aber dauernden Schutz
des Kalks haben sie lange Jahre ausgehalten. Sie hatte recht, die Mili-
tarbehorde. Das ist kein Anblick fiir exerzierende Menschen. Solche
Bilder konnten die Disziplin einschlafern. Gebt weifien Kalk dariiber,
Kalk dariiber, Kalk dariiber! Verdeckt die Fresken von Matteo Gio-
vanetti de Viterbo, den Christus am Kreuz. Er hat die armseligsten,
hagersten Arme, sein Korper ist schmal wie ein Bein, seine durchsto-
fienen Hande sind halb gewolbt, noch offen, dem Betrachter zuge-
kehrt, als schenkten sie noch im Tod, die Augen sind geschlossen wie
bei einem Schlafenden, es ist die erste Sekunde nach dem Tod, im Ge-
sicht ist kein Schmerz mehr, sondern eine stille Zufriedenheit, die spit-
zen, armen Knie ragen, beinahe starrend, und die Zehen sind schmal,
stolz, lang wie Finger. Weder das ist ein Bild fiir Soldaten noch der
schone Kopf des Johannes, mit wallendem Haupt- und Barthaar, mit
naiv gefurchter Stirn und klugen, bittern und guten Augen, ein Grofi-
vater, der die Welt kennt, mehr als ein Heiliger, ein Evangelist fiir
fromme Kinder. Und auch die Jagdszenen, erst vor kurzer Zeit ent-
deckt und vom Kalk befreit, waren nichts fiir Krieger, obwohl die Jagd
ja ein mannliches Gewerbe ist. Nach diesen Bildern ist es allerdings
keine Jagd, die eine Militarbehorde anerkennen konnte. Denn die Wal-
der, die Jager, die Tiere sind nicht von dieser Welt, man hat die Uber-
zeugung, dafi diese Tiere noch leben, auch wenn sie erlegt sind. Sie
sind flach, sie kleben an der Wand, es sind nur zweidimensionale Ge-
schopfe, sie werfen keine Schatten, sie kommen aus dem Traum und
bleiben ewig ein Traum, und man weift nie recht, ob sie wirklich mit
irdischen Farben von irdischen Handen gemalt sind. Blatter, flach,
schmal, immer unbeweglich, wie aus Gold gegossen; edle, schmale
Hunde mit ornamental geringeltem, zartem Schweif und flachem,
schmalem Kopf, hagere, langgestreckte Korper auf dunnen, laufenden
Beinen. Es ist unwirklich und von der tiefsten Wahrheit, die nur im
Traum offenbar wird.
478 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die Mauern der Festung sind unregelmafiig. Sie folgen den Launen des
Felsens. Es ist eine fast demtitige Nachgiebigkeit der Natur gegeniiber.
Das waren wirklich fromme Baumeister. Sie wollten nichts mehr als
die Stadt befestigen. Es kam ihnen auf eine schone Wirkung gar nicht
an. Aber die Schonheit erbliihte aus der Zweckmafiigkek. Sie entsprofi
dem frommen Sinn des Baumeisters. Er baute gegen feindliche Men-
schen und zur Ehre Gottes. Niemals ist eine Festung so sehr religioser
Lobgesang geworden. Gott liefi den weifien Stein wachsen. Niemals
wird er seine Farbe verandern. Er wird mit den Jahren immer weifier,
immer festlicher, immer jiinger. So wie jemand, der unaufhorlich,
lange Jahre betet, immer verziickter, immer strahlender und himmli-
scher werden kann. Kathedrale und Palast schliefien sich an die Fe-
stungsmauern. Sie sind Anfang und Ziel. Und so bleibt auch die Mauer
noch Teil des Palasts und der Kathedrale, Fortsetzung des Herrschaft-
lichen und des Heiligen.
Jenseits der Rhone liegt die Sommerresidenz der Papste mitten im
Griin. Dieselben Mauern, eine kleine Tochterfestung, sommerlich, ein
Ferienschlofi. Villeneuve ist ein kleiner Ort, Filiale von Avignon,
ebenfalls mit alten Schatzen beladen. Dort sah ich die marmorne Mut-
tergottes mit den zwei Gesichtern, eine romische Reminiszenz, ver-
sprengt in die christliche Legende, und die Muttergottes aus Elfenbein,
das Jesuskind auf dem linken Arm, mit einem romischen Gesicht, auch
das Kind wie ein kleiner Romer, mit rundem Kopf und welligem Haar.
Die Augen der Jungfrau sind gesenkt, aus Scham, vor den Betrachtern.
In der Chapelle de THospice ist das Grab Innozenz'VL, eine kleine
eigene Kirche fur sich. Der Sarg steht zwischen eckigen Pfeilern, die
oben in spitze Tiirme auslaufen. Das ganze Grabmal sieht aus wie eine
hohe Krone aus Stein. Der Sarg noch ist gekront. Er steckt in der
Krone und fiillt ihren unteren Teil ganz aus.
Keine einzige Kirche in Avignon, auch nicht die schone St. -Peters -
Kirche, ist an Pracht und weihevoller Grofie der Kathedrale zu verglei-
chen. Ihre runden, weiten Wolbungen haben himmlische Mafie, das
Tageslicht fallt reich und doch gemildert und milchig ein, es sind viele
Fenster da, der Altar liegt in vollem Licht, und eine unvergleichliche
Atmosphare entstand durch die Verbindung von Tag und Wolbung,
durch die Sattigung des Schattens mit Licht und durch die gleichzeitige
Dampfung der starken siidlichen Sonne mit Hilfe des Schattens: eine
1925 479
gleichmafiige Helle, aber auch ein gleichmafiiges Dunkel. Ein beschei-
denes Portal fiihrt in die Kirche, verhaltnismafiig niedrig, von zwei
Saulen flankiert, die sich beinahe furchtsam in die Ecken drixcken. Ein
glattes Tor, ein altes, verblafites Bild dariiber. Durch solche unschein-
bare Tore fiihrt der Weg zur Seligkeit, wie hier so im ganzen Schlofi, in
alien Gemachern. Uberall bergen sich die Turen. Sie wollen die Wande
nicht storen. Der Raum, seine Eintracht sind das wichtigste.
In den Buchhandlungen von Avignon verkauft man das Bild Petrarcas,
dessen Wahlheimat die Provence war, der 20Jahrig sich in Avignon
ansiedelte, dem Geburtsort Lauras, der dann in Vaucluse lebte und
sang und nach dem Tode der Geliebten nach Venedig zog, wo er die
Stadtbibliothek anlegte. Aus Dankbarkeit iiberwies man ihm als
Wohnstatte ein Schlofi.
Ich glaube nicht an Zufalle. Dafi in Avignon die beriihmteste Frau aller
Zeiten gelebt hat, das hatte ich dieser Stadt auf den ersten Blick zuge-
traut. Den Anspruch, von grofien Dichtern besungen, aber auch ge-
liebt zu werden, konnten heute noch die Frauen dieser Stadt mit Recht
erheben. Ich habe beobachtet, dafi in den Gegenden, in denen haufige
und gunstige Rassenmischungen vorgekommen sind, die weiblichen
Nachkommen am meisten gewinnen. Die Frauen von Avignon sind
mit Unrecht weniger beriihmt als die Arleserinnen. Ich habe in Aries
einen Frauen typ am haufigsten getroffen: den romisch-provenzali-
schen, etwas herben, strengen mit der schmalen, langen Nase und dem
schmalen Mund, mit grofien Augen und einem spitzen Kinn, herzfor-
mige Frauengesichter, geeignet, leidenschaftlich besungen, aber nur
mit Bedacht gekufit zu werden und mit dem Bewufksein, daft der Kufl
eine Bindung ist. Andere Frauen leben in Avignon. Hier gibt es keinen
einheitlichen Typus. Aber alle Madchen gehn zart und flink auf hohen
Beinen, alle, auch die blonden, haben die sanfte, olivfarbene Haut, die
niemals braun, niemals rot wird und an welcher die Sonne, der Wind,
der Regen und selbst das Alter machtlos voriibergleiten. Ja, auch das
Alter! Denn obwohl das sagenhafte Vorurteil von Mannermund zu
Mannermund geht, daft die siidlichen Frauen schneller alt werden als
die nordlichen, sind in Avignon noch die Funfzigjahrigen mit jenem
Liebreiz begabt, der die Treue der Manner erhalt und ein tempera-
mentvolles Altern verbiirgt, das ich einem sanften Absterben vorziehe.
Ubrigens ist es kein Wunder. Die Liebe erhalt jung, und eine Lebens-
480 DAS JOURNALISTISCHE WERK
freude, bei der das Wohlergehn nur eine angenehme Begleiterschei-
nung und bei der die Hauptsache ein geistiges Genieften ist, verbiirgt
eine spate Beweglichkeit. In Avignon freuen sich alle Madchen. In den
engen Gassen, in denen alle Familien am Abend sitzen, mit Kindern,
Hunden, Katzen, Papageien, Schwiegersohnen und Grofimuttern habe
ich immer nur Lachen gehdrt, und mir, einem fremden Spazierganger,
dem man seine Fremdheit ansehen mufite, rief man freundliche Griifie
zu, und wenn einer gerade mehr Wein getrunken hatte, als er gewohnt
war, ware er bereit gewesen, mich in seinem Hause zu bewirten. Sein
Haus war allerdings die Gasse.
Ich habe in den Lettres historiques galantes den Abschnitt iiber Avi-
gnon gelesen. Der Autor dieses Buches ist die kluge Frau Dunoyer, in
der Literaturgeschichte besser bekannt durch eine Art schwiegermiit-
terlicher Beziehung zum jungen Voltaire als durch ihre Werke. Sie ist
die Mutter jener Pimpette, welche die erste Geliebte Arouets war. Frau
Dunoyer, eine Journalistin mit Beziehungen, hatte es verstanden, das
Verhaltnis Voltaires zu ihrer Tochter durch List und Gewalt zu losen,
Bei den Voltaireforschern kommt sie schlecht weg, Brandes urteilt
iiber sie am scharfsten. Aber sie war schliefilich eine Schriftstellerin.
Als kh sie las, erfuhr ich wieder einmal, daft bei schreibenden Men-
schen, sogar bei schreibenden Frauen, Talent und Stil beurteilt werden
sollen, nicht Charakter und Handlungen. Nie hatte ich, nach dem, was
von ihr bekannt war, Frau Dunoyer eine so begabte Hand zugetraut.
Sie schildert das Leben im Avignon des 17. Jahrhunderts so lebendig,
dafi ich es ganz gegenwartig fuhlte. Wenn man der Autorin glauben
soil, war Avignon galanter als Paris. Da kamen die reichsten Lebeman-
ner der Welt zusammen, es war ein Gedrange vornehmer Karossen, ein
Korso der verschiedensten Stamme, Lander, Stande und Uniformen,
man sah Diplomaten, Kardinale, Edelmanner in bunten Kleidern. Am
meisten imponieren der Madame Dunoyer die goldbestickten Schwei-
zer, die Garde der Legaten. Frau Dunoyer war schliefilich doch eine
Frau. Und sie wird nicht die einzige gewesen sein, der diese Schweizer
gefallen. Sooft ich eine breitschultrige, starke Tellgestalt unter den
schmachtigen, schlanken, knabenhaften Mannern sah, dachte ich an
die segensreiche Wirkung der papstlichen Schweizer.
Sie sind nicht umsonst so lange noch nach der Riickkehr der Papste
nach Rom in Avignon geblieben. Ware ich ein Papst, ich safie heme
noch dort. Ich safte, was bestimmt keine Siinde ware, vor dem Portrat
1925 4^ x
von Delorme Eine Avignonerin in Gala-Toilette im Musee Calvet und
miifite lange, lange dieses Angesicht bewundern, ein kindlich spotti-
sches Gesicht mit vorgeschobener Unterlippe, den Blick erhoben, wie
gegen einen Balkon gerichtet oder auch gegen den blauen Himmel von
Avignon, die zarten, aber festen Bogen der schwarzen Brauen in siche-
rem Schwung emporgezogen, ohne dafi ein Faltchen auf der glatten,
freien, runden Stirn entstanden ware. Ein hochmutiger Augenauf-
schlag, ein bifichen skeptisch, ein bifichen spottisch, und dennoch von
kindlicher Erwartung. Diese kurze, aber sehr bestimmte Nase liebte
ich und diese lange Oberlippe mit dem zarten Kanal in der Mitte. Eine
galante Frau, eine aus den besten Standen: Sie ist dennoch volkstiim-
lich, ein Kind vom Lande, sie konnte in einer anderen Tracht eine
Bauerin sein. Denn dieses »Land« macht seine Tochter nicht grob, und
ich habe Magde mit den zartesten Handen von der Welt gesehn. Es ist
ein sehr kultivierter Boden, ein Land ohne Mais, ohne Kartoffeln und
ohne Schwarzbrot. Es erzeugt gesunde, aber nervose Menschen. Ich
habe gesehn, mit welcher eleganten Sicherheit sich alte Bauerinnen in
ihrer landlichen Tracht in den Luxuslokalen der Stadt benahmen. Es
gibt in der Provence iiberhaupt nicht den Unterschied zwischen stadti-
scher Dame und landlicher Frau. Einer alten Fiihrerin in Les Beaux
sagte ich, als sie mir ihre zwei Photographien zur Wahl vorlegte - jeder
alte Mensch in Les Beaux verkauft seine eigene Ansichtskartenphoto-
graphie-, daft ich nicht entschlossen ware, weil sie auf beiden Bildern
so verschieden schon sei. Sie antwortete sofort: »Oh, mein Herr, wenn
Sie mir das vor 30 Jahren gesagt hatten!«
Wenn ich der Papst ware, ich lebte in Avignon. Mich wiirde es freuen
zu sehen, was dieser europaische Katholizismus zustande gebracht hat,
welche groftartige Rassenmischung, welch einen farbigen Wirrwarr der
verschiedenen Lebenssafte, und wie trotz dieser Vermengung kein
langweiliges Einerlei entstanden ist. Jeder Mensch tragt in seinem Blut
funf Rassen, alte und junge, und jedes Individuum ist eine Welt von
fiinf Erdteilen. Jeder versteht jeden, und die Gemeinschaft ist frei, sie
zwangt niemanden in eine bestimmte Haltung. Der hochste Grad von
Assimilation: gerade so fremd, wie einer ist, soil er bleiben, um hei-
misch zu werden.
Wird die Welt einmal so aussehn wie Avignon? Welch eine lacherliche
Furcht der Nationen, und sogar der europaisch gesinnten unter den
482 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Nationen, diese und jene »Eigenart« konnte verlorengehn und aus der
farbigen Menschheit ein grauer Brei werden! Aber Menschen sind
keine Farben, und die Welt ist keine Palette! Je mehr Mischung, desto
mehr Eigenart! Ich werde diese schone Welt nicht erleben, in der jeder
einzelne das Ganze reprasentieren wird, aber ich fuhle diese Zukunft
schon heute, wenn ich auf dem »Platz der Turmuhr« in Avignon sitze
und alle Rassen der Erde im Gesicht eines Polizisten, eines Bettlers,
eines Kellners leuchten sehe. Das ist die hochste Stufe der »Humani-
tat«, Und »Humanitat« ist die Kultur der Provence, deren grofier
Dichter Mistral auf die Frage eines Gelehrten, welche Rassen in diesem
Teil des Lands leben, verwundert sagte: »Rassen? Aber es gibt ja nur
eine Sonne !«
LES BEAUX
Die verzauberte Welt der kleinen mittelalterlichen Epen romanisch-
onentalischen Charakters ist verwiistet, aber noch nicht spurlos ver-
schwunden. Ihre Heimat ist das »Herz der Provence«, die Gegend von
Maillane und Les Beaux. Ich kenne noch die Abenteuer der fahrenden
Ritter. Sie reisen, von einem kleinen, bunten Vogel gefiihrt, durch
einen dichten Wald, kaum ein paar Meilen weit, und befinden sich
plotzlich in einem andern Land, in dem achtzig Burgen ragen, in der
Mitte die hochste, und alles ist aus weifiem Stein. Sie reiten iiber gla-
serne Briicken, an Felsen vorbei, die versteinerte Konige sind, verstei-
. nerte Baume, versteinerte Seen. In der Burg lebt die schone Konigin,
eine junge Witwe, die auf einen tapferen Mann wartet, oder die schone,
sanfte Tochter eines grimmigen Konigs. Ich erinnere mich, dafi das
Glasmotiv immer wiederkehrt. Entweder bricht ein glaserner See und
der stiirzende Reiter ist im verzauberten Land, oder er schlaft ein und
traumt, daft er durch eine glaserne Mauer schreitet, hinter der die un-
bekannte, iiberraschend weifle Welt sich auftut.
Als ich nach Les Beaux kam, begriff ich die Haufigkeit des Glasmotivs
in den Rittersagen des Mittelalters. Die Luft ist hier ganz klar und
glasern und ganz verschieden von der Warme, in die ich noch vor einer
halben Stunde wohlig eingehullt war. Auf diesen Hohen blast scharf
1925 4§3
der Mistral an manchen Tagen, er verfangt sich in den Hohlen des
Kreidefelsens und in den hohlen Ruinen der Turme und weiten, fen-
sterlosen Gemacher, er vertreibt die dichte Luft und putzt die Atmo-
sphare blank, so dafi man glaubt, den Felsen hinter Glas zu sehn, und
sich wundert, ihn mit der Hand greifen zu konnen. Alles Nahe riickt
in die Feme. Vielleicht, weil man sich wundern muf?, ein so Femes so
nahe zu sehn. Weil man seinen Augen nicht traut, wenn mitten aus
griinem Bliihen eine weifie Kreidewiiste dem Wanderer entgegen-
springt. Man muE nicht der naive Ritter des fruhen Mittelalters sein,
um zu glauben, dafi man im Traum durch eine glaserne Mauer gesto-
fien sei. Diese Berge sind aggressiv, und man gelangt nicht zu ihnen,
sondern sie iiberfallen den ahnungslosen Wanderer. Die breite Land-
strafie wird immer steiler. Schon riicken die Felsen ganz nahe heran,
schon saumen sie den Wegrand, auf einmal reifk ein Berg sein griines
Kleid von seinem kreidigen, zerklufteten Leib, dann noch einer und
ein dritter. Jetzt sind sie ganz nackt. Jetzt ist weit und breit kein Baum,
kein Strauch zu sehen, nur ein gefrorenes Kreidemeer, mit stehenge-
bliebenen Wogen und Wellen, mit versteinerten Schiffen und seltsa-
men erfrorenen Tierges taken. Kein Ufer, kein Rand, kein Land! Der
tiefblaue Himmel saumt das unerbittliche Weifi von alien Seiten, und
die Sonne brennt schwer auf die Kreide. Aber das ist kein Eis, das
schmelzen konnte. Das ist Glas, Glas, Glas.
Hier also liegen die Ruinen von Les Beaux.
Es sind keine Ruinen in der iiblichen Bedeutung. Sondern es ist die
Riickkehr des Steins zum Stein. Kreide war einmal ein Schlofi und ist
wieder Kreide. Die ganze Burg lag im Felsen. Der Fels hatte sie gebo-
ren und einige Jahrhunderte in seinem Schofl gehalten. Jetzt ist der Fels
wieder Fels. Er wachst wieder. Er erneuert sich und uberwuchert die
Formen der Burg. Und immer noch leben in seinen Eingeweiden Men-
schen. Die Bevolkerung von Les Beaux zahlt 300 Seelen. Von ihnen
wohnen 100 in den Ruinen. Kinder werden geboren und wachsen auf
zwischen wustem Stein und historischen Monumenten. Verliebte
junge Menschen wandern am Abend durch Kavernen. Sie umarmen
sich auf Kreide. Sie zeugen in leeren Grabern. Alle Alten werden hier
»Fremdenfuhrer« . An jeder zweiten Tiir steht ein Mann, der ein
Trinkgeld verdienen mochte. Es ist traurig zu sehn, wie die Unpro-
duktivitat der Wiiste die Menschen unproduktiv macht. Wie alle davon
leben, daft sie einen Stein zeigen, den man ohnehin sieht. Und niemand
484 DAS JOURNALISTISCHE WERK
weifi, wie hier in das groftartige Schweigen toter Geschichte der Larm
von sechzig Fiihrern sechzig schreckliche Locher schlagt.
Ach, man miifite hier schweigsam sein wie der Stein und daran denken,
dafi dieses Schlofi einmal das Symbol einer Epoche der Menschheit
war. Die Herren des Schlosses - man sagt, es waren die von Hugues -
waren die machtigsten Fiirsten im Land. Sie besafien achtzig Schlosser,
und sie hatten tagsiiber viel zu tun mit Kriegen, Belagerungen und
kleinen Uberfallen auf Kaufleute, aber ihre schonen Frauen safien zu
Hause, und es war jene grofiartige Zeit, in der die »Holdheit« noch
keine kitschige Bedeutung hatte und eine ehrliche Eigenschaft der
Frauen war. Die Troubadoure kamen von alien Seiten zur Burg Les
Beaux gezogen, die Kollegen unserer Minnesanger, wahrscheinlich ein
wenig galanter als diese und wahrscheinlich auch weniger innig. Aber
alle schonen Worte von Liebe und der ganze Trofi der Begriffe, die in
den amourosen Diensten stehn, waren noch funkelnagelneu, eben aus
dem Volksmund gekommen und noch nicht zersungen. Noch im
ij.Jahrhundert regierte hier eine Frau, die Konigin Jeanne, und ver-
spatete Troubadours, in anderen Kleidern mit neuen Sitten, aber dem
alten Gesang, pilgerten immer in dieses glaserne, verwunschene
Schloft, das un wahrscheinlich und furchtbar weift und trotzig war und
in dessen Innern die Zartheit wohnte.
An die Konigin Jeanne erinnert hier nur noch der kleine, nach ihr be-
nannte Renaissance-Pavilion, den Mistral so gut besang, dafi man ihn
zum Lohn in einem getreu nachgebildeten Pavilion begrub. Es ist ein
kleines Schlofkhen zwischen zwei Wanden mit einer kleinen moosbe-
wachsenen, aus Quadern zusammengewolbten Kuppel, die an den
Panzer einer Schildkrote erinnert, mit vier kleinen Saulchen und einem
Miniaturtorchen, ein bifichen zernagt vom Zahn der Zeit, von Touri-
sten zu haufig besucht und ganz ruhrend in einer Bescheidenheit, die
warm ist und beinahe menschlich. Viel imponierender ist das beruhmte
»H6llental«, eine 300 Meter lange Schlucht, von den Eingeborenen mit
Scheu betrachtet. Hollengeister sollen hier wohnen. Noch zackiger ist
der Stein, noch wiister die Kreide, es konnte der Rachen eines 300
Meter langen teuflischen Krokodils sein. In einigen Buchern steht es
schwarz auf weifi, mit jener Sicherheit, die eine zweifelhafte Tugend
der Historiker ist, dafi Dantes Hollengesang durch dieses Tal verur-
sacht wurde. Sicher ist nur, dafi Dante sein grofies Lied zuerst in der
provenzalischen Sprache schreiben wollte. Man zeigte mir auch die
1925 485
»Feengrotte«, die in Mistrals Mireille besungen ist. Aber in der Nahe
dieser Schlofiruinen und in einer Welt, die so ungewohnliche Formen
aufweist, ist eine Feengrotte eine Kleinigkeit.
Nicht aber die Kirche St. Vincent aus dem 12., 13., 14., 15., 16. und
17. Jahrhundert. Es scheint, dafi Menschen, die in einer Steinwiiste le-
ben, in dem Hause Gottes Erholung suchen wie andere auf einer
Wiese. Strenge, Scharfe, Unerbittlichkeit waren ringsum, so weit das
Auge serin konnte. In der Kirche aber bluht die Heiterkeit. Es ist eine
wunderbare, helle Kirche mit frischen, gesunden und lebensfreudigen
Heiligen, mit viel holzernem Zierat, das noch Waldgeruch auszustro-
men scheint, mit niederen Banken, wie fur Kinder, und einem mensch-
lichen, nahen Altar. Als ich in die Kirche trat, riistete man gerade zu
einem lokalen Fest, der Pfarrer hatte die Soutane aufgeschurzt und die
Armel hochgerlickt, Kinder trugen Reisig, Frauen sauberten Teppiche,
Sauglinge lagen in Wiegen neben Opferstocken, das ganze Dorf war
da, die Tiiren standen offen, die eigene Helligkeit der Kirche mischte
sich mit der des Tags, und es war wie ein Lichtaustausch zwischen
zwei befreundeten und verwandelten Welten. Ich glaube, die Leute
konnten unter den Steinen niemals froh werden, wenn es diese Kirche
nicht gabe. Die Kinder, die in den Hohlen geboren werden, erblicken
erst bei der Taufe das Licht der Welt.
Ich habe dann in St. Remy das beriihmte Mausoleum und den Arc de
Triomphe betrachtet, zwei kolossale Monumente der romischen Herr-
schaft, beruhmt und oft beschrieben, imposante Zeugen einer impo-
santen Grofie, Stein, der so dauerhaft war wie der Geist und der sich
nichts aus den Jahrhunderten macht. Diese Monumente haben es aller-
dings leichter als Bauten in anderen Landern. Denn es regnet hier sel-
ten, der freie Himmel ist wie ein schutzendes Zelt, er selbst sendet
keine vernichtenden Krafte aus, sondern eher erhaltende. Hier haben
die Steine ein gutes und langes Leben.
Diese Betrachtung allein aber war es nicht, die mich zwang, auch im
Anblick eines alten Triumphbogens, eines Mausoleums, eines wunder-
bar erhaltenen romischen Theaters in Orange, fortwahrend an das Mit-
telalter und Les Beaux zu denken. Was also war es? Ist es nicht erhe-
bend, die Ewigkeit Roms zu erleben, noch einmal die bluhende Jugend
Europas, unwiderleglich das Leben des langst Vergessenen zu sehn
und zu erfahren, dafi irgendwo noch die Steine beweisen konnen, was
die Stumpfen nicht glauben wollen? Waren es nicht steinerne Seelen?
486 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Fiihlte ich hier nicht noch den Weg nach Rom? Hier hinunter fiihrte er
liber die Alpinen, schnurgerade, wie nur ein Weg, auf dem unverriick-
bare und ewige Ziele wandern. Felder und Stadte verdecken ihn, aber
sie schaffen ihn nicht aus der Welt. Auch die verdeckten Wege fiihren
nach Rom. Wie hier, so stehen noch einige Triumphbogen in einigen
Landern, und selbst wo sie verfallen sind, weht noch immer ihr riesiger
steinerner, kiihler Schatten alien, die Geschichte fiihlen.
Und dennoch kann ich Les Beaux nicht vergessen. Hier, scheint es mir,
siegten zum erstenmal Trummer iiber Monumente. Die Monumente
sind erhaben. Aber die Trummer sind tragisch. In aller Grofie des
Triumphbogens ist noch die Heiterkeit einer singend siegenden Welt.
In aller Kolossalitat lauter Harmonie und nichts von Konflikten. Wie
schlossen sie die heidnischen Augen vor dem Problem, und wie kiihn
und licht uberwolbten sie mit den schonen Bogen die Hafilichkeit und
die Trauer!
Aber Les Beaux ist zerkliiftet. Das Mittelalter ist tragisch. Nicht weil
es zerstort wurde. Ganz erhalten, ware es noch tragischer. Tragisch
selbst der Troubadour, dessen Ankunft Frohsinn verbreitete. Tragisch
die schone Konigin im sehr schroffen Gemauer. Tragisch der Tod, die
Geburt, das Fest, die Hochzeit, das Mahl. Die Welt noch naiv, aber
schon problematisch. Schon liegt der Schatten des Gekreuzigten, Stil-
len, Traurigen iiber den Jahrhunderten. Noch ist Pans Flote nicht ver-
klungen, und schon erhebt sich die Stimme der Orgel.
Ein paar Kilometer liegen zwischen dem Triumphbogen und den wei-
fien Ruinen. Schmal sind die Grenzen der Epochen. Ein Schritt trennt
die Zeiten. Trennt er sie? Ist das eine Grenze? Ist das nicht ein Uber-
gang? Liegen sie nicht heute friedlich nebeneinander, heute, da beides
ausgekampft hat? Lag nicht beides kindlich nebeneinander im Land
meiner Kindheit? Flofi nicht eins ins andere in meinen Traumen? Ist es
heute nicht wieder eine Welt, zusammengeschweifk von der Macht der
Erinnerung? Lebt nicht der Orient im romischen Bogen, lebt nicht der
Orient im mittelalterlichen Epos ? Gibt es wirklich verschiedene Wel-
ten? Gibt es nicht eine einzige? Was uns trennend erscheint, ist es nicht
einigend?
Kein Fiihrer gibt Antwort. Wir sind da, um zu fragen. Wir sind da, um
zu glauben.
NIMES UND ARLES
Im kleinen Stadtpark von Nimes ist Alphonse Daudet in Marmor ver-
ewigt, in der Mitte eines kleinen Bassins, von zwei weifien Schwanen
standig umkreist, die sich hintereinander mit der schweigsamen und
prazisen Stetigkeit von Uhrzeigern drehn. Daudet sitzt in den etwas
lockeren Kleidern, die damals noch die Gewander der Dichter waren,
fur unsern Geschmack zu betont kunstlerisch und das Gesicht in einer
zu realistischen Lebendigkeit festgehalten, in der uberlieferten Pose
des Dichtens, worunter sich die Bildhauer um die Wende des Jahrhun-
derts eine Art zielbewufiter Geistesabwesenheit vorzustellen liebten.
Daudet »sinnt« - wenn man dem Bildhauer Falgniere glauben soil.
Dennoch ist es ein riihrendes Denkmal fur einen so sullen, feinen und
empfindsamen Dichter, der die Grenzen der Biirgerlichkeit niemals
verliefi, auch nicht, wenn er die Biirgerlichkeit ironisierte. Er konnte
sich und uns sehr gut iiber die Welt lustig machen, von deren Art er
selbst war, und diese Welt hat ihm deshalb nichts ubelgenommen, ob-
wohl gerade sie es ist, die den Spott am wenigstens vertragt. Daudet ist
vielleicht der einzige seiner Art, der eine westeuropaisch begrenzte
Unsterblichkeit errang. Im schonen kultivierten Ziergarten der Pro-
vence ist er eine gepflegte Bliite, die iiber ihr heimatliches Beet hinaus-
wachst, aber es niemals verlafit. Maupassant, der nordliche Franzose,
spottete so griindlich, daE die franzosischen Biirger sich heute noch
getroffen fiihlen. Maupassant hat erst 1925 ein Denkmal in seiner Hei-
matstadt bekommen. Er hatte selbst darauf verzichtet. Daudet lebte
schon seit 1900 in Marmor und in Nimes, und er ist gewift bescheiden-
stolz auf sein Denkmal.
Denn der Siiden konserviert. Im Siiden kann man vielleicht ein echter
Dichter und »reaktionar« sein und die traditionellen Liigen der Gesell-
schaft fiir heilige Traditionen halten. Der Siiden konserviert die Steine,
die Fragmente, die Weltanschauungen. Im Norden ist es anders. Wem die
Augen im Norden nicht aufgehen, der kann vielleicht ein »Dichter« im
engsten Sinn des Wortes sein, aber er bleibt als Schriftsteller - das heifk
zur Halfte ein Wissender und zur Halfte ein Weiser - unbeholfen. Er
kann uns was zu singen haben. Er hat uns nichts zu sagen.
Wer in Nimes geboren wird und noch 14 Jahre vor dem groften Krieg
sein Denkmal erhalt, kann leicht mit der Welt zufrieden sein. Nichts
488 DAS JOURNALISTISCHE WERK
stort den biirgerlichen Frieden von Nimes. Hier hat man sogar ver-
standen, die groften Monumente der wahrhaft unbiirgerlichen Romer-
zeit der Stadt, auch ihren neuen Teilen, einzuverleiben und in der gro-
ften romischen Arena ein Freiluftkino zu errichten. Den Einwohnern
von Nimes kommt es gar nicht in den Sinn, daft den Kinematographen
von der Arena nicht nur die Jahrhunderte scheiden. Sie leben sorglos,
und mit vergniigter, beharrlicher Ahnungsiosigkeit flechten sie die
Epochen der Geschichte ineinander, wie Blinde Korbe flechten, die sie
niemals sehen werden. Sie wissen nicht, was sie tun, aber vielleicht
erfulien sie eine grofte Aufgabe. Das ist die Unschuld der Menschen,
die im Schatten der Geschichte wachsen. Sie sind wie Kinder am Fufte
eines Vulkans. Sie halten die steinernen historischen Feiertage fur ge-
wohnliche Wochentage. Den Kaiser Augustus behandeln sie wie einen
toten guten Bekannten der Familie, mit dem der Grofivater noch Do-
mino gespielt hat. Ich konnte, mit einer Gesinnung beladen, die den
Braven, Guten im hochsten Grade gefahrlich erscheinen miifite, unter
ihnen leben. Ich kame mir um zwei Jahrzehnte jiinger vor. Ich konnte
mit ihnen die Arena vor jedem Sturm verteidigen, von dessen ge-
schichtlicher Notwendigkeit ich selbst iiberzeugt ware.
Denn es taten mir alle Schatze der Vergangenheit leid, und ich
wunschte, daft der neue, der nachste und der ubernachste Mensch, der
Mensch aller Formen, durch die wir noch zu wandeln und uns noch zu
wandeln haben, den Zusammenhang mit der Kindheit Europas behalte
und mit seiner eigenen oder daft er sie so wiederfinde wie ich. Es muE,
glaube ich, irgendwo einen geschiitzten Bezirk geben, in den das Neue
ohne die vorangehende Zerstorung dringen soil, mit gesenkten Waffen
und mit gehiftter weifier Friedensfahne. Diese Bezirke sind nicht alle
geographische, aber manche sind auf der Landkarte genau abzuzeich-
nen. Zu ihnen gehort der Suden Europas.
Ich habe hier gelernt, daft nichts bestandig ist, was nicht Fortsetzung
ist, iiberraschende Fortsetzung vielleicht, aber doch eine. Die Kette
reifit nicht ab, und man darf sie nicht zerreifien. Intellekte und Kultu-
ren gehn nicht unter. Rassen gehn nicht unter. Mitten unter uns, viel-
leicht in jedem von uns, leben die Volker, die scheinbar von der Erd-
oberflache, aber eben nur von der Oberflache verschwunden sind. Uns
oben, uns den Sturmen unmittelbar Ausgesetzten, mag es manchmal
vorkommen, daft irgendwo ein Volk, eine Rasse, eine Epoche ihr Le-
ben ausgehaucht hat und daft anderswo ein neues Leben, eine neue
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Rasse, ein neuer Kampf, ein neuer Sieg beginnt. Welch eine Kurzsich-
tigkeit! In den allerersten Kulturwehen einer langst unsichtbar gewor-
denen Rasse, ja eines vom Meer verschlungenen Erdteils lag unsere
letzte, endgiiltige Kulturform schon beschlossen. Es gibt kein unbe-
schrankt und allein »Kommendes«, kein endgiiltig »Verlorenes«. Im
Kommenden ist das Vergangene. Wir konnen die Antike aus unsern
Augen, aber nicht aus unserm Blut verlieren. Wer eine romische
Arena, einen griechischen Tempel, die agyptischen Pyramiden und ein
hilfloses Werkzeug aus der Steinzeit gesehn hat, mufi es wissen.
In Nimes sind, wie gesagt, alle romischen Denkmaler durch eine Art
Einverleibung biirgerlich gemacht. Aus dem Tempel der Diana hatten
sic beinahe ein Magistratsbiiro gemacht, im »Maison Carree«, der ein-
mal ein Tempel Jupkers war, statt des kleinen Museums ein Standes-
amt, im machtigen Amphitheater ein Schiedsgericht. In dieser furcht-
baren Nahe des Klein burgers wird, obwohl es ohne Zweifel Kultur
hat, jede Grofie niedlich.
Und obwohl das Amphitheater zu grausamen Zwecken errichtet wor-
den ist und obwohl die blutigen Spiele der Romerzeit eine (klassische)
Bestialitat waren, fiillt sich eine Arena als Schauplatz eines provenzali-
schen Stierkampfs, besonders wenn dieser ein Spektakel des Kleinbur-
gertums ist, mit der Atmosphare eines burgerlichen Kasinos. Das ist
das Furchtbarste an den Stierkampfen: dafl der Barbiergehilfe, der
Schneider, der Feldwebel im Anblick eines Tieres Heroen werden. Der
berufliche Stierkampfer ist es nicht einmal. Im Zivil ist er ein Spiefter.
Aber heute, am Sonntagnachmittag, hat er wenigstens ein Kostiim,
und es mag sein, dafi ein buntes Tuch, das den Stier mit Recht reizt,
einen geizigen Bauer, der vor seiner Frau Angst hat, mit wirklichem
Mut erfullt. Er setzt sich ja schlieftlich auch der Gefahr aus. Aber rings
um den Zaun, der sie schutzt, stehn die kleinen Manner in den Sonn-
tagsanziigen, Manner mit Bauchen und Schwachlinge mit dem Kum-
mer im Angesicht, den nur ein ganz kleinlicher Alltag und ein winziger
Ehrgeiz zeichnen. Und diese Leute werfen dem Stier Miitzen und
Schimpfrufe in den Weg, sie reizen ihn, und wenn er gegen den Zaun
stMt, verschwinden sie schnell. Alle sind sachverstandig. Alle tun
so, als konnten sie den Stier bei den Hornern packen. Und ich sehe
ihre kleinen, kummerlichen Tage, die sauer sind wie ihre Gesichter,
ihre Unterwurfigkeit gegen alles, was »reich« und »vorgesetzt« sein
490 DAS JOURNALISTISCHE WERK
konnte, ihren Hochmut im Anblick eines Wehrlosen, ihre Demut im
Anblick der Starke. Ein Bauer stofit eine Lanze in den Riicken des
Stiers, ein Bauer, der morgen feilschen wird, beim Schweinehandel: ein
Held! Besungen in den Heldenliedern des Landes, Erbe verwegener
Sitten, Trager alter Traditionen, geboren auf historischer Erde und ein
Kleinburger vor allem. Ein furchtsamer, scheuer, kiihner, heldenmiiti-
ger Kleinbiirger. Ich kann dieses sagenhaft weifie, unermefiliche Oval
der Arena nicht vergessen. Auf den alten Steinen, vor denen ich Ach-
tung hatte, wenn sie leer waren, befinden sich die Reprasentanten des
sonntaglichen Familienlebens im Siiden. Die Erhabenheit des Stiers
aber ist jener der Steine verwandt. Ich weifi: Es ist auch damals so
gewesen, als die Gladiatoren einem Morder unter der Krone Ave Cae-
sar! zuriefen. Aber das Geschlecht, dessen Blutdurst so unstillbar war,
hat eben diese machtigen Quader aufgeschichtet. Und sie lebten vor
zwei Jahrtausenden! Dagegen hat eine Generation, die durch Gram-
mophon und Zeitung, Kasino und Bakkarat gekennzeichnet ist, kein
Recht auf Blut.
Keiner von den Dichtern dieses Landes hat gegen die Stierkampfe etwas
einzuwenden. Viele verherrlichen sie. Ich kann weder einen Patriotismus
noch ein Genie begreifen, welche die Bestialitat nicht sehn.
Man hat iiber die Stierkampfe viel Wissenschaftliches, Historisches,
Dichterisches geschrieben. Jedes Jahr im Mai veranstaltet man in Paris
provenzalische Stierkampfe. Und weshalb wundert sich noch jemand
iiber die Nutzlosigkek des Volkerbundes und der Schiedsgerichte?
Die Arena von Aries konnte ich zum Gliick an einem Tag sehn, an
dem man keine Stiere reizt. Es war ein stiller Wochentag. In Aries
liegen die Denkmaler aufterhalb der biirgerlichen Sphare. Sie sind im
mittelalterlichen und spateren Aries heimisch geworden. In den »Alys-
camps« haben sich die ersten Christen verborgen, und die mittelalterli-
chen Arlesier haben sich da begraben lassen. In der Arena haben sie
sich eine Zeitlang gegen Sturme feindlicher Belagerer verteidigt. Aber
weder die Lebenden noch die Toten haben den romischen Bauten et-
was von ihrer fernen Unberuhrtheit genommen. Sie stehn eigentlich
aufterhalb der Stadt: die Arena, die noch grofier ist als die von Nimes,
nicht besser erhalten, aber weifier, stolzer, sonnenreicher; die Reste
des alten Theaters mit den zwei steinernen, diinnen Saulen vor dem
Halbrund, die wie durch einen heiligen Zufall noch stehengeblieben
sind, wahrend rings um sie alles versank und Erde wurde; das kleine,
I 9 2 5 491
runde, ein wenig orientalische Palais Constantin, zu ebener Erde, hart am
Strafienrand, wie ein Privathaus, mit drei dichtvergitterten Fenstern, an
denen die Eisenstabe wie ein zartes Gewebe sind; und die »Alyscamps«,
von denen nur noch wenig geblieben ist; ein breites Tor, mit weiten,
stubengrofien Nischen in den Seitenwanden; Steine, Biisten, Kopfe; und
Sarge, Sarge, Sarge.
In Aries sind die Gassen so eng, dafi die Wagen, Autos und Lastfuhr-
werke aneinander nicht vorbeikonnen und dafi immer einer von zwei
einander begegnenden Wagen in einer Seitengasse warten muE. Aber es
ist keine planlose Enge wie in Tournon, sondern eine vorsorglich berech-
nete. Es gibt auch einen kleinen, stillen, viereckigen Ringplatz. Der ist
ganz griin vom Sonnenhcht, das durch die Baume gefiltert wird, und vom
Moos, das an alien Seiten wachst. Auf diesem Platz stent Mistral, der
grofie provenzalische Dichter, mit Schlapphut, Spazierstock und Braten-
rock, mit einem Spitzbart und einer diinnen, zartflugeligen Nase, ein
guter Mann und ein Patriot. Er hat hier in Aries das beriihmte provenzali-
sche Museum angelegt: mit wenig Gelehrsamkeit und viel dichterischer
Lebendigkeit, manchmal nach panoptikalen Grundsatzen und mit einer
naiven Freude an einer naiven Wirksamkeit und an kindlichen Lichtef-
fekten. In einem Fenster, hinter blaulich schimmerndem Glas, sieht man
eine alte provenzalische Stube, die Menschen aus Wachs, mit historischer
und physiognomischer Treue nachgebildet, eine Wiederauferstehung im
toten Material. Man sieht Waffen, Wiegen, schlechte und gute Bilder,
Briefe, Werkzeuge, Bedarfsgegenstande grower provenzalischer Man-
ner, es ist ein sehr herzliches Haus- und ein Familienalbum fur die
Provence. Es gibt noch ganz andere Monumente, antike, in den Museen
von Aries: die beriihmte Nachbildung der beruhmten Venus, Kopfe aus
fruhromischer Zeit, Kopfe aus christlich-romischer Zeit. Die Kunsthi-
storiker haben grofie Bande daruber verfafk.
Ich wundere mich, daft die Arlesier nichts von der antiken Grofie ihrer
Denkmaler, bei denen sie aufgewachsen sind, aufgenommen haben. Sie
sind stille, feine, bescheidene Menschen. Sie sitzen auch in den Gassen,
wie die Leute von Avignon, aber sie sprechen mit leisen Stimmen, und nur
zweimal in der Woche lassen sie sich im Kino einen Film vorfuhren. In
keiner der kleinen provenzalischen Stadte habe ich solche verhaltene,
stille Dammerungen, solche Abende, an denen kein Gerausch die Glok-
ken storte, erlebt. Die Klange hatten freie Bahn, sie lustwandelten noch
lange in der Luft, ehe sie schlafen gingen.
492 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Diese Glocken kamen von der reichen Kirche St. Trophime, die aus
dem 12. Jahrhundert stammt. Sie hat ein prachtiges Tor, vor dem ich
lange stehn konnte. Es ist immer geschlossen, als ware es ganz unmog-
lich, daft dieser urrwahrscheinliche Eingang fiir gewohnliche Menschen
bestimmt ware. Sieben weifie Stufen fiihren empor. Da ist ein Giebel,
von Kopfen gehalten, darunter ein tiefer Bogen wie aus vielfach gefal-
tetem Stein, zu beiden Seiten starke Saulen, in der Mine hohl und von
kleinen, schlanken, runden Saulen unterbrochen, hinter denen je vier
Heilige stehn. Sie stehen unter steinernen Baldachinen, die Kopfe ge-
senkt und halb im Schatten, sie laden ein, die Kirche zu betreten, de-
mutig, wie Heilige es tun. Aber durch dieses zweifliigelige, in der
Mitte durch eine runde Saule mehr zusammengehaltene als getrennte
Tor geht niemand. Es ist geschlossen und vielleicht nur an hohen Fei-
ertagen offen.
Durch den Hof gelangt man in einen der beriihmtesten Klostergange
der Welt, eine Galerie aus dem 13. Jahrhundert. Die Galerie umrahmt,
viereckig, den viereckigen griinen, iiberwucherten und bemoosten
Hof. Aus Stein, Sonne, Laub und Feuchtigkeit entsteht das merkwiir-
dige Tageslicht, das wir manchmal traumen. Aus vielen breiten, langen
Wolbungen besteht die Decke. An den vielen Doppelsaulen, die den
Hof vom Gang trennen, lehnen Heilige. Jeder Heilige hat einen Win-
kel einem Schwalbenpaar geschenkt. Jeder hat ein paar Vogel zu ver-
sorgen. Es ist grim, feucht und dennoch heiter. Es ist ein Hof fiir
Greise, die vor dem Tod keine Furcht haben und sich nach dem Him-
mel sehnen, weil sie in diesem Wandelgang schon eine Ahnung finden
von den schattigen, griinen und dennoch lichtgetrankten Wandelgan-
gen des Himmels.
Die ganze Stadt hat etwas von der kiihlen, alten Heiterkeit eines Klo-
stergangs und viel von vegetativem Stein und lebendigem Marmor.
Wande, Mauern, Denkmaler und Fragmente werden erst nach Jahr-
hunderten lebendig und mit jedem vergehenden Jahrhundert lebendi-
ger. Alte Mauern werden klangreicher mit jedem Jahr, wie alte Geigen.
Aries hat solche lebendigen Steine. Seine alte Grofie - es wurde einmal
das »gallische Rom« genannt - sieht man ihm nicht mehr an. Ich mufi
immer daran denken, daft es eine Kolonie von romischen Veteranen
war, die Julius Caesar hier angesiedelt hat. Veteranen konnten heute
noch in Aries leben. Hier liefien sich die Fiirsten des Landes, spater die
deutschen Kaiser kronen. Von der Pracht einer Kronungsstadt ist we-
1925 493
nig geblieben. Aries ist nicht, wie Vienne, mitten in der Bliite erlo-
schen. Es ist langsam erstorben. Es hat viele Erinnerungen bewahrt,
aber sie blieben eigentlich fremd in dieser Stadt. Es ist, als hatte ihr die
Geschichte hier eine Arena, dort einen Palast, hier eine Rirche und
dort ein Museum zur Aufbewahrung, aber nicht als Eigentum iiberge-
ben.
Aries ist auch eine weifie Stadt. Aber sie hat das weifie Silber des Al-
ters, nicht die weifie Festlichkeit der ewigen Freude. Sie liegt in der
Sonne wie ein Abend, bewachsen vom griinen Moos der Erinnerun-
gen.
TARASCON UND BEAUCAIRE
Das grofiartige Fest der Tamsque beschreibt Frederic Mistral sehr ge-
nau. Es wird von den » Chevaliers de la Tarasque« gefeiert. Diesen
Orden hat der gute Konig Rene am 14. April 1474 gegriindet. Seine
Statu ten lauten:
1. Ehrerbietigste Wahrung der Tarasque-Spiele, die mindestens sie-
benmal in einem jeden Jahrhundert gefeiert werden miissen.
2. Der grofie Jubel, die Feste und die Farandolen sollen 50 Tage dau-
ern. Es darf nichts gespart werden, um die Spiele so bunt wie moglich
zu gestalten.
3. Die Fremden sind gut aufzunehmen und wahrend der ganzen
Dauer der Fest so zu behandeln, dafi sie sich wohlbefinden und nichts
von ihrer Laune und Freiheit einbiifien.
Die Ritter von der Tarasque marschieren zu den Klangen des proven-
zalischen Marsches durch die Stadt, trinken, essen dabei eine Tortilade.
Am Sonntag vor Himmelfahrt gehn die Ordensritter die alte Statue der
Muttergottes aus der Schlofikapelle holen, an der Spitze einer ebenso
langen wie festlichen Prozession. Das ganze Volk von Tarascon, Beau-
caire, St. Remy, Maillane und der anderen Stadte und Ortschaften ist
anwesend. Die Schiffer von der Rhone erwarten die Muttergottes mit
Pfeifen und Tamburins vor der Stadt. Am Himmelfahrtstag, vor Son-
nenaufgang, sieht man zum erstenmal die Tarasque. Sie hat einen L6-
wenkopf und den Panzer einer Schildkrote, den Bauch eines Fisches,
494 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und im Innern dieses Ungeheuers sitzen sechs Manner. Am Pfingstfei-
ertag findet wieder ein grofies Mahl statt, das alle Ritter an einer langen
Tafel vereinigt. In der Kirche Ste. Marthe befinden sich die Bewohner
aller naheren und ferneren Ortschaften. Dort werden das Banner und
die Lanze geweiht. Am Pfingstmontag beginnt erst das eigentliche
Fest. Nach der feierlichen Messe ein Paradezug des Volkes, die Ritter
an der Spitze, durch die Strafien der Stadt. Die Rhone-Fischer mar-
schieren hinter der Fahne des heiligen Peter. Dann kommt die
Tarasque. Ihr gegeniiber stehen die Ritter in Kampfstellung. Die
Tarasque spriiht Feuer aus den Niistern. Der Kampf beginnt. Sie un-
terliegt. Und die Ritter marschieren ab, um noch einmal einen tiefen
Trunk zu tun.
Dieses sagenhafte Untier, die Tarasque, ist in Tarascon zu Hause. Sie
ist in der ganzen Provence sehr popular, oft abgebildet, in vielen Mu-
seen aufgestellt und ein dankbares Objekt der Ansichtskartenindustrie.
Die Bewohner von Tarascon nennen sie »Grofimutter«. Man sieht dar-
aus, wie harmlos sie ist. Sie ist der durch die Sonne des Siidens gemil-
derte, durch den Witz des Siidens karikierte Drache der germanischen,
slawischen und skandinavischen Welt. Sie wird nur zum Spafi be-
kampft und eigentlich geliebt und verehrt. Die mythologischen Unge-
heuer taten gut daran, im Norden zu bleiben, wo der Nebel sie isoliert
und ihre Schrecklichkeit vergrofiert. Wenn sie nach dem Siiden kom-
men, verlieren die Leute die Distanz und den Respekt. Die blutigsten,
mdrderischsten Tiere werden nicht nur zahm, sondern auch komisch.
Und das Heldentum der Menschen ist nicht mehr furchtbar und tra-
gisch, sondern ein weinseliger, grotesker Traum. Aus der Blut- ist eine
Alkoholriinstigkeit geworden.
Seitdem ich in Tarascon war und die Geschichte von der Tarasque
kenne, wundere ich mich nicht mehr iiber Tartarin. In dieser Stadt, in
der mindestens siebenmal in einem Jahrhundert ein Drache bekampft
wird, der eine Grofimutter ist, kommt mindestens einmal in einem
Jahrhundert ein Tartarin zur Welt, der gegen die zahmen Lowen zu
Felde zieht und der ganz Afrika in ein grofies Tarascon verwandelt.
Hier lebt das einzige Heldentum, das noch ertraglich ist unter alien
schauerlichen Heldentiimern, die durch ihre Haufigkeit in der letzten
Zeit in Mifikredit geraten sind. Tartarin ist die Negierung des Helden-
tums uberhaupt. Lange noch bevor alle Begriffe ihre Inhalte geandert
haben, hat Tartarin den Begriff des Helden verwandelt. Jeder Held
1925 495
geht ein bifichen nach Afrika, zahme Lowen jagen. Die Grofie dieses
Buches beruht nicht darin, dafi ein ewiger Typus geschaffen wird, ein
»komischer Held«. Sondern dafi der Typus »Held« komisch wird.
Tartarin ist die Fortsetzung der Tarasque-Spiele. Die Tarasque-Spiele sind
die Folge dieser Sonne, die so strahlend ist, dafi sie die Phrase schmelzen
lafit, bis ihr wahrer, ihr Kerninhalt zum Vorschein kommt.
Es spricht fur die Grofie des Buches, dafi es der Stadt eine eigene Phy-
siognomic verleiht. Ich sehe immer nur das Tarascon Daudets, das Ta-
rascon Tartarins. Es ist eine helle, kleine, freundliche, gutmutige, ein
bifichen kiimmerliche, ein bifichen komische Stadt. Ihre angesehenen
Burger traumen heute noch von Lowenjagden. Ihr Bahnhof schon ist
aufierordentlich, wie eigens fur Tarascon erfunden. Der Eingang zur
Halle ist im ersten Stock. Wenn man unten vor dem Portal steht, weifi
man nicht, ob man schon im Bahnhof angelangt ist. Die Strafie, die zur
Stadt fuhrt und aus der eigentlich die Stadt besteht, ist breit, behaglich,
vol! Sonne, aber auch nicht ohne Schatten. Einfache, weifie, einstok-
kige Hauser stehen friedlich nebeneinander, bescheidenes Burgertum
bergen sie. Hier ist auch schon das Eckhaus, das Daudet Tartarin zu-
schreibt. Lauter wohlbeleibte und selbstbewufite Manner gehen durch
die Strafien, die gelungenen Nachkommen des grofien Helden. Auf
einigen hundert Ansichtskarten vor alien Papier- und Buchladen sieht
man das Bild Tartarins. Das grofie Schaufenster der einzigen grofien
Buchhandlung enthalt die Werke Daudets in verschiedenen Ausgaben.
Wie ist diese Stadt dankbar, dafi man sie beruhmt gemacht hat! Schon
drohte ihr der dunkle Schatten der bedeutungslosen Jahrhunderte, der
auf einigen Stadten von grofier Vergangenheit ruht. Ach, auch Taras-
con hat eine Vergangenheit, die alter ist als Tartarin. Es war im Mittel-
alter die Hauptstadt eines Rhone-Arrondissements. Im Schlofi an der
Rhone wohnten die noblen und tapferen Herren. Das Schlofi ist heute
ein Gefangnis. Aber die Kirche Ste. Marthe ist heute noch schon wie
ehemals. Sie stammt aus dem Ende des i2.Jahrhunderts, und man
baute an ihrer Vervollkommnung noch durch das halbe i4.Jahrhun-
dert. Sie enthalt schone, sanfte Bilder, darunter Szenen aus dem Leben
der heiligen Martha von Vien, Pierre Parrocel, C. Vanloo und anderen
Malern. In dieser Kirche ruht der Seneschall des guten Konigs Rene, in
einem herrlichen Sarg, eine italienische Renaissancearbeit, die man
Franz Laurana zuschreibt. Und auch die heilige Martha, die Schutzpa-
tronin der Stadt, deren Leichnam nach der Legende in Tarascon gefun-
496 DAS JOURNALISTISCHE WERK
den wurde, ruht in dieser Kirche. Sonst haben die bescheidenen Taras-
coner keine Sehenswiirdigkeiten. Ganz Tarascon ist eine Sehenswiir-
digkeit. Es liegt wie ein gelungener, freundlicher, behaglicher Scherz
zwischen den erhabenen Kapiteln der Weltgeschichte, ein verlorenes
Lacheln zwischen pathosgefiillten Begriffen. Es hat keine Denkmaler.
Es hat keine Arena. Es hat nur Tartarin.
Die Briicke ist noch immer da, die Tartarin zu iiberschreiten furchtete.
Sie fiihrt nach Beaucaire. Das war einmal der grofite Jahrmarkt des
Orients und des Okzidents. Beaucaire war die lauteste europaische
Messestadt, jedes Jahr, zwischen dem 21. und dem 28. Juli. Hierher
kamen die Griechen, die Phonizier, die Spanier, die Tiirken, die Fran-
zosen, die Italiener und die Deutschen. Hier lebten reiche jiidische
Kaufleute. Hier flossen die verschiedensten Blutstrome zusammen,
und hier bildete sich die grofiartige kosmopolitische Rassenmischung,
die den europaischen Siiden kennzeichnet.
Ja, Beaucaire war eine grofie und wichtige Stadt. Sie ist heute duster,
verbittert, sauerlich, erfiillt von kleinmiitigem Mifkrauen gegen
Fremde, das man oft bei heruntergekommenen Handlern findet. Hier
wohnen die kleinen Nachkommen grofier Kaufleute. Nichts lastet so
schwer auf den Menschen wie eine beriihmte Ahnenschaft, derer man
nicht mehr wiirdig sein kann. Ware es eine Stadt der Fiirsten, der
Dichter, der Denkmaler und der Wissenschaft gewesen - es hatte heute
die stolze Trauer verlorenen Adels. Aber es war nur eine Stadt des
Geldes. Und es hat heute die kummerliche Trauer, die ein verlorenes
Vermogen ausmacht.
Zuriick nach Tarascon, obwohl dort wenig zu sehn ist! Die Schilda-
stadte des Nordens, der Schweiz, der deutschen und slawischen Lan-
der (es gibt viele slawisch-jiidische Schildas) haben aufier ihrem litera-
rischen Leben noch ein anderes, nuchternes Geschaftsleben. Aber in
diesem siidfranzosischen Land kann sich Schilda erlauben, nur Taras-
con zu sein und nichts mehr. Hier fiihrt man nicht nur siebenmal im
Jahrhundert, sondern siebenmal in der Woche den frohlichen Krieg
gegen den groftmiitterlichen Drachen.
Tarascon ist ein gesteigertes Schilda. Denn alle Tarasconer haben ge-
nug Selbstironie, um zu wissen, daft sie Tarasconer sind. Jeder Tartarin
ist sein eigener Daudet. Jeder Handler verkauft die Karikatur Tarta-
1925 497
rins, dem er wie ein Bruder ahnlich sieht. Wo noch sonst kann diese
Behaglichkeit wuchern, friedlich an der Seite der Ironie? Wo noch
sonst findet der Mensch das notige Gleichgewicht, um Objekt und
Autor eines und desselben Witzes zu sein? Hier ist die burgerliche
Seele wie eine Schaukel, an deren einem Ende die Lacherlichkeit, an
deren anderm der Spott sitzt. Das ist das lustigste Auf und Ab der alten
Schalksnarrenseelen, die nirgends mehr zu finden sind.
Welch profunde Sicherheit des gesellschaftlichen Grundes gehort
dazu! Wie wenig mufi man hier von den Erschiitterungen Europas
fuhlen! Wie selig das Behagen einer Welt, die sich so gelungen vor-
kommt, daft sie witzig wird vor Sicherheit, statt, wie wir es zu sehen
gewohnt sind, platt zu werden!
Es gibt in Tarascon keine grofien romischen Denkmaler. Ich glaube
aber, dafi hier noch der helle, schalkhafte, mit den heidnischen Augen
zwinkernde Geist der spatromischen Humoristen lebt. Nur ist seine
Epigrammatik epischer geworden, breiter, gemachlicher. Das kommt
von Spanien und Frankreich.
Tartarin ist die lustigste, die andere Seite der ernsten, mit Historie ge-
fiillten Welt. Er ist das private Gesicht des Offiziosen. Er ist der Held
in Pantoffeln. Er gibt mir die trostliche Gewifiheit, daft der Mensch
auch im Panzer nicht stirbt. Gesegnet sei Tartarin!
MARSEILLE
Tartarin war in Marseille ratloser als spater in Afrika. Zwischen Taras-
con und den Landern der wilden Abenteuer ist der Unterschied nicht
erschreckend. Aber Marseille ist eine Welt, in der das Abenteuerliche
alltaglich und der Alltag abenteuerlich ist. Hier kann man ratios sein.
Marseille ist das Tor der Welt, Marseille ist die Schwelle der Volker.
Marseille ist Orient und Okzident. Von hier schwammen die Kreuzrit-
ter ins Heilige Land. Durch diesen Hafen stromen viele Marchen von
Tausendundeiner Nacht nach Europa. Hier landeten orientalische Mo-
tive, hier warfen sie die Anker aus, hier betraten sie den Boden euro-
paischer Literatur und Kunst. Von hier aus drangen, einige Jahrhun-
derte vor Christi Geburt, die Forscher Pytheas und Euthymenes bis
498 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zum Baltischen Meer, von hier aus entdeckten sie Island. Das ist die
Erbin und die alte Feindin Karthagos, die schone Freundin Roms, die
griechische Stadt, das »gallische Athen«. Hier versanken Visigoten,
Lombarden, Sarazenen und Normannen, besiegte Eroberer, in latei-
nisch-griechisch-phonizischer Kultur. Hier wurde die grofie Revolu-
tion mit Jubel begriifit, hier fand sie ihre zweite Heimat, ihre eigent-
liche, ihren Text und ihre Melodie. Marseille ist die Heimat von Pierre
Puget und Thiers und - Edmont Rostand.
Marseille ist New York und Singapur, Hamburg und Kalkutta, Alex-
andria und Port Arthur, San Franzisco und Odessa. In Marseille er-
zeugt man Zucker, Stearin, Seife, Chemikalien, Essig, Schnapse, Kera-
mik, Zement, Farben. In acht Stunden macht der Schneider einen An-
zug fertig. In 24 Stunden ist das Gesicht der Strafie verandert. In den
Strafienecken, in holzernen Buden hausen die Winkelschreiber. In
einer halben Stunde haben sie Testamente und Heiratsurkunden ver-
fafk und Prozesse erledigt. Vom Reichtum zur Armut ist weniger als
ein Schritt. Der Obdachlose schlaft auf der Schwelle des Palastes. Die
Lebensmittel verkauft man in einem, die Liebe im andern offenen La-
den. Das Boot der armen Schiffer schwimmt hart neben dem grofien
Ozeandampfer. Muscheln liegen neben den Auslagen der Brillanten-
handler. Der Flickschuster verkauft korsische Messer. Der Ansichts-
kartenhandler bietet Schlangengift feil. Den ganzen Tag spielen die Ki-
nos im alten Hafen. Jede Stunde lauft ein Schiff ein. Jede zehnte Welle
spiilt Fremde an Land wie Fische. Der algerische Jude macht im Kaf-
feehaus Geschafte mit dem Chinesen. Der »Dollarkonig« amiisiert sich
in der Spelunke. Jede zweite Nacht ereignet sich ein Totschlag, ein
Mord, ein Uberfall, ein Familiendrama. Das Leben tanzt auf der
Klinge eines Rasiermessers, das im Hafen als Waffe beliebt ist. Das
Elend ist tief wie das Meer, das Laster ist frei wie die Wolke.
Alle Gerausche haben einen und denselben Takt. In alien Gerauschen
ist etwas vom Larm einer Schiffsmaschine. Der Stiefelputzer kiindet
sich an, indem er mit dem Burstengriff auf den Deckel seines Utensi-
lienkastens trommelt. Auch das Ende seiner Arbeit begleitet ein Trom-
meln. Die Strafienbahn und alle Wagen tuten wie Automobile. Jeder
macht Gerausch. Jeder schlagt den Takt der Stadt. Jeder ubersetzt die
Musik der Welle in seine eigene Sprache. Der Kolporteur ruft mah-
nend seine Zeitung wie eine Kirchenglocke. Und die Glocken der
1925 499
Tiirme vermengen sich popular mit den profanen Gerauschen von un-
ten.
Greifbar, sichtbar, korperlich und nahe ereignet sich in jeder Stunde
die grofie unaufhorliche Blutmischung der Volker und Rassen. Schon
wachsen Palmen, noch rauschen die Kastanien. Nach Norden und We-
sten fuhrt der Rhonekanal, nach Suden und Osten das Meer. Da pfeift
die Lokomotive, da heult die Sirene. Wasser bespiilt Land, und Land
streckt sich vor in Wasser. Die schmalste, dunkelste Gasse miindet in
den breiten, leuchtenden Boulevard. Man sieht den riesengroflen Zei-
ger der historischen Uhr wandern. Die »Entwicklung« und das »Wer-
den« sind keine abstrakten Begriffe mehr. Man sieht den Fuft der Ge-
schichte und zahlt ihre Schritte.
Das ist nicht mehr Frankreich. Das ist Europa, Asien, Afrika, Ame-
rika. Das ist weifi, schwarz, rot und gelb. Jeder tragt seine Heimat an
der Sohle und fuhrt an seinem Fuft die Heimat nach Marseille. Alle
Erden aber segnet dieselbe nahe, sehr heifte, sehr helle Sonne, und iiber
alle Volker wolbt sich dasselbe blaue Porzellan des Himmels. Alle trug
das Meer auf seinem breiten, schwankenden Riicken hierher, jeder
hatte ein anderes Vaterland, jetzt haben alle ein einziges Vatermeer.
Die Geschichte lafit hier keine steinernen Zeugen stehen. Sie spiilt sie
schnell hinweg. Nur der Atem ihrer Vergangenheit bleibt in ihrem
Wehn. Vor einer Woche waren hier Phonizier, vorgestern die Romer,
gestern die Germanen, heute die Franzosen. Wie alle Riesenmeilen der
Erde auf einigen Quadratkilometern Platz finden, so drangen sich hier
die Zeiten zusammen, als gabe es keinen Platz in den weiten Raumen
der Ewigkeit. Wer nicht an Gott glaubt, spurt hier irgendeinen gewal-
tigen Treiber der Jahrhunderte und ahnt emen tief en Sinn in der Regel-
losigkeit der Wanderungen. In einem zweiten ebenso elementaren,
ebenso unerklarlichen Wechsel von Ebbe und Flut rauschen die Volker
heran und rauschen wieder zuruck.
Wie schwarze Faden gegen den blauen Himmel spannen sich die Taue
an den wartenden Segelschiffen. Der neue Hafen ist eine Stadt aus
Schiffen. Auf dem Meer schwimmt Ol. Ich sehe vor lauter Mastbau-
men nicht das Meer. Es riecht im Hafen nicht nach Salz und Wind,
sondern nach Terpentin, Ol schwimmt an der Oberflache der See.
Boote, Barken, Flofie, Fufiboden sind so eng nebeneinandergepfla-
stert, dafi man trockenen Fuftes durch den Hafen spazieren konnte,
ware nicht in Gefahr, in Essig, Ol und Seifenwasser zu ertrinken. Ist
500 DAS JOURNALISTISCHE WERK
hier das unermeEliche Tor zu den unermefilichen Meeren der Welt?
Das ist vielmehr das unermefiliche Magazin fur die Bedarfsartikel des
europaischen Kontinents. Da sind Fasser, Kisten, Balken, Rader, He-
bel, Bottiche, Leitern, Zangen, Hammer, Sacke, Tiicher, Zelte, Wagen,
Pferde, Motoren, Autos, Gummischlauche. Da ist der berauschende
kosmopolitische Gestank, der entsteht, wenn tausend Hektoliter Ter-
pentin neben tausend Zentnern Heringen lagern; wenn Petroleum,
Pfeffer, Tomaten, Essig, Sardinen, Juchten, Guttapercha, Zwiebeln,
Salpeter, Spiritus, Sacke, Stiefelsohlen, Leinwand, Konigstiger, Hya-
nen, Ziegen, Angorakatzen, Ochsen und Smyrnateppiche ihre warmen
Diinste ausatmen; und wenn schliefilich der klebrige, fette und la-
stende Rauch der Steinkohle alles Tote und Lebende umhullt, alle Ge-
riiche eint, alle Poren trankt, die Luft sattigt, die Steine umflort und
endlich so stark wird, dafi er die Gerausche dampfen kann, wie er
langst schon das Licht gedampft hat. Ich habe hier die Grenzenlosig-
keit des Horizonts erwartet, die blaueste Blaue des Meers und Salz und
Sonne. Aber das Meer des Hafens besteht aus Spiilwasser mit riesen-
haften graugriinen Fettaugen. Ich besteige einen der grofien Passagier-
dampfer und hoffe, hier einen leisen Duft jener Feme zu erhaschen, die
das Schiff durchfahren hat. Aber hier riecht es wie zu Hause vor
Ostern: nach Staub und gelufteten Matratzen; nach Lack fur die Tii-
ren; nach feuchter Wasche und Starke; nach angebrannten Speisen;
nach geschlachtetem Schwein; nach gesaubertem Huhnersteig; nach
Schmirgelpapier; nach einer gelben Pasta fur Messing; nach einem Mit-
tel gegen Ungeziefer; nach Naftalin; nach Bohnerwachs; nach Einge-
machtem.
In dieser Stunde stehen mehr als siebenhundert Schiffe im Hafen. Das
ist eine Stadt aus Schiffen. Die Biirgersteige bestehen aus Booten, und
die Strafienmitten aus Flofien. Die Einwohner dieser Stadt tragen blaue
Kittel, braune Gesichter und harte, grofie schwarzgraue Hande. Sie
stehen auf Leitern, streichen die Riimpfe der Schiffe mit frischem brau-
nem Lack an, tragen schwere Eimer, walzen Fasser, sortieren Sacke,
werfen eiserne Haken aus und nageln Kisten, drehn an Kurbeln und
ziehn auf eisernen Rollen Waren in die Hohe, polieren, hobeln, sau-
bern und verursachen neuen Mist. Ich mochte zuriick in den alten Ha-
fen, wo die romantischen Segelschiffe stehen und die knatternden Mo-
torboote und wo man die frischen, triefenden Muscheln verkauft, das
Stuck zu dreiEig Centimes.
1925 JOI
Weifi leuchtet die Stack, sie ist aus demselben Stein wie das Schlofi der
Troubadours in Les Beaux und der Palast der Papste in Avignon. Aber
sie ist nicht festlich. Sie ist betriebsam. Millionen zertrummerter Exi-
stenzen birgt sie. In Avignon waren noch die Bettler stolz. Im alten
Hafen von Marseille ist die Armut mehr als eine Not. Sie ist eine un-
ausweichliche Holle. Aufgeschichtet in hollischer Unordnung lagern
die menschlichen Wracks aufeinander. Die Krankheit bluht gelb und
giftig aus den verstopften Kanalen. Raudige Hunde spielen mit Kin-
dern in den Pfiitzen, Die Zerlumpten kampfen mit den Tieren um
weggeworfene Knochen, Tausende Frauen und Manner sammeln 7a-
garettenstummel, der Hund belauert den Menschen, die Katze den
Hund, die Ratte die Katze, und alle lauern auf dasselbe Stuck faules
Fleisch im Misthaufen.
Die Gasse der Liebe hat ihren biirgerlichen Namen abgelegt und tragt
keine Schilder. Man kennt und findet sie. Wer von der grofien Kathe-
drale nach dem alten Hafen geht, hort die metallene Musik von funfzig
unaufhorlich spielenden Automaten aus funfzig kleinen und schmalen
Laden. Vor den Laden sitzen die Frauen, die altesten und dicksten der
Welt. Sie verkaufen Leiber den ganzen Tag, die ganze Nacht. Manner,
von den Schiffen kommend, durchziehen die Gasse in losen Trupps zu
zehn und funfzehn. Sie verlieren sich unterwegs in den Laden. Dann
verstummt ein Automat, ein Vorhang aus Glasperlen fallt vor ein
graues, diisteres Kanapee, und in der geraden Reihe der Verkauferin-
nen vor den Tiiren entsteht eine Liicke.
Nichts mehr ereignet sich als Liebe und Musik. Manche Frauen halten
ihre Kinder auf dem Schoft. In dieser Gasse wachsen viele Kinder
heran, die traurigsten Kinder der traurigsten Mutter. An ihrer Wiege
spielt ein Musikautomat. Seit dem Augenblick, in dem sie die Finster-
nis der Welt erblickten, kennen sie das Lager der billigen Liebe. Die
Ratsel der Welt werden ihnen mit der banalen Auflosung zugleich ge-
liefert. Das Leben beschenkt sie verschwenderisch mit Erfahrungen.
Die Spielgefahrten ihrer ersten Jahre sind kranke Katzen, die Gliick
bringen, und das Spielzeug der Rinnstein, eine Muschel oder ein Kie-
sel.
Der Morgen, der Mittag, der Vorabend, der Abend, die Nacht, alle
Tageszeiten sind hier gleich. Vom Himmel sieht man nur einen Strei-
fen, von der Sonne nichts. Auch diese Liebe ist zeitlos. Auch ihre Tra-
gerinnern haben kein Alter. Vor vierzig Jahren waren sie schon alt und
502 DAS JOURNALISTISCHE WERK
hafilich. Vierzig Jahre noch konnten sie jung und schon sein. Vor vier-
zig Jahren rasselte der Automat schon dieselben Melodien. Vierzig
Jahre noch treibt er gottliche Musik fur die Ohren betaubter Men-
schen. Vor vierzig Jahren schon trieb er Lauscher in die Flucht. Und
noch vierzig Jahre wird er Horer anlocken. Was ist alt, was ist jung,
was hafilich, was schon, was ein L'arm und was Musik? - Wenn der
Tag aus lauter Liebesnachten besteht und ein Moment eine Liebes-
nacht ist? Wenn die Ware aus einer Verkauferin besteht, die Liebe
einen Groschen wert ist und ein Groschen die Liebe enthalt? Wenn die
Nacht ein betriebsamef Tag ist und der Schlaf ein Geschaft?
In dieser Gasse gelten nicht die Gesetze der Welt. Mit stieren Atropin-
augen, die Brauen bis zu den Schlafen gemalt, mit falschem Haar, das
niemals grau wird, mit einem geschminkten Alter, das von der ewigen
Jugend nur die Stupiditat besitzt, starren die Frauen, alle wie Zwil-
lingsschwestern und also ohne Konkurrenzneid, immer auf denselben
Rinnstein, dieselbe Katze, dasselbe Pflaster - und denselben Mann,
den der Zufall in zehntausend Exemplaren durch die Gasse treibt.
Wenn eine ihre Arme ausbreket, verstummt der Automat, denn durch
einen Mechanismus voller Kunst ist die Maschine mit der Maschine
verbunden.
Hier lost sich alles scheinbar Bleibende auf. Hier schliefk es sich zu-
sammen. Hier ist fortwahrender Aufbau und Zerstorung. Keine Zeit,
keine Macht, kein Glaube, kein Begriff ist hier ewig. Was nenn' ich
Fremde? Die Fremde ist nah. Was nenn' ich Nahe? Die Welle tragt es
fort. Was ist das Jetzt? Schon ist es vergangen. Was ist das Tote? Schon
schwimmt es wieder heran.
Wahrend ich dies schreibe, sieht Marseille schon anders aus. Und was
ich in tausend Worten berichte, ist ein kleiner Tropfen aus dem Meer
des Geschehens, mit dem freien Aug' nicht zu sehn, zitternd auf der
diinnen Spitze meiner Feder.
DIEMENSCHEN
Das, was ich in einer Stadt zu beobachten liebe,
sind ihre Menschen. Stendhal
Zuerst wohnten hier Ligurier. Rot war ihre Lieblingsfarbe. Die rote
Farbe blieb, als die Phonizier kamen, die Griechen, die Langobarden,
die Sarazenen und die Visigoten. Rot ist die Freude. Man hat niemals
in diesem Land aufgehort, sich zu freuen. Alle geschichtlichen Schrek-
ken wurden gemildert. Die Barbaren blieben nicht lange Barbaren, als
sie einfielen. Wer in dieses Land mit dem Willen kam, es zu erobern,
wurde erobert. Die Volker sanken linde in den Boden ein wie eine
Saat. Immer wieder kam eine Zeit der Ernte. Immer wieder erntete
man Freude.
Ehe ich zu den weiKen Stadten fuhr, sah ich an einem Abend in Paris
die provenzaiischen Festspiele, die jedes Jahr im Sommer die alte
Volkskultur des Siidens den Heimischen und den Fremden beweisen
sollen. Die Hirten der Provence kamen mit ihren Frauen, zogen im
Kreis um die Arena, die Pfeifer und Trommler an der Spitze. Es war
eine sehr einfache, sehr helle, sehr heitere Marschmelodie. Sie hatte
sanfte Tone, die an Mondlicht erinnerten, aber einen schnellen Rhyth-
mus, der ein Ausdruck jener Art von Eile war, die nichts mit Geschaf-
tigkeit zu tun hat. Es war die Eile, die Kinder erfullt, wenn sie zu
einem Fest gehn. Dazwischen schlugen die kleinen Trommeln, die zar-
ten, die nicht mit Kalbsfellen, sondern mit diinnen Silberhauten be-
spannt zu sein schienen. Die Menschen marschierten mit kurzen,
leichten, beinahe weiblichen Schritten. Es waren dennoch mannliche
Erscheinungen. Es war eine gesunde Rasse. Die Manner in Hirten-
kostiimen, mit weiften Hosen, bunten Westen, schwarzen, bunten
Rocken und schwarzen Hiiten, bunte Bander um den Leib. Die Frauen
in weiten Kleidern, ein kleines weifies Spitzenkronchen auf den hohen
Frisuren, bunte Mieder, hohe Schuhe. Es war eine echte Landbevolke-
rung. Es war echtes Bauernblut. Es waren Menschen, die zu Hause
harte Arbeit verrichteten. Aber sie hatten die Bewegungen, die das
Erbteil einer langen, reichen, wohlgebildeten Ahnenreihe sind. Die
Frauen warteten, rote Rosenstrauffe in den Handen, auf die Manner.
Einer nach dem andern sprengte heran und nahm von seiner Dame
504 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einen Straufi entgegen, den er vor den Angriffen aller seiner Genossen
zu verteidigen hatte. Zwolf Ritter umringten ihn, er entfloh ihnen im-
mer, in der erhobenen Hand jubelte sein Straufi. Er hielt ihn fest, er
brachte ihn bis zur geschiitzten Stelle. Er sprengte noch einmal zu sei-
ner Dame, schwenkte den Hut, ritt zuriick. Der nachste kam. Zwolf-
mal wiederholte sich das Spiel.
Es scheint, dafi das Galante eine gesunde Reaktion gegen das gleichzei-
tig Rohe ist und daft die Troubadours ihre Existenz den Raubrittern zu
verdanken haben. Der ritterliche Kampf um einen Blumenstraufi ist
ebenso entziickend, wie ein Stierkampf abstofiend ist. Dennoch mufite
ich diesen in Kauf nehmen, um jenen zu sehn.
Die Ritterlichkeit ist in der Provence zum Gliick haufiger als die Stier-
kampfe. Alle Menschen leben wohlgeordnet, die Sitte ist alt, begriindet
und ohne Widerspruch und mit Freude ertragen. Man hat Ruhe genug,
ritterlich zu sein. Jeden Tag guterhaltene Monumente aus einer sagen-
haft weiten Zeit zu sehn, gibt ein ganz merkwurdiges Gefiihl von Si-
cherheit. Man glaubt nicht an Anderungen und Wechsel. In Wirklich-
keit vollziehen sich Wechsel und Anderungen sehr linde. Hierher
kommen keine Sturme. Natur und Geschichte arbeiten nicht mit
Uberraschungen. Jeder hat sein Leben gesichert. Alle Bauern sind
Grofigrundbesitzer. Um jeden Besitz erhebt sich eine Mauer. Zwar
sind alle Tore offen. Man kann in einen fremden Garten gehn und
schlafen. Niemand stiehlt, niemand verwehrt, niemand verwahrt. Jeder
baut Mauern, nicht um sich abzusperren, aber um die Grofie seines
Eigentum zu kennzeichnen. Seine Mauer symbolisiert seine Macht.
Aber Mauern sind herzlose Gegenstande. Auch der schone weifk Stein
verhartet das Herz. Wer hinter den Mauern sitzt, sieht den hungern-
den Bettler auf der Landstrafie nicht. Und ehe man ein offenes Tor
erreicht, ist man am Rande der Mauer vor Hunger gestorben.
Es gibt wenig Elend in diesem Land und infolgedessen mehr freund-
liche Gesichter als offene Herzen. Alles ist ererbt, das Haus, der
Schmuck und die Sitte. Kinder wachsen auf, die niemals gesehn haben,
wie Hunger weh tut. Sie werden es niemals sehn. Jeder hat sein Boot.
Es ist nicht schwarz, sondern schneeweifi. Man kennt die Kartoffel zu
wenig, welche das Manna der Armen ist. Alles ist billig. Aber wer hier
das Geld nicht besitzt, das einen so geringen und so hohen Wert hat,
kann auf Brot nicht rechnen. Die heiteren Menschen lieben die Heiter-
keit. Und die Trauer ist ihnen so fremd, daft die Not ihnen verdachtig
1925 505
erscheinen mufi. Die Menschen sind gut. Aber die Gute ruht tief und
unverbraucht in ihnen, wie Wasser in einem vergessenen Brunnen.
Niemand schopft aus ihnen. Die Natur richtet kein Unheil an. Durch
plotzliche Schlage ist niemand um sein tagliches Brot beraubt. Der
Nachbar ist ein Freund. Aber er wird niemals ein Bruder. Alle Hunde
und Katzen finden Nahrung an fremden Tischen. Man totet uberzah-
lige Tiere nicht. Aber es gibt viel herrenlosen Hunde und Katzen. Je-
dermann jagt und fischt. Man schiefk auf Singvogel. Man rodet Wal-
der. Es gibt keine Walder und fast keinen Vogelgesang. Die Sonne
ziindet die Walder an. Die Menschen trauern zu wenig um sie. Gute
Geister wohnen in den Felsen. Aber das Volk glaubt kaum noch an sie.
Seinen alten Sitten ist es treu. Es tragt die alten Trachten und spricht
die schone, alte, melodische provenzalische Sprache. Jeder liebt sein
Land. Aber es fallt niemandem schwer, dieses Land zu lieben. Es fallt
uberhaupt nicht schwer, hier zu lieben. Man pfliickt die Liebe am
Wegrand. Sie wachst reich wie die kostbarsten Friichte. Voll Kraft und
Saft ist die Erde. Jeden nahrt der Strauch. Man kann unter freiem Him-
mel schlafen. Aber vielleicht sehnt sich mancher nach einem Dach?
Jeder hat Sonne. Aber vielleicht weint einer um den Schatten?
Weifier Stein, weifier Stein, weifier Stein! Oliven zwischen weifiem
Stein. Aber einer mochte Brot. Seht! das Brot ist hinter hohen Mauern!
Kirchen, Kirchen, Kirchen! Reiche Portale, reiche Gemalde, goldene
Altare. Jeder betet urns tagliche Brot und weifi nicht, was sein Fehlen
bedeutet. Jeder hat seinen Sitz mit Namen und Datum. Sein Verhaltnis
zu Gott ist verburgerlicht. Sein Glauben wurde selten auf die Probe
gestellt. Seine Siinden? Er hat keine Siinden, der hinter der Mauer
starb. Denn wer kann durch diese Mauern sehn? Ist es eine Siinde, sein
Eigentum zu umgrenzen? Ist es eine Siinde, nicht durch Mauern zu
sehn?
Aber wie liebt man die Hilflosen, die Kinder und die Schwachen! Kein
Schrei, kein Schlag, kein Weinen. Kein harter Vater. Katzen in jedem
Haus. Weiche, leise Tiere mit grofien, klugen und ewig zielenden Au-
gen. Gute Winkel, warme Winkel, stille Winkel. Hohe Fenster, tiefe
Briistungen, Sonne, Sonne, Sonne. Alte Palaste, warm im linden Win-
ter, kiihl im heifien Sommer. Steinerne Fufiboden, ohne Faulnis, leicht
zu saubern. Aber wenig Kanale, Schmalheit und Enge, Drang der Ar-
men in die Gasse. Machtige Arena, heilige Tempel, Museen voll stei-
nerner Andenken, Tradition, Treue. Aber langsam ist der Blick in die
506 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Zukunft. Wie heiter ist das Leben! Aber wie leicht ist die Heiterkeit!
Wie weit ist der Tod, obwohl iiberali Graber sind, obwohl man taglich
iiberall Menschenknochen findet und Monumente blofilegt.
Weites Land ist noch zu vergeben. Es fehlt an Volk. Der Boden ist
hungrig nach neuer Saat. Er hat soviel Verschiedenes verschlungen,
soviel Verschiedenes geboren, und heute sind alle gleich. Er hat sie
gleichgemacht. Man wird Fremde kommen lassen. Auf meinem Weg,
der nach Norden fiihrt, in den Herbst, in den Nebel, in die Walder,
sehe ich sie wandern. Sie kommen ohne Schwerter. Aber selbst wenn
sie Waffen hatten, werden sie alles Todliche ablegen. Hier ist das Le-
ben starker. Hier ist man nicht leicht bereit, sein Blut zu vergiefien.
Hier findet man eine Kindheit, seine eigene und die Kindheit Europas.
Nirgends wird man so leicht heimisch. Und selbst wer das Land ver-
laftt, nimmt das Beste mit, das eine Heimat mitgeben kann: das Heim-
weh.
Zur Veroffentlichungsgeschichte s. Anhang S. 1005.
ROMANTIK IN VITRINEN
Im Frankfurter »R6mer« ist im Anschlufi an die Herbst-Messe eine
»Post-Ausstellung« eroffnet worden, das heifk: eine Ausstellung vieler
Zeugen postalischer Vergangenheit, von den ersten Briefboten bis zum
letzten jiidischen Bneftrager in Frankfurt am Main, vom hilflosen, nai-
ven Stiefel des wandernden, mit Lanze und Wappen bewehrten Ku-
riers bis zur letzten Postkutsche. Die Portrats der Familie Thurn und
Taxis, die Geschichte ihres Hauses, ihre schonen Frauen und ihre
Manner, die es so gut verstanden haben, Geld zu verdienen, ihre Pala-
ste und Hauser, ihre Boten, Kuriere und Postkutschen nehmen in die-
ser Ausstellung einen groften Raum ein. Es war eine kluge Familie, sie
waren die ersten Amerikaner in Europa, energische Trustmanner,
fiirstliche Yankees, sie kauften sich die Freundschaft der Herrscher
und einen Wappenkundigen, der ihnen (nachtraglich, aber keineswegs
zu spat) einen grofiartigen Stammbaum pflanzte, in dessen kiinst-
lichem, aber labendem Schatten die Nachkommen sorglos leben durf-
ten. Italiener von Geburt, verstanden sie es, auch die Kunst in die Fa-
milie zu bringen und eine Verwandtschaft mit Torquato Tasso zu be-
weisen, was dem Dichter nichts schaden kann. Van Dyck make die
schone Maria Luisa de Tassis. Diese friedliche Familie suchte den
Raum weniger auf den Schlachtfeldern als auf den volkerverbindenden
Strafien der Erde und machte eine praktische Kosmo-Politik. Sie war
in alien grofien Stadten zu Hause. Ihre Postillone verbanden das Nahe
mit dem Fremden. Der moderne Aeroplan ist die Konsequenz der
Thurn-und-Taxis-Post. Der Flieger ist ohne Zweifel ein Nachkomme
des Postilions . . .
In dieser Ausstellung befinden sich noch andere Zeugen der guten al-
ten Zeit: Uniformen der Postillone, eine Ehrenpeitsche fur einen von
ihnen, ein Bild vom Frankfurter Kurier Hennchen Hanauwe, Bilder
aus Maximilians »Weiflkunig«, alte Briefmarken, Postkarten, die er-
sten Fahrscheine, Fahrplane und Fiihrer, mittelalterliche Schreibpulte,
alte Siegel, Brief e, Botenbiicher, Bilder von beraubten Postwagen,
Amtsschreiben von Posthaltern, Staffettenreiter, Eilposten, Wagenmo-
delle und gerade und geschlungene Postillonhorner, die vielbesunge-
nen Instrumente, von denen einige Generationen deutscher Lyrik le-
ben konnten.
508 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Das alles betrachtete ich mit der traditionellen Running, der gegeniiber
sowohl der Stolz eines Zeitgenossen der Flugapparate als audi das an-
geborene Mifttrauen gegen Objekte des Sentiments immer wieder
wehrlos werden. Niemand kann sich der lieblichen Melodie entziehen,
welche die Vergangenheit auf einem alten Posthorn blast, wenn es un-
ter Glas liegt. Irgendwo noch ist in uns die sanfte Saite gespannt, die
ein Blick in ein altes Botenbuch sofort in sentimentale Schwingungen
versetzt. Irgendwo liegt noch in unserem harten, automobil-, maschi-
nen- und tankgewohnten Aug' eine Trane, die darauf wartet, geweint
oder - verdrangt zu werden. Und es ist riihrend zu sehen, daft es ein-
mal eine Zeit gab, in der ein Brief einem treuen Menschen iibergeben
wurde, der das Papier an seiner Brust barg und mit einem langen Stock
uber Graben setzte, tagelang auf schrecklichen Wegen marschierte,
von Gefahren bedroht, gegen die Natur kampfend, bis er das kostbare
Gut dem rechtmaftigem Empfanger iibergeben konnte. Und sooft er
ging, sooft er wiederkam, safi der Herr Btirgermeister da und zeichnete
mit der gleichen, treuen und genauen Schrift den Weg, den Schreiber,
den Adressaten und den Botenlohn ein. Das stent in den Botenbii-
chern, eines stammt aus dem XlV.Jahrhundert und ist in das gelbe
Schweinsleder gebunden, das wir von den alten Bibeln her kennen.
Und es ist riihrend, die einfachen Bildchen zu sehn, die eine ungeiibte
Hand make und die den ausschreitenden Boten darstellen, den Wande-
rer mit den fremden Schicksalen oder den galoppierenden Reiter, ein
bunter, lebendiger Fleck mitten im Griin der Felder und vor den blau
verdammernden Hiigeln. Da zerdriickt die Hand, weil sie schreiben
mufi, eine schamhafte Trane.
Aber dann . . . aber dann . . . erinnert man sich, daft der Postbote fur
einen fiirchterlichen Weg von achtzehn Stunden zwei Gulden bekom-
men hat; und daft die Vorschrift befahl, ohne Unterlaft zu reiten, zu
reiten, zu reiten; und daft bei einer Versaumnis von einer Stunde bei
der monatlichen Abrechnung ein paar Gulden von den paar Gulden
abgezogen wurden; und daft zu Hause Weib und Kinder warteten;
und daft der Kurier ein Knie beugte vor dem hohen Herrn, dem der
Brief zugedacht war; und daft der Hals weh tut, wenn man stunden-
lang romantische Schalmeien blast; und daft es den Lyrikern besser
ging als den Postillonen; und daft Maler die Gewohnheit haben, Postil-
lone gerade in ihrer lustigsten Position zu malen, wenn sie gliicklich
sind oder angeheitert.
I 9 2 5 5O9
All das bedenkt man, und es fallt einem dabei ein, dafi es unsern Brief-
tragern auch nicht grofiartig geht; den Schaffnern auch nicht; den Ei-
senbahnarbeitern auch nicht. Aber dafi man doch nicht mehr tagelang
in Siimpfen watet, Rauber fiirchtet und dafi, wer schon eine trockene
Kehle hat, nicht mehr zu blasen braucht. Man erinnert sich, dafi von
New York nach Marseille weniger als ein Katzensprung, namlich ein
Menschensprung ist. Und man preist diese Gegenwart, in der es mog-
lich ist, die alte Zeit hinter Glas zu betrachten - das Material, das geeig-
net ist, aus ihr eine gute zu machen . . .
Frankfurter Zeitung, 7. 10, 1925
SCHWARZES LAND
Von Alphonse de Chateaubriand. Ubersetzt von Rolf Schottldnder.
Berlin, Verlag Die Schmiede, 407 Seiten
Chateaubriand schreibt den »Heimatsroman«, der seinesgleichen bis
jetzt nicht in der europaischen Literatur gehabt hat: es ist eine »Hei-
matskunst«, die der »Scholle« entstammt, aber weiter reicht als nur in
die Welt. Denn diese Kunst reicht in die Uberwelt.
In der bisher grofiten »Heimatskunst« gab es viel Heimatskunde. Man
sah Rasse, Sitten, Gebrauche, Stammeseigenschaften. Diese Literatur
war manchmal beschrankt, nicht nur geographisch, und immer be-
grenzt, wenn auch nur geographisch. Uber die Grenze, die geographi-
sche, heimatliche, landsmannische, greift Chateaubriand hinaus. Die
Menschen dieses Romans haben nicht den bekannten »Duft der
Scholle«. Nicht nur aus dem einfachen Grunde, weil das Land Cha-
teaubriands aus Torf und Sumpf besteht und nicht aus »Schollen«;
sondern weil die Menschen ebensowenig greifbare Realitat besitzen
wie Nebel, die aus den Mooren steigen. Sie sind zu Gestalten, Tragern
von Handlungen und Ideen verdichtete Moornebel.
In Frankreich unter Generationen von »rationalistischen« Autoren ist
Chateaubriand der einzige nicht zivilisatorische Autor. Das Land, das
er beschreibt, ist so ratselhaft, dafi es beinahe nicht in Frankreich liegt.
Ein ganzes Volk, das vom Torfstechen lebt, wehrt sich gegen die Trok-
JIO DAS JOURNALISTISCHE WERK
kenlegung des Landes. Es ist der Kampf der Elemente: Wasser gegen
Feuer. Die zwischen diesen Elementen stehen (von der Liebe in die
Mitte gezwangt), gehn unter. Die Reprasentanten der Elemente siegen
im Untergang. Wenn hier ein Mensch die Waffe streckt, ist er trotz-
dem nicht unterlegen. Wenn endlich die Maschine iiber den Sumpf
siegen wird, ist der Sumpf dennoch gewaltig. So ist es, wenn Elemente
kampfen. Sie besiegen einander nicht. Sie verfliefien ineinander.
Chateaubriand beschreibt das ratselhafteste Land Europas. Es liegt an
der Nordkiiste Frankreichs. Seine Menschen leben heute noch wie vor
300 Jahren. Ein durchschnittlich »interessanter« Schriftsteller hatte
eben die Merkwurdigkeit des Landes herausgeholt. Das ware auch viel.
Chateaubriand holt mehr heraus als Ethnographie: namlich Meta-
physik.
Frankfurter Zeitung, 1. 11. 1925
SCHATTEN DES VORWORTS
Romain Rolland hat Panait Istrati, einen Abenteurer griechisch-ruma-
nischer Abstammung, der sich in vielen Berufen versucht hat, unter
anderem Sandwichmann, Maschinist, Journalist und Photograph ge-
wesen ist, fur die Literatur entdeckt und veranlafit, auch noch Schrift-
steller zu werden. Istrati hatte einen Selbstmordversuch veriibt. Er
wurde ins Krankenhaus in Nizza gebracht. Man fand bei ihm einen
Brief an Romain Rolland. Der Brief wurde dem Adressaten zugestellt,
der Lebensmude der Welt wiedergegeben. Rolland stattet nun die Ge-
schichten Istratis mit einem Vorwort aus. Istrati selbst setzt ihnen ein
Geleitwort vor. O.R. Sylvester iibersetzt sie ins Deutsche aus dem
Franzosischen. (»Kyra Kyralina«. Von Panait Istrati. Mit einem Vor-
wort von Romain Rolland, Frankfurt, Literarische Anstalt Riitten und
Loening.)
Im Geleitwort sagt der Verfasser: »Ich bin kein Schriftsteller von Beruf
und werde es niemals sein.« Aber auf der letzten Seite des Buches steht
die Ankiindigung: »In weiteren Banden werden die Geschichten ihre
Fortsetzung finden.« Nun gibt es keinen Beruf, den man ohne Beru-
fung gewissenhaft ausiiben kann. Ich wufite daher gern, ob Istrati sei-
1925 5 n
nen Kellnerposten mit dem Gestandnis angetreten hat: »Herr Gast-
wirt, ich werde niemals ein Kellner sein!« ... Ich zweifle daran. Aber
den Lesern, den Verlegern, den Schriftstellern darf man alles sagen,
wenn man durch ein Vorwort Romain Rollands in die Literatur einge-
fiihrt wird. Nur in der Literatur diirfen »Aufienseiter« mit Stolz hei-
misch werden.
Der Literat verliebt sich manchmal in den Naturburschen. Dieser leitet
daraus eine Pflicht ab: kein Schrifts teller zu werden; und ein Recht
Biicher zu schreiben! Aber wer uns den Gef alien erweist, ein Buch zu
schreiben und Fortsetzungen anzukiindigen, miifite schon so freund-
lich sein und zusehen, dafi er ein Schriftsteller werde.
Ein Gast, den ein frischer Wind durch die Literatur went, verursacht
immer eine gesunde Luftveranderung. Aber urn einen Klimawechsel
zustande zu bringen, dazu reicht weder eine sympathische Mensch-
lichkeit aus noch ein flottes Erzahlertalent. Die Seltsamkeit des Stoffes
bleibt eine stoffliche Seltsamkeit: eine ethnographische, eine geogra-
phische. Die interessante Vergangenheit des Autors macht noch kein
interessantes Werk. Und ein Vorwort, das eine Empfehlung ist, kann
man zuweilen schwer von einer Entschuldigung unterscheiden.
Die Geschichte aller europaischen Literaturen kennt »Auf5enseiter«.
Alle bluhten im Schatten eines autoritativen Vorworts. Die meisten
haben die Geltungsdauer eines Vorworts nicht uberlebt.
Denn die Kunst des Schriftstellers beginnt erst dort, wo die Hem-
mungslosigkeit des natiirlichen begabten Erzahlers aufhort. Von alien
Kiinstlern ist der Schriftsteller der am meisten bewufke. Das Schreiben
ist eine Arbeit und eine Technik, ein Handwerk und eine Pflicht. Es
erfordert Herz, Talent, Gehirn, Hand, personliche Kultur und hohe
Verantwortung. Rolland selbst ist der Typus eines solchen Schriftstel-
lers. Es ist begreiflich, daft gerade er die Istratis anzieht und daft er
Romanhelden ermuntert, Romanautoren zu werden.
Panait Istrati hat recht: Er ist kein Schriftsteller. Er erzahlt die sehr
interessante Lebensgeschichte seines Freundes (oder seines »Helden«).
Er fiihrt uns ein Stuck Orient, ein Stuck Balkan vor. Immer ersetzt das
stoffliche Interesse die kiinstlerische Spannung. Das Buch sammelt
nicht. Desto angenehmer zerstreut es.
Maupassant hat drei Jahre lang bei Flaubert schreiben gelernt. Maupas-
sant hat unzahlige Manuskripte vernichten miissen, ehe er eines druk-
512 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ken lassen durfte. Manuskripte vernichten heifit in diesem Fall tau-
sendmal Selbstmord begehen. Vor Panait Istratis schmerzensreichem
Privatleben hege ich die tiefste Achtung. Aber nichts wird mich hin-
dern zu sagen: dafi man durch einen realen Selbstmordversuch noch
kein Autor wird; dafi iiberstandene Abenteuer literarische nicht legiti-
mieren; und dafi der Wille, kein Schriftsteller zu sein, auch nicht aus-
reicht, urn einer zu werden.
Die Flauberts sind tot.
Frankfurter Zeitung, 15. n. 1925
BEKEHRUNG EINES SUNDERS IM BERLINER
UFA-PALAST
Nicht nur in den Zeitungen, sondern auch auf hundert Plakaten, bun-
ten und lauten, war der heiterste Film Amerikas angekiindigt, der
starkste Lacherfolg garantiert. Draufien, vor den drei hohen und wei-
ten Portalen, stand cin goldbetrefiter Portier, hingen die komischen
Anzeigen und ein sehr bekanntes Clowngesicht in Rot und Gelb. Eine
grofie Schar frohlicher Menschen drangte sich vor den Schaltern und
loste Billetts. Nichts verriet den tiefen Ernst, der mich drinnen im
Saale erwartete, und ich hatte keine Ahnung von den Erschiitterungen,
denen meine unfromme Seele ausgesetzt werden sollte . . .
Langst hatte ich schon die Gewohnheit abgelegt, in jeder Berliner Mo-
schee ein mohammedanisches Gotteshaus zu sehen. Ich wufite, dafi
hierzulande die Moscheen Kinos sind und der Orient ein Film. Und
einmal, vor vielen Jahren, als ich noch fromm war, wollte ich zu einer
Friihmesse. Ich trat in eine Kirche - aber es war ein Bahnhof. Spater
erfuhr ich, dafi die Bauart nichts besagen will und dafi in den mit Blitz-
ableitern versehenen Magazinen aus roten Backsteinen die Altare stehn
und Gottes Wort vernommen wird . . .
Diesmal kam es anders:
Ich safi in der dritten Reihe vor dem Vorhang aus grunem Samt. Plotz-
lich verdunkelte sich der Saal, der Vorhang teilte sich langsam, und ein
geheimnisvolles Licht, das Gott nicht erschaffen haben konnte und das
die Natur in tausend Jahren nicht zustande bringen wird, rann in wei-
1925 513
chen Stromen iiber die silbern verschleierten Mauern des Saales und
iiber die Biihnenfront. Es war, als hatte man Wasserstiirze in langen
Jahren gezahmt und fur den Hausgebrauch abgerichtet und an den
Wanden dieses Palastes angebracht, von denen sie ganz behutsam ran-
nen, zivilisiert, den Bediirfnissen des Menschen dienstbar gemacht,
Elementargewalten mit guten Manieren, Naturkrafte, denen man gut
zugeredet hat. Die Beleuchtung bestand aus Morgendammer und
Abendrote zugleich, aus Himmelsklarheit und Hollendunst, aus Stadt-
atmosphare und Waldesgriin, aus Mondenschein und Mitternachts-
sonne. Was die Natur in langweiligem Nacheinander und auf weite
Entfernungen zustande bringt, war jetzt in einem Raum und in einer
Minute komprimiert. Und also wird es klar, dafi hier eine unbekannte
und machtige Gottheit ihre Hand im Spiel beziehungsweise im Ernst
hatte. Es war zu eng, um auf die Knie zu sinken, denn wir safien dicht
gedrangt beieinander. Aber, wenn das Bild moglich ist: Die Knie san-
ken gleichsam auf sich selber . . .
Ringsum safien, soweit man Konfessionen an Gesichtern sehen kann,
Vertreter aller Glaubensarten. Dissidenten und Gottlose auch. Alle
waren ergriffen. Und als ein junger schwarzer Mann auf einer Orgel zu
beten begann und die machtigen Klange des gottlichen Instruments die
geoffneten Herzen der Anwesenden fiillten, wurde es so still im Saal,
dafi man in den Bauten nur den Atem der Menschen horen konnte, wie
bei einer arztlichen Untersuchung beim Kommando: Tief atmen! . . .
Dann lautete ein silbernes Glockchen, und aus Gewohnheit senkte ich
den Kopf und blickte dennoch, wie ich es als Knabe getan hatte, nach
vorn. Da teilte sich der Vorhang rechts und links, und aus den Spalten
tropften schwarze Manner einzeln die Stufen vor der Biihne herunter,
Manner mit Musikinstrumenten. Zum Schlufi, sehr eilig und wie ein
Lehrer die Klasse betritt, sprang ein schmachtiger, junger Mann mit
Brille in den Orchesterraum, und vor ihm wehte sein langes Haar im
Wind, den es selbst angerichtet hatte.
Es war der Kapellmeister. . .
Und nun war es herrlich, zu sehen, wie er groEe Pfauenrader mit den
Armen schlug, wie er mit seinem hurtigen Stab gegen die ganze Ka-
pelle Florett focht, die Geigen reizte und den Ba£ zum ernsten Protest
brachte, die Segel der Trommel erschutterte und den Floten silberne
Serpentinen entlockte - und alles war von Offenbach.
Je nach der Schwere und Leichtigkeit der Melodie wechselte der
514 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Scheinwerfer von Blau zu Rot und Gelb, Gespenster waren die Musi-
kanten, und des Kapellmeisters Haar brannte manchmal, eine heilige
Flamme, zum Susfit. Immer noch rannen die Hauswasserfalle. Und
schliefilich entlud sich unsere Andacht in heftigem Klatschen, und am
lautesten klatschten die Dissidenten. Alle erkannten wir den Willen
einer iiberirdischen Macht, einer metaphysischen Kinodirektion, einer
himmlischen Branche ...
Dann begann der Operateur den Film von Harold Lloyd zu zelebrieren.
Aber wer konnte lachen? Kein Spafi mehr drang zu meinem Zwerchfell.
Ich dachte an den Tod, an das Grab und an das Jenseits. Und wahrend
jener eine glanzende komische Idee ausfiihrte, beschlofi ich, mein Leben
Gott zu weihen und ein Einsiedler zu werden.
Nach Schlufi der Vorstellung wanderte ich schnell in einen grofien,
dichten Wald, den ich seitdem nicht verlassen habe . . .
Frankfurter Zeitung, 19. 11. 1925
SPIELZEUG
Die Frankfurter Messe hat im Werkbundhaus eine Ausstellung alter und
neuer Spielzeuge veranstaltet, eine weihnachts-zeitgemafie Aktualitat
und eine sinnvolle Illustration zum »Wandel der Zeiten«. Unsere Grofi-
vater haben mit holzernen Krippen gespielt, die von gelben Wachslich-
tern beleuchtet wurden, mit Puppentheatern, mit Hauschen aus Holz
und Glas, in deren Innern kleine Bettchen, Stuhlchen und Tische ste-
hen - unsere Sonne aber richten uns Radioleitungen ein, konstruieren
Automobile und spielen dementsprechend mit elektrisch betriebenen
Eisenbahnen, mit Aeroplanen, Luftschiffen, Propellern, Turbinen und
lauter Gegenstanden, die ich nicht einmal zu nennen weift.
Ja, es wachst ein merkwiirdiges Geschlecht heran, unserer Zucht noch
vor der Geburt entwachsen, kiihl gegen unsere Liebe, mit einer fremden
Art Gefuhl begabt, von uns gezeugt, aber von der technischen Zeit
befruchtet, von uns ebenso verschieden wie Antennen von Baumen.
Was wir von Wiesen, Hiigeln, Fliissen, Seen und Waldern wufiten,
wissen sie von Briicken, Motoren, Luftschiffen, Unterseebooten, Tor-
pedos. Das wird in einer Spielzeugausstellung offenbar.
1925 5^5
Wir bevolkerten schopferisch unsern Miniaturladen mit Kunden, un-
ser Marionettentheater lebte unter unseren Handen, Elfen geisterten in
unsern kleinen Stuben, Zauberer lagen in unseren Koffern, und wir
empfanden das siifie Gruseln im Anblick verschlossener Truhen. Un-
sere Sohne entvolkern die Erde, roden die Walder, verbannen den
Spuk und nehmen selbst alle Zaubergewalt in ihre kleinen, schon so
zielsicheren Hande. Alle Wunder konnen sie erklaren und die meisten
vollbringen. Also gibt es kein Wunder mehr. Blitz und Donner kon-
nen sie erzeugen. Jetzt erst ist Jupiter entthront . . .
Mir scheint, wir haben gefehlt. Wir konnten uns ein wenig anstrengen,
wenn wir Spielzeug erfinden. Weil wir von der Uberzeugung ausgehn,
ein Kind ware ein kleiner Mensch, dnicken wir ihm unsere Gebrauchs-
gegenstande entsprechend verkleinert in die Hand und nahren in ihm
den Trieb, es den Grofien gleichzutun. Aber ein Kind ist kein Zwerg,
kein Mensch von geringeren Ausmafien, sondern etwas ganz anderes.
Wir miifken ihm Rohmaterial geben, auf dafi es sich selbst ein Spiel-
zeug schaffe. Und die also geschaffenen Spielzeuge mufiten wir dann
ausstellen. Es geschieht nicht ohne Grund, daft der Erwachsene beim
Anblick eines der ausgestellten Spielzeuge den Wunsch verspurt: Ach,
wenn doch mein Sohn mir das zu Weihnachten gabe!... Denn ein
Erwachsener hat dieses Spielzeug erfunden und hergestellt. Daft auch
die Kinder mit leuchtenden Augen vor diesen Dingen stehen, beweist
wenig. Denn Kinder wollen alles haben - und lieber richtige Eisenbah-
nen als kleine, die keinen Zweck erfiillen. Wir aber gaben ihnen immer
nur Ersatz: ein kleines Haus fur ein grofies, eine stehende Uhr fiir eine
gehende, ein Schaukelpferd statt eines lebendigen. Und so wundern
wir uns nicht, wenn jetzt eine Generation von Zwolfjahrigen heran-
wachst, die von den Dachern ihrer vaterlichen Hauser in selbstkon-
struierte Aeroplane einsteigen, statt den abreisenden Vater bewun-
dernd an den Zug zu begleiten. Unseren kleinen Ingenieuren bereiten
wir keine Freude, wenn wir ihnen ein Flugzeug kaufen, das sich bis zur
Hangelampe erhebt. Sie lachen uns aus.
Sollen wir ihnen eine Puppe kaufen? Ein Buch von Wilhelm Busch?
Wo in aller Welt gibt es noch einen Jungen, der die Spafie von Max und
Moritz verstiinde, versuchte, miterlebte? Gestehen wir uns nur: Wir
wollen selbst ein bifkhen spielen. Schreiben wir einen Brief an den
lieben Weihnachtsmann, teilen wir ihm unsere Wiinsche mit, und un-
sere Sohne werden sie erfiillen . . .
jl6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
In der Frankfurter Ausstellung konnen wir wahlen: chinesische Ge-
duldspiele; eine Kindermumie mit geflochtener Puppe als Grabbeigabe;
sudamerikanische Tonfiguren; sibirische Holztiere; einen geflochtenen
Hahn vom malaysischen Archipel; westafrikanische Kindergewehre;
ein Wiirfelspiel aus Biberzahnen; - und weil wir wahrscheinlich derlei
exotische Dinge nicht erhalten werden, vielleicht den europaischen
Zoologischen Garten elektrisch betrieben, mit unaufhorlich nickenden
Giraffen, einer stummen, aber Bewegungen ausiibenden Affenkapelle,
einem Elefanten, der den Russel auf und ab schwanken lafit wie einen
Brunnenschwengel, mit samtlichen Tieren aus Stoff, Holz und toten
Materi alien.
Aus Privatbesitz stammen die alten Spielzeuge: die Krippen, die kleinen
Palastchen, die Puppenspiele, durch die Macht der Jahrzehnte geweiht
und fremd diesem Jahrhundert, heilig, wie sie schon eine Verbindung mit
dem Jenseits sind, von dem Duft erfullt, den alte Truhen ausstromen,
riihrende Dinge - aber vergangene, vergangene! Sie sind schon Kultur-
geschichte. Sie sind keine Spielzeuge mehr.
Es gilt, eine neue Art von Spielzeug zu erfinden. Nicht fur uns, sondern
fiir unsere Kinder, die technisch erf ahrener sind und die Geheimnisse des
Lebens nicht nur kennen, sondern sogar selbst konstruieren. Und so
gelange vielleicht die Wiederbelebung alter Geister in neuer Form: ein
neues Heimatrecht der Phantasie. Die Throne, auf denen die Gotter
safien, sind zertrummert. Aber miissen Gotter auf Thronen sitzen? Sie
finden auch auf Propellern Platz; allerdings auf richtigen . . .
Frankfurter Zeitung, 23. 11. 1925
THEATER-BERICHT
Der Besucher auf dem Eckplatz in der dritten Balkonreihe spielt den
ersten Liebhaber seiner Begleiterin mit einer leidenschaftlichen Echtheit,
die im Parkett sehr selten ist und nur noch in Logen vorkommen soil.
Seine linke Hand liegt auf ihrem Riicken, und die starken Finger wan-
dern, wie Ehrenposten auf einem schmalen Brett, die Linie des Riickgra-
tes von der Taille hinauf, hinunter und wieder zuriick. Indessen wartet
seine rechte Hand in ihrem Schoft, neben einer kleinen Schachtel Pralines,
deren Seidenhulle manchmal knistert.
*9*5 5 l 7
Das Madchen ist so schon und so begabt, dafi sie niemals zur Biihne
gehen konnte, sondern im Zuschauerraum bleiben mufi. Sie ruht im
schmalen Sitz, den sie keinesfalls ausfiillt, mit der etwas unsicheren
Lassigkeit einer sitzenden Katze, die ihre Pfotchen geben soli und die
bald wieder mit alien vieren auf die sichere Erde heimkehren mochte.
Die zarten entblofken und offenbar sehr kiihlen Arme des Madchens
liegen, der Kriimmung der Lehne angepafit, sanft gebogen; und die
Hande spielen miteinander in der Luft und kiissen sich wie junge
weifle Vogel. Manchmal flattert eine Hand zum kleinen Kopf und
streicht in tiefem Schwebeflug iiber das braune Haar, das der schmalen
schwarzen Grenzbogen der Brauen nicht achtet und das Auge iiber-
stromt. Dieses aber will die Vorgange auf der Biihne spiegeln und die
Lichter im Saale in der Pause und ein eigenes, inneres, noch festlicheres
Licht: denn in der Seele des Madchens sind alle Kerzen entziindet.
Der junge Mann liebt sie, er hat sie ins Theater gebracht, er wird sie
heute auch nach Hause fuhren, und alle ihre Tage hat sie ihm verspro-
chen wie Tanze. Jedesmal kommt er und nimmt sie in die Arme. Mit
ihm zusammen sieht sie das Leben und was dem Leben zum Verwech-
seln ahnlich ist und die verfugbaren Schonheiten der Welt, wie dieses
Theater zum Beispiel.
Es ist Premiere, und man gibt das Snick eines lebenden, aber infolge
der Aufregung halb lebendigen Autors, der einen sehr interessanten
Stoff erfunden und in vier Akte geschiittet hat, innerhalb deren sich die
Geschichte zutragt, zwischen drei offenen Wanden. Die Theaterkriti-
ker sitzen vorn, auf den geweihten Platzen, die ihrer Kaste vorbehalten
sind, und folgen aufmerksam den Vorgangen auf der Biihne, als ware
dort das Leben. Denn sie wissen nicht, daft es sich hinter ihrem Riik-
ken abspielt. Sie nehmen das Rohmaterial nicht zur Kenntnis, nur das
zum Trauerspiel degradierte und besprechenswerte Leben. Sie sind
naiv wie jenes junge, schone Madchen, das in der dritten Balkonreihe
seine stumme Szene spielt - aber sie sind nicht so anmutig . . .
Manchmal legt das Madchen ein Bein iibers andere; und wenn fur
einen Augenblick das leuchtende, von glatter Seide umschimmerte
Knie sichtbar wird - gleich sind beide Hande, Wachter nicht der Sine,
sondern des Fleisches, da und spannen den Vorhang aus Kleid iiber das
Wunder Gottes. Der junge Mann hatte es selbst gern getan. Seine
Hand wartet regungslos im Schofi, schlafrig, lauernd, wachsam wie ein
Hund der Herrin.
518 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Rings um das junge Paar sitzen die alten Herren in der traurigen Bliite
ihrer besten Jahre und Frauen mit chronischen Jugendmasken, denen
die Zeit nichts anhaben kann. Sie kauern, fltistern, gahnen und klat-
schen.
Nur das Madchen und der junge Mann tun nichts. Die Hande des
Madchens miissen miteinander spielen, und sie sind auch keine
Klatschinstrumente. Der junge Mann hat die seinen glticklich und,
gleichsam furs Leben versorgt, bestens untergebracht. Beide sind keine
»handelnden Personen«. Sie kommen furs Theater nicht in Betracht.
Man kam nicht hierher, sie zu sehen.
Und so hatte beinahe niemand liber sie geschrieben . . .
Frankfurter Zeitung, 29. 11. 1925
»ZWISCHEN SPREE UND PANKE«
VON HEINRICH ZILLE
Neue Folge der Berliner Geschichten und Bilder; mit 170 Bildern.
Verlag: Carl Reiftner, Dresden
Ein neues Buch von Zille kann nicht anders heifien als »Zwischen
Spree und Panke«. Alle seine Biicher konnten so heifien. So heifit sein
ganzes Leben. Er hat es zwischen diesen zwei beinahe stehenden Ge-
wassern, die nur dank einer Fursprache bei der Staatsgeographie Fliisse
heifien, zeichnend zugebracht. Er hat das Leben der Menschen zwi-
schen Spree und Panke, ihr armes, hafiliches, reiches, schones Leben
eingefangen, wie die Plebs geadelt, indem er sie in Kunst verwandelte;
indem er das Hafiliche zur Schonheit des Selbstverstandlichen erhob;
das Dumpfe durch eine Impragnierung mit Liebe in etwas Hehres,
Leichtes und Schwebendes umgestaltete. Durch Witz heiligte er die
Schweinerei. Durch Humor erloste er den schlechten Trieb. Er fuhrte
den Zuschauer hinab und zog das Thema der Darstellung so hoch hin-
auf, dafi jener, der gekommen war, hinunterzusehn, erstaunt war, den
Blick emporwenden zu miissen. Er fand die Romantik des Kanals und
die lyrischen Moglichkeiten stehender Sumpfe. Er allein horte zuerst
die Poesie im Rauschen des Spiilwassers. Er allein roch zuerst den Duft
einer Berliner Asphaltbliite. Es ist ein Irrtum, zu glauben, Zille habe
1925 519
die ewig lebendige Metapher des Berliner Proletariats nur gesell-
schaftsfahig gemacht. Er hat mehr getan: namlich die Gesellschaft
aufier acht gelassen und durch Nichtbeachtung degradiert. Dafiir hat
er die Polizeiwidrigkeit des Gaunerjargons, des ausgesprochenen und
gelebten, zur gesetzmafiigen Gtiltigkeit erhoben.
Jetzt sitzt er im Westen Berlins, aber dort, wo es beinahe nordlich
wird. Literaten machen mit ihm Interviews und beschreiben ihn. Hin-
ter der Bescheidenheit ihnen gegeniiber lauert seine Geringschatzung.
Frankfurter Zeitung, 6. 12. 192$
EINBRUCH DER JOURNALISTEN IN DIE NACHWELT
Wenn deutsche Journalisten Biicher schreiben, bediirfen sie beinahe
einer Entschuldigung. Wie kamen sie dazu? Wollen die Eintagsfliegen
in den Rang hoherer Insekten aufsteigen? Wollen sie, die dem Tag
angehoren, in die Ewigkeit eingehen? Professoren und Kritiker sau-
men den Weg, der in die Nachwelt fiihrt. Dichter, die gleichsam schon
von Geburt eingebunden waren, wollen manchmal eine genaue Grenze
zwischen Journalistik und Literatur ziehen und im Reich der Ewigkei-
ten, den Numerus clausus fiir »Tagesschrift$teller« einfiihren.
Fremdworter sind sehr selten gliicklich und giiltig verdeutscht wor-
den. Sie bekamen meist einen prazisen, aber schiefen Sinn (einen un-
deutschen), wie zum Beispiel das Wort: Tagesschriftsteller. Ein Jour-
nalist aber kann, er soil ein Jahrhundertschriftsteller sein. Die echte
Aktualitat ist keineswegs auf 24 Stunden beschrankt. Sie ist zeit- und
nicht tagesgemaft.
Diese Aktualitat ist eine Tugend, die nicht einmal einem Dichter scha-
den konnte, der niemals fiir die Zeitung schreibt. Ich wuftte nicht, wes-
halb ein ausgepragter Sinn fiir die Atmosphare der Gegenwart die Un-
sterblichkeit hindern soil. Ich wiifke nicht, weshalb Menschenkennt-
nis, Lebensklugheit, Orientierungsvermogen, die Gabe zu fesseln und
andere solcher Schwachen, die man dem Journalisten vorwirft, die Ge-
nialitat beeintrachtigen konnen. Das echte Genie erfreut sich sogar die-
ser Fehler. Das Genie ist nicht weltabgewandt, sondern ihr ganz zuge-
wandt. Es ist nicht zeitfremd, sondern zeitnahe. Es erobert das Jahr-
520 DAS JOURNALISTISCHE WERK
tausend, weil es so ausgezeichnet das Jahrzehnt beherrscht. Das Un-
gliick, mifiverstanden und verkannt zu werden, ist nicht das Kennzei-
chen, sondern ein Unfall des Genies. Es teilt diesen Schmerz sogar
mit durchschnittlich begabten Journalisten. Auch gute Handwerker
werden zuweilen verkannt.
Ich hege deshalb - und obwohl ich selbst Journalist bin - kein Mifi-
trauen gegen die Biicher der Autoren, die fur Zeitungen schreiben. Es
ist schon so manche Dichtung durch die Rotationsmaschinen einer
Zeitung gelaufen, und ewige Wahrheiten haben den Wert des Papiers
erhoht, dessen Schicksal es ist, in verschwiegenen Gegenden zu en-
den.
Das Zeitungspapier hat Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch viel
mehr zu verdanken, als Honorare abzahlen konnen. Was Polgar, dem
eigenen Trieb gehorchend, »an den Rand« der Zeit geschrieben hat,
war, auf Befehl der Not, unter dem Strich der Zeitung gedruckt. Das
Tempo einer »Hetzjagd durch die Zeit«, die Kisch ausfiihrt, bestimmt
nicht die Fliichtigkeit seiner Beobachtung und nicht die kurze Dauer
seiner Feststellungen. Sie konnen ewiger sein als die Langeweile der
sogenannten »Beschaulichkeit« . . .
Kisch gibt in seiner »Hetzjagd durch die Zeit« (bei Erich Reifi, Ber-
lin) nicht etwa nur eine Fortsetzung seines »Rasenden Reporters«,
wie es scheinen konnte. Der Titel ist journalistisch, seiner Bestim-
mung nach gehorte er iiber einen Zeitungsaufsatz. Aber die Aufsatze,
die er zusammenfafke, die Reportagen, Novellen, Tagebuchblatter
sind Stoffe fur sechsundzwanzig Romane - die nicht etwa eine Be-
handlung durch den Romanautor erwarten. Sie haben ihr Schicksal
bereits gefunden. Die Reportage braucht nicht erst in den Rang einer
»Kunstgattung erhoben« zu werden. Sie hat die kunstlerische Form,
ihre eigene - eben weil sie »nur Tatsachen« berichtet. Was Kisch mit-
teilt, ist Wirklichkeit von sensationellem Rang. Wieviel »Kunst« ge-
hort dazu, eine nackte Realitat zu einer kunstlerischen Wahrheit zu
machen? In einer Novelle (»Der tote Hund und der lebende Jude«)
zeigt der Verfasser sein rein poetisches Konnen, das Handwerk des
Dichtens. Im iibrigen benutzte er es, um tatsachlichen Erlebnissen
formal Giiltigkeit zu verleihen. Uber Kisch hat Polgar einmal ge-
schrieben :
Heute noch auf stolzen Rossen,
morgen: Garamond fett durchschossen . . .
1925 5 21
Die Schnelligkeit ist eine Tugend des guten Journalisten. Die Lang-
samkeit aber noch lange kein Beweis fur die Echtheit des Dichters,
wenn er das Tempo verachtet und dafur vom Tempo verachtet wird.
Alfred Polgars Buch heifk »An den Rand geschrieben« (bei Rowohlt,
Berlin). Der bescheidene Titel ziert den ironischen Autor und wird
den Kaufer ehren. Grofie Wahrheiten werden an den Rand geschrie-
ben.
Polgar schreibt kleine Geschichten ohne Fabel und Betrachtungen
ohne Resumee. Er bedarf keines eigentlichen »Inhalts«, well jedes sei-
ner meisterlich gemundhabten Worte voller Inhalt ist. Kein Anlafi ist
ihm zu gering. Gerade an den geringen Anlassen zeigt er seine Meister-
schaft. Er poliert das Alltagliche so lange, bis es ungewohnlich wird.
Was soil er noch mit dem Ungewohnlichen? Es ist ihm nicht gewach-
sen. Was soil er mit spannenden »Ereignissen«? Jeder seiner Satze ent-
halt sensationelle Sprachereignisse. Seine Form ist so subtil, dafi sich
kein grober Stoff, keine handgreifliche Handlung in sie trauen. Die
Sensationen gehen behutsam mit dem Dichter um und meiden seine
Nahe. Sie furchten ihn. Er konnte sie verspotten und - wehe ihnen! -
sie waren keine Sensationen mehr! Seine Form besticht die Wahrheit.
Wenn er eine schwere Tragik in einem Witz miinden lalk, merkt man
nicht einmal, dafi dieser willkiirlich war und jene schwer. Wenn er
liber etwas schreibt, hat er doch das »Etwas« geschrieben. Nirgends
gibt es noch einen Beobachter (deutscher Sprache), der so einem Ge-
stalter gliche, der so hundert Gestalter ubertrafe.-
Frankfurter Zeitung, 19. 12. 1925
UNSERE SETZEREI
In den Setzkasten liegen alle Buchstaben aller Schriftgattungen, in Fa-
cher geordnet, den sehenden Fingern der Setzer sofort erreichbar. Das
ganze Sprachgut des Volkes ist in Blei gegossen, die Vokale und Kon-
sonanten warten in den Maschinen sprungbereit ihrer Erfiillung: der
Geburt der Worte und der Satze.
Ein diinner Bleistaub ist immer in der Luft, der Kohlenstoff der at-
menden Buchstaben. Denn sie atmen, die Buchstaben, und sind leben-
522 DAS JOURNALISTISCHE WERK
diger als die geschriebenen Biicher und gedruckten Zeitungen, so wie
die Steine lebendiger sind als die Hauser, die ja aus Steinen bestehen.
Das Material ist Blei; aber seines spezifischen Gewichts lediges und
mit geistigem Federgewicht begabtes Blei. Alle Buchstaben sind wie
kleine schwarze und silbergraue Vogel.
Der Druck eines Fingers auf die Taste der Klaviatur der Setzmaschine
riihrt an ihre zauberhafte Seele. Sofort losen sich im Magazin Matrizen
und lassen sich in den Sammler gleiten wie spielende Kinder einen Ab-
hang hinunter. Jetzt fallen sie in den Sammelelevator, jetzt sind hun-
dert Buchstaben nebeneinander, jetzt sind sie ein Satz, ein Absatz und
ein Aufsatz, und der Setzer hebt den Satz mit dem Manuskript aus, das
die Urform des Artikels war. In der gottlichen Setzerei des Himmels
werden so die Urformen der Menschen in Fleisch und Blut und Mus-
keln umgesetzt und dem Storch iibergeben, damit er sie hinuntertrage
zum irdischen Licht, zum Stein und leider auch zum Druck.
Unaufhorlich geht der endlose Sammelriemen. So lautet sein techni-
scher Name, das ist kein ephitheton ornans. So eindringlich war das
romantische Wesen dieses Riemens, dafi die sachliche Technik nicht
umhinkonnte, bei der literarischen Sprache ein Adjektiv zu entlehnen.
Auf eine ahnliche Weise entstand der Name des »Fiebersterns«, jenes
rastlosen, kleinen Radchens, zwischen dessen Felgen die Buchstaben
ein Stiickchen ihrer weiten Reise zuriicklegen. Beim Setzer begegnen
sich Literatur und Technik. Er bildet die besten Metaphern. Er nennt
eine Stoning in der Maschine: Spritzer; ein ausgelassenes Wort: Lei-
che; ein uberfliissig wiederholtes: Hochzeit; und die letzte Zeile eines
Absatzes, die einsam als erste in die kahle, boshafte Welt einer neuen
Spalte hinausgestofien wird: Hurenkind . . .
Ich liebe die »Spatienkeile«, die »Schlufistriche«, die »Divise« und den
»Durchschu8«. Das sind die kleinen und wichtigen Ornamente der
gedruckten Sprache, die Schonheiten der Satz-Fassade. Es gibt Striche,
die aussehen wie gradgestreckte Bogenbiigel, andere wie zweiseitig ge-
spitzte Pfeile und solche wie geplattete Haare. Es gibt Spatien wie aus
einem Baukasten fur Kinder. Ich spiele damit.
Aber mehr noch als die Schlufistriche liebe ich die Setzer. Sie tragen
blaue Schiirzen, das Abzeichen der Arbeit, aber iiber den Aberglauben
vom Ernst und vom Segen der Arbeit sind sie schon hinaus. Sie kennen
namlich die Ironie der Arbeit. Da sind endlich Menschen, die vor dem
gedruckten Wort keinen Respekt haben. Sie kennen den Wert des
1925 5^3
jungfraulichen Papiers und den Unwert des durch Worte geschande-
ten. Sie allein konnen die Satze von rechts nach links lesen, sie kennen
den eigentlichen, den Ur-Sinn des Gedruckten und wissen, dafi eigent-
lich alles verkehrt ist, die Grundsatze, die Wetterprognosen und die
Leitartikel. Erst durch die Auflegung eines Papiers bekommt die ur-
spriingliche Verkehrtheit den Schein eines verniinftigen Sinns.
Ja, ich Hebe deswegen die Setzer und der Literatur wegen, die sie so
unbekummert ablegen, der Zeilen wegen, die sie wegwerfen. Sie gin-
gen nicht mehr in die Spalten, die Zeilen, jetzt liegen sie am Boden.
Ach! Wenn der Autor sie hier sahe! Wenn er dabeistiinde, wie der
Metteur die Stimmungsbilder, gezeugt in langen Nachten an gramvoll
zerfurchten Schreibtischen und durch ein Versehen des Redakteurs
dem Papierkorb entgangen, in den Bleikasten und auf den Fufiboden
mit jenem schonen Schwung schleudert, den nur eine praktisch, aber
nicht asthetisch wertende Verachtung hervorbringt! Es klirrt, wenn die
fliegenden Zeilen aneinanderschlagen, obwohl der Inhalt keineswegs
geharteter Stahl war. Es war immer schon Blei gewesen. Ware dieser
Klang dem Autor ein Trost?
Nein, so was trostet ihn nicht. Viel mannigfaltige Schriften liegen in
den Schubladen und waren bereit, den schwachen Gedanken einen
schonen Halt zu geben, ein Kleid, eine Form, einen Ausdruck. Alle
Schubladen sind mit Namen versehen, wie die Facher fur Gewu'rz, fur
Pfeffer, Zimt und Paprika in einer Kiiche. Woher kommen die Namen
Nonpareille, Colonel, Petit, Borgis, Garamond, Cicero, Mittel, Tertia,
Text, Doppelmittel; Kursiv, Sakulum, Schmale Romanisch, Kaleido-
skop? Es sind Namen fiir die Phantasie. Es konnten Namen von Spiel-
zeugen sein oder von Kobolden. Was machen sie in der Nacht, wenn
niemand da ist, wenn unter in der Druckerei die Maschinen das Ge-
setzte schon riicksichtslos und unaufhaltsam auf hunderttausend Bo-
gen pragen, die Kaleidoskop, Dido und Sakulum? Sie hupften aus den
Schubladen, die Alphabete, und die ewigste Rangordnung, die der
Buchstaben, ist zerstort, von A bis Z.
Das geschieht in spater Nacht, wenn die Setzer ihre blauen Schiirzen
abgelegt und ihr Zivil angezogen haben und die Setzmaschinen nicht
mehr singen. Am Tag aber ist ihr Gesang so schon wie betaubend. Und
dennoch hort ein andachtiger Lauscher noch das leise Klingen der Ma-
trizen durch das Rasseln der Rader und das Geschnurr der Riemen.
Mit leisem Schlag fallen die gegossenen Zeilen zueinander. Diese Ma-
524 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schine hat nichts von der Brutalitat ihrer Schwestern in der Druckerei
und in den Fabriken. Es ist eine kultivierte Maschine, sie klappert
nicht, sie rasselt, sie klingt wie ein grofier Schleifapparat, sie hat vorn
an der Klaviatur ein kleines, liebes, ewiges Lampchen fiir die tote Seele
der zerschnittenen Manuskripte, und der Setzer spielt auf ihr wie ein
Organist.
Deshalb und weil der Tag sehr stolz und vornehm durch viele hohe
Glasfenster eindringt, ist es manchmal in der Setzerei wie in einer Kir-
che, in der niemand angebetet wird, nicht einmal der Leser. An alien
Tischen stehen ehrfurchtig gebeugte Manner, aber sie beten nicht, sie
setzen. Manchmal aber fangen sie an, aneinander vorbeizuhasten,
grofie, heilige Platten in Handen wie flache Weihbecken. Dann ent-
steht der Larm, der sich aus Rufen, dem dumpfen Heulen des Kalan-
ders und dem Aufschlagen von »Klopfholz« auf »Kolummen« zusam-
mensetzt. In seinem Rhythmus, der keineswegs profaniert, setzen die
Setzer. Sie setzen und umbrechen, sie frisieren die Aufsatze und ma-
chen sie schon und geben dem Langweiligen ein bifichen von der Pi-
kanterie des Amiisanten und verleihen dem Fliichtigen den Schein der
Ewigkeit.
Sogenannte goldene Worte adeln sie durch klappernde Verwandlung
in Blei . . .
Frankfurter Zeitung, 25. 12. 1925
DAS AUFGEDECKTE GRAB
In der Wochenschau der Kinotheater kann man den russischen Zaren
sehen, die kaiserliche Familie auf einem ihrer letzten Ausgange in Pe-
tersburg, die Zarin, den kleinen Thronfolger, das ganze Hofgesinde,
die erstarrte Front der Ehrenkompanien. Diesem Bild folgt die Auf-
nahme der roten Truppenparadeschau, die Trotzki in Moskau vorge-
nommen hat. Aus beiden gefilmten Ausschnitten der Weltgeschichte
lernt das Publikum den Wandel der Zeiten kennen.
Man hatte es umgekehrt machen miissen: zuerst das Bild von den roten
Millionen zeigen, die einer ohne Generalstabsschule und mit der Vor-
bildung eines Literaten befehligt, und dann erst, dann erst den letzten
1925 525
russischen Zaren mit seiner Familie. Nach diesem Zarenbild miifite die
Leinwand weifi bleiben, weifi und klar wie ein Leinentuch, und ein
erstarrtes Schweigen miifite auf ihr liegen, dem gegeniiber die Stille einer
sibirischen Schneewuste laut und larmend ware. Denn nicht einmal eine
unwissende und gefiihllose Filmleinwand kann ohne jede Riickwirkung
die Bilder dieser zehn mal zehn Toten und Aber-Toten getragen haben;
diese Momentauferstehung von Gespenstern, die tot waren, als sie noch
frisch und frohlich kinematographiert wurden, und die man nicht er-
mordete, als man sie mordete; man hatte kein Leben in ihnen ausge-
loscht, sondern eine Unwirklichkeit, deren Hauch einem Leben tau-
schend ahnlich ist. Der letzte Zar hat regiert, verbannt, gehangt, er hat
sengen lassen, plundern und toten. Ja, er wurde sogar fiir den Film
gekurbelt. Aber gelebt hat er nicht, wie eben der Film beweist. Auch
von Grabern geht ein Atem aus. Der wehte so tauschend durch die
Korper der Zarenfamilie, daft man glaubte, sie lebten alle, der Furst, die
Fiirstin, die erstarrte Garde und der kleine Thronfolger.
Zuerst schreitet der Zar. Er tragt einen reich bestickten und verschniir-
ten Rock, eine Art Husarenuniform, sein Gesicht steckt auf einem
Spitzbart wie mittels einer durch das Kinn durchgebohrten Schraube.
Seine schweren Augenlider sind wie herabgelassene Jalousien aus hol-
zerner Haut. Der glasige Blick ist wahrscheinlich gegen die Linse ge-
richtet. Es ist wie ein Starren gegen die Mundung eines Gewehrlaufs,
der erst ein paar Jahre spater funktionieren sollte. Der Zar geht ziem-
lich schnell, mit den Bewegungen eines Wesens, das sich aus Puppen-
materie und Gespensterschatten zusammensetzt. Er verschwindet halb
rechts, dort, wo die weifte Leinwand in schwarzen Abgrund getaucht
ist. Und es ist in keinem Augenblick das Bewufksein wach, daft hinten
im Apparat ein Filmstreifen zu Ende gelaufen ist. Sondern es ist wie
eine Ungeisterbeschworung bei einer spiritistischen Seance.
Die Zarin und alle Damen des Hofs tragen die Kleider der Vorkriegs-
mode, die grofien Hike mit den breiten Krempen, die vorn hinunter-
und riickwarts aufgebogen, die auf hohe Frisuren mit Spieften befestigt
sind, damit sie nicht schaukeln. Die Hike sitzen schief und beschatten
das eine Profil, um das andere ganz schutzlos preiszugeben, sie sehn so
kuhn aus und haben die falsche Verwegenheit der Rauberhike auf
Maskenballen und eine vergebliche Koketterie wie ein Moderduft, der
verlocken mochte. Die Kleider sind lang und oben hoch geschlossen,
Fischbeinstabchen umgittern den Hals wie ein zu enger Gartenzaun,
526 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und die Busen, ziichtig, aber betont, wolben sich unter sehr viel un-
durchdnnglichem Stoff. Die Haare sind schmerzlich iiber den Ohren
hochgezogen.
Diese Damen sind noch alter, noch verstorbener als die Husarenuni-
formen. In der schnellen Bewegung des Zuges bilden die Damen das
Wallende, und obwohl sie alle weifi gekleidet sind, sehen sie aus wie
Trauerschleier mit weiblichen Formen.
Das alles dauert kaum drei Minuten. Es ist nichts als einer jener zahl-
reichen furchtbaren Augenblicke der Weltgeschichte, in denen Fest-
lichkeiten der gekronten Haupter stattfinden. Diesen einen hat der
Filmapparat festgehalten und der Nachwelt uberliefert. Der Filmstrei-
fen ist etwas abgenutzt, die Bilder flimmern, aber man weifi nicht, ob
es die Locher sind, die der Zahn der Zeit verschuldet hat, oder die
Molekule des natiirlichen Staubs, der die scheinbar lebendigen Objekte
umgeben hat wie eine Wolke. Es ist die furchtbarste Unwirklichkeit,
die jemals der Film erfunden hat; ein historischer Totenreigen, ein auf-
gerissenes Grab, das einmal wie ein Thron ausgesehen hat . . .
Frankfurter Zeitung, 31. 12. 1925
1926
SILVESTER DER »MONDANEN«
Die grofie Kleinstadt, am i.Januar.
Wenn das Jahr anbricht, will die grofie Kleinstadt noch grofier sein, als
sie nicht ist. Sie hat zwar sympathische Burger, die um zwolf Uhr nachts
dem heiligen Klang der Punschglaser ergriffen lauschen. Aber den 6f-
fentlichen, den reprasentativen Silvester feiern die andern im grofien
Hotel, die andern, die das Amerika der schlechten Filme und das Berlin
der Geschaftsreisen mit den Tagegeldern eingesogen haben.
Im Vestibul schwebt noch ein kosmopolitischer Duft von Lederkof-
fern. Bis in den Ballsaal dringt er nicht. Alle Herren haben das Abend-
kleid der grofien Welt, den Smoking, angezogen. Sie bewegen sich wie
gefilmt. Der gottliche Operateur hat sie gekurbelt. Unbekannten
Frauen schenken sie vertraute innige Blicke aus sieggewohntem Aug'.
Alles Weibliche ist ihnen verfallen. In den Klubsessel werfen sie sich so
bequem, dafi sie angestrengt sitzen miissen. Jetzt ist ihnen, als waren
sie grofie Weitgereiste, in alien Satteln gerecht. Alle Hafen haben sie in
die Westentasche gesteckt, in der sie die Finger halten, um sich drin
auszukennen.
Die Frauen erwarten die Mitternacht. Jetzt, wie niemals, ist dem Wun-
der Gelegenheit gegeben zu kommen. Eigens zum Silvester haben sich
die Abenteurer in dieses grofte Hotel der immer mittelgrofier werden-
den Stadt aufgemacht. Wiirden die Lichter ausgeloscht, man fiihlte sich
plotzlich von fremden, sehnigen, modernen Sport treibenden Armen
umfangen. Aber nichts wird ausgeloscht. Und ein verkleideter Schorn-
steinfeger erscheint und ein Mann mit einem Schwein. Beide sind Sym-
bole . . .
Wie trefflich kann das Leben einen Silvesterabend einem Romancier
des Kreisstadt-Anzeigers nachmachen! Der Eintritt kostet mehr als in
einem Weltstadt-Hotel. Bei solchen Preisen zweifelt niemand mehr am
kosmopolitischen Charakter des Vergmigens. Man tanzt so amerika-
nisch, dafi New York bei Elberfeld liegt. Man zahlt so viei, dafi Lon-
don sich in der Vorstellung wie ein lacherlich billiges Nest ausnimmt.
Und was da jetzt daherkommt, ist nicht, wie es bei armen Leuten ge-
schieht, ein einfaches neues Jahr, sondern unbedingt ein mondanes.
Frankfurter Zeitung, 2. 1. 1926
»AN STRASSENECKEN«
Erzahlungen von Francis Carco. Deutsch von Fred A. Angermayer.
Berlin. Verlag: Die Scbmiede
Francis Carco ist in diesen Erzahlungen der Dichter des Pariser Mor-
gengrauens, jener Stunde, in der die ersten Gerausche des Tags die
letzten Schatten der Nacht, wie es in Paris und nur dort ist, akustisch
machen, aus dem Bann der Schweigsamkek erlosen. Wer diese Stunde
der Stadt Paris zu besingen unternimmt, wind reichlich belohnt. Das
Thema unterstiitzt die Weise und die grofle kiinstlerische Vollendung,
die bereits im Rohstoff vorhanden ist, iibertragt sich in das gestaltete
Werk. In den vorliegenden Erzahlungen Carcos treten die nachtlichen,
aus der franzosischen Literatur schon bekannten Gestalten der Dam-
merstunden auf: Strichmadchen und -jungen, Literaten, Zuhalter,
Menschen, die man »Verlorene« genannt hat, als noch die biirgerliche
Gesellschaft gesichert war. Heute hat die Schilderung dieser »Verlore-
nen« eine grofie Gefahr: Der Dichter weifi nicht, von welchem Blick-
punkt aus er sie fassen soil. Friiher einmal durfte er auf dem gesicher-
ten Fundament des »sozialen Mitleids« stehn; spater auf dem des »so-
zialen Gefiihls«. Heute gibt es nur noch ein Fundament: die soziale
Unbarmherzigkeit. Zu ihr ist auch Carco noch nicht entschlossen.
Auch er tritt aus der Reihe der Sefihaften, und auch er »mischt sich
unter das fremde Gelichter«. Er ist nicht in der oben bezeichneten
Stunde zu Hause. Er sollte eigentlich im Bett liegen. Da er aber doch
schon seine Ausfliige unternimmt, so seien wir froh, dafi er es ist: ein
junger Franzose, der noch Zeit und schon das Talent hat, zur Entschie-
denheit zu kommen. Ein guter Horcher; ein Mitfiihler; ein Herz; eine
franzosische Ironie; ein Mann ohne Sentimentalitat. Ein Junger aus
unserer Welt. Er erzahlt ohne Umwege, sachlich, ohne »Stellung-
nahme«; das, was ist, erbluht ungefarbt unter seiner Hand.
Frankfurter Zeitung, 10. i. 1926
EINER LIEST ZEITUNG
Das Angesicht des Zeitungslesers hat einen ernsten Ausdruck, der sich
bald bis zum Dusteren verstarkt, bald sich in lachelnder Heiterkeit
aufzulosen gedenkt. Wahrend seine scharfen ovalen Brillenglaser, die
in der Mitte starker geschliffene runde verdickte Pupillen haben, lang-
sam und wie forschend liber die Zeilen kriechen, huschen die ver-
traumten Finger des Zeitunglesers iiber den marmornen Sandstein des
Kaffeehaustisches und vollfuhren hier ein kudoses, ein stummes Kla-
vierspiel, das wie eine Art zu trauern aussieht und so, als wollten die
Fingerspitzen verstreute unsichtbare Krumel aufsuchen und hurtig an
sich nehmen.
Der Zeitungsleser hat einen schon gestutzten, langen viereckigen brau-
nen Bart, der das Feuilleton verdeckt, wenn die politischen Nachrich-
ten gelesen werden. Unter dem Bart schimmert eine violette Krawatte,
breit, in schwerer, leider nur halb zu erahnender Pracht, deren Knoten
ich nicht sehen kann, wenn es dem Zeitungsleser etwa nicht einfallt,
den Adamsapfel zu streicheln.
Was der Zeitungsleser grade liest, kann ich sehn: Es sind sensationelle
Nachrichten aus Budapest. Sie stehen unter einer fetten Uberschrift.
Sie sind in einer lockeren, einladenden, geradezu ltisternen Art zusam-
mengestellt, in vielen Absatzen, von denen jeder noch einen verfuhre-
rischen kleinen Extratitel fiihrt. Alle Nachrichten verraten sich selbst,
noch ehe man sie vernimmt; und sie verraten mehr, als sie bieten kon-
nen.
Man kann ihnen auch nur Sensationelles nachsagen. Sie erzahlen von
Banknotenfalschern und erzahlen nicht alles. Sie sind peinlich genau
und halten doch noch mit einigen Nachrichten zuriick. Sie beschreiben
die Personlichkeit eines Falschers, aber sie wissen nicht seinen Namen.
Sie sprechen von »hochgestellten Mannern«, aber wie hoch und wo sie
gestellt sind, liest man nicht. Aber gerade das Nicht-erfahrene ist auf-
regend. Die Lucken in den Nachrichten sind am interessantesten.
Was geht nun im Zeitungsleser vor? Wie reagiert er auf das Nicht-
vernommene? Freut er sich iiber die Falschungen, argern sie ihn, oder
ist er selbst aus Budapest? GewiE gehort er zu der groften Schar der
sittlich Empfindenden, die jede fremde Falschung in entlehnten Har-
nisch bringt. Alle Lunten, die in ihm langsam schwelten, erreichen den
53^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
Punkt, an dem sie eine Explosion hervorrufen. Keine sichtbare!
Keine nach aufien wirkende! Bewahre! Sondern eine gleichsam in
sich selbst verkapselte, eine implosion . . .
Auf jeden Fall ist zu sehen, dafi die Nachrichten an die verborgen
Saiten seiner Seele riihren, wahrend er glaubt, er selbst riihre an die
Nachrichten. Wenn er nicht die Brille triige, es hatte beinahe den
Anschein, als wurde er selbst von der Zeitung gelesen. Er glaubt
vielleicht, seine Phantasie triebe ein freies Spiel mit dem Halberfah-
renen und schmiicke es aus. Aber die Sonderberichte treiben ein
ungehemmtes Spiel mit seiner Phantasie. Einem flach schiirfenden
Leitartikel gar ist er vollkommen verfallen. Hier strahlt alles so von
praktischer Vernunft, dafi es dem Leser einleuchtet.
Jetzt steht er auf, der Leser, geklart, gewachsen, reifer geworden
und an Erfahrungen bereichert. Er glattet mit der Linken die even-
tuell im Bart entstandenen Falten und wechselt seine Brille. Einen
Augenblick lang hat er schuchterne kleine mausgraue Augen. Dann
klappt er den schwarzen Sarg einer andern, einer weltlichen Brille
auf und streift die glasernen Panzer fur die Strafie iiber seine Au-
gen .. .
Das Feuilleton blieb ihm verdeckt. Er iiberlaEt es unmannlichen
Naturen.
Wenn er aber doch einmal dieses aus Langeweile und in der Ver-
schwiegenheit lesen sollte, so wurde es ihm auch nicht gefallen.
Denn ich schreibe keineswegs nach seinem Geschmack . . .
Frankfurter Zeitung, n. i. 1926
DOBLIN IM OSTEN
Alfred Doblins »Reise in Polen« (erschien bei S. Fischer, Berlin)
tragtdas Motto:
»Denn eine Grenze hat Tyrannenmacht« :
alien Staaten gesagt
und dem Staat uberhaupt.
Wer von einer einzigen Fahrt zu den Juden und Christen des
Ostens eine so vortreffliche Gesinnung mit einer so treffenden jii-
1926 533
dischen Wendung mitbringt, beweist, dafi unter vielen deutschen
Dichtern er berechtigt ist, nach Polen zu reisen.
Aber wer mit solch einer sympathischen Freiheit begabt ist, die man in
diesem Zusammenhang auch »Chuzpe« nennen kann, mufite sich mit
einer sorgfaltigen Vorsicht vor Pauschalschilderungen hiiten und vor
dem westeuropaischen Zivilisationshochmut, der im Osten vor lauter
schmutzigen Hotelzimmern, Ungeziefer und fehlenden Kanalen die
Menschen iibersieht, die Wahrheit und das Unbekannte, das zu schil-
dern war.
Doblin hat sich vor dem Ruckfall in westliche Anschauungen nicht
ganz in acht genommen. Er ist Atavismen anheimgefallen. Das Vorur-
teil konnte sein Urteil nicht triiben, aber sich vor das Urteil schieben.
Die Schablone drangte sich vor den klugen Betrachter. Die fixierten,
seit Jahrzehnten durch Berichte bis zur Unglaubwiirdigkeit erharteten
Vorstellungen, die sich Franzosen, Englander, Deutsche von Polen,
Russen, Serben »und dergleichen« gebildet haben, kann selbst ein
Schriftsteller von der Sehscharfe Doblins nicht in sich ertoten. Daher
beschreibt Doblin »die Polinnen« also:
». . . breite Stirn, nicht hoch, das ganze Gesicht voll. Die Nasenwurzel
tief ansetzend, manchmal mit fast sattelformiger Vertiefung, Die Nase
flach sich abdachend nach den Wangen; sehr kraftige Niistern; die
dunklen Offnungen aufgestiilpt. Der Mund breit und fleischig. - Auf
der Strafie, unter dem Hut, sind sie von einer aufierordentlichen Pikan-
terie. - Sie gleiten mit hellen und fleischfarbenen Striimpfen, eleganten
Schuhen sehr grazios aus den Konditoreien, Restaurants, gehen die
Kirchentreppen herunter. Gepudert, geschminkt, bemalt sind sie alle.
Sie bewegen sich absichtslos auf den Trottoirs; es ist sicher, sie wissen
die Pfeile des Kupido zu zielen.«
Ich lasse dahingestellt, ob Alfred Doblin im Jahre 1925 die Polen in
derselben Manier beschreiben darf wie Tacitus im ersten Jahrhundert
vor Chr. Geburt die Germanen. Aber es mufite Doblin selbst verdach-
tig sein, dafi dieses von ihm gemalte Bild sehr ahnlich ist dem Portrat,
das ein guter, vaterlandischer Romancier aus Masurenland von den
»gefahrlichen Polinnen« entwirft, die mit Pfeilen des Kupido so gut
Bescheid wissen. Sie tragen helle, fleischfarbene Striimpfe. Sie haben
elegante Schuhe. Sie sind alle bepudert, bemalt, geschminkt. Wetten,
dafi die Pariserinnen auch bepudert, bemalt und geschminkt sind, helle
und fleischfarbene Striimpfe tragen und von einer aufierordentlichen
534 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Pikanterie sind? Ich bin weit davon entfernt, Doblin etwa eine morali-
sche Entrustung iiber die Schminke zuzutrauen. Aber der Leser, der,
ohnehin mit Vorurteilen bis an den Rand gefiillt, an die Lektiire eines
Buches iiber Polen tritt, konnte glauben, Doblin bestatige, was er
schon langst gewufit habe. Ich mochte auf keinen Fall eine Verwechs-
lung zwischen Doblin und einem anderen Autor. Ich wiinschte, dafi
dort, wo Doblin etwa von einem schlecht eingerichteten Hotel oder
von dem Kurort Zakopane sehr witzig spricht, im Leser nicht etwa das
Wohlgefuhl entstiinde, Doblin haue mit Herrn Meier in dieselbe
Kerbe: der verlauste Osten.
Ich weifi wohl, worauf es hier ankommt: Doblin, ein ganz moderner
Autor, geht souveran mit seinem Stoff urn, in diesem Fall also mit
einem Land. Alles, was er von sich selbst mitteilt, ist viel interessanter,
als was ein gleichgiiltiger schreibender Wanderer »objektiv« iiber ein
Land berichten wiirde.
Wenn Doblin einen erschiitternden Kampf mit einer Tiir ausfuhrt, so
ist es wichtiger, als wenn ein anderer die Geschichte der Konfessionen
des Landes schreibt. Aber vollendet wird das Buch erst dort, wo die
freie Souveranitat des Autors dem Objekt nicht ungerecht zu werden
braucht. Das geschieht in jenen Teilen des Buches, in denen von den
Ostjuden die Rede ist.
Es ist vielleicht schwieriger, die Ostjuden zu erkennen, als sich von
den Vorurteilen gegen ostliche Lander zu befreien. Dem Westeuropaer
ist die ostjudische Welt noch weniger zuganglich als etwa Indien. Do-
blin hat mit dem Eifer geforscht, der ein Kennzeichen des Unbe-
schwerten ist. Als man Doblin den Vorschlag machte, auf die Strafie zu
gehn, um sich Pilsudski anzusehn, lehnte er ab mit der Begriindung, er
eigne sich nicht zum Spalierbilden, er sei von zu kleiner Figur. Kein
deutscher Schrifts teller hatte den Mut gehabt, Pilsudski nicht zu sehen.
Jeder ware vor dem Pathos, das eine offizielle Personlichkeit umgibt,
gerne Spalier gestanden, jeder hatte beinahe Spalier gekniet. Doblin
sucht die jiidischen, hebraischen Schulen auf, den Wunderrabbi. Auch
das Pathos der hebraischen Sprache kann ihn nicht davon iiberzeugen,
dafi sie, nicht Jiddisch, die gegebene Muttersprache des jiidischen Vol-
kes sei. Vor jedem Pathos fliichtet er. Am Ende zahlt er die Biicher auf,
die er gelesen hat, als »Material« : keine Wissenschaft. Infolge »Sachun-
kenntnis« blieb sein Urteil ungetrubt.
Doblin sah die Juden mit der grofien Bestechlichkeit, welche eine Tu-
1926 535
gend der Liebe ist. Sie sah er genauer als die christlichen Polen. Sie
wollte er wahrscheinlich genauer sehen. Er hatte sein Buch »Reise zu
den Juden« nennen miissen. Er erkannte sie besser als die westeuropai-
schen Zionisten, die eine reiche Welt zu einer Nation degradieren; bes-
ser als die westeuropaischen »Glaubensgenossen« franzosischer, deut-
scher, britischer »Nationalitat«, die aus Mitleid mit den fernen Vettern
wohltatig an ihnen werden und saubere Kragen und Aufklarung unter
den »dumpfen Massen« verbreiten.
Doblin hat viele ostjiidische Wendungen mitgebracht, nicht nur die
oben zitierte. Deshalb ist Atmosphare in diesem Buch keine slawi-
sche, aber jiidische. Doblin hat eine wohltatige Frechheit. Er will
keine »Verantwortung« vor den abstrakten Autoritaten tragen. Er
hat keine »Grundsatze«. Er stellt das Prinzip hinter die Anschau-
ung. Er kann hohnisch sein, und man wird ihn niemals als Lasterer
empfinden. Sein Witz ist kiihl. Seine personlichen Erlebnisse werden
nicht privat. Seine Ubertreibungen sind grotesk und deshalb von
grofierer Wahrheit als »sachliche Schilderungen«. Er ist nicht »ob-
jektiv«, das heifit nicht bestrebt, alien Seiten gerecht zu werden und
dem Objekt ungerecht. Er ist subjektiv, deshalb kann man sich auf
ihn verlassen. Er soil seine eigenen Vorurteile haben. Denn die eige-
nen Vorurteile eines Ironikers entstellen nicht wie die kiihle Gerech-
tigkeit eines Pathetischen.
Er hat eine klihne Ungerechtigkeit, einen gerechten Mut, eine
schone sprachliche Willkiir, er verbirgt nichts, wenn ihm etwas ein-
fallt, was die Langweiligen »unpassend« finden konnten. Unter alien
Lander bereisenden, Volker beschreibenden, Langeweile bekanntlich
Sachlichkeit nennenden, respektvoll vor iiberlieferten Begriffen ge-
neigten, gleichsam ehrfiirchtig im Kupee gebeugten Berichterstattern
ist Doblin ein Souveraner, erquicklich Hohnender. Allen Schriftstel-
lern gesagt . . .
Frankfurter Zeitung, 31. 1. 1926
HEPHATA
Stdtte der Menschlichkeit
In der Anstalt »Hephata« (in Treysa bei Kassel) bildet man junge Man-
ner zu Pflegern heran und weiht sie einem gtitigen Leben; Schwachsin-
nige erzieht man zur Arbeit; kranke Kinder pflegt man gesund; unheil-
bare pflegt man auch; psychopathische versucht man normal zu ma-
chen; Alkoholiker bessert, Zuchthausler versohnt man, so gut es geht,
mit der Welt; schheftlich unterrichtet man auch gesunde Kinder. Man
bemiiht sich, die mangelhafte Ordnung der Gesellschaft zu vervoll-
kommnen, die Grausamkeit der Natur zu mildern. Die Anstalt »He-
phata« ist eines jener Asyle, in die sich Humanitat und Nachstenliebe
zuriickgezogen haben - vermutlich, um nicht in zu nahe Beriihrung
mit der Mehrzahl der Menschen zu geraten. Denn mehr noch als Idio-
ten, Kriippel, Lebensunfahige aller Art bedarf in dieser Welt die Liebe
eines Refugiums . . .
Von andern Schwachsinnigen- und Besserungsanstalten im Lande un-
terscheidet sich »Hephata« dadurch, dafJ es kein Interniertenlager sein
will, sondern eine freie Gemeinschaft freiwillig hier Lebender; eine
Gemeinde von Fliichtigen; kein Gefangnis fur Ausgestofiene. Jeder hat
ein Recht auf Arbeit und Genufi der Freiheit. Nur in manchen Zim-
mern, in denen sich rettungslose Kinder befinden, fehlen an der Innen-
seite der Turen die Klinken. Nur vor wenigen Fenstern ist dichtes Ei-
sengeflecht gespannt. Die meisten Zoglinge aber gehen frei von Haus
zu Haus, vom Essen zur Arbeit, von der Arbeit zum Spiel. Sie haben
kleine Gruppen untereinander gebildet und in Zimmern vereinigt. Jede
Gruppe hat ihren Namen, wie Eintracht, Friede und so weiter. Hier
stort die primitive, durchsichtige Symbolik dieser Namen gar nicht.
Nicht nur, weil sie von Schwachsinnigen und fiir sie gewahlt sind. Son-
dern weil hier einer jener wenigen Orte ist, an denen durch Mifibrauch
Hohlklang gewordene Worte wieder ihren alten, ursprunglichen, ein-
fach-feierlichen Sinn erhalten. Die Liebe ist hier so grofi, dafi sie Phra-
sen heiligt.
Aus alien Gegenden des Landes kommen Ungliickliche nach »He-
phata«. Pathologische Ausreifkr verfolgt man nicht. Infolgedessen
kommen sie wieder. Man bestraft sie, indem man ihnen noch groftere
Freiheit lafit. Man verweist sie in eine kaltere Einsamkeit. Kein Zaun
1926 537
umgibt sie. Aber auch nicht die Warme der anderen. Weil der Trieb
zur Gesellschaft auch in Kranken stark ist, fuhlen sie die Strenge einer
fessellosen Einsamkeit. Lockte sie friiher die Ungebundenheit, so ruft
sie jetzt die Gemeinsamkeit. Wer nicht arbeiten will, dem verbietet
man zu arbeiten. Infolgedessen erwacht in ihm der Ehrgeiz, eine Lei-
stung zu vollbringen. - Man verwandelt harte Notwendigkeiten in ver-
botene Friichte, in lockende . . .
So korrigiert man die Verwirrung der Natur zu einer ertraglichen Ord-
nung, die den Lauf der iibrigen Welt nicht stort. Die Kranken sind nur
halbe Kranke, weil sie glauben, gesund zu sein. Ein Idiot kann beinahe
verniinftig werden, wenn seine Handlungen einen vernunftigen Sinn
erhalten. Denn - was nennen wir verniinftig? Das Zielbewuftte. In
»Hephata« hat jede Arbeit ein Ziel. Wer nicht arbeiten kann, dem ver-
sucht man vorzutauschen, dafi er dennoch einen Zweck erfiille. Von
alien frommen Liigen ist diese die frommste. Wer weiK, ob es eine
Luge ist? Wissen wir etwa Bescheid um die Ziele, denen uns ein unver-
standliches Gesetz entgegentreibt?! . . .
Idioten und Verriickte sind wie Tote. Nur auf eine metaphysische
Weise konnen wir uns mit ihnen verstandigen. Ihr Sinn ist ja verwor-
ren, ihre Zunge lallt, ihre Bewegungen sind unsicher, richtungslos,
flatternd, schwerfallig, ihre Augen haben gar keinen Ausdruck und
sind wie Fenster ausgeraumter Hallen. Nur das, was jenseitig ist in uns
alien, ist bei ihnen intakt. Nur durch Ahnung, Einfuhlung, Ertasten,
Erraten, Giite, Instinkt konnen wir mit ihnen verkehren. Ihr Gehirn
ist zum Teil vernichtet. Aber Gehirn ist, streng unmedizinisch ausge-
driickt, nur das Material der Seek, ihr Handwerkszeug. Das beweisen
die Schwachsinnigen.
Es kam ein Mann nach »Hephata«, der war dreiftig Jahre im Zuchthaus
gesessen wegen Raubmords. Der Leiter der Anstalt brachte ihn mit
seinen Kindern zusammen. Sie nannten den Raubmorder »Onkel«,
griifken ihn, gaben ihm die Hand. Seine Bitterkeit schmolz. Seine hart-
nackige Stummheit sprengte sich selbst. Ein Wort entfiel ihm, nach
langer Zeit. Ein Wort!
Er begann zu arbeiten. Er hackt Holz. Mechanisch, sorgfaltig, fehler-
los, unermiidlich. Zu einer anderen Arbeit taugt er nicht - dreifiig
Jahre safi er im Zuchthaus ...
Ich trat in einen Saal. In klemen Bettchen liegen idiotische Kinder. In
538 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ihren Augen ist weder die reine Unwissenheit, die uns an Kindern
riihrt, noch das ahnende, erwachende Begreifen, das sie uns nahert. In
den Augen dieser Kleinen wohnte schon der erwachsene, der reife
Wahnsinn. Er verdrehte die Augapfel der Kinder, so dafi die Pupille
sich in einer Ecke zwischen den Lidern verbarg - und der Rest war
nacktes, rundes, weifiliches, nasses Glas, in seiner Kleinheit grenzen-
los. Ein Kind schlug fortwahrend mit den Fingern der einen Hand in
den Ballen der andern. Unfehlbar, immer traf es dieselbe Stelle. Aus
den Kehlen einiger drangen Gerausche, Gemurmel, Stohnen, knappe,
kleine, flatternde Schreie, Angstrufe, die keinen Atem haben. Viele von
diesen Kindern werden wahrscheinlich bald sterben. Hier liegen sie
wie auf einem Bahnhof, von dem sie der Tod abholen wind. Manche
aber warten lange Zeit. Da war einer, der lag einundzwanzig Jahre in
der Ecke, in einem Kinderbettchen. Einundzwanzig Jahre wuchs er
nicht, vollfiihrte nur ein paar primitive klopfende Bewegungen mit den
Fingern, er gab dem Tod geheimnisvolle Signale, die niemand ver-
stand. Warum liefi man ihn so lange warten? Er hatte einen burgerli-
chen Namen, man fuhrte ihn in Listen, er gehorte der Welt trotz allem
an, aber er korrespondierte unaufhorlich mit dem Tod.
Ein anderer lebte hier, ein Deutschrusse, der siebenunddreifiig Jahre
alt wurde, ein Gartner. Er pflegte die Graber der Toten in »Hephata«,
bat eines Tages um ein eigenes kleines Haus auf dem Friedhofe. Er
wufite schon, dafi er sterben wiirde, er wollte noch lebendig in ein
Grab. Er furchtete es, die nackte schwarze Erde. Er wurde zornig, er
emporte sich gegen das Gesetz, das ihn rief. Wer weifi es? Er starb vor
Erschopfung.
In einer der Werkstatten bindet ein Mann Biirsten. Man ruft ihn. Er
steht auf. Mit einem Ruck, als hatte ihn ein Draht von der Zimmer-
decke emporgezogen. Man fragt ihn nach den Namen und Daten
langst verwester Menschen, Hunde, langst verwehter Ereignisse. Er
weifi Jahres2ahlen, Monate, Wochentage, Themen aus Predigten, Psal-
men, Lieder. Sein Kopf ist ein Magazin fur Erinnerungsstoff. Sein Ge-
dachtnis uberwuchert seinen Verstand. Er lachelt. Aber sein Lacheln
ist nicht der Ausdruck irgendeiner Stimmung, Regung oder Eigen-
schaft. Er lachelt nicht etwa aus Wehmut, Eitelkeit oder Verlegenheit.
Sein Lacheln ist da, unabhangig von ihm, es kam von aufien her, es
setzte sich auf sein Gesicht.
Einer bindet Besen. Er hat an den Handen je zwei Finger. Seine Hande
1926 539
sind wie primitive Gabeln. Mit diesen Handen wollte er Mandoline
spielen. Es lag ihm wahrscheinlich gar nicht an der Musik. Just mit
diesen Handen wollte er Melodien hervorbringen. Es gelang nicht. Er
sah es selbst ein. Man kann mit zwei Gabeln nur Besen binden, Rute
zu Rute legen, mit Bast verschniiren, die Zahne zu Hilfe nehmen und
die Lippen. Und dennoch tragt er an einem seiner vier armen Finger,
am linken Ast seiner linken Gabel, einen glanzenden, glatten goldenen
Ring. Einer der Idioten kann nicht selbstandig gehen. Er ist schlaff wie
ein Sack. Ein anderer ist sehr kraftig. Er schleppt den Schlaffen den
ganzen Tag. Er halt den Schlaffen vor seinen Leib, umklammert ihn,
fiihrt ihn vor sich her wie eine grofie Puppe. Sie sind unzertrennlich.
Sie sind eins. Sie gehen zusammen wie ein einziges Geschopf auf Vor-
der- und Hinterfufien.
Wir kamen durch die Frauensale. Zwei Frauen hockten wie Affen am
Fenster und kraulten sich. Runzlig, gelb, kleine, alte, verschrumpfte
Fruchte waren ihre Gesichter. Sie erregten einander keinen Abscheu,
sondern Zaftlichkeit. Sie liebkosten ihre schrecklichen, hafilichen Ge-
sichter.
Ein grofies blondes Madchen spielte mit einer Puppe. Die Puppe aus
hohlem Wachs mit roten Backen, von einer nichtsnutzigen Gesund-
heit, glich genau der Schwachsinnigen. Mein Begleiter, der Pfarrer,
nahm die Puppe in den Arm. Alle Frauen lachten. So grotesk erschien
ihnen ein Pfarrer mit einer Puppe, ihnen, den Grotesken.
Fiinf blode Kinder sind um ein Grammophon versammelt. Sie kleben
am Tisch. Klange kommen aus dem Bauch des Kastens, die Kinder
glauben, der Klang ware an den Kasten gebannt, an den Tisch, wissen
nicht, daft Gerausche schweben, fliegen, unkorperlich sind.
Man unterrichtet die Kinder, bringt ihnen miihsam Farbenbestimmun-
gen bei, Begriffe geometrischer Figuren, entlistet ihrem armen Gehirn
ein bifichen Bewufttsein, heilt sie mit Jodpraparaten, stellt Forschun-
gen an (eine der neuesten betrifft die »Kapillarforschung« bei
Schwachsinnigen). Psychopathische Knaben lafit man mit normalen
zusammen die Schule besuchen, normalisiert sie gleichsam, behorcht
ihre Instinkte, erfuhlt ihre Geheimnisse.
Im Anblick dieser Irrsinnigen verwandelt sich das Merkwiirdige am
Normalen in Selbstverstandlichkeit. Jetzt sind mir die langsamen,
schweren Handbewegungen des Idioten vertraut. Er ist durch Furcht
540 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gehemmt. Sein Arm, der etwas erreichen will, weifi gleichsam noch
nicht, ob es sicher ist, das Erreichbare. Er kommt immer zu spat. In
jedem Saal reichten mir idiotische Kinder die Hand. Es war gleichzei-
tig ein Verbergen der Hand. Es waren kalte, feuchte Hande ohne
Physiognomie. Die Kinder zogen die Hande irgendwo her, als waren
es fremde Gegenstande, die man aus einem nahen Schubfach holt.
Dieser eine Augenblick, in dem die Hand in der Luft schwebt, ehe sie
der fremden begegnet, dauert hier sehr lange. Es ist, als wiifiten diese
kleinen Hande, dafi es Uberwindung kostet, sie zu beriihren. Es ist,
als wiifite dieses Lacheln, dafi es bei aller Anstrengung nicht gewin-
nen kann. Es ist, als wiifiten diese schleppenden Fiifie, dafi der Weg
zu mir weiter ist, als es aussieht, so weit wie vom Irrsinn zur Ver-
nunft. Es gibt ein Fuhlen, nicht nur ein Wissen, aus Erfahrung. Man
griifit uns auf der Strafie mit einer hastigen, unbedingt zurechtkom-
menwollenden Freudigkeit. Manchen aber erstarb ein kaum gebore-
ner Grufi auf den Lippen. Unsere Gesundheit ist doch schneller als
unsere Giite . . .
Die Anstalt ist aus ganz kleinen Anfangen entstanden. Sie hatte 1893
kaum ein Dutzend Zoglinge, heute sind's tausend. Sie ist eine grofie
Stadt mit eigenen Garten, Waldchen, Verwaltungshausern, Feuer-
schuppen, Kiichen, Stallen, Spielplatzen, einer Kirche, einem Friedhof.
Die Anstalt leitet der kluge, menschenkundige Pfarrer Happich. Jedes
Jahr verlassen geschulte Pfleger die Anstalt. Sie gehort dem Hessischen
Briiderhaus Treysa, der Staat gibt Zuschiisse. Aber die Hohe der stan-
dig unbezahlten Rechnungen betragt 150000 Mark. Diese Anstalt
braucht Geld.
Soil man es fur rettungslos Verlorene ausgeben, indes Millionen nor-
maler Leistungsfahiger verhungern? Ware der Mord an Idioten nicht
Wohltat?
Ich glaube nicht, dafi wir das Recht haben, jemanden aus der Welt zu
schaffen, der nicht das Gliick hat, so geartet zu sein wie die Mehrzahl
der Menschen. Ist es etwa der Sinn des Lebens, Stadte zu bauen, Eisen-
bahn zu fahren, Windjacken am Sonntag zu tragen? Wo ware die
Grenze, wenn wir gestatten wiirden zu toten? (Wir Normalen sind
ohnehin mit einer grofien Leidenschaft furs Morden begabt.) Wo
bliebe der Nutzen, den die Medizin aus der Forschung an lebenden
Idioten zieht, zur Verhutung, vielleicht zur Heilung der Idioten?
1926 54 1
Wir konnen nicht entscheiden, in welchem Grad die Idioten produkti-
ver sind als wir. Ich ziehe einer durchwegs von normalen Dummkop-
fen bewohnten Welt immer noch eine vor, in der ein Teil sozusagen
irrsinnig ist.
Frankfurter Zeitung, 18.2. 1926
RHEINISCHER KARNEVALSBERICHT
Legenden zerstoren ist ein bitteres Geschaft.
Offenbar lebt die Legende vom Karneval am Rhein langer als der Ge-
genstand, um den sie gewunden ward. Es war einmal ein Fasching auf
der Strafie, ein obdachloser, von Wanden unbeschrankter und deshalb
Schranken aufhebender. Aber der Karneval findet nicht mehr auf der
Strafie statt. Die Strafien der rheinischen Stadte dienen auch im Fa-
sching mehr dem Verkehr als der Freude. Von dem bekannten Leben
und Treiben ist nur das Leben ubriggeblieben. Das Treiben hingegen
befindet sich in Gesellschaftsraumen, Hotelhallen, Restaurants und
Kneipen. Nur die grofien Schaufenster der Kaufladen enthielten Mas-
ken und Kostume. Man mufite also von der Strafie durch Fenster sehn.
Vor Jahren aber schaute man durch die Fenster auf die Strafie, um den
Karneval zu sehn. Jetzt sind es stehende Karnevalsziige toter Puppen
hinter Glas. Ein Karneval, dem die Strafie entzogen wird, nahrt sich
nicht mehr aus volkstiimlicher Quelle. Nach Mitternacht (auch schon
vorher) fuhren zeitig Betrunkene nach Hause. Wo ist die Besonderheit
eines Faschings, der den Fahrplan der Strafienbahn nicht nur nicht auf-
hebt, sondern auch nicht einmal vergifit?
Ich war in einigen Stadten am Rhein. In alien Gasthausern und Hotels
hingen die bunten Papierschlangen und Fahnchen, die ihren urspriing-
lichen Ubermut mit der Zeit verloren haben und beinahe ein Ausdruck
solider Feierlichkeit geworden sind wie Cutaway und Bratenrock. Die
papierenen Symbole des gastwirtschaftlichen Unternehmungsgeistes
und des froh bewegten Stammtisches gibt es in Berlin und im Norden
Deutschlands auch. Freilich behalt der Rheinlander seine besondere -
sympathische - Art, sich zu freuen, wie er auf seine Art Sonntage be-
542 DAS JOURNALISTISCHE WERK
geht und wochentagliche Geschafte macht. Aber seine nationale
Eigenart zu feiern verliert bei der Beniitzung der allgemein europai-
schen und amerikanischen Instrumente der Freude. Beim internationa-
len Klang des Steps geht das typisch Rheinische saxophonieren. Man
spielt auch noch Zither und Ziehharmonika. Aber fast nur in den Sa-
len, in denen Familien vor Bierglasern sitzen, mit den papierenen Stu-
dentenmiitzen bekleidet, die sich der Burger anzieht, um sich wenig-
stens fiir eine Nacht den verdrangten Wunsch zu erfullen: ein »akade-
mischer Biirger«, also, besser, ein Burger zu sein. Die braven Leute
gesetzten Alters und Temperaments safien, safien, safien in dichtgefiill-
ten Salen, auf zusammengewachsenen Stiihlen. Die jungen Leute tanz-
ten auf einer winzigen Oase, die ihr geringes Ausmafi mitten in der
bedrangenden, expansionsbestrebten Wiiste aus Mobiliar miihsam er-
hielt. Man trank. Man rauchte. Man schrie. Man trug die bunten Kap-
pen, damit man nicht vergafie, dafi Karneval sei, und so etwa, wie man
sich einen Knoten ins Taschentuch bindet, um eine Krankenvisite
nicht zu vergessen.
Ein Gasthaus in einer grofieren Stadt kiindigte Besonderes an: die Mi-
litdrkapelle aus Paderborn, meinte der Wirt, werde gewift der »H6he-
punkt des Faschings« sein. Nun ist ja das Verhaltnis zu Militarkapellen
eines jeden Privatsache. Mich zum Beispiel erinnern sie an Marsch-
kompanien auf Bahnhofen. Ich halte es dennoch nicht fiir ausgeschlos-
sen, dafi auch eine Militarkapelle Freudentanze aufspielt. Aber ich be-
greife nicht, wie man zum »Fridericus-Rex-Marsch« tanzen kann, am
Rhein, wo doch »die Felsen hoch droben so von Sagen umwoben« - in
einem Shimmy-Schritt, in dem doch wirklich niemand in den Tod
geht. Man tanzte auch zur »Wacht am Rhein«, zu »Deutschland iiber
alles«, und wie es oft geschieht, setzte sich der Patriotismus iiber die
Pietat hinweg. Man liefi trotz der Vaterlandsliebe die Aufforderung
ergehen: »Komm mit nach Varasdin!« Man verwechselte »ein rheini-
sches Madchen« mit dem Hans, der was mit dem Knie beim Tanz
macht. Weder eine so Internationale Sache wie »eine Hochantenne«,
welche »die schone Adrienne« hat, noch eine so ausgesprochene Aus-
landsware wie jene »Miese Katze«, die »se aus Angora mitgebracht
hat«, taten der vaterlandischen Marschfreudigkeit Abbruch.
Es gab ferner sehr vornehme Feste in grofien Hotels fiir Industrielle,
Kaufleute, Hausarzte, Assessoren. Draufien drangte sich »Volk« und
erhaschte hinter dem machtigen Portier ein paar Schattenrisse des
1926 543
»Glucks«. Da kannte jeder jeden. Der eine sah empor, der andere
hinab. Vor dem Erkanntwerden rettete keine Maske. Manner verlieb-
ten sich in ihre eigenen Frauen, was sonst nicht geschieht. In diisteren
Stuben teilte man erlaubte Kiisse aus, floh mit einer Braut in schwiile
Winkel, um die Legitimitat zu mildern. Die Kostiime waren weniger
originell als zahlreich. Es wimmelte besonders von Maharadschas und
Kosaken. Die Frauen waren schon, aber verlobt. Alle duzten sich ge-
nauso, wie sie es im Zivil auch tun.
Wo blieb da die besondere »Leichtlebigkeit« dieses Erdstriches? In der
Nacht gingen fromme Sch western durch die Strafien und verteilten
warnende Flugblatter:
Ihr tanzt dem Abgrund entgegen!
Junger Mann, junges Madchen, hast Du morgen noch Deine
Reinheit?
Junge Frau, bist Du morgen noch vom Ehebruch frei?
Hore Gottes Stimme!-
Die Mitternachtskommission.
Wie naiv diese Mitternachts-Missionen waren! Sie stellten sich siind-
hafte Orgien vor. Es waren hochstens iibergesiedelte Schlafzimmer.
Der Verlust der Reinheit und der Ehebruch sind keineswegs mehr Fol-
gen besonderer festlicher Anlasse. In alien guten Hausern wurde die
Frage nach Hansens Knie aufgeworfen. Was soil man auch sonst bei
diesem Tanz? Der Alltag ist allmahlich so karnevalistisch geworden,
daft der Karneval - hier und iiberall - sich langsam zu einer Zeit der
Einkehr und der Bulk entwickelt . . .
Frankfurter Zeitung, 19. 2. 1926
»DAS FEST« UND »DEN TEUFEL IM LEIB«.
ZWEI ROMANE VON RAYMOND RADIGUET
Beide Ubersetzt von Hans Jacob. Berlin. Verlag: Die Schmiede
Vom friihverstorbenen, in Frankreich und von einigen deutschen Ken-
nern sehr beklagten Raymond Radiguet sind nur diese zwei Romane
erschienen. Beide sind vollendet. Im »Fest« wird eine Liebesgeschichte
544 DAS JOURNALISTISCHE WERK
erzahlt, die keine Liebesgeschichte ist. Thematisch ereignet sich nichts.
Es ist ein Friihling ohne Sommer. Oder ein Vorfriihling ohne Frith-
ling. Es bliiht und kommt nicht zur Frucht. Es keimt und kommt nicht
zum Bliihen. Zwischen einem jungen Mann und einer jungen verheira-
teten Frau spielt etwas und wird nicht ernst. Alle Phasen dieses kei-
menden Verhaltnisses sind sehr genau, wie mit der Zeitlupe aufgenom-
men. Aber die Nichthandlung wachst durch solche Prazision zur
starksten Handlung. Die Relativitat des »Geschehens« wird fiihibar.
Das »Ereignis« ist schon da, ehe es sich ereignet hat. Das Abenteuer,
das nicht stattfindet, ist so spannend wie nur einer der abenteuerreich-
sten Kriminalromane.
»Den Teufel im Leib« heifk der Roman einer wirklichen, will sagen:
einer materiellen Liebe zwischen einem jungen, beinahe halbwiichsi-
gen Menschen und der Frau eines im Felde stehenden Soldaten. Nicht
oft ist in der europaischen Literatur die erste Leidenschaft eines Jiing-
lings so unerbittlich dargestellt worden. Immer umrankten die Dichter
das nackte Feuer mit raschelndem, frommem Laub. Immer war »In-
nigkeit« ein Bestandteil der Brunst. Hier ist es nur Leidenschaft, ist
nur Blut, ist nur Leben. Dieser eine Band loscht tausend Bande iiber-
flussiger und verlogener Liebesgedichte aus. Es ist ein brennendes
Idyll. Ringsum ist Weltkrieg. Sein morderisches Gerausch reicht bis
ins verschlossene Zimmer der Liebenden und erfullt jede Stunde, in
der das Blut spricht. In diesem Sinn ist dieses Buch ein Kriegsroman,
obwohl er im Hinterland spielt. Denn der echte Dichter kann, auch
wenn er Entlegenes erzahlt, nicht los von dem Drohnen seiner Zeit.
Den Takt seines Schrittes bestimmt sie, hemmt sie, beflugelt sie.
Frankfurter Zeitung, 21. 2. 1926
TRUBSAL EINER STRASSENBAHN IM RUHRGEBIET
Es regnet diinn und dauerhaft. Urn zwolf Uhr funfzehn geht die Stra-
fienbahn ab. Um ein Uhr funfundvierzig wird sie in der nachsten Stadt
sein. Die Haltestelle ist vor einer Schenke. Ich trinke ein Kirschwasser
und sehe durch die Netzornamente der Vorhange auf die Strafie. In so
einem Regen werden die Gerausche unhorbar, genau wie im Schnee.
1926 545
Ja, hatten diese Vorhange keine Ornamente, hatte diese gute Schenke
iiberhaupt keine Vorhange - wozu Vorhange?-, dann konnte ich wohl
die Strafienbahn kommen sehen. Ich zittere, sie konnte mir davonfah-
ren, und gleichzeitig wiinsche ich, sie tate es. Ich wiirde dann vielleicht
mit der schnelleren, solideren, bequemeren Eisenbahn fahren. Nun
aber stehe ich im Bann einer freigewahlten Qual. Je mehr Zeit, Geduld,
Kaltegefiihl, Kirschwasser und Abscheu ich in dieses Unternehmen in-
vestiere, desto schwerer fallt es mir, darauf zu verzichten. Die Zeit und
der Regen rinnen.
Piinktlich, sie war gar nicht dazu verpflichtet, kommt die Strafienbahn.
Ihr Trittbrett ist hoch und nafi, auch der Fufiboden im Innern des
Wagens ist feucht, ein alter Mann raucht Pfeife, eine Frau sitzt, einen
verhiillten Korb auf dem Schofi. Schulmadchen steigen ein, mit haftli-
chen, harten Schultornistern, auf die der Regen getrommelt hat; Er-
tiichtigungsinstrumente mit baumelndem Schwamm. Zwei Arbeiter
lehnen auf dem Hinterperron neben dem Schaffner. Eine landliche
Magd ist da, sie tragt eine goldgefafite Brille und ist barfufi. Sie mahnt
mich an einen Pflug, der von einer Lokomotive gezogen wird. Nie-
mand spricht. Alle machen sich auf die Qual einer langen Fahrt gefafk.
Eine solche Sammlung bedarf der vollkommenen Schweigsamkeit. Die
harten Sitze aus glanzend poliertem Holz sind nicht nur kurz, sondern
auch abschiissig. Hier sitzen heifit: fortwahrend und fruchtlos hinauf-
riicken.
Wir fahren durch eine lange Strafte, an schwarzen Hausern und Hau-
serliicken vorbei, an Brettern, an Zaunen, an einem Gelande, das kei-
nen Sinn hat, nicht die Erwartung, jemals einen Garten, einen Acker
oder ein Haus zu tragen. Es ist die Leiche eines Gelandes. Die Stadt
hort nicht auf. Wenn sie aber einmal aufhort, beginnt sofort die an-
dere. Die Stadte reichen einander die Straften. Jedesmal halten wir vor
braunen Wartehauschen aus geteertem Holz, sie sehen aus wie die Ur-
formen von Bahnhofen in den wilden Teilen Amerikas. Jetzt kommen
Schrebergarten, kleine Hauschen aus Dachpappe, die Sommerschlos-
ser des kleinen Mannes und des Kaninchens. Auf spitzen Zaunlatten
sind Kriige, Topfe, Schiisseln aufgespief^t wie abgeschnittene Haupter.
Eine Fabrik, rote Ziegel, Backsteine, ein eisernes Gitter, ein kleines
Portierhauschen aus weiftem Stein, mit sichtbarer Kontrolluhr, dahin-
ter grofie Schlote, vier, fiinf, sechs, bereit, sich noch zu vermehren,
ihnen soil's nicht darauf ankommen.
546 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Das Land will immer wieder anfangen, Land zu sein - und kann's
nicht. Da sind keine Hauser. Jetzt konnte es eine Landstrafie werden.
Sogar Baume stehen zu beiden Seiten und sind berek, sie zu bestatigen.
Aber unsere StraEenbahn bedarf der Drahte, und die Drahte bediirfen
der langen, holzernen Pfosten, der kahlen, an deren hochstem Ende ein
paar weifie Porzellangefafie zu elektrischen Zwecken bliihen. Karika-
turen von Schneeglockchen.
Hinten, weit, am Honzont, sind Bestrebungen der Natur im Gange,
einen Wald hervorzubringen. Aber es ist kein Wald. Es entsteht eine
Art beginnender Vegetationsglatze mit vereinsamten Tannenstrahnen.
Jetzt fangen die Gasthauser an, eines folgt dem andern, und jedes kiin-
digt ein »ausgezeichnetes Gartenlokal« an. Was mag das sein, ein Gar-
tenlokal? Ich stelle mir ein Lokal mit gemalten Orangenbaumen vor
und Lorbeeren in Blumentopfen; oder ein Stiickchen Kohlriibenfeld
mk einer Veranda; vier Zaune mit wildem Weinlaub. Der Phantasie
sind keine Schranken gesetzt.
Jetzt folgt ein Aufenthalt ohne logischen Grund. Der Fiihrer steigt
vom Trittbrett, der Schaffner folgt ihm, in der Mitte begegnen sie ein-
ander. Man hort den Regen rinnen. Man sieht kein Wartehauschen.
Schornsteine, grofie, schlanke, dampfen in unerloster Qual. Der Regen
zerfranst den dicken Rauch, zerstaubt ihn, gleichmaftig, ohne Wut.
Der Regen spannt Vorhange iiber die Landschaft, ohne Ornamente. Es
ist keine Landschaft, es ist eine Art langgedehnter Stadtschaft, Indu-
strieschaft, von bliihenden Garteniokalen unterbrochen
Da kiindigt sich, durch den Regenvorhang noch sichtbar, ein Beerdi-
gungsinstitut an und auf der anderen Seite Persil, das Sinnbild des Le-
bens. Niemand spricht. Sooft die Tiir aufgeht, schlagt sie einer mit
Uberzeugung zu. Es ist kalt. Wenn wir halten, ist es noch kalter. Alle
mochten ihre Fiifie auf die Sitze hinaufziehen, aber es ware sicheriich
verboten. Gestattet ist die Lekture der Aufschriften: »2o Sitzplatze«,
»Nicht in den Wagen spucken«. Ich tate es gern.
Wir fahren jetzt wieder. Da beginnt auch schon die nachste grofie
Stadt. Wir sind am Ziel. Es sieht aus wie der Anfang. Es ist, als gabe es
keine raumlichen Ziele hier: nur zeitliche, wie den sicheren, unaus-
bleiblichen, endgiiltigen Tod des letzten Stiickchens Erde.
Frankfurter Zeitung, 9. 3. 1926
DER RAUCH VERBINDET STADTE
Hier ist der Rauch ein Himmel. Alle Stadte verbindet er. Er wolbt sich
in einer grauen Kuppel iiber dem Land, das ihn selbst geboren hat und
fortwahrend neu gebart. Wind, der ihn zerstreuen konnte, wird vom
Rauch erstickt und begraben. Sonne, die ihn durchbohren mochte,
wehrt er ab und hiillt sie in dichte Schwaden. Als ware er nicht erdge-
zeugt und sein Wesen nicht verganglich, erhebt er sich, erobert himm-
lische Regionen, wird konstant, bildet aus Nichts eine Substanz, ballt
sich aus Schatten zum Korper und vergrofiert unaufhorlich sein spezi-
fisches Gewicht. Aus ungeheuren Schornsteinen zieht er neue Nah-
rung heran. Sie dampft zu ihm empor. Er ist Opfer, Gott und Priester.
Milliarden kleiner Staubchen atmet er wieder aus, er, ein Atem. Indem
man ihn erzeugt, betet man ihn an. Man erzeugt ihn mit einem Fleifi,
der mehr ist als Andacht. Man ist von ihm erfullt.
Erfullt ist von ihm die ganze grofie Stadt, die alle Stadte des Ruhrge-
biets zusammen bilden. Eine unheimliche Stadt aus kleinen und grofie-
ren Gruppen, durch Schienen, Drahte, Interessen verbunden und vom
Rauch umwolbt, abgeschlossen von dem ubrigen Land. Ware es eine
einzige, grofie, grausame Stadt, sie ware immer noch phantastisch, aber
nicht drohend gespenstisch. Eine grofie Stadt hat Zentren, Strafien-
ziige, verbunden durch den Sinn einer Anlage, sie hat Geschichte, und
ihre nachkontrollierbare Entwicklung ist beruhigend. Sie hat eine Peri-
pherie, eine ganz entschiedene Grenze, sie hort irgendwo auf und lauft
in Land uber. Hier aber ist ein Dutzend Anfange, hier ist ein dutzend-
mal Ende. Land will beginnen, armseliges, rauchgeschwangertes Land,
aber schon lauft ein Draht herbei und dementiert es. Grofie Fabrik-
wiirfel aus Ziegelstein riicken unversehens heran, stehen da, fester ge-
griindet als Berge, Hiigel, naturnotwendiger als Walder. Jede kleine
Stadt hat ihren Mittelpunkt, ihre Peripherie, ihre Entwicklung. Da sie
aber alle vom Rauch zu einer einzigen Stadt vereinigt werden sollen,
verliert ihre naturliche Anlage und ihre Geschichte an Glaubwiirdig-
keit, jedenfalls an Zweckmafiigkeit. Wozu? Wozu? Wozu hier Essen,
da Duisburg, Hamborn, Oberhausen, Miilheim, Bottrop, Elberfeld,
Barmen? Wozu so viele Namen, so viele Burgermeister, so viele Magi-
stratsbeamte fur eine einzige Stadt? Zum Uberflufi lauft noch in der
Mitte eine Landesgrenze. Die Bewohner bilden sich ein, rechts Westfa-
548 DAS JOURNALISTISCHE WERK
len, links Rheinlander zu sein. Was aber sind sie? Bewohner des
Rauchlands, der grofien Rauchstadt, Glaubige des Rauchs, Arbeiter
des Rauchs, Kinder des Rauchs.
Es ist, als waren die Bewohner der Stadte weit zuriick hinter der Ver-
nunft und dem Streben der Stadte selbst. Die Dinge haben einen besse-
ren Zukunftsinstinkt als die Menschen. Die Menschen fiihlen histo-
risch, das heifit riickwarts. Mauern, Strafien, Drahte, Schornsteine fuh-
len vorwarts. Die Menschen hemmen die Entwicklung. Sie hangen
sentimentale Gewichte an die befliigelten Fiifie der Zeit. Jeder will sei-
nen eigenen Kirchturm. Indessen wachsen die Schornsteine den Kirch-
tiirmen iiber die Spitze. Verschiedenartige Glockenklange verschlingt
der Rauch. Er hiillt sie in seine diistere Wattesubstanz, dafi sie nicht
vernehmbar, geschweige denn zu unterscheiden sind. Jede Stadt hat ihr
Theater, ihre Andenken, ihr Museum, ihre Geschichte. Aber nichts
von diesen Dingen hat erhaltende Resonanz. Denn die Dinge, die hi-
storischen (sogenannten »kulturellen«), leben vom Echo, das sie nahrt.
Hier aber ist kein Raum fur Echo und Resonanz. Glockenklange leben
vom Widerhall, und alle kampfen gegeneinander, bis der Rauch
kommt und sie erstickt.
Da haben einige kleine Stadte ihre alten, winkligen, wenn man will:
romantischen Teile. Man nennt so was lauschig. Rings um sie schmet-
tert die Zeit. Drohnende Drahte umspannen sie. Alle zitternden Luft-
wellen sind erfullt von radiogesprochenen Worten der Gegenwart.
Was wollen diese schlummernden Portale, diese vertraumten Schon-
heiten? Sie waren daheim, als der blaue Himmel noch iiber ihnen sich
wolbte. Nun aber wolbt sich grauer Rauch iiber ihnen. Nun sind sie
verschiittet von Millionen Kohlenstaubchen. Niemals, niemals wird
ihre Wiederauferstehung erfolgen. Niemals mehr wird ein reiner,
nackter Sonnenstreifen sie vergolden. Niemals wird ein sauberer Re-
gen sie waschen. Niemals wird eine echte Wolke sie beschatten. Verlo-
rene sind sie in all ihrer Festigkeit. Sie waren fiir Jahrhunderte gebaut
aus ewigem Stein, und nur weil ihre materielle Substanz so dauerhaft
ist, sind sie noch da. Nicht weil ihre Lebenskraft noch vorhanden ist.
Sie sind wie alte Munzen aus solidem Silber, die keinen Wahrungswert
mehr haben. Die lacherlichste Banknote aus diinnstem Papier ist ge-
genwartiger.
Aus lacherlichem diinnem Material sind die neuen Stadtteile. Da sind
Wande, die man mit Daumen und Mittelfinger umspannen konnte. Da
1926 549
sind Baracken aus Holz und hohlem Ziegel. Da sind Schindeldacher,
wie von Kindern aufgestiilpt. Es stent, es fallt, es wird wiederaufge-
baut. Soeben noch waren sie weifl, strahlend von neuer, kurzlebiger
Tiinche. Jetzt sind sie schwarz wie faule Zahne. Jede Strafie wie ein
offener Mund.
Menschen wohnen hier. Menschen, die alle ein Ziel haben. Auch die
Arbeitslosen haben ein Ziel. Sie schreiten aus. Wozu schlendern? Was
ist hier zu sehn? Kinder spielen in der Strafienmitte. Alle Fenster sind
gleich. Alle Hausertiiren sind gleich. Hier sind nur Nummern ver-
schieden. Alle Menschen haben den verbissenen Willen, ein Ziel zu
erreichen. Vielleicht ist es die Arbeitslosenunterstiitzung. Vielleicht ist
es der Konsumverein. Vielleicht ist es das Versammlungslokal. Viel-
leicht ist es ein Einbruch. Vielleicht ist es die Revolution. Vielleicht ist
es das Kino.
Ach, es ist so gleichgiiltig! Ein Ziel wie das andere. Eine Stadt wie die
andere. Eine StraEe wie die andere. Steig in die Strafienbahn. Du bist in
einer halben Stunde in der nachsten Stadt. Hat sich was geandert?
Rauch iiber der Welt! Man fahrt nach Oberhausen, von da nach Miihl-
heim, von da nach Recklinghausen, nach Bochum, nach Gladbeck,
nach Buer, nach Hamborn, nach Bottrop. Rauch (iber der Welt! Kein
Himmel, keine Wo Ike! Regen, der aus Rauch kommt. Schwarzer Re-
gen. Hundert Schornsteine, aufgestreckte Zeigefinger, Saulen des
Rauchhimmels, Altare des Gottes Rauch. Schienen auf der Erde, kor-
respondierende Drahte in der Luft. Eine einzige grausame Stadt aus
Stadthaufchen, aus Stadtchengruppen. Dazwischen lauft eine eingebil-
dete Landesgrenze. Aber darliber wolbt sich ein einheitlicher Himmel
aus Rauch, Rauch, Rauch.
Frankfurter Zeitung, 18.3. 1926
DER KAVALIER IN DER PROVINZ
Der Kavalier kommt in kleinen, grofien und mittelgrofien Provinz-
stadten vor und vermehrt sich sehr schnell durch Nachahmung, Mode-
journale, mondane Filme, Revuen und Operetten. Gott hat ihn einmal
erschaffen. Aber das ist schon so lange her, daft man es nicht mehr
550 DAS JOURNALISTISCHE WERK
erkennt, Revue-Autoren, Schauspieler, Salonlowen korrigierten so
lange den Kavalier, bis des HERRN Spuren verschwunden waren und
er die Autorschaft ablehnen mufke. Eine Schopfung zog sich vom
Schopfer zuriick, begab sich in ein Mode waren geschaft und kam als
Kavalier heraus, mit einem goldnen Kettchen um das Handgelenk, ein
Abzeichen der Zunft, gewissermafien das Monokel der Hand.
Je kleiner die Stadt, in der ein Kavalier lebt, desto weltmannischer er-
scheint er sich. Er ist der Vorlaufer einer Entwicklung, die einmal aus
der Provinz eine Weltstadt machen wird. Aber er lauft in einem aus der
Mode gekommenen Tempo. Er lauft nach der letzten Mode, die eben
ausgehaucht hat. Er kann, als Typus, seiner Heimat vorauseilen; aber
als Individium mit der Gegenwart nicht Schritt halten. Er verkiindet
Parolen, die in seiner Umgebung noch nicht, in der grofien Welt nicht
mehr Geltung haben.
Alle Frauen, glaubt er, sind ihm verfallen. Wehrlos an der Seite ihrer
Manner und Freunde, sitzen sie, gehen sie, dem optischen Sieg des
Kavaliers ausgeliefert, der nur holde Versprechen im Auge des Opfers
liest. Erfordert es die Situation, dafi er einer Frau nachgehe, so schrei-
tet er nach der Melodie: Man steigt nach. Hat sich eine ihm entzogen,
so spielt sein Gehirn: Wenn an der Ecke gleich die andere steht. Es gibt
keine Situation in dem so komplizierten Verhaltnis der Geschlechter,
fiir das der Kavalier nicht einen Refrain hatte. Sein Gehirn ist ein Mu-
sterkoffer, gefullt mit Chansons. Im Takt des betreffenden schreitet er
dann. Die Textdichter der Revuen entnahmen ihre Motive der ge-
brauchlichen Zweideutigkeit der erotischen Konversation. Der Kava-
lier entnimmt die Motive zu seiner Sprache und Lebensart den Texten.
Was er hat, ist also aus dritter Hand, wofilgepriift und vertrauenswiir-
dig.
Er geht von der richtigen Theorie aus, dafi alle Frauen zu erobern sind.
Er irrt nur in einem: daft man mit einem Refrain-Musterkoffer alle
erobern kann. Oft sehen ihn Frauen an. Denn die Frauen achten nicht
auf die Qualitat des Spiegels, der ihnen ihre Schonheit bestatigt. Die-
weil er Objekt war, diinkt er sich Verfiihrer. (Manchmal zwar erliegen
die Frauen auch den Objekten.)
Aber der erste, der dem Zauber des Kavaliers erliegt, ist der Kavalier.
Wenn er sich nur ansieht, kann er sich nicht mehr widerstehen. Es ist
Liebe auf den ersten Blick. Mit dem Bild, das er von sich hat, im Her-
zen, geht er auf die Strafie, Aventiiren bestehn. Uberall bliihn fiir ihn
1926 55*
die Frauen wie Blumen in einem Garten. Er geht hin, von Beet zu Beet,
und schneidet, was ihm gefallt, mit der geschliffenen und flott in die
Ecke zwischen die Lider geschmissenen Pupille.
Und: »Knorke!« sagt er sich bei jedem Schnitt.
Frankfurter Zeitung, 22. 3. 1926
BRIEF AUS PARIS
Lieber Freund!
Es ist in Frankreich Friihling geworden, und der Wetterprophet dieses
Landes, der Abbe Gabriel, soil schone Ostern prophezeit haben.
Kommen Sie her, und es soil uns an Ausfliigen nicht fehlen! Wir konn-
ten mit dem Dampfboot nach Sevres fahren, an den Rieselfeldern von
Aspieres vorbei, iiber Sevres-Ville d'Array wo Gambetta gestorben ist,
Balzac gelebt hat. Wir konnten den groften, beriihmten, jetzt schon
griinen Park von St. Cloud besuchen, der eigentlich ein aristokrati-
scher Wald ist, auf dem Plateau stehn, von dem aus man Paris sehn
kann, das heitere Gewimmel seiner Schornsteine und den stehenden,
erhaben-frohlichen Tanz seiner Tiirme. Wollen Sie nach Versailles,
Malmaison, St. Germain? Wollen Sie die alte Kathedrale von St. Denis
sehn? Sie werden iiberall einen historie-gesattigten Boden finden,
iiberall eine kultivierte Natur, die sich mit stolzer Anmut dem mensch-
lichen Willen gefiigt hat; iiberall humane Landschaften, mit Vernunft
begabt; iiberall Wege, die selbst wissen, wohin sie fiihren; iiberall Hii-
gel, die ihre eigene Hohe zu kennen scheinen; iiberall Taler, die mit
Ihnen kokettieren werden.
Der Menschen werden viele sein. Die Autocars fiihren wissensdurstige
Englander in die nahere Umgebung, die Reisenden, die man kennt, die
genossen haben, wenn sie erfahren haben, und die ohne Kamera nicht
genieEen konnen. Es ware daher gut, wen wir iiber Rouen nach der
Normandie fahren wiirden. Sie ist durchaus nicht weit! Wenn wir am
ersten Osterfeiertag um zehn Uhr vormtttags auf den Bahnhof St. La-
zare kommen, konnen wir Mittag in Rouen essen, die Kathedrale vor
uns, den schlanken, singenden Mittelturm der Kathedrale von Rouen,
der mittelalterlichen Stadt, deren Glocken ganz machtig und ganz fern
552 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sind, deren Strafien und Gassen von einer hellen und frohlichen Enge
sind, wie man sie nur in franzosischen Stadten findet.
Zwei Stunden spater waren wir in Le Havre, dem zweitgrofiten Hafen
Frankreichs. Wir gingen dann zusammen ins alte Hafenviertel, wo die
kleinen Kneipen stehn: die Karussells sich drehen, die Tanzdielen ge-
fiillt sind, und wo man viel Geld gewinnen und verlieren kann. Wir
wollen dann zu Fufi durch die Normandie gehn. Wir werden Aufsehn
erregen. Denn hierzulande geht niemand zu Fufi, obwohl die Strafien
schon und glatt sind wie Dielen. Das Vieh weidet frei auf den Wiesen.
Von den Kirchen von Lisieux, Houfleur, Pont l'Evegne spielen jede
Stunde die Glocken. Die Scheinwerfer von Le Havre streicheln in der
Nacht das dunkle Land wie silberne Hande. Und fortwahrend hort
man den Gesang des Meers.
Wir gehn nach Deauville, dem sehr vornehmen, heute noch leeren, auf
jeden Fall langweiligen Kurort. Von dort haben wir einen direkten
Exprefi nach Paris. Er fahrt 4 Stunden.
Lockt Sie das alles nicht? Kommen Sie und kommen Sie bald!
Frankfurter Zeitung, 4. 4. 1926
PRIVATLEBEN DES ARBEITERS
Ich habe die Arbeiter des Ruhrgebiets in ihren freien (und arbeitslosen)
Stunden gesehn. Ich habe ihre Wohnungen, ihre Buchhandlungen, ihre
Versammlungen, ihre Kinos, ihre Tanzabende gesehn. Nicht ihre Not,
von der ich gewufit und die ich vorausgesetzt hatte, war erschutternd,
sondern ihre Anspruchslosigkeit. Es scheint demnach, dafi schwere Ar-
beit die Bedurfnisse des Menschen nicht steigert, sondern reduziert. Es
gibt wahrscheinlich ebenso traurige, aber nicht ebenso trostlose Er-
kenntnisse.
Es ist trostlos, dafi einer, der den ganzen Tag unter der Erde grabt, das
Sonnenlicht nicht als eine Notwendigkeit betrachtet, sondern als einen
Luxus geniefit. Es ist trostlos, dafi einer, der die komplizierteste Ma-
i 9 i6 553
schine bedient und erhalt, ein Zehntel jener Anspriiche an das Leben
stellt, die seine Maschine zufriedenstellen. Was ich sage, ist ganzlich
unpolitisch. Es ist das Gegenteil von Politik. Ich stelle fest, dafi der
sogenannte »Gegensatz der Klassen« viel geringer ist als der Gegensatz
der Bediirfnisse der Klassen.
Wirtschaftliche Not, die alle Klassen leiden macht, erklart nur das
Elend des europaischen Arbeiters, nicht aber seine Gleichgiiltigkeit ge-
geniiber den selbstverstandlichen Bedlirfnissen eines modernen Kul-
turmenschen. Weshalb sind seine Stiefel nicht nur kompakt grob, ein-
fach, sondern auch meist unpraktisch und unbequem und von der vor-
gestrigen Mode? Weshalb ist der Hut seiner Frau von einer so stupen-
den Verjahrtheit? Weshalb gelten die - ach, so seltenen! - seidenen
Striimpfe seiner Tochter als Zeugnis ihrer Verderbtheit und beinahe als
»Verrat an der Klasse«? Weshalb verlangt er von seinem Kino, das er
teuer genug bezahlt, nicht moderne Filme? Weshalb begniigt er sich
mit den altesten? Weshalb betrachtet er die Biigelfalte, die umsonst
herzustellen ist? Weshalb achtet er nicht auf den guten Schnitt seines
Anzugs?
Ach, die Tradition lehrt ihn, von den »Palasten der Reichen« und
von den »Huten der Armen« zu sprechen. Er fordert nicht das
Turngerat, das Tennisspiel, die geschmackvolle Tapete. Er fordert
den sinnlosen »Palast«. Sein Kampf geht nicht um Realitaten, son-
dern urn Symbole.
Die Arbeiterbuchhandlnngen und -bibliotheken enthalten sehr wenig
gute Belletristik. Die Kaufer und Entlehner bevorzugen das Direkte,
das heifit das Didaktische. Sie lesen populare Wissenschaft. »Volks-
tumliche« Geschichte, Astronomie, Physik. Der Arbeiter will sich vor
allem belehren lassen. Man predigt ihm, »Wissen sei Macht«. Er
nimmt's wortlich und verlangt zu »wissen«. Fur ihn schreibt man ge-
schmacklose Broschiiren auf schlechtem Papier. Fiir ihn schreibt man
erweiterte, so gut es geht: verflachte und sogar bereits dementierte
Leitartikel. In den Buchhandlungen und Bibliotheken von sechs Ar-
beiterstadten fand ich: einen Dostojewski, zwei Tolstoi, einen Maxim
Gorkij, fiinf Andersen-Nexo, neun Gottfried Keller, drei Selma La-
gerlof, fast nichts von modernen russischen, franzosischen Autoren,
554 DAS JOURNALISTISCHE WERK
von Englandern: Shakespeare und Wells. Es gibt also zuerst das Pad-
agogische, dann das Popularwissenschaftliche, drittens das Nationali-
stische. In weiterer Folge: das Geeichte, durch Literaturgeschichte
schon Bestatigte, das Sanfte, Beruhigende und das Utopische als karg-
liche Nahrung fur die arg vernachlassigte Phantasie. Von den geistigen
leidenschaftlichen Kampfen dieser Zeit, von heute und morgen, erfahrt
der Arbeiter beinahe nichts. Er ist weit entfernt vom Genufi der Lek-
tiire und von der Leidenschaft des Genusses. Er lernt noch. Nichts
fehlt ihm so sehr wie das Musische. Er ahnt nicht, dafi Mangel an musi-
schem Genufi unterlegen macht wie ein schlecht genahter neuer Rock.
Wenn er sich »zerstreuen« will, verfallt er dem Kitsch und dem iiber-
triebenen Sport.
Seine ernste Zerstreuung ist die Volksversammlung. Wer hat noch
keine Volksversammlung besucht? Es ist notig, ihre Atmosphare von
ihrem Inhalt zu losen:
Ein paar Manner sitzen auf dem Podium. Papiere rascheln, nicht ge-
heimnisvoll, sondern nuchtern, weil starkes Licht sie zweckbeflissen
macht. Ein Glas Wasser erinnert an Unfalle und Sanitat. Eine Glocke
streckt einen schwarzen Griff empor wie einen Zeigefinger. Ehe sie
lautet, mahnt sie schon . . .
Dunst. Rauch. Staub. Wo Licht ist, schmerzt es. Wo es nicht hinreicht,
ist es finsten Die Sale sind so teuer. Behaglichkeit ist so billig! Wie
selten ein Redner, der ein einfaches, naturliches Deutsch sprache! Was
er sagen will, ist echt. Aber der Weg geht vom Herzen iiber die Bro-
schiire zur Zunge. Er fuhlt warmes Blut, der Redner. Er redet Druk-
kerschwarze, der Belesene. Er hat ein Herz. Er packt es in Papier.
Wenn er wiifite, wieviel man erreicht, wenn man die armen Pradikate
nicht auf Eis legt und kiihlen lafit, bis der Satz sich abgespult hat, des-
sen Ende schon selbst ertont, ehe es ausgesprochen! Syntax ist »Lu-
xus«; unfruchtbarer Asthetizismus, Literatengewasch.
Jene aber sind Manner der Tat. Sie machen Realpolitik . . .
1926 555
Der traurigste Trodel lagert in den Basaren, in denen Arbeiter einkau-
fen: Uhrketten, die sich sogar riihmen, »echt Nickel« zu sein; von
sommerlicher Sonne im Schaufenster ausgedorrte Seidenrestchen; ge-
sprungene Lackschuhe mit Runzeln; Ledergiirtel mit verrosteten
Schnallen; griin-blau karierte Stehkragen; ausgedehnte Gummibander;
Matratzen, die offenbar mit Pappdeckel gepolstert sind; Schranke mit
Spriingen im Holz und knarrenden Tiiren; Spiegel mit griinem Unter-
futter, die jedes gesunde Angesicht krank widerstrahlen; eiserne
Kamme aus Blech; Manschetten aus Kautschuk; Gummiabsatze aus
Kieselstein; Krawattennadeln aus Glas; Bnllen aus Scheibenglas und
Fensterscheiben aus Hartgummi; Olbilder wie Wachs; Riemen aus
Hanf; Zigarettendosen aus Sardinenbuchsenblech.
Wieviel Miihe mufi es kosten, diese Dinge zu erfinden, zu erzeugen
und auch noch zu geniefien! Millionen leben von patentierten Mist-
haufen. Andere Millionen fallen darauf (herein). Literarischer Schund
ist weniger gefahrlich. Der Schund der Magazine und Basare korrum-
piert Erfinder, Erzeuger, Verkaufer, Kaufer und Vorbeigehende. Ein
Verstoft gegen den guten Geschmack ist ein Verstofi gegen die »Sitt-
lichkeit«.
5
Wie aber soil man in dieser Enge, dieser Qual asthetische Forderungen
aufstellen? Wieviel Arbeiter des Ruhrgebiets wohnen noch in dichtge-
fullten Hdusern mit krummen, ausgetretenen Stiegen, zahnlosen Ge-
landern, miauenden Katzen, zerbrochenen Fenstern, trocknender Wa-
sche, gefullten Kiibeln, tropfenden Wasserleitungen? Sie wohnen in
abgegrenzten Winkeln auf Dachboden, in feuchten Kellern, Bettgeher
schlafen in einem Bett mit Vermietern, Kinder auf Strohsacken, Grofi-
miitter auf Kochherden. (Es sind polnische, ruthenische Arbeiter, aber
auch deutsche.) Sie wohnen in Baracken, in schlecht gedeckten Hiit-
ten, der Regen rinnt, der Wind schneidet, aus der Erde stromt die
Kalte, der Atem des Todes, der Grufi des Grabes . . .
$j6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Nur in einigen Siedlungen (etwa in den Krupp-Kolonien) ist das Not-
wendige vorhanden und so geschickt geordnet, dafi es beinahe wie ein
wohlgefalliges Ubermafi aussieht. Die Kolonien bestehen aus Ziegel-
hauschen, Garten, breiten, schonen Strafien, gepflegten Anlagen, Kon-
sumvereinen, Unterhaltungsstatten, Gastwirtschaften, Cafes. Diese Ko-
lonien erziehen den Proletarier zum Kleinbiirger - er ist ja von Natur
dazu begabt. Er hat »sein« Stiickchen Erde. Er hat ein Dach, ein Bett,
Kaninchen, Arzt, Spital, Altersheim und ein billiges Grab. In dieser Welt,
in der die eigene Not in demselben Mafi abnimmt, in dem man die des
Nachbarn betrachtet, ist das alles viel.
Diese Kolonien sind Paradiese der Not, aber immerhin Paradiese: Idyl-
len, die in der Ansichtskarte weiterleben; Baume, unmittelbar bereit,
photographiert zu werden; nahrhafte Gartenbeete; Huhnersteige, durch
Weinlaub gemildert; Hygiene, als Naturschmuck verkleidet; Rasen, die
nicht nur griinen, sondern auch Ozon verbreiten; Wasser, das nicht nur
Wasser ist, sondern auch durchschwommen wird; Humanitat in Haus-
ordnungen; nahrhaftes Essen, ein Trost fur alte Junggesellen beider
Geschlechter; kleine Waldchen und Promenaden fur Liebende im April.
Wie dankbar ist der Mensch! Nur wenn er gar nichts hat, braucht er viel.
Gebt ihm etwas mehr - und er will nicht mehr ! Denn Bedurfnisse haben
ist beinahe so anstrengend wie sie durchsetzen. Der Mensch verzichtet
mit Leidenschaft. Die Genugsamkeit ist nicht nur eine Tugend, sondern
auch gesund . . .
Frankfurter Zeitung, 10.4. 1926
BERICHT AUS DEM PARISER PARADIES
Das Paradies liegt im Keller, in der Tiefe. Aber es ist so giinstig plaziert,
daft es beinahe meinerVorstellung vom siebten Himmel entspricht. Es ist
ein unterirdisches Paradies. Aber die Richtung, die man einschlagen
mufi, um zu ihm zu gelangen, spieit gar keine Rolle. So giaube ich
manchmal, wenn ich einen geschmeidigen Sturz unternehme, im kiihnen
Flug emporzufallen . . .
1926 557
Den Eingang zum Paradies beleuchten blaue Buchstaben, aus kleinen
Lampchen zusammengesetzt. Ihr Blau nahert sich ein wenig dem Vio-
lett. Es 1st das Blau des blauen Stiefmutterchens und der ersten Mor-
genschleier, die iiber einem Acker liegen. Es ist ein Blau starker ein-
drucklicher Traume und rauchender Zigaretten. Es ist nicht das Blau
des Himmels und nicht die Farbe des sudlichen Meers. Sie sehen, wie
schwer es ist, eine Farbe deutlich zu beschreiben.
Zu beiden Seiten der Treppe, die zum Paradies hinunterfuhrt, mit glat-
ten Siinden gepflastert, aber auch mit einem Gelander versehen, befin-
den sich Spiegelwande, die das Blau kleiner Gluhlampen etwas heller
widerstrahlen. Es entsteht eine Atmosphare aus Rauch, Morgen und
Traum. Es entsteht eine ganz fremde Farbe, sehr verschieden von alien
bekannten. Infolgedessen erlischt das Bewufitsein von der Zeit. Man
erinnert sich nur, dafi es Mitternacht war, als das Tor des Paradieses
aufging und ehe man seiner Verdammnis anheimfiel. Auch die Erinne-
rung an die geographische Lage erlischt: an den ganzen Montmartre-
Himmel mit seinen bunten Reklamesonnen; an die irdischen Hupen-
signale irdischer Automobile in der Rue Pigalle. Blau und umdammert
ist das Gehirn. Die Zeit rinnt nicht, sondern walk, in Schleier aufge-
lost . . .
Der Treppe gegeniiber sitzt die Musikkapelle. Sie hat Klavier, Geige,
Saxophon, Flote, Ziehharmonika, Trommel. Der Geiger hat fast gar
nichts zu tun. Deshalb ist er Kapellmeister. Er steht vor der Musik,
aber mit dem Riicken zu ihr, zugewandt den Ankommenden, der
Treppe, dem Publikum. Er dirigiert nicht die Musik, sondern den
Raum, die Farbe, den Tanz. Er dirigiert das Paradies. Manchmal singt
er. Seine Stimme hat er mit der des Saxophons vertauscht. Er hat ein
breites weifies Gesicht aus Schlemmkreide. Er pumpt mit Armen und
Beinen Rausche aus seiner Niichternheit. Denn er ist sehr nuchtern. Er
allein weifi hier Bescheid um die Stunde und um die geographische
Lage. Er ist ein irdischer, rationalistischer Kapellmeister. Seine Tage
verbringt er mit der Zeitung im Bett. Er gehort nicht zum Paradies,
wie zum Beispiel ich. Er hat nur einen Kontrakt mit dem Paradies.
Ich aber trinke Calvados.
Das ist ein Schnaps, gebraut aus Apfelsaft, je nach seinem Alter gold-
braun wie herbstliche Blatter oder zartgelb wie Bernstein. Manchmal
schmeckt er wie Cognac und manchmal wie Bliiten unbekannter
Friichte. Im Paradies kostet er auf jeden Fall fiinf Franken . . .
558 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Tische und Stuhle stehen eng beieinander, in zwei langen Reihen, in
deren Mitte man tanzt. Ich sitze gern am Rand. Manchmal kommt ein
Engel vorbei und streicht mir die Haare. Denn es leben Engel im Para-
dies, selbstverstandlich . . .
Sie entstammen alien Rassen der Erde, sie sind weifi, gelb, schwarz,
braun, schattiert, gemischt, nuanciert, mit schwarzen Augen und hellen,
mit dicken Lippen und schmalen, mit schweren und zarten Brusten, mit
breiten und schlanken Hiiften, mit Knien aus kiihler Seide, sie sind
braun geschminkt und weifi gepudert; kurz: Sie sind Engel . . .
Ins Paradies kommen sie - weifi man woher?-, um zu tanzen. Sie las-
sen sich von Mannern umarmen, die von Engeln keine Ahnung haben.
Sie lassen sich eine Limonade bezahlen und miifiten Champagner trin-
ken. Sie verdienen sehr wenig Geld, und dennoch geben sie ihre
Nachte her,
Ich gonne sie nicht alien Tanzern.
Ich gonne sie nicht den Handlungsreisenden mit den breiten Schultern
aus Watteline, den Reisenden, die ohne Musterkoffer einen Abstecher
ins Paradies machen und trotzdem erkenntlich sind. Ich gonne sie
nicht den schmiegsamen Krawattenverkaufern, den Knochenweichen,
Riickgratlosen, aus denen man einen modernen Knoten flechten
konnte. Ich gonne sie nicht den biirgerlichen Ehrenmannern aus Bo-
ston, Liverpool und Amsterdam, die, befreit von ehelicher Aufsicht,
eine Madchenbrust an eine wolliistige Brieftasche driicken.
Ich gonne sie den Matrosen, den ewigen Knaben mit dem schwanken-
den Gang, mit den blauen Augen und den kindlichen Kragen, die auch
im Paradies ein ewiger Seewind bauscht; den Negern, den Halbnegern,
den javanischen Schiffskochen, den mongolischen Boys, den abessini-
schen Prinzen und den schweren Fuhrwerkern aus den Markthallen.
Sie kommen alle ins Paradies. Sie kommen aus den Kolonien, sie kom-
men aus den Kriegen, sie kommen aus Tunis, Algier, Marokko, aus
den Hafen von Marseille, Bordeaux und Le Havre . . .
Manchmal ist das Paradies wie der tiefe Bauch eines Schiffes. Der
ganze Raum schwankt gelind und unaufhorlich, und ohne Pause spielt
die Kapelle das Konzert der Maschinen. Das Gefuhl des Geborgen-
seins und gleichzeitig der Verlorenheit halt mich fur ewig hier. Nie-
mals wird es Tag werden, niemals irdische, von Sonne, Arbeit, Mit-
tagspause, Turmglocken bestatigte Wirklichkeit. Dieses Gemach segelt
mit mir durch den Ozean der Welten. Wenn die unaufhorliche Musik
1926 559
eine halbe Minute aufhort, ist es wie der unendlich stumme Augen-
blick, der wahrend eines Gewitters zwischen Blitz und Donner ge-
klemmt ist, furchtsam, atemlos, ohne Herzschlag.
Auf einmal wechselt die Beleuchtung. Sie fallt in das tiefe Griinblau
nachtlicher Wiesen, dann in ein dunkles Rot von Rubinen. Die Lippen
der Menschen werden blau, und die Zigarette in meiner Hand ein klei-
ner Stab mit einem silbernen Brandkopfchen, auf dem ein Netz zarter
Filigranasche geflochten ist. Dann wird es orangegelb im Paradies. Die
Ziehharmonika allein spielt mit menschlichen Seufzern beim Atemho-
len ein Lied, das zwischen Europa und Afrika gelegen ist wie eine
Insel, eine orangegelbe Melodie. Die erinnert an die Volkslieder aller
Nationen und besonders an slawische Sommernachte. Es ist, als er-
hielte die Ziehharmonika allein die goldgelbe Beleuchtung. Es ist ein
abendliches Instrument. Es gebart und nahrt diesen ubertriebenen
Sonnenuntergang ohne Sonne: den Weltuntergang.
Alle Menschen wissen schon, daft sie verloren sind. Die Madchen werden
noch verlorener. Selbst die Handlungsreisenden mochten weinen.
Aber dazu kommt es nicht. Es darf nicht sein. Der letzte Seufzer der
Ziehharmonika blast das orangene Licht aus, und die Flote entziindet
wieder das Silber an der Decke.
Neue Ankommende, zum Paradies Verdammte, schiittet die Strafte
hinunter. Ein neuer Engel kommt: blafigelb, dritte Generation Mi-
schung; im zarten Gesicht ein breiter, immer offener Mund. Er ent-
hiillt ein starkes weifles Gebifi, eine zartliche Drohung.
Es ist eines der unerforschlichen Ratsel der Natur, dafi diese Frau mit
den starken, groften Zahnen so demiitige, so gebrechliche Fuflknochel
hat; und einen Fuft, der die Stufen der Treppe nicht tritt, sondern kufk.
Frankfurter Zeitung, 14. 4. 1926
ST. QUENTIN, PERRONNE, DIE MAISONETTE
Immer noch fahren Autocars zu den Schlacbtfeldern, grofk, bequeme,
komfortabel gepolsterte Autocars. Die Firma Cook ist bemuht, kor-
perliche Erschiitterungen von ihren Passagieren fernzuhalten. Sie han-
delt nur mit seelischen. Hundertundzwanzig Francs kostet die Besich-
560 DAS JOURNALISTISCHE WERK
tigung pro Person und Tag. Acht Friedensjahre liegen schon liber den
Feldern der Ehre, der Weltkrieg ist etwas abgetragen, aber fur hun-
dertundzwanzig Francs immer noch preiswert zu besichtigen. Grofie,
bequeme, komfortabel gepolsterte Autocars fahren zu den Schlachtfel-
dern . . .
Ich fahre nicht im Autocar der Firma Cook. Ich fahre mit dem Zug
nach St. Quentin. Ich fahre am Abend mit dem Zug, der von Paris liber
Berlin nach Warschau geht, nur Wagen erster und zweiter Klasse flihrt
und Passagiere, die sich just zu der Stunde in die Betten des Schlafwa-
gens begeben, wenn sie die Schlachtfelder passieren. Manche bleiben
schlaflos. Plagt sie die Erinnerung? Plagt sie das Gewissen? Ach, es ist
nur das unbequeme Lager. Es ist nichts mehr als das Poltern der Ra-
der! Wissen sie, dafi sie an den Schlachtfeldern vorbeifahren? In St.
Quentin sieht niemand aus den Fenstern. Der Zug streut nur einige
Menschen und ein groftes Postpaket auf den nachtlichen Bahnsteig.
Dann fahrt er weiter, nach Berlin und nach Warschau.
Die Strafien der Stadt St. Quentin beleuchten der Mond und ein paar
hilfreiche Laternen. Es ist klihl, es ist Vorfrlihling, die Wolken haben
silberne Zacken, und morgen wird es regnen. Die Strafte, die vom
Bahnhof in die Stadt flihrt, ist sanft abfallend und sacht gewunden. Es
ist eine traurige Strafte. Keine Baume saumen sie. Hauser stehen da,
Wohnkasten mit Schubladen fur Menschen. Und es riecht nach Krieg.
Was ist das noch fur ein Geruch, acht Jahre nach dem grofien Feuer,
ein Geruch aus altem Brand und zerpulvertem Mortel, ein herbsiifier
Moder, der uns immer empfing, wenn wir in eine zerschossene Stadt
einzogen. Die Geriiche leben langer als die Ereignisse und langer als
die Erinnerungen. Langer als die Verwiistung einer Granate dauert der
Pestgestank, den sie ausstromte. Das Leben ist lauter als der Tod, und
dem Auge verbergen Blumen das Grab. Aber die Nase wittert die alte-
sten Verwiistungen, unter alien Organen hat sie das starkste Gedacht-
nis. Ich rieche das Kriegsgebiet, noch ehe ich es betrete.
Jetzt beginnen auch schon die sichtbaren Reminiszenzen. Da sind zu
beiden Seiten der Strafk Hauserleichen, die ihr kennt, und die plotzli-
chen, hafilichen, blankgetiinchten, mit einem geschaftigen Gedrange
von Schildern versehenen neuen Hauser, die sich nirgends anlehnen,
ubermorgen erst Nachbarschaft bekommen werden, die kein Vorbild
hatten und keine Fortsetzung sind und nicht einmal ein Anfang, son-
dern nur ein Provisorium. Zwischen einem wlisten Gehoft, auf dem
1926 j6i
Ziegelhaufen und Planken liegen, und einer leeren braunen Mauer mit
nackten, nur vom Himmel ausgefiillten Fensterlochern steht so ein
weifies, diinnes, steiles Haus wie ein einsamer, falscher, iibertrieben
weifier Zahn. Diese Stadt konnte im tiefen wilden Westen Amerikas
stehen. Sie war einmal ein alte europaische Stadt mit alter europaischer
Geschichte. Granaten haben sie ausgeloscht.
Hier war einmal ein Haus oder ein Magazin oder eine Fabrik. Hier ist
noch das mannshohe, etwa zehn Meter breite Snick einer Mauer, deren
Rander zersagt sind, zernagt wie von Bissen iiberirdisch grofier Nage-
tiere, schroff und hundertfach gezackt. Neben diesem Mauerrest lie-
gen, kunstlos aufgeschichtet, ein paar Ziegelhaufen, ehemals Bestand-
teile des Hauses. Hinten dehnt sich ein wiister, grauer, bestaubter
Platz, uneben, mit einem einzigen kleinen Hiigel in der Mine. Auf dem
Hiigel bliiht eine einzige kleine gelbe, leuchtende Feldbiume. Welch
ein winziges, armes Totenlicht fur eine so grofie, starke Leiche!
Im Hintergrund erhebt sich eine trostlose, taube Mauer. An ihr ist ein
Snick Vergangenheit zu lesen: deutliche Abdriicke von Zimmern,
Gangen und Tiiren. Der treue Kalk hat sie aufbewahrt: Quadrate,
Rechtecke, Linien. Sie sind wie Spuren grofier symmetrischer Nester,
die dereinst an der Mauer geklebt hatten. Ich stelle mir vor, dafi eines
Tages die Nester abfielen und die Vogel zerschellten mit gebrochenem
Genick . . .
Da steht ein verstorbener Brunnen, der nie mehr Wasser geben wird,
mit einem steil ausgestreckten Schwengel, der in die Luft ragt wie ein
verdorrter Arm. Da klebt, unentwirrbar, ein Knauel diirrer Stachel-
draht an einem kleinen Pfosten, Unkraut, das der Mensch gesat hat, ein
Gemisch aus Dornen, Schlingpflanzen, Dorrgemuse und Kriegslor-
beerkranz. Da stehen Baracken, halbrund, mit Wellblech gedeckt, und
kleinen, sparsamen Fensterquadraten. Sie sehen romantisch aus wie
Zelte fahrender Komodianten. Aber es sind Wohnhauser alteingesesse-
ner Burger und Arbeiter. Sie wohnen wie in Tanks. Das Blech des
Krieges ist ihr schiitzendes Dach. Wenn der Regen darauf fallt, klingt
es wie das alte, wohlbekannte, grenzenlose Trommelfeuer, das dereinst
den Horizont umsaumte.
Die Stadt liegt grofi, dunkel und in tiefem Schlaf. Sie ist nur stellen-
weise Stadt. Alle paar Meter ist sie reduziert - zu einem Dorf, einem
Lager, einem Kampierungsort. Kaffeehauser und Likorstuben sind in
Baracken wie Marketendereien. Der Marktplatz ist wlist, und mein
j6l DAS JOURNALISTISCHE WERK
Schatten liegt lang und ungestort auf seinen holprigen Steinen. Aus
dem einzigen grofien Kaffeehaus dringt goldenes Licht. Das Kaffee-
haus ist hoch, hell erleuchtet und leer. Seine Drehtur bewegt sich nicht.
Ihre vier glasernen Fliigel sind starr wie die Fliigel eines vertikal aufge-
spiefiten Falters. Die Kellner lesen Zeitung, und die Biifettfrau sitzt
wie ein Wachtposten in einem bombensichern Unterstand, von Fla-
schen gedeckt.
Der traurigste Platz liegt vor dem Fenster meines Hotels. Es ist ein
sinnloser kleiner Platz, der sein Dasein nur dem Zufall zu verdanken
hat, dafi die Strafie hier eine Biegung macht. NachtragHch, und um ihn
zu trosten, hat man ein kleines Bassin in der Mitte angebracht, mit
einem Springbrunnen, dem Sinnbild ewiger Heiterkeit. Der Spring-
brunnen aber hat nicht Auftrieb genug, er schiefit nicht ordentlich in
die Hohe, er ist mifigestaltet, kurz geraten, ein Zwerg von einem Was-
serstrahl, er fallt schnell zuriick und platschert lauter, plumper, als er
soil. Sein Gerausch ist das einzige im Umkreis. Nur vom Bahnhof her
kommen die Pfiffe der ewig sehnsuchtigen Lokomotiven.
Am Morgen regnet es.
Ich mochte im Auto von St. Quentin nach Perronne fahren, dem
Schauplatz der grofien Sommeschlacht. Die Landstrafie ist gut, breit
und einladend. Ich werde trotz dem Regen in Bovincourt aussteigen.
Hier muE man zu Fufi gehn. Fahrt man in Autos zwischen Grabern?
Fahrt man in Autos durch Friedhofe?
Denn es sind Friedhofe, auch wo keine Kreuze ragen. Die Leichen
nahren den Boden. Noch ist er zerrissen, aufgeschurft, mit dicken Ge-
schwuren iiberdeckt, auf denen schon diinnes Gras wachst wie sparli-
cher Bart auf einem verwiisteten Gesicht. Langsam vernarben die
Schiitzengraben. Langsam zerfallen die verrosteten Hiilsen der Ge-
schosse. Aber tief in der Erde liegen noch wohlverwahrt die Granaten.
Manchmal kommen sie an die Oberflache. An den Randern der Wege
liegen Kriegsgerate aus Metall, Schalen, Eimer, Reste von Kugeln und
Kugeln. Splitter stecken in den verbrannten Baumen.
Es gibt keine schauerlicheren Monumente als diese verbrannten
Bdume, diese schwarzen, zerfurchten, oben angesengten Stiimpfe, die
noch in der Erde wurzeln und langst kein Ziel mehr haben, faul und
zersplitternd, jeder eine vernichtete Welt, jeder Baumstumpf das Ge-
genteil von Baum, jeder wie sein eigener Galgen, jeder durchlochert
1926 5^3
von Geschossen und gespickt mit steckengebliebenen Geschossen, jeder
mit hangenden alten Fetzen von Rinde, Asyle fur Gewurm und Blei,
immer noch riechend nach Brand und Gas. Weit iiber das Land gesat sind
die Stiimpfe.
Schon tragen einige neues Griin . Tief unten, hart an der Wurzel, setzen sie
kleine griine Zweige an, Bliiten und Blatter. Schon kleiden sie sich in
Frieden! Schon haben sie vergessen! Wie stark ist das Leben!
Da steht der Friedhof, voll von eisernen Kreuzen, nicht jenen, die an
Briisten hangen, sondern den richtigen, die auf Leichenhiigeln stehn. Das
ist der deutsche Friedhof vor Bovincourt. Da liegen 40 000 unbekannte
Soldaten. Da kommen jedesmal Hinterbliebene, die Ausgebliebene su-
chen. Da geht der franzosische Wachter herum und driickt jedem Deut-
schen, der herkommt, die Hand und fragt jeden Deutschen: »Kamerad,
wozu haben wir gekampft?« - Ewige Frage aller Kriegsgraberwachter.
Man wird pazifistisch zwischen 40 000 unbekannten toten Soldaten.
Die alte Kathedrale von Perronne ist vernichtet. Wo ihre Tore waren, hat
man graue Latten hingenagelt. Steinerne Heiligenbilder, dereinst dem
Schutz uberwolbter Portaie, Nischen, Ecken anvertraut, sind ohne Ob-
dach. Die Kirche hat kein Dach und hundert Granatlocher. Man hatte sie
frei stehen lassen sollen, die alte Kathedrale, ein doppeltes Monument.
Aberweil das Leben starker ist, verlieren die Menschen den Respekt und
sogar das Grauen, und sie riicken dicht an die Mauerreste der Kirche, die
auch in der Zerstorung noch erhaben sind, neue, nackte, ziegelrote
Wohnhauser, sie lehnen das Leben an die Ruinen, die noch das Wohn-
haus stutzen miissen. liberal! baut man in Perronne. Geriiste klettern
luftig und schlank in die Hohe. Das neue Rathaus steht schon fertig da.
Auf alien Wegen arbeiten Manner. Ja, selbst die beriihmte Maisonette,
das furchtbarste Schlachtfeld an der Somme, ist bedeckt von neuer Saat
und Griin und lippig wucherndem Kleingeholz. Hier war die Erde
aufgewiihlt, mit kalkigen Haufen bedeckt, mit Schlamm, der aus der
durchweichten Tiefe drang. Hier war kein Halm, kein Strauch. Es reg-
nete Millionen Geschosse. Eine Division lag monatelang auf dem kleinen
Hiigel. Es war die Holle der Division. Und man sah in der Feme das
silberne Wasser der Somme, dahinter die leuchtenden roten Dacher von
Perronne und links das griine, bliihende, fremde Land, das fremde Land,
das feindliche Land, nach dem man sich sehnte wie nach einer Frau.
Jetzt schwirren Lerchen durch die Luft, der Regen hat aufgehort, der
564 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Wind hat die Wolken zerstreut. Wer den Krieg nicht gesehen hat, mag
glauben, daft hier Friede ist. Aber ich fiihle rotes Blut durch die Adern
der noch lebenden Baume rinnen, durch die Krumen der Erde, durch
die zarten Fasern der Blatter. Der Friihling riecht nach Pulver und
Blei. Schwalben sind irrende Geschosse. Der Himmel ist schwer.
Nicht Wolken tragt er, sondern Unheil. Milliarden Granatenatome sat
der Wind. Baume stohnen wie Sterbende. Zweige knacken wie Ge-
wehrverschliisse. Uber das Schlachtfeld gebeugt, wie ein General iiber
einer Landkarte, ist Gott. Unnahbar wie ein General; und fern wie ein
General . . .
Frankfurter Zeitung, 2. 5. 1926
DAS NACHGEMACHTE CEYLON
Im Jardin d'Acclimatation hat Hagenbeck eine Schau errichtet. Auf
einem weiten runden Platz, in dessen Mitte eine erhohte Buhne aufge-
stellt ist, leben singalesische Handwerker, indische Fakire, mohamme-
danische Seiltanzer mit Frauen und Kindern. Sie schlafen und arbeiten
in kleinen Hiitten, die an der Peripherie des Runds aufgestellt sind, in
heimatlichen Hiitten, die so leicht und luftig, so siidlich und offen sind
wie die Hiitten der Eingeborenen auf Ceylon. Indessen aber liegt der
Jardin d'Acclimatation im Pariser Bois de Boulogne, und die Singale-
sen, Inder und Mohammedaner haben die Krankheit der gemafiigten
Zone bekommen: den Schnupfen,
Man nennt die Pariser Hagenbeck-Schau kurz und unrichtig: das Hin-
dudorf. Meist regnet es im Hindudorf. Der Himmel ist grau, unbe-
standig; kleine, charakterlose blaue Locher unterbrechen die Wolken-
schicht wie Narben einer vergangenen Schonheit. Auch Nordwest-
winde blasen. Die Bewohner des Dorfes bekommen vollstandige Ver-
pflegung, das heifit: Reis, Reis, Reis und etwa hundert Mark im Monat
Gehalt fur ihre Bemiihung, exotisch zu bleiben.
Sie sind den ganzen Tag exotisch. Einige sitzen auf Elefanten, in
leichte bunte Leinwand gehiillt, mit Zopfen versehen und infolgedes-
sen nicht sofort als Manner erkennbar. Die Elefanten sind gutmiitig,
geduldig, sie haben die Klugheit von Grofivatern, die Dressur von
1926 5^5
Pferden, die Sanftmut von Schafen, die Farbe von Elf en. Mit den
Riisseln nehmen sie Geldstiicke und Zigaretten fiir ihre Reiter entge-
gen. Sie reifien ihre grofien Mauler auf und tragen auf den riesigen
Unterkiefern einen Singalesen, der es gern hat. Sie konnen auch auf
drei Beinen gehen und auf dem vierten hocherhoben einen Menschen
fiihren. Auch Europaer setzen sich gegen eine Taxe auf ihren Riicken
und reiten durch daft Hindudorf. Die Elefanten gehen Fufigangern,
Kindern, Stiihlen, Karren aus dem Weg. Man sollte glauben, daft sie
derlei Kleinigkeiten gar nicht merken. Sie aber sind vorsichtig, leicht,
elegant, behutsam. Das Wort von der Gefahrlichkeit eines Elefanten
im Porzellanladen ist gar nicht wahr. Es ist auch nicht wahr, daft Ele-
fanten trampeln. Sie schweben fast. Sie haben den Gang iiberdimen-
sionaler Kater. Eine alte englische Touristin ist ein Elefant gegen
einen Elefanten,
Andere Bewohner des Hindudorfes beschworen Schlangen, jonglieren
mit Kugeln, weissagen aus der Hand, blasen dabei exotische Melodien
auf exotischen Trompeten mit kleinen Bauchen, die so aussehen wie
gekriimmte Kriige und deren Tone so fremd und wehmiitig sind wie
eine Abendsonne im siidlichen Meer. Andere wieder tragen bunte Bii-
sche auf den Kopfen, silberne Giirtel, blaue Seide, Turbane, rasselnde
Instrumente, Elefantenzahne und klirrende Silbermiinzen. Sie tanzen.
Die Frauen, in Blau und Silber gekleidet, stellen sich in einer Reihe auf
die Biihne mit Rasselinstrumenten in den Handen. Sie singen eine ein-
tonige, kindliche Melodie, schreiten vor und zuriick, turnen mit den
Armen. Der Seiltanzer besteigt, ein paar Kriige auf dem Kopf, eine
hohe Bambusstange und schaukelt auf ihrer Spitze wie eine schwere
Frucht im Wind. Ein Fakir packt seine Frau in einen winzigen Korb,
durchsticht ihn mit Schwertern und zieht die unversehrte Frau wieder
aus dem Korb. Der Schlangenmensch verschrankt die Fiifte hinter dem
Kopf und kratzt sich mit den Zehen.
Indessen sitzen die singalesischen Handwerker in ihren Hiitten. Sie
stanzen Ornamente in Messing und Silber, sie Schmieden Ringe,
schleifen blaue Mondsteine, sticken grofte goldene Rader in feine Lein-
wand, sie weben, drechseln Stocke und bestreichen sie mit warmen
Farben, die so fett und glanzend sind wie Siegellack. Alle haben eine
unendliche Geduld, grofte schwarze Augen in groften blaulichen kreis-
runden Augenhohlen. Wenn sie von ihrer Arbeit aufblicken, um eine
Zigarette zu fordern, ist es, als schliigen sie nicht Lider auf, sondern als
566 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zogen sie Vorhange von schwarzen Seen weg. Ihre Augen sind feucht
und fest, als lage iiber dem Augapfel noch eine gefrorene und tauende
Trane. Die Kreise, in denen die Augen eingebaut wurden, sind sanfte
blaue Ufer. Feine Aderchen bilden ihre Flora. Die Hande der Arbeiter
sind trocken, schnell und sachlich, flinke Tiere aus Knochen, Haut und
glanzenden blauen Nageln. Es sind selbstandige Hande, mit eigenen
Augen - und jeder Finger hat sein eigenes Gehirn, jeder Nagel seine
eigene Geistesgegenwart. Jedes Fingergelenk hat seine eigene Physio-
gnomic
In einer Hiitte ist die Schule untergebracht.
Ich habe eine ganz andere Schule besucht. Mein Lehrer safi auf einem
Katheder, mit einem Rohrstockchen, und wir, zweiundzwanzig Bu-
ben, steckten auf unseren Sitzen wie aufgespiefite Federhalter in einem
weichen Tintenbrett. Unser Schwamm war trocken und stohnte auf
der Tafel wie ein verwundetes Tier. Unser Lehrer hatte einen blonden
herzformigen Bart, dessen Spitze nach oben ging wie seine Nase und
wie die aufwartsgebogenen Sohlen alter Schuhe.
Hier sitzt der Lehrer in einer Reihe mit sechs Kindern beider Ge-
schlechter. Die Kinder diirfen schmutzig sein, die Hiitte ist offen,
Publikum stromt herbei, die Kinder halten kleine Schiefertafeln in
der Hand, aber es sind nur Symbole. Niemals schreiben sie, niemals
loschen sie das Geschriebene aus. Die fremden, schonen, runden
Buchstaben auf den Tafeln sind schon vom Fabrikanten gedruckt
worden. Die Kinder wiederholen immer das Alphabet, nehmen Zi-
garetten und Geldstucke fur ihren Lehrer entgegen und miissen nie-
mals eine Klasse »repetieren«. Sie haben zwar den ganzen Tag
Schule, aber sie konnen sich allerlei dabei denken. Ihr Lehrer sitzt
mit untergeschlagenen Beinen, und sein Gesafi ist sein Katheder.
Diese Kinder lernen die Welt kennen, ehe sie noch das Alphabet ler-
nen. Denn sie fahren durch alle Stadte der Welt, und alle Menschen
kommen zu ihnen. Sie lernen die Geizigen von den Verschwenderi-
schen unterscheiden. Sie lernen betteln und werden lebenskundige
Analphabeten.
Dennoch ist dieses Hindudorf eine traurige Institution. Seine Bewoh-
ner haben den Schnupfen und wissen nicht, daft er die Grippe ist. Sie
werden im Winter in Berlin sein, im Friihling in London, sie wissen
nicht, wodurch sich Berlin, Paris, London voneinander unterscheiden.
Sie verlassen nicht den Jardin d'Acclimatation. Man hat ihnen Ceylon
1926 5^7
nachgemacht, so gut es gegangen ist. Aber Ceylon ist weit, der Him-
mel ist grau, und es regnet im Hindudorf.
Frankfurter Zeitung, 4. 5. 1926
BABITS: »DAS KARTENHAUS«
Michael Babits, einer der grofiten europaischen Schriftsteller der Ge-
genwart, hat das Pech (das beinah schon ein Ungliick ist), in ungari-
scher Sprache zu schreiben, also unbekannt zu sein, ein Dichter eines
Landes, von dem man in Europa gewohnt ist, leichtfliissige Lustspiele,
Feuilletons, Operetten und Mikosch-Witze zu beziehen. Ware dem
nicht so, dann hatte ich es nicht notig, einen Mann »einzufiihren«, den
alle Eigenschaften eines grofien Schriftstellers zieren: Gewissen, Weite
des Horizon ts, Klarheit des Stils, Innigkeit der Empfindung und ironi-
sche Phantasie. In dem Werk »Das Kartenhaus«, »Der Roman einer
Stadt « (aus dem Unganschen iibertragen von Stefan J. Klein; J.M.
Spaeth-Verlag, Berlin), das mir vorliegt, beschreibt Babits die Infla-
tionsperiode einer ungarischen Stadt, die Geschichte ihrer inneren,
moralischen Inflation. Ein enger Gestank von abscheulicher Intimitat
steigt auf aus Amtsgebauden, privaten Hausern, Fabriken, Seelen.
Blofigelegt ist das Eingeweide einer Stadt, einer ungarischen Stadt, das
heifit: einer provinzielleren Provinz, einer Stadt im Lande Horthys
und der weifien Feme. Das ist die Beziehung des Buches zu dieser Zeit:
ein Protest, ohne den Willen zur Tendenz. Wer Ungarn kennen will,
lese dieses Buch, das allerdings auch eine ungleich sympathischere Be-
kanntschaft vermittelt: die mit dem Dichter Babits. - Die Ubersetzung
Stefan J. Kleins ist klar, flussig und prazise.
Frankfurter Zeitung, 7. 5. 1926
DER HERR MINNESANGER
So habe ich mir immer den »Sieger« vorgestellt, der die Feder nicht
verachtet, obwohl er den Sabel verehrt. Im »Feindesland« angekom-
men und im Quartier untergebracht, schnallt er diesen ab, nimmt jene
zur Hand (»ergreift« sie beziehungsweise) und durchforscht alle
Schubladen nach erotischen Requisiten. Er beschaftigt sich mit der
feindlichen Nachtkasten-Literatur.
In Muftestunden zeichnet er auf, was ihm so durch sein angebliches
Gehirn geht. Im Kasino gilt er als Belehrter und Belesener. Er ist einer,
von dem die Kameraden sagen: »Major Delmar? Kennen Se nich?! Der
schriftstellert ja!«
Vielleicht macht er auch Gelegenheitsgedichte zu Regimentsfeiern. So
wird er ein Grenzfall. Zwischen Mars und Apoll ist er gelegen. Welche
Schriften aber stellert er zumeist? - Tagebiicher, Memoiren und soge-
nannte Splitter.
Ein so langer Feldzug in Frankreich (man kann auch Welschland sa-
gen), wie ihn uns Gott zwischen vierzehn und achtzehn beschert hat,
verursacht ein ganzes Buch des Herrn Majors. Er hat es in freien Stun-
den verfafit, so unterwegs, zwischen Stahl- und Wannenbad, wenn das
Schlachtrofi in den Stall einkehrte, um den Pegasus hinauszuschicken.
Das Buch heifit »Franzosiscbe Frauen, Erlebnisse und Beobachtungen,
Reflexionen, Paradoxen«. Maximilian Delmar ist der Urheber, Ernst
Giinther in Freiburg der Verleger.
Ich gebe Zitate.
»Eros ist ein Schalk, der seinen Spott so lange treibt, bis das Unheil
geschehen ist. Wesenheit der Liebe des Weibes ist Spiel. Somit erkiare
ich den Scherz fur die wahrhafte Methode, wie sie einzig unserer Ab-
handlung gemafi ist.«
Da haben wir's! Das Schlimmste, was mir im Leben zustofien konnte,
ist ein scherzender Herr aus dem Kasino. Die Folgen seiner witzigen
Veranlagung sind unbeschreiblich und nur zitierbar:
»Wir haben es (in Frankreich) mit einem Erdstrich zu tun, wo weder
friesische Geschlechtskuhle noch die vernichtende Passion der Liebes-
nachte von Neapel oder Sevilla zu finden sein werden.«
»In Frankreich haben wir vornehmlich in den flir die menschliche
Brunst entscheidenden Fruhjahrsmonaten den alien verliebten Frauen
1926 5^9
so angenehmen Wechsel zwischen lauen Tagen und abkuhlenden
Nachten zu beobachten.«
»Die Franzosin glaubt erst an die Maturitat eines Marines, wenn er sich
mit Erfolg ihrer eigenen Priifung unterworfen hat. Sie erkennt den
Geist des Mannes in dem Organ, das ihr huldigt.«
»Die Geschichte von Fifis Brautnacht liegt im Dunkel und Schweigen
eines Hotelzimmers von Nizza.«
Wenn dieser Herr Major ein paar Seiten liber die Erotik der Grofistadt
geschrieben hat, setzt er an den SchlufS folgenden Satz:
»Mit diesen wenigen Strichen ist die Eigenart der grofistadtischen Ero-
tik gezeichnet.« (Punkt. Basta. Widersprechen Sie nicht!)
»Die franzosische Jungfrau wartet auf den Brautigam und nicht auf
den Liebhaber-«. (Er hat also Pech.)
Ein Gedicht:
»K6stlich hielt der Kunstler zwischen zwei Gebarden,
deren Triebe wichtig sind auf Erden:
Amor spielt der Psyche an den Beinen.
Denn die Liebe mu(S im Leib erscheinen.«
»Der Hochzeitstag bringt immer die Entscheidung fur die endgultige
Daseinsform im Leben des franzosischen Weibes.« —
»Wer diese Tranen noch nicht gekiifit hat, ahnt nichts von der Lust, die
eine ehebrecherische Franzosin zu schenken vermag.« (Er hat also kein
Pech gehabt.)
Er hat Erfahrungen gesammelt, dieser Herr Major, kein Zweifel! Er
hat Balzac, die Goncourts, Flaubert, Maupassant gelesen und mit be-
trachtlichen Abschnitten klassischer Werke sein Buch gefiillt. Er ist ein
Meister der pornographischen Ideenassoziation. Kein Giirtel, kein
Kamm, keine Schublade, keine Ansichtskarte - kein Gegenstand im
feindlichen Quartier ist vor seiner willkiirlichen pornographischen
Auslegung sicher. Dieser Major unterscheidet sich nicht von den
Schulknaben, die in Lesebiichern Worte wie Gier, Mieder, Busen mit
rotem Bleistift anstreichen und in den Zehn Geboten nach der Phrase
vom »Weib des Nachsten« suchen.
Das ware eine Privatsache, die uns nichts anginge, wenn dieser Major
nicht vor die Offentlichkeit getreten ware: ein Ehrenmann, der Vor-
hange wegreiftt, in Schlafzimmern schnuffelt, Geheimnisse enthtillt,
die ihn selbst verraten. Er ist schon langst entkleidet, nackt steht er vor
570 DAS JOURNALISTISCHE WERK
uns. Das ware nicht unsympathisch. Aber er hat den Sabel nicht abge-
schnallt, und das Rasseln ist unappetitlich. Auf seinem Nachthemd
glanzen die Tressen.
Hier ist einer, von dem man nicht sprechen wiirde, wenn er nicht so
unverschamt ware, nach dem verlorensten aller Kriege aus einem
Land, das mit Fnedhofen zum Bersten gefiillt ist, seine Erinnerungen
an Nachtkastchen und Kasinoanekdoten mitzubringen. Er ist nicht auf
dem groften Totenacker geblieben, der fur ihn ja ein Feld der Ehre ist.
Aber statt seinem Schopfer fur die unverdiente Gnade zu danken, geht
er hin und erzahlt schmunzelnd vor aller Welt, er habe sich im Boudoir
aufgehalten.
Und nichts ruhrt sich. Keine Hand erhebt sich, kein Invalide streckt
seine Kriicke. Die Toten schweigen wie die ehebrecherischen Frauen.
Frankfurter Zeitung, 9. 5. 1926
EINE NACHT MIT WANZEN
»Heute nacht habe ich eine Wanze gefunden und gleich ge-
totet.« - »Da hast du aber Gluck gehabt.« - »Wenn nur nicht
so viele Wanzen kondolieren gekommen waren !«
»Sind Wanzen im Bett, Herr Wirt?« - »Wo sollen sie denn
sein?«
Uralte Witze
Man war ja im Kriege an manches gewohnt. An alien Fronten flogen
nicht nur Kugeln, sondern sprangen auch Flohe. Kopflause waren bes-
ser als Kopfschiisse. Und die kleinen riihrenden Mause, die die Bau-
ernstuben der Etappe bevolkerten, waren geradezu reizende Hausge-
nossen. Sie rumorten ein wenig, aber dafiir vollfiihrten sie artige
Tanze, man hatte sie ehrlich lieb.
Es ware ein schweres Unrecht, so gesittete Tiere mit der blutsaugeri-
schen, mitleidlosen, bidden Wanze zu vergleichen. In ihrem platten
Leib, diesem kriechenden Muttermal der Schwiegermutter des Teufels,
hat ein fiihlendes Herz keinen Platz.
Ich mochte Franziskus von Assist, den demiitigen Tierfreund, nach
1926 57i
einer Nacht in einem karpato-russischen Dorf sehen. Ob nicht selbst
er die Kreatur verfluchen wiirde, die den heiligen Schlaf stort, um sich
an unserem Blut, das sie fur einen ganz besonderen Saft zu halten
scheint, so vollzusaufen, daft es eine Schande ist.
Man legt sich nieder, miide, durchfroren und gliicklich, sich einschla-
fen zu fiihlen . . . Da eilen schon aus alien Ritzen, aus Bilderrahmen
und Fugen die lebendig gewordenen Leberfleckerln hervor, die man so
oft an geliebten Frauen besungen hat.
Man ist eben eingeschlafen, und das erste Kratzen geschieht im Schlaf,
im Halbschlaf das zweite. Beim dritten Male erwacht man, und man
weifi das Schreckliche, die eben begonnene Nacht ist zu Ende. Man
macht Licht. Am Knochel sitzt eine Wanze. Was nun? Den Blutsauger
auf die Erde schiitteln und mit dem Hausschuh ermorden! Aber jetzt
kommen die Kondolierer.
Sie kleben an der Wand, nur als Nagel verkleidet, nur wenn man scharf
hinsieht, so kommt man hinter ihre Mimikry. Man nimmt ein bren-
nendes Zundholz halt es hin, die tote Wanze fallt, wie ein Blatt im
Herbs t, ins Bett, die Wand ziert ein kleiner Brandfleck.
Siehe, auf dem Kopfpolster sitzt auch eine. Wenn man das Haus in
Brand stecken will - es ware ja das Verniinftigste! -, so mull man die
Krawattennadel nehmen und in den Polster stechen. Ein kleiner
Knacks, ein winziger Blutstropfen, vielleicht schon vermengt mit dem
mir abgesaugten, wunderliche Transfusion ... und jetzt die Leichen
fortgeschiittelt - ich werde ihren Geruch nie verges sen - und ins Bett,
Decke empor, Licht verloscht . . . schlafen!
Jedoch die Rache der Verwandten, Blutrache im fiirchterlichsten Sinne
des Wortes, ist erwacht. Auch ich. Aussichtsloser Kampf ! Sie sind so
zahlreich wie die Sternlein auf dem blauen Himmelszelt, und ich bin
ganz allein. Auch ekeln sie sich gar nicht vor mir, und ich mich vor
ihnen im hochsten Maft.
Mechanisch streife ich eine ab, aber andere vollenden das Werk. Ich
werde kraftlos. Mogen sie mich auffressen! Wenn ich sterbe, so will ich
Gott bitten, er solle sie aus dem Tierparadies verbannen.
Es scheint, daft ich fiebere. Mein Korper bekommt rote Pusteln, Bisse,
Masern oder die Pest, mir ist es gleich.
Ich bufte alle Siinden ab, ich will immer brav sein, nur noch dieses eine
Mai kann ich die Schadenfreude nicht verbergen beim Anblick einer
frechen Wanze, die auf den Rucken zu liegen gekommen ist, mit den
5/2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Beinchen strampelt und alle Quaien erduldet, die Franz Kafka in der
»Verwandlung« beschrieben hat. Mag sie sich quaien, mich qualt es
mehr.
Ich binde mir mit Schuhschniiren den Schlafanzug an den Knocheln
fest zu und bedecke mein Gesicht mit einem Tafeltuch. Ich lasse das
Licht brennen, wir wollen sehen, wer langer durchhalt.
Ach, ich bin schon ganz hin und mochte vor Zorn und Einsamkeitsge-
fiihl weinen, wenn ich mich nicht mehr vor den Wanzen meiner
Schwache schamte.
»Wie klein ist der Mensch«, sagte mir eine ins Ohr, aber ich bin zu
Kaffeehaus-Aphorismen nicht aufgelegt und briille ihr »Kusch!« zu.
Was sie zur Kenntnis nimmt - sich aufs Saugen verlegend.
Endlich, es tagt schon, ist das grofie Gelage zu Ende. Meine Gaste sind
gesattigt. Ich schlafe ein und traume bitter, erwache halb, milder als
vorher, geradert und mifibraucht, und ich mochte aus der Haut fahren,
die aussieht, als ware ich in Brennesseln gefallen.
Neue Berliner Zeitung - 12-Uhr-Blatt, 11. 5. 1926
LA RENAISSANCE LATINE
Ich bin durch Zufall in die »Grande Salle des Societ.es Savantes« ge-
kommen. Der Universitatsprofessor Achille Mestre, der Professor
am Institut Catholique, der Abbe Yves de la Brieve, und einige an-
dere Autoritaten safien auf der Buhne. Im Saal standen und safien
dicht gedrangt die Studenten. Den Vorsitz fiihrte Herr Henri Mas-
si$ y Chefredakteur der »Revue Universelle«, welche die Zeitschrift
der Lateinischen Renaissance ist. Aus den Reden der Autoritaten,
aber auch aus den gedruckten Ankiindigungen erfuhr ich, dafi die
»Renaissance latine« den Zweck verfolgt, den »schadlichen Wirkun-
gen des Germanentums und des Bolschewismus« wirksam zu be-
gegnen.
Wie macht man so was? Man versammelt die Studenten aller lateini-
schen Staaten, die Studenten von Belgien, Kanada, Spanien, Italien,
1926 573
Portugal, der lateinischen Schweiz und des lateinischen Orients, ja, auch
die Mexikaner, Argentinier, Brasilianer, sofern sie aufzutreiben sind,
und nimmt auch von den Rumanen nicht Abstand, die an den Pariser
Hochschulen zwar stark vertreten, aber ganz gewifi nicht rein lateini-
schen Blutes und rein lateinischer Kultur sind. Man erzahlt ihnen alien,
dafi sie mehr oder weniger direkt von Rom abstammen, mit Julius Cae-
sar ebenso verwandt sind wie mit dem ius romanum, mit Horaz ebenso
wie mit dem Papst, mit der lateinischen Logik ebenso wie mit der katho-
lischen Kirche.
Hierauf konnen die im Saal versammelten Faschisten nicht an sich hal-
ten. Sie haben - als ob man sie nicht ohnehin erkennen wiirde - Photo-
graphien von Mussolini mitgebracht, billige, in Millionen Exemplaren
hergestellte Abdrucke jenes heroischen Mussolini, der die erhobene
Hand vor den Betrachter halt, wie um einen Widerspruch von vornher-
ein zu begegnen. Es ist, wie man weifl, der bekannte Grufi der Faschi-
sten.
Die mit diesem Bild versehenen Studenten stimmen einen Gesang an -
es ist wahrscheinlich die Faschistenhymne, die ich nicht kenne. Sie se-
hen, wenn sie singen, den deutschen Hakenkreuzlern zum Verwechseln
ahnlich. Es scheint, dafi Nationalhymnen, die doch den Zweck haben,
die Nationen gegeneinander aufzubringen, den ganz entgegengesetzten
Erfolg haben: Sie machen alle Volker, die singenden Teile wenigstens,
einander verwandt.
Der Universitatsprofessor Achille Mestre sagte, Rom hatte Logik und
Ordnung, Organisation und Autoritatsbegriff in die Welt gebracht.
Ei seht! Und ich hatte gedacht, »Organisation« ware eine echt germa-
nische Sache, eine Erfindung der Deutschen! Das Mittelalter, sagt der
Herr Professor, ware eine glanzende Epoche gewesen, eine Zeit der
Vorherrschaft der »Autoritat«. Freiheit, meint der Herr Professor,
ware uberflussig. Man sehe ja gerade, dafi die Volker, hochst unzu-
frieden mit der »Freiheit«, nach der »starken Faust« verlangten.
Welch ein Ungliick die Revolution! Und nichts tate uns so sehr not
wie »Autoritat«.
»Katholizismus« - so meinten alle Redner - ware eine spezifisch latei-
nische Sache. Die katholische Kirche garantiere die lateinische Kultur,
und die lateinischen Volker waren es, welche den Bestand der katholi-
schen Kirche garantierten. Und dabei safi der Abbe de la Briere und
klatschte. Er applaudierte den Rednern, die die katholische Kirche zu
574 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einer Stammeskirche degradierten. Er selbst sprach noch von den Po-
len, dem »slawischen Volk, das, zwischen Bolschewismus und Germa-
nentum gedrangt, lateinische Zivilisation beschiitze und dessen her-
vorragende Vertreter die lateinische Sprache beherrschen«.
Es ist nicht anzunehmen, dafi der Professor de la Briere, der Lehrer am
Institut Catholique, der noble franzosische Schriftsteller, der aufieror-
dentlich kultivierte Redner, etwa nicht weifi, dafi die hervorragenden
Vertreter der Deutschen, Englander, Skandinavier - also der »Germa-
nen« -, aber auch der Russen - also der »Bolschewisten« - auch lateini-
sche Zivilisation haben und daf5 es wahrscheinlich unter Deutschen
mindestens ebensoviel Kenner des romischen Rechts und des Horaz,
des Tacitus und des Julius Caesar gibt wie unter Franzosen und Italie-
nern. Ich nehme nicht an, dafi der Diener der katholischen Kirche de la
Briere den Einflufi seiner Kirche auf die sogenannten »latemischen
V6lker« beschranken will. Der Herr de la Briere weifi, dafi wir alle,
wir Volker der Neuzeit, die Erben Roms sind, und er weifi, dafi zum
Beispiel die Deutschen mehr lateinische Kultur geerbt haben als - noch
einmal: zum Beispiel - die Rumanen.
Weshalb klatscht er Beifall? Weshalb griindet er Lateinische Renais-
sancen mit singenden Faschisten? Wo ist die Gemeinschaft zwischen
Portugiesen und den slawischen Rumanen? Ist nicht stdrkere Gemein-
schaft zwischen Franzosen lateinischer Kultur und Deutschen lateini-
scher Kultur?
Ist das neue Europa nicht ein gesiinderer Begriff als die »Renaissance
latine« ?
Weshalb? Weshalb?
Frankfurter Zeitung, 15.5. 1926
»ROMANTIK« DES REISENS
Die Freude, die einer vor einer Reise empfinden mag, ist immer gerin-
ger als der Arger, die sie schliefilich verursacht. Nichts argerlicher als
ein riesiger Bahnhof, der aussieht wie ein Kloster und vor dessen Ein-
gang ich immer einen Moment iiberlege, ob ich nicht doch lieber die
1926 575
Schuhe ausziehen soil, statt den Gepacktrager zu rufen. Nichts argerli-
cher als ein eis ernes Gelander vor einer vergitterten Kasse. Vor mir
schwebt ein Rucksack. Hinter mir stofit mich ein eiserner Stab, der
durch die Osen eines Strohkorbes gezogen ist. Ich mufi mich tief biik-
ken, urn dem von aller Welt abgeschlossenen Schalterbeamten mein
Fahrziel anzugeben. Er hat nur ein einziges offenes Quadrat, durch das
er Geld entgegennimmt und Gerausche. Ich wundere mich immer, daft
er nicht lieber mit den Handen hort . . .
Vom Gepacktrager, der alle meine Koffer hat, weifi ich nichts mehr
als eine Nummer. Ich mufi mich auf sein Physiognomiegedachtnis
verlassen. Wie, wenn er keines hatte? Wie, wenn sich ein Doppelgan-
ger fande? Wie, wenn dem Trager was Menschliches zustiefie? Mein
Freund mufi eine Bahnsteigkarte haben, will er mich begleiten. Wozu
Bahnsteigkarten? Das Betreten der Geleise ist ja ohnehin verboten.
Das Betreten des Perrons mufi gebufit werden. Ein Mann, der den
Bahnsteig betritt, um nicht zu fahren, bleibt doppelt zuriick. Man
konnte ebensogut von alien Karten verlangen, die nur den Bahnhof
betreten.
Unverschamt hohe Trittbretter fiihren zu meinem Kupee. Warum
nicht gleich Leitern? Man klettert in den Wagen wie auf einen Dach-
boden zum Waschetrocknen. Die Abteile sehen aus wie Ziindholz-
schachteln, die auf einer ihrer zwei Reibflachen stehen. Die Sitze sind
so raffiniert gebaut, dafi zwischen meinen Knien und denen meines
gegeniibersitzenden Mitreisenden kein Platz mehr ist. Wir konnten
ein Schachbrett auf unseren Knien aufstellen. Wir konnen die Augen
nicht aufschlagen - wir miissen uns sofort ansehen. Haben wir Pech,
sitzen wir zwischen zwei oder drei Menschen. Um eine Zigarette aus
der Tasche zu nehmen, miissen wir dem Nachbarn den Ellenbogen in
die Brust stofien.
Die sogenannte Musik des Raderrollens empfinden wir als Hammer-
schlage auf das Kleinhirn und die Schlafen. Strecke ich ein Bein aus,
so mufi ich im nachsten Augenblick die Hose des Nachsten biirsten.
Und fortwahrend sehen wir einander an: wenn wir Apfel schalen,
Wurst essen, Orangen offnen. Manchmal spritzen wir uns gegenseitig
den Saft sudlicher Friichte in die Augen.
Unsere Hande, unsere Kragen, unsere Hemden, unsere Taschentu-
cher werden schwarz. Die Lokomotive schuttet Rufi auf mein Ange-
sicht. Oft fahrt sie tiickisch durch sogenannte Tunnels, auf die die
576 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ganze Technik stolz ist. Wir fahren durch Unterwelten und sind keine
Grubenarbeiter. Wenn wir ein Fenster offnen, protestieren die Erkal-
teten. Sechsmal mufi ich um Verzeihung bitten, wenn ich hinauswill.
Notsignale sind mit Plomben versehen. Wenn man sie zieht, zahlt man
Strafe. Bei Meinungsverschiedenheiten entscheidet der Schaffner. Im-
mer zu meinen Ungunsten . . .
Wenn ich einen Schlafwagen nehme, teile ich einen schmalen Verschlag
mit einem dicken Herrn. Geteilte Nachte sind halbe Nachte. Man fahrt
leider nach Geschlechtern getrennt. Ehefrauen miissen erst nachgewie-
sen werden. Wenn ich Mittag esse, zittern Teller und Kellner, Weinfla-
schen stehen gefesselt in eisernen Ringen. Wehe, wenn man sie be-
freit! . . .
Schaffner wechseln oft, wie Aprilwetter. Sie zekhnen Striche auf die
Fahrkarten. Einfache Striche. Dazu miissen sie mich wecken. Diese
kunstlosen Striche (aber selbst Locher) mache ich selbst ebensogut.
Obers chaff ner kontrollieren dann die Striche der Schaffner. Von Ge-
packnetzen drohen todlich schwere Koffer, die ihr Gleichgewicht
nicht finden. An Grenzen kommen Zollwachter und rauchen meine
Zigarren. In den Korridoren hangen Beil und Sage hinter einer Glas-
scheibe und gemahnen an Unfalle.
Wenn man ankommt, fallt man iiber Koffer. Wenn man einen im Ge-
packwagen hat, mufi man eine Stunde warten. Alle Bahnhofe sind ver-
schwenderisch weit und hoch gebaut. Aber nur durch ganz schmale
Pforten kann man ins Freie kommen. Alle Fahrkarten mufi man abge-
ben. Was macht die Eisenbahndirektion mit all diesen alten Pappen-
deckeln?
Kein Mensch ist schlimmer dran als ein Reisender. Es ist merkwiir-
dig, dafi diese mittelalterliche, schikanose Art des Reisens alien so
romantisch vorkommt. Unsere Kleider sind zerstort. Heifie Wiirst-
chen und kaltes Bier ruinieren unsere Magen. Wir haben gerotete
Augen und fette, schmutzige Hande. Und bei all dem sind wir
glucklich! . . .
Im Kino sehe ich manchmal die Salonwagen amerikanischer Millio-
nare. Sie diktieren Sekretarinnen in die Schreibmaschine. Sie sitzen in
Wannen und baden, wahrend sie fahren. Ein Neger frottiert sie. Eine
Kochin bereitet ihnen Leibspeisen zu. Manche fahren in Salonautomo-
bilen, sie sind nicht einmal von Schienen abhangig. Manche fliegen in
Aeroplanen, kapitalistische Vogel. All das konnten wir auch verlangen.
1926 577
Die Fahrkarten sind teuer genug. Wir miifiten nicht auch noch Kino-
platze bezahlen.
Unsere Fahrzeuge, die sogenannten Verkehrsmittel, sind weit hinter
unserer Zeit zuriick. Sie stehen in keinem Verhaltnis zu unserem Stolz
auf die »Errungenschaften« und zur Verachtung, die wir fur die Post-
kutschen haben. Die Eisenbahnabteile sind den Postkutschen ahnli-
cher, als die Eisenbahnbehorden glauben. Im Zeitalter des Radios
knipst man noch Locher in Pappendeckel! Die Zeitgenossen des lenk-
baren Luftballons schleppen schwere Koffer! Wir erwagen schon Rei-
sen zum Mond. Wir wollen nachstens den Mars besuchen. Wir haben
die Relativitatstheorie gefunden. Aber weil wir sie nicht verstehen, ha-
ben wir doch noch keine Veranlassung, auf Hiihnersteigen zu schlafen,
wenn wir Betten bezahlen.
Die modernen Aeroplane sind schon komfortabler als die Eisenbah-
nen. Wenn ich Aphorismen machen wollte - ich mache keine-, wiirde
ich sagen: Es ist bequemer, von einem Aeroplan abzustiirzen, als mit
der Eisenbahn zu landen. Fur Zugzusammenstofie gibt es keine Fall-
schirme. Auch Schwimmgurtel suche ich vergebens auf Lokomoti-
ven ...
Mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde ist man immer
noch langsamer als die Zeit. Die Zeit macht hunderttausend Kilometer
in der Sekunde. Wahrend ich im fahrenden Zug sitze, laufe ich ihm
weit voraus. Das ist der Sinn der Relativitatstheorie . . .
Meine Photographie kann ich in einer Sekunde telegraphisch iibermit-
teln. Mich selbst iibermittle ich erst in zwolf Stunden. Wenn ich ange-
kommen bin, sehe ich mir gar nicht mehr ahnlich. Man kann sich nicht
im Zug rasieren. Der Bart aber wachst schneller, als der Zug fahrt. Die
Toilette kann man auf Stationen nicht benutzen. Wahrend der Fahrt ist
sie besetzt.
In der dritten Klasse sitzt man auf Holzpritschen, wie in Kerkerzellen.
Wenn einer die Lampe ausloscht, miissen alle schlafen. Zeitungen kann
man nicht lesen, weil es finster ist. Wenn das Licht brennt, zittern die
Zeilen des Leitartikels. Nur aus Verzweiflung halt man das Feuilleton
straff iiber dem Knie.
Wenn man den Kopf zum Fenster hinausstreckt, hat man ihn verloren.
Er liegt in einem Brunnen. Wenn man sich gegen eine Tiir lehnt, fliegt
man hinaus wie eine Orangenschale. Dabei ist das Hinauswerfen har-
ter Gegenstande verboten . . .
578 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Jedes »Ubertreten der Vorschriften wird geahndet«. Gepackdiebe
kann man »zur Anzeige bringen«. Sie sind urn keinen Preis der Welt
dazu zu bringen. Wer Angaben macht, die zur Eruierung eines Diebes
fiihren, erhalt eine Belohnung. Aber wer es einmal versucht hat, weifi,
wie schwer es ist, von der Eisenbahn Belohnungen zu erhalten.
Im Gegenteil: Man mufi oft »nachzahlen«. Man bekommt sogar Quit-
tungen. Man kann sie vor den Spiegel in der Toilette stecken. Er ist
ohnehin blind.
Das Aufspringen ist verboten. Das Abspringen nur Verbrechern ge-
stattet. Anstandige Menschen kriegen die Tur gar nicht auf, es sei
denn, dafi sie sich gegen sie wahrend der Fahrt lehnen. Kinder sind an
der Leine zu halten. Hunde dtirfen nicht in den Wagen genommen
werden. Aber fiir redselige Reisende sind keine Maulkorbe vorge-
schrieben . . .
Es gibt Luxusziige, D-Ziige, Schnellziige, Personenziige, verschiedene
Taxen, verschiedene Klassen, Vorschriften, Hemmungen, Verbote. All
das empfindet man »romantisch«.
Dennoch ziehe ich es vor, in einem D~Zug erster Klasse nach Monte
Carlo zu fahren, als zu Fufi eine Steuererklarung auszufiillen . . .
Anm. d. Red.: Wir konnen der Leserschaft versichern, dafi der Verfas-
ser unbeschadet der geschilderten »Romantik« selten zu Hause anzu-
treffen ist.
Frankfurter Zeitung, 6. 6. 1926
20 MINUTEN VOR DEM KRIEG
In einem Pariser Kino zeigt man Aktualitaten der tausendfach vergan-
genen, weil durch den Krieg von uns geschiedenen Wochen, die Auf-
nahmen der altgewordenen Neuigkeiten, der Moden, der Tanze, der
Funf-Uhr-Tees einer Epoche, die aus ihrer lappischen Lacherlichkeit
unmittelbar in ein blutiges Grauen hineintanzelte - einer Epoche, die
so verlogen war, daft sie die Wahrheit ihres eigenen Untergangs gar
nicht mehr erlebte. Sie war vor ihrem Tode schon tot. Ihre Kinder
1926 579
waren zu Lebzeiten schon Gespenster, in Gartenlauben aus Pappe ge-
zeugt.
Die regelmafiig bei jedem Programmwechsel sich erneuernden alten
Filme laufen unter dem standigen Titel: »2o Minuten vor dem Krieg«.
Ihretwegen ist das Kino taglich ausverkauft, manchmal iiberfiillt. Alle
Sonne gehen hin, ihre Vater auszulachen. Das grofie Familienalbum
der Vergangenheit wird vor ihnen aufgeblattert. Es besteht aus Gra-
bern, die kein Grauen ausstromen, sondern unwiderstehliche Komik.
Die Wirkung der Bilder gleicht ungefahr jener, die durch zwanzig Zy-
linder bei einer Leichenfeier hervorgerufen wird: Uber der Lacherlich-
keit der Hute verliert man den Schauer vor dem Sarg. Es entsteht eine
sehr merkwurdige Art von Grauen, das nicht die Seele, sondern das
Zwerchfell tangiert.
Wir sitzen vor der Leinwand und sehen eine jener alten preufiischen
Militarparaden, den Stechschritt der Regimenter zu Ehren des Kai-
sers, die wedelnden Pferdeschwanze an ihren naturlichen Orten und
auf den Helmen, die fetten, dienstbeflissenen Gesichter, aus steifen
Kragen hervorgeprefk und urn kiinstliche Doppelkinne bereichert,
Lakaien in Bratrocken, Barte aus blondem Zwirn. Von Stolz und
Eifer gezeugter Schweifi tropft auf knarrende Hemdbriiste, glan-
zende Manschetten aus leinwandahnlichem Blech rutschen iiber ver-
legen geschaftige, Hiite abreifiende, Fahnchen schwenkende Hande. -
Wir sehen die Pariser Menge von 19 10, die den franzosischen Prasi-
denten erblicken mochte, Manner mit zusammengerollten Wiirsten
aus schwarzer Seide, die Regenschirme im Ruhestand sind, mit
Zwickern an breiten Halsbandern, die im Winde schaukeln wie
Hangematten fur Sommerfliegen, mit Krawatten, die wie Matratzen
iiber Briiste gebettet sind. Wir sehen Frauen in langen Schleppen,
die wie unabsichtlich mitgezogene Teppiche sind, in Uberziehern,
die an den Hiiften plotzlich Glocken werden, in kleinen Kapotthiit-
chen, vielfach gestalteten, auf hohen Haarturmen sitzenden, mit
Bratspiefien befestigten. Alle Frauen haben die Form runder Turme,
unten breit, oben schmal, wenn sie stehen, verdeckt das Kleid ihre
Fiifie, es ist im Strafienpflaster eingepflanzt, im Innern von einem
Drahtgeriist gehalten. Auf der Spitze des Turms wimmern drei Kir-
schen aus Glas . . .
Man sieht den allerneuesten Pariser Tanz von 1908, vom beruhmtesten
Tanzprofessor jener Zeit vorgetrippelt. Der Professor tragt einen
580 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Cutaway mit blonder Weste, einen geschlossenen Stehkragen, der den
Hals umgibt wie erne geschliffene Festungsmauer, ein kleines, schwar-
zes, gezwirbeltes Schnurrbartchen. Er hat winzige Fiifkhen, er tanzt
auf den Fufkhenspitzen, mit Daumen und Mittelfinger halt er Daumen
und Mittelfinger seiner Dame. Er trippelt zwei Schrittchen vor, eines
zuriick, dreht sich um seine Achse, legt das Kopfchen kokett auf die
Schulter, betrachtet seine Fiifkhen und klappert mit schamhaften Au-
genlidern den Takt zu seinen Bewegungen.
Man sieht die Modeschopfungen eines alten grofien Ateliers: Vom
Hals bis zu den Hiiften sind Mannequins Atlaspanzer, von den Huften
bis zum falschen persischen Teppich sind sie Vorhange von Provinz-
biihnen. Manchmal, wenn es hoch und schamlos hergeht, entblofien
sie unziichtig einen Ellenbogen, die Verworfenen! Und wenn sie sich
setzen, heben sie mit zwei Fingern das Kleid und locken mit sktlich
verderbten Knocheln. Oh, wie kupplerisch sind die Moden! Grofie,
aus Draht geflochtene, mit Samt und Tiill iiberzogene Teller wackeln
auf den Kopfen, Straufifedern schaukeln auf den Tellern, fallen als
Fliegenwedel ins Gesicht. Uber die Kleider gehangt sind Bettvorleger,
dreieckige, die in einer Troddel endigen. Alle Frauen legen, wenn sie
lacheln, den Kopf auf eine Schulter. Und wann lacheln sie nicht, die
Neckischen? Sie schlagen die Augen auf und zu, wie kostbare
Schreine, in denen Versprechungen liegen . . .
Man sieht Filme, die vor dem Kriege gedreht wurden, zum Beispiel
den von den Banknotenfalschern. Der junge Mann verbreitet das fal-
sche Geld, um die Anspruche seiner verworfenen, bis zum Hals
zuchtlos zugeknopften Geliebten zu befriedigen. Er wird entdeckt,
seine Mutter kommt, er stand verborgen hinter einem Paravent. Jetzt
stiirzt er hervor, vom moralischen Impetus seiner Wandlung fallt die
chinesische Wand um, er selbst folgt ihr und legt sich, mit steifem
Oberkorper, in einem Winkel von 90 Grad auf die Knie, erhebt sich,
von einer gottlichen, unsichtbaren Schnur hochgezogen, fallt mit he-
belartig ausgestreckten Armen seiner Mutter um die Federboa, die ihr
Hals ist.
Vor solch erschutternden Ereignissen sitzen wir da, die Kinder der
Gegenwart, die Uberwinder Darwins und Ibsens, der unverstandenen
Frau mit der »Pleureuse«, der Suffragette sogar, der Paradeuniform,
des Regenschirms, des Vollmannes und des Suderbarts, der Schleppe
und der Turmfrisur aus Zopf und Spiefien; wir, die Betrachter der Ne-
1926 $%i
ger-Revuen, der nackten Madchen, wir im Trommelfeuer Geharte-
ten und Gezeugten, Verachter der schonen Luge, Bekenner der so-
zusagen hafilichen Wahrheit. Vor dem ganzen verlogenen Jammer
unserer Vater, die den Film erfunden zu haben scheinen, um uns
ihre Lacherlichkeit zu iiberliefern, lachen wir, lachen wir. Wir haben
Boxer und Sportidioten, Amenka und Dauerlaufer, Girls, die von
Pastoren geziichtet werden, eine Internationale sonntaglich wehen-
der Windjacken. Aber wir haben keine Mieder statt der Briiste,
keine Federboas statt der Halse, keine Vorhange statt der Beine und
statt der Tragik keine Zylinder! Wo der Stechschritt noch ertont, ist
er bewujit verstorben, die Paraden dieser Zeit weihen schlimmsten-
falls lebende Denkmaler ein (und nicht tote). Wir sind keine Opti-
misten, aber wir erwarten das Selbstverstandliche. Wir wissen, dafi
die »Pleureusen« zum Stahlhelm fuhren mufiten, dafi ein gerader
Weg sich zieht vom ztichtigen Schleier zur Gasmaske und von der
Gartenlaube zum Schiitzengraben. Und jenen Landsturm ohne
Waffe, der die Felder der Ehre gepfliigt hat, um uns dann hinzusaen
mit weinerlichem Segen - diesen verlogenen Vorabend des Krieges
verlachen wir jeden Abend zwanzig Minuten lang, nicht langer, aus
voller Brust. -
Frankfurter Zeitung, n. 6. 1926
DER FAKIR UND SEIN PUBLIKUM
In einem mondanen kleinen, von sorgenlosen Menschen besuchten
Pariser Theater trat der Fakir Tahri Bey auf. Er ist ein mittelgrofter,
schwarzbartiger, weiEhautiger, mit einer Art jenseitiger Jugend begab-
ter Mann, die keineswegs von Jahren abhangig ist. Er tragt ein Lacheln
um den Mund wie eine offene Blume. Seine auffalligste Eigenschaft ist
seine sehr irdische Tugend, der Charme, eine Tugend, deren ein Fakir
scheinbar nicht bedarf. Dieser Fakir aber ist charmant, gleichsam um
uns erdgebundenen Zuschauern entgegenzukommen.
An jenem Abend, an dem ich das Theater besuchte, gewann ich die
Uberzeugung, dafi des Fakirs Entgegenkommen uberfliissig, ja sogar
582 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ein grober psychologischer Fehler war. Hatte ich ihn doch warnen
konnen! Ich hatte ihm gesagt, dafi sorgenlose wohlhabende Men-
schen, die ihre Platze bezahlt haben, metaphysische Schauer erleben
wollen, nicht menschliche Grazie, und dafi die meisten Westeuro-
paer ein Wunder nur dann geniefien, wenn es mit einer gewissen
Quantitat von Schrecken verbunden 1st. Unser Fakir verbrekete kei-
nen Schrecken. Dafi er ein weifies Gewand trug, war sein einziges
Zugestandnis an das Bediirfnis der Zuschauer nach Mystik. Er war
natiirlich, irdisch, er sprach mit einer sanften, nasalen Stimme immer
nur von Wissenschaft und Experiment statt von Geistern, Teufeln
und Holle. Er sprach exakt, logisch, konsequent; er wandte sich an
den ohnehin geringen Verstand der Zuhorer, auf den sie freiwillig
verzichten, statt an die Quellen ihrer Furcht zu riihren, die sie breit
aufgedeckt hatten.
Infolgedessen geschah es, dafi die Menschen eitel wurden, aufsassig,
widerspenstig, wie Knaben gegen einen giitigen Lehrer. Sie schiitte-
ten die Quellen ihrer Furcht wieder zu und weckten ihren Verstand
auf, der zwar nicht dazu ausreichte, den Fakir zu begreifen, aber ge-
rade noch grofi genug war, ihm Schwierigkeiten zu bereiten. Wenn
der Fakir bat, es mochte jemand auf die Biihne kommen, blieben
alle sitzen. Zu wissenschaftlichen Experimenten wollen sich reiche
Menschen nicht gerne hergeben, weil nach dem ewigen Gesetz der
Weltordnung nur Arme und Kaninchen dazu aufierkoren sind.
Noch nie hatte jemand freundlicher mit Zuschauern gesprochen als
dieser Tahri Bey.
Schliefilich kam eine resolute, schon grauhaarige hutlose Dame vor
das Publikum, deren aufierst niedrige Sandalen-Absatze eine mannli-
che Energie verrieten und dem tiefen Timbre ihrer Stimme entspra-
chen. Es war ihre Aufgabe, dem Fakir einen gedachten Auftrag zu
erteilen und ihm ihre Gedanken durch das Auflegen ihrer eigenen ge-
raumigen Hand auf seine schmale weifie zu iibermitteln. Sie tat es. Sie
legte mit unverkennbarer Entschlossenheit ihre Hand auf die des Fa-
kirs und sah ihn aus scharfen, grauen, zweifelnden und hohnischen
Augen an. Der Fakir schien erraten zu haben. Er liefi sich auf die
Knie fallen und suchte mit den Handen etwas in der Gegend der
energischen Sandalen. Da er nichts fand, erhob er sich. Die Dame
schwieg. Er liefi sich wieder fallen und ruderte mit den Armen in der
tiefen Leere. »Fahren Sie nur fort!« liefi sich die Stimme der Dame
1926 5^3
vernehmen. »Habe ich's also erraten?« fragte sanft der Fakir. »Fahren
Sie fort!« befahl die Dame.
Der Fakir aber horte auf, vielleicht, weil er sich schamte, so willenlos
vor einer Dame zu liegen. »Waren Sie nur geblieben«, hohnte die
Dame, »denn, wissen Sie, was ich Ihnen befohlen hatte? - ich hatte mir
ausgedacht: Sie sollen - schwimmen.«
Ja, schwimmen hatte sie sich ausgedacht! Warum nicht f liegen? Da
kein Wasser auf der Buhne war, ware Fliegen logischer gewesen. Nie-
mand klatschte. Alle gaben der Dame recht, und niemand sah, dafi der
Fakir sogar diesen sinnlosen Befehl ausgefuhrt hatte. Der Fakir
seufzte. Fur einen Moment wehte ein Schatten uber sein Lacheln. Er
mochte einsehen, wie schwach die Vernunft ist und um wieviel grower
die Anstrengung der Manner sein mag, die den Menschen die Kopfe
erleuchten wollen, als derjenigen, die iibersinnliche Krafte hervorru-
fen. Er mochte einsehen, um wieviel leichter es ist, den verborgenen
Gedanken eines Menschen zu erraten, als einen Menschen zu einem
Gedanken zu erziehen.
Seine Qual war noch nicht zu Ende. Er hypnotisierte einen jungen
Mann und bat einen Herrn, an einen Gegenstand zu denken. Der
Hypnotisierte wiirde den Gegenstand erraten. »Gut«, sagte der Herr,
»ich denke.«
»Wollen Sie auf die Buhne kommen?« flehte der Fakir. »Nein«, erwi-
derte der Herr, »ich bleibe sitzen.« Der Fakir trat zu seinem Medium.
»Das ist ein Gegenstand«, sagte das Medium, »den der Herr verloren
oder vergessen hat oder der gestohlen worden ist.« »Richtig«, sagte der
Herr. »Es ist ein Gegenstand«, sprach das Medium, »den der Herr
immer mit sich getragen hat.« »Nein«, sagte der Herr. Das Medium
blieb dabei, dafi es ein Gegenstand war, den der Herr immer mit sich
getragen hatte.
»Nein«, sagte der Herr, »Sie haben nichts erraten. Ich dachte an mei-
nen Regenschirm, der mir abhanden gekommen ist; und ich habe ihn
nur bei regnerischem Wetter getragen. «
Da blieb dem Fakir nichts anderes iibrig, als sich begraben zu lassen.
Vorher fragte er: »Wie lange soil ich tot sein, fiinf, sieben oder zehn
Minuten?«
»Eine ganze Viertelstunde!« sagte ein Herr im Smoking. Es war einer
jener Herren, die Periicke und Zwicker tragen. Sein Angesicht bestand
nicht aus Ziigen, sondern aus Fleischknollen.
584 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Der Fakir legte sich in einen Sarg, Arbeiter schiitteten Sand auf sein
Gesicht und auf den Sarg, es wurde ein gelber Grabhugel auf der
Biihne.
Nach einer Viertelstunde holte man den Fakir aus dem Grab. Sein An-
gesicht war schwarz, seine Augen weifi, seine Hande ohnmachug. Aus
einem Schal konnte er mit diesen ohnmachtigen Handen gerade noch
sogenannte Talismane ausstreuen, pergamentene Zettel. Und siehe da:
Alle vornehmen gescheiten Menschen, die den Fakir verspottet hatten,
die aus ihrer noblen Reserve nicht auf die Biihne hatten kommen wol-
len, rissen sich um die Talismane. Damen vergafien ihre Haltung und
Herren ihre Ritterlichkeit, es war wie bei einer Katastrophe, Leute, die
keinen Zettel erwischten, schrieen verzweifelt, man mufite den Fakir
schnell von der Biihne wegfiihren, indessen ein Handgemenge um die
Talismane entstand. Man sah Damen in Abendkleidern auf seidenen
Knien am Boden nach Zetteln suchen und Herren mit gierigen Fingern
kleine Papierchen in Brieftaschen verbergen. Hatte man die Lichter
nicht ausgeloscht und hatten sich die Menschen nicht besonnen, daE in
der Garderobe ihre immerhin kostbaren Mantel lagen und Regen-
schirme, die sie allerdings nur bei regnerischem Wetter trugen - der
Streit hatte kein Ende genommen.
Jetzt ist Tahri Bey unterwegs nach Amerika. Er wird dort ein Publi-
kum finden, dafi zwar auch einen geringen Verstand hat, dafl aber kei-
nen so grofien Gebrauch davon macht. Ich wiinschte ihm je^enfalls, er
wiirde bei einem Taschenspieler lernen, wie man echte Wunder voll-
fiihrt, damit sie genauso wirksam seien wie falsche. Denn es kommt
leider immer noch darauf an, die Menschen gerade dann zu betriigen,
wenn man ihnen Wahrheiten beweisen will.
Frankfurter Zeitung, 30. 6. 1926
BUCHER VON SOLDATEN
Frankreich - Tschecboslowakei - Deutschland
Joseph Delteil, der beriihmte Verfasser der »Jeanne d'Arc«, hat ver-
sucht, ein Epos iiber den Weltkrieg zu schreiben; die »Poilus« - so
heifit sein in der Edition du Loup (Paris) erschienenes Buch - zu besin-
gen; nicht die historischen Tatsachen zu behandeln, sondern den Atem
der historischen Tatsachen; nicht das Faktum, sondern den Spiritus.
Delteil versucht, die Menschlichkeit von dem Schauder und aus dem
Historisch-Ofhziosen zu losen, das Private (Tragische und Schone)
von dem Monumentalen - den »poilu« also wiederzugeben und nicht
den Soldaten.
Dieses Buch, das in Frankreich eine Zeitlang umstrittene Sensation
war, konnte nur in Frankreich geschrieben werden. Es ist ein gut an-
gelegter Versuch geblieben. Die zeitliche Nahe verhindert die epische
Objektivitat. Aber selbst aus einer zeitlichen Feme ist der Weltkrieg
1914 bis 1918 nicht etwa wie ein Trojanischer zu behandeln; und
auch wenn Delteil Homer ware, er konnte iiber die Belagerung von
Paris keine Ilias schreiben. Ein Krieg, den man so iiberwunden hat,
den man so durchschaut hat, dessen unermefiliche Tragik aus so
kleinlichem Diplomaten-, Kaiser- und Phrasenspiel erwuchs, ist nicht
mehr (auch in Frankreich nicht) ekstatisch-episch, sondern satirisch
zu behandeln. Delteil hat subjektiv geschrieben, ein lyrisches Doku-
ment geliefert, die atmospharischen Schwankungen der »Grofien
Zeit« aufgezeichnet.
Die »Grofie 2eit« erweist ihre grausame Wahrhaftigkeit nur in der Ka-
rikatur. Der tschechische Dichter Jaroslav Hasek hat sie gezeichnet.
Sein Buch heifit »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk wdhrend
des Weltkrieges* (Prag, Adolf Synek. 334 Seiten, Geb. M 5.20).
Der brave Soldat Schwejk ist ein kleiner tschechischer Hundehandler,
ein osterreichischer »Tepp«, dumm und harmlos, ahnungslos gegen-
iiber den grofien Dingen dieser Welt und ihnen in all seiner Ohnmacht
dennoch iiberlegen. Der Trottel Schwejk entlarvt das heroische Zeital-
ter als eine grauenhaft gehaufte Dummheit, die ihm nicht, nicht einmal
ihm gewachsen ist. Gegeniiber dem gesunden Menschenverstand eines
notorischen Schwachkopfes halt das grofiartige Gebaude nicht stand,
586 DAS JOURNALISTISCHE WERK
das Historiker, Gelehrte, Politiker, Kaiser, Konige, Prasidenten, Indu-
strielle und Dichter aufgerichtet haben.
Von Gott sagt man, er spreche durch den Mund der Narren. Im Buch
Jaroslav Haseks spricht der Ewige sogar durch den Mund eines wegen
arztlich bescheinigten Schwachsinns aus dem Militar Entlassenen. Das
verlogene Pathos enthullt der Idiot besser und nachhaltiger als der Sa-
tiriker. Der brave Soldat Schwejk ist bereits in dem Grade dumm, dafi
er weise wird. Es gibt auch noch etwas Dummeres als Dummheit: Das
ist die Torheit. Der Weltkrieg war eine. Schwejk beweist es.
Das Buch Haseks ist aus gesammelten Feuilletons entstanden, die der
Autor in Rufiland wahrend des Krieges in einer fur die tschechischen
Legionare herausgegebenen Zeitung taglich erscheinen liefi. Hasek ist
spater Kommunist geworden. Ware er nicht allzufriih gestorben, wer
weifi, er hatte noch ein Buch geschrieben, in dem sein neues tschecho-
slowakisches Vaterland eine ebenso ironische Spiegelung erfahren
hatte wie sein altes osterreichisches. Er hat jedenfalls sein Buch von
Schwejk nicht mehr redigieren konnen.
Es ist manchmal weitschweifig, es bedurfte einer Kiirzung. Die deut-
sche Ubersetzung hatte jedenfalls besser sein mussen. Ein paar Kapitel
dieses Buches waren einmal in einer deutschen Zeitschrift in glanzen-
der Ubersetzung erschienen. Warum blieb die Ubersetzung nicht? Es
ist so schwer, diesen Prager Vorstadt- und Hundehandler-Dialekt le-
bendig im Deutschen wiederzugeben, dafi der Verlag sich die Miihe
hatte nehmen mussen, nach einem Ubersetzer von Rang, nach einem
Kenner Prags und der deutschen Sprache zu suchen (etwa Meyrink
oder E.E. Kisch).
Hasek liefert die bewufke Karikatur des Soldaten. Der selige Philipp
Mainldnder, ein ehrenwerter, gut angeschriebener, wenn auch nicht
sehr origineller Philosoph (1876 durch Selbstmord geendet) schreibt
die unbewufite Karikatur. Walter Rauscbenberger hat dem Gedachtnis
des braven Philosophen keinen guten Dienst durch die Herausgabe der
hinterlassenen Schrift »Meine Soldatengeschicbte« (Berlin, Georg
Stilke, 144 Seiten. M 6) erwiesen. Ich wiinschte dem toten Mainlander,
er hatte einen klugeren Verwalter fur seinen Nachlafi gefunden und
einen besseren Stilisten. Wenn Rauschenberger in der Einleitung
schreibt: »In anthropologischer Richtung ist zu bemerken, daft Main-
lander mittelgrofi und briinett war« - so ahne ich schon, was Mainlan-
1926 587
der selbst in militarischer Richtung zu bemerken haben wird. Und ich
erfahre wirklich, dafi der arme Mainlander 1866 vergeblich um Auf-
nahme in das Heer gebeten hat. »Im Herbst i868«, so schreibt Main-
lander, »stand ich vollkommen frei da, und mein erster Gedanke war
naturlich, in die Armee einzutreten, damit ich bei Ausbruch eines
Krieges gleich mitmarschieren konnte.« Es gelingt ihm nicht.
Schliefilich (aber erst nacb dem Krieg 1870/71) gelingt es dem Philoso-
phen, Soldat zu werden. Bevor er einriickt, bereitet er sich folgender-
mafien vor:
»Auch verfehlte ich nicht, immer eine halbe Stunde lang mich auf mei-
nen neuen Beruf vorzubereiten. Ich machte >langsamen Schritt< (die
blauen Glockenblumen und der gelbe Ginster kicherten leise, und die
dicken Hummeln verspotteten mich schadenfroh) und iibte Griffe:
Gewehr auf! Prasentiert das Gewehr! Gewehr ein! und Hiebe: Rechts-
Hieb! Links-Hieb! Stich! Dieses Ineinandergreifen zweier diametral
entgegengesetzter Tatigkeiten, der reinen Sensibilitat und reinen Irri-
tabilkat, brachte den seltsamsten Zustand in mir hervor!«
Der arme Mainlander! Er ist kurzsichtig - frisch, fromm, frohlich, frei,
aber kurzsichtig. Deshalb begibt er sich einen Tag vor der offiziellen
Musterung angstvoll zum Oberstabsarzt, versetzt diesen in grofie Ver-
wunderung, erhalt schliefilich die Zusicherung, daft er auf jeden Fall
Soldat wiirde, und wird es.
Er wird Soldat und beschreibt naiv, kindlich, sentimental das Soldaten-
leben. Und Rauschenberger gibt es heraus. Und entblofk den Mainlan-
der, der eine brave, stille Rubrik in einem philosophischen Nach-
schlage-Lexikon ausgefiillt hatte, als einen »Dreijahrig-Freiwilligen«.
Und ein Verlag druckt es. Und eine Papierfabrik liefert das Papier.
Und Setzer setzen es. Und Buchhandler vertreiben es. Und ich - be-
spreche es.
Ich bespreche es als ein kleines, winziges Zeichen der deutschen Ge-
genwart.
Frankfurter Zeitung, 15.8. 1926
SPAZIERGANG IN WARSCHAU
In den Stadten des europaischen Ostens Hebe ich die Marktplatze zu
sehen, die freien, nicht die von Hallen gedeckten, die offenen Markte
mit den Hunderten von Buden, den armseligen Spielzeugen, den billi-
gen Bedarfsgegenstanden, nach denen kein Bedarf ist, und die zusam-
mengewiirfelten, bunt durcheinandergewebten Gemiise auf den Sak-
ken, die eine Art Gartenerde sind und auf denen das schon Gepfliickte,
Entwurzelte, Abgeschnittene zu einer neuen Blute kommt und zu
einem letzten frohlichen Leben vor dem Gekochtwerden. In Warschau
liegt der offene Marktplatz neben der nach westeuropaischen Mustern
gebauten Halle, am Ausgang des jiidischen Viertels. Man verkauft auf
dem Marktplatz in Warschau alles: Schniirsenkel und Karotten, Huh-
ner und Hundeleinen, Kopftiicher und Fliegenpapier, Schiirzen und
Schaukelpferde, Gebetbiicher und Brot, Leinwand, Leder und Insek-
tenpulver. Das Geschrei ist unbeschreiblich verwirrend, von einer er-
schiitternden, grausam und gleichzeitig traurig-weinerlichen Melodie,
es besteht aus den tiefen Stimmen streitender, feilschender Manner und
dem schwarzen Geblok der Rinder als Grundlage. Auf der Basis, auf
dieser schweren, dunklen Klangmasse erhebt sich, flatternd, zerrissen,
diinn, das Krahen der Huhner, das Schnattern der Ganse, das Krei-
schen der Frauen. Aus der Feme, wenn man sich dem Marktplatz na-
hert, hort man nur diese hellen Klange und wie ein Brummen unterir-
discher, sehr weiter Basse die dunklen Stimmen. Das ergibt einen sehr
seltsamen, unirdischen akustischen Eindruck. Es klingt wie die Melo-
die wildgewordener betender Derwische.
Spater lernt man die Urheber dieser Klange kennen: alte Juden mit
langen Barten aus weifkr Wolle, mit rudernden Armen, in flatternden
Kaftanen; jiidische Frauen mit grofien Topfen vor dem dicken Leib, in
dunklen Kopftuchern, mit unaufhorlich bewegten zahnlosen Miin-
dern; barfiifiige Bauerinnen in grellen, mit hellen Wiesenblumen be-
malten Kopftuchern; Gefliigel, das eng zusammengedrangt in vergit-
terten Kasten steht, mit den Fliigeln um sich schlagt; kleine, klaffende
Hunde, piepsende amerikanische Mause; grofte, starke, feilschende
Manner mit schwarzen Miitzen, um einen Bauernwagen gedrangt, auf
dem zwei fette, an den FuEen gefesselte Schweine ein jammerliches
Geheul erheben. »Kauft! Kauft!« ruft es von jedem Stand, ein blenden-
1926 589
der, kupferner Samowar singt leise vor sich hin und stofk grofie graue
Wolken aus wie eine Lokomotive; wandernde Handler verkaufen
junge Maiskolben, Essigsaft, Geback und grofie braune Bohnen und
gelbe kleine Erbsen; die kleinen Pferdchen vor den strohgedeckten,
mit Stroh gepolsterten Bauernwagen wiehern hell und frohlich und
wie aus kleinen Kindertrompeten.
Am Ufer der Weichsel 1st ein Badestrand eroffnet, mit weichem Sand,
mit einem Cafe und mit Turngeraten. Die beste Gesellschaft kommt
hierher, um zu baden und zu flirten. Seltsamerweise gibt es hier noch
Abteilungen, in die der Zutritt nur den Frauen gestattet ist. Stunden-
lang stehen die Manner am Zaun, um durch Ritzen und Astlocher
Dinge zu entdecken, die ohne Anstrengung und ohne Verbot uberall
zu sehen sind . . .
Man arbeitet in Warschau verhaltnismafiig wenig. Die Menschen sitzen
auch wenig zu Hause, sie sitzen im Sommer auf den vielen Banken, die
nicht nur in den Garten stehen, sondern auch in vielen breiten rasen-
und baumreichen Straften. Nirgends ist ein mehr gemischtes Publikum
zu finden. Die Faulheit, der weiche Wind, die Sonne, die Bank heben
alle Unterschiede auf, die zwischen Burgern, Bauern, Arbeitern,
Dienstmadchen, Lehrerinnen, Soldaten, Offizieren, Juden bestehen.
Hier sitzen sie stundenlang, debattierende und sehr schweigsame Men-
schen, Arbeiter, die leise vor sich hin singen, alternde Madchen mit
Biichern aus der Leihbibliothek und junge, die auf eine Ankniipfung
hoffen . . .
Indessen singen kleine Straftenbuben, barfufiige, barhauptige, char-
mante, schmutzige, die Namen der Zeitungen; Leierkastenmanner Zie-
hen voriiber, den griinen Papagei auf der Schulter, jiidische Handels-
manner mit einem Sack fur alte Kleider auf dem Arm.
Die polnischen Gefangnisse sind uberfiillt. In keinem europaischen
Land - aufter Ungarn - gibt es weniger freien Raum in Gefangnissen,
Arresten und Kerkern. Die innerpolitischen Verhaltnisse des Landes,
Furcht vor dem benachbarten Rutland, verschiedene echte und von
der politischen Polizei halb vorgetauschte und konstruierte Konspira-
tion der im grofien nicht staatsfreundlichen ukrainischen Bevolkerung
verursachen viele Einzel- und Massenverhaftungen. Verdachtige
590 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Fliichtlinge aus den ostlichen Randstaaten, R'auberbanden in den Wal-
dern, Internationale Verbrecher haben ihre Tatigkeit in Polen nach
dem grofien Krieg begonnen und noch nicht beendet. Die Gefangnisse
des Landes sind Uberbleibsel aus der alten russischen, osterreichi-
schen, preufiischen Okkupation. Am traurigsten sind die von Oster-
reich in Galizien hinterlassenen Gefangnisse, von grauen, hohen Mau-
ern umgeben, mit Zellen ohne Licht, ohne Wasser, ohne Kanale und
ohne hygienische Lagerstatten.
Die heitersten Erscheinungen der polnischen Offentlichkeit sind die
Kinder, die kleinen Kolporteure und Streichholzverkaufer. Es sind
arme, schmutzige, zudringliche und immer frohliche Kinder. Sie sprin-
gen auf vorbeifahrende Wagen und verlassen das Trittbrett nicht eher,
bis man ihnen eine Zeitung oder eine Streichholzschachtel abgekauft
hat. Ihre Zudringlichkeit ist von einer Anmut, der nur noch die siidli-
che des italienischen Bettelknaben entspricht. Diese polnischen Kinder
sind durchaus nicht furs Leben verloren. Sie sind auf dem besten Weg,
eine grofie Tuchtigkeit, eine grofiere Menschenkenntnis zu erwerben
und sie spater niitzlicher in irgendeinem Beruf zu verwerten.
Das Illustrierte Blatt, 11.9. [1926?]
Reise in Russland
I
DIE ZARISTISCHEN EMIGRANTEN
Lange bevor man noch daran denken konnte, das neue Rufiland aufzu-
suchen, kam das alte zu uns. Die Emigranten trugen den wilden Duft
ihrer Heimat, der Verlassenheit, des Bluts, der Armut, des aufierge-
wohnlichen, romanhaften Schicksals. Es pafite zu den europaischen
Klischeevorstellungen von den Russen, dafi sie solches erlebt hatten,
Ausgestofiene waren, von warmen Herden Vertriebene, Wanderer
durch die Welt ohne Ziel, Entgleisende mit der aiten literarischen Ver-
teidigungsformel fiir jeden Sprung iiber gesetzliche Grenzen: »die rus-
sische Seele«. Europa kannte die Kosaken aus dem Variete, die russi-
schen Bauernhochzeiten aus opernhaften Biihnenszenen, die russi-
schen Sanger und die Balalaikas. Es erfuhr (auch nachdem Rutland zu
uns gekommen war) niemals, wie sehr franzosische Romanciers - die
konservativsten der Welt - und sentimentale Dostojewski-Leser den
russischen Menschen umgelogen hatten zu einer kitschigen Gestalt aus
Gottlichkeit und Bestialitat, Alkohol und Philosophie, Samowarstim-
mung und Asiatismus. Was hatten sie aus der russischen Frau gemacht!
Eine Art Menschuer, mit Reue begabt und Leidenschaft zum Betrug,
eine Verschwenderin und eine Rebelliernde, eine Literatenfrau und
eine Bombenfabrikantin. Je langer die Emigration dauerte, desto naher
kamen die Russen der Vorstellung, die man sich von ihnen gemacht
hatte. Sie taten uns den Gefallen und assimilierten sich an unser Kli-
schee. Das Gefuhl, Trager einer »Rolle« zu sein, linderte vielleicht ihr
Elend. Sie trugen es leichter, wenn sie literarisch gewertet wurden. Der
russische Fiirst als Chauffeur eines Pariser Taxis steuert unmittelbar in
die Literatur. Sein Schicksal mag grausam sein. Aber es ist belletristisch
verwendbar.
Das anonyme Leben der Emigranten wurde eine offentliche Produk-
tion. Wie erst, wenn sie sich selbst zur Schau stellten. Hunderte griin-
deten Theater, Sangerchore, Tanzgruppen und Balalaika-Orchester.
Zwei Jahre lang waren alle neu, echt, verbliiffend. Spater wurden alle
592 DAS JOURNALISTISCHE WERK
selbstverstandlich und langweilig. Sie verloren die Beziehung zur hei-
matlichen Erde. Sie entfernten sich immer mehr von Rutland - und
Rufiland noch mehr von ihnen. Europa kannte schon Meyerhold - sie
hielten immer noch bei Stanislawsky. Die »blauen V6gel« fingen an,
deutsch, franzosisch, englisch zu singen. Schliefilich flogen sie nach
Amerika und verloren das Gefieder.
Die Emigranten betrachteten sich als die einzigen Vertreter des Echt-
Russischen. Was nach der Revolution in Rufiland wuchs und von Be-
deutung wurde, verleumdeten sie als »unrussisch«, »jiidisch«, »inter-
national«. Europa hatte sich langst daran gewohnt, in Lenin einen rus-
sischen Reprasentanten zu sehen. Die Emigranten hielten noch bei Ni-
kolaus dem Zweiten. Sie hielten mit riihrender Treue an der Vergan-
genheit fest, aber sie vergingen sich gegen die Geschichte. Und sie
selbst reduzierten ihre Tragik.
Ach! sie mufiten leben. Deshalb ritten sie in Pariser Hippodromen hei-
matliche Kosaken-Galoppe mit fremdblutigen Pferden, bekleideten sie
sich mit krummen Tiirkensabeln, die auf dem Flohmarkt von Glignau-
court erworben waren, fiihrten sie leere Patronentaschen und stumpfe
Dolche auf dem Montmartre spazieren, setzten sie auf ihre Haupter
grofie Barenmiitzen aus echten Katzenfellen und standen furchtbar an-
zusehn als Hauptlinge aus Dongebieten vor den Drehtiiren der Eta-
blissements, auch wenn sie in Wolynien zur Welt gekommen waren.
Manche avancierten auf unkontrollierbaren Nansen-Passen zu GroE-
fiirsten. Es war ja auch gleichgultig. Alle konnten sie mit der gleichen
Fertigkeit aus den Balalaikas Heimweh und Schwermut zupfen, rote
Saffianstiefel mit silbernen Sporen tragen und hockend in tiefer Knie-
beuge auf einem Absatz herumwirbeln. Eine Furstin sah ich in einem
Pariser Variete eine russische Hochzeit darstellen. Sie war eine strah-
lende Braut, Nachtwachter aus der Rue Pigalle, als Bojaren verkleidet,
wuchsen Spalier wie aus Blumentopfen, eine Kathedrale aus Pappe
leuchtete im Hintergrund, aus ihr trat der Pope mit einem Bart aus
Watte, glaserne Edelsteine funkelten im russischen Sonnenglanz, der
aus dem Scheinwerfer flofi, und die Kapelle traufelte aus gedampften
Geigen das Lied von der Wolga in die Herzen des Publikums. Andere
Furstinnen waren Kellnerinnen in russischen Lokalen, Notizblocke
hingen an tulasilbernen Ketten an ihren Schiirzen, ihre Kopfe standen
stolz im Nacken, Musterbeispiele standhafter Emigrantentragik.
Andere, Gebrochene, saften still auf den Banken der Tuilerien, des Lu-
i 9 z6 593
xemburggartens, des Wiener Praters, des Berliner Tiergartens, an den
Ufern der Donau in Budapest und in den Kaffeehausern von Kon-
stantinopel. Mit den Reaktionaren eines jeden Landes hatten sie Ver-
bindung. Sie safien da und trauerten ihren gefallenen Sohnen und
Tochtern nach, ihren vermifiten Frauen - aber auch der goldenen Ta-
schenuhr, dem Geschenk Alexanders des Dritten. Viele hatten Rut-
land verlassen, weil sie »das Elend des Landes nicht ansehen konn-
ten«. Ich kenne russische Juden, die, noch vor wenigen Jahren von
Denikin und Petljura »enteignet«, heute dennoch nichts mehr auf der
Welt hassen als Trotzki, der ihnen nichts getan hat. Sie wollen ihren
falschen Taufschein wiederhaben, mit dem sie sich demiitig, unwiir-
dig einen verbotenen Aufenthalt in den grofien russischen Stadten er-
schlichen hatten.
In dem kleinen Hotel im Pariser Quartier Latin, in dem ich wohnte,
lebte einer der bekannten russischen Fiirsten, mit Vater, Frau, Kindern
und einer »bonne«. Der alte Flirst war noch echt. Er kochte seine
Suppe auf einem Spirituskocher, und obwohl er mir bekannt war als
eine antisemitische Kapazitat und eine Leuchte im Bauern-Schinden,
erschien er mir dennoch riihrend an feuchten herbstlichen Abenden,
durch die er frierend kroch, ein Symbol, kein Mensch mehr, ein Blatt,
abgeweht vom Baum des Lebens. Aber sein Sohn, in der Fremde erzo-
gen, elegant von Pariser Schneidern eingekleidet, von reicheren Grofi-
fursten erhalten - wie anders war er! Im Telephonzimmer konferierte
er mit gewesenen Leibgardisten, an falsche und an echte Romanows
schickte er Ergebenheitsadressen zu Geburtstagen, und den Damen im
Hotel legte er kitschige rosa Liebesbriefchen in die Schlusselfacher. Zu
zaristischen Kongressen eilte er in Automobilen, und er lebte wie ein
kleiner emigrierter Gott in Frankreich. Wahrsager, Popen, Kartenle-
ser, Theosophen kamen zu ihm, alle, die die russische Zukunft kann-
ten, die Wiederkehr der groEen Katharina und der Troikas, der Baren-
jagden und der Kalorga, Rasputins und der Leibeigenschaft . . .
Alle verloren sich. Sie verloren das Russentum und den Adel. Und weil
sie nichts mehr gewesen waren als Adelige und Russen, hatten sie alles
verloren. Sie sanken aus ihrer eigenen Tragik. Dem groSen Trauerspiel
entfielen die Helden. Die Geschichte ging unerbittlich ihren eisernen
und blutigen Weg. Unsere Augen wurden mude, ein Elend zu betrach-
ten, das sich selbst so billig gemacht hatte. Wir standen vor den Uber-
resten, die ihre eigene Katastrophe nicht begriffen, wir wufken mehr
594 DAS JOURNALISTISCHE WERK
von ihnen, als sie uns erzahlen konnten, und Arm in Arm mit der Zeit,
gingen wir iiber die Verlorenen hinweg, grausam und dennoch trau-
rig.-
Frankfurter Zeitung, 14. 9. 1926
II
DIE GRENZE NIEGORELOJE
Die Grenze Niegoreloje ist ein grofier brauner, holzerner Saal, in den
wir alle eintreten miissen. Giitige Trager haben unsere Koffer aus dem
Zug geholt. Die Nacht ist sehr schwarz, es ist kalt, und es regnet. Des-
halb sahen die Trager so giitig aus. Mit ihren weifien Schiirzen und
ihren star ken Arm en kamen sie uns helfen, als wir fremd an die Grenze
stiefien. Ein Mann, der dazu befugt war, hat mir noch im Zug den Pafi
abgenommen, mich meiner Identitat beraubt. So, ganz und gar nicht
ich, ging ich iiber die Grenze. Man hatte mich mit jedem beliebigen
Reisenden verwechseln konnen. Spater allerdings stellte es sich heraus,
dafi die russischen Zollrevisoren mich nicht verwechselten. Intelligen-
ter als ihre Kollegen aus anderen Landern, wufiten sie, zu welchen
Zwecken ich reise.
Im braunen, holzernen Saal hatte man uns schon erwartet. Gelbe,
warme elektrische Lampen waren an der Decke entziindet. Auf dem
Tisch, an dem der Oberste der Zollrevisoren safi, brannte, freundliche
Griifierin aus vergangenen Zeiten, eine Petroleumlampe mit Rund-
brenner und lachelte. Die Uhr an der Wand zeigte die osteuropaische
Zeit. Die Reisenden, beflissen, ihr nachzukommen, riickten ihre Uh-
ren um eine Stunde vor. Es war also nicht mehr zehn, sondern schon
elf. Um zwolf mulken wir weiterfahren.
Wir waren wenige Menschen, aber viele Koffer. Die meisten gehorten
einem Diplomaten. Sie blieben laut Gesetz unbenihrt. Keusch, wie sie
vor der Abfahrt gepackt waren, miissen sie am Ziel ankommen. Sie
enthalten namlich sogenannte Staatsgeheimnisse. Dagegen werden sie
sorgfaltig in Listen eingetragen. Das dauerte lange. Der Diplomat be-
schaftigte unsere tiichtigsten Revisoren. Und indessen verstrich die
osteuropaische Zeit.
i 9 z6 595
Drauften, in der feuchten Schwarze der Nacht, rangierte man den russi-
schen Zug. Die russische Lokomotive pfeift nicht, sondern heult wie
eine Schiffssirene, brek, heiter und ozeanisch. Wenn man durch die
Fenster die nasse Nacht sieht und die Lokomotive hort, ist es wie am
Ufer des Meeres. In der Halle wird es beinahe behaglich. Die Koffer
fangen an, sich auszubreiten, aufzugehen, als ware ihnen heifi. Aus dem
dicken Gepack eines Kaufmanns aus Teheran klettern holzerne Spiel-
zeuge, Schlangen, Huhner und Schaukelpferde. Kleine Stehaufmann-
chen schaukeln leise auf dem bleibeschwerten Bauch. Ihre bunten, la-
cherlichen Gesichter, von der Petroleumlampe grell beleuchtet, von
voriiberhuschenden Schatten der Hande abwechselnd verdunkelt, wer-
den lebendig, verandern ihren Ausdruck, grinsen, lachen und weinen.
Die Spielzeuge klettern auf eine Kiichenwaage, lassen sich wiegen, kol-
lern wieder auf den Tisch und hiillen sich in raschelndes Seidenpapier.
Aus dem Koffer einer jungen, hiibschen und etwas verzweifelten Frau
quillt schimmernde schmale bunte Seide, Streifen eines zerschnittenen
Regenbogens. Dann folgt Wolle, die sich bauscht, bewufk atmet sie
wieder frei nach langen Tagen luftloser, zusammengeprefiter Existenz.
Schmale graue Halbschuhe mit Silberspangen legen ihr Zeitungspapier
ab, das sie verbergen sollte, die vierte Seite des »Matin«. Handschuhe
mit bestickten Manschetten entsteigen einem kleinen Sarg aus Pappen-
deckel Wasche, Taschentiicher, Abendkleider, grofi genug, um eine
Hand des Revisors zu bekleiden, schweben empor. Alle spielerischen
Utensilien einer reichen Welt, alle eleganten, polierten Sachelchen lie-
gen fremd und dreifach nutzlos in dieser harten, braunen, nachtlichen
Halle, unter den schweren Balken aus Eichenholz, unter den strengen
Plakaten mit den eckigen Buchstaben wie geschliffene Beile, in diesem
Duft von Harz, Leder und Petroleum. Da stehen die flachen und die
bauchigen kristallenen Flakons mit den saphirgriinen und bernsteingel-
ben Flussigkeiten, lederne Manikuretuis offnen ihre Fliigel wie heilige
Schreine, kleine Damenschuhe trippeln iiber den Tisch.
Niemals noch sah ich eine so genaue Visitation, auch nicht in den er-
sten Jahren nach dem Krieg, in der vollen Bliitezeit der Revisoren. Es
scheint doch, dafi hier nicht eine gewohnliche Grenze ist zwischen
Land und Land, sie will eine Grenze sein zwischen Welt und Welt.
Der proletarische Zollbeamte - der kundigste der Welt - wie oft hat er
selbst verbergen und entkommen miissen! - revidiert zwar Burger aus
neutralen und selbst freundlichen Staaten, aber Menschen einer feindli-
596 DAS JOURNALISTISCHE WERK
chen Klasse. Das sind Abgesandte des Kapitals, Handler und Speziali-
sten. Sie kommen nach Rufiland, vom Staat gerufen, vom Proletariat
befehdet. Der Zollbeamte weifi, dafi diese Kaufleute in den Laden Fak-
turen saen und dafi dann in den Schaufenstern wunderbare, teure, dem
Proletarier unerreichbare Waren aufgehen werden. Er revidiert zuerst
die Gesichter und dann die Koffer. Er erkennt die Heimkehrenden, die
jetzt mit neuen polmschen, serbischen, persischen Passen versehen
sind.
Spat in der Nacht noch stehen die Reisenden im Gang und konnen den
Zoll nicht verschmerzen. Alles erzahlen sie einander, was sie mitge-
bracht, was sie bezahlt und was sie geschmuggelt haben. Stoff genug
fur lange russische Winterabende. Die Erikel werden es noch horen
miissen.
Die Enkel werden es horen, und das merkwiirdige, verworrene Antlitz
dieser Zeit wird vor ihnen auftauchen, der Zeit an ihrer eigenen
Grenze, der Zeit mit ihren ratlosen Kindern, den roten Revisoren, den
weifien Reisenden, den falschen Persern, den Rotarmisten in den lan-
gen sandgelben Manteln, deren Saum den Boden beriihrt, der feuchten
Nacht von Niegoreloje, dem lauten Keuchen schwer bepackter Trager.
Kein Zweifel, diese Grenze hat historische Bedeutung. Ich fuhle sie in
dem Augenblick, in dem die Sirene breit und heiser aufheult und wir
hinausschwimmen in dunkles weites ruhiges Land. -
Frankfurter Zeitung, 21. 9. 1926
III
GESPENSTER IN MOSKAU
Wer leuchtet mir von den Plakatwanden entgegen? - Der »Mahara-
dscha«. Mitten in Moskau! Gunnar Tolnaes, der stumme Tenor aus
dem hohen Norden, schreitet siegreich durch Kanonendonner, Blut,
Revolution, unverletzbar wie jedes echte Gespenst. In seinem Gefolge
befinden sich die altesten Kinodramen Europas und Amerikas. Die
Hauser, in denen sie gespielt werden, sind iiberfulh. Hoffte ich nicht,
den Maharadschas und ihresgleichen zu entkommen, als ich hierher-
fuhr? Um ihn zu erblicken, bin ich nicht gekommen. Schicken sie uns
1926 597
den »Potemkin« und lassen sich dafiir den Gunnar kommen, die Rus-
sen? Welch ein Tausch! Sind wir die Revolutionare und sie die Spie&er?
Welch eine verrlickte Welt! — Mitten in Moskau spielt man den
»Maharadscha« ...
In den Auslagen der wenigen Frauenmodeladen hangen alte Kostiime,
lange, breite Glockenformen. Bei den Modistinnen kann man die alte-
sten Hutformen sehen. Auf den Kopfen der Biirgerinnen auch. Sie tra-
gen breitrandige Hike mit Reihern; napoleonische Dreispitze; Kol-
paks mit Schleiern; lange Haare und lange Kleider bis zu den Kno-
cheln. Und diese Tracht ist nicht nur die Folge einer Not, sondern zum
Teil auch eine Manifestation konservativer Gesinnung. Justament blei-
ben sie beim Sonnenschirm.
Ich ging in den »Maharadscha«, um zu sehen, wer ihn besuchte: Es
waren die alten Kolpaks, die Schleier, die Mieder und die Sonnen-
schirme.
Es kam die alte, geschlagene Bourgeoisie. Man sieht es ihr an, dafi sie
die Revolution nicht uberlebt, sondern nur iiberstanden hat. Ihr Ge-
schmack hat sich in den letzten Jahren nicht gewandelt. Sie ist den Weg
der europaischen und amerikanischen oberen und mittleren Gesell-
schaftsschichten nicht gegangen, den Weg vom Sommernachtstraum
zur Negerrevue, von Kriegsauszeichnungen zu Gedenktagen, von der
Heldenverehrung zur Boxerverehrung, vom Balletkorps zum Girlba-
taillon und von der Kriegsanleihe zum Grab des Unbekannten Solda-
ten. Das alte russische Burgertum ist im Jahre 19 17 stehengeblieben. Es
mochte im Kino die Sitten, Gebrauche, Schicksale, Mobelstiicke seiner
Zeitgenossen sehen: Offiziere, die nicht etwa bei der Roten Armee
sind, sondern noch im feudalen Kasino verkehren; Liebesleidenschaf-
ten, die zum Polterabend fuhren und nicht zur zeremoniellen Sowjet-
Ehe vor einem Matrikelschreiber; Duellmoglichkeiten zwischen Eh-
renmannern,' Schreibtische mit Dachgiebeln; Speiseschranke mit Nip-
pessachen; und romantische Erotik. Man mochte die Welt wiederse-
hen, in der man zwar auch schon unsicher gelebt hat, von der man aber
heute glaubt, sie ware paradiesisch gewesen. Deshalb sind die alten
Kinodramen ausverkauft. In Paris werden sie schon unter dem hdhni-
schen Titel »20 Minuten vor dem Krieg« gegeben. Der franzosische
Burger lacht iiber dasselbe Schicksal, das sein russischer Klassenge-
nosse mit ernster Spannung verfolgt.
Ich spreche jetzt vom alten russischen Burger. Denn schon wachst ein
598 DAS JOURNALISTISCHE WERK
neuer heran, mitten in der Revolution entsteht er, von ihr am Leben
gelassen. Vor ihren Gnaden darf er Geschafte machen, und ihre Ein-
schrankungen versteht er zu umgehen. Stark, lebendig, aus einem ganz
andern Material als sein Vorganger, ein Freibeuter halb und halb ein
Handler, tragt er mit einem gewissen Trotz seinen Namen »NEP-
Mann«, der im ganzen Land und jenseits der Grenzen einen degradie-
renden Klang hat. Ohne Sentimentalitat, wie er ist, laEt er sich nicht
bannen, weder von einer Weltanschauung noch von Gegenstanden,
noch von Moden, noch von literarischen und kunstlerischen Erzeug-
nissen, noch von einer Moral. Er unterscheidet sich ganz deutlich vom
alten Burger, ganz deutlich vom Proletariat. Er wird erst in einigen
Jahrzehnten seine ihm passenden Formen, Traditionen und konventio-
nellen Liigen haben - wenn er am Leben bleibt . . .
Ich spreche also nicht von ihm, sondern vom alten Burger und vom
alten »Intellektuellen«. Er hat keine Lebenskraft mehr. Sein ehrlicher
kleiner revolutionarer Idealismus, seine gutherzige, aber enge Liberali-
tat ist vom grofien Brand der Revolution erstickt worden - wie eine
Kerze erlischt in einem brennenden Hause. Er leistet dem Sowjetstaate
Dienste. Er lebt von kargen Gehaltern, und er fuhrt immer noch seine
alte Lebensweise in einem sehr reduzierten Umfang weiter. Er hat
noch ein paar hafiliche Andenken aus Karlsbad, ein Familienalbum, ein
Lexikon, einen Samowar und Biicher mit Lederriicken. An stillen
Abenden spielt seine Frau auf dem Klavier. Aber der Sinn seines Da-
seins war: ein niitzliches Mitglied der biirgerlichen Gesellschaft zu sein
und seinen Sohn, wenn moglich, zu einem bedeutenden zu machen.
Die aufieren Weihen seiner stillen Existenz waren kleine Auszeichnun-
gen und kleine Rangerhohungen, Gehaltszulage, private Familienfeier
und zuverlassiger Schwiegersohn.
Nichts von all dem ist geblieben. Seine Tochter fragt ihn nicht, bevor
sie zu irgendeinem Mann ins Zimmer zieht. Seinem Sohn kann er keine
»Grundsatze« mehr furs Leben geben. Der Sohn kennt sich in der rus-
sischen Gegenwart genauer aus, und er fuhrt seinen Vater in ihr herum
wie einen Blinden. Der Vater wird ohne Rang und ohne Ehren zu
Grabe getragen werden. (Auch der Tod hat seine Feierlichkeit verlo-
ren.) Zwar dient er heute dem neuen Auftraggeber mit der alten Ehr-
lichkeit und Treue, die des Burgers schonste Tugend ist. Er mag sogar
mit dieser Welt zufrieden sein und sie bejahen. Und dennoch, dennoch
ist er fremd und tot in ihr. Schon, dafi er sie nicht ersehnt und nicht
1926 $99
erkampft hat und dafi sie dennoch geworden ist, stellt ihn aufierhalb
ihrer eigentlichen, ihrer inneren Grenzen. Die blutige Entschiedenheit,
mit der sie geworden ist, wird ihm immer unbegreiflich sein. Sein stark
ausgepragtes Gerechtigkeitsgefiihl kann sich mit der Unvollkommen-
heit neuer Einrichtungen nicht zufriedengeben. Die Fehler der neuen
Welt erspaht er mit einem viel schnelleren und kritischeren Auge als
dereinst die Fehler der alten. Auch gegen diese hatte er sich aufgelehnt.
Aber er war schliefilich ihr Kind, auch als stiller Emporer. (Ein lauter
ist er niemals gewesen.) Und so kommt es, dafi in Rufiland dasselbe
liberale Biirgertum, das im Jahre 1905 mit dem wirklichen meuternden
Panzerkreuzer »Potemkin« sympathisierte, das in Odessa die rote
Flagge der Rebellen griifite und das schliefilich von den Kosaken nie-
dergeschossen wurde - dafi dieses Biirgertum heute den gefilmten »Po-
temkin« nicht mehr sehen will.
Die Geschmacksverirrungen des Vorkriegsbiirgers; eine gewisse
frisch-frohlkhe, ahnungslose Ekstase der Vorkriegsjugend; ein ganz
bestimmter enger Eifer, der wie ein stumpfer Pfeil ist und infolgedes-
sen nur Oberflache trifft; eine bewufite Abgrenzung gegen alles, was
man irrtumlicherweise »Luxus« und »nutzlos« in den neunziger Jah-
ren genannt hat; ein freiwilliger Verzicht auf geistige Verwohntheit
und auf jene Anmut des Menschen, die bereits ins Metaphysische hin-
einreicht; eine hartnackige Verwechslung der grofien und weiten, aller-
dings nicht tagespolitischen Tendenz mit Tendenzlos-Nur-Schonem
und »Biirgerlich-Spielerischem« - das alles ist wieder das Gespenst der
Revolutiondren. Das haben sie vom aufgeklarten Liberalismus der
kleinen franzosischen Bourgeoisie ubernommen. Das sind die gesun-
den, rotwangigen, robusten Tagesgespenster. Sie haben zuviel Fleisch
und Blut, um lebendig zu sein.
Man hat Homer als eine Art »Religionsunterricht« vollkommen aus
den Schulen abgeschafft. Nie mehr soil in Rufiland ein Hexameter
skandiert werden. Es ist sozusagen eine vollkommene Trennung von
Staat und Humanismus durchgefiihrt worden. Sophokles, Ovid, Taci-
tus miissen also als Repasentanten »bourgeoiser« Geistigkeit verstan-
den worden sein. Was die burgerlichen Oberlehrer der klassischen
Philologie am Altertum gesundigt haben, mufi es selbst offenbar bii-
fien. Welch eine Gelegenheit ware hier gewesen, die Verlogenheiten
alter Kommentare in wirklich revolutionarer Weise aufzudecken! Zu
600 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zeigen, wie weit entfernt die historische Wirklichkeit und auch die in-
nere Wahrheit von der iiberlieferten edlen und »klassischen« Gebarde
war; wie groft der Unterschied zwischen den aristokratischen Helden
war, welche die Dreiruderer befehligen, und den tausend Sklaven, die,
eng an die Ruderbanke gefesselt, die Flotte gegen einen »Feind« fiih-
ren, der ihr Bruder ist; wie grausam, sinnlos und barbarisch der Tod
der Dreihundert in den Thermopylen war - fur ein Vaterland, das sei-
nen Opfern zwei ganze Verszeilen schenkt; zu fragen, was mit den
Witwen und Waisen dieser Dreihundert geschehen ist, zu lehren, dafi
Patroklus immer begraben liegt und dafi Thersites immer zuruckkehrt;
die fiirchterliche Leichenschandung, die Achilles an Hektor begeht, 50
zu lesen, wie Homer sie beschreibt - namlich so, dafi jeden ein Grauen
schiittelt vor dem Protektionskind blinder, ungerechter, grausamer
Gotter - einer sozusagen herrschenden Klasse des Altertums; Ovids
untertanige Schmeichelwidmungen nicht nur als Beispiele lateinischen
»fruh-epischen« Stils vorzutragen, sondern als abschreckendes Exem-
pel einer Zeit, in der ein schaffender Mensch, also immerhin auch ein
Arbeiter, seine Arbeit verrat und seine Wurde verleugnet.-
Das alles will also die Revolution in Rufiland versaumen! Sie protegiert
in der Schule das »Praktische«, das ohne Zweifel fur morgen taugt,
aber nicht mehr fur iibermorgen. Sie verzichtet auf das fundamentale
Material, auf dem sie ihre Hauser bauen konnte, wie die alte Welt ihre
Tempel und Palaste gebaut hat . . .
Es geht der Atem durch einen grofien Teil des geistigen Lebens in
Rutland, der bei uns vor zwanzig Jahren ein frischer war. Es war die
Zeit, in der der »Schillerkragen« Rationalismus mit Naturbegeisterung
auf jeder mannlichen Brust entblofite. Neben ihm grassiert die »sexu-
elle Aufklarung«, die, wie man weifi, Schleier luften will, aber Tiiren
aufreifk. Hygiene wird Epidemic Eine Literatur, die mit kleinbiirger-
lichen artistischen Mitteln arbeitet, halt schiitzend vor sich die dick
aufgetragene Tendenz, so daft man sie nicht treffen kann, will man die
Revolution nicht verletzen. Eine billige Symbolik, die sprachliche Me-
taphern ins urspriinglich Gemalte und Geformte zuriickubersetzt, also
gesprochene Bilder in Farben ausdriickt, kennzeichnet viele Ausstel-
lungen der bildenden Kunst. Es gibt Plakate mit Buchstaben, die vor
lauter Deutlichkeit unleserlich werden, Bogen, die in Giebel verwan-
delt sind, Kreise in Rechtecke, schwingende Rundungen in stumpfe
Trapeze.
1926 6oi
Dafi Gott aufgehort hat zu existieren, weil die Popen nicht mehr vom
Staat erhalten werden, scheint die Uberzeugung der meisten zu sein.
Die Naivitat in metaphysischen Fragen findet man in dieser Art und
Vollkommenheit nur noch in Amerika. Und in Moskau kam es wirk-
lich zu einem offentlichen Disput zwischen dem Fiihrer einer der hau-
figen amerikanischen Delegationen und einem Moskauer Professor
uber die Existenz Gottes und iiber die Vertraglichkeit des Glaubens
mit der marxistischen Weltanschauung. Und es war ganz wie in einem
New Yorker Klub . . .
Es ware freilich anders kaum moglich. Vielleicht muft die grofie Masse
zuerst durch die Oberflache der Erkenntnis. Sie ist ja kaum einige
Jahre befreit von der tiefsten Blindheit! Wahrscheinlich mufi es dau-
ern, bis aligemein wird, was wirklich neu im Schopferischen ist. Denn
eine neue Art, zu schaffen und aufzunehmen, zu schreiben und zu
lesen, zu denken und zu horen, zu lehren und zu erfahren, zu malen
und zu betrachten, ist hier entstanden. Daneben bleibt alles andere,
was es ist: gespenstisch. -
Frankfurter Zeitung, 28.9. 1926
IV
AUF DER WOLGA BIS ASTRACHAN
Der Wolga-Dampfer, der von Nishni Nowgorod nach Astrachan geht,
liegt weifi und festlich im Hafen. Er erinnert an einen Sonntag. Ein
Mann schtittelt eine kleine, unerwartet starke Glocke. Die Lasttrager
laufen, nur mit Trikothosen und einem Tragleder bekleidet, durch die
holzerne Halle. Sie sehen aus wie Ringer. Vor dem Kassenschalter ste-
hen Hunderte. Es ist die zehnte Stunde eines hellen Vormittags. Ein
frohlicher Wind weht. Es ist hier wie bei der Ankunft eines neuen
Zirkus aufierhalb der Stadt.
Der Wolga-Dampfer tragt den Namen eines beriihmten russischen Re-
volutionary und hat vier Klassen fiir Passagiere. In der ersten fahren die
neuen Burger Ruftlands, die NEP-Manner, dem Sommerurlaub entge-
gen, in den Kaukasus und in die Krim. Sie essen im Speisesaal, im
sparlichen Schatten einer Palme, gegeniiber dem Portrat des benihm-
602 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
ten Revolutionars. Es ist iiber der Tur mit Nageln befestigt. Die jungen
Biirgerstochter spielen auf dem harten Klavier. Es klingt wie das An-
schlagen metallener Loffel an Teeglaser. Die Vater spielen Sechsund-
sechzig und klagen iiber die Regierung. Einige Mutter haben eine deut-
liche Vorliebe fur orangefarbene Schals. Der Kellner ist keineswegs
klassenbewufit. Als die Dampfer noch nach den Grofifursten hiefien,
war er schon Kellner. Ein Trinkgeld bringt in sein Angesicht jenen
Ausdruck unterwiirfigen Respekts, der die ganze Revolution vergessen
lafit.
Die vierte Klasse befindet sich tief unten. Ihre Passagiere schleppen
schwere Bundel, billige Korbe, Musikinstrumente und landliche Ge-
rate. Alle Nationen, die an der Wolga und weiter, in der Steppe und im
Kaukasus, wohnen, sind hier vertreten: Tschuwaschen, Tschuwanen,
Zigeuner, Juden, Deutsche, Polen, Russen, Kasachen, Kirgisen. Es gibt
hier Katholiken, Orthodoxe, Mohammedaner, Lamaisten, Heiden,
Protestanten. Hier sind Greise, Vater, Mutter, Madchen, Kinder. Hier
sind kleine Landarbeiter, arme Handwerker, wandernde Musikanten,
blinde Korsaren, fliegende Handler, halbwiichsige Schuhputzer und
die obdachlosen Kinder, die »Bezprizornij«, die von der Luft und vom
Ungluck leben. Die Menschen schlafen in holzernen Schubladen, in
zwei Etagen iibereinander. Sie essen Kurbisse, suchen nach Ungeziefer
auf den Kopfen der Kinder, stillen Sauglinge, waschen Windeln, ko-
chen Tee und spielen Balalaika und Mundharmonika.
Am Tage ist dieser enge Raum beschamend laut und unwiirdig. In der
Nacht aber weht eine Andacht durch ihn. So heilig sieht die schlafende
Armut aus. Auf alien Gesichtern liegt das echte Pathos der Naivitat.
Alle Gesichter sind wie offene Tore, durch die man in weifte, klare
Seelen sieht. Verwirrte Hande wollen die schmerzenden Lampen ver-
treiben wie zudringliche Fliegen. Manner bergen ihre Kopfe in den
Haaren der Frauen, Bauern umklammern die heiligen Sensen, Kinder
ihre schabigen Puppen. Die Lampen schaukeln im Takt der stampfen-
den Maschinen. Rotbackige Madchen entbloften lachelnd ihr offenes,
weiftes, starkes Gebifi. Ein grofier Friede ist iiber der armen Welt, und
als ein durchaus pazifistisches Wesen erweist sich der Mensch, solange
er schlaft.
Auf eine so billig symbolische Weise: oben und unten - sind reich und
arm auf dem Wolga- Dampfer nicht getrennt. Unter den Passagieren
1926 6o}
der vierten Klasse sind reiche Bauern, unter den Passagieren der ersten
nicht immer reiche Handler. Der russische Bauer fahrt lieber in der
vierten. Sie ist nicht nur billiger. Der Bauer ist in ihr auch heimischer.
Die Revolution hat ihn von der Demut gegeniiber dem »Herrn« be-
freit, aber noch lange nicht von der Demut gegeniiber dem Objekt. In
einem Restaurant, in dem ein schlechtes Klavier stent, kann der Bauer
seinen Kiirbis nicht mit Appetit essen. Ein paar Monate lang fuhren
alle in alien Klassen. Dann schieden sie sich, beinahe freiwillig.
»Sehen Sie«, sagte mir ein Amerikaner auf dem Schiff, »was hat die
Revolution erreicht? Die armen Leute drangen sich unten, und die rei-
chen spielen Sechsundsechzig!«
»Das ist aber auch die einzige Tatigkeit«, sagte ich, »der sie sich ohne
Sorgen hingeben konnen! Der armste Schuhputzer in der vierten
Klasse hat heute das Bewufitsein, daft er zu uns heraufkommen
konnte, wenn er nur wollte. Die reichen NEP- Leute furchten aber,
dafi er jeden Augenblick kommen wiirde. >Oben< und >unten< sind auf
unserem Dampfer langst nicht mehr symbolische, sie sind rein sachli-
che Bestimmungen. Vielleicht werden sie einmal wieder symbolisch
sein.«
»Sie werden es wieder sein«, sagte der Amerikaner.
Der Himmel iiber der Wolga ist nah und flach und mit unbeweglichen
Wolken bemalt. Zu beiden Seiten, hinter den Ufern, sieht man in wei-
ten Fernen jeden emporragenden Baum, jeden aufsteigenden Vogel,
jedes weidende Tier. Ein Wald wirkt hier wie ein kiinstliches Gebilde.
Alles hat die Tendenz, sich auszubreiten und zu zerstreuen. Dorfer,
Stadte und Volker sind weit voneinander entfernt. Gehofte, Hiitten,
Zelte wandernder Menschen stehen da, umgeben von Einsamkeit. Die
vielen verschiedenen Stamme vermischen sich nicht. Auch wer sich
festgesetzt hat, bleibt sein Leben lang auf der Wanderung. Diese Erde
gibt das Gefiihl der Freiheit wie bei uns nur das Wasser und die Luft.
Hier wiirden auch die Vogel nicht fliegen wollen, wenn sie wandern
konnten. Der Mensch aber streicht iiber das Land wie iiber einen Him-
mel, beschwingt und ohne Ziel, ein Vogel der Erde.
Der Flufi ist wie das Land: breit, unendlich lang (von Nishni Nowgo-
rod bis Astrachan sind es mehr als zweitausend Kilometer) und sehr
langsam. An seinen Ufern erwachsen erst spat die »Wolga-Hiigel«,
niedrige Wiirfel. Ihr nacktes felsiges Innere haben sie dem Flufi zuge-
604 DAS JOURNALISTISCHE WERK
kehrt. Sie sind nur der Abwechslung wegen da, eine spielerische Vier-
telstunde Gottes hat sie geschaffen. Hinter ihnen dehnt sich wieder die
Flache, vor der die Horizonte zuriickweichen, immer weiter, bis hinter
die Steppe.
Ihren groften Atem schickt sie iiber die Hiigel, iiber den FlufL Man
schmeckt die Bitternis der Unendlichkeit. Im Anblick der grofien
Berge und der uferlosen Meere fuhlt man sich verloren und bedroht.
Gegeniiber der weiten Ebene ist der Mensch verloren, aber getrostet.
Er ist nichts mehr als ein Halm, aber er wird nicht untergehen: Man ist
wie ein Kind, das in der ersten Stunde eines Sommermorgens erwacht,
wenn alle noch schlafen. Man ist verloren und geborgen zugleich in der
unbegrenzten Stille. Wenn eine Fliege summt, ein gedampfter Pendel-
schlag tont, liegt in diesen Gerauschen dieselbe trostliche, weil uberir-
dische und zeitlose Trauer einer weiten Ebene.
Wir halten vor Dorfern, deren Hauser aus Holz sind und aus Lehm,
mit Schindeln und mit Stroh gedeckt. Manchmal ruht die breite, miit-
terliche gute Kuppel einer Kirche in der Mitte der Hiitten, ihrer Kin-
der. Manchmal steht die Kirche an der Tete einer langen Hiittenzeile
und hat auf der Kuppel einen feinen, spitzen, langen Turm aufge-
pflanzt wie ein vierkantiges franzosisches Bajonett. Es ist eine bewaff-
nete Kirche. Sie fuhrt ein wanderndes Dorf an.
Kasan bleibt vor uns stehen, die Hauptstadt der Tataren. Ihre bunten
Verkaufszelte larmen am Ufer. Mit offenen Fenstern griifit sie wie mit
glasernen Fahnen. Man hort das Getrappel ihrer Droschken. Man sieht
das griine und goldene abendliche Glanzen ihrer Kuppeln.
Eine Landstrafie fuhrt vom Hafen nach Kasan. Die Strafie ist ein Flufi,
es hat gestern geregnet. In der Stadt platschern stille Teiche. Uberreste
eines Pflasters ragen selten in die Hohe. Die Strafientafeln und die La-
denschilder sind vom Kot bespritzt und unleserlich. Sie sind ubrigens
doppelt unleserlich, weil zum Teil in alter turkisch-tatarischer Schrift
abgefafit. Deshalb sitzen die Tataren lieber selbst vor den Laden und
zahlen jedem ihre Waren auf. Sie sind kluge Handler, wie man berich-
tet. Sie tragen schwarze Pinsel am Kinn. Seit der Revolution hat bei
ihnen die alte Volkssitte des Analphabetismus um 25 Prozent abge-
nommen. Jetzt konnen viele lesen und schreiben. In den Buchhandlun-
gen liegen tatarische Schriften, die Zeitungsjungen rufen tatarische
Blatter aus. Tatarische Beamte sitzen hinter dem Postschalter. Ein
1926 605
Postbeamter erklarte mir, die Tataren waren das tapferste der Volker.
»Sie sind aber mit Finnen gemischt«, sagte ich boshaft. Der Postbe-
amte war beleidigt. Mit Ausnahme der Gastwirte und der Handler sind
alle mit der Regierung zufrieden. Die tatarischen Bauern haben im
Biirgerkrieg bald mit den Roten, bald mit den Weifien gekampft. Sie
wufiten manchmal gar nicht, worum es ging. Heute sind alle Dorfer
des Kasaner Gouvernements politisiert. Die Jugend ist in den Komso-
mol-Organisationen. Wie bei den meisten mohammedanischen Vol-
kern Rufilands ist auch bei den Tataren die Religion mehr Ubung als
Glaube. Die Revolution hat eher eine Gewohnheit zerstort als ein Be-
diirfnis unterdriickt. Die armen Bauern sind hier zufrieden wie uberall
in den Wolga-Gouvernements. Die reichen Bauern, denen man viel
genommen hat, sind unzufrieden wie uberall, wie die Deutschen in
Pokrowsk, wie die Bauern von Stalingrad und die von Saratow.
Die Dorfer an der Wolga - mit Ausnahme der deutschen - liefern iibri-
gens der Partei die glaubigsten jugendlichen Anhanger. In den Wolga-
gebieten kommt der politische Enthusiasmus vom Lande haufiger als
aus dem stadtischen Proletariat. Viele Dorfer waren hier von der Kul-
tur am weitesten entfernt. Die Tschuwaschen zum Beispiel sind heute
noch heimliche »Heiden«. Sie beten Gotzen an und opfern ihnen. Fur
den naiven Naturmenschen aus dem Wolga-Dorf ist Kommunismus -
Zivilisation. Fiir den jungen Tschuwaschen ist die stadtische Kaserne
der Roten Armee ein Palast und der Palast - der ihm auch offensteht -
ein siebenhundertster Himmel. Elektrizitat, Zeitung, Radio, Buch,
Tinte, Schreibmaschine, Kino, Theater - also alles, was uns so errmi-
det, belebt und erneuert den primitiven Menschen. Alles hat »die Par-
ted gemacht. Sie hat nicht nur die groften Herren gestiirzt, sie hat auch
das Telephon erfunden und das Alphabet. Sie hat den Menschen ge-
lehrt, auf sein Volk stolz zu sein, auf seine Kleinheit, seine Armut. Sie
hat seine niedrige Vergangenheit in ein Verdienst gewandelt. Vor dem
Ansturm so vieler Herrlichkeiten erliegt sein bauerliches, instinktives
Mifitrauen. Sein bewufker, kritischer Sinn ist noch lange nicht wach.
So wird er ein Fanatiker des neuen Glaubens. Das »kollektivistische
Gefiihl«, das dem Bauern fehlt, ersetzt er doppelt und dreifach durch
Ekstase.
Die Stddte an der Wolga sind die traurigsten, die ich je gesehen habe.
Sie erinnern an die zerstorten Stadte des franzosischen Kriegsgebiets.
606 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Diese Hauser brannten im roten Biirgerkrieg; und dann sahen ihre
Trummer den weifien Hunger durch die Straften galoppieren.
Hundertmal, tausendmal starben die Menschen. Sie afien Katzen,
Hunde, Raben, Ratten und die verhungerten Kinder. Sie bissen sich
die Hande wund und tranken ihr eigenes Blut. Sie kratzten in der Erde
nach fetten Regenwurmern und nach weifiem Kalk, den das Auge fur
Kase hielt. Zwei Stunden, nachdem sie gegessen hatten, starben sie un-
ter Qualen. Dafi diese Stadte iiberhaupt noch leben! Dafi die Menschen
feilschen und Koffer tragen und Apfel verkaufen, Kinder zeugen und
gebaren! Schon wachst eine Generation heran, die das Grauen nicht
kennt, schon stehen Geriiste da, schon sind Zimmerleute und Maurer
beschaftigt, das Neue aufzurichten.
Ich wundere mich nicht dariiber, dafi diese Stadte so schon sind nur
aus der Hohe und aus der Feme; dafi mir in Samara ein Ziegenbock
den Eintritt in das Hotel verwehrte; dafi in Stalingrad ein Platzregen in
mein Zimmer niederging; dafi die Servietten aus buntem Packpapier
sind. Wenn man iiber die schonen Dacher spazieren konnte statt iiber
das bucklige Pflaster!
Man kann in alien Stadten des Wolgagebiets mit den Menschen diesel-
ben Erfahrungen machen: Uberall sind die Handler unzufrieden, die
Arbeiter optimistisch, aber miide, die Kellner respektvoll und unzu-
verlassig, die Portiers demiitig, die Schuhputzer unterwiirfig. Und
uberall ist die Jugend revolutionar - auch die Halfte der biirgerlichen
Jugend ist in den Pionier- und Komsomol-Organisationen.
Ubrigens richten sich die Menschen nach meiner Kleidung: Wenn ich
die Stiefel anziehe und ohne Krawatte bin, wind das Leben plotzlich
marchenhaft billig. Die Friichte kosten ein paar Kopeken, eine
Droschkenfahrt einen halben Rubel, man halt mich fur einen auslandi-
schen politischen Fluchtling, der in Rufiland lebt, sagt »Genosse« zu
mir, die Kellner haben proletarisches Bewufitsein und erwarten kein
Trinkgeld, die Schuhputzer sind mit zehn Kopeken zufrieden, die
Handler sind mit der Lage zufrieden, im Postamt bitten mich die Bau-
ern, ich mochte ihnen eine Adresse auf ihren Brief schreiben, »mit
klarer Schrift«. Wie teuer aber ist die Welt, wenn ich eine Krawatte
anziehe! Man sagt »Grashdanin« (Burger) zu mir und schiichtern
auch: »Gospodin« (Herr). Die deutschen Bettler sagen: »Herr Lands-
mann«. Die Handler fangen an, iiber die Steuern zu klagen. Der Wa-
1926 6oj
genbegleiter erwartet einen Rubel. Der Speisewagenkellner erzahlt,
daft er eine Handelsakademie absolviert habe und »eigentlich ein intel-
ligenter Mensch« sei. Er beweist es, indem er zwanzig Kopeken auf-
schlagt. Ein Antisemit gesteht mir, dafi bei der Revolution nur die Ju-
den gewonnen hatten. »Sogar in Moskau« diirften sie schon leben. Ein
Mann mochte mir imponieren. Er erzahlt, dafi er im Krieg Offizier
und in Magdeburg gefangen war. Ein NEP-Mann droht mir: »Alles
werden Sie bei uns nicht sehen konnen!«
Indessen scheint es mir, dafi ich in Rutland genausoviel, genausowenig
sehen kann wie in anderen fremden Landern. Ich bin in keinem Lande
noch von fremden Menschen so selbstverstandlich, so freimiitig einge-
laden worden. Ich kann in Amter, Gerichte, Spitaler, Schulen, Kaser-
nen, Arreste, Strafanstalten, zu Polizeidirektoren und Universitatspro-
fessoren gehen. Der Burger kritisiert lauter und scharfer, als dem
Fremden angenehm ist. Ich kann mit dem Soldaten und mit dem Regi-
mentskommandanten der Roten Armee in jedem Gasthaus iiber Krieg,
Pazifismus, Literatur und Bewaffnung sprechen. In anderen Landern
ist es gefahrlkher. Die Geheimpolizei ist wahrscheinlich so geschickt,
dafi ich sie nicht bemerke.
Die beriihmten Lasttrager an der Wolga singen immer noch ihre be-
nihmten Lieder. In den russischen Kabaretts des Westens werden die
»Burlaki« bei violettem Scheinwerfer und gedampftem Geigenklang
dargestellt. Aber die wirklichen Burlaki sind trauriger, als ihre Dars tel-
ler ahnen konnen. Obwohl sie mit traditioneller Romantik so stark
belastet sind, gleitet ihr Gesang tief und schmerzlich in die Zuhorer.
Sie sind wahrscheinlich die starksten Manner dieses Zeitalters. Jeder
von ihnen kann zweihundertundvierzig Kilogramm auf dem Riicken
tragen, hundert Kilogramm von der Erde heben, eine Nufl zwischen
Zeige- und Mittelfinger zermalmen, ein Ruder auf zwei Fingern balan-
cieren, drei Kiirbisse in fiinfundvierzig Minuten essen. Sie sehen aus
wie bronzene Denkmaler, die man mit menschlicher Haut iiberspannt
und mit einem Tragfell bekleidet hat. Sie verdienen verhaltnismafiig
viel, vier bis sechs Rubel durchschnittlich. Sie sind stark, gesund, sie
leben am freien Flufi. Aber ich habe sie noch nicht lachen sehen. Sie
werden nicht froh. Sie trinken Schnaps. Der Alkohol vernichtet diese
Riesen. Seitdem die Wolga Frachten tragt, leben die starksten Trager
hier, und alle trinken. Heute verkehren auf der Wolga mehr als 200
608 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Dampfer mit etwa 85 000 Indikatorstarken, einer Gesamt-Tonnage
von 50000 Tonnen. - 1 190 Lastschiffe ohne Motorbetrieb mit einer
Gesamt-Tonnage von beinahe zwei Millionen Tonnen. Aber die Last-
arbeiter ersetzen immer noch die Krane wie vor zweihundert Jahren.
Ihr Gesang kommt nicht aus den Kehlen, sondern aus den unbekann-
ten tiefen Winkeln des Herzens, in denen wahrscheinlich Gesang und
Schicksal zusammengewoben werden. Sie singen wie zum Tode Verur-
teilte. Sie singen wie Galeerenstraflinge. Niemals wird der Sanger von
seinem Tragfell frei werden, und niemals vom Schnaps. Solch ein Segen
ist die Arbeit! Solch ein Kran ist der Mensch!
Selten hort man ein ganzes Lied, immer nur einzelne Strophen, ein
paar Takte. Die Musik ist ein mechanisches Hilfsmittel, sie wirkt wie
ein Hebel. Es gibt Lieder zu singen beim gemeinsamen Ziehen der
Taue, beim Heben, beim Abladen, beim langsamen Versenken. Die
Texte sind alt und primitiv, Ich habe verschiedene Texte zu denselben
Melodien gehort. Einige handeln vom schweren Leben, vom leichten
Tod, von tausend Pud, von Madchen und von Liebe. Sobald die Last
auf dem Riicken verstaut ist, bricht das Lied ab. Dann ist der Mensch
ein Kran.
Es ist unmoglich, wieder das glaserne Klavier zu horen und Sechsund-
sechzig spielen zu sehen. Ich verlasse den Dampfer. Ich sitze auf einem
winzigen Schiff. Zwei Trager schlafen neben mir einen weichen Schlaf
auf einem gerollten Biindei dicker Taue. In vier, fiinf Tagen sind wir in
Astrachan. Der Kapitan hat seine Frau schlafen geschickt. Er ist seine
eigene Bemannung. Jetzt brat er einen Schaschlik. Wahrscheinlich
wird er fett und hart sein, und ich werde ihn essen miissen.-
Bevor ich ausstieg, beschrieb der Amerikaner mit dem Zeigefinger
einen grofien Bogen, zeigte auf die kalk- und lehmhaltige Erde und auf
den sandigen Strand und sprach:
»Wieviel kostbares Material liegt hier ungeniitzt! Welch ein Strand fur
Erholungsbediirftige und Kranke! Welch ein Sand! Wenn all dies mit-
samt der Wolga in der zivilisierten Welt lage!«
»Wenn das in der zivilisierten Welt gelegen ware, wiirden hier Fabri-
ken dampfen, Motorboote rattern, schwarze Krane schweben, die
Menschen wiirden krank werden, um sich dann zwei Meilen weiter im
Sand zu erholen, und es ware sicherlich keine Wiiste. In einer be-
stimmten, hygienisch einwandfreien Entfernung von den Kranen lagen
Restaurants und Cafes hingestreut, mit ozonhaltigen Terrassen. Die
1926 609
Musikkapellen miifiten das »Lied von der Wolga« spielen und einen
schmissigen Wolga-Wellen-Charleston, Text von Arthur Rebner und
Fritz Griinbaum . . .«
»Ah, Charleston !« rief der Amerikaner und freute sich.-
Frankfurter Zeitung, 5. 10. 1926
V
DIE WUNDER VON ASTRACHAN
In Astrachan beschaftigen sich viele Menschen mit Fischfang und Kaviar-
handel. Der Geruch dieser Tatigkeit ist in der ganzen Stadt verbreitet.
Wer nicht nach Astrachan kommen mufi, der vermeidet es. Wer einmal
nach Astrachan gekommen ist, der bleibt nicht lange doit. Zu den Spezia-
litaten dieser Stadt gehoren die beriihmten Astrachaner Pelze, die Lamm-
fellmutzen, der silbergraue »Persianerpelz« . Die Kiirschner haben viel zu
tun. Sommer und Winter (der Winter ist hier auch warm) tragen Russen,
Kalmiicken und Kirgisen Pelze.
Man erzahlt mir, dafi reiche Leute vor der Revolution in Astrachan gelebt
hatten. Ich kann es nicht glauben. Man zeigt mir ihre Hauser, von denen
einige im Biirgerkrieg vernichtet wurden. An den Triimmern erkennt
man noch ihre gewesene geschmacklose und prahlerische Grdfie. Von
alien Eigenschaften eines Bauwerks erhalt sich die Prahlsucht am lang-
sten, und noch der letzte Ziegelstein protzt. Die Erbauer sind gefliichtet,
sie leben im Ausland. Daft sie mit Kaviar gehandelt haben, ist begreiflich.
Aber weshalb wohnten sie hier, wo der (schwarze, blaue und weifte)
Kaviar wachst und wo die Fische so unbarmherzig stinken?
In Astrachan steht ein kleiner Park mit einem Pavilion in der Mitte und
einer Rotunde in der Ecke. Am Abend zahlt man Eintrittsgeld, geht in
den Park und riecht die Fische. Weil es dunkel ist, meint man, sie hangen
in den Baumen. Die Kino-Vorstellungen finden unter freiem Himmel
statt, die primitiven Kabaretts ebenfalls. In einigen Kabaretts spielen
Musikkapellen heitere Lieder aus vergangenen Zeiten. Man trinkt Bier
und ifit die billigen rosaroten Krebse. Es vergeht keine Stunde, in der man
sich nicht nach Baku sehnen wiirde. Leider verkehrt der Dampfer nur
dreimal in der Woche.
6lO DAS JOURNALISTISCHE WERK
Um intensiver an den Dampfer denken zu konnen, gehe ich zum Ha-
fen. Vom Hafen Nr. 18 wird man nach Baku fahren diirfen. Ubermor-
gen. - Wie weit ist iibermorgen! - Kalmiicken rudern in Booten, Kirgi-
sen fiihren Kamele am bekannten Halfterband in die Stadt, Kaviar-
handler larmen im Kontor, ahnungslose Bauern lagern im Grim, zwei
Tage, zwei Nachte, und warten auf das Schiff, Zigeuner spielen Kar-
ten. Weil man hier so deutlich sieht, daft noch kein Dampfer kommt,
ist die Stimmung im Hafen trauriger als in der Stadt. Eine entfernte
Ahnung von Abreise gewahrt eine Droschkenfahrt. Die Droschken-
sitze sind schmal, ohne Riickenlehne, lebensgefahrlich, ohne Dach, die
Pferde tragen lange weifie Ku-Klux-Klan-Gewander gegen den Staub -
als gingen sie zum Turniere. Die Kutscher verstehen sehr wenig Rus-
sisch und hassen das Pflaster. Sie fahren durch die sandigen Strafien,
weil ja das Pferd bekleidet ist. Der Fahrgast, der in einem dunklen
Anzug abfahrt, kommt in einem silbernen an. Wer einen weifien ange-
zogen hatte, tragt am Ziel einen taubengrauen. Die fur Astrachan aus-
geriistet sind, tragen wie die Pferde lange Staubmantel mit Kapuzen. In
der sparlich beleuchteten Nacht sieht man, wie Gespenster von ge-
spenstischen Pferden gefahren werden.
Ungeachtet dessen gibt es eine Technische Hochschule, Bibliotheken,
Klubs und Theater in Astrachan, Gefrorenes unter einer schaukelnden
Bogenlampe, Fruchte und Marzipan hinter brautlichen Gazeschleiern.
Ich betete um eine Linderung der Staubplage. Am nachsten Tag
schickte Gott einen Platzregen. Die Decke meines Hotelzimmers, von
Staub, Wind und Diirre verwohnt, fiel erschrocken auf den Fufiboden.
Um so viel Regen hatte ich nicht gebetet. Es donnerte und blitzte. Die
Strafie war nicht mehr zu erkennen. Die Droschken rollten stohnend
bis zur Mitte der Rader im Schlamm, von den Felgen troffen graue,
schwere, weiche Klumpen. Die Gespenster schlugen die Kapuzen zu-
riick und spannten wohlbekannte menschliche Gerate auf. Auf dem
Pflaster der HauptstraEe konnten zwei nicht aneinander voriiber.
Einer muftte umkehren und mindestens fiinf Meter zuriickgehen, da-
mn der andere passiere. Die Strafie uberquerte man in periodischen
Sprungen. Es war ein Gliick, dafi es nur eine nennenswerte Strafte gab,
in der sich die notwendigsten Einrichtungen befanden: Hotel, Schreib-
papier, die Post und die Konditorei.
In jenen Astrachaner Tagen schien mir die Konditorei die wichtigste
Institution zu sein. Sie wurde von einer polnischen Familie betrieben,
1926 6n
die ein unerbittliches Schicksal von Czenstochau hierher verschlagen
hatte. Ich beschrieb den Frauen ausfiihrlich die Kleider, die man in
Warschau tragt. Auch iiber die polnische Politik wufite ich divinatorisch
viel zu sagen. Bedenken, die man in Astrachan in bezug auf einen Krieg
zwischen Polen, Rufiland und Deutschland hegte, konnte ich mit bered-
ter Geschicklichkeit zerstreuen. In Astrachan bin ich ein amiisanter
Plauderer.
Ohne diese Konditorei hatte ich nicht arbeiten konnen, das wichtigste
Schreibmaterial ist Kaffee. Fliegen aber sind iiberflussig. Und dennoch
waren sie dabei, morgens, mittags, abends. Die Fliegen, nicht die Fische,
machen achtundneunzig Prozent der Astrachaner Fauna aus. Sie sind
ganz nutzlos, kein Handelsobjekt, niemand lebt von ihnen, sie leben von
alien. In dicken schwarzen Schwarmen lagern sie auf Speisen, Zucker,
Fensterscheiben, Porzellantellern, Uberresten, auf Strauchern und Bau-
men, auf Kotlachen und Misthauf en und selbst auf kahlen Tischtiichern,
auf denen ein menschliches Auge nichts Nahrhaftes sehen kann. Ver-
schuttete Suppen, langst trockene Bestandteile des Stoffes, konnen die
Fliegen aus den Molekulen schliirfen wie aus Loffeln. Auf den weifien
Hemdblusen, die hier die meisten Manner tragen, sitzen Tausende Flie-
gen, sicher und versonnen, sie fliegen nicht auf, wenn sich ihr Wirt
bewegt, sie sitzen zwei Stunden auf s einen Schultern, sie haben keine
Nerven, die Fliegen von Astrachan, sie haben die Ruhe grower Saugetiere,
etwa der Katzen, und ihrer Feinde aus der Insektenwelt, der Spinnen . . .
Es wundert mich und ich bedaure es, daft diese intelligenten und huma-
nen Tiere nicht in grofien Scharen nach Astrachan kommen, wo sie
niitzliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden konnten.
Zwar leben acht Kreuzspinnen in meinem Zimmer, stille, kluge Tiere,
freundliche Genossen durchwachter Nachte. Am Tag schlafen sie in
ihren Wohnungen. In der Dammerung beziehen sie ihre Posten - zwei,
die wichtigsten und die gefahrlichsten, in der Nahe der Lampe. Lange
und geduldig sehen sie ahnungslosen Fliegen zu, mit feinen, haardiinnen
Beinen klettern sie an Stricken aus Nichts und Speichel, flicken und geben
acht, umkreisen ein Tier auf weiten, weiten Umwegen, klammern sich
geschickt an vorspringende Sandkornchen der Wand, arbeiten schwer
und geistreich - aber wie gering ist der Lohn! Tausend Fliegen summen
im Zimmer, ich wiinsche mir zwanzigtausend giftige Spinnen her, eine
Armee von Spinnen! Bliebe ich in Astrachan, ich wiirde sie ziichten und
ihnen mehr Sorgfalt zuwenden als dem Kaviar.
6l2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Aber die Menschen in Astrachan kummern sich nur um diesen. Sie
fiihlen die Fliegen gar nicht. Sie sehen zu, wie diese morderischen In-
sekten auf ihrem Fleisch, ihrem Brot, ihren Friichten herumnagen, und
riihren keine Hand. Ja, wahrend auf ihren Barten, Nasen und Stirnen
Fliegen spazieren, reden sie gemiitlich und lachen. In der Konditorei
hat man jeden Kampf gegen Fliegen aufgegeben, man schliefit nicht
einmal die Glaskasten, nahrt sie reichlich mit Zucker und Schokolade,
man verwohnt sie geradezu. Das Fliegenpapier, das ein Amerikaner
erfunden hat und das ich von alien Segnungen der Kultur am tiefsten
hafite, erscheint mir in Astrachan als ein Werk edler Humanitat. Aber
es gibt in ganz Astrachan kein einziges Snick jener kostlichen gelben
Materie. Ich frage in der Konditorei: »Warum haben Sie kein Fliegen-
papier?* Die Menschen gebrauchen Ausfliichte und sagen: »Ach,
wenn Sie doch Astrachan vor dem Krieg gesehen hatten, noch zwei
Monate vor der Revolution !« Der Gasrwirt sagt es und der Handler.
Aus passiver Resistenz unterstutzen sie die reaktionaren Fliegen. Eines
Tages werden diese kleinen Tiere das grofie Astrachan aufessen, die
Fische und den Kaviar.
Den Fliegen von Astrachan ziehe ich die Bettler vor, deren es hier
mehr gibt als in jeder anderen Stadt. Sie wandeln, laut schluchzend,
singend, ihre Leiden ausschreiend, langsam durch die Strafien, gleich-
sam hinter ihrer eigenen Leiche, ergiefien sich in alle Bierhallen, be-
kommen nur von mir eine Kopeke - und von dieser einen Kopeke
leben sie! Von alien Astrachan- Wundern sind sie das erstaunlichste . . .
Frankfurter Zeitung, n. 10. 1926
VI
DER AUFERSTANDENE BOURGEOIS
Aus den Trummern des zerstorten Kapitalismus steigt der neue Burger
hervor (nowij burjuj), der NEP-Mann, der neue Handler und der neue
Industrielle, primitiv wie in den Urzeiten des Kapitalismus, ohne
Borse und Kurszettel, nur mit Fiillfeder und Wechsel. Aus dem abso-
luten Nichts entstehen Waren. Aus Hunger macht er Brot. Aus alien
Fensterscheiben macht er Schaufenster. Eben ging er noch barfufi -
1926 613
schon fahrt er in Automobilen. Er verdient und zahlt Steuern. Er mie-
tet vier, sechs und acht Zimmer und zahlt Steuern. Er fahrt im Schlaf-
wagen, fliegt im teuren Aeroplan und zahlt Steuern. Der Revolution
scheint er gewachsen zu sein - sie hat ihn ja selbst geboren. Das Prole-
tariat steht vor seinen Schaufenstern und kann seine Waren nicht kau-
fen - als war's ein kapitalistischer Staat. An vielen Gefangnissen streift
der neue Burger vorbei - in mehreren hat er schon gesessen. Der Ver-
lust der »biirgerlichen-Ehrenrechte« kann ihm gleichgiiltig sein; denn
er besitzt gar keine. Er will nicht befehlen, er will nicht regieren, er will
nur erwerben. Und er erwirbt.
Diese neue russische Bourgeoisie bildet noch keine Klasse. Sie hat we-
der die Tradition noch die Stabilitat, noch die Solidaritat einer sozialen
Klasse. Sie ist eine dunne, lockere Schicht aus sehr beweglichen und
sehr verschiedenen Elementen. Unter dem Dutzend neuer Burger, die
ich kenne, war einer friiher Ofhzier, ein anderer ist ein grusinischer
Edelmann, eine Art »Hauptling«, der dritte war Backergeselle, der
vierte Staatsbeamter, der funfte Kandidat der Theologie. Alle tragen
die Zufallskleidung, die sie aufierlich proletarisiert. Alle sehen aus, als
hatten sie sich auf der Flucht vor einer Katastrophe angezogen. Alle
tragen die russische Hemdbluse, die ebenso nationales Kostum wie
revolutionare Manifestation sein kann. Diese Kleidung des neuen Bur-
gers ist nicht nur die unmittelbare Folge seines Willens, nicht auf zuf al-
ien, sondern auch seiner besonderen Wesensart bezeichnender Aus-
druck. Denn er ist nicht ein Burger, wie wir ihn kennen, wie er etwa in
Frankreich vorbildlich und fur literarische Verwertung reif von Gott
und den Verhaltnissen jeden Tag erschaffen wird. Der neue russische
Bourgeois hat keinen Familieninstinkt, kein intimes Verhaltnis zu sei-
nem Haus, seiner Abstammung und seinen Nachfolgern, keine »Prin-
zipien«, die er ihnen vererben konnte, und keine materiellen Giiter, die
er ihnen vererben diirfte. In seiner gutausgestatteten Wohnung sind er
selbst und seine Familie nicht zu Hause, sondern wie heimische Gaste.
Ein Sohn ist kommunistisch gesinnt, ein Komsomol; mit feindseligem
Blick betrachtet er sein Elternhaus, morgen wird er fortziehen, heute
schon lebt er von eigener Hande Parteiarbeit. Die Tochter geht ohne
eine Kopeke Mitgift, ohne vaterliche Begleitung zum Standesamt und
heiratet in drei Minuten einen Rotarmisten. Der burgerlich gesinnte
Sohn findet keinen Platz an der iiberfullten Hochschule und riistet zu
ungesetzlicher, also gefahrlicher Abreise ins Ausland. Das Geld, das
614 DAS JOURNALISTISCHE WERK
man verdient, wird nicht »angelegt«, sondern ausgegeben, verlebt oder
vergraben oder gegen hohe Zinsen an gute und verschwiegene Bekannte
verliehen. Die Familie - Urzelle und Festung des biirgerlichen Lebens
zugleich - ist nicht mehr vorhanden. Dafiir kennt der neue Burger aber
auch nicht jene lauwarme biirgerliche Atmosphare, die schiitzt, aber
auch schwacht; keine Fiirsorge, die Liebe weckt, aber auch Enge er-
zeugt; keinen Opferwillen, der heroisch sein kann, aber auch belanglos;
keine Sentimentalitat, die riihrend ist, aber auch falsch. Der neue Burger
ist ein revolutionarer Burger. Er ist in seiner Art mutig, weil von Riick-
sichten frei; er ist hemmungslos, weil ohne Prinzip; er ist auf alles
gefafit, weil er das meiste schon erlebt hat. Er war zum Teil aktiv an der
Revolution beteiligt. Das ist der Burger, von dem Lenin 1918 schrieb:
»Wie kann man so blind sein und nicht sehen, dafi unser Feind der kleine
Kapitalist und der Spekulant ist? Dieser furchtet mehr als jeder andere
den Staatskapitalismus; denn sein erstes Ziel ist ja, alles Mogliche an sich
zu raffen, alles, was nach dem Sturz der Grofigrundbesitzer und grofien
Spekulanten ubriggeblieben ist. In dieser Beziehung ist er sogar noch
revolutionarer als der Arbeiter - denn er ist auch rachsiichtig. Er leistet
willige Beihilfe im Kampf gegen die Grofibourgeoisie - um die Friichte
des Sieges fur seine eigenen Interessen zu ernten.« Acht Jahre sind seit
damals vergangen. Der Spekulant erntet die Friichte des Siegs, und er ist
auf dem Weg, selbst ein Grofikapitalist zu werden.
Es gibt in Rufiland aber nicht nur diesen aktiven, sichtbaren neuen
Handler und Industriellen. Es gibt viele stille, maskierte, sozusagen
passive Burger. Ihnen ist es gelungen, bares Gold mitten in der Revolu-
tion zu verbergen oder sich anzueignen. Heute gehen sie in Stellungen,
leben in proletarischer Enge, geben vor, mit hundert Rubel im Monat
auszukommen, und verleihen ihr Geld gegen hohe Zinsen an furcht-
losere Freunde - die in zwei, drei Jahren ebenfalls Kapital haben wer-
den, um es zu verleihen. So spielt sich unter der Decke ein regelloses
kapitalistisches Leben ab, ein Kaufen und Verkaufen, ein Borgen und
Verzinsen, ein gefahrvolles Leben, das dem modernen tuchtigen NEP-
Mann die wesentlichen Ziige eines Rauberhauptmanns verleiht.
Das alles ist nicht imstande, das Proletariat zu beunruhigen. Die reichen
Leute - so rechnet man - werden von den zunehmenden Staatsbetrieben
erdriickt. In fiinf Jahren sind sie nicht mehr vorhanden. »Es ist eine
Ubergangszeit«, sagen die Arbeiter. Sie meinen, es ware ein Ubergang
zum sozialistischen Staat.
1926 615
Aber auch die Burger sagen: »Es ist eine Ubergangszeit« - und sie
meinen, es ware ein Ubergang zur kapitalistischen Demokratie. Beide
warten auf das Kommende und storen einander vorlaufig nicht merk-
bar. Wenn es wahr ist, daft das Proletariat die herrschende Klasse ist,
so ist sicherlich das neue Burgertum die geniefiende Klasse. Das Prole-
tariat hat alle Institutionen des Staates. Die neue Bourgeoisie hat alle
Institutionen der Bequemlichkeit. Es gibt beinahe kein Ubereinander.
Es gibt ein Nebeneinander. Das Theater gehort dem Arbeiter. Aber in
der Loge sitzt der Burger. Der Arbeiter hat das Bewufttsein, Hausherr
und Vermieter der Loge zu sein. Den Burger stort die Umgebung, die
revolutionare Aufmachung, der Gedanke, ein Transport wiirde be-
schlagnahmt, eine Steuer erhoht werden. Der Proletarier geht in den
Klub, sieht einen Film, spielt Domino, hort einen Vortrag, trinkt einen
Tee am Biifett fur zehn Kopeken und weift, daft dieses Haus, in dem
sich der Klub befindet, einmal einem Kapitalisten gehort hat, der jetzt
enteignet ist. Das ist ein greifbarer Erfolg. Der enteignete Kapitalist -
oder ein anderer an seiner Stelle - geht am Abend in die Halle des
groften Hotels, wo zwar ein Bild von Lenin hangt, aber auch eins von
Fragonard, der » Combat de la Flute« aus dem Speisezimmer meiner
Tante, und wo die unvermeidliche Appetitspalme fiinfzig teure Likore
beschattet. Hierher haben selbst die Bettler, die liberall hinkommen,
keinen Zutritt. Es ist eine ganz groftbiirgerliche Welt, wie im Westen
Europas. Da das Trinkgeld nicht gesetzlich abgeschafft, sondern nur
unwiirdig geworden ist, nehmen es die Kellner mit untertanigem
Dank. Hierher kommt kein Proletarier. Vor acht und neun Jahren hat
er diese »Palaste« gesturmt. Heute erwartet er, daft sie eines Tages ge-
raumt werden.
Der neue Burger ist nicht gesonnen, sie zu raumen. Auch er wartet -
daft die Arbeiterklubs eines Tages geraumt werden. Beide haben Ge-
duld...
Frankfurter Zeitung, 19. 10. 1926
VII
DAS VOLKER-LABYRINTH IM KAUKASUS
Wir landen am Abend in Baku. Das ist die Hauptstadt Aserbeidschans
und des Petroleums. Sie besteht aus einem neuen (europaischen) und
einem alten (asiatischen) Teil. Die europaischen Strafien sind breit, hell
und heiter. Das asiatische Baku ist kiihl, dunkel und beklemmend. Vor
die breiten, stolzen, schonen Bogenfenster sind dichte Drahtgitter ge-
spannt. Jedes Haus ist ein Palast, und alle Palaste sind Gefangnisse.
Junge Mohammedan erinnen tragen weifie und blaue Tiicher vor dem
Mund; sie sehen aus wie eingemauert: jede ihr eigenes Gefangnis. Den
mohammedanischen Bettlern vor dem grofien Tor der alten Stadt
braucht man nichts zu schenken: Sie sind Ornamente. Alte Sejiden,
Nachfolger Mohammeds, im weifien dichtgeflochtenen Turban, kauen
Sonnenblumenkerne. Die leichtsinnigen Schalen bleiben in den gelb-
lichgrauen Barten hangen. Dumme, unbegabte Handler sitzen auf Stei-
nen, zehn Blatter vergilbten Briefpapiers liegen vor ihnen, nichts tun
sie fur ihre Waren. Hinter finstern langen und schmutzigen Hausflu-
ren leuchten weifie Hofe aus Stein, mit Zierbrunnen, weit, marchen-
haft, rechteckig, langweilig. Es scheint mir, dafi die tausendundeins
Nachte in Baku ein verlorener Posten sind: Einige Kilometer weiter
spritzt Petroleum aus der Erde . . .
Dennoch ist der Marktplatz exotisch: viele schmale und schmutzige
Gassen; Passagen, die als Markthallen verwendet werden; unzahlige
kleine Kaufladen mit Schildern in tiirkischer, persischer, armenischer
Sprache. Was ist das fur ein bekannter, lateinisch gedruckter Name?
Wer heifit hier »Levin«? Mit Vornamen »Arvad Darzah« allerdings. Es
ist ein Bergjude. Er handelt mit Sohlenleder. Obwohl er der Rasse
nach ein Tate ist, also nicht einmal Semit, spricht er dennoch ein man-
gelhaftes Deutsch. Vorbeiwandernden Kamelen blast er aus einer lan-
gen Pfeife Rauch in die traurigen Gesichter. Welch unwahrscheinlich
pathetische Tiere! Ihre Dummheit ist von einer ganz besonderen Art:
Es ist eine feierliche Dummheit. Vielleicht wirken sie in der Wiiste
natiirlicher. Dieser exotische Marktplatz - fur Kamele ist er noch im-
mer nicht exotisch genug. Vor dem Laden des Genossen Levin sehen
sie aus wie mifilungene Pferde.
1926 6ij
Es riecht nach brennendem Fell. An der Ecke 1st die »Kuschetschnaja«,
ein Schnell-Imbifi. Das Fett der Lammer wird, glaube ich, liber Ge-
biihr gewiirdigt. Es schmort prasselnd iiber offenem Feuer. Vorlaufig
bohrt der Verkaufer in der Nase. Ich passiere ein Durchgangshaus.
Menschen wohnen in weitgeoffneten Laden. Halbnackte Frauen
schaukeln hart und hastig iiber zischenden Wacheimern. Greise
schlummern auf den Steinen. Ein ruhiges Alter ist ihnen beschieden.
Kinder spielen Karten in einem Tumpel. Achtung! Nicht zertreten!
Verkaufer rufen mir nach. Was soil ich kaufen! Orientalische, flache,
ungesauerte Brote, »Mazzes« der Juden; einen grusinischen Giirtel fur
sechs Rubel, ein diinnes Leder, silberne Platten hangen daran, eine
»Akquisition« fiir Englander; einen Dolch in tulasilberner Scheide;
griine Schniirsenkel. Haarnadeln soil ich mir anschaffen, Manschetten-
knopfe mit tiirkischen Segensspriichen, einen Tabakbeutel aus Ziegen-
leder, einen Kranz Knoblauch, ein Lendenstiick von einem Hammel,
frischgeschlachtet, blutrot, appetitlich, runden Schafskase, Uhren ohne
Zeiger, falsche Juwelen, giftgrline Hosentrager, aufierst schlaffe Sym-
bole der Zivilisation. Lasttrager vom Hafen, grofi, stark, schwarz, mit
Bartstoppeln in traurigen und miiden Gesichtern, stehen mir im Weg.
Von Stand zu Stand gehen sie langsam. Es ist keineswegs ihre Absicht
zu kaufen: Erfahrungen wollen sie sammeln. Halbwiichsige Jungen
tragen Erfrischungswasser in irdenen Kriigen auf dem Kopfe. Ihre
Fufie laufen, ihre Kopfe stehen. Die Gefafle ruhen sicher wie auf eiser-
nen Sockeln. Barfiifiige Madchen, ansichtskartenhaft, gehen um Was-
ser zu Brunnen, durstige Eimer hangen am Tragholz, das quer iiber der
rechten Schulter liegt. Die Reprasentanten der kaukasischen Bergvol-
ker tragen riesige, wilde, zottelige Pelzmiitzen. Was haben, frage ich
vergeblich, diese Miitzen fiir einen Zusammenhang mit den Bergen?
Es wimmelt hier von schweren Pelzmiitzen, die meisten kaukasischen
Volker sind hier vertreten. Und wie viele gibt es auf dem riesigen Ge-
biet des Kaukasus, auf den 455000 Quadratkilometern? Vierzig bis
fiinfundvierzig zahlte ein veralteter Fuhrer. Im nordlichen Kaukasus
allein muEten nach der Revolution neun Republiken errichtet werden.
Dafi dort die Nogaier, die Kara-Nogaier (schwarze Nogaier), die
Turkmenen (die heme noch Nasenringe tragen) und die schongebilde-
ten Karatschaier leben, wufke ich. Daft in Kurdistan die Kurden, in
Karabach die Armenier wohnen, haben wir alle gelernt. Von wie vielen
Volkern aber weifi mir ein Gelehrter, der finnische Philologe Stimu-
6l8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
magi, im aserbeidschanischen Forschungsinstitut zu erzahlen! Er kennt
die Mugalen und Lesgier, kunstfertige Handwerker, dagestanischer
Rasse; im kubruischen Ujezd allein fiinf kleine Stamme: die Chaputlin-
zen, die Chinalugen, die Buduchen, die Tschekzen, die Krislen; die
50000 Kuriner, sudlich von den Lesgiern; die Taten, die ein Rest alter
Perser sind - im 6. und 7. Jahrhundert als lebendige Walle gegen Chasaren
und Hunnen angesiedelt; im Bezirk Nucha die Wartaschen und Nidseh;
die Talyschen im Lenkoran-Bezirk. In den muganischen Steppen leben
die russischen Bauernsekten, der Zar hat sie zwangs- und strafweise hier
angesiedelt: die Duchoborzen, Molokaner, Starowierzy und Sobotniki.
In den reichen Weinbaudorfern Geudscha und Schamachow leben
Landsleute, Schwaben. Sie sind zum grofien Teil mennonitischen Glau-
bens. In den Dorfern Priwolnaja und Pribosch leben die interessantesten
Juden der Welt: namlich die rein-arischen. Es sind russische Bauern, die
friiher einmal Sobotniki waren, Sabbat-Heiliger. Als sie von der offiziel-
len Kirche und den Behorden verfolgt wurden, gingen sie aus Zorn und
Trotz zum Judentum iiber. Sie nennen sich selbst »Gerim« (hebraisch:
»Fremde«), sehen slawisch aus, leben von Ackerbau und Viehzucht und
sind neben den weifirussischen, semitischen, »echten« Juden die fromm-
sten der Sowjetunion.
Ein Rassenantisemit kame diesen Juden gegeniiber in eine grofie Verle-
genheit. Eine noch grofiere wurden ihm die »Bergjuden« bereiten. Ich
habe sie besucht. Sie sind, obwohl ihre Orthodoxen es selbst behaupten,
keine Semiten - meint die Wissenschaft. Sie gehoren der tatischen Rasse
an. Ich erfahre, dafi die Zionisten vor dem Krieg Verbindungen mit den
Bergjuden angekniipft haben. Es erwies sich, dafi der bergjiidische Kle-
rus - im Gegensatz zu seinen semitischen ostjiidischen Kollegen ortho-
doxer Pragung - dem Zionismus freundlich gesinnt war. Der Krieg hat
diese Beziehungen unterbrochen, die Revolution hat sie zerstort. Die
kommunistische bergjiidische Jugend ist nicht nur antiklerikal, sondern
zeigt auch Nationalbewufitsein - namlich tatisches, nicht etwa judisches.
»Unsere Stammesgenossen«, sagen die jungen Bergjuden, »sind nicht
etwa die Juden der Welt, sondern die mohammedanischen und arme-
nisch-katholischenTaten.« Man hat also jetzt die ersten Schulen- vorlau-
fig zwei - mit tatischer Unterrichtssprache eroffnet. Eine tatische Schrift
hat es niemals gegeben. Man kam auf den unpraktischen Ausweg -
hebraische Schriftzeichen fur die tatische Sprache zu verwenden. Indes-
sen haben sogar die Tiirken das lateinische Alphabet angenommen.
1926 619
Nach einer - immer noch bestrittenen - Theorie sind die Volker des
Kaukasus japhetitischer oder alarodischer Rasse. Japhetiten sollen ein-
mal alle Mittelmeergebiete bevolkert haben, die biblischen Chetiter wa-
ren Japhetiten, die Urartu aber Chalden, die Nairi und Mittani, die in den
assyrischen Keilinschriften vorkommen, die Urbevolkerung von Zypern
und Kreta, die Pelasger, die Etrusker und Ligurier, die Iberier - und ihr
heutiger Uberrest: die pyrenaischen Basken. Indoeuropaer haben die
Japhetiten verdrangt, Iraner kamen in den Kaukasus, iranisierten die von
den Sassaniden angesiedelten Stamme, die Araber brachten ihnen den
Islam, die Turken die tiirkische Sprache. Eine allgemeine Assimilation ist
niemals gelungen. In den unzuganglichen Schluchten und Talern des
Kaukasus leben die letzten Uberreste einer sonst langst verschwundenen
Exotik langst verrauschter Kulturen. Die ganze Entwicklung des Men-
schengeschlechts ist an lebendigen Exempeln im Kaukasus zu sehen: der
Weg vom primitiven Hohlenbewohner zum sefihaften Ackerbauer, vom
kriegerischen Nomaden zum friedlichen Hirten, vom wilden Jager zum
pazifistischen Duchoborzen, der vegetarisch aus Religion ist . . .
Alle diese Volker haben heute vollkommen nationale Autonomie - so-
weit sie auf der Kulturstufe angelangt sind, auf der sie selbst Autonomie
fordern. Von alien Postulaten der Demokratie und des Sozialismus ist das
der Gleichberechtigung nationaler Minderheiten in RuEland glanzend,
vorbildlich erfiillt worden. Die Losung der Minderheitenfrage hat gerade
im Kaukasus zu schweren Komplikationen gefuhrt: In einer einzigen
mittelgrofien Stadt befanden sich manchmal die Zentralbehorden dreier
Republiken. Eine Stadt bildete also in Wirklichkeit drei Stadte. Und jede,
auch die kleinste Nation, bestand auf ihren Rechten. Ein neugewecktes
Nationalbewufksein wachst sich leicht zu Nationalismus aus. Es ware
vielleicht praktischer gewesen, alle diese Nationen auf eine geeignete
Weise zu russifizieren - die zaristische Regierung hat es nicht vermocht.
Heute ist es zu spat - oder noch zu friih. Man hat vorlaufig mit grofier
Miihe aus einem Volkergewirr ein nationales Labyrinth geschaf f en : Es ist
kompliziert, aber sy stematisch. Der Fremde verirrt sich, aber die Einhei-
mischen finden sich zurecht. Und wenn heute die Naganzen, die heute
noch ihr Ungeziefer verzehren, von ihren Bergen herabsteigen und eine
beschrankte und ihnen angemessene Autonomie verlangten - sie beka-
men sie. Prinzipiell kann in den Sowjetstaaten jeder Stamm auf seine
Fasson »national« werden.
620 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die zaristische Regierung hat von den Besonderheken des Kaukasus
gar nichts verstanden. Die zaristischen Grofifiirsten und Fiirsten, die
Polizeigouverneure und Generale betrachteten die Eingeborenen als
»Wilde«, die man von eigenen Soldaten erschiefien lafit, wenn sie auf-
mucken, von »feindlichen«, wenn Krieg ausbricht. Die Vorstellungen
eines zaristischen Statthalters von dem Volk, das er beherrscht, waren
noch primitiver als die Vorstellungen, die sich diese Untertanen vom
Zaren machen mufiten. Ich habe in den Bibliotheken von Tiflis und
Baku einige »Memoiren« gelesen, deren Verfasser hohe Wiirdentrager
im Kaukasus gewesen waren. Alle ihre Beobachtungen stehen auf dem
Niveau jener beruchtigt gewordenen des englischen Reisenden Han-
way aus der Mitte des i8.Jahrhunderts: »Die Kalmucken haben eine
ahnliche Gesichtsbildung wie die Chinesen, sind aber noch frecher und
wilder.. .«
Derartige Vertreter russischer Kultur haben freilich keinesfalls russifi-
zieren konnen. Es lag dem Zaren ja auch gar nicht an der russischen
Kultur - sie war ja sogar in Grofirufiland verboten. Es lag ihm an den
Steuern, den Bodenschatzen, dem Brot.
Es ist nicht anzunehmen, dafi die Geschichte im Kaukasus einmal
einen verkehrten Weg gehen wird: nicht Stamme zu Nationen zu ver-
einigen, sondern aus kleinen Stammen ebenso viele neue Nationen zu
bilden. Es ist gewifi, dafi diejenigen kaukasischen Volker, die schon ein
starkes kulturelles Hinterland haben, ihre nationale Kultur weiterbil-
den werden. Aber die Taten, die Kumuken, die Tschetschenen werden
eines Tages in den grofien Nachbarvolkern aufgegangen sein. Man
glaubt, dafi der lange Weg einer Assimilation eines primitiven Volkes
an ein hochstehendes mit einem eigenen, neuen Nationalbewufitsein
beginnt, mit einem eigenen, neuen Lehrbuch fur die erste Volksschul-
klasse. Auch der Weg zur grofien, noch sehr fernen Internationalitat
beginnt beim eigenen Alphabet. Die Muttersprache vermittelt die
Weltsprache, das Nationalgefiihl breitet sich aus zum Weltgefuhl.
Die Verleihung der nationalen Autonomien war nicht nur ein kommu-
nistisches Gebot. Sie war auch eine politische Klugheit. Denn: was
lernen heme die neuen Nationen in ihren neuen nationalen Lehrbii-
chern? - Die Geschichte und den Ruhm der Revolution. Den primiti-
ven Menschen besticht die nationale Idee manchmal eher als die kom-
munistische. Nun tragt aber der Kommunismus nationale Ziige, der
Patriotismus kommunistische. Wer hinter der nationalen Fahne mar-
i<)z6 621
schiert, folgt auch der internationalen roten. Nationalgefuhl und kom-
muniStische Weltanschauung sind bei der Jugend der meisten kaukasi-
schen Volker beinahe synonyme Begriffe. Dem Kommunismus gelang,
was die absolute Monarchic nicht vermochte, wohl auch nicht gewollt
hatte: die absolute nationale Sicherheit. In Baku gibt es keine Arme-
nierpogrome mehr, in WeifiruKland und der Ukraine keine Judenpo-
grome. So schwach und schwankend die alte Regierung gerade im
Kaukasus war, so stark und sicher ist ddrt die neue. In Tiflis sah ich das
Leichenbegrabnis eines Offiziers; vor den militarischen Ehrenkompa-
nien zwanzig Doppelreihen in grusinischer Nationaltracht - Pelzmiit-
zen, Sabel, Patronengiirtel, Pistolen, Dolche. Es war ein nationaler
Verein, dem der Tote angehort hatte. An der Spitze der nationalen
Grusinier wehte die rote kommunistisehe Fahne.
Die Vorstellung, dafi ein kaukasischer Bauer etwa heute noch nicht
wiifke, »ob der Zar oder Lenin regierte«, ist falsch. Die Petroleumge-
biete industrialisieren, die Rote Armee revolutioniert alljahrlich ein
neues Bauerngeschlecht. Im westlichen Teil Georgiens, in Gurien - die
Kultur dieses Landes ist allerdings tausend Jahre alter als die russi-
sche-, waren die Bauern durch eine harte, auch noch iiber das Jahr
1864 andauernde Leibeigenschaft gezwungen worden, in die Indiistrie-
zentren abzuwandern. 1902, beim Batumer Streik, wurden 19 Gurier
erschossen, die Heimat nahm Rache, Militar konnte ein ganzes Jahr
lang nichts gegen die bewaffneten Bauern ausrichten, die Polizei wurde
verjagt und getotet, man fuhrte eine eigene Verfassung ein, sozialisierte
grofie Strecken des Landes, gab den Frauen gleiche Rechte, studierte
Marx in offentlichen Versammlungen - wahrend der Tifliser Statthal-
ter ohnmachtig zusah. Erst im Dezember 1905 wurde mit Hilfe grower
Militartruppen das Land auf eine echt russische Weise »beruhigt«.
Heute ist die alte grusische Aristokratie zum Teil gefluchtet, zum Teil
in den NEP-Mann-Stand abgewandert. Die schmucken Gestalten in
den exotischen Uniformen stehen vor den Nachtlokalen des Mont-
martre. In den russischen Stadten tragen sie Zivil und machen Ge-
schafte mit kleinen Handlern. Vor acht Jahren hatte ein kaukasischer
Edelmann den kleinen Mann ungestraft verpriigeln konnen, der heute
sein Kompagnon ist. In den Strafien von Tiflis sieht man wohlgebaute
Herren mit gestikulierenden Juden aus Minsk und Griechenland ver-
handeln. Chasaren, Hunnen, Byzantiner, Araber, Tataren, Mongolen,
Perser, Tiirken, Seldschuken haben Tiflis abwechselnd bis zum Jahre
622 DAS JOURNALISTISCHE WERK
1795 erobert. Dann aber kam eine Pause. Seit 1923 herrschen die NEP-
Manner.
In Baku sind die Chancen noch besser. Auf dem lebhaften Boulevard
lustwandelt eine ganze Borse. Man sitzt in den Restaurants, deren Bo-
genlampen sich im Kaspischen Meer spiegeln. Man sieht die ankom-
menden Schiffe, die Waren abladen werden. Wie angenehm lafit sich da
kalkulieren! Man hort aus den gewolbten Zelten, die wie grofie Souf-
fleurkasten aussehen, die weinende tiirkische Musik, die Tone des
»Sas« und des »Tar«, die auf der schmalen Grenze zwischen Wildheit
und Sentimentalitat dahinziehen . . . und macht Geschafte.-
Frankfurter Zeitung, 26. 10. 1926
VIII
WIE SIEHT ES IN DER RUSSISCHEN STRASSE AUS?
Auf den ersten Blick erscheinen die Straften der russischen Stddte bunt
und lebhaft. Viele Frauen tragen rote Kopftiicher glatt auf dem Haar,
im Nacken breit geknotet. Es ist die einzige, ubrigens praktische Ga-
lanterie der Revolution. Die alten Frauen verjiingt das rote Tuch, den
jungen verleiht es einen kuhnen erotischen Elan. Von einigen Hausern
wehen rote Fahnen. Uber Tiiren und Schildern steht der rote Sowjet-
stern. Die Plakate vor den Kinotheatern sind von einer naiven, landli-
chen Farbenfreude. Die Menschen stauen sich vor den Schaufenstern,
sie lieben es, in Serpentinen zu wandeln, es ist ein grofier Reichtum an
Bewegungen. In einem absichtlichen, wahrscheinlich padagogischen
Gegensatz zu den Passanten demonstrieren die offentlichen Verkehrs-
mittel Tempo, Rasanz, »Amerika«. Es gibt gute englische Autobusse
modernster Konstruktion, leichter und gediegener als die Berliner und
Pariser. Glatt und hurtig sausen sie dahin - auf dem furchtbarsten Pfla-
ster der Welt: dem russischen, das wie ein steiniger, festgestampfter
Meeresstrand ist. Die Strafienbahnen klingeln ganz hell, wie Wecker.
Die Automobile piepsen schrill, wie junge Hunde. Die Droschken-
pferde schnalzen lustig mit den Hufen. Die fliegenden Handler
schreien und singen ihre Waren aus - sie machen sich selbst mehr Cou-
rage als dem Kaufer. Uber den Dachern glanzen die Marchenkuppeln
1926 6i}
der russischen Kirchen, bliihen die goldenen Zwiebeln, Friichte eines
bunten, seltsamen, exotischen Christentums.
Dennoch empfinde ich die russische Strafie als grau. Die Masse, die sie
bevolkert, ist grau. Sie verschlingt das Rot der Tiicher, der Fahnen, der
Abzeichen und den goldenen Abglanz der Kirchendacher. Es sind lau-
ter arm und wahllos angezogene Menschen. Es went ein grofier, in
seiner Nuchternheit iiberwaltigender, in seiner Diirftigkeit patheti-
scher Ernst von ihnen. Die russische Strafie erinnert an die Szenerie
eines sozialen Dramas. Es erfiillt sie ein Geruch von Kohle, Leder,
Speise, Arbeit und Mensch. Es ist die Atmospbdre der Volksversamm-
lungen.
Es ist immer noch, als hatte man vor einigen Stunden erst die Tore der
Stadt geoffnet und die der Fabriken, die engen Tiiren der Gefangnisse
und die pomposen Portale der Bahnhofe; als hatte man erst vor einer
Stunde Schranken aufgehoben, Lokomotiven in Bewegung gesetzt,
Tunnel durchbrochen, Ketten gesprengt: als hatte man eben erst die
Masse befreit, als ware ganz Rufiland auf den Beinen. Ihm fehlt noch
das heitere Weift, das die Farbe der Zivilisation ist, wie Rot die Farbe
der Revolution. Ihm fehlt der helle Frohsinn, den nur eine alte, form-
vollendete Welt hervorbringt, niemals eine werdende. Ihm fehlt die
Leichtigkeit, die ein Kind des Uberflusses ist. Hier sieht man nur
Not- oder Notwendiges. Es kommt mir vor, dafi ich durch Acker
gehe, in denen lauter Kartoffeln wachsen, bitter gebrauchte, reichlich
gesate.
Vieles ist improvisiert: holzerne Buden der Stiefelputzer mit schwar-
zen und braunen Schniirsenkeln, mit kleinen, armseligen Pyramiden
aus Schuhpasta-Schachteln; mit grauen grofien Gummi-Absatzen,
Hufeisen fur Menschen. Ein Mann bleibt stehen, hebt einen Fufi und
lafit sich beschlagen. Die Funken spriihn in der Dammerung, wahrend
der Schmied, der ein Schuster ist, den Hammer schwingt. Frauen in
dicken Kleidern hocken auf dem Pflaster und verkaufen Sonnenblu-
menkerne. Fur zwei Kopeken erhalt man ein voiles Glas, gewisserma-
fien mit Schaum. Jeder fiinfte Mensch spriiht die grauen Schalen um
sich her. Ein Trupp obdachloser, malerischer, zerfetzter Kinder
schlendert, lauft, sitzt in den Straften. Bettler aller Art und Grofte spa-
hen raubgierig nach edlen Herzen. Es gibt Melancholiker mit dem be-
kannten stummen Anklageblick, Klerikale, die mit dem Jenseits dro-
hen und zu den Melodien der Kirchenlieder eigene Texte singen,
624 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Frauen mit Kindern und Kinder ohne Frauen, Amputierte und Simu-
lanten. Da sind kleine, provisorische Laden mit geteilten Schaufen-
stern. Links liegen Uhren, rechts schaukeln Damenhiite auf Stengeln.
Links liegen Hammer, Messer, Nagel, rechts sind Biistenhalter,
Striimpfe, Taschentiicher.
Dazwischen schiebt sich die Menge: Manner in billigen Blusen, viele in
Lederjoppen, alle mit braunen und grauen Miitzen, in grauen, brau-
nen, schwarzen Hemden; viele Bauern und halbe Landlichkeiten, die
erste Generation, die auf dem Strafienpflaster gehen gelernt hat; Solda-
ten in langen gelben Manteln, Milizmanner in dunkeln, in dunkelroten
Miitzen; Manner mit Aktentaschen, auch ohne diese Werkzeuge als
Funktionare erkennbar; alte Burger, die justament beim weifien Kra-
gen bleiben, den Hut noch tragen, ein schwarzes Bartchen - die Mode
der russischen Intelligenz der neunziger Jahre - und den, unvermeidli-
chen Zwicker am diinnen goldenen Kettchen, das die Ohrmuschel
vom Schadel abgrenzt; Debattierende, die in den Klub gehn, ihn schon
unterwegs eroffnen; ein paar angstliche, sehr primitive Madchen der
Liebe, Etappen-Typus ; sehr selten eine gut angezogene Frau; niemals
ein unbeschaftigter Mensch, niemals ein Mensch, dem man es ansehn
wiirde, dafi er gar keine Sorgen hat. Aus alien weht der Atem eines
arbeitsreichen oder eines problemreichen Lebens. Entweder man ist
Arbeiter oder Funktionar oder Buroangestellter. Man ist aktiv, oder
man wird erst aktiv. Man ist in der Partei, oder man bereitet sich ge-
rade vor, in die Partei aufgenommen zu werden. (Und selbst die »Par-
teilosigkeit« ist noch eine Art Aktivitat.) Man fixiert immer seine Stel-
lung zur neuen Welt. Man korrigiert seinen Standpunkt. Man ist nie-
mals ganz Privatmensch. Man ist immer ein sehr bewegter Bestandteil
der Gesellschaft. Es wird organisiert, es wird gespart, es wird eine
Kampagne eroffnet, eine Resolution gefafit, eine Delegation erwartet,
eine Delegation begleitet, es wird einer ausgeschlossen, ein anderer
aufgenommen, es wird gesammelt, abgeliefert, gestempelt - es wird, es
wird, es wird! Die ganze Welt ist ein ungeheurer Apparat. Jeder Greis,
jedes Kind ist beteiligt und verantwortlich. Es ist ein grofies Bauen und
Zuschiitten und Ziegeltragen, hier liegen Trummer, dort liegt neues
Baumaterial - und alle Menschen klettern auf Geriisten, stehen auf
Leitern, steigen auf Treppen, reparieren, bauen ab, schutten zu. Noch
steht niemand frei und souveran auf der Erde.
Deshalb erscheinen mir manchmal die Strafien selbst der altesten russi-
1926 625
schen Stadte (von Kiew und Moskau) wie Strafien in einem Neuland. Sie
erinnern mich an die jungen Stadte aus amerikanischen Westkolonien,
an diese Atmosphare von Rausch und standiger Geburt, von Gliicks-
jagd und Heimlosigkeit, von Kiihnheit und Opfermut, von Mifkrauen
und Furcht, von primkivstem Holzbau neben kompliziertester Tech-
nik, von romantischen Reitern und niichternen Ingenieuren. Die Men-
schen sind auch hier von alien Seiten des grofien Landes zusammenge-
stromt (in jeder Stadt wechselt die Bevolkerung jedes Jahr), Hunger,
Durst, Kampf und Tod liegen vor ihnen. Das Heute bilden: Holzlatten,
abgebrochene Kreuze, zerrissene Hauser, Stacheldraht vor Garten,
neue Geriiste vor halbfertigen Bauten, alte Denkmaler, von Emporung
vernichtet, neue, von allzu hastigen Handen erbaut, Tempel, in Klubs
verwandelt, noch kein Klub, der einen Tempel ersetzte, zertrummerte
Konvention und eine langsam werdende neue Form. Manches ist allzu
neu, funkelnagelneu, zu sehr neu, um sehr alt zu werden, es tragt das
Zeichen von Amerika an der Stirn - von Amerika, dessen Technik das
vorlaufige Ziel der neuen russischen Baumeister ist. Die Strafie hastet
vom schlafrigen Orient zum westlichen Westen, vom Bettler zur Licht-
reklame, vom langsamen Droschkengaul zum ratternden Autobus, vom
»Iswoschtschik« zum Chauffeur. Noch eine ganz kleine Wendung -
und diese Strafie fiihrt direkt nach New York.
Ich gestehe beschamt, dafi mich manchmal in diesen Straften eine ganz
bestimmte Trauer befallt. Mitten in der Bewunderung fur eine Welt, die
aus eigener Kraft, mit mehr Ekstase als Material, ohne Geld und ohne
Freunde, Zeitungen druckt, Biicher schreibt, Maschinen baut und Fa-
briken, Kanale grabt, nachdem sie kaum noch ihre Toten bestattet hat -
mitten in der Bewunderung ergreift mich ein Heimweh nach unserem
Leichtsinn und unserer Verwerflichkeit, eine Sehnsucht nach dem
Aroma der Zivilisation, ein sufier Schmerz um unsere wissenschaftlich
schon ausgemachte Dekadenz, ein kindischer, dummer, aber inbrunsti-
ger Wunsch, noch einmal eine Modeschau bei Moulineux zu sehen, ein
holdseliges Abendkleid auf einem torichten Madchen, eine Nummer
vom »Sourire« und den ganzen Untergang des Abendlandes; Wahr-
scheinlich ist das ein bourgeoiser Atavismus.
Frankfurter Zeitung 31. 10. 1926
»IX. Die Lage der Juden in Sowjetruflland«. Frankfurter Zeitung, 9. 11. 1926,
siebejuden auf Wander sch aft, Seite 888.
X
DER NEUNTE FEIERTAG DER REVOLUTION
Der siebente November 1926 ist der neunte Feiertag des revolutiona-
ren Rufiland. Am sechsten abends ist Illumination. Sie fallt diesmal
spars amer aus als in den letzten Jahren. Es ist feucht, friihwinterlich,
nebelig. Auch bei volliger Dunkelheit fiihlt man den schwerbewolkten
Himmel. Mit dem Nebel kampfen silbern und rot leuchtende Inschrif-
ten. Portrats und Biisten von Lenin stehen in den Schaufenstern, etwas
streng drapiert. Die Kaufladen werden geschlossen. Man hort diesen
ganz bestimmten Tschinellenklang der Schliissel, der nur am Vorabend
der Feiertage ertont. An Wochentagen ist es ein gewohnliches Rasseln.
Auch die Menschen haben den schlendernden Sonnabend-Schritt, mit
dem man freien Tagen entgegenwandelt. Aber nirgends entsteht die
aufgeregte Festlichkeit illuminierter Nachte. Dampf steigt aus der nas-
sen Erde, Nebel schwebt iiber den Dachern . . . Man sollte iiberall spa-
ren - nur nicht an Illuminationen.
Am nachsten Morgen, Sonntag urn neun Uhr friih, beginnt die be-
riihmte, schon historisch gewordene Parade der Roten Armee auf dem
Roten Platz im KremL Diese Szenerie und diese Parade hatte Shake-
speare dichten konnen. Der Rote Platz ist so grofi, dafi er mindestens
drei moderne breite Grofistadt-Boulevards in sich fassen konnte. Ein
Tor eroffnet ihn, eine vielkupplige Kirche schliefit ihn ab. Vor der ge-
zackten Kremlmauer steht das holzerne Grabmal Lenins. Es ist eine
ungewollte, aber symbolisch wirkende Mischung von Denkmal und
Rednertribiine. Der viereckige umgitterte Rasen, der es einsaumt, ist
nur wie eine leise Andeutung von Friedhof.
Auf diesem Platz stehen in breiten dichten Karrees die Soldaten: gelb-
graue Mantel, Gewehrlaufe, gelbe Riemen, russische Miitzen mit
stumpfer, niedriger Scheitelspitze; Gewehre, Mantel, Miitzen; Miit-
zen, Mantel, Gewehre. Im Hintergrund warten: Kavallerie, dann die
»Budjonnyj-Kavallerie« mit Maschinengewehren auf kleinen, flinken
Wagen, die Artillerie und die Tanks. Nichts nihrt sich, Man hort aus
der Feme heranziehende Musik. Ein nasser Novembermorgen geht
iiber den Platz in leisen Galoschen.
An dem niedrigen Turm klebt das grofie, deutliche, etwas drastische
1926 627
Zifferblatt der Uhr. Der schwere Zeiger tastet vorsichtig die Minuten
ab, er geht auf ihnen wie auf Sprossen der romischen Neun entgegen.
Wenn er sie erreicht, schlagt die Uhr stark, metallen, mit einem frem-
den, fernen Goldklang in der Kehle, halb eine Uhr und halb ein Mu-
sikinstrument, prazise und etwas kirchlich. In diesem Augenblick wird
es noch stiller als vorher. Ein Kommando knallt plotzlich, ganz uner-
wartet, obwohl es alle erwartet haben. Drei Reiter sprengen vor. Ga-
lopp. Lange Mantel wehen. Der Kommandeur der Armee und zwei
Begleiter. Vor jedem Soldaten-Karree reifien sie die Pferde nach rechts.
Jede Abteilung ruft: » Hurra !« Eine Minute Galopp, eine Sekunde
Hurra. Rings um den Platz! Wendung! Zuriick! Musik spielt die Inter-
nationale. - Der Kommandeur geht auf die Terrasse des Grabmals. An
zwei Pfahlen stecken zwei grofie Trichter, Lautsprecher, schwarze
Miinder. Sie tragen die Stimme nach links und nach rechts. Es ist nicht
mehr die Stimme des Sprechers. Es ist, als hatten ihm die Instrumente
die Worte aus dem Mund genommen; er macht nur die Gesten zu
ihren Reden. Was sagt er? - Feiertagliches, Zeitungsmaftiges : Armee,
Proletariat, Arbeiter und Bauern, Bereitschaft, vorlaufig noch keine
Gefahr, immerhin kapitalistische Welt. Deren Vertreter stehen unten,
einer im demonstrativen Zylinder, die meisten in steifen Hiiten, in Pel-
zen, mit nassen Fiiften. Schwer ist das Schicksal der Diplomaten.
Pause. - Wink von oben. - Kommando. - Dreimal wiederholtes Kom-
mando. - Erster Zug. - Rechtswendung. - Musik. - Vorbeimarsch.
Dieser Vorbeimarsch ist das starkste militarische Schauspiel der Ge-
genwart und - seit Napoleon - wahrscheinlich der Geschichte. Es ist
auch das starkste Schauspiel Sowjetrufilands. Es verliert - soundsoviel-
mal wiederholt - nichts von seiner Kraft. Es bleibt immer frisch, wie
ein gutes Snick nach zwanzig Auffiihrungen. Das ist die einzige Pa-
rade, die nichts Uberflussiges hat, keinen glanzenden Knopf, keinen
Theaterblitz, keine eitle Geste. Sie hat nur einen einzigen Traditions-
fehler: Die Soldaten rufen - zum zweitenmal - »Hurra«, wenn sie am
Kommandeur vorbeigehen. Stehende Massen sollen, marschierende
diirfen nicht den Mund offnen.
Kein ubertriebener Schritt, keine unnaturliche Kopfwendung. Das Mi-
litarische ist ganz menschlich. Breite Reihen marschieren, lebendige
Wande. Die langen Mantel bedecken die breiten ausschreitenden
Beine. So entsteht eine Art wallenden Marsches, temperamentvolle
Feierlichkeit, exakte Prozession.
6l% DAS JOURNALISTISCHE WERK
Sie hort nicht auf. Obwohl sie immer dasselbe bleibt, ist sie spannend.
Man blickt jeder Abteilung entgegen wie einem neuen Dramen-Akt -
und weifi doch schon, was man sehen wind: grau-gelb, grau-gelb, grau-
gelb, Mantel, Gewehre, Miitzen. Bis die letzten Abteilungen eine uner-
wartete Abwechslung bringen : namlich Gesichter. Es sind Elitetruppen:
Eisenbahner, Sappeure, Techniker, Sicherheitstruppen. Die Miitzen
werden bunt, die Gesichter individuell.
Die Infanteriemusik verstummt. Eine feme, diinne, silberne Musik er-
tont. Es sind reitende Tone, die Melodie zieht daher, eine musikalische
Reiterkavalkade vor der korperlichen Kavallerie.
Galopp, Galopp!
Eben noch korperlich nahe, schon geisterhaft verschwunden. Ihnen
nach die leichten Wagen mit den leichten Maschinengewehrchen: ste-
hende Kutscher, scharf gezogene Ziigel, flatternde Mahnen: Die Wa-
gen erinnern an romische Rom-Quadrigen. Sie streifen den Boden im
Flug, wahrend die Artillerie schon rollt, schwerer, irdischer, stabiler.
Die Tanks weinen. Es schlagt irgendwo in ihnen, es klingt ein gespann-
ter Draht, es heult ein metallenes Tier. -
Die fremden Militarattaches stehen pflichtgemafi da. Zwei polnische
Offiziere sind hart an den Rand des Trottoirs getreten. Die Rotarmi-
sten sehen die Offiziere an. Die fremden Offiziere sind ganz offiziell,
ganz Dienst, ganz internationales Volkerrecht, all das, was die ratsel-
hafte Existenz eines uniformierten Militarattaches zwar nicht begriin-
det, aber wenigstens garantiert.
Dann ist die grofie Pause, in der die Attaches und die Diplomaten nach
Hause gehen.
Die Arbeiter kommen von weit her, mit Fahnen, nach stundenlangem
Warten. Es ist nafi, es ist November, und es ist das neunte Jahr der
Revolution. Und Regen, Nasse und neun revolutionare Jahre, ein har-
ter Wiederaufbau, ein bifkhen Krise, ein bifkhen Angina, ein bifichen
schlechte Kleidung: Das alles macht so miide, so miirbe, so »zivili-
stisch«. Man wartet Monate lang, jetzt: ein Augenblick, wo man den
Genossen oben ins Gesicht sehen konnte, dem Prasidenten Kalinin,
der da mit dem Taschentuch winkt, den Mannern der Partei - kann
man aus Gesichtern die Zukunft lesen? Soil man rufen, soli man
schauen? Und ehe man sich noch entschieden hat (noch ruft man: Es
lebe die einige Partei!), ist man schon vorbei, schon vorwarts gedrangt
1926 629
von anderen - vorbei, vorbei, noch ein Feiertag vorbei - und hinter
dem Roten Platz, in der Strafie, steht die Weltgeschichte mit verschlei-
ertem Gesicht. -
Frankfurter Zeitung, 14. 11. 1926
XI
RUSSLAND GEHT NACH AMERIKA
Wer in den Landern der westlichen Welt den Blick nach dem Osten
erhebt, um den roten Feuerschein einer geistigen Revolution zu be-
trachten, der mufi sich schon die Miihe nehmen, ihn selbst an den Ho-
rizont zu malen. Viele tun es. Sie sind weniger Revolutionare als Ro-
mantiker der Revolution. Indessen ist die russische Revolution schon
langst in das Stadium einer gewissen Stabilitat gekommen. Der illumi-
nierte laute Feiertag ist ausgeklungen. Der nuchterne, graue, miihselige
Wochentag hat angefangen. Im Westen aber wartet ein grofier Teil der
geistigen Elite auf das bekannte Licht vom Osten. Die Stagnation
europaischen geistigen Lebens, die Brutalitat politischer Reaktion, die
korrupte Atmosphare, in der das Geld gemacht und ausgegeben wird,
die Hypokrisie der Offiziellen, der falsche Glanz der Autoritaten, die
Tyrannei der Anciennitat: Das zwingt die Freien und die Jungen, von
Rutland mehr zu erwarten, als die Revolution geben kann. Wie grofi
ist ihr Irrtum! Sie mogen herkommen und durch triibe, graue Strafien
wandern; iiberladene Menschen sprechen, die ewig zwischen einer
Konferenz und einem notdurftigen Einkauf auf Rabatt und Ratenzah-
lung im Staatlichen Warenhaus stehn; in Wohnungen sitzen, um die
fortwahrend Prozesse in Mietamtern schweben und deren Insassen seit
Jahren in einem Provisorium leben wie in einem Wartesaal; den emsi-
gen, millionenarmigen Apparat dieses Riesenstaates sehn - in einer un-
aufhorlichen, verwirrenden und manchmal verwirrten und zwecklosen
Bewegung -, sie mogen das alles sehn und dann noch glauben, dafi hier
Zeit und Raum ist fur geistige »Probleme« und Ekstase. Die Brandfak-
keln der Revolution sind ausgeloscht. Sie ziindet wieder die ordent-
lichen, guten und braven Laternen an.
Neu war das rote und grandiose Schauspiel der aktiven Revolution.
63O DAS JOURNALISTISCHE WERK
Jetzt aber, o Genossen, ist die Zeit der niitzlichen, disziplinierten Ma-
fiigkeit ausgebrochen! Dieses Rufiland hat keine Genies notig und
schon gar nicht Literaten. Es braucht Volksschullehrer dringender als
kiihne Theoretiker, es braucht eher Ingenieure als Erfinder, mehr
Konstruktionen als Gedanken, mehr tagespolitische Tendenz als welt-
anschauliche, das heifk: mehr Agitation als Tendenz, es braucht Fabri-
ken und keine Dichter, es braucht fur die breiten Massen eine populare
korperliche Hygiene und eine geistige, die man »Aufklarung« nennt,
es braucht Lesebiicher und keine Werke. Literarische und Kultur-
»Probleme« sind hier Luxus. Zweifel sind verdachtig. Feine, differen-
zierte Nuancen sehn heifk hier: eine burgerliche Ideologic haben.
Selbstironie, Abzeichen und Bliite adeligen Geistes, ist kleinbiirger-
lich. Die Revolution war ein verschwenderischer Aufwand der Ge-
schichte, urn die geistige Physiognomie der russischen Masse jener der
westeuropaischen wenigstens ahnlich zu machen. Auf materiellen,
politischen und sozialen Gebieten war sie eine Revolution. Auf geisti-
gem und geistig-moralischem war sie nur quantitativ gewaltiger Fort-
schritt. Wenn bei uns eine alte und, wie man sagt: miide Kultur durch
Girls, Faschismus, flache Romantik pathologisch banal wird, so wird
hier eine eben erst geweckte, brutal kraftige Welt gesund banal. Unse-
rer dekadenten Banalitat steht gegeniiber die neurussische, frische, rot-
backige Banalitat.
Wie ist das moglich? - hore ich fragen. Wir lesen ja hier die letzten,
noch druckfeuchten Ubersetzungen jiingster russischer Autoren! Wir
lesen ja Romanow, Sejfullina, Babel! Ja, alle diese Biicher, bei uns neu,
sind hier schon alt. Nicht alle jungen und begabten Autoren sind Re-
volutionare mit »Disziplin«, wie man sie braucht, wenige sind Kom-
munisten, manche sind mit der Zensur nicht einverstanden. Und alle
Schrifts teller holen ihre Stoffe aus der grofien Zeit der Revolutions -
jahre oder aus der grofien Zeit des grofien Sterbens und der iiber-
menschlichen Hungerleiden. Alle guten Filme wie »Potemkin«,
»Mjat«, »Wjeter« (iiber die ich noch sprechen werde) behandeln revo-
lutionare Episoden langst oder jiingst vergangener Heldenzeiten. Aber
diesen Alltag von heute, diesen grauen, kleinen, taglichen Kampf mit
Millionen grauer, kleiner Sorgen - wer wagt ihn zu beschreiben, wer
kann ihn beschreiben? Die Zeit der Heldentaten ist vorbei: Das ist
jetzt die Zeit der fleifiigen Biiroarbeiten. Die Zeit der Epopoen ist vor-
bei: Das ist jetzt die Zeit der Statistiken.
1926 631
Sowohl die Idee als auch der Aufbau des neuen Staates, der im Namen
dieser Idee begonnen hat, zwingen die Individualist, sich als einen
Faktor der Masse zu betrachten. Aber wahrend man als Faktor einer
geistig sehr hochstehenden Masse wahrscheinlich nicht unbedingt
Kompromisse zu schliefien braucht und alien treu bleibt, wenn man
sich selbst treu ist, mufi der geistige Mensch im heutigen Rufiland sich
opfern, wenn er dienen will Er opfert sich nicht der Idee - was ja kein
Opfer ware -, sondern dem Alltag. Ein breiter Wirkungskreis ist ihm
gesichert, wenn er in die Breite gehen will statt in die Tiefe. Der
schopferische Mensch, ein Revolutionar nicht aus Zwang wie der Pro-
letaries sondern aus freiem Willen oder aus Berufung, bleibt immer
revolutionar - auch nacb siegreichen Revolutionen. Er wird gewifi das
hohe Gliick geniefien, in einem Staat zu leben, der alle frei machen
will. Aber die materielle Freiheit ist nur eine der primarsten Vorbedin-
gungen fur seine Existenz. Es gibt keine Gesellschaftsform, die der
naturlichen Aristokratie des Geistes auf die Dauer die geistige Herr-
schaft streitig machen konnte. Der schopferische Aristokrat braucht
keinen Titel und keinen Thron. Aber seine Gesetze diktiert ihm die
Geschichte und nicht die Zensur.
Im heutigen Rufiland mufi man leider den Durchschnitt ziichten. Man
meidet die Gipfel, man baut breite Heerstrafien. Es ist allgemeine Mo-
bilisierung. Ein zuverlassiger Marxist ist mehr wert als ein kiihner Re-
volutionar. Ein Ziegelstein ist niitzlicher als ein Turm. Traktoren!
Traktoren! Traktoren! - ruft es im ganzen Land. Zivilisation! Maschi-
nen! Abc-Bucher! Radio! Darwin! - man verachtet »Amerika«, das
heifit den seelenlosen grofien Kapitalismus, das Land, in dem Gold
Gott ist. Aber man bewundert »Amerika«, das heifk den Fortschritt,
das elektrische Bugeleisen, die Hygiene und die Wasserleitung. Man
will die volikommene Produktionstechnik. Aber die unmittelbare
Folge dieser Bestrebungen ist eine unbewufite Anpassung an das gei-
stige Amerika. Und das ist die geistige Leere. Die grofien Kulturlei-
stungen Europas, das klassische Altertum, die romische Kirche, die
Renaissance und der Humanismus, ein grofier Teil der Aufklarung und
die ganze christliche Romantik - sie alle sind burgerlich. Die alten Kul-
turleistungen Rufilands: der Mystizismus, die religiose Kunst, die Poe-
sie, die Slawophilie, die Romantik des Bauerntums, die gesellschaftli-
che Kultur des Hofes, Turgenjew und Dostojewski: sie alle sind selbst-
verstandlich reaktionar. Woher also geistige Grundlagen fiir eine neue
632 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
Welt nehmen? Was bleibt iibrig? - Amerika! Die frische, ahnungslose,
gymnastisch-hy gienische rationale Geistigkeit Amerikas - ohne die Hy-
pokrisie der protestantischen Sektiererei: aber dafiir mit der Scheuklap-
penfrommigkeit des strengen Kommunismus.
Die literarischen Zeitschriften haben heute in Rutland eine unwahr-
scheinlich hohe Auflage. Aber darunter leidet ihre Qualitat. Jeder Halb-
gebildete kann sie lesen. Aber der Anspruchsvolle kann sie nicht lesen.
Der Stil, dessen sich die meisten russischen jungen Tendenzschriftsteller
bedienen, ist ein Allgemeinstil, jedem erreichbar, seine Bestandteile lie-
gen wie Bleibuchstaben in Setzkasten. Es ist eine primitive Sprache,
unfahig, Nuancen und Stimmungen haargenau wiederzugeben, jedem
verstandlich, aber auch jedem zur Verfugung, eine Montur fiir Tatsa-
chen, Prinzipien, Agitation. Das neue Theater (von dem ich noch spre-
chen werde) hat eine unglaubliche technische Vollkommenheit erreicht -
in der Kunst, Effekte zu erzielen. Dafiir geht die Feinheit des Schauspie-
lers verloren. Nicht die Atmosphare der Biihne ist suggestiv, sondern das
technische Mittel. Die neue revolutionare Malerei beschrankt sich auf
Metaphern, die nicht die Kraft haben, Symbole zu werden. Viele, tau-
send, Millionen Krafte sind bef reit. Einmal werden sie wahrscheinlich ein
Licht anziinden, das heller sein wird als das Feuer der Revolution. Aber
heute noch nicht, in zwanzig Jahren noch nicht. Vorlaufig bleibt immer
noch die geistige Physiognomie Europas interessanter- wenn auch ihre
politische und soziale Physiognomie schauderhaft ist. -
Frankfurter Zeitung, 23.11. 1926
XII
DIE FRAU, DIE NEUE GESCHLECHTSMORAL
UND DIE PROSTITUTION
Wer von einer hafilichen Verwirrung der Sitten in Sowjetrufiland
spricht, verleumdet es; wer den Anbruch einer neuen Geschlechtsmo-
ral in Sowjetrufiland sieht, ist ein heiterer Optimist; und wer hierzu-
lande gegen alte Konventionen mit den Argumenten des braven Bebel
kampft, wie z.B. die Frau Kollontaj, ist das Gegenteil zu revolutio-
nar - namlich banal.
1926 633
Die angebliche »Sittenlosigkeit« und die »neue Geschlechtsmoral« be-
schranken sich auf eine Reduzierung der Liebe zu einer hygienisch
einwandfreien Paarung zweier durch Schulvortrage, Filme und Bro-
schiiren sexuell aufgeklarten Individuen verschiedenen Geschlechts.
Ihr geht in den meisten Fallen keine »Werbung«, kerne »Verfiihrung«
und kein seelischer Rausch voran. Die Siinde ist infolgedessen in Rufi-
land langweilig wie bei uns die Tugend. Die Natur, aller Feigenblatter
beraubt, tritt unvermitteit in ihre Rechte, weil der Mensch, vor lauter
Stolz iiber die soeben gewonnene Erfahrung, dafi er vom Affen ab-
stamme, sich der Sitten und Gebrauche der Saugetiere bedient. Das
schiitzt ihn ebenso vor der Ausschweifung wie vor der Schonheit; es
erhalt ihn fromm und natiirlich-tugendhaft, er bewahrt die doppelte
Keuschheit des medizinisch beratenen Barbaren, er hat die Moral der
sanitaren Mafinahmen, die Anstandigkeit der Vorsicht und die Genug-
tuung, mit dem Genufi eine hygienische und soziale Pflicht erfiillt zu
haben. Im Sinne der »burgerlichen« Welt ist das alles hochst sittlich.
Minderjahrige werden in Rufiland nicht verfiihrt und nicht mifi-
braucht, weil alle Menschen den Stimmen der Natur gehorchen und
die Minderjahrigen, die das Gefiihl haben, keine Minder jahrigen mehr
zu sein, mit Ernst und der sozialen Aufgabe eingedenk, sich freiwillig
hingeben. Die nicht mehr umworbenen Frauen verlieren ihren Reiz -
nicht infolge der volligen Gleichberechtigung vor dem Gesetz, son-
dern infolge ihrer politisch fundierten Bereitwilligkeit, des Mangels an
Zeit zur Lust und der vielen sozialen Pflichten, der unaufhorlichen
Arbeit in Biiros, in Fabriken, in Werkstatten, der unermudlichen of-
fentlichen Betatigung in Klubs, Vereinen, Versammlungen, Konferen-
zen. In einer Welt, in der die Frau so sehr »6ffentlicher Faktor« gewor-
den ist und in der sie so selig dariiber zu sein scheint, gibt es natiirlich
keine erotische Kultur. (Aufterdem hat die Erotik bei den Massen in
Rufiland schon immer einen derben, landlich-utilitaristischen Beige-
schmack gehabt.) Man fangt in Rufiland dort an, wo bei uns Bebel und
Grete Meisel-Hefi und alle ihre belletristischen Zeit- und Gesinnungs-
genossen gestanden haben.
In Rufiland glaubt man ungemein »revolutionar« zu sein, wenn man
den Befehlen der Natur und den Forderungen des einfachen Verstan-
des wortlich gehorcht. Aber durch einige »revolutionare« Kulturrefor-
mationen ging nicht der grofie Geist Voltaires, sondern der durchsich-
634 DAS JOURNALISTISCHE WERK
tige Schatten Max Nordaus. Statt der iiberlieferten Heuchelei kam die
theoretische Pedanterie, statt der komplizierten Sitte die banale Natiir-
lichkeit, statt der kultivierten Sentimentalitat der simple Rationalis-
mus. Man rifi alle Fenster auf um eine muffige Luft hereinzulas-
sen . . .
Man scheint nicht zu verstehen, daft die Liebe immer heilig ist, dafi ein
Augenblick, in dem zwei Menschen zusammenkommen, immer eine
Weihe hat. Man bemuht sich, das Standesamt sehr demonstrativ ein-
fach zu machen. Es ist der Ortspolizei angegliedert, enthalt drei Ti-
sche, einen fiir Heiraten, einen fiir Scheidungen, einen fiir Geburten.
Eine Eheschliefiung ist einfacher als eine Anmeldung bei der Polizei.
Man hat eine groteske Angst vor Formen. Eine kurze Zeit war die
»kommunistische Taufe« von einer gewissen zeremoniosen Feierlich-
keit. Man schaffte sie aber ab - oder sie ist zumindest sehr selten ge-
worden. Die Durchschnittsehe beschrankt sich auf ein gemeinsames
Nachtmahl in spater Abendstunde (nach der ublichen Versammlung
oder Konferenz oder »Berichterstattung« oder dem »Kurs«) und
einige Stunden Schlaf. Mann und Frau arbeiten und konferieren den
ganzen Tag in gesonderten Betrieben. Wenn sie zufallig an einem
Sonntag oder bei einer gemeinsamen Demonstration entdecken, dafi
sie nicht zueinander passen, oder wenn dem einen oder andern ein
Fremder besser gefallt, lafit man sich scheiden. Mann und Frau kennen
einander noch weniger als die Partner der kapitalistischen Mitgift-Ehe.
Scheidungen sind haufiger als bei uns, weil die Ehen »leichtsinniger«
und mit weniger Bedacht geschlossen werden. Auch der Betrug ist sel-
tener, die Sauberkeit also grofier. Aber nicht weil das Ethos so tief,
sondern weil die Beziehungen so locker und die Form so simpel ist.
Wir sind alle Saugetiere. Von den vierfiiftgen unterscheiden wir uns
durch die sexuelle Aufklarung.
Das alles schliefit den Bestand einer alten, spieftigen »Moral« nicht aus.
Denn der Mensch in Rufiland ist ein Bestandteil der Strafie, sie sieht in
sein Schlafzimmer. Und weil man nur ein Auge zudriicken kann, aber
nicht tausend, ist die Strafte kleinburgerlicher, spieftiger, sauertop-
fischer als jede Tante.
Viel revolutionarer als die Sitte ist das Gesetz. Es macht keinen Unter-
schied zwischen ehelichen und unehelichen Muttern und Kindern. Es
bestimmt, dafi einer arbeitenden schwangeren Frau nicht gekiindigt
1926 635
werden diirfe; dafi ihr zwei Monate vor, zwei Monate nach der Ent-
bindung Urlaub gegeben werde; dafi der Monat, in den die Geburt
fallt, doppelt entlohnt werde; es bestimmt, dafi die Alimente der Vater
zahle (wenn er nicht ohne Einkommen ist), dafi eventuell einige Man-
ner sich in die Alimentenlast teilen, wenn die Mutter es vorzieht, einige
Manner als eventuelle Vater anzugeben; es gestattet den kiinstlichen
Abortus, es befiehit die Trennung der Ehe, auch wenn nur ein Teil sie
losen will, es stellt das sogenannte »Konkubinat« der vor dem Standes-
amt geschlossenen Ehe vollkommen gleich; es berechtigt theoretisch
auch den Mann unter gewissen Bedingungen, auf materielle Unterhal-
tung Anspruch zu erheben; es anerkennt keine Gutergemeinschaft in
der Ehe; es fordert die vielen Mutter- und Kinderheime, Schutzkom-
missionen, Sauglingsfiirsorgestellen. Es ist ein im modernen Sinn hu-
manes Gesetz, das allerdings in der Praxis ebenso zu Schwierigkeiten
wie zu Lacherlichkeiten fuhren kann. Die Gerichte, die vor kurzer Zeit
noch mit Alimentenprozessen iiberlastet waren, sind heute immer
noch mit ihnen beschaftigt. Zu einigen griindlichen Reformen geht
man allmahlich auch auf dem Gebiete des Eherechts iiber wie auf alien
anderen Gebieten. Die Theorie ist gerade daran, sich dem Leben anzu-
passen, die Menschen sind gerade auf dem Weg, sich den Gesetzen
anzupassen. Deshalb tritt der gerechte Wunsch nach einem endgulti-
gen Urteil hinter die Notwendigkeit zuriick, sich auf Betrachtungen
und Beobachtungen zu beschranken. Westeuropa kann von den neuen
russischen Gesetzen munches, von seiner sozialen Fursorge alles, von
seiner angeblichen neuen Geschlechtsmoral und Sitte gar nichts lernen.
Denn sie ist alt und manchmal reaktionar. Es ist zum Beispiel reaktio-
nar, den Handkufi zu verponen - aus Furcht, man konnte die Frau zur
Dame degradieren. Es ist reaktionar, wenn bei den vielen Blumen-
handlern, die in alien russischen Stadten in den Straflen stehen, nur die
jungen Madchen Blumen kaufen, um sie ihren Geschlechtsgenossinnen
zu schenken - indes die jungen mannlichen Begleiter ungeduldig ab-
seits stehen, erhaben in ihrem »Komsomol«-Stolz uber derlei »bour-
geoise Sentimentalitaten«. Es ist reaktionar, die Frau durch Gleichstel-
lung ins Neutrum zu verwandeln, es ware revolutionar, sie durch Ach-
tung weiblich sein zu lassen. Es ist reaktionar, sie nur frei zu machen -
es ware revolutionar, sie frei und schon zu machen. Die wirkliche De-
gradation ist nicht die vom »Menschen« zum »Weib«, sondern vom
freien, erotisch kultivierten, mit der Fahigkeit zu lieben ausgestatteten
6$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Menschen zum sexuell funktionierenden Saugetier. »Darwinismus« ist
reaktionarer, als die guten russischen Revolutionare glauben, und das
Metaphysische, vor dem sie eine genauso grofie Angst haben wie Bur-
ger vor der Kapitalsenteignung, ist revolutionarer als die atheistische
Spiefiigkeit. Eine »konventione!le Liige« kann tausendmal revolutio-
narer sein als eine flache, banale Aufrichtigkeit. Und sogar die Prosti-
tution, den preufiischen Koniginnen ebenso verhafk wie manchen
Kommunisten, ist eine humane und freie Einrichtung - verglichen mit
der sauertopfischen, naturwissenschaftlich begrundeten Geschlechts-
freiheit.
Die Prostitution ist in Rutland ein kurzes Kapitel. Das Gesetz verbie-
tet sie. Strafienmadchen - deren es in Moskau offiziell etwa 200, in
Odessa etwa 400 gibt - greift man auf, bringt man in die Polizeistelle,
spater in Arbeitsstellen unter. Ein paar Hauser der Liebe fristen ein
bedrohtes, kiimmerliches und primitives, provinzielles Dasein in eini-
gen grofieren russischen Stadten. Kuppelei wird streng bestraft. Infol-
gedessen sehen sich manche Menschen gezwungen, die wenigen Auto-
mobile, die es in Moskau gibt, dem niitzlichen Bahnhofsverkehr zu
entziehen. Den Chauffeuren geht es gut, eine staatliche Automobil-
Verleihung hat in den Abendstunden ein ewig besetztes Telephon, und
es liegt eine leise Ironie darin, daE auch sie mifibraucht wird. Eine
Stunde Fahrt in den nicht mit Taxameter versehenen Automobilen ko-
stet sechs Rubel. (Wahrend ich dieses schreibe, erfahre ich von einer
neuen Verfugung, der zufolge die besetzten Automobile am Abend im
Innern dauernd beleucktet sein miissen.)
Rufiland ist nicht unmoralisch, keineswegs - es ist nur hygienisch. Die
moderne russische Frau ist kein Wiistling - im Gegenteil: Sie ist eine
brave soziale Funktion. Die russische Jugend ist nicht hemmungslos,
sie ist nur mafilos aufgeklart. Die Ehe- und Liebesverhaltnisse sind
nicht unsittlich, sondern nur offentlich. Rufiland ist kein »Sunden-
pfuhl«, sondern ein naturwissenschaftiiches Lesebuch. . .
Obgleich dieser Zustand durch eine heftige Propaganda gestiitzt und
erhalten wird, ist er zum Teil doch auch eine natiirliche Reaktion ge-
gen die verflossene Zeit der allzu schwarmerischen, sentimentalen und
kitschigen Verlogenheit der Liebesbeziehungen. Wenn die neuen Re-
formatoren glauben, dieses Stadium in der Entwicklung der Erotik,
1926 637
das ich das »naturwissenschaftliche« nennen mochte, ware ein gesun-
der Ubergang zu einer gesunden, neuen, natiirlichen Liebe, so muft
man mit ihnen hoffen. Wenn sie aber glauben, es konnte eine natiir-
liche Liebe zwischen Menschen ohne das geben, was sie als »metaphy-
sisch« fiirchten - so irren sie sich. Die erotische Beziehung, die sich
nur auf Korper und Bewufitsein beschrankt, sieht eben so aus, wie sie
oben geschildert wurde. Zum Gliick hat der Mensch die Fahigkeit,
dem Pubertatsalter der sexuellen Aufklarung zu entwachsen und der
Naivitat eines aufgewarmten Materialismus. Auch wenn er ein absolu-
ter Leugner der »SeeIe« ist - in einem Punkt macht sie sich eines Tages
bemerkbar: in der Liebe. -
Frankfurter Zeitung, 1. 12. 1926
XIII
DIE KIRCHE, DER ATHEISMUS, DIE
RELIGIONSPOLITIK
Zwischen der Uberzeugung, daft die Religion »Gift« sei, und einer
feindlichen Aktivitat gegen Erzeuger und Verbreiter des angeblichen
Gifts ist ein Unterschied: In Sowjetruftland wird die Kirche nicht ver-
folgt. Nur ihre Macht wird bekampft und ihr Einflufi. Man fiihrt kei-
nen Krieg gegen Gott - man bemtiht sich nachzuweisen, daft er nicht
da ist. Man zerstort keine Kirche - man verwandelt einige in Museen.
Man bestraft nicht die Glaubigkeit - man sucht sie auszurotten. Man
verbietet nur jene religiosen Demonstrationen, die staatsfeindlich sind
oder sein konnten. Man verhindert nur sehr selten eine Prozession -
man versucht zu beweisen, daE sie eine Torheit sei. Die Methode des
Kampfes gegen die Kirche ist mehr eine prophylaktische als eine chir-
urgische. Religiose Betatigung der Jugend kann manchmal unange-
nehme Konsequenzen haben. Religiose Betatigung der Alten wird
hochstens ironisiert. Der Spott ist schon die scharfste Waffe, die der
Staat gegen die Kirche verwendet. An der linken Wand des heutigen
zweiten Sowjethauses, dort, wo friiher die wundertatige iberische
Mutter Gottes gestanden hat, ist heute die goldene Inschrift ange-
bracht: »Die Religion ist Opium fur das Volk.« (Die Mutter Gottes ist,
6}8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nebenbei gesagt, in ihre eigene Kapelle, zwanzig Schritt weiter, vor
dem grofien Kremltor, iibergesiedelt und wird immer noch fleifiig an-
gebetet.) Aber auch dieses offentliche Zitat ist eine alte Demonstration
aus der Zeit der ersten Siegesfreude. Heute herrscht Waffenstillstand
zwischen Staat und Kirche.
Manchmal auch Freundschaft: Die religiosen Minderheiten zum Bei-
spiel geniefien im neuen Rufiland eine unvergleichlich grofiere Freiheit
als in irgendeiner Zeit. Sie hatten einen gemeinsamen Feind, die klei-
nen Konfessionen und die grofie Revolution: den orthodoxen Zans-
mus. Der Beschlufi des Dreizehnten Parteikongresses iiber die Be-
handlung der Sekten lautet: »Besonders vorsichtig ist die Frage des
Verhaltens gegeniiber den Sektierern zu losen - zumal, da viele von
ihnen vom Zarismus grausam behandelt wurden und einige uberaus
aktiv sind. Durch ein angemessenes Vorgehen sollte man die wirt-
schaftlich kulturellen Elemente unter ihnen in den grofien Strom der
Sowjet- Arbeit einbeziehen.« Der »Allrussische Mennonitische Land-
wirtschaftliche Verband«, dessen Statuten einen unwahrscheinlich re-
aktionaren Geist atmen, wurde trotzdem im Jahre 1923 von der Regie-
rung bestatigt - und erst heute, da die kommunistische Propaganda
unter den armen und mittleren mennonitischen Bauern einige Erfolge
zeitigt, beginnt man, den Verband zu reorganisieren. In Moskau er-
scheint, unter anderen religiosen Zeitschriften, die Monatsschrift der
Siebten-Tag-Adventisten, die eine eifrige Propaganda fur das »Bibel-
lesen im Hause« treibt und auch sonst gewifi nicht revolutionar ist.
Mohammedaner, Juden, Duchoborzen, Molokaner - alle bekannten
und unbekannten Konfessionen, an denen Rufiland so reich ist, leben
frei und erholen sich geradezu von den Verfolgungen des Zaren - unter
der Herrschaft der prinzipiellen Atheisten. Wer wollte behaupten, dafi
die Sowjetregierung heute noch die Religion verfolge?
Man treibt nur Propaganda gegen die Religion. Sie ist die selbstver-
standliche Konsequenz des »dialektischen Materialismus«. Man ist be-
miiht, die Propaganda sachlich, kuhl, objektiv zu gestalten. Dafi sie
trotzdem in Aggressivitat ausartet, ist nicht die Schuld ihrer Urheber.
Denn erstens sind von alien Bekehrungsmethoden die gegen den Glau-
ben angewandten ihrer Natur nach am wenigsten behutsam. Gefuhle
sind eben leichter zu verletzen als zum Beispiel Meinungen. Zweitens
sind die Missionare des Atheismus nicht geeignet, gerade das zu scho-
nen, was anzugreifen ihre Aufgabe ist. Es ist ja gerade ihre Pflicht, ihr
1926 639
Beruf, bei jeder metaphysisch verdachtigen Aufierung des Lebens nach
dem naturwissenschaftlich fixierten »Nerv« zu suchen, der sie verur-
sacht haben konnte. Es kann also hochstens ihr Bestreben sein, nicht
»auf die Nerven zu fallen«. Aber sie fallen sozusagen meist auf Ge-
fuhle.
Verletzend ist nicht das Argument des »Materialismus«, sondern die
Billigkeit seines Arguments. Es gibt selbstverstandlich auch diffizile.
Aber sie eignen sich nicht fur die alltagliche Propaganda. Der landlau-
fige agitatorische Materialismus in Rufiland hat ein paar grobe, nieder-
schmetternde, fur europaische Ohren unglaublich antiquierte »Be-
weise«, zum Beispiel: Donner und Blitz sind Erscheinungen der Elek-
trizitat; die Welt ist billionenmal alter, als die Bibel glaubt; die Welt ist
nicht in sechs Tagen, der Mensch nicht aus Staub erschaffen worden:
Er kommt vom Affenmenschen her. Besonders iiber diese Entdeckung
herrscht in Rufiland eine unwahrscheinlich naive Freude. Die Men-
schen sind stolz darauf, mit dem Pithekanthropus verwandt zu sein, als
hatten sie eine Erbschaft von ihm zu erwarten und als hatten wir dieses
Erbe nicht schon langst aufgezehrt. In einer Broschiire: »Antireligiose
Propaganda im Dorf« von E. Feodorow, die fur Dorf-Agitatoren be-
stimmt ist, stehen folgende Definitionen: »Das Peter- und Paulsfest
gehort zu jenen Feiertagen, die den Zweck haben, die Ausbeutung der
arbeitenden Massen durch die Kapitalisten zu rechtfertigen und jeden
Versuch, einen Aufstand zu erheben, durch eine Berufung auf die gott-
liche Autoritat zu unterdrucken.« Oder: »Alle unsere Seelenerschei-
nungen - Arger, Freude, Angst, die Fahigkeit, zu denken und zu raso-
nieren - sind Folgen der Arbeit des Zentralhirns und der Nerven. « Der
zwanzigste Juni alten Stils, der Tag des Elias, der nach dem Glauben
der Bauern iiber Donner und Blitz zu verfiigen hat, wird im neuen
Rufiland auch offiziell gefeiert, und zwar als »Elektrifikationstag«.
Und manchmal protestiert eine Broschiire gegen das Lauten der Kir-
chenglocken, weil es denerviere und weil in - Zurich das Glockenlau-
ten verboten ist. Ich weifi nicht, ob es stimmt - aber: Zurich! Zurich!
Welch ein Muster fur Revolutionary . . .
Das ist namlich das Un-Revolutionare, Reaktionare, Spiefiige an dieser
antireligiosen Propaganda: dieser Wunsch nach stummen Glocken;
dieses Peter- Paulsfest, das den Zweck hat, die Ausbeutung der Massen
zu rechtfertigen; dieser »Elektrifikationstag« ; diese Seelenerscheinun-
gen im Nervensystem und diese Geniigsamkeit, die keine anderen See-
64O DAS JOURNALISTISCHE WERK
lenerscheinungen kennt als Arger, Freude, Angst, Denken und Raso-
nieren; fiinf Zustande wie fiinf Finger; dieses Argument gegen die Bi-
bel: ein »Marchen«; dieser mittelmafiige, banale, philistrose Affen-
mensch inmitten der aufgeklarten Schweizer Alpen . . .
Als Gorkij einmai in einem Artikel schrieb: »Die Gottsucherei mufi
man eine Zeitlang aufschieben. - Ihr habt keinen Gott! Ihr habt ihn
noch nicht geschaffen!«, bekam er einen bosen Brief von Lenin: »Dar-
aus geht also hervor, dafi Sie nur eine Zeitlang gegen die Gottsucherei
sind! - Jeder Gott ist eine Seuche - vom sozialen, nicht vom person-
lichen Gesichtspunkt ist jede Gottschafferei nichts anderes als die lie-
bevolle Selbstbetrachtung des stumpfsinnigen Kleinbiirgertums - Gott
ist zu allererst ein Komplex von Ideen, die durch die stumpfsinnige
Niedergedriicktheit des Menschen und die aufiere Natur und die Klas-
senunterdriickung erzeugt wurden - «
Das war im Jahre 1913. Und diese Angst vor Gott, die genauso grofi
war wie die Angst eines Frommen vor dem Teufel, stammt noch aus
den neunziger Jahren. Indessen haben wir 1926. Dazwischen war der
Krieg, der Tod, die grofie Revolution und der grofie Lenin selbst, bei
dessen Tod ein Schauer durch ganz Rutland ging, der keineswegs nur
wie eine »Funktion des Nervensystems« aussah. Dazwischen ist das
Wissen von der Realitat der »Wahrheit«, von der Wahrheit des »Un-
wahren«. Wenn man uns heute sagt, dafi etwas »nur ein Marchen« sei,
so ist das fur uns lange kein Grund, ihm nicht zu glauben. Den Pithek-
anthropus haben wir langst akzeptiert, die Aufklarung haben wir
langst verdaut. Wir haben den Weg schon zuriickgelegt, auf dem man
erfreut feststellt, dafi die »Wunder« erklarbar sind. Wir wandern schon
den Weg, auf dem man erf ahrt, dafi auch das »Erklarliche« ein Wunder
ist. Kurz: Wir sind im 20.Jahrhundert. Im geistigen - nicht im politi-
schen - Rufiland feiert man die letzten Jahrzehnte des 19.
Wenn man folgende Zuschrift eines bauerlichen Jungkommunisten an
die Zeitung liest:
»Mit Beendigung der Feldarbeit werden die Strafien unseres Dorfes
wieder lebendig. Unsere Arbeiter- und Bauernjugend . . . weifi nicht,
wohin mit der freien Zeit. Aus diesem Grunde besucht sie erstens all-
sonntaglich den Gottesdienst; und zweitens treibt sie allerhand Unwe-
sen -« ,
so versteht man die unglaubliche Primitivitat dieses Materialismus, der
so stolz ist, den allsonntaglichen Gottesdienst endlich als »allerhand
1926 641
Unwesen« entlarvt zu haben - und hat auch vielleicht eine feme Vor-
stellung von der bisher so unbekannt gewesenen Areligiositdt des russi-
schen Durchschnittsmenschen. Seine Glaubigkeit war ebenso von pri-
mitiv sinnlichen, religiosen Formen erhalten und bedingt wie jetzt sein
Unglaube vom primitiv naturwissenschaftlichen Abe. Diese Kirche,
die ein so hartes Regiment gegen Abtriinnige fiihrte, schuf selbst die
Voraussetzungen fur Abfall und Abkehr. Diese Kirche stand eine Zeit-
lang im Dienste mohammedanischer Chans gegen russische Bauern.
Sie schenkte Rufiland den ersten Romanow, der Sohn ihres Oberhaup-
tes, um sich dem Zaren zu verkaufen wie fruher dem Chan. Ihre Klo-
ster lebten von der Arbeit der Leibeigenen. Das Troize-Sergijewa-Klo-
ster hatte 106000 Leibeigene, die Alexander-Newskij-Lawra 25000.
Im Anfang des 20.Jahrhunderts besafi die Kirche in Rufiland 2 611 000
Defijatinen Land. Das Jahreseinkommen der Moskauer Metropoliten
betrug 81000 Rub el, das des Nowgoroder Erzbischofs 307 500 Rubel,
das des Petersburger Metropoliten 259000 Rubel. Die Priester der or-
thodoxen Kirche waren und sind weniger »Diener Gottes« als Hand-
langer und Zeremonienvollstrecker. Sie waren nicht die Mittler zwi-
schen Gebet und Erhorung. Gewissermafien iiber ihre Kopfe hinweg
ging der Glaube der Massen. Sie hatten keine bevorzugte Stellung, sie
hatten nur Einnahmen. Sie nahmen die traditionellen Abgaben entge-
gen nicht wie Priester, sondern wie Tempeldiener.
Die Vorstellung, die sich in Westeuropa herausgebildet hatte, dafi in
Rufiland jeder Bauer ein »Gottsucher« sei, beruht auf falsch verstande-
nen literarischen Voraussetzungen. Er war nur naher der Natur und
metaphysisch weniger befriedigt. Er absolviert jetzt das Studium der
primitiven Naturwissenschaft, die erste Stufe des Rationalismus. Viel-
leicht wird er auch dann, wie die Intellektuellen und die geistig Schop-
ferischen, dem Zauber seiner reichen Kirche erliegen, deren Sonne kei-
nen Priester brauchen, weil sie eine direkte, unmittelbare Beziehung zu
den Gegenstanden ihres Glaubens haben.
Man bekommt eine Ahnung von der Fremdheit, ja der Unheimlichkeit
dieser Kirche, wenn man ihre Glocken hort. Viele lauten auf einmal.
Die hellen fahren larmend zwischen die tiefen. Die tiefen, schwarzen,
alten lauten immer schneller, als hatten sie den Ehrgeiz, so flink wie die
jungen zu sein. Sie schwingen nicht in horizontaler Richtung wie alle
Glocken der Welt - es scheint, dafi sie sich drehen, im Kreis, wie Tan-
zerinnen. Sie sind so laut, als waren sie unten, in der nachsten Strafie.
642 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Aber sie leben hoch oben, verborgen in Tiirmen - und man staunt iiber
diese Nahe des Tons, bei dieser Feme des Instruments, wie man an
klaren Sommertagen verwundert den nahen Gesang der Lerchen hort,
die, gar nicht sichtbar, im Himmel verschwunden sind.
Wenn die Glocken ertonen, fallen alle Manner zu Boden, Bauern
schlagen drei Kreuze, im Gehen, ohne sich aufzuhalten - es ist eine
mechanische Aufierung. Die Bettler stehen vor den Kirchen, als koste
der Eintritt Geld, das Gesicht dem Glanzenden zugewandt, das von
innen kommt, von den silbernen, blauen, roten, goldenen Gewandern
der Popen, den goldenen, zarten Filigranturen hinter dem Altar, den
dicken goldenen Kerzen. Schwarze, vermummte Frauen huschen fort-
wahrend von Leuchter zu Leuchter. Alle abgebrannten Stumpfchen
kleben sie zu neuen, grofien Lichtern zusammen. Schwarz, klein, flink
und still, mit Brillen auf den Nasen - gleichen sie frommen Kirchen-
eulen, die nach dem Gottesdienst im Gebalk und Gesims hangen. Der
schwarze Bafi des Popen steigt auf aus einem Sarg, von oben kommt
die helle Litanei einer Frau. Rhythmus und Tonfarbe des Gebets sind
wie die der Glocken. Die gleichen akustischen Gesetze beherrschen
Glocken und Kehlen.
Die Kirchen sind besser besucht, als man glauben sollte. Die Monchs-
und Nonnenkloster haben sich zeitgemafi in »Arbeitsgemeinschaften«
verwandelt, bebauen mit Eifer ihren Boden und liefern ihre verhaltnis-
mafiigen hohen Enrage den Kirchen und Popen ab. In Charkow (in
der Ukraine sind die Bauern sehr fromm) brachte man an einem Okto-
bertag Ikonen aus der Umgebung in feierlicher Prozession wieder in
die Stadt. Sie hatten den Sommer liber fur die Fruchtbarkeit der Felder
zu sorgen gehabt. Die Strafien waren voll, Droschken konnten nicht
passieren, alle Dorfer der Umgebung schienen in der Stadt zu sein.
Alle Glocken lauteten. Die Menge kniete. Viele beruhrten mit der Stirn
das nasse Pflaster. Es regnete diinn, oktoberhaft, es war ein Duft von
welkem Laub wie Weihrauch uber den Menschen. Es wurde Abend.
Es kam die Stunde, da in den Dorfern die Vortrage in den Klubs begin-
nen, wo man lesen und schreiben lernt, die Abstammung des Men-
schen und die definitive Leere des Himmels.
Man sieht, dafi es eine grobe Verleumdung ist, von einer Verfolgung
der Kirche zu sprechen. Der Kampf vollzieht sich in einer gam ande-
ren Sphdre. Der frisch-trocken-frohliche Rationalismus findet seinen
Niederschlag in der Kunst, in der Literatur, in Gedichten, in Essays, in
1926 643
alien Dingen des geistigen Lebens. Die Antireligiositat wird antiquiert,
flach, langweilig. Die banale Ironie des »Gebildeten«, die alle Erschei-
nungen jenseits des Begreifens »ein Teegesprach flir spiritistische Da-
men« nennt und sich dabei sehr geistreich vorkommt, hat keinen ande-
ren Erfolg als den, dafi sie auch den kliigsten »Atheisten« einem halbge-
bildeten Autodidakten verdachtig nahe bringt. Es weht ein Geruch von
sehr selbstbewufitem, engem, unduldsam aufgeklartem Geist in der
Luft: Es ist der Geruch des Lexikons, wo »alles schon drinsteht« . . .
Frankfurter Zeitung, 7. 12. 1926
XIV
DIE STADT GEHT INS DORF
Die Zivilisierung des russischen Bauern, die Rehabilitierung seiner
Menschlichkeit, die Ausrottung des Gutsbesitzers, der privilegierten
Nagaikaschwinger, dieses grotesken Sklavenhaltersystems, der »pa-
triarchalischen« Priigelmeister: das sind bis jetzt die grofiten menschli-
chen und historischen Verdienste der grofien Revolution. Der russische
Bauer ist fur immer befreit. Er halt einen schonen, roten, feierlichen
Einzug in die Reihe der freien Menschheit.
Man weifl, daft in keinem Lande der Welt der Unterschied zwischen
Stadt und Dorf so grofl war wie im zaristischen Ruftland. Der Bauer war
von der Stadt weiter entfernt als von den Sternen. Zu den wichtigsten
Sorgen des revolutionaren Rutland gehort deshalb: Wie kommt die
Stadt zum Bauern? Sie darf sich nicht damit begniigen, die Proletarisie-
rung des Bauern der historischen, wirtschaftlichen Entwicklung zu
uberlassen. Sie riickt gleichsam freiwillig ins Dorf vor. Sie »industriali-
siert« es. Sie versorgt es mit Bildung, Propaganda, Zivilisation, Revolu-
tion. Sie senkt ihr eigenes Niveau - was auf alien geistigen Gebieten in
Rutland fiihlbar wird-, um vom Dorf verstanden zu werden. Es war
einmal der romantische Traum der alten, slawophil-narodnitischen re-
volutionaren Intelligenz, »unters Volk zu gehen«, zu den armen Bau-
ern, um die »Emporung« zu entfachen. Wie anders, wie rationalistisch,
mathematisch, prazise und praktisch sieht die Revolutionierung des
Dorfes durch die Kommunisten aus!
644 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es ist eine der schwierigsten Aufgaben der Revolution: die Bauern zu
revolutionieren - aber vorher alle die zivilisatorischen Leistungen zu
vollbringen, die das Werk des Kapitalismus sind. Die Revolution
muf? gewissermafien im Namen des Sozialismus »kapitalistische Kul-
tur« verbreiten. Sie muli auflerdem in einem Jahrzehnt die landlichen
Massen Rufilands dorthin bringen, wohin die jahrhundertelange Ent-
wicklung des Kapitalismus die westlichen gefiihrt hat. Gleichzeitig
soil sie jede etwa erwachende Neigung zur »bourgeoisen Psycholo-
gie« vernichten. Und da die »Psychologie« vom Objekt schwer zu
trennen ist, wird die Aufgabe der Revolution immer schwieriger, je
besser sie fortschreitet. Wie soil man die Erziehung zur kapitalistisch-
rationellen Ausniitzung des Besitzes mit der zum »kollektivistischen
Gefiihl« vereinigen? Hier droht der Revolution die grofite Gefahr.
Arbeitet sie schliefilich nicht gegen ihren Willen fur eine Verburgerli-
chung des Primitiven? Halt sie das Werk des Sozialismus auf, wah-
rend sie ihn propagiert? Verliert sie nicht zu viel Energie an der Zivi-
lisation - und bleibt ihr noch Intensitat genug fur die zweitnachste
Etappe: den Sozialismus?
Vorlaufig verwechselt der primitive Dorfmensch Zivilisation und
Kommunismus. Vorlaufig glaubt der russische Bauer, Elektrizitat
und Demokratie, Radio und Hygiene, Alphabet und Traktor, die or-
dentliche Gerichtsbarkeit, Zeitung und Kino waren Schopfungen der
Revolution. Aber diese Zivilisation emanzipiert den Bauern auch von
der »Scholle«. Er wird ein »Landwirt«. Das soil die unvermeidliche
Etappe auf dem Weg zum »bewuf?ten Proletarier« sein. Sozialismus
gedeiht nur bei der Musik der Maschine. Also, Maschinen her! Trak-
toren! Aber der Traktor ist starker als der Mensch - ungefahr wie das
Gewehr starker ist als der Soldat. Das Instrument der Gewinstvergro-
fierung erzeugt eben »bourgeoise Psychologie« - beim Bauern, der
ohnehin fur das »kollektivistische Gefuhl« gerade nicht pradestiniert
erscheint.
Man darf nicht aus dem Regen in die Traufe kommen. Man darf nicht
aus dem der »Proletarisierung« unbewufit widerstrebenden Bauern
einen ihr feindlich gesinnten Halb-Bourgeois machen. Was ist dage-
gen zu tun? Kommunistische Agitation. Propaganda. Bewufite Iden-
tifizierung oder zumindest gleichzeitige Verbreitung der Kultur der
kommunistischen Idee: durch Schulen, Klubs, Theater, Zekungen
und den Dienst in der Roten Armee. »Liquidierung des Analphabe-
1926 645
tismus« heifit, in die Zwecksprache ubersetzt, gleichzeitig: Verbiirger-
lichung verhindern; Eigentumsgefiihle ausrotten; den Haft gegen den
noch verbliebenen »Kulaken« (Grofibauern) wachhalten.
Das sind also die zwei Prinzipien der russischen Bauern-Kulturpolitik:
Mechanisierung des Betriebs und Urbanisierung des Menschen; Indu-
strialisierung des Feldes und Proletarisierung des Bauern; Amerikani-
sierung des Dorfs und sozialistische Revolutionierung seiner Bewoh-
ner. Das sind die Widerspriiche, aus denen alle sogenannten »inneren
Schwierigkeiten« entstehen. J a, das ist das Problem der russischen Re-
volution. Hier wird es sich entscheiden, ob sie zu einer neuen Weltord-
nung fiihrt oder ob sie die starksten Reste einer alten vernichtet hat; ob
sic der Anfang einer neuen Epoche ist oder das verspatete Ende einer
alten; ob sie nur die Herstellung eines gewissen Gleichgewichts zwi-
schen der Kultur des Westens und der des Ostens bewirkt oder ob sie
daran ist, die westliche Welt aus dem Gleichgewicht zu heben.
Das Gesicht des Dorfes hat sich wenig verandert. Ich kannte die ukrai-
nischen Dorfer aus dem Krieg. Ich sah sie jetzt, nach acht Jahren, wie-
der. Immer noch liegen sie da wie Kindheitstraume der Welt. Krieg,
Hunger, Revolution, Biirgerkrieg, Typhus, Hinrichtungen, Feuer: Sie
haben alles iiberstanden. Im nordfranzosischen Kriegsgebiet riechen
heute noch die Baume nach Brand. Wie stark ist die russische Erde!
Ihre Baume duften nach Wasser, Harz und Wind, der Geburteniiber-
schufi in den Dorfern ist noch grofier als der - betrachtliche - in den
Stadten, Brot bluht aus dem Moder der Toten, wie friiher lauten die
Glocken Neugeborene und Braute ein, die Raben, die Vogel des
Ostens, sammeln sich zu Hunderten in den Baumen, der winterliche
Himmel ist einheitlich grau, sehr nahe und sehr weich von den vielen
Schneeflocken, die bald herunterfallen werden. Immer noch sind die
Dacher aus Stroh, Schindeln und Lehm, immer noch herrscht das
Dreikammersystem der Hiitte vor, die Tier und Mensch beherbergt,
immer noch bestreicht man die Wande und den irdenen Fufiboden mit
frischer Dungerflussigkeit, die wochenlang einen scharfen Geruch ver-
breitet, aber dann eine wunderbar schimmernde silbrige Farbe hat, die
dauerhaft ist und - nach dem Glauben der Bauern - Warme erhalt.
Das Gesicht des jungen russischen Bauern aber ist stark verandert. Er
hat den unsinnigen, erbarmlichen, feigen Respekt vor der »Kultur«,
der »Stadt«, dem »Herrn« verloren. Er griifk immer noch den Frem-
6/\6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
den ehrerbietig, aber nur weil dieser ein Gast und er der Wirt ist. Er
hat die schone, stolze Freundlichkeit des Befreiten. Er lernt im Klub
am Abend das Alphabet, die Zeichnungen an den Wanden, Geogra-
phic, Agronomie, er widerspricht heftig und selbstbewufit in Ver-
sammlungen, er karikiert Beamte und offentliche Organe in der Wand-
zeitung, er steht nicht mehr verwirrt vor dem Automobil, das den
Fremden gebracht hat, er erkundigt sich nach Herkunft, Alter, Art der
Maschine. Die Frauen lernen Hygiene fur Haus, Tiere, Kinder, sie ler-
nen schneller und freudiger als die Manner. Die Stadt ist alien vertraut.
Da geht ein Junger in die »professionell-technische« Schule, dort riickt
ein anderer zur Roten Armee ein, ein dritter kehrt heim, halt Vortrage,
verfafit Berichte, Beschwerden, wird beinahe galant zu den Frauen.
Alles, was in der Stadt Banalitat wird und Spiefier erzeugt: die popula-
risiert-verflachte Wissenschaft, die plumpe sexuelle Aufklarung, die
billige Tendenz in Bild und Buch - der Mensch vom Lande kann es
verwerten, ohne an Unmittelbarkeit, an Kraft, an Originalitat zu ver-
lieren. Der trockene Geruch des Papiers verliert sich im Ozon des
Landes. Der Bauer wird kluger als die Broschure, die inn klug macht,
origineller als der Agitator, der ihn aufklart, kunstlerischer als der
Dichter, der ihn besingt, wahrhaft revolution arer als die Phrase aus
dem Manifest. Heute leben die wirklich revolutionaren Menschen im
Dorf. In der Stadt ist der Heros dem Biirokraten gewichen, der den
BeschluK der XIII. Parteikonferenz memorieren kann und die Aufnah-
mepriifung in den Kommunismus mit la bestanden hat.
Freilich klagt der Bauer (wenn er nicht zur alten Garde der Feigen
gehort) vernehmlich liber die »schlechte Lage«, liber Steuern, falsche
Versprechungen, iiber Traktoren, die nicht ankommen, und andere,
die verrosten, iiber wirkliche oder angebliche Ungerechtigkeiten. Aber
es gibt gewifi in der ganzen Welt kein Dorf, in der ganzen Geschichte
der Menschheit kein Jahr, in denen der Bauer nicht etwa geklagt hatte.
Der russische Bauer weifS, was er der Revolution zu verdanken hat.
Noch gedenkt er der Stockstreiche, der zaristischen Polizei, der Spit-
zel, der Armee, der Pachter, der Besitzer. Noch ist der »Kulak« da,
eine standige Gefahr, die revolutionar erhalt, der Kulak, dessen
Furchtsamkeit immer geringer wird und der von einer diplomatischen,
ausweichenden, nicht zu fassenden, schlauen Bedrohlichkeit ist.
Der grofien Masse der russischen Bauern ist das selbstverstandliche
Gefiihl, dafi die Regierung Blut von ihrem Blut ist, trotzdem immer
1926 647
noch fremd. Sie ist dazu erzogen, in der Regierung etwas Fremdes,
»oben« Befindliches zu sehen. Manchem Theoretiker der russischen
Politik fehlt auch das Verstandnis fur die besondere Psychologie des
Bauern. Es kann sein, daft die fortschreitende Aufklarung auch im
Dorf die Banalitat erzeugt, die in den Stadten schon ausgebrochen ist.
Aber heute noch sieht man auf dem Lande das schone Schauspiel: wie
aus Knechten Menschen werden.
Frankfurter Zeitung, 12. 12. 1926
DIE RUSSISCHE FRAU VON HEUTE
In der alten Welt hangt jede Kultur der Frau mit dem Kult der Frau
zusammen. Im nachrevolutionaren Rufiland hat man weder Zeit noch
Lust, noch Sinn fiir eine erotische Kultur. Die Frau als Mittelpunkt hat
aufgehort. Sie ist nicht mehr Mittelpunkt eines Hauses, eines gesell-
schaftlichen Kreises, eines mannlichen Herzens. Die Revolution, die
ihr alle Rechte verliehen hat, nimmt ihr alle Vorrechte. Da sie ein not-
wendiges und niitzliches Mitglied der Gesellschaft wird, verzichtet sie
auf jeden Luxus. Sie ist nicht mehr Objekt der Galanterie, sondern der
Gleichheit vor dem Gesetz. Sie hat kein Vorurteil der Moral mehr zu
furchten, aber auch keinen Beweis der Ritterlichkeit mehr zu erhoffen.
Die »Dame« ist eigentlich nicht mehr vorhanden. Wo sie vorkommt,
ist sie ein Uberrest der alten Zeit oder der alten Psychologie. Die Ar-
mut an Materialien, an der das ganze Land leidet, unterstiitzt die Theo-
rie. Die Mehrzahl der Frauen kann sich wohl kleiden, aber nicht mehr
schmiicken. In der alten Welt ist jedes Kleid der Frau auch ein
Schmuck der Frau. Jedes Kleid hat den Zweck, die Schonheit der Tra-
gerin zu unterstreichen, zu heben, zu verstarken oder vorzutauschen.
Im Rufiland von heute fehlt es an solchen Kleidern. Infolgedessen geht
allmahlich der Sinn fiir sie verloren. Es gibt keine Modejournale, kei-
nen Mode- und keinen gesellschaftlichen Kodex. Die wenigen reichen
Frauen im heutigen Rutland fahren ins Ausland. Sie richten sich nach
der Pariser Mode. Sie bringen Kleider aus Frankreich mit. Man schickt
ihnen auslandische Modelle, wenn sie nicht fahren konnen. Die kein
Geld haben, sehen sehr provinziell aus. Gegen solche Modeerschei-
648 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nungen des Westens wie kurzes Haar und kurzes Kleid herrschen in
Rufiland starkere Vorurteile als in streng konservativen europaischen
Kreisen. Dagegen sind die Frauen der Neureichen, der NEP-Manner
(die iibrigens die charakteristischen Ziige unseres »Raffke« tragen),
leicht geneigt, jede westliche Modeerscheinung geschmacklos und wir-
kungslos zu iibertreiben. Man sieht also Frauen mit fett gemalten Lip-
pen und ebenso geschminkten Nageln. Es sieht aus, als hatten die Fin-
ger soeben in rohes Fleisch gegriffen, als ware der Mund eine Frucht
aus einer Orangenkonservenbuchse. Ubrigens ist die Ubertreibung
hier nicht nur ein Zeichen der Geschmacklosigkeit, sondern auch jenes
Lebenswandels, der in Fremdenhotels am besten gefuhrt wird - mit
Unterstutzung der braven Familienvater, die nach Rufiland wegen
Konzessionen kommen. Die grofie Masse der russischen Frauen arbei-
tet zu viel und hat zu wenig Mittel, um eine besondere Aufmerksam-
keit auf ihr Aussehen zu verwenden. Da die Frau nicht mehr ein Ge-
genstand der Werbung ist, hat ihre natiirliche Eitelkeit keine Nahrung.
Sie lebt in einer Atmosphare der politischen Sachlichkeit, der offentli-
chen Tatigkeit, der allgemeinen Notwendigkeit, der sozialen Ethik,
der kollektiven Pflicht. Sie ist kein erotischer Mensch mehr, sie ist ein
sozialer Mensch - wie alle Menschen in Rufiland. Die reprasentativen
Typen der heutigen Frauen sind: die Politikerin, die Biiroarbeiterin,
die soziale Funktionarin, die Fabrikarbeiterin, die geistig produktive
Arbeiterin, also Schriftstellerin und Kunstlerin. Der nationale Typus
verschwindet in dem Mafi, in dem der soziale Charakter und der be-
rufliche starker werden. Den nationalen Typus behalt vorlaufig nur die
Bauerin. Den eleganten vertritt nur noch die Schauspielerin. Aber auch
ihre Gage reicht nicht mehr fur eine wirkliche Eleganz. Die »Frau bei
der Arbeit« ist ein Losungswort, eine Propaganda, ein moralisches Ge-
bot und eine materielle Notwendigkeit. Der Luxus ist nicht nur ver-
dachtig, sondern auch unerreichbar. Der Frau, der jede offentliche,
jede politische Wirkung erlaubt und moglich ist, bleibt jede erotische
versagt. Nur ein ganz kleiner Kreis von Frauen obliegt mit Eifer der
Aufgabe, durch Schonheit zu wirken. Es sind die bourgeoisen Frauen
und die des alten Adels. Diese sind allerdings mit nichts anderem be-
schaftigt. Sie traumen von einer Reise ins Ausland. Sie sprechen von
neuen Parfums und neuen Moden. Sie mochten Charleston lernen. In
jedem Auslander, der in ihren Gesichtskreis tritt, sehen sie einen per-
fekten Tanzlehrer. Sie laden ihn ein und traktieren ihn mit Grammo-
1926 649
phonplatten. Wer es darauf absieht, »Gluck bei ihnen zu haben«, fin-
det es, nur well er Auslander ist. Wer einen weifien Kragen tragt und
sich im Restaurant mit dem Kellner nicht verstandigen kann, hat grofie
Aussichten bei alien Tischen. Ein braver Kaufmann wird leicht ein
Casanova. Was haben da die Casanovas zu tun? Es wachst ein neues
weibliches Geschlecht heran, in »Pionier«- und » Komsomol «-Verban-
den, sexuell aufgeklart, ohne Geheimnisse, ohne Verschleierungen,
ohne Sentiment, mit sehr viel geschlechtlichem Realitatensinn und
ohne jedes Verstandnis fiir die komplizierte und kiinstlerische Steige-
rungen erfordernde Liebe. Vor ihnen steht die naturwissenschaftliche
Wirklichkeit wie ein Laboratorium, in das man tritt, um Experimente
auszufiihren. Ursachen sind langst bekannt. Wirkungen vorausgese-
hen. Es kann nichts Verwickeltes, nichts Uberraschendes passieren.
Der internationale schlanke »Knabentyp« der europaischen und ame-
rikanischen Frau ist in Rutland noch nicht vorhanden. Die Eleganz
hat in den seltenen Fallen, in denen sie vorhanden ist, eine spezifisch
russische Note. Zwischen dem modernen kurzen und schmalen Kleid
und dem starken, breiten Habitus der Russin ist ein deutlicher Wider-
spruch. Der wird durch eine ganz besondere Gattung, einen ethnogra-
phisch bestimmten Kompromift, so geschickt verdeckt, zumindest ge-
mildert, dafi aus der Not eine Tugend entsteht und aus der gefahrvol-
len Situation ein Reiz. Man kann keine Regelung aufstellen: das kurze
Haar, das die Russin vor vierzig, dreiEig, zwanzig Jahren aus Protest
gegen die Biirgerlichkeit getragen und das ihr den Reiz der Revolutio-
nism verliehen hat, macht sie heute mondan. Heute sieht es wieder wie
ein Protest aus: ein Protest gegen das Gebot der siegreichen Revolu-
tion, die eine demonstrative Sittlichkeit empfiehlt, den offentlichen
Tanz verbietet und einen deutlichen Gegensatz im russischen Leben
zum burgerlich-kapitalistisch dekadenten Leben des Westens sehen
mochte. Immer noch ist der Einfluft der Landlichkeit groft. Das Dorf-
element ist im Gesicht einer jeden russischen Stadterin stark, in jeder
ihrer Bewegungen erinnert sie an ihre junge Zivilisation. Das, was Ro-
mantiker, Snobs und Kitschiers fiir »Damonie« halten, ist der etappen-
weise und plotzliche Durchbruch der erdhaften Unmittelbarkeit durch
die schnell und geschmeidig erworbene Konvention. In Wirklichkeit
ist die Russin keineswegs »damonisch«, wie etwa der russische Mann
es sein kann. Sie hat nur ein sehr natiirliches, elementares, deshalb
schwer erklarliches Temperament. Ihre Leidenschaft ist stofflicher Na-
65O DAS JOURNALISTISCHE WERK
tur, materiell gehemmt, ihre Aktivitat liebt Umwege. Sie neigt zu einer
sehr direkten Aufrichtigkeit, sie lockt nicht durch Verstellung, sie siegt
eher durch Uberrumpelung. Sie hat Reiterblut und Attackentempo.
Ihre Sentimentalitat, ja, selbst ihre Neigung zu Tranen wird nicht kit-
schig, weil sie ein Teil der grofien slawischen Melancholie ist, nicht die
ubertriebene Steigerung eines momentanen Leids. Aber die russische
Frau wandelt sich wie das ganze Land. Auch sie »industrialisiert«, zivi-
lisiert, amerikanisiert sich. Auch sie mufi, wie das ganze Land, die Ent-
wicklung der Welt nachholen. Sie wird die Selbstandigkek, die Gleich-
berechtigung, den Foxtrott und den Charleston absolvieren. Ich
wiinschte ihr, sie verlore iiber der grofien Ehre, ein »sozialer Faktor«
zu sein, nicht das Vergnugen, eine Frau zu sein.-
Frankfurter Zeitung, 19. 12. 1926
XV
JEWGRAF ODER DER LIQUIDIERTE HEROISMUS
In einem Moskauer Theater sah ich ein schlechtes, kitschiges, rohes,
aber sehr aufschlufireiches Snick. Es heifk » Jewgraf, iskatel' prikljut-
schenij* (Jewgraf, der Schmied seines Schicksals). Wer ist Jewgraf? Ein
junger Mann, Neffe eines Friseurladenbesitzers und selbst von Beruf
Barbiergehilfe, am Geschaft seines Oheims beteiligt, ein aussichtsrei-
cher Kompagnon, geliebt von der hubschen Kassierin des Oheims und
berechtigt, eine Zukunft zu erwarten, die selbst in dieser verworrenen
Zeit, selbst in diesem revolutionaren Lande eine solide genannt werden
kann. Jewgraf aber verschmaht Beruf, Kassierin und Zukunft, er will
nicht Barbier sein, er will ein Held sein. Natiirlich sinkt er jene be-
kannten »Stufen« hinunter, die es auch in Rutland gibt, und endet
durch reuigen Selbstmord, nachdem er einen jiidischen NEP-Mann
umgebracht hat. Weshalb will Jewgraf nicht Barbier und am Leben
bleiben? Weil er ein revolutionarer Held war, weil er die Zeit nicht
verges sen kann, in der er in den Reihen der Roten Armee kampfte,
Giiter konfiszierte, satte Burger aus ihren Hausern hinauswarf, sie vor
sich auf den Knien liegen sah, ihr Leben und eine berauschende Macht
in der Hand hielt. Wie soil man denn wieder vor alien diesen oder vor
1926 6$i
noch schlimmeren neuen Biirgern Verbeugungen machen und Tiiren
aufreifien, wie es schiiefilich auch Friseurgehilfen in Rufiland machen
miissen?
»Jewgraf« ist, wie gesagt, ein rohes Stuck (eines jener vielen kleinbur-
gerlich-brutalen Stiicke, die jetzt in Ruftland so oft gespielt werden
und iiber die ich noch sprechen werde), der Autor packt das Problem
mit beiden Fausten und erdrosselt es beinahe, er iibertreibt nicht
kunstlerisch, sondern didaktisch, also nach falschen Richtungen, er ist
ein »Moralist«, er will zeigen, dafi die Zeit gekommen ist, in der die
Heroen Burger werden miissen, soil es ihnen nicht schlecht ergehen.
Aber gerade deshalb wird er selbst ebenso charakteristisch fur diese
Epoche der Revolution wie sein Held. Mir ist Jewgraf sympathischer
als der Autor und als die augenblicklich im Lande der Revolution herr-
schende biirgerliche Moral; obgleich ich glaube, dafi man NEP-Leute
rasieren und dennoch ein Revolutionar sein kann. Aber Jewgraf ist
hier, so plump er auch gelungen ist, ein representatives symbolischer
Typus, sein Schicksal ist das eines Revolutionars, der aus den niichter-
nen Tagen des augenblicklichen oder wirklichen »Aufbaus« heraus-
fallt. Wer aber nicht nur ihn und seinen Fall betrachtet, sondern auch
den »Aufbau« (was der Autor natiirlich nicht tut), der wird fragen:
Sind die Jewgrafs wirklich selbst schuld an ihrem Schicksal, oder sind
es die »aufbauenden Krafte«? Gibt es nur zweierlei: Heroen oder Spie-
fier? Wenn die Handgranate den Revolutionar, das Rasiermesser den
Kleinbiirger macht - was ist denn der »Burger«, gegen den man so viel
Handgranaten anwendet? Ist er nicht eher eine haEliche Schopfung der
Natur als ein gefahrliches Produkt wirtschaftlicher Ordnungen? Wenn
man nicht einmal die Methode seines Erwerbs zu andern braucht,
wenn man nicht einmal aus einem »Arbeitnehmer« ein »Arbeitgeber«
werden mufi, sondern sich einfach aus einem proletarischen Revolutio-
nar in einen proletarischen Spiefier verwandeln kann - wo ist die
Grenze zwischen »Btirger« und »Freiem«? Ist es der »Geldschrank«,
der den »satten Bourgeois« macht, so ist es die Liebe zur Ruhe, zum
behaglichen Sonntag, zum Bierkrug, zum Grammophon, zu Frau und
Kind, zum Besuch im Museum, zur Schachpartie im Klub, die den
mageren Bourgeois macht. Auf den Korperumfang aber kommt es
nicht an. Dafi Sonntag, Bier, Grammophon, Museum und Schach biir-
gerliche Erbschaft sind und dafi sie in einer nicht kapitalistischen Ge-
sellschaft nicht hatten gedeihen konnen, kann kein Theoretiker be-
652 DAS JOURNALISTISCHE WERK
haupten: Sie werden ja auch von der Revolution nicht abgelehnt, son-
dern freudig akzeptiert, verwaltet, gepflegt. Selbst wenn die typisch
biirgerliche geistige Struktur als eine direkte Folge der kapitalistischen
Wirtschaftsform erkannt wird, ist es dennoch nicht ausgeschlossen,
dafi eine natiirliche Veranlagung zur »Biirgerlichkeit« a priori vorhan-
den ist. Ja, die kleinbiirgerlichen Neigungen und Hemmungen des Pro-
letaries beweisen es gerade. Es kann nicht der Sinn der Revolution
sein, den Burger durch Burger abzulosen, den ausbeutenden Bourgeois
durch den ausgebeuteten Bourgeois, den grausamen Spiefier durch den
leidenden Spiefier. Es kann nicht ihr Sinn sein, alle Welt mit Grammo-
phon, Museum, Schach zu begliicken. Es kann nicht ihr Schicksal sein
zu »verburgerlichen«.
In Rufiland aber »verbiirgerlicht« sie. Fast aller revolutionaren Ideen,
Einrichtungen, Organisationen hat sich der kleinbiirgerliche Geist be-
machtigt, der in der Politik schon lange sichtbar ist, der den Herois-
mus liquidiert, die Biirokratie aufbaut, selbst wenn er sich einbildet, sie
»abzubauen«, indem er Beamte entlafit. Es kommt eben nicht auf die
Zahl an, wie die heutigen Verwalter der russischen Revolution glauben
und wie sie immer wieder betonen. Es herrscht in Rufiland ein Fanatis-
mm der Statistik, eine Anbetung der Ziffer, die man in den Rang eines
Arguments erhebt. Niemand ist, wie man weifi, stolzer, gliicklicher
und lacherlicher als ein Ideologe, der Gelegenheit findet, »Tatsachen«
aufzuzahlen. Jetzt, so bildet er sich ein, hat er die »Realitat« am Kragen
gepackt. (Er ist niemals weiter von der Realitat entfernt gewesen.) Auf
alien Versammlungen, auf alien Konferenzen, in alien Schulvortragen,
in alien Zeiten erklingen diese stolzen »Feststellungen«: »Im Jahre
19 13 hatte Rufiland siebzig Prozent Analphabeten, zwanzig oder drei-
fiig Prozent Schulbesucher - jetzt haben wir fiinfzig und funfzig.«
Oder: »i9i3 hatten wir nur soundso viel Prozent Universitatsprofes-
soren, jetzt haben wir sechsmal mehr.« (Die Zahlen sind willkiirlich
angenommen.) - So geht es seit ungefahr drei Jahren in einem fort.
Aber aus keiner Statistik geht hervor, ob man nicht statt der siebzig
Prozent Analphabeten funfundneunzig Prozent Spiefier bekommt,
kleine Reaktionare; ob der sechshundertste Bauer das liest, was ihn
kluger macht, oder das, was ihn diimmer macht (denn man kann durch
Lesen dumm werden); ob der tausendste neue Professor auch sein Amt
ausfullen kann; ob die dreifiig Prozent proletarischer Universitatsho-
rer auch geniigend Vorbildung haben. Die verantwortlichen Manner
1926 6$3
Rufilands leben im Rausch der Zahlen, und die grofien, runden Nullen
verdecken die wahren Gesichter der Realitaten.
»Wir haben drei Millionen Pioniere, eine Million Komsomols! Die Zu-
kunft der Revolution^ - Aber diese Zahlen verraten mir nicht, dafi die
ganze burgerliche Jugend mit Freuden in die Pionierorganisationen
stromt und dafi auch die Proletarierkinder biirgerlich werden, dafi die
rote Farbe ihrer Fahnen nicht anders wirkt als eine gelb-griin-blaue,
dafi gerade die braven Streber, die typisch kleinburgerlichen Naturen,
die friiher zaristische Stipendien bekommen hatten, heute Komsomols
werden und die Parteibeschliisse auswendig biiffeln. Ich sah im Hause
eines befreundeten Kommunisten eine alte, gutbiirgerliche jiidische
Grofimutter ihr Enkelkind wiegen, und sie sprach dazu: »Pawelchen,
Pawelchen, wirst ein Komsomolchen!« Eine achtjahrige Pionierin er-
klart mir deklamatorisch: »Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an die
Masse !« »Ich muE unbedingt in die Partei kommen«, sagt mir ein
Komsomol, »ich will ins Ausland mit einem staatlichen Stipendium.«
Die Partei ist nun glucklich von »unzuverlassigen Elementen«, revolu-
tionaren Naturen, »kleinbiirgerlichen« Anarchisten gesaubert. Jetzt
stromen ihr streberische, zuverlassige, kleinbiirgerliche »Marxisten«
zu. Die Sauberung, welche die Partei alljahrlich vornimmt, trifft hoch-
stens die plumpen Karrieremacher. Aber die braven Vorzugss chiller
des Kommunismus, die eigentlichen Burger, bleiben selbstverstand-
lich. Sie sind ja so schwer zu agnoszieren. Welch eine Entwicklung!
Die Revolution, die Partei, die leitenden Manner sind gewifi nicht ver-
antwortlich fur die groben Geschmacklosigkeiten der Fabrikanten und
der Handler. Und dennoch mufi man an den Geist denken, der jetzt
die Revolution verflacht, wenn man in Briefpapierladen, in Apotheken
und in Delikatessengeschaften hafiliche Biisten revolutionarer Manner
sieht, Lenin auf einem Tintenfafi, Marx als Papiermessergriff, Lassalle
iiber Kaviarbiichsen, Schleier, Glasperlen, die Portrats darstellen, re-
volutionare Fiihrerphysiognomien auf Beeten in offentlichen Parks,
aus Gras gezeichnet. Das alles soil nicht »kleinburgerlich« sein? Den
Mannern der Statistik fallt dergleichen nicht auf, und die fremden Be-
obachter haben so viel zu »besichtigen«, daft ihnen das Sehen vergeht.
Es ist auch nicht jedem gegeben, einer Geschmacklosigkeit so viel Be-
deutung beizumessen und in ihr die wiiste Reaktion zu sehen, die re-
volutionare Embleme herabwiirdigt. Es gibt angeblich »wichtigere«
Dinge, zum Beispiel: noch eine Ziffer.
6$4 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ich kann die Jewgrafs sehr gut verstehen. Sie werden wild. Sie rebellie-
ren vor Enttauschung. Sie sehen die Revolution biirgerlich werden, mit
der Verzweiflung, mit der man eine geliebte Frau dick werden sieht.
Ein Vergleich mit alten zaristischen Zeiten, der immer wieder als Trost
gemacht wird, kann niemanden befriedigen. Denn der Zar ist schon
lange tot, und diese Revolution wollte ja mehr sein als eine antizaristi-
sche. Lenin hat sie gefiihrt - welch ein Trost ist da ein Blick auf die
zaristische Epoche! . . .
Frankfurter Zeitung, 21. 12. 1926
XVI
OFFENTLICHE MEINUNG, ZEITUNGEN, ZENSUR
Es gehort zum Wesen einer reaktionaren Diktatur (etwa Mussolini),
dafi sie in der Hauptsache »verbietet«. Es gehort zum Wesen der prole-
tarischen Diktatur in Rufiland, dafi sie (heute schon) mehr diktiert als
verbietety mehr erzieht als bestraft, eher prophylaktisch als polizeilich
wirkt. Deshalb - und weil uberhaupt in Rufiland vor der Revolution
eine breite offentliche Meinung nicht bestanden hat - hemmt die kom-
munistische Zensur in diesem Lande vielleicht den Gelehrten, den
Kiinstler, den Philosophen, den Schriftsteller. Dafur erzieht sie die
Massen uberhaupt erst zu der praktischen Anwendung einer Meinung.
Die Zeitung steht im Dienst der Zensur: nicht dadurch, dafi sie die
Wahrheit unterdnickt, sondern dadurch, dafi sie den Willen der Zen-
sur propagiert. Den Willen der Zensur: das heifk den Willen der Re-
gierung. Die Zeitung wird das Organ der Zensur, weil sie das Organ
der Regierung ist. Der Zensor selbst konnte sie redigieren. Infolgedes-
sen hat sie auch eine gewisse Freiheit der Meinungsaufierung. Zensor
und Journalist stehen (wirklich oder angeblich) auf dem Boden dersel-
ben Weltanschauung. Sie verstofien zumindest nicht gegen die Staats-
religion, die in diesem Staat der Atheisten kommunistische Ideologic
heifit. Wer sich zu dieser bekennt oder ihr mindestens sympathisierend
gegeniibersteht, hat ein Recht zur Kritik, die allerdings niemals den
Rahmen sprengen darf. Und sie sprengt niemals den Rahmen. Wes-
halb?
1926 655
Man sehe sich einmal die vielen Zuschriften aus dem Publikum an die
russischen Zeitungen an. Diese offnen bereitwillig, hochst erfreut ihre
Spalten der Kritik. In keinem Lande der Welt wird so viel offentlich
kritisiert. Es wird sogar scharf kritisiert. Man spart nicht mit Vorwiir-
fen und Angriffen, Anprangerungen und offentiichen Anklagen. Und
dennoch wird diese Scharfe niemals staatsgefahrlich, niemals der
Staatsideologie gefahrlich. Warum? Weil der Staat, weil die Zensur,
weil ihre Organe die Zeitungen, die Massen zur Kritik erziehen und
selbst die Losungen ausgeben, gewissermafien die Leitmotive der
offentiichen Meinung fur die nachsten paar Monate. Es ist ein geisti-
ger, sehr kluger, sehr staatspolitischer Angelsport. Von oben wird der
Haken mit den fetten »Mifistanden« ausgeworfen, und die kritikhung-
rigen Massen schnappen danach. Es scheint mir, dafi die Sowjetregie-
rung die einzige ist, welche die Kritik als einen Naturtrieb des Men-
schen und der Massen erkannt hat. Sie beeilt sich, ihn sich dienstbar zu
machen, indem sie ihn selbst pflegt und leitet. Ihre Methode ist - auch
vom historisch objektiven Standpunkt aus - deshalb gerechtfertigt,
weil die russischen Massen heme noch eine solche Aufsicht brauchen;
weil sie ohne diese Leitung von oben noch lange nicht eine »6ffentliche
Meinung« zu bilden begonnen hatten. Uberflussig zu sagen, daft dieser
kluge Ausweg auch ein glanzendes Propagandamittel fur den Sowjet-
staat ist, daft man jeden Vorwurf einer Unterdriickung der Kritik
durch einen einfachen Hinweis auf die Zeitungen widerlegen kann.
Man mufi schon in Rutland leben und die (sehr seltene) mundliche,
private Kritik der einzelnen gehort haben, um zu erkennen, wodurch
sich die of fen sich tb are, die gedruckte offentliche Meinung von der
Meinungsfreiheit eines kulturelleren Landes unterscheidet. Die offent-
liche, laute, staatstreue Kritik ist eine Kritik der Parolen, der Losun-
gen, der Schlagworte. Die erkennbare »6ffentliche Meinung« im heuti-
gen Rufiland ist die gewaltige Summe (nicht die Potenz) addierter
Ecbos auf eine den Massen zugerufene Formulierung. Der geiibte H6-
rer erkennt am Echo den Rufer. Der Rufer steht oben.
Daher die auffallige Haufigkeit druckreifer, beinahe schon typogra-
phisch durchdachter, fix und fertiger Definitionen der » offentiichen
Mifistande«. Alle paar Monate gibt es eine andere Definition. Man
kehrt die natiirliche Entwicklung um, wahrend bei uns, in alien westli-
chen Landern, zuerst die Kritik sich regt, dann sich hauft und schliefi-
lich in einer schlagenden Formulierung ihre gesammelte Kraft ver-
6$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einigt und mit ihr vorstofit - ist in Sowjetrufiland zuerst das Schlag-
wort da, dann hauft es sich, dann wandelt es unter die Massen und
weckt schliefilich und zuletzt die Kritik.
Wir sehen also in Rufiland das primitive Anfangsstadium einer offent-
lichen Meinung, die von oben gelehrt und genahrt wird. Je nach Zeit
und Bedurfnis lauten die Losungen: Verachtet die Verrater! Schmarot-
zer hinaus! Krieg den Chuliganen! An den Pranger mit den Bestoche-
nen! Tod der Anarchie! - Dabei unterstiitzt die starke Neigung der
kommunistischen Theoretiker zur popularen Formulierung diese Me-
thode des Meinungsdiktats. Aus Lenins Schriften allein lassen sich un-
zahlige akustisch wirksame Parolen herausklauben. Man wirft sie auf
die Filmleinwand, in die Spalten der Zeitungen, auf Plakate. »Die In-
dustrialisierung ist die Grundlage des sozialistischen Staates.« »Wir
bauen den Sozialismus.« Diese und andere Satze wiederholen sich fort-
wahrend, Resolutionen wandeln sie ab, schaffen neue, auf Parteitagen
werden Invokationen geboren. Allmahlich setzt sich die Losung im
Gehirn fest und ersetzt das Argument. Es entsteht eine Uniformitat -
nicht so sehr der Gesinnung wie der Betrachtungsweise. Ich habe es in
hundert Diskussionen mit jungen Menschen, Arbeitern, Studenten,
Beamten, sogar obdachlosen Kindern (die ja bestimmt keine Broschii-
ren lesen) erlebt, dafi mir die verschiedensten Individuen, Berufe, Na-
turen, Gemiiter, dafi mir Melancholiker, Sanguiniker, daf5 mir Proleten
und Kleinbiirger, Begabte, Dumme und Kliigere, dafi mir alle diese
Menschen wortlich dasselbe auf meine Einwande erwiderten, so dafi
ich schon nach den ersten Antworten den ganzen Verlauf der Unterre-
dung auswendig wufite. Manchmal horte ich wortliche Wiederholun-
gen aus einem jiingst erschienenen Zeitungsartikel. Ich habe mich des-
halb allmahlich daran gewohnt, die Menschen in Rufiland nicht nach
ihrer geistigen Qualitat einzuschatzen, sondern nach den Quellen ihrer
Argumentationen, Das ist auch heute charakteristischer als etwa indi-
viduelle Begabungsunterschiede. Es entsteht eine allgemeine Nivellie-
rung, eine hochst einfache psychologische Landschaft mit ein paar
deutlichen Orientierungstafeln. Es gibt eine offizielle Gesinnung und
eine approbierte Dialektik, die es auch dem weniger Klugen gestatten,
auf komplizierte Fragen zwar nicht treffend, aber doch allgemein zu
antworten. Und wer noch nicht gelernt hat, Argument von Rhetorik
und eine Kehle von einem Grammophon zu unterscheiden, ist von der
Schlagfertigkeit des Durchschnitts verbliifft.
iyi6 657
Je mehr man die Zeitungen liest, desto grofier wird der Respekt vor
dieser gewaltigen Mobilisierung der Federn, der Schreibmaschinen,
der Zitate und vor der Mechanisierung der Gehirne. Nicht journalisti-
sche Fachleute machen die Zeitungen, sondern gute, zuverlassige
Handhaber und Handlanger der Ideologic Das, was man »journalisti-
sche Kleinarbeit« nennt, was das eigentliche Geriist der Zeitung ist, der
Bericht des Tages und sein Spiegelbild, die nackte dramatische Fabel
des Lebens: das ist in den russischen Blattern primitiv, dilettantisch,
unbeholfen. Von den sechs Seiten einer Zeitung sind meist drei fur
Resolutionen, Konferenz- und Versammlungsberichte bestimmt. An
den Tagen der Parteikonferenz bleibt kaum eine Seite fur wichtige
politische und andere Nachrichten aus dem Auslande. Dazu kommen
obligatorische Artikel - auch wenn sie unaktuell und unwichtig sind -
aus der Feder dieser oder jener Parteigrofie, die gedruckt werden mus-
sen. Es gibt dafiir Artikel, die nicht geschrieben werden durfen - wie
zum Beispiel die des einzigen bedeutenden Journalisten der Partei:
Karl Radek. Uber den grofien Brand in einer der grofiten Moskauer
staatlichen Kinofabriken berichten Moskauer Blatter anderthalb Tage
spater. Es ist nicht die Geringschatzung des »Ereignisses«, die eine
solche Unterlassung zu einer journalistischen Pflichtverletzung stem-
pelt, sondern die gewaltige Unterschatzung des wirklichen, taglichen,
blutvollen Lebens, die sich in der Gleichgiiltigkeit gegeniiber dem Tag
aufiert, und die gewaltige Uberschatzung der rhetorischen, beinahe
schon geschwatzigen, phrasenreichen und billigen Konferenzen-Di-
daktik, der blutleeren »Debatte«, die sich obendrein noch einbildet,
lebendig zu sein, weil sie von Daten, Zahlen und Fakten ausgeht. Man
geht in einen Saal, schliefk die Fensterladen, ziindet Licht an, nimmt
Berichte zur Hand, pafk ihren Inhalt der Theorie an oder (je nachdem)
die Theorie dem Inhalt des Berichts und glaubt, mitten im Tag zu
stehn, indes draufien, an den geschlossenen Fenstern vorbei der leben-
dige Tag abrollt. Und die Zeitung berichtet, was in den Zimmern vor-
ging.
Man achtet dabei sehr scharf auf die Einhaltung der »Authentizitat«.
Man hat alles aus der sogenannten »ersten Hand«. In den Fabriken gibt
es Arbeiterkorrespondenten, in den Dorfern Dorfkorrespondenten, in
den Schulen Schiilerkorrespondenten. Der Leser macht gewisserma-
ften seine Zeitung selbst. Die »Zuschrift aus dem Publikum«, der »Be-
richt des zufalligen Augenzeugen« werden in den Rang der sachver-
658 DAS JOURNALISTISCHE WERK
standigen Berichterstattung erhoben. Jeder sein eigener Journalist.
Diese Erziehung zur lebendigen Mitarbeit an der Zeitung ist von enor-
mer Wichtigkeit, und aus dem Experiment, das Sowjetrufiland zum
erstenmal macht, wird einmal die Presse aller Lander zu lernen haben.
Aber die Sowjetpresse gibt sich mit dieser privaten Authentizitat zu-
frieden, und deshalb ist ihr »Zeitungsbericht« nicht mehr wert als eine
primitive »Zeugenaussage«. Das System der Leser-Korrespondenten
verfuhrt zu der falschen Uberzeugung der Redaktion und auch der
leitenden Politik, dafi sie iiber alles gut unterrichtet seien. Woher diese
Kenntnis? Der Leser (der Rab-Korr., der Sel-Korr. usw.) hat es ja
selbst gesagtf Weifi diese junge Presse, weifi diese junge Regierung
noch nicht, daft man zur Spiegelung des Lebens der Spiegel bedarf?
Dafi man aber keineswegs einen beliebigen Gegenstand, eine Teekanne
oder eine Hacke oder ein Fleischmesser als Spiegel verwenden kann?
Es ist eine physische Unmoglichkeit, sich selbst zu photographieren,
das Objekt kann sich nicht durch die Linse betrachten. Deshalb gibt es
in den russischen Blattern fast lauter richtige Tatsachen und fast lauter
falsche Berichte; Gestandnisse und keine Aufklarung; Angaben und
keine Bilder. Deshalb weifl der ausldndische Journalist^ der die Augen
auf macht, von Rutland mehr als sein einheimischer Kollege.
Der auslandische Journalist (wie jeder Auslander) ist iibrigens Gegen-
stand der besonderen Aufmerksamkeit der russischen Presse. Ein In-
terviewer kommt. Welche Wichtigkeit! Ein Auslander ist da! Man
macht sich ein bifichen Amerika vor. Die meisten Auslander fiihlen
sich gewaltig geschmeichelt. Der bourgeoise Vizedirektor einer west-
europaischen Sparkasse, zu Hause nichts mehr als ein braver Karten-
spieler am Stammtisch, sieht sich im Lande der grofiten Revolution fett
gedruckt. Er ist angekommen. Er wird eingeladen, Vortrage iiber Spar-
kassenbiicher zu halten. Am nachsten Tag stent's in der Zeitung. Er
bekommt eine Extrakarte zur Besichtigung des Kreml. Am nachsten
Tag kann man lesen, daft er im Kreml war. Einer der Fuhrer der
deutschnationalen Partei - bei uns nichts mehr als ein geachteter Parla-
mentarier und ein anstandiger Professor - bekommt in Rutland einen
Extra-Ehrenabend mit Bier - das wohl ein besonderer symbolischer
Respekthinweis auf den deutschnationalen Gedanken ist. Ja, auch zu
mir, der ich doch selbst gewissermaEen »interviewen« kam, gelangten
Interviewer, und sie brachten dem staunenden Rufiland die Kunde,
dafi ein Herr Joseph Roth angekommen sei - obwohl er ausdrikklich
1926 659
bemerkte, er sei kein Konservativer und habe gar keine Beziehungen
zur deutschnationalen Partei! . . .
Man sieht, was der russischen Presse fehlt: die Unabhangigkeit von der
Regierung, die Abhangigkeit vom Leser und die Kenntnis der Welt.
Die Riicksicht auf den Leser macht die Journalistik fruchtbar. Die
Rucksicht auf die Zensur macht die Presse steril. Die voraussetzungs-
lose, das heiflt nicht: gesinnungslose Betrachtung der Welt macht einen
Artikel lebendig und anschaulich. Die ideologisch gebundene Betrach-
tung der Welt verursacht provinzielle, kleinliche und auflerdem falsche
Berichte. »Provinziell« ist nicht etwa ein geographischer Begriff, son-
dern ein geistiger. Es ist gleichgiiltig, ob die Fessel enger Verhaltnisse
oder die eines starren Prinzips den Horizont einschranken. Und es ist
auch vom Standpunkt der Sowjetpresse praktischer, die biirgerliche
Welt zu kennen, gegen die man kampft, und nicht in Entziicken zu
geraten, wenn einmal ein Herr aus dem Jenseits in Moskau landet. Und
man lernt nicht die Welt kennen, indem man einen Berg besteigt und
sie von einem Standpunkt aus betrachtet, sondern im Gehen, indem
man sie durchwandert. In Sowjetrufiland aber sieht man die Welt von
dem Turm aus, den die gesammelten und aufgestapelten Schriften von
Marx, Lenin und Bucharin bilden . . .
Frankfurter Zeitung, 28. 12. 1926
XVII
DIE SCHULE UND DIE JUGEND
Es gait, in einem Land, in dem eine unzuverlassige und eher unter-
schatzende als ubertreibende Statistik 75 Prozent Analphabeten fest-
stellte, die Massen lesen und schreiben zu lehren. Vor dieser stofflich,
zahlenmaftig schwer uberwindlichen Auf gab e trat die Verpflichtung
einer revolutionaren Schulbehorde, die Verpflichtung, revolutionare
Erziehungsmethoden auszuprobieren und anzuwenden, zuerst in den
Hintergrund. Heute noch, nach sieben Jahren, in denen unzahlige Ex-
perimente gelungen oder miftlungen sind, nachdem Hunderte neuer
Methoden, Tausende neuer Schultypen eingefuhrt und wiederaufgege-
ben worden sind, stehen die russischen Schulbehorden noch mitten im
660 J DAS JOURNALISTISCHE WERK
heifien Kampf gegen den Analphabetismus. Das vergessen Fremde, die
nach Rufiland kommen, und die Einheimischen, die den Fremden neue
Schulen und neue Ergebnisse zu zeigen berufen sind. Vorlaufig lautet
die Frage immer noch nicht: Welche Erfolge hat die neue Erziehungs-
methode in Sowjetruflland? - Sie lautet immer noch: Wie viele Anal-
phabeten hat Sowjetrufiland?
Die Antwort auf diese Frage erwartet man von der Statistik. Diese ist
im neuen Rufiland leider nicht nur im allgemeirien unzuverlassig. Sie
ist im besondern auch optimistisch . Sie verleitet die Phantasie, zu der
Zahlen eindringlicher sprechen als Kunstwerke, zu Additionsfehlern;
besonders in einem Lande, in dem die Statistik doch beinahe keine
reale Voraussetzungen hat. Ich erwahne bei dieser Gelegenheit, was
man in Rufiland und in Europa bis jetzt iibersehen hat, dafi seit 19 10 in
Rufiland keine Volkszdhlung stattgefunden hatte. Auch die vom Jahre
19 10 war hochst unzuverlassig. Erst kiirzlich (also 1926) begann man
in Rufiland, die Menschen zu zahlen. Und ob man damit fertig wird,
weifi nicht einmal die Kommunistische Partei. Eine Volkszahlung, im
Jahre 1922 eingeleitet, fiihrte zu keinem Resultat, (Damals liefien sich
in einem abgelegenen Gouvernement zwanzig Bauern lebendig begra-
ben, um nicht mitgezahlt zu werden. Als der Tag, an dem der Schrei-
ber gekommen war, verstrich, grub man die Bauern wieder aus. Fiinf
sollen erstickt sein.) Heute noch kann man in RuKland nicht etwa wie
bei uns jeder Familie einen Fragebogen zustellen. Man mufi Beamte in
die Hauser schicken und die Leute im wortlichsten Sinne zahlen las-
sen. Wo ist da die Zuverlassigkeit aller bisher gemachten Statistiken?
Woher weift man, um wieviel Prozent weniger Analphabeten sind,
wenn man die Zahl aller Einwohner des Landes gar nicht kennt?
Es wird, oberflachlich geschatzt, jetzt nur noch 50 Prozent Analpha-
beten geben. Man ermifit daran die verhaltnismafiig geringe Rolle der
Schulreformen. Man ermiflt daran die ungeheuren Schwierigkeiten:
Erstens befiehlt die agitatorische Reputation, alle burgerlichen euro-
paischen Lander auf dem Gebiet des Schulwesens zu iiberholen; zwei-
tens mull man Europa, hinter dem man um hundert Jahre zuriickge-
blieben ist, wenigstens erreichen. Mit etwa 20 Prozent der Bevolke-
rung kann man die allermodernsten Erziehungsexperimente machen.
Bei weiteren 30 Prozent muE man das Experimentiertempo maftigen.
Der ganze Rest muE erst eine miihsame Bekanntschaft mit dem Alpha-
bet schliefien.
1926 66i
Man sieht also in Rutland zuerst nicht etwa lauter iiberraschend neue
Schulen - vorausgesetzt, dafi man nicht zu Besichtigungszwecken her-
umgefiihrt wird-, sondern lauter Analpbabetenkurse. (Das ist kein Ta-
del, sondern ein Lob.) Sie sind uberall eingerichtet: in den Fabriken, in
den Arbeiterheimen, in manchen Sanatorien, in den Rekonvaleszen-
tenheimen, in Gefangnissen, in den Kasernen, in den Klubs auf dem
Lande, in den Klubs in den Stadten. Eine allgemeine Schulpflicht im
westeuropaischen Sinn ist immer noch nicht durchgefuhrt. Immer
noch kommen in den Dorfern etwa nur 50 Prozent von den schul-
pflichtigen Kindern in die Schule. Aber wichtiger als eine rigorose
Durchfuhrung der allgemeinen Schulpflicht ist der allgemein ge-
weckte, sehr lebendige Ehrgeiz der Halbwiichsigen und der Erwachse-
nen, lesen und schreiben zu konnen. Das Alphabet, der Druck, die
Zeitung und das Buch sind nicht mehr gefurchtetes oder gescheutes
»Teufelswerk« wie im zaristischen Rufiland. Die Verhaltnisse werden
komphziert, und das gesprochene Wort reicht selbst innerhalb der en-
gen Gemeinschaft eines einzigen Dorfes nicht mehr als Verstandi-
gungsmittel aus. Die weitaus grofiere Halfte des Budgets fur Erzie-
hung und Unterricht wird fiir den Kampf gegen das Analphabetentum
ausgegeben.
Daneben - aber erst an zweiter Stelle - stehen die neuen Erziehungsan-
stalten, die neuen Schulmethoden, die neuen - gegluckten und mifi-
lungenen - Experimente. Sie haben drei Grundtendenzen verfolgt: er-
stens, die Jugend mit dem sogenannten »kollektivistischen Bewufit-
sein« zu erfullen; zweitens, sie fiir eine praktische Tatigkeit innerhalb
einer dem Sozialismus entgegenschreitenden Gemeinschaft heranzu-
bilden; drittens, sie zur Areligiositat, wenn nicht zur Antireligiositat
zu erziehen.
Man sieht, daE die Tendenzen der Erziehungsreformen viel klarer sind
als die heute mdgliche Einsicht in die geschichtliche Entwicklung der
russischen Revolution und des russischen Landes. In diesen paar Jah-
ren aber zeigte es sich, dafi die Entwicklung nicht so grade verlauft wie
ein iibersichtlich aufgezeichneter Schulplan; dafi die Spannung, die
schon von vornherein zwischen den Dimensionen des Lebens und den
ihm nur scheinbar angepafiten Theorien besteht, sich noch vergrofiert,
je mehr man den Zwischenraum einengt, der zwischen der Anschau-
ung und der Realitat naturnotwendig vorhanden ist; dafi zwischen
dem Tempo, das man berechnete, und dem Tempo, das dann einsetzt,
662 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ein Unterschied fiihlbar wird; und dafi allein die Anzahl der Experi-
mente noch nicht ihren Erfolg sichert.
Aber nur um den Erfolg handelt es sich. Wir fragen nicht nach dem
Weg, sondern nach dem ZieL Wir fragen nicht nach dem Beginnen,
sondern nach dem Ergebnis. Uns interessiert der Schiiler mehr als der
Lehrer und die Schule - und was einer geworden ist, scheint uns wich-
tiger, als wie er es geworden ist. Es gibt in Sowjetrufiland einige Mu-
sterschulen, die sich alien Fremden zeigen diirfen; eine Unmenge scho-
ner padagogischer Ideale, die man jedem vortragt: ein ungeheures
quantitatives Wachstum von Schulen, Instituten, Schiilern, auf das
man stolz ist; Programme, die man uberall abdruckt und die sehr re-
prasentativ sind. Ich wiederhole hier, was man in vielen Zeitschriften
finden kann und vielleicht schon gefunden hat:
In Rufiland gibt es nicht »Volks«- und »Mittelschulen«. Es gibt die
sogenannte Einheitsschule. Sie hat zwei Grundabteilungen: die erste
fur Kinder von drei bis sieben Jahren, mit Kindergarten, Spielplatzen,
Erziehungshausern; die zweite, die wieder in zwei Unterabteilungen
zerfallt: in den vierjahrigen Allgemeinbildungskurs und in den fiinf-
jahrigen Kurs der »praktischen Orientierung«. Der letzte fiinfjahrige
Kurs zerfallt wieder in zwei Unterabteilungen: die ersten drei Jahre
bereitet sich der Schiiler praktisch und theoretisch auf seinen Beruf
vor; in den letzten zwei soil er seine allgemeine Bildung vertiefen und
zugleich die Vorbereitung fur seinen Beruf noch konkreter und enger
erleben. Fiir aktive Arbeiter und Lehrlinge gibt es die sogenannte
»professionell-technische Ausbildung«, und zwar: a) den vierjahrigen
Kurs der unteren professionell-technischen Schule und b) den vierjah-
rigen »Spezialisierungskurs in einer technischen Lehranstalt«. Es gibt
verschiedene »Technica«: mechanische, handelsokonomische, kiinstle-
rische, kunstgewerbliche, elektrotechnische, landwirtschaftliche. An
»allgemeiner Bildung« vermitteln sie: Kulturgeschichte, Gesellschafts-
kunde, Literatur, Politik, Okonomik usw. Es gibt 524 derlei »techni-
sche Hochschulen«, die keineswegs unseren Hochschulen entspre-
chen, sondern eher unseren Gewerbeschulen. Aufierdem sind bei jeder
hoheren Schule sogenannte » Arbeiter-Fakultaten : (»Rab-fak«) fiir er-
wachsene Arbeiter errichtet. Der dreijahrige Kurs einer Arbeiterfakul-
tat soil den Schiiler reif zum Studium an der Universitat machen.
Von einer ganz besonderen Art sind die Dorfschulen^ landliche For-
1926 66}
men der unteren Einheitsschule. Sie sind das ganze Jahr offen, auch
wahrend ein Teil der Kinder bei der Sommerarbeit ist. Der Unterricht
findet im Sommer im Freien statt. Es gibt keine Klassen im alten Sinn.
Die Hauptgegenstande sind: Lesen, Schreiben, Rechnen, landwirt-
schaftliche Allgemeinkenntnisse und »politische Grammatik«, das
heifit: die politischen Elementarbegriffe. Von besonderer Wichtigkeit
sind die Feste und Feiertage, die geschickt zu didaktischen Zwecken
ausgenutzt werden.
Selbstverstandlich sind die Schultaxen gering. Sie betragen 1 Rubel im
Monat, wenn die Eltern bis zu 100 Rubel Einkommen haben, und stei-
gen mit der Hohe des Einkommens bis zu 12 Rubel. Kaufleute und
»unproduktive Elemente« zahlen ungefahr 25 Rubel monatlich. Mit-
tellose Studenten erhalten eine Bettstelle umsonst, ein Essen und 30
Rubel monatlich. Deshalb ist das Professorenhonorar sehr gering, es
betragt etwa 100 Rubel. Es gibt einen gewissen, sehr schiichternen und
nicht mehr aufrechtzuerhaltenden Numerus clausus, dem zufolge 70
Prozent der Studierenden aus dem Arbeiter- und Bauernstand hervor-
gegangen sein miissen. Nach der letzten Statistik waren nur 26 Prozent
Bauern- und nur 24 Prozent Arbeiterkinder. Der Rest kam aus dem
Angestelltenstand und aus den Hausern geistiger Arbeiter. Selbstver-
standlich werden bei drohender Uberfullung - und iiberfullt sind jetzt
die meisten russischen Hochschulen - zuerst Arbeiter und Bauern be-
ziehungsweise deren Kinder beriicksichtigt. Nachkommen der soge-
nannten »unproduktiven Elemente« oder der neuen Burger haben
einen schweren Stand an den russischen Hochschulen.
Es gibt 71 Universitdten (die in einem andern Zusammenhang behan-
delt werden), von denen nur 18 unseren Universitaten entsprechen, 19
landwirtschaftliche Hochschulen, 10 padagogische Institute und viele
andere spezielle Hochschulen.
Von den Lehrern sind etwa 6 Prozent kommunistisch. Es ist charakte-
ristisch, daft im allgemeinen die Dorfschullehrer einen grofteren Pro-
zentsatz der Partei liefern als die Stadtschullehrer. Auch wird den
Dorflehrern der Eintritt in die Partei sehr leicht gemacht. Von den
stadtischen Lehrern sind die meisten friiheren Mittelschullehrer kon-
servativ, die meisten Volks- und Burgerschullehrer sowjetfreundlich.
Von den Hochschullehrern sind verhaltnismafiig wenige mit der neuen
Ordnung der Dinge einverstanden. Die meisten bleiben auf dem neu-
tralen Gebiet der Wissenschaft, schweigen griindlich iiber Politik und
664 DAS JOURNALISTISCHE WERK
geniefien eine gewisse Achtung als Verwalter des wissenschaftlichen
Kulturgutes, das es zu erben gilt. Man bewahrt die Professoren unge-
fahr so wie museale Werte, auch wenn sie eine deutliche und sogar
tendenziose, wenn auch passive Reminiszenz an die alten Zeiten dar-
stellen. Das gehort zu den stillschweigenden Waffenstillstandsbedin-
gungen, die sich im Laufe der Jahre konstituiert haben und im allge-
meinen eingehalten werden. Ubrigens gibt es auch kommunistische
Universitatsprofessoren und mehrere (aufrichtig oder diplomatisch)
»sympathisierende«, wie man hierzulande die Bewahrer einer wohl-
wollenden Neutralitat nennt.
Es ist die schlimmste Eigenschaft der russischen Statistiken, dafi sie
sogenannte »nackte Tatsachen« verhiillten Ergebnissen vorziehen.
Ein Zufall fiihrte mich in Leningrad zu einem Vortrag, zu einem Be-
richt iiber psychotechnische Priifungen an Hochschulkandidaten in
der Stadt Leningrad. Der Vortrag war nicht fur mich bestimmt, son-
dern nur fur Arzte und Padagogen. Die Nachlassigkeit eines Tiirhu-
ters, der nicht nach Legitimationen fragte, verschaffte mir Kenntnis
von den uberraschenden Resultaten einer psychotechnischen Priifung,
die der Vortragende, ein ernster Wissenschaftler, ein Professor, der
ubrigens der Sowjetregierung ein Freund ist, vorgenommen hatte.
Der Professor erzahlte, dafi er Absolventen der Mittelschule (das heifit
in Rufiland: der hoheren Kurse der Einheitsschule), also die jungen
Leute, die Universitaten beziehen, einen einfachen Satz zu konstru-
ieren gebeten hatte, dessen wichtigste begriffliche Bestandteile gegeben
waren. Es gait also, aus den drei Begriffen, zum Beispiel: Papier, Blei-
stift, schreiben, einen Satz zu bilden. Und es geschah das Merkwiir-
dige, dafi achtzig von hundert Schulern vollkommen versagten; dafi
einige den Satz zwar bildeten, aber grammatikalisch falsch, zum Bei-
spiel: ich schreibe mit des Bleistifts auf das Papier- wobei zu beachten
ist, dafi im Russischen jeder Fall die Endung des flektierten Substantivs
verandert, so dafi grammatikalische Fehler leichter unterlaufen als im
Deutschen, wo der Artikel selbst schon starke Hemmungen hervor-
ruft. Nur einige wenige konnten einen einwandfreien Satz bilden.
Ebenfalls in Leningrad wurde die Feststellung gemacht, dafi die besten
Fortschritte die im Zentrum lebenden Schuler zu verzeichnen hatten,
die langsamsten die an der Peripherie wohnhaften. Das heifit: dafi die
bourgeoisen Schuler leichter lernen als die proletarischen. Die gehas-
1926 66$
sige Freude, mit der das russische Burgertum diese Nachricht und ahnli-
che aufnimmt, ist nicht nur unangebracht, sondern auch verfriiht. Denn
es ist selbstverstandlich, dafi der Abkommling einer alten Beamten- und
Gelehrtenfamilie eine leichtere Auffassungsgabe ins Leben mitbringt als
der Nachkomme von Bauern und Arbeitern. So was gibt sich mit der
Zeit. Aber man vergifit die Vorlaufigkeit dieser Ergebnisse, wenn man
an die offizielle und chronische Tendenz der Regierung und der Schul-
behorde denkt, den proletarischen Kindern das Studium zu erleichtern,
den burgerlichen zu erschweren; ferner an die programmatische Nei-
gung der Behorden, derlei Talente wie leichte Auffassungsfahigkeit,
flinke Intelligenz, Kombinationsgabe als spezifisch »burgerliche« Bega-
bungen geringer einzuschatzen als etwa den geraden, einfachen und
gewifi heroisch-edlen Gemeinschaftssinn der simpleren Individuality.
Dann kommt man zu der Einsicht, dafi auf die Dauer die Erziehung
zum »Kollektivismus« die Ausbildung zum wissenden, alsofreien Men-
schen behindert. Zu dieser Einsicht kommen allmahlich auch die russi-
schen Schulbehorden. Und je mehr Experimente mifilingen, desto sorg-
faltiger greift man hier auf alte Methoden und alte Bildungsprinzipien
zuriick. Deshalb kann em abschliefiendes Urteil nicht gegeben werden.
Alle Ergebnisse sind vorlaufige.
Vorlaufig sind gliicklicherweise auch die negativen Ergebnisse - also
zum Beispiel die oben erwahnen Resultate der psychotechnischen Prii-
fungen in Leningrad. Sie sehen iibrigens nur auf den ersten Blick so
verbliiffend aus. Sie beweisen namlich nicht etwa die rettungslose
Dummheit jener Hochschulkandidaten, sondern nur ihre Einseitig-
keit. Der junge Mann, der keinen einfachen Satz bilden konnte, kann
wahrscheinlich eine Versammlung leiten, einen Kassenbericht machen,
einen der heute iiblichen Zeitungsartikel hersagen oder auch schrei-
ben - denn alle Bestandteile eines Zeitungsartikels, einer Rede, eines
Berichtes liegen fix und fertig da, die Phrasen, die Weltanschauung, die
Argumente sind in Konservenbiichsen vorhanden, man braucht nichts
zu kochen, nichts vorzubereiten. Der junge Mann weifi gewifi, was ein
Ausbeuter und was ein Ausgebeuteter ist, eine Sozialisierung und eine
politische Reaktion, eine »burgerliche Ideologie« und der Bergarbei-
terstreik in England. Aber er kann eben keinen Satz bilden - denn er ist
nicht erzogen zum Kombinieren. Man hat ihm die natiirliche Veranla-
gung des menschlichen Geistes, Zusammengehoriges zu verbinden,
Fremdes zu eliminieren, griindlich abgewohnt. Man hat ihn mit festen,
666 DAS JOURNALISTISCHE WERK
fiir die Ewigkeit geschmiedeten Gedanken- und Wortkomplexen ge-
nahrt und ihm die fruchtbare Miihe der selbstandigen Synthese und
Analyse abgenommen. Man hat ihn ferner aus Angst vor der »Philolo-
gie«, die in Rufiland biirgerlich verdachtig ist, von der Sprache wegge-
fiihrt, vom Wort, von der Logik der Grammatik - zur simpleren Logik
der »Tat« und der Maschine, zu der robusteren Struktur des Mechanis-
mus und der menschlichen Gesellschaftsformen. Nicht die philologi-
sche Unkenntnis racht sich, sondern die kunstliche, wenn auch nicht
absichtlicbe Entfremdung von der Sprache, in deren Gesetzen die pri-
mare, griindliche, fundamentale Logik des menschlichen Geistes ein-
geschlossen ist. Man hat aus Angst vor dem »Humanismus« den Schii-
ler aller »Humanitat« im geistigen (nicht im ethischen) Sinn beraubt,
der natiirlichen humanitaren Talente. Man hat ihn zu einem »Mitglied
der Gemeinschaft« erzogen und zu einem »Fachmann«, zu einem glau-
bigen Optimisten und einem Fanatiker der »Realitat« und ihres Aus-
drucks: der Statistik. Es ist grotesk, wenn mir ein Universitatshorer
von einer »Kommunikation« spricht, innehalt, zweifelt, sich besinnt
und mich mit einem plotzlichen Entschlufi fragt: » Wis sen Sie, was das
ist: Komrnunikation?« - Er glaubt, der Arme, »Kommunika,tion« sei
eines der vielen neuen russischen Worte.
Ich mochte den Wert zufallig erlauschter Gestandnisse nicht iiber-
schatzen. Ich halte die Ergebnisse der Leningrader psychotechnischen
Priifungen nicht einmal fiir typisch. Sie erkldren nur den augenblickli-
chen Stand der Dinge. Sie erlautern nur die Tatsache, dafi vorldufig die
neuen Methoden in Sowjetrufiland die Hoffnungen nicht erfiillen. Der
Zustand ist kein chronischer, sondern ein akuter. Es ist theoretisch
moglich, dafi die Erziehungssysteme in Rufiland auch bessere Erfolge
zeitigen und eine vollkommenere Bildung vermitteln.
Der junge russische Mensch ist »Komsomol«, das heilk: Er muf$ nicht
etwa nur marschieren, trommeln, organisieren, leiten - er mufi sich mit
der »Ideologie« anfiillen, er mufi ein »Staatsbiirger« sein, er mufi in
»Kommissionen« beraten, was in der nachsten Woche zu unternehmen
sei, er mufi Versammlungen einberufen, in denen »Resolutionen abge-
fafit werden« - »gegen« oder »fiir« einen Lehrer, ein Buch, eine Thea-
terauffiihrung, er mufi einer Zeitung »berichten«, er mufi mit seiner
Klasse ein »Patronat« iibernehmen, fiir ein Dorf, fiir eine Fabrik, fiir
obdachlose Kinder. Man ahnt gar nicht, wie schwer es ist, ein Staats-
1926 667
burger zu sein. Man muft in Fabriken gehen, um dort »das Leben«
kennenzulernen - denn »Leben« ist natiirlich das »rollene Rad«, und
die Intensitat des Lebens ermifit man an der Zahl der »rauchenden
Schlote«.
Was die sogenannten »Schul«- und »Hausaufgaben« betrifft, so
schreibt man zum Beispiel nicht mehr die Inhaltsangabe eines kitschi-
gen Lesebuchstiickes, wie wir es taten, sondern die eines fiirchterlich
schlechten Feuilletons der »Iswestija« iiber Traktoren - wobei die
Nutzlichkeit der Traktoren-Kenntnis reichlich aufgehoben wird durch
die Schadlichkeit, die ein hohler, phrasenreicher, unselbstandiger Zei-
tungsartikel aus zehnter Hand verursacht. Man lernt nicht mehr die
Jahreszahlen der Konige und Kriege, sondern die statistischen Daten
der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie der europaischen und
amerikanischen Staaten, zeichnet lange, langere und kurze Saulen mit
griiner, blauer und roter Tusche - in jede Saule mit schwarzer Tinte
eine Zahl - und weifi dann, wieviel die Ernteertragnisse in Deutsch-
land, England, Frankreich sind. Aber die richtigen historischen Jahres-
zahlen, die wir gelernt haben, waren nicht mehr totes Material als die
nur relativ richtigen statistischen Zahlen, die man in Rutland auch so
tot sein lafk wie unsere Konige. Toter als jedes verschimmelte Lese-
buch ist eine schlechte Zeitung, und die »Aktualitat« hangt nicht vom
Jahrhundert ab, in dem sie sich ereignet, sondern von der Bedeutung
eines Ereignisses fur heute. Es ist unbedingt falsch und toricht, etwa
die Kreuzziige als die Folge der Expansionsbestrebungen der mittelal-
terlichen italienischen Kaufmannschaft, als der »Bourgeoisie« jener
Zeit, zu erklaren und dadurch im Schiiler die Vorstellung hervorzuru-
fen, die Kreuzritter waren so etwas wie die modernen Heeresleitungen
gewesen und hatten fur die »Eroffnung neuer Absatzmarkte« ihr Blut
vergossen. Die Pharaonen waren eben keine »Arbeitgeber« und die
unterdriickten Kinder Israels kein »ausgebeutetes Proletariat«. Es geht
nicht mit der Zwangseinquartierung der willkurlich konstruierten
»Parallelitat« in die Geschichte. Es geht nicht mit der Einimpfung
eines banalen Optimismus, der nur proletarisch gefarbt, aber im We-
sen derselbe ist, wie er in Amerika grassiert und die evangelischen Pa-
storenphilosophie vom »Unfug des Sterbens« erzeugt. Es ist biirger-
lich - und nicht revolutionary Gefuhlswerte zu unterschatzen, wie es
burgerlich ist, sie zu iiberschatzen. Die Angst vor der »Sentimentali-
tat« ist ebenso reaktionar wie die Sentimentalitat. Man erzieht durch
668 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Arbeit und Wissen zur Freiheit, nicht durch die Ubersetzung der Boy-
Scout-Idee in die rote Pionier-Idee und auf keinen Fall durch das
ewige Einexerzieren der toten ideologischen Formeln und der Ver-
sammlungsliturgien. Es handelt sich auch nicht nur darum, glaubige
Staatsbiirger zu erziehen, tiichtige Spezialisten und gesunde Normal-
proletarier, sondern Menschen mit gleichmafiig ausgebildeten Orga-
nen und Fahigkeiten. Die russische Schule, so, wie sie heute ist, erzieht
zur einseitigen - und was noch schlimmer ist-, zur halben Bildung.
Vor kurzer Zeit noch konnte jeder, der drei Jahre lang eine Arbeiter-
Fakultat besucht hatte, in die Universitat gelangen. Jetzt macht man
Priifungen. Vor kurzer Zeit noch bekamen Arbeiter eine »Komandi-
rowka« in die Universitat - sie wurden zur Hochschulbildung kom-
mandiert. Jetzt, da die Priifungen eingefuhrt sind, iiberzeugt man sich
sehr schnell, da£ ganz andere Voraussetzungen fiir das Studium notig
sind als zum Beispiel eine gute Gesinnung und ein gewisser Grad von
Intelligenz. Sehr viele Kandidaten fallen durch. Die Hochschulen fiil-
len sich langsam wieder mit den Sohnen der Bourgeoisie, der grofien,
der kleinen, der alten, der neuen. In der Statistik figurieren sie freilich
als Sonne der »Angestellten« (»slushastschie«), der »Dienenden«. Aber
man muE schon in Rufiland sein, um zu sehen, dafi 80 Prozent dieser
»Angestellten« vor der Revolution Kaufleute, Gutsbesitzer, Beamte,
Offiziere, Bankiers, Direktoren grofier Unternehmungen und freie Be-
rufe waren.
Vor noch nicht langer Zeit mufite ein ausgesprochen bourgeoiser jun-
ger Mann, also einer, der kein Komsomolbillett hatte, noch schnell zu
einem Schmied oder einem Schneider in die Lehre gehen, um auf dem
Umwege iiber den »Gehilfen« oder den » Arbeiter « die Hochschule
beziehen zu konnen. Was war die Folge? Die doppelte Uberlegenheit
des begabten Bourgeois, der auch noch arbeiten gelernt hatte. Eine
»Arbeiter-Psychologie« hat so ein Kaufmanns- oder Professorensohn
nicht bekommen. Noch weniger »Arbeiter-Psychologie« bekommen
die Burgersohne in den Pionier- und Komsomol-Organisationen. Sie
wissen, was es bedeutet, Komsomol zu sein, und daft es die Karriere in
Rufiland sehr erleichtert, wenn man brav am Sonntag marschiert, Ma-
nifeste lernt, Zeitungsartikel memoriert und schlieftlich einmal durch
die enge Pforte der Partei schliipft. Sie marschieren also, stellen sich
vor der Pforte an, warten geduldig - und man mufke ein aufterge-
wohnlich begabter Prophet sein, um zu erkennen, wer aus egozentri-
1926 66$
schem Drang zur Wirkung und wer aus Idealismus am Sonntag mar-
schiert. In unsern Schulen waren die Idealisten sehr schnell von den
Duckmausern zu unterscheiden. Jene waren revolutionar, obwohl ih-
nen Gefahr drohte. Diese waren kleine Tartiiffes und hatten ein ausge-
zeichnetes »sittliches Betragen«. Da aber in Rufiland die revolutionare
Gesinnung keine Gefahren mehr birgt, sondern nur Auszeichnungen
verspricht und der Zutritt zur Partei vom »sittlichen Betragen«, ver-
mehrt durch Marsch- und Versammlungsubungen, abhangig ist -
woran sollte man den Revolutionar erkennen? Er sieht dem Tartiiffe
verdachtig ahnlich, aber er halt kein Gebetbuch und keinen Rosen-
kranz in der Hand, sondern einen Stern und eine Fahne.
Was ist denn an unserem Lesebuch, unserer Schule, unserer Erziehung
kleinbiirgerlich? Die Enge des Gesichtsfeldes und weniger, was in die-
sem Gesichtsfeld gelegen ist; die Monotonie der Lehre und weniger ihr
Inhalt; die Form des Ideals und nicht sein Gehalt. Und selbst wenn es
der Inhalt des Gesichtsfeldes, der Lehre, des Ideals gewesen ware - um
wieviel dringender bediirfen neue Ziele neuer Wege? Aber die unge-
rechte, kurzsichtige, im Grunde reaktionare Verachtung des offiziellen
Kommunismus fur die Form, das Gewand, den Weg erzeugt den
Glauben, dafi man ungestraft neuen Wein in alte Schlauche giefien
konnte. Der offizielle Kommunismus leugnet die natiirliche Einheit
von Korper und Haut, Stoff und Kleid, er nennt den Glauben an diese
Einheit »burgerlich«, er halt es fur revolutionar, die Form geringzu-
schatzen, ja, er hat keinen Sinn fur sie. Die Folge davon ist, dafJ er in
die Sprache der burgerlich-mittelmafiigen Welt, die er selbst zertrum-
mern wollte und die er mehr beerbt als zerschlagen hat, die neuen
Ideen packt. Er hat, unendlich primitiv, die uralte Phrase, abgewetzt,
durchsichtig, billig, fur seine neuen Zwecke gut zu verwenden ge-
glaubt. Er hat ja kein Ohr fur den schabigen Klang einer »Aufierlich-
keit«, und wenn es ihm gegeben ist, verstopft er es. Zu den Marschen,
die uns zum letzten Gang fiir Kaiser und Reich begieiteten, kann man
nicht in die Weltrevolution ziehn. Man kann nicht Pioniere der Revo-
lution mit denselben Mitteln erziehen wie patriotische Jugendbiinde,
man kann ihnen nicht schlechte Gedichte zu lernen aufgeben, die statt
einer konigstreuen Tendenz eine revolutionare haben, man kann nicht
vom Proletariat in demselben Ton sprechen, in dem man etwa vom
alten »Vaterland« oder von den »heiligen Giitern der Nation« gespro-
chen hat, ein »frommer Spruch« bleibt immer verlogen, ob er uns nun
67O DAS JOURNALISTISCHE WERK
erzahlt, dafi Morgenstunde Gold im Munde hat oder dafi der Kapita-
lismus des Westens in Agonie darniederliegt. Es ist toricht und selbst-
morderisch, jeden Tag die Grammophonplatte vor den Schiilern rotie-
ren zu lassen, die das Lied vom nahen Sieg der Weltrevolution, von
Rufiland als dem Land der Zukunft, von der iiberwaltigenden Ab-
nahme des Analphabetismus enthalt, und dariiber die Stimme des Le-
bens zu iiberhoren. Man gibt den russischen Kindern und jungen Men-
schen eine festgefiigte Anschauung von den Dingen ihres Landes, ihrer
Klasse, ihrer Zeit, wahrend gerade diese Dinge sich mit einer unglaub-
lichen Schnelligkeit verandern. Man falscht ihnen das augenscheinlich
Relative in Absolutes um. Man zeigt ihnen als Ergebnis, was gerade
jetzt ein Experiment ist. Was Rutland erst ausprobiert, serviert man
der jungen Generation als gelungen. Der russische Schiiler tritt ge-
nauso unvorbereitet ins Leben wie wir. Das russische Leben ist von
der russischen Schule genauso weit entfernt, wie zu unserer Zeit die
Wahrheit von der Sentimentalitat entfernt war, mit der wir gefuttert
wurden. Eine kitschige Buste von Lenin im Klassenzimmer ist genauso
schadlich wie ein kitschiger Oldruck vom Kaiser. Es ist die Draperie
und nicht die Farbe, welche die Wirkung der Fahne auslost, und auf
den Farbenunterschied allein darf man sich nicht verlassen. Was
machte denn unsere Kadettenschulen so lacherlich? - Der Korpsgeist
in einer banalen Darstellung. In Rutland sind die meisten Schulen Ka-
dettenschulen. Statt der Erziehung zum Korpsgeist eine Erziehung
zum Klassengeist - wie gut ware das noch! Aber die Darstellung ist
von der Kadettenschule iibernommen. Man verwechselt Kollektivis-
mus mit Uniformitat; man erzieht zwar zu einem Idealismus, aber zu
einem, der wenig kostet und manches einbringen kann; zu einer Hin-
gabe an die Sache, die aller Voraussicht nach belohnt wird. Man erzieht
zu der Hingabe an ein »Ideal«, das in einem braven burgerlichen Rah-
men an der Wand hangt, iiber der Schultafel, und darunter steht nicht
mehr: »Mit Gott fur Konig und VaterlandU, sondern justament:
»Ohne Gott fur die >Ideologie<. Fur das Proletariat, fur die Industriali-
sierung, gegen die Philologie und gegen die >Romantik<.« Um den
Schiiler vollkommen mit der »Realitat des Tages« vertraut zu machen,
lafit man ihn Zeitungsartikel lesen, deren orthodoxe Umfalschung der
Tatsachen einen jungen Menschen gewifi tausendmal mehr der Realitat
entfremdet als etwa eine Fleiftlektiire der Aschylus-Dramen. Man
fiirchtet den kritischen Individualismus wie eine ansteckende Krank-
1926 671
heit, deshalb steckt man den jungen Menschen mitten in eine fiktive
Gemeinschaft, lafit ihn Wurzel schlagen in einem sozialen Phantasiege-
bilde, erweckt in ihm den Glauben an nichtexistente Gewalten, an
Siege, die nicht errungen, an Niederlagen, die nicht erlitten wurden.
Man lehrt ihn, eine Maschine zusammensetzen, mit der Hand arbeiten,
und glaubt: er ware dadurch »praktisch« geworden. Aber ein Mensch,
der nie in seinem Leben eine Fabrik gesehen hat und Plato studiert,
kann - er mufi freilich nicht - tausendmal praktischer das Leben an-
greifen und es betrachten als ein Student, der sich die »schwielige
Faust« erstudiert hat, weil man praktisch ist, wenn man gelernt hat,
kritisch zu sein, und hochst unpraktisch, wenn man dress iert wurde,
mit einem ahnungslosen, banalen amerikanischen Optimismus zu
glauben. Das ist das »Coue-System« auf Politik und Erziehung ange-
wandt. In ganz Rufiland sagt man sich jeden Morgen: »Es geht mir mit
jedem Tag besser und besser.«
Dennoch ware es falsch und ungerecht, die positiven Wirkungen zu
verschweigen, die in Rufiland die Durchbrechung des Anciennitats-
prinzips gebracht hat. Dafi das Rekrutenerziehungssystem abgeschafft
ist, der Schiller iiber den Lehrer urteilen darf und iiber das Gelernte;
dafi der junge Mensch aufhort, nur deshalb weniger Mensch zu sein,
weil er weniger Jahre zahlt; dafi weifihaarige Dummkopfe auch von
Bartlosen Dummkopfe genannt werden diirfen - das fuhrt zu Aus-
schreitungen freilich, zu unbegriindeten Frechheiten, zur arroganten
Majestas des Griinschnabels - aber es bedeutet auch die Eroffnung
neuer Moglichkeiten, die Befreiung bisher unterdriickter kritischer
Krafte und Instinkte. Es bedeutet auch, dafi die Kritik der Jugend nach
einigen Jahren gerade jene Gottheiten angreifen wird, zu denen sie
heute taglich beten mufi. Ja, diese Kritik beginnt heute schon. Einzelne
Schiiler emporen sich heute schon gegen ewig wiederholte Banalitaten,
gegen offizielle Schulfeierreden, gegen den Kitsch der pathetischen Le-
sebuchverherrlichungen, gegen die Einseitigkeit der angeordneten
Weltbetrachtung. Sie beniitzen ausdnicklich das Recht der freien Mei-
nungsaufierung. Es gibt wieder Rebellion gegen die neue Mittelmafiig-
keit, nachdem es wieder Vorzugsschiiler der kommunistischen Ideolo-
gic gibt. Es ist das Verdienst der Revolution, dafi diese Rebellen gegen
die heutigen Sachwalter der Revolution rebellieren diirfen, freier, als
wir es in unseren Schulen konnten. Und diese befreite Kritik ist die
672 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Zukunft Rufilands und der Revolution - nicht die Millionen der bra-
ven, gehorsamen, glaubigen Komsomols.
Frankfurter Zeitung, 18./19. 1. 1927
RUSSISCHES THEATER: IM PARKETT
Das Publikum in den Theatern Moskaus ist anders als das Publikum in
den Theatern der russischen Provinz. In Moskau bekommen viele
Menschen Freikarten, in der Provinz sind viele Leute abonniert.
In alien Stadten arbeiten fast alle Theater mit Unterbilanz. Neunzig
Prozent aller russischen Theater werden vom Staat subventioniert. Die
Preise sind verschieden. Es gibt teure und billige Platze. Es gibt Logen
und Stehparterre. Aber in der Provinz gleicht das Publikum in den
Logen dem Publikum in den letzten Rangen. Dieses Publikum erweist
und bestatigt die antibolschewistische Forderung nach den »circenses«.
Das Theater hat die »Weihe« abgelegt. Der Arbeiter tragt eine Bluse,
der NEP-Mann tragt sie auch. Die Bauerin sitzt in der Joppe, mit dem
Kopftuch, in der Loge. Man hort ein sanftes Knistern: Von den Kie-
fern kommt es, die Sonnenblumenkerne mahlen. Man raucht in den
Gangen, in denen das Rauchen verboten ist. In den Ecken stehen lange
Trichter aus Blech, wenn man will, wirft man Zigarettenstummel hin-
ein, es sieht aus wie eine milde Gabe. Es gibt noch Lehnstuhle mit
gebleichtem und abspringendem Goldlack. Es gibt noch eine Samtbrii-
stung auf dem Balkon, sie wird raudig wie ein Tier. Es gibt noch ein
paar Photos alter Theatermanner in hellblonden Rahmen an der Wand.
Nicht wie Reminiszenzen sehen sie aus, sondern wie Irrtiimer. Es gibt
noch alte vergessene Theaterdiener wie zusammengerollte Fahnen auf
dem Dachboden. Es gibt noch Sale zum Lustwandeln in der Pause, mit
guten Parketts. Aber das Theater ist unfeierlich, es braucht keine
Lehnstuhle, keine Photos, keine alten Diener, keinen Samt. Wozu
noch die Pausen? Um Tee am Bufett zu trinken. Das Publikum hat den
Geruch der Masse. Daft man ins Theater kam, ist ein Zufall. Man hatte
ebensogut zu einer Volksversammlung gehen konrien. Es gibt kein ge-
sellschaftliches Ereignis. Der Vorhang ist iiberflussig. Geht ein Vor-
hang vor Rednerpulten auf? Zieht man Vorhange von Bildern im Mu-
1926 6j}
seum weg? Das Publikum - ob es bezahlt oder nicht, ob es in der Loge
sitzt oder in den letzten Reihen -, es sieht immer aus wie auf Staatsko-
sten hierhergeschickt - von der Zentralstelle fur Kulturpropaganda. Es
ist eine didaktische Nuchternheit iiber dem Parkett wie etwa in Thea-
tervorstellungen an Nachmittagen fur die Schule. Theaterbesuch ist
eine Fleifiaufgabe, eine soziale Pflicht, vielleicht ein Zehntel Unterhal-
tung. Kritik ist noch nicht erwacht, Beifall kommt regelmafiig nach
jedem Schlufiwort.
In Moskau ist es anders. Das Publikum der Stanislawski-Biihnen zum
Beispiel besteht nicht aus Biirgern und Intellektuellen. Die Frauen Zie-
hen sich furs Theater an. In den ersten, sehr teuren Reihen und in den
Logen (ein Platz durchschnittlich 6 Rubel) sitzen Auslander und Frei-
kartenbesitzer. Man raucht nur in den Rauchsalen. Die Pausen haben
einen Sinn, und die alten Photos sind Reminiszenzen. Der Faden der
Tradition ist nicht abgerissen, der Samt ist erneuert. Die alten Diener
haben eine wehmiitige Wlirde. Hinten, in den billigsten Reihen, sitzen
die Damen und Herren der Vergangenheit, unter dem Schatten des
Balkons, mit der alten aufgebiigelten Feierlichkeit, wenn auch in
schlechten Kleidern. Knisterten dort schon die Sonnenblumen - hier
klopfen noch die Herzen. Der wohlbewahrte, alte, kultivierte kritische
Sinn reguliert die Begeisterung und den Apparat der beifallsfreudigen
Hande. Der Schauspieler ist noch eine Individualitat und kann
menschliches Interesse in Anspruch nehmen. Man trifft sich in den
Pausen. Einer ist immer wieder erstaunt, dafi der andere die Revolu-
tion iiberlebt hat. Auch Backfische kommen noch vereinzelt vor, die
fiir Kunst begeistert sind, innige Wesen, aber etwas unwirklich - es ist,
als lebten sie nur mit provisorischer Erlaubnis der Regierung. Fafke
man sie am Zopf, sie konnten vielleicht zerrinnen. Wiirdige Herren
mit Barten zaristischer Abkunft sitzen verbindlich und fern wie hinter
Fenstern, man wiirde auf kuhles Glas stolen, wollte man sie benihren.
Ihre Frauen haben hundertmal modernisierte Kleider, Motten- und
Kugellocher sind gestopft. Die neuen Burger, die Schieber, die NEP-
Leute, die nur deshalb leben, weil der Marxismus ein Auge offiziell
zugedriickt hat, sind eben daran zu erkennen. Sie sitzen nicht gern in
den ersten Reihen, um Polizei und Steueramt vor einem Einschreiten
zu bewahren. Die Kleider ihrer Frauen, Lippenstifte, Schminke und
Puder, aus Paris geschickt und teuer verzollt, bediirfen der guten
Platze nicht, um aufzufallen. Hier und dort ist ein eleganter Rotarmist
674 DAS JOURNALISTISCHE WERK
zu erblicken. Abteilung Flieger oder polkische Militarpolizei, die Elite
der Armee; Eleganz ist beim Militar das Kennzeichen der Intelligenz.
In der grofien Moskauer Oper (»balschoj teatr«) sitzen die Vorzugs-
freikarten in den Logen. Es sind Angehorige der Kommunistischen
Partei, Mitglieder des Zentralkomitees, Rader und Radchen des Staats-
apparats, offiziell, demonstrativ, tendenzios gewohnlich angezogen,
Zeitungen in iiberlasteten Rocktaschen. Die anderen Freikarten sind
im Hause verstreut. Der Rest sind ermafiigte Karten. Das Publikum ist
gleichgiiltig. Die Prima-Ballerinen sind alt, sie tanzten schon, als das
zaristische Rufiland noch ein metaphorischer Vulkan war. Opernglaser
wiirden ruhig bleiben, selbst wenn man sie besafie. Die Opern und
Ballette sind beinahe ebenso alt wie die beliebten Damen im Reigen.
Auch dieses Publikum liebt das stumme Ballett, die farbenprachtige
Pantomime, einstmals die Erquickung der Zaren und der alten Gesell-
schaft, jetzt sozialisierter Kaviar furs Volk.
Mit ehrlichem Entsetzen denke ich an des beruhmten Meyerholds
Theater - ich meine den Zuschauerraum. Meyerholds politischer und
kunstlerischer Charakter kommt in der Inszenierung des Zuschauer-
raumes starker zum Ausdruck als in der revolutionaren Regiemethode,
mit der der Dramatiker meyerholdisiert. Dieser Meyerhold, Lokomo-
tivfiihrer auf dem Zug der Zeit, ist mit Erfolg auf die Unbequemlich-
keit des Zuschauers bedacht. Das Theater - so sagte er sich - ist nicht
mehr Weihestatte tagesferner Kunst oder Vergnugungsort nachtlicher
Zerstreuung: Es ist Propagandastatte politischer Wirkung, es ist ein
Raum furs Volk. Absichtlich drangt er deshalb schmale Stiihle zusam-
men und begab sich so in einen strikten Gegensatz zu mir, der ich zum
Beispiel wunschte, alle Teilnehmer einer Volksversammlung konnten
in bequemer Klubfauteuils sitzen. Meyerhold pfeift auf Logen, und
sein Abscheu vor einem biirgerlich traditionellen »Genufi« der Kunst
ist so grofi, dafi in seinem Theater die Teilnahme am gespielten Stuck
zur Qual werden kann. Der Zuschauerraum ist haftlich, kahl und kalt
(wahrend es im Vestibul warm ist), um seine vollkommene Identitat
mit einem Sportpalast zu beweisen. Es liegt nicht an der Heizung, son-
dern am Prinzip.
Meyerholds Theater lebt vom Staat, von Freikarten und von bezahlten
Platzen. Jeder Fremde, der nach Moskau kommt, besucht Meyerhold.
Er reprasentiert die revolutionare Dramaturgic - sagt man. Das Prole-
tariat hat Freikarten, die Fremden zahlen, die Burger auch. An Premie-
1926 675
renabenden kann man es nicht verhindern, dafi ein sogenanntes »ge-
sellschaftliches Ereignis« zustande kommt. Die Snobs - es gibt schon
einen neuen Snobismus-, die Kritiker und die reichen Burger gehen zu
der Premiere, auch die staatlichen Reprasentanten der Volksbildung.
Man sieht also die Anfange einer Art neuer »Gesellschaft«. »Premie-
renstimmung« gibt es nur bei Meyerhold, mit alien Begleiterscheinun-
gen, mit dem verbindlichen, falschen Lacheln guter Bekannter, mit
Handedriicken, Meinungsaustausch, sogar mit einem gewissen Kulis-
senklatsch ohne Kulissen - denn diese sind abgeschafft oder sehr redu-
ziert. Man spricht von den Kleidern der Frau Meyerhold (die Schau-
spielerin ist), von den Kosten der Auffuhrung, es entstehen sogar hef-
tige Differenzen - wie bei der letzten grofien Auffuhrung des »Revi-
sor«, von der ich noch erzahlen werde. Meyerhold ist, was Reinhardt
einmal in Berlin war. Wer der Meinung ist, man halte etwas auf ihn,
der geht zur Premiere bei Meyerhold. Man ertragt die Stiihle, nimmt
die Kalte in Kauf, lustwandelt im Vestibiil, obwohl es sehr eng ist. Am
Schlufi kommt Meyerhold, um sich zu verneigen, demonstrativ im gel-
ben Sportanzug, eine Art Gesinnungskostiim.
Die sich fur Meyerhold interessieren - o bittere Wahrheit!-, sind die
Intellektuellen, Lunatscharski inbegriffen. Dem Proletariat mufi man
schon Freibillette geben. Experimente interessieren es wenig. Im
Grunde hat es einen zu gesunden revolutionaren Instinkt.
Was aber gibt das intellektuell-revolutionare Theater? - Hochstens
einen oppositionellen Impuls.
Frankfurter Zeitung, 5.2. 1927
DAS MOSKAUER JUDISCHE THEATER
Es werden funfzehn Jahre her sein, seitdem ich zum ersten Male ein
jiddisches Theater gesehen habe. Es kam aus Wilna in die Leopold-
stadt. Ich erinnere mich noch deutlich an die Plakate. Sie unterschieden
sich von den Ankiindigungen der anderen Theater durch eine ganz
bestimmte Einfachheit, eine gleichsam provisorische Roheit, eine pri-
mitive Grobheit, es waren Theaterzettel ohne Routine, wahrscheinlich
mit einer Handpresse hergestellt. Von einem billigen und taktlosen
6j6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Gelb, ohne Rander, wahllos an Mauern geklebt und nicht an die offi-
ziellen Plakatwande, in Winkeln angebracht, die iibel rochen, fielen sie
auf und wirkten starker als raffinierte Affichen. Sie waren in einer
Sprache abgefafit, die man in den kleinen Kaffeehausern des Bezirks
von Juden oft sprechen horen konnte, die aber nur als Klang zu beste-
hen schien, niemals als schriftliches Bild. Auf diesen Plakaten war das
Jiddisch mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Es war wie ein gro-
teskes Deutsch. Es war grob und zartlich zugleich. Viele Worte waren
deutsch und hatten slawische Diminutiv-Endungen. Buchstabierte
man sie langsam, so klangen sie lacherlich. Sprach man sie schnell, so
klangen sie zartlich.
Am Abend, auf der Biihne, sprach man sie schnell. Man spielte eine
Operette. Eine jener Operetten aus der Kinderzeit des jiddischen
Theaters, die man »Trauerspiele mit Gesang und Tanz« zu nennen
pflegte. Ich habe dieses Wort niemals lacherlich gefunden. Mir schien
es nie einen Widerspruch zu enthalten, ohne dafi ich etwa an die antike
Tragodie gedacht hatte. Es geniigte, an den judischen Alltag zu den-
ken, der eine Art Tragodie mit Gesang und Tanz ist. Diese Operetten,
derer ich mehrere sah, waren kitschig, weinerlich und dennoch wahr.
Ihre Problematik - denn diese Operetten enthielten Probleme - war
plump, ihre Handlung zufallig, ihre Personen waren aufierlich typisch,
ihre Situationen schienen nur der Lieder wegen dazusein, die sie cha-
rakterisierten. Aber diese Lieder machten eigentlich die kiinstlerische
Bedeutung des jiddischen Theaters. Dieser Lieder wegen (Volkslieder
zumeist, orientalische und slawische Melodien, von ungeschulten
Stimmen vorgetragen, aber eher mit den Herzen als mit den Kehlen
gesungen, am Schlufi von alien wiederholt), dieser Lieder wegen war
das jiddische Theater gerechtfertigt. Ihr balladesker Text raffte drama-
tisch die Vorgange zusammen, die sich unbeholfen dilettantisch soeben
abgespielt hatten. Hinter dem Inhalt, nicht neben ihm, klang die Melo-
dic Die Worte und die Begebenheiten lagen in ihr. Deshalb ahnte man
tief hinter ihnen das grofie Schicksal, dessen kleiner Teil sie waren.
Deshalb erstreckte sich hinter ihnen, weit, dicht und nebelhaft, eine
Welt, von der man wuftte, sie ware das Trauerspiel, das den Gesang
und den Tanz nur vor die Kulissen geschickt und sich selbst noch nicht
verraten hatte. Was hinter der primitiven jiddischen Biihne stand, war
hohe, tragische Kunst und Rechtfertigung der Biihne.
Spater, im Lauf der Jahre, habe ich noch drei oder vier jiddische Gast-
1926 677
spieltruppen in verschiedenen Stadten des Westens gesehen. Ich be-
dauerte die europaische Entwicklung, die das jiddische Theater zu
nehmen drohte. Ich bedauerte, dafi es der europaischen strengen Schei-
dung der sogenannten dramatischen Gattungen anheimfiel. Dafi es den
Ehrgeiz hatte, »reine Tragodien« hervorzubringen, und dafi es das
westliche Theater mitzumachen entschlossen war - ohne westliche
Traditionen. Dafi man Schalom Asch auf deutschen Biihnen fast ohne
Anderung und ohne Konzession spielen konnte, schien mir ein Beweis
fur den Niedergang des jiddischen Theaters, nicht fiir seinen Aufstieg,
wie man verkiindete. Ich habe nie aufgehort, Schalom Asch fiir einen
jiddischen Bruder Sudermanns zu halten. Dafi eine westlich zivili-
sierte, verflachte, verwasserte Schicht einer ausgewanderten Juden-
schaft ihre europaischen Ambitionen befriedigt sah im Anblick eines
»modernen« jiidischen, nach westlichen dramaturgischen Regeln ge-
bauten Theaterstucks, schien mir ebenso toricht wie die kindische
Freude naiver Zionisten uber die guten Treffer palastinensischer
Schiitzen und all den wehrhaften Unfug, den man die »Wiedergeburt
der jiidischen Nation« nennt.
Ich verstand diesen Ehrgeiz nicht, der sich national nannte, aber nur
ein Zivilisationsehrgeiz war. Weshalb nicht »Trauerspiel mit Gesang
und Tanz«? Weshalb nicht rohe, gelbe, mit der Handpresse herge-
stellte, arme, aber auffallige Theaterzettel? Weshalb nicht ein unpiinkt-
licher Anfang, warum nicht Garderobe und Sauglinge im Saal, warum
nicht eine unendlich lange Pause? Warum auf einmal diese solide euro-
paische Zuverlassigkeit, diese Polizeistunde, dieses Verbot, im Saal den
Hut zu tragen, zu rauchen und Orangen zu essen?
Ich habe nur noch einmal - in Paris - ein so ostlich ungeregeltes Thea-
ter gesehen, im jiidischen Viertel. Es gab nur einige Vorstellungen. Es
war ein armes Wandertheater. Man sang doit die Lieder, die ich vor
fiinfzehn Jahren in der Leopoldstadt gehort hatte. Man gab Trauer-
spiele mit Gesang und Tanz, das Publikum unterbrach die Schauspieler
mitten im Text, ein Schauspieler trat auf, schob die Agierenden beiseite
und hielt eine kleine Ansprache, dann ging das Stuck weiter, die Platze
waren nicht numeriert, Kinderwagen standen in der Garderobe, Saug-
linge weinten im Zuschauerraum.
Einige Wochen spater kam die »Habima« nach Paris. Ich habe dieses
hebraische Theater nie gesehen. Wenn von vierzehn Millionen Juden
kaum drei Millionen Hebraisch verstehen und diese drei unter den
678 DAS JOURNALISTISCHE WERK
vierzehn iiber die ganze Welt verstreuten Millionen ebenfalls verstreut
sind, so kann ich die Existenz eines hebraischen Theaters nicht verste-
hen. Von der »Habima« waren viele Sachverstandige entziickt. Ich ver-
stehe, dafi man von einem Luxusgegenstand entziickt ist. Er kann arti-
stische Werte haben. Kiinstlerisch aber ist nur das Notwendige.
Im Winter 1926 besuchte ich das jiddiscbe Theater in Moskau. Nach
dem ersten Akt bat mich Herr Granowsky zu einem Tee. (Die Pausen
sind in den russischen Theatern gliicklicherweise so lang, dafi man
einen Tee trinken kann.) Ich war damals unfahig, einen Eindruck zu
formulieren. Hatte mir die Sitte gestattet, aufrichtig zu sein, und nicht
befohlen, Artigkeiten hervorzubringen, so hatte ich folgendermafien
gesprochen:
Ich bin erschuttert und erschrocken, Der grelle Glanz der Farben hat
mich geblendet. Der Larm betaubt, die Lebhaftigkeit der Bewegung
verwirrt. Dieses Theater ist nicht mehr gesteigerte Welt, es ist eine
andere Welt. Diese Schauspieler sind nicht mehr Trager von Rollen,
sondern verwunschene Trager eines Fluches. Sie sprechen mit Stim-
men, wie ich sie noch in keinem Theater der Welt gehort habe, sie
singen mit der Inbrunst der Verzweiflung, wenn sie tanzen, erinnern
sie mich an Bacchanten ebenso wie an Chassidim, ihre Gesprache sind
wie die Gebete der Juden im Talles am Jom Kippur und wie die lauten
Lasterungen der Rotte Korah, ihre Bewegungen sind wie ein Ritual
und wie ein Wahnsinn, die Szenen sind nicht gestellt und nicht gemalt,
sondern getraumt. Ich brauche einen ganzen Abend, um meine Ohren
an diese Lautheit zu gewohnen, meine Augen in dieser Grelle heimisch
werden zu las sen: Ich unterscheide noch nicht zwischen gewollter
Ubertreibung und natiirlicher (oder ubernaturlicher) Ekstase. Alle
Mafistabe, die ich aus dem Westen mitbringe, versagen in diesem Thea-
ter. Das freut mich, aber es hilft mir nichts.
Ich brauchte Zeit, um mich an das jiddische Theater zu gewohnen,
seine Spannung, die keine Steigerung mehr vertrug, die sofort vom
ersten Wort des ersten Auftritts an da war bis /um letzten Wort des
Stiickes, ja, die schon im Vorraum da war, in semen Bildern, auf der
Stiege und an den Wanden. Es schien mir, als ware dieses Judentum,
das hier dargestellt wurde, ein orientalischeres als jenes, dem man sonst
begegnete, ein heifteres, alteres, aus anderen Zonen. Jede Vorstellung,
die man etwa von der sprichwortlichen Lebhaftigkeit jiidischer Men-
i$z6 6j<)
schen in dieses Theater mitbringen mochte, wurde von der hitzigen
Gestikulation der Schauspieler iibertroffen. Es waren Juden von hohe-
rer Temperatur, jiidischere Juden. Ihre Leidenschaft war um einige
Grade leidenschaftlicher, ihre Schwermut selbst bekam das Gesicht der
Wildheit, ihre Traurigkeit war fanatisch, ihre Freude ein Taumel. Es
war eine Art dionysischer Juden.
Erst von dem Augenblick an, in dem ich dieses festgestellt und ver-
sucht hatte, mich in das hohere Klima des Theaters zu versetzen,
konnte ich anfangen, die Vorstellungen mit Kritik zu geniefien.
Es schien mir, dafi im Moskauer jiddischen Theater jene Welt zum
Vorschein kam, die ich hinter der Buhne geahnt hatte, funfzehn Jahre
friiher, in der Leopoldstadt, im Anblick eines Trauerspiels mit Gesang
und Tanz. Es schien mir, dafi die alten Operetten ihren Sinn endlich
bekommen hatten und die Rechtfertigung ihrer Existenz nicht aus den
Liedern mehr herleiten mufiten. Sie waren »neu bearbeitet« worden,
die alten Lieder hatten neue Texte bekommen (nicht alle neuen Texte
sind iibrigens besser als die alten), die Trauerspiele und die Lustspiele
wurden aktualisiert - und es war vielleicht gar nicht in der Absicht der
Neuerer und Anderer gelegen, die jiddischen Buhnenstiicke »echter«
und sie aus Vorwanden fur ein Theaterspielen, die sie gewesen waren,
zu Zwecken des Theaterspielens zu machen. Nein, ich habe den Ein-
druck, dafi die Verwandlung der Zufalligkeiten in das Schicksalmafiige
unbewufit geschehen ist und dafi es die Tat einer neuen jiidischen Ge-
neration war, ausgefuhrt durch einige ihrer Vertreter (Granowsky, der
Maler Altmann und der aufierordentliche Schauspieler Michoels). Ich
sehe absichtlich davon ab, diese jiidische Generation mit der russischen
Revolution in Zusammenhang zu bringen, jene etwa aus dieser zu er-
klaren. Aber es steht fur mich aufier allem Zweifel, dafi ohne die grofie
russische Revolution das Moskauer jiddische Theater unmoglich ware.
Dieses Theater hat die Traditionen der alten jiddischen Buhne so ge-
schickt gewandelt, dafi es beinahe aussieht wie ein Protest gegen die
Tradition. Weiter aber diirfte es nicht gehen.
Schliefilich sieht jede Neuerung in der Kunst wie ein Protest gegen die
Tradition aus und ist doch deren Fortsetzung. Das Moskauer jiddische
Theater aber iiberschreitet manchmal das Gesetz, das den Nachkom-
men gestattet, eine Opposition zu sein, aber nicht Opposition zu ma-
chen. Dort, wo das jiddische Theater bewufit aus einem gestalteten
680 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Protest in einen rhetorischen iibergeht, fangt seine Freiheit an, in jene
Eigenschaft auszuarten, die man mit Recht »Chuzpe« nennt.
Ich konnte diese Chuzpe vermerken, ich versuchte, sie zu erklaren.
Sie ist bestimmt dem Einfluft der revolutionaren Begleiterscheinung
zuzuschreiben, die ich den »infantilen Tempelsturz« nennen mochte.
Es ist dies der Ausdruck eines naiven und seiner selbst sehr unsiche-
ren Rationalismus, der, statt schweigsam zu leugnen, larmend lastert.
Er hat jede Revolution begleitet, und er entwiirdigt jeden natiirlichen,
also heiligen Drang des unterdriickten Menschen nach einer freien
Auseinandersetzung mit den unbekannten, meinetwegen: metaphysi-
schen Gewalten. Dieser lacherlkhe Rationalismus, der in Rutland
soeben Darwin entdeckt hat, iibt seinen Einflufi auch auf das jiddi-
sche Theater aus - das sonst den lacherlichen Begleiterscheinungen
der russischen Revolution durchaus nicht kritiklos gegeniibersteht.
Im Gegenteil: Das jiddische Theater in Moskau ist der einzige Ort,
wo die judische Ironie mit einem gesunden Witz uber das zensurierte
und sogar vorgeschriebene »revolutionare« Pathos triumphiert. Im
jiddischen Theater herrscht jene kritische Begabung, die man in den
staatlichen Bildungsanstalten der Sowjets so dringend braucht und so
vergeblich suchen wiirde. Aber eine Ironie, die, gegen den »Narkom-
profi« noch wirksam ist, kann, gegen den Talmud angebracht, nur la-
cherlich wirkungslos sein. Eine Spur von dem vergeblichen Streben
der Sowjets, aus den Juden eine »nationale Minderheit« ohne Reli-
gion zu machen wie etwa aus den Kalmiicken, ist auch noch im jiddi-
schen Theater zu spiiren.
Nicht als ob es etwa sein Geist ware! Aber es scheint die Weltanschau-
ung der Schauspieler beeinflufit zu haben - wie es iibrigens nicht an-
ders moglich ist. Denn man mufi nicht einmal ein iiberzeugter Anti-
semit sein, um zu wissen, dafi die Juden der Welt die Heiligen und die
Lasterer geben. Einige unter ihnen neigen zum Tod am Kreuz. Andere
zum Zertriimmern der Kreuze. Es ware irrsinnig, von einem Einflufi
jiidischer Lastergabe auf den modernen russischen Rationalismus zu
sprechen. Aber man darf annehmen, daft er vielen intellektuellen russi-
schen Juden genehm ist.
Das ist die Kinderkrankheit des jiddischen Theaters wie der russischen
Revolution, wie jeder Revolution iiberhaupt. Judisch bleibt das Thea-
ter auch dort, wo es judische Traditionen angreift. Denn die Tradition
anzugreifen ist alte judische Tradition. Ich war erschuttert auch dort,
1926 68i
wo sie spotteten. Sie karikieren - aber sie karikieren judisch, sie sind
edit, so echt, wie die Kinder Israels waren, als Moses die Zehn Gebote
zertrummerte.
Das Moskauer jiidische akademische Theater, Berlin:
Verlag Die Schmiede 1928. S. 9-16.
DER LIEBE GOTT IN RUSSLAND
Der liebe Gott geht inkognito durch die Strafien des russischen Lan-
des, aller lastigen Aufgaben ledig, die ihm die alte Staatsreligion aufzu-
erlegen sich vermessen hatte, mit der gesetzlichen Verpflichtung ausge-
stattet, sich um die Politik nicht zu kiimmern, von den Staatsmannern
als eine Art unfahiger Konkurrenz gar nicht als existent betrachtet. In
seinem Namen macht man keine Pogrome mehr, in seinem Namen
vereidigt man keine Soldaten mehr. Polizeiliche Maftnahmen irdischer
Natur braucht er nicht mehr zu ergreifen. Gott hat Ferien.
Fur Donner, Blitz und Hagel macht man ihn nicht verantwortlich.
Den irdischen Begriffen von Recht und Unrecht braucht er sich nicht
mehr anzupassen. Zum Schutz der Grofien leiht er nicht mehr seinen
Namen her, den Kirchenglocken hort er mit halbem Ohr zu, die Ehen
schliefit er nicht mehr im Himmel - zur Sicherheit losen die Menschen
sie doch im Standesamt. Der liebe Gott lebt noch in veralteten Rede-
wendungen, in erschrockenen Ausrufen weiblicher Wesen, in Beteue-
rungen liigender NEP-Manner, in allerhand gedankenlos ausgespro-
chenen Schwiiren, die vor Gericht nicht gelten wiirden, Gott ist eine
bedeutungslose Invokation.
Den grofiten Teil seiner Funktionen hat die Kommunistische Partei
iibernommen und auf mehrere kleine Gotter aufgeteilt. Souveran geht
der Mensch auf seiner Erde umher, alles kann ihm zustoEen, aber nichts
kann ihm noch passieren. Die Talente der Allsichtigkeit und des Allwis-
sens hat die Staatspolizei geerbt. Gott kann sich nur noch seinen unerfor-
schlichen Ratschlussen widmen, er wurde beschrankt auf die Verwaltung
der Unermefilichkeit und die Erhaltung des Ewigen. Die Regierung liber
das Vergangliche aber liegt nicht mehr in seinen Handen. Sooft er noch
etwas in Rutland zu sagen hat, gesteht er aufrichtig, dafl er froh ist.
682 DAS JOURNALISTISCHE WERK
»Sagen Sie mir«, fragte mich ein Mann, »wie kann ein gebildeter
Mensch an Gott glauben?« »Wir sind mit Stolz und Absicht Athei-
sten«, sagte mir ein hoher Beamter des Staates. »Dieser Onkel glaubt
noch an Gott!«, so stellte mich eine Mutter ihrem zwolfjahrigen Kinde
vor. Sie besafl ein Grammophon, und in stillen Abendstunden lauschte
sie den Klangen eines Walzers von Straufi. »Der Himmel ist blaue
Luft«, sagte das Kind. »Wo soil Gott sitzen?« »Gott lag vor uns auf
den Knien, als er zu uns um >Java< (eine Zigarettensorte) flehte«, dich-
tet ein moderner Lyriker, der die Zigaretten besingt. »Als Lenin
starb«, so berichtete mir ein bigotter Kommunist, »ging ich gar nicht
hin, die Leiche sehen. Ich verehre keinen Toten, ich iiberlasse es den
Glaubigen.« »Wir erziehen den Menschen zur Selbstandigkeit«, sagte
ein Arbeiter, »deshalb haben wir Gott vertrieben.« »Wir bauen eine
elektrische Bahn. Sie konnen sie sehen«, sagte mir ein Ingenieur in
Baku. »Hat uns Gott je eine Bahn gebaut?« Der Mensch glaubt, was er
sieht, hort und riecht. Gott ist, wo er in der Literatur vorkommt, eine
licentia poetica, bei Dostojewski zum Beispiel eine direkte Folge epi-
leptischer Veranlagung.
Was hat Gott noch zu tun? Er geht spazieren, unerkannt, ein alter
Herr, auslandisch gekleidet. Ein Berichters tatter begegnet ihm in einer
stillen Strafie, nach einem Regen, das schadhafte Pflaster ist nafi und
voller Pfutzen. Ein abendlicher Regenbogen wolbt sich im Osten. Die
Sonne geht im Westen unter.
»Ich war heute im >Institut fur die kulturelle Verbindung mit dem
Auslande<«, sagte Gott. »Sie haben Mich herumgefuhrt. Ich sollte den
Kreml sehen, man zeigte Mir ausgeraumte Kirchen. Ein englischer
Dolmetsch ubersetzte Mir alles. Ich interessiere Mich nicht fur Bau-
stile und Sarkophage toter Zaren. Ich mufi den Leuten sehr komisch
erschienen sein. Eine Fliege summte, eine griine, spanische Fliege
summte in einem Zimmer. >Ubersetzen Sie Mir<, sagte Ich zum Dol-
metscher, >was die Fliege sagt.< >Bloder Amerikanen, sagte der Dol-
metscher auf russisch zu dem Fiihrer; und zu Mir: >Die Wissenschaft
ist bei uns noch nicht soweit. Die Sprache der Fliegen kennen wir
nicht.< Auf dem Schnurrbart des Fuhrers hing ein Brotkrumchen. >Sie
kommen aber vom Friihstuck<, sagte Ich. Der Dolmetscher ubersetzte
es. Wissen Sie: Ich habe Mich immer fur die ganz kleinen Sachen inter-
essiert. Man zeigte Mir das Mausoleum Lenins, aber vor dem Eingang
lag ein verrosteter Nagel. Ich hob ihn auf, fragte: >Was glauben Sie,
1926 683
wo her mag dieser Nagel kommen?< Und sie wufken nicht, was Mir zu
sagen. Ich trete in eine Kirche, gebe den Bettlern ein Almosen, um
nicht aufzufallen. Die Glaubigen singen ganz hubsch. Der Pope hat
einen tiefen, schonen Bafi. Ich sehe den FuE eines knienden Mannes
und ein Loch in einer Schuhsohle. >Wo hat er sich das Loch ausgetre-
ten?< frage ich meinen Begleiter. Er weifi es nicht.
Er weifi, wie der Blitz entsteht, aber Ich habe es ja niemals verheim-
licht. Sehen Sie, die kleinen Dinge aber wissen die Menschen immer
noch nicht, obwohl sie nicht mehr an Mich glauben. Bei Mir, Sie wer-
den kaum glauben, wie froh Ich bin, aus diesem Komplex von Staat,
Regierung, Industrie, Politik entlassen zu sein. Man mutet Mir nicht
mehr zu, fur die Gesundheit der Oberhaupter zu sorgen, fur die Moral
der Kinder, fur die Koalition zwischen Generalen und Chemie. Ich
segne keine Gasmasken, sogar die Weifigardisten haben eingesehn, dafi
Ich ihnen nicht mehr helfen werde. Ich wohne im >Savoy<, zahle zwan-
zig Rubel taglich und lasse Mich verleugnen. Jetzt gehe Ich in das
Theater Meyerholds, man gibt dort ein Stuck, in dem Ich gelastert
werde. Ich brauche ja nicht mehr zu strafen, Sie glauben gar nicht,
welch ein schoner Abend es wird!«
Es wurde Abend, Gott rief einen Iswoschtschik und handelte lange.
»Wie viele Knoten hat deine Peitsche?« fragte Gott. »Herr, ich kann
nicht solche Kleinigkeiten zahlen«, sagte der Kutscher. »Gott allein
weiE es, Herr.«
Der Berichterstatter ging und schrieb in sein Tagebuch: »Heute sprach
ich mit dem lieben Gott. Er lebt in Rufiland wie Gott in Frankreich.«
Frankfurter Zeitung, 20. 2. 1927
DAS HEILIGE PETROLEUM
Von Baku nach Sabuntschi, wo die grolken Mengen Petroleum gewon-
nen werden, fuhrt eine elektrische Bahn. Sie wurde erst im letzten Jahr
gebaut und ist noch nicht ganz fertig. (Auch die Strafienbahn in Baku
ist ein Werk der Rateregierung). Die Bevolkerung ist stolz auf diese
Bahn. Die Sowjetmacht kann sie als einen zwar lokalen, aber propa-
gandistisch sehr wirksamen Erfolg betrachten. Es ist wahrscheinlich,
684 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dafi die friiheren Industriellen das Petroleum billiger gewannen und
das Gewonnene ertragreicher auszubeuten wufiten als der jetzige
Staat-Unternehmer. Aber es ist wahr, dafi weder die Nobels noch die
Rothschilds ihren Tausenden Arbeitern, Ingenieuren und Beamten je-
mals eine Bahn gebaut haben. Alle legten weite Wege zu Fufi, in Ein-
spannern, in primitiven Bauernwagen zuriick. Jetzt geht jede halbe
Stunde ein breiter, hygienischer, moderner Zug von Baku ab. Der
Westeuropaer wundert sich nicht daruber. Dem Burger der Sowjet-
Staaten aber ist diese Bahn nicht nur ein sehr begriifites, lang entbehr-
tes Verkehrsmittel; sie ist beinahe, sie ist wirklich ein Symbol. Es ist
die einzige Bahn dieser Art in ganz Rufiland. Was bei uns eine Selbst-
verstandlichkeit technischen Fortschritts ware, bekommt in diesem
europaisch-asiatischen Winkel einen politischen Sinn. Die Bahn erhalt
und fordert den Optimismus der Petroleum-Arbeiter, unter denen
viele verhaltnismafiig hohe Lohne beziehen (bis zu dreihundert Rubel
im Monat), die eine alte revolutionare Tradition haben und also schon
von vornherein an den neuen Staat glauben. So konnen Schienen, Wag-
gons, Zement und Ziegelsteine von politischer und historischer Bedeu-
tung werden. Das scheinen die alten Unternehmer nicht bedacht zu
haben.
Die Wagen sind voll, noch lange, bevor sich der Zug in Bewegung
setzt. Es ist heifi, ein zaghafter Wind hat ausnahmsweise den sehr tem-
peramentvollen, in dieser Gegend heimischen abgelost, die Sonne
sticht durch die Scheiben und heizt Wande, Dach und Boden. Alle
Passagiere klagen iiber die Hitze - eine gern begriifke Gelegenheit zu
weiterfuhrenden Unterhaltungen. Ich sehe tiirkische Proletarier mit
der Rote-Fahne-Auszeichnung, viele mit Parteiabzeichen - neben ih-
nen tiirkische Frauen, rituell verhiillte Gesichter, einen alten Scheich,
dem man Platz macht, nicht gerade ehrfurchtig, aber mit jener Tole-
ranz, die noch nicht selbstverstandlich ist und einer demonstrativen
Hoflichkeit ahnlich. Ein armenischer Pope Hcst in einem Buch, ich
hatte gedacht, in einem frommen; keineswegs, es ist eine der vielen
neuen Broschiiren aus dem neuen Lager. Ein fliegender Konditor ver-
kauft orientalische Siifiigkeiten, Halwa, Sultansbrot, klebrige, zucker-
bepuderte, bunte und dennoch langweilige Dinge, Kaugummi, den
man schluckt, wenn er nur gewillt ist, sich vom Gaumen zu losen. Die
»Bezprizornij«, die obdachlosen Kinder, hocken auf Trittbrettern,
schlangeln sich unter den Fiifien der Passagiere hindurch, werden er-
1926 68j
griffen, abgesetzt und kriechen wunderbar durch Fugen und Ritzen
wieder in den Zug. Es ist viel Halb- und Lumpenproletariat da - alle
zieht das Petroleum an-, es sieht drohend aus, aber es ist harmlos und
hungrig. Viele Menschen haben nihrend schone Augen, strahlende
und dennoch gehetzte. Ich denke an den schweren, miiden Liderschlag
der Armenier, den halbverdeckten tragischen Blick jiidischer [. . .]
Turko-Tataren, die feuchten grofien Pupillen der Mohammedanerin,
die zwischen dichten Tuchern hervorblicken wie ein Tier zwischen
breiten Gittern. Der Schaffner bahnt sich bittend einen Weg. Er tragt
eine gelbe Leinenbluse mit geschmackvollen Abzeichen und erinnert
an englische Schaffner in Kolonien. Das ist ein modernes, technisches
Rufiland mit amerikanischen Ambkionen. Das ist gar nicht Rufiland
mehr.
Diese Tiirme, die plotzlich auftauchen, schwarz, dicht, eisern - diese
Tiirme sind nicht mehr Rufiland. Das sind Bohrturme - Triumphe,
Symbole und Offenbarungsstatten der grofien Macht, die Petroleum
heifit; »Njeft« sagen die Russen - das Wort enthalt die ganze schwei-
fiige Feuchtigkeit des Materials. Ein historischer Klang und ein histori-
scher Anblick! Eine Atmosphare von Kapital, Abenteuer, Sensation
und Roman. Die grofite Kolonialmacht blickt nach diesen Tiirmen,
und die grofite Kontinentalmacht halt sie eifrig fest. In dieser Gegend
allein gewinnt man mit Leichtigkeit ungefahr eine halbe Million Ton-
nen taglich, die kaukasische Erde ist freigiebig. Tausende Quadratkilo-
meter liegen noch unerforscht und vielverheifiend da, Vulkane, die alle
paar Monate Feuersignale geben, verraten unterirdische Milliarden.
(Wie karg und kleinlich ist dagegen die galizische Erde von Drohobycz
und Boryslaw!) Gebt Geld her, Geld, Geld! rufen die Tiirme. Wir sind
zehntausend, wir sind zwanzigtausend - wir wollen hunderttausend,
wir wollen Millionen sein!
Vor dem kleinen Bahnhof in Sabuntschi dehnt sich ein griinlichblauer
Tiimpel und hinter ihm ein wiister, abschiissiger, aufsteigender, tiicki-
scher, kotiger, staubiger Weg. Er fuhrt zu den Quellen und in die
Stadt, einen kleinen Hiigel hinan, auf dessen Gipfel eine Kirche stent,
verirrt, merkwiirdig, ratios, eine schwache Konkurrenz der Tiirme,
einsam zwischen tausend Feinden, in der nachsten Nachbarschaft der
Sowjetbehorden. Links und rechts vom Tiimpel warten unubersehbare
Schwarme verstaubter Droschken. Alle Kutscher stehen hochaufge-
richtet wie romische Wagenlenker, alle rufen gleichzeitig. In der Nahe
6%6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
von Sabuntschi liegen einige stille, vornehme, ewig sommerliche Dat-
schen. Manchmal - aber selten - kommen einige Passagiere, die in
Droschken zu den Datschen hinausfahren. Aber hundertmal mehr
»Phaethons« warten. Alle Kutscher schreien »Barin!« (Herr) im Chor.
Jeder glaubt zwanzigmal im Tag, gerade ihn werde der Passagier wah-
len, zwanzigmal wird er enttauscht, tausendmal ruft er. Hier gibt es
keine Wahrscheinlichkeitsrechnung, dieser Beruf 1st Lotteriespiel. So
merkwiirdig sind die Menschen: Um einer kleinen Chance willen ver-
lieren sie einen ganzen Tag. Droschkenkutscher sind Spielernaturen.
Auch die Handler vor den traurigen, holzernen Buden rufen sich hei-
ser. Die ruhigen orientalischen Seelen sind aufgeregt. Petroleum veran-
dert den Charakter. Petroleum entziindet die Menschen, noch ehe es
gewonnen ist. Hier sieht es nicht asiatisch und nicht russisch aus. Das
ist die Goldgraberstadt aus dem amerikanischen Film.
Links, in einem [. . .] Viereck, ist der Marktplatz. Ubernatiirlich grofle
griine, runde und ovale Kiirbisse bedecken den Boden. Fruchte wie ein
Geschlecht von Riesen, saftige Nahrung des Volkes. Wer verzehrt die
vielen Kiirbisse? Mehr als zwanzigtausend Arbeiter leben in Sabun-
tschi; hier sind wenigstens dreimal mehr Kiirbisse. Uber diesen Exem-
plaren einer verschwenderischen Natur verschwinden fast die Trau-
ben, die Datteln, die Feigen, die Birnen. An hundert Standen verkauft
man Fruchte, Brot, Fleisch, fette Schweine, grofi, schwarzgefleckt,
schwer, aber flink wie Hunde, Schweine, die Tempo haben: eine siidli-
che, witzige Laune der Schopfung. Rechts, auf hiigeliger Erde, stehen
Wohnhauser, traurig, nackt, rotlich: Sie sehen aus, als hatte man ihnen
die Haut abgezogen. Die Flure sind schwarz und tief, die Wohnungen
sind offen, die Zimmer stromen Dumpfheit und Warme aus, den dich-
ten Geruch eines engen Lebens, der so verwandt ist dem Geruch des
Todes. Ringsum kein Horizont; nur Tiirme, Tiirme, Tiirme, schwarz,
schraffiert, gedrangt; - es sieht aus, als stiinden sie nicht. Sie sind so
zahlreich und so diinn, daft sie flimmern und sich ewig bewegen. Man
wendet die Augen ab und sieht dennoch ihre grauenhafte Uberzahl.
Dann erblickt man sie plotzlich wieder - und es ist, als hatten sie sich
in dieser einen Sekunde vermehrt, sie zeigen fortwahrend, sie gebaren
fortwahrend, sie werden den grofien Markt verzehren, die grofien
Kiirbisse, die faulen, kranken Hauser. -
1926 687
Diese Hauser sind provisorisch. Die Arbeiter, die heute noch in ihnen
wohnen, werden in zwei, drei Jahren in die Kolonien ziehen. Man baut
mustergultige Arbeiterkolonien in Aserbeidschan. Die eine, beinahe
schon fertige, zu zwei Dritteln schon bewohnte, suche ich auf. Sie
heifit »Stenka Razin« nach dem russischen Volkshelden, dem ersten
Bauernrevolutionar, der die Reichen beraubte, mit den Armen teilte,
der Herr der Wolgamiindungen war und das Kaspische Meer be-
herrschte, den das Volk heute noch liebt, mit einer naiven, zartlichen
Liebe, die wek entfernt ist von »Heroenverehrung«.
Hier, durch diesen Berg, fuhrte ein tiefer Schacht; man erzahlt, er hatte
einen Ausgang zum Meer. Stenka Razin hat ihn angelegt. Hier verbarg
er die geraubten Schatze, von hier aus konnte er fluchten. In der Arbei-
terkolonie wird sein Monument stehen, mitten im griinen Rasen: Das
hat er sich nicht traumen lassen. Eine Doktrin hat ihn nachtraglich
adoptiert. Es kame ihm etwas merkwiirdig vor. Aber es ist gut ge-
meint, er liefie sich's gefallen. Ein Spielplatz fiir Kinder ist da, ein
Klub, ein Theatersaal, ein Kino, eine Bibliothek. Die Hauser sind
ebenerdig. Spater wird man leider der Billigkeit wegen einstockige
bauen. Moskauer Architekten haben mehr als zwanzig Grundtypen
entworfen. Lebendigkeit, Verschiedenheit, Abwechslung soil erzielt,
Uniformitat vermieden werden.
Die Erde war vor zwei Jahren noch kahl, feindlich, sumpfig, starr.
Sie atmete Tod aus. Dafi sie jetzt lebendig wird, bestatigt den Arbei-
tern die Wunderkraft des Sozialismus. Wie bescheiden sie sind! In
unserem kapitalistischen Ruhrgebiet, das ich im Friihling gesehen
habe, macht man mit denselben Mitteln Proletarier zu kleinen Biir-
gern. Mit denselben Mitteln macht man hier aus ihnen Revolutio-
nare. Hier wie dort: eine Badewanne aus Zinn, ein elektrischer Kon-
takt, Platz fiir einen Blumentopf, Mobel, sinnreich, praktisch am
Fufiboden festgeschraubt, Dielen, die man bohnert, nicht zu scheu-
ern braucht, ein stiller Glanz, ein kurzes Sofa. Wie viel ist das! Wie
wenig ist das! Die Anspruche des Proletariats bleiben bescheiden, ob
es herrscht oder ob es beherrscht wird. Ich glaube, es kommt von
der Arbeit. Es kommt dort von den Gruben und hier von den
Bohrtiirmen. Welch eine Lust, am Bohrer zu stehen! Wieviel Genufl
fordert man noch vom Leben, wenn man auch nur acht, auch nur
sechs, auch nur vier Stunden im Tag Petroleum zapft, das heilige
Petroleum?!-
688 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ach, mir scheint, die Arbeit ist nur deshalb ein Segen, weil sie die
Freude ersetzt.-
Fkr die Serie »Reise in Ruflland« Oktober 1926 geschrieben, in der Frankfurter
Zeitung jedoch nicht erschienen.
UBER DIE VERBURGERLICHUNG DER RUSSISCHEN
REVOLUTION?
Frankfurt am Main, Januar 1927
Meine Herren,
ich werde mich bemiihen, Ihnen heute abend zu beweisen, daft das
Biirgertum unsterblich ist. Die grausamste aller Revolutionen, die bol-
schewistische, hat es nicht zu vernichten vermocht. Und nicht genug
daran: Diese grausame bolschewistische Revolution hat ihren eigenen
Burger geschaffen. Ich will Ihnen gerne gestehen, daft das Fragezei-
chen hinter dem Titel meines heutigen Vortrags nicht etwa meinen
Zweifel an der Existenz des bolschewistischen Burgers ausdriicken
sollte, sondern den Zweck hatte, Sie neugierig zu machen. Ich wollte
nicht etwa sagen: Ist so etwas wie ein bolschewistischer Burger mog-
lich? Ich wollte sagen: Ist es nicht ein Witz, daft man von einem bol-
schewistischen Burger sprechen kann?
Entsinnen Sie sich, was der Klang des Wortes »Bolschewik« noch vor
einigen Jahren fur deutsche burgerliche Ohren bedeutete, bedenken
Sie, was er heute noch fur franzosische Ohren bedeutet. »Bolschewis-
mus« hieft Zerstorung der materiellen burgerlichen Kultur, Bolsche-
wismus hieft die Gefahr, die dem Leben und dem Besitz drohte. Indes-
sen sind ein paar Jahre vergangen, nur ein paar Jahre sind vergangen.
Und das Wort Bolschewismus verlor in dem Mafte seine Gefahrlich-
keit, in dem die erste revolutionare, die erste proletarische Regierung
der Welt und der Geschichte im burgerlichen Ausland Handelsvertre-
tungen zu errichten begann. Es scheint mir, meine Herren, daft man
denjenigen nicht ernstlich bedrohen kann, mit dem man Geschafte
macht. Vergeblich hat sich die Sowjetregierung bemiiht, diese Fiktion
aufrechtzuerhalten. Vergeblich bemiiht sie sich noch heute, das
1926 689
Gleichgewicht zu finden zwischen okonomischen Notwendigkeiten
und den Forderungen des Prinzips. Vergeblich bemiiht man sich in
Sowjetrufiland, die revolutionare Reputation zu retten, ohne den soge-
nannten Aufbau des Staates zu storen. Aber es geht nicht langer mit
der revolutionaren Reputation, wie es nocb nicht geht mit dem Aufbau
des Staates. Nach dem roten, ekstatischen, blutigen Terror der aktiven
Revolution kam in Rufiland der dumpfe, stille, schwarze, der Tinten-
terror der Biirokratie. Man konnte sagen: Wem Gott in Sowjetrufiland
ein Amt gibt, dem gibt er auch eine bourgeoise Psychologic Bei einem
so burgerlichen Wesen, wie es Gott nach der Meinung aller einge-
fleischten Marxisten ist, soil es mich nicht wundern. Aber wenn eine so
revolutionare Macht, wie es der Sowjet ist, die gottliche Funktion der
Amterverteilung iibernimmt, so mufi man schon staunen iiber das Mafi
der kleinen Schreibtischbiirgerlichkeit, die im heutigen Rufiland das
offentliche Leben bestimmt, die innere Politik, die Kulturpolitik, die
Zeitungen, die Kunst, die Literatur und einen grofien Teil der Wissen-
schaft. Alles ist beamtet. Jeder Mensch auf der Strafie tragt irgendein
Abzekhen. Jeder ist eine Art offentlicher Faktor. Alles ist mobilisiert.
Es ist ganz genau wie im Kriege, wo der Heroismus und die Romantik
in Wirklichkeit mit Loschblatt, Tintenfafi und Gummiarabicum han-
tierten. Auch die Revolution hat allgemeine Mobilisierungen und
letzte Aufgebote. Der Marxismus konnte ein biirgerliches Volk, wie es
das deutsche ist und wie es noch starker in den Entstehungsjahren der
deutschen Sozialdemokratie war, revolutionieren. Aus Veteranen, die
an Kaisers Geburtstag Zylinder tragen, kann die Kuhnheit eines kom-
munistischen Manifests wahrscheinlich revolutionare Menschen ma-
chen. Aber aus einem echten Reitervolk, wie es das russische immer
gewesen ist, macht der Marxismus im literarisch-asthetischen Sinn
Burger. Derjenige, dem die russische Geschichte der letzten Jahr-
zehnte nicht sehr gelaufig ist, der ist leicht geneigt, die heutigen Kom-
munisten mit den kuhnen und wirklich heroischen Attentatern zu ver-
wechseln, die den Zarismus schon in den letzten Jahrzehnten des
neunzehnten Jahrhunderts zu erschuttern begannen, denen Zaren und
Minister zum Opfer fielen. Aber jene Bombenwerfer waren keines-
wegs Marxisten, sie waren Sozialrevolutionare, von Sozialisten starker
gehafk als burgerliche Konservative. Die kuhnsten Kommunisten:
Trotzki, Radek, Lenin, sehen an der Seite der Sozialrevolutionare sehr
bieder und burgerlich aus. Sie folgten eben einem Prinzip, das die Lei-
69O DAS JOURNALISTISCHE WERK
denschaft fur schadlich halt, das Temperament fur sekundar, die Begei-
sterung fur eine Schwache. Dieses Prinzip anwenden heifit das russische
Volk vergewaltigen. Ironien der Weltgeschichte hat es immer gegeben.
Aber dafi die Weltgeschichte hohnisch wird, erlebt man selten. Dies nun
ist ein Fall, in dem die Geschichte offenkundig Hohn zeigt. Diese Theo-
rie, die das Proletariat befreien soil, die die Klassenlosigkeit des Staates,
der Menschheit zum Ziel hat, diese Theorie macht, wo sie zum ersten-
mal angewendet wird, aus alien Menschen kleine Burger. Es ist ihr
besonderes Pech, dafi sie gerade in Rufiland zum erstenmal ausprobiert
wird, wo es niemals kleine Burger gegeben hat. Der Marxismus er-
scheint in Rutland eben auch nur als Teil der burgerlich-europaischen
Zivilisation. Ja, es sieht beinahe so aus, als hatte die burgerliche euro-
paische Zivilisation den Marxismus mit der Aufgabe betraut, in Rut-
land ihr Schrittmacher zu sein.
Ich weifi nicht, ob jemand von Ihnen das alte Rutland kennt. Wer
jemals in Rufiland gewesen ist } hat gesehen, wie gewaltig der Unter-
schied zwischen der europaischen und der russischen Bourgeoisie war.
Der russische Kaufmann hat eine ritterlich-aristokratische Tradition. Es
waren in Rufiland Kaufleute, die Sibirien eroberten und besiedelten, sie
toteten noch eigenhandig die Baren, mit deren Pelzen sie handelten, sie
machten Jagd auf Tier und Mensch, sie griindeten die ersten Siedlungen
in Asien. Diese Tradition war bis in die letzten Jahre lebendig. Der
Moskauer Kaufmann fuhr mit dem Lichatsch, dem schnellsten Wagen
der Welt, durch die Strafien der Stadt, es war sein Ehrgeiz, das Pferd so
lange anzutreiben, bis es zusammenbrach, er war ein Herr, in einem
ganz feudalen Sinn. Nach der marxistischen Theorie gab es freilich
Burger in Rufiland, das heifit Leute, die von unproduktiver Arbeit le-
ben. Aber diese Burger waren nach Sinnesart und Lebensweise, nach
Weltanschauung und Gewohnheit aristokratischer als unsere preufii-
schen Junker zum Beispiel. Man kann sagen: Im nicht-marxistisch-
wissenschaftlichen Sinn gab es iiberhaupt keine Bourgeoisie in Rutland.
Und ausgerechnet der Marxismus ist berufen, eine zu schaffen.
Es gibt keinen schlimmeren Typus als den kleinbiirgerlichen Revolutio-
nar, den Karrieremacher, den arrivierten Burokraten. Es ist ein Ge~
drange vor den engen Tiiren der Kommunistischen Partei, es gibt Pro-
tektionskinder wie nur in dem sehr btirgerlichen Frankreich, es gibt
Streber und Mifigiinstige, von augenbKcklich Herrschenden getragen
und von Gefallenen fallengelassen. Es ist wahr, daft in Rutland nicht
1926 691
mehr bestochen wird wie zur Zeit des Zaren. Fur Bestechungen kommt
man nach Sibirien - und zwar sowohl der Bestechende als auch der
Bestochene. Man konnte sagen: Charakteristisch fur das alte Rufiiand
war die nach Trinkgeldern ausgestreckte Hand. Aber charakteristisch
fur das heutige ist der gekriimmte Mcken. Eine Theorie, die Rufiland
urbanisiert, eine Ideologic, die erst zur Geltung kommen kann, wenn
dieses geheimnisvollste, natiirKchste, sozusagen: schollenhafteste aller
europaischen Lander auf eine rapide Weise amerikanisiert ist, schafft,
trotz aller Phrasen, den typisch biirgerlichen Menschen. Man verachtet
in Rufiland den Tanz - nur einmal wochentlich und nur in Leningrad
darf offentlich getanzt werden. Aber es ist eine Kurzsichtigkeit ohne
Beispiel, eine Weltfremdheit echter Ideologen, wenn man nicht sieht,
dafi der Jazz und Charleston starker mit der Maschine zusammenhan-
gen, mit der Mechanisierung des ganzen Lebens, als etwa mit der soge-
nannten »burgerlichen Unmoral«. Man tanzt auch schon in alien kom-
munistischen Klubs. Die Sitte einer Zeit wird eben nicht nur und nicht
in erster Linie bestimmt von den Produktionsverhaltnissen, von Ein-
nahmen, von Erwerbsformen. Sie wird bestimmt von dem Lebensinhalt
der Menschen, vom Lebensinhalt der Zeit. Man ist nicht unmoralisch,
weil man ein Arbeitgeber ist, ebenso wie man nicht unmoralisch ist, weil
man ein Arbeitnehmer ist. Man tanzt nicht Charleston, weil die Welt
kapitalistisch ist. Man tanzt ihn, weil er einer der Kunst- oder Gesellig-
keitsausdriicke dieser Zeit ist. Man ist nicht flach und banal, nur weil
man Geld verdient, ebenso wie man nicht tief und geistreich ist, nur weil
man an der Maschine stent. Zwischen dem Arbeitnehmer und dem
Arbeitgeber, die sich beide so feindlich gegentiberstehn, sind mehr
Ahnlichkeiten, als beide wissen. Bindender als eine Gesinnungsgemein-
schaft ist die Gegen warts gemeinschaft, und naher als der tote Parteige-
nosse ist mir der lebendige Zeitgenosse. Wenn also der Kommunismus
Rutland, das hundert Jahre hinter Europa war, in die vollste Gegenwart
hineinstoften will, so muE er es schon biirgerlich machen. Denn diese
Gegenwart ist biirgerlich. Die russische Revolution ist nicht etwa eine
proletarische, wie ihre Reprasentanten meinen. Sie ist eine biirgerliche.
Rutland war ein feudales Land. Es fangt an, ein urbanes, ein stadtkultu-
relles, ein biirgerliches zu werden.
Aber weil eine bestimmte Ideologic diese Revolution geleitet hat und
weil bestimmte Ideologen sie noch heme verwalten, beziehungsweise
das, was von ihr ubriggeblieben ist, wird in Rutland so getan, als re-
6<)l DAS JOURNALISTISCHE WERK
gierte man sozialistisch, als bereite man wirklich den Sozialismus vor.
Noch sieht es heute oberflachlich so aus, als ware dieses Land wirklkh
eine ganz neue Welt. Noch sieht es heme so aus, als gabe es die alten
Klassen wie in europaischen Landern nicht mehr. Aber man merkt
bald, dafi es eine falsche, eine verhullende Nomenklatur fur die alten,
wohlbekannten Zustande ist. Die Frage nach der sozialen Stellung,
nach dem Platz, den einer in dem sozialen Geftige des Landes ein-
nimmt, ist nicht mehr die wichtigste: Was sind Sie: Aristokrat, Indu-
strieller, Kaufmann, Mittelstandler, Proletarier? Diese Frage gilt nicht
mehr. Es gibt ja vor allem nicht viele Berufe, welche die primarsten
Abzeichen der sozialen Rangklasse sind. Man teilt also im heutigen
Rufiland die Menschen ein in Kommunisten, Proletarier, mit dem
kommunistischen Programm Sympathisierende, ehrhche Parteilose
(tschestnyje bespartijnyje), Neutrale, Oppositionelle, die freilich nicht
wagen diirfen, offen zu protestieren, von denen man es aber vermuten
kann. Da fast alle Menschen, die fruher freie Berufe ausgelibt hatten,
Kaufleute, Rechtsanwalte, Bankdirektoren, Fabrikanten waren, heute
in Amter eintreten und Gehalter beziehen, kann man sie leicht als Pro-
letariat oder Halbproletariat in der Statistik mitzahlen. Sie marschieren
ja auch fleifiig an den revolutionaren Feiertagen in den proletarischen
Umzugen mit, freilich, weil sie sich furchten, und nicht, weil es ihnen
ein Bediirfnis ist. Sie marschieren bei den Demonstrationen, sie mar-
schieren in der Statistik mit. Und so sieht es nach oberflachlicher Be-
trachtung aus, als marschierten von den 140 Millionen Russen minde-
stens 130 auf der Seite der Kommunisten. Ich glaube nicht einmal im-
mer an eine bewufke Tauschung. Ich glaube, die Kommunisten tau-
schen sich selbst uber die wirkliche Stellung der Bevolkerung zu ihrer
Ideologie. Denn die heute herrschenden Kommunisten sind langst
nicht mehr die raffinierten Dialektiker von ehemals. Sie sind gute,
brave, mittelmafiige Optimisten und Dogmatiker. So naiv, wie sie sich
den Bourgeois vorstellen, so naiv stellen sie sich die Wirkung ihrer
Ideologie auf den russischen Nichtproletarier vor. Sie brauchen nur in
einen der russischen Filme zu gehen, aber nicht in jene, die man nach
Westeuropa schickt und die meist gut sind, sondern in einen jener vie-
len fur die Taubheit des abgeschlossenen Inlands berechneten, in dem
der bose Burger auftritt. Der tragt immer einen Zylinder und einen
Bauch. Er umfafk liebend die teuerste Uhr, und sein schwarzes Herz
ist voller Grausamkeit gegen den Proleten. Dies wundert mich iibri-
1926 693
gens gar nicht. Denn selbst die verniinftigsten Ftihrer der kommunisti-
schen Partei haben niemals einen richtigen Burger in der Nahe gese-
hen. Sie haben zwar in westeuropaischen Stadten gewohnt, aber in
Proletariervierteln, sie hatten leider keine Gelegenheit, ein biirgerliches
Haus zu sehn, und sooft sie von Biirgern reden, haben sie ein plumpes,
flaches Klischee zur Verfugung, vielleicht den Schweizer Burger im
besten Fall, von Zurich her, das der beliebte Verbannungsort war.
Dies nur nebenbei.
Ich wollte Ihnen auseinandersetzen, dafi es selbst fur nicht sehr genaue
Beobachter in Rutland burgerlich aussehen wtirde, wenn nicht eine
bestimmte Gruppe in Rufiland vorhanden ware, an der man unaufhor-
lich beweisen konnte, dafi man doch kommunistisch ist. Das ist die
Gruppe der NEP-Leute, der neuen Bourgeoisie. Die Revolution selbst
hat sie geboren. Sie fiirchten sich nicht vor der Revolution. Wenn ich
den Typus des verburgerlichten Revolutionars den bolschewistischen
Burger genannt habe, so konnte man den neuen russischen Bourgeois
vielleicht einen burgerlichen Bolschewisten nennen. Ich nenne hier
Bolschewismus in jenem primitiven Sinn, in dem wahrend des Krieges
die russischen Bauern das Wort gebraucht haben. Sie sagten damals:
Die Bolschewiken seien Kerle, mit denen sich leben lafit. Aber die
Kommunisten seien Juden, die man ruhig erschlagen sollte. Also die
Bauern meinten Bolschewik in dem Sinn von Heroentum, Abenteurer-
mut. Und es ist nun eine der Ironien im Verlauf dieser Revolution, dafi
heute die einzigen Bolschewiken in dem oben erlauterten Sinne - die
burgerlichen Kaufleute sind. Sie miissen sich, wenn Sie sich einen
neuen russischen Burger vergegenwartigen wollen, etwa unsere Schie-
ber aus der Inflationszeit vorstellen. Aber allerdings einen Schieber
von russischen Ausmafien. Er ist eine Art Landpirat, vogelfrei und
ohne Rechte. Aber er macht sich auch nicht das geringste aus Rechten.
Er verzichtet darauf, in diesem Staat berechtigt zu sein, den er hafit
und den er bekampft. Es ist ein unaufhorlicher Krieg zwischen ihm
und dem Staat. Der neue Burger sitzt in vielen Gefangnissen, und an
vielen ist er voriibergestreift.
REISE MIT EINER SCHONEN FRAU
Eine schone Dame betrat das Kupee, in dem ich saft und in Zeitungen
blatterte. Sie sah die Zeitungen an, mich nicht, befahl dem Gepacktra-
ger, einen groffen, ledernen, silberbeschlagenen Koffer ins Gepacknetz
zu stellen, setzte sich und fand kein Kleingeld fiir den Trager. Es war
ein langer Augenblick, ausgefiillt vom Schweigen des Gepacktragers,
der keine Zeit hatte. Man fiihlte deutlich, wie leidenschaftlich der
Mann nach einem Ausdruck der Ungeduld, der Eile und vielleicht
auch der Erbitterung suchte. Da es ihm aber nicht anstand, ungeduldig
und erbittert zu sein, stromte er ein Schweigen aus, das scharfer war als
ein Fluch. In diesem Augenblick erfafite mich ein Zorn gegen die
schone Dame. Sie zwang mich aus meiner durch die Lektiire aufregen-
der Zeitungen noch vertieften Ruhe zu einer qualvollen Uberlegung,
wie dieser Situation ein schnelles und gefalliges Ende zu bereiten ware.
Andere Manner werden in solchen Situationen witzig, ihre Schlagfer-
tigkeit gewinnt ihnen die Sympathie der Damen und der Gepacktrager.
Ich aber war in Gefahr, wenn ich nicht bald handelte, von der einen
verachtet, vom andern ausgelacht zu werden. Deshalb fragte ich:
»Wieviel bekommen Sie?«, erhielt Auskunft, bezahlte den Trager, gab
ihm ein Trinkgeld, das ihn zwang, lauter zu danken, als ich gewiinscht
hatte, und beschlofi zu warten. Die Dame suchte immer noch Klein-
geld, fand einen grofien Schein und fragte mich, ohne mich anzusehen,
ob ich wechseln konne. »Nein!« sagte ich - und die Dame suchte wei-
ter. Ihre Verlegenheit mufke sehr groft sein; ich entschlofi mich, Mit-
leid mit ihr zu haben, aber es kam nicht dazu, weil ich alles Mitgefuhl
fiir mich selbst verschwenden mufke. Sollte ich sagen: »Ich bin ent-
ziickt, eine so reizende Schuldnerin zu haben«? Welch ein Kompli-
ment! War es nicht zudringlich, sie im Suchen zu storen, und war es
nicht allzu billig, auf einem so gewohnlichen Wege eine Bekanntschaft
zu schliefien? Ich konnte der Dame nicht zusehen, ihre hastigen Bewe-
gungen waren privater, ja intimer Natur, und ich durfte dem Inhalt
und dem Unterfutter der Handtasche keinen Blick schenken.
Ich konnte aber auch nicht die Gleichgiiltigkeit aufbringen, die zu
einer Fortsetzung meiner Lektiire notig gewesen ware. Ich sah also
zum Fenster hinaus, sah grofie Reklametafeln, Wachterhauschen,
Rampen und Telegraphenstangen, obwohl mich die Natur wenig in-
1926 695
teressierte. Nach einer Viertelstunde fand die Dame Kleingeld, rekhte
es mir, sagte: »Danke!« und sah wie ich zum Fenster hinaus. Ich er-
griff die Zeitung und las. Die schone Dame erhob sich, reckte sich,
streckte die Arme zum Gepacknetz empor, konnte den Koffer nicht
erreichen und sah aus wie eine Flehende. Ich war gezwungen aufzu-
stehen, den ubermafiig schweren Koffer herunterzuholen und mich
zu benehmen, als machte mir das Gewicht des Koffers gar nichts aus,
als waren meine Muskeln Stahl und Eisen und der lederne Koffer eine
Flaumfeder. Ich muftte das Blut zuriickhalten, das mir den Kopf ro-
tete, den Schweifi, der mir auf die Stirne trat, unauffallig abwischen
und mit einer eleganten Verbeugung »Bitte sehr!« sagen. Es gelang
mir, die Dame schloft den Koffer auf, Heft ihm ein wenig Duft von
Parfum, Seife und Puder entstromen, nahm drei Biicher heraus und
suchte offenbar nach einem vierten. Indessen saft ich bekiimmert da,
tat, als ob ich Zeitung lase, und dachte nach, wie ich den schweren
Koffer wieder ins Gepacknetz bringen wiirde. Denn es war kein
Zweifel, daft ich verurteilt war, ihn wieder hinzulegen. Ich war verur-
teilt, einen Gegenstand, der zweifellos mehr wog als ich, mit elegan-
ter Leichtigkeit wiederhochzuheben, ohne rot zu werden. Ich spannte
im stillen meine Muskeln an, lud mich mit Energie und beruhigte
mein erregtes Herz. Die Dame fand das vierte Buch, schloft den Kof-
fer und versuchte, ihn aufzuheben.
Ihr Bemiihen emporte mich. Warum tat sie so, als wuftte sie nicht,
daft ich ihr die Arbeit abnehmen muftte? Warum bat sie nicht aufrich-
tig um die Hilfe, die mir die Sitte und beinahe das Gesetz zu leisten
vorschrieben? Warum reiste sie iiberhaupt mit so einem schweren
Koffer? Und wenn sie ihn schon fiihren muftte, warum packte sie die
Biicher nicht in eine kleine Tasche? Warum muftte sie iiberhaupt le-
sen, da es doch feststand, daft es ihr gewift angenehmer gewesen ware,
sofort mit mir zu sprechen, statt erst eine Stunde der Anstandslektiire
verstreichen zu lassen? Warum war sie so schon, daft ihre Hilflosig-
keit zehnmal grofter erschien, als sie wirklich war? Und warum war
die Dame iiberhaupt eine Dame und nicht lieber ein Herr, ein Boxer,
ein Sportsmann, der seine Koffer mit groftartiger Leichtigkeit hatte
heben konnen? Meine Emporung half nicht, ich muftte aufstehen,
»Erlauben Sie!« sagen und mit iibermenschlicher Anstrengung den
Koffer heben. Ich stand auf dem Sitz, der Koffer schwankte in mei-
nen Handen, er konnte hinunterfallen und die schone Dame zer-
6$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schmettern. Ich hatte zwar Unannehmlichkeiten, aber keine Gewis-
sensbisse gehabt. Der Koffer lag wieder oben, und ich fiel ermattet in
meinen Sitz.
Die Dame dankte und begann zu lesen. Von diesem Augenblick an
uberlegte ich, wie ich das Kupee und die Dame am besten verlassen
konnte. Ich hatte jeden Mann beneidet, der das Gliick gehabt hatte, der
Reisegenosse einer so schonen Frau zu sein. Da ich es aber selbst war,
beneidete ich mich nicht. Mit aufrichtiger Sorge dachte ich an die vie-
len brauchbaren Gegenstande, die noch im Koffer liegen mufiten. Die
Zeitung interessierte mich nicht mehr. Die Landschaft hatte meine
ganz tiefe Abneigung. Zum Gliick betrat ein Herr das Kupee, ein jun-
ger, sehr kiihner, sicherlich Sport treibender Herr, der ohne Zweifel
viel dummer war als ich. Die Dame las nicht mehr. Nach einer Viertel-
stunde machte der Herr einen dummen Witz, und die schone Frau
lachte. Er war geistesgegenwartig, schlagfertig, er konnte amiisant sein
und wahrscheinlich auch einen Koffer heben. Er machte sich keine
Sorgen, gewann das Herz der schonen Dame und triumphierte iiber
mich. Ich dagegen gewann nur meine Ruhe wieder, sah mit Gleichmut
den Koffer auf und nieder schweben, mein Herz klopfte nicht mehr,
und ich verfolgte mit inniger Zuneigung die Bewegungen der schonen
Frau und die Entwicklung des Abenteuers. Ich war gliicklich, mit an-
genehmen Menschen zusammenzusitzen, die mich verwiinschten und
denen ich lastig war. Fur solche Naturen wie mich ist das die beste
Gesellschaft.
Frankfurter Zeitung, 19. 9. 1926
1927
AUF DAS ANTLITZ EINES ALTEN DICHTERS
(Statt einer Besprechung seiner »Ausgewahlten Werke«)
Der Dichter, von dessen Angesicht ich hier zu berichten habe, ist nicht
weniger als achtzig Jahre alt. Er lebt in Linz. Der Linzer Landesschulin-
spektor Dr. Franz Berger hat die ausgewahlten Werke des Dichters
herausgegeben; in dem Linzer Verlag der ausdriicklich so benannten
Hofbuchdruckerei Josef Feichtingers Erben. Dieses Buch hat der alte
Dichter dem Herrn Bernhard Seuffert in dankbarer Verehrung zugeeig-
net. Und der ist ein Professor und lebt in Graz.
Der Dichter heifit Edward Samhaber. Im Laufe seines langen Lebens hat
er reichlich Gelegenheit gefunden, unter dem Titel »Friihlingslieder« die
so oft besungene Jahreszeit mit echtem Gefiihl zu behandeln, unter dem
Titel »Herbstlied« den Herbs t, unter dem Titel »Abschied« den Ab-
schied und unter dem Titel »Klagelied des Armen« die Armut, von der
man nicht oft genug sprechen kann. Es ist ein schlichter Dichter; auch im
Dialekt, in dem er zu Hause ist, fiihlt er sich zu Hause, eines seiner
Gedichte heifk naturgemafi: »s' Hoamatland«, und so gar der altesten
Vergangenheit ist er nicht fremd: Er hat unter anderm den »Heliand«
nachgedichtet, und seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
erschienen seine Werke.
Das sind Verdienste, gewift. Aber der Schreiber dieser Zeilen ist ein
unseliges Kind dieses unseligen Jahrhunderts, und es ist ein Fluch, an so
manchen Verdiensten achtlos vorbeizugehen und seinen eigenen zu le-
ben. Es gibt nur wenige Dinge in der Welt, die imstande sind, ihn auf
seinem unfreundlichen Weg aufzuhalten. Zu diesen Dingen gehoren
ganz bestimmte Portrats alter Manner, auch wenn es nicht immer Dichter
sind.
Der Herausgeber der » Ausgewahlten Dichtungen« Samhabers hat nun
an den Anfang des Buches die schonste Dichtung gesetzt, an der aller-
dings der liebe Gott selbst mit den bedeutenden Mitteln seiner schon so
oft erwahnten Genialitat und im Verein mit Herrn Samhaber gearbeitet
haben diirfte: Diese Dichtung ist das Portrat des achtzigjahrigen Edward
Samhaber. Unter dem Bild stehen von des Dichters Hand in einer sympa-
thischen und sorgfaltigen, nicht grofkn, aber auch nicht kleinen, nicht
gewohnlichen, aber auch nicht gesuchten, runden und manchmal unter-
brochenen lateinischen Schrift die edlen Worte: » Dolor pater artist.
700 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ja, verehrter achtzigjahriger Dichter! Der Schmerz ist der Vater der
Kunst. Diese Worte sind nicht Samhabers Worte - aber es gibt Zitate,
die, wenn sie von bestimmten Menschen angewendet werden, von die-
sen Menschen auch neu erfunden sind. Es ist, als wiirden die lauteren
Worte noch einmal so schon gelautert. Von des einen Lippen kommen
sie entweiht, und von des andern Lippen tonen sie mit edlem, neuem
Klang. Samhaber darf sie sprechen.
Edward Samhaber tragt seinen Hut gerade auf dem Kopf. Der Hut
bedeckt die Stirn des Dichters fast bis zu den Augenbrauen und be-
schattet das Angesicht dennoch nicht. Im Gegenteil: Es ist, als wurfe
der Hutrand gar keinen Schatten. Es ist, als kame aus dem Angesicht
eine solche eigene, schone Helligkeit, dafi sie jeden Schatten eines
Schattens vernichtet. Unter der hochgezogenen und dennoch rund ge-
wolbten Braue sieht ein helles Auge, von vielen freundlichen Falten
umgeben und gleichsam liebend umworben, in jene Welt, in welcher
der Schmerz der Vater der Kunst - und nicht nur der Kunst - ist.
Dieser Blick ist gescharft an Erfahrungen, die der Verstand nicht un-
mittelbar angewendet hat; an Erfahrungen, aus denen der Dichter die
billigen Folgen zu ziehen verschmaht hat; an Erfahrungen, die ein eif-
riges Herz aufgeschichtet hat, zu gar keinem Zweck - einfach der
Kostbarkeit wegen, die sie bedeuten, wenn man sie nicht anwendet.
Die Nase des Dichters ist die grofte, gekrummte Nase eines trotz alle-
dem klugen Mannes. Sie wolbt sich gleich an ihrem Anfang dem Leben
entgegen, das es zu riechen gilt, nicht nur zu schauen. Sie endet mit
starken, gutgebauten Fliigeln, von denen man weifi, dafi sie nicht ner-
vos und sensibel vibrieren, aber zuverlassig und solide den Duft der
Blumen, den Atem des Lebens und den Hauch des Todes aufnehmen.
Oberlippe, Kinn und Wangen sind von einem weifien, aber nicht lan-
gen, die Form des Gesichtes nicht verhullenden, sondern nur beklei-
denden Bart bedeckt, der die Schlafen mit dem Hals verbindet, ein
energisches, skeptisches und gleichsam selbstgeschaffenes Kinn erraten
lafit und eine vollkommene, klare, silberne Einheit der Personlichkeit
zustande bringt. Den Kopf halt der Dichter ein wenig vorgestreckt,
aber nicht, wie um besser zu sehen - denn er kennt schon so viel;
sondern um den Dingen (der Dinge wegen und aus Courtoisie ihnen
gegeniiber) naher zu sein und ungefahr so, wie man sich Frauen entge-
genneigt, wenn sie uns mitten in einem Gewirr etwas mit leisen Stim-
men erzahlen.
1927 70i
Fiigen wir noch hinzu, dafi der Dichter seine beiden kraftigen Hande
mit den starken, langen Fingern urn den Griff seines Stockes halt, als
safie er auf einer Bank in einem Garten; dafi er, soviel an der Photogra-
phic zu erkennen ist, einen Samtrock tragt, mit sauber eingenahten
Borten, wie es einem Dichter geziemt; dafi der Glanz einer festlichen
Zufriedenheit aus seinem Bilde nicht erstrahlt, sondern stromt:
So glauben wir den Dichter vollkommen gezeichnet zu haben.
Der Adel des Alters liegt um seine Vitalitat, wie Poesie gebreitet ist urn
die schone Sinnlichkeit eines vollendeten Naturwerks. Der Dichter
erinnert an einen Wald und an ein Monument gleichzeitig. Seine Ziige
sind endgiiltig gemeifielt, und es lebt in ihnen. Sie verandern sich und
bleiben. Er erinnert an ein Marchen und zugleich an einen, der es er-
zahlt. Er hat den Fruhling besungen, den Herbst und die Heimat: ob
meisterhaft oder gewohnlich, ich wage nicht, es zu beurteilen, nach-
dem ich seine Photographie gesehen habe. Er ist ein Dichter ohne
Zweifel. Wer von den jungen Autoren diirfte es wagen, sein Portrat
seinen ausgewahlten Werken voranzustellen? Neben den Boxern in
den illustrierten Zeitungen sehen die bekannten Schriftsteller schon
miserabel genug aus: noch nicht Muskel und nicht mehr Geist.
Dieser Achtzigjahrige aber darf sich seinen Werken voranstellen . . .
Er werde hundert!
Frankfurter Zeitung, 30. 3. 1927
DIKTATUR DER KONFEKTION
Im Anschlufi an die Messe in Frankfurt am Main veranstaltete die
» Deutsche Liga fur Schbnheit und Korperkultur« einen Schonheits-
wettbewerb, dessen fatale Konsequenz eine Frankfurter »K6nigin«
sein sollte, wie es bereits in vielen anderen Stadten Koniginnen gibt.
Von einer Stadt in die andere zieht diese Deutsche Liga, Koniginnen
anwerbend und sie salbend. Berlin kam auf die Idee, Amerika zu ko-
pieren. Aber was in Amerika noch abstrus ist oder brutal oder merk-
wiirdig - jedenfalls einen Stil hat: den amerikanischen, wird in
Deutschland, wo Harry Piel den wilden Westen reprasentiert, einfach:
Knorke! In der Provinz verwandelt sich dieses immerhin noch primare
Knorke in ein sekundares Pseudo-Knorke.
7 02 DAS JOURNALISTISCHE WERK
In einem grofien Saal im Palmengarten fand die Wahl der Frankfurter
Konigin statt, nachdem eine Modeschau die innige Verbindung zwi-
schen der Konfektion und der neo-monarchistischen Gesinnung be-
wiesen hatte. Es hatten sich mehr als hundert Madchen gemeldet, An-
gehorige des Kleinburgertums und der aus dem Kleinbiirgertum aus-
gebrochenen Stande. An den Tischen aber safien Angehorige grofieren
und kleineren Biirgertums gemischt: Intelligenz, Konfektion, Ange-
stellte, und tranken Wein. Die Kellner servierten keine warmen Ge-
tranke. Der Diktatur der Konigswahler gesellte sich die Diktatur des
Schankwirts. Er zwang seine Gaste, mehr Geld auszugeben, als sie
konnen, und bewies ihnen so ihre Moglichkeiten zu sozialem Aufstieg.
Freie Bahn den Tiichtigen in den Warenhausern.
Die »Deutsche Liga fiir Schonheit und K6rperkultur«, deren Leiter
mit einem echten Grafen bekannt ist, hat es vermocht, Angehorige der
sogenannten oberen Stande und einige Mittler zwischen oberen Stan-
den und den nicht Besitzenden, das sind Kiinstler und Schriftsteller, als
Preisrichter zu gewinnen. Sie safien im Halbkreis auf der Biihne. In-
dessen traten die Wettbewerberinnen auf, die meisten in Abendklei-
dern, einige, von wegen der Reize, in Badekostiimen. Sie gingen im
Glanz der Scheinwerfer iiber einen schmalen Tisch, der von der Biihne
aus in die Mitte des Saales fiihrte und mit Teppichen bekleidet war -
einfach Klasse. Die Musik schmetterte. Die armen Frauen drehten
sich. Im Zuschauerraum safien schon versorgte Frauen, die sich ihre
Schonheit nicht bestatigen lassen wollten, und brachen in kritisches
Gelachter aus, sobald sich eine Frau auf dem Tisch darbot, von der
man mit Sicherheit annehmen konnte, daft sie fiir einen der Throne,
welche die Geschaftswelt zu vergeben hat, nicht in Betracht kam. Ach,
es gab dicke Frauen mit schwerem Gang, die sich nicht auf Tischen
prasentieren diirfen! Es gab ein blondes Madchen in schwarzem Tri-
kot, mit lang aufgelostem blondem Haar und jeden Moment bereit, die
Kriemhild des zwanzigsten Jahrhunderts zu werden unter den Nibe-
lungen der Warenhauser. Nach jedem Gang schieden einige aus. Sie
traten vor die Preisrichter im Smoking, nackt, auch wenn sie angezo-
gen waren, vom Ehrgeiz bis auf die Haut, von wildgewordenen
Scheinwerfern bis auf ihre schmerzliche traurige Armut entblofk, und
holten sich rote Zettel von den Preisrichtern, die sich ebenso entblofk
hatten. Viele wurden ausgeschieden. Sie verschwanden hinter dem
Vorhang, gingen hin und zogen sich wieder an und wufiten nicht ein-
1927 70}
mal, was sie getan hatten. Immer kleiner wurde die Zahl der Frauen auf
dem Tisch. Dann zogen sich die Preisrichter zuriick, mit den Ausge-
siebten gingen sie hinter die Kulissen, der Macher vons Janze verkiin-
dete es laut, dafi jetzt der grofle Augenblick bevorstehe.
Dann zerrte eine Preisrichterin die gekiirte Konigin auf das Podium.
Jemand driickte ihr eine schimmernde Krone aus glasernen Edelstei-
nen aufs Haupt. Die Musik entfesselte einen Tusch.
Der Tisch, auf dem die Konkurrentinnen spaziert waren, wurde mitten
in den Festlichkeiten auseinandergenommen. Staub wirbelte auf. Putz-
frauen kehrten ihn zusammen. Man begann zu tanzen. Bei mir -
Charleston!
Nicht alle waren mit der Wahl einverstanden. Die Stimme des Volkes
widersprach, wahrend die Konigin noch auf dem Podium stand, der
Wahl der Preisrichter. Galante Manner, die sich vom kleinen Moritz
zum Rahon-Chef emporgedient hatten, murrten vernehmlich.
So war es in Frankfurt. So ist es in Dresden, in Leipzig, in Chemnitz,
in Konigsberg, in Koln. Aus alien Stadten stromen die Koniginnen in
die Mode- Ateliers. Zigarettenfirmen stiften Preise. In der Deulig-Wo-
che werden sie noch einmal vorgefiihrt. Die Liga fur Schonheit reist
von Ort zu Ort. Wahrend die Gutsbesitzer noch auf die Heimkehr des
Kaisers warten, kronen die Warenhausbesitzer schon Koniginnen. Es
ist der Monarchismus der stabilisierten Branchen. Es ist der Wieder-
aufbau Deutschlands. Es sind die Wege zu Kraft und Schonheit, die
sich schon zu einer »Liga« verdichtet haben.
Einfach schnieke . . .
Frankfurter Zeitung, 30.3. 1927
DER ALTE DICHTER IST GESTORBEN
Ich schrieb vor einigen Tagen in der » Frankfurter Zeitung« uber das
Portrat des achtzigjahrigen Linzer Dichters Edward Samhaber. Ich
schlofi meinen Aufsatz mit dem Wunsch, der Achtzigjahrige moge
hundert werden. Die »K6lnische Volkszeitung« teilt nun mit, daft Ed-
ward Samhaber gestorben ist - drei Tage vor dem Erscheinen meines
Aufsatzes - wie ich nun berichten kann: an dem Tag, an dem ich den
704 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Aufsatz schrieb. Ich schrieb ihn in der Nacht, Samhaber, der Tote, war
mir nahe, und ich wufite nicht, dafi ich ihm eine Grabrede hake, wah-
rend ich ihm ein langes Leben wiinschte. Er bekam, am Tage seines
Todes, eine Auszeichnung: das silberne Abzeichen, das die osterreichi-
sche Republik ihren Dichtern zu verleihen pflegt. Nun bedarf es der
staatlichen Auszeichnung und meiner Wlinsche nicht mehr. Echte
Veilchen werden aus seinem toten Gebein spriefien - und in jener Ab-
teilung des Paradieses, die fur Dichter reserviert ist, hat er ein ewiges
Leben. Sein wunderbares irdisches Angesicht hat er abgelegt und uns
zum Andenken hinterlassen. Ehre seiner schonen Erbschaft!
Frankfurter Zeitung, 2. 4. 1927
BESPRECHUNG EINES NICHT GEDRUCKTEN
BUCHES
Lebt einer so auf ferner Insel
wie Freitag, Freund des Robinson,
mit Zeichenstift und Malerpinsel,
dann hat er seine Freude schon.
Das Buch, iiber das ich hier berichten will, ist noch nicht gedruckt. Es
findet keinen Verleger. Die Verleger finden es nicht. Denn es ist ein
schones Buch.
Es enthalt die einfachen, menschlichen, spielerischen und glaubigen
Verse, die ich als Motto diesem Bericht vorangesetzt habe. Es ist ganz
in solchen Versen geschrieben. Seine Sprache klingt wie ein simples
Musikinstrument fiir Kinder, wie eines jener musikalischen Spiel-
zeuge, die man heute in den Fabriken nicht mehr herstellen kann, die
aber friiher einmal, in frommen Zeiten, dichtende Handwerkerhande
in Ruhepausen zu schaffen pflegten, aus Laune oder Not, jedenfalls
immer mit Frommigkeit. Die Sprache dieses Buches ist wie die Melo-
die einer Spieldose, behutsam, aber kraftig, diinn, aber den Zuhorer
zwingend, arm an Zwischentonen, aber reich an Stimmung, arm an
Schatten, reich an Farben, tanzerisch und dennoch sehr bestimmt und
heiter wie ein Morgen in den groften Sommerferien. In dieser Sprache
1927 7°5
erzahlt der Verfasser, wie der schwarze Freitag, Robinsons Freund,
Zeichner, Maler und Plastiker wurde.
Das kann der Leser nicht nur horen, sondern auch sehen. Denn der
Verfasser zeichnet, malt und knetet alles mit, was Freitag gezeichnet,
gemalt und geknetet hat.
Es gaben Mai- und Zeichenlehrer
dem Schwarzen keinen Unterricht,
doch friih schon war er ein Verehrer
der Dinge unterm Sonnenlicht.
Der Autor zeichnet und erzahlt so selbstverstandlich, daft ich gar nicht
mehr zweifle: Freitag war sein guter Bekannter, gab ihm seine ersten
Zeichenhefte und sagte: »Lieber Verfasser, veroffentliche das fur die
weiften Menschen!« Da ging der Verfasser hin, machte eine Auswahl
aus Freitags Versuchen, schrieb zur Erklarung ein paar Verse und hatte
selbstverstandlich die deutschen Verleger genauso iiberschatzt, wie es
der schwarze Freitag getan hatte, der das Gluck hatte, einen der zehn
anstandigen weifien Manner kennenzulernen, welche die europaische
Rasse hervorgebracht hat. Sie waren keine Verleger.
Die Versuche Freitags beginnen also mit einfachen Linien, horizonta-
len und vertikalen. Sie runden sich allmahlich, werden Bogen, Wellen,
Kreise, Spiralen und Schnecken. Dann kommen dicke, saftige Punkte,
gleichsam schwarze Kiisse eines gesunden, lebensvollen Pinsels. Dann
streichelt der Pinsel auf das Papier Giebel, Haken, Dachlein, nimmt
Urlaub, tritt vor dem Bleistift zuruck, und bald darauf mit ihm in
Kompanie zu arbeiten - an Dreiecken, Sternen, Blattern und Blumen,
an einer gelben gutgeratenen Schnecke, die an ein fettes Posthorn erin-
nert, an einem blau-rot-gelb-griinen Ornament, das so aussieht, als
hatte die Natur selbst einen Buchdeckel gezeichnet. Auf einmal steht
da, umgeben von losen und dennoch bliihenden, gewissermaflen gar
nicht abgepfliackten, sondern in der Lust wurzelnden Blattern und
Beeren, ein schlanker Baum, von ziegelrotem Stamm und dichter vio-
letter Krone, eine Art exotischer Pappel, wie sie auf den heifien und
einsamen Inseln der Phantasie wachsen. Auf einmal ragt da ein nackter
Fels gegen einen tiefblauen, dreimal uberblauten Himmel, schwarze
Vogel, nur aus Schwingen bestehend, umkreisen ihn, ein Flufi bahnt
sich sein gewundenes Bett durch iippiges Gestrauch dem fernen, un-
J06 DAS JOURNALISTISCHE WERK
heimlich weiften, deshalb so grenzenlosen Horizont entgegen. Rote
und blaue Kafer, griine Heupferdchen, Zitronenfalter und Fische ste-
hen, kriechen, hiipfen und schwimmen in schwarzen Kastchen, einge-
fangen, aber nicht gefangen, in Schubladen.
Da rollt ein Klumpen Lehm herunter
bis vor der Hiitte Eingangstor —
und Freitag beginnt zu kneten: zuerst Robinsons fromme, bartige,
ernste, im Leben erfahrene Geifi, dann zwei Vogel auf einem gabeligen
Ast, solide, lehmig, noch nicht recht gefliigelt, wie die allerersten Vo-
gel waren, die urspriinglich auch aus Lehm geformt waren - schhefilich
Robinson selbst, nut einer optimistischen Pfeife im Mund, mit einem
langen Bart, der ein bifichen klebt und ein bifkhen walk.
Links von Robinson, er scheint gerade hinzusehen, schwimmt ein ro-
tes schmales Schifi mit fiinf Segeln, mit schwarzen Kopfchen bemannt,
sozusagen bepunktet, auf einer blauen, auf einer dreimal blauen, auf
einer See aus absoluter Blaue, unter einem aschgriingrauen, nicht wol-
ken-, sondern unheilverhangenen Himmel, auf dem sich Katastrophen
ballen. Noch blahen sich die Segel weifi, weifi, weifi wie Sonne und
Madchenkleider, wie Unschuld, Friede und gebleichte Wasche. Dar-
unter, durch einen Strich abgegrenzt, ist die Bucht, von unendlich
blauen Bergen umsaumt, unter klarem Himmel, mit grunem Laub-
werk geziert, das sie gleichsam in den Knopflochern tragt, eine Bucht,
heiter wie ein Sonntag, nichtsahnend von dem grauen Unheil des offe-
nen Meeres.
Die Farben leuchten auf dem Papier wie auf Porzellan, sie wuchern
iippig, in den Adern der Baume und Pflanzen rollt das griine Blut der
Tropen, im Himmel und in den Bergen balk sich das tiefe Blau der
Sehnsucht, die unsichtbare Sonne des Siidens liegt greifbar, eine konsi-
stente Masse aus Licht, auf der ganzen Landschaft, und der Verfasser
ist der Maler Fried Stern. Er sucht, wir suchen einen Verleger.
Frankfurter Zeitung, 9.4. 1927
DIE FRAU VON DEN B ARRIKADEN
Larissa Reifiner wurde 1895 in Lublin geboren, am ersten Mai, dem
proletarischen Weltfeiertag. Ich bin geneigt, an der Zufalligkeit dieses
Datums zu zweifeln, wenn ich an das spatere Schicksal der Larissa
Reifiner denke, das ihr den Titel »Die Frau von den Barrikaden« ver-
lieh. (Ihre Genossen, die Matrosen und Soldaten im russischen Biirger-
krieg, nannten sie so.) Ihr Vater war Professor, Sozialist, deutscher
Abstammung, ihre Mutter Polin. Als Kind lebte Larissa Reifiner einige
Zeit in Deutschland. Bei Leonid Andrejew iernte sie schreiben. Im
Jahre 19 14 wurde sie Mitarbeiterin an der Zeitschrift ihres Vaters. In
der Februar-Revolution schrieb sie Artikel in Gorkijs Zeitschrift »Na-
scha Schisn«. Sie ging an die Rote Front, war im Dienst der Revolution
Soldat, Spion, Kundschafter, Redner, Kommissar, Journalist, Leitar-
tikler und Berichterstatter, Kommandeur, sie ritt, marschierte, schofi,
verurteilte, schlich sich hinter den Riicken des Feindes, wurde erkannt,
floh, kehrte zuriick, sie hungerte, fror, erkrankte, gesundete, trostete
Kranke, sah Kameraden sterben, begrub Tote, liebte, siegte im grofien
Sieg der Revolution, kehrte heim, ging mit ihrem Mann nach Afghani-
stan, schrieb dariiber, kam nach Deutschland und schrieb dariiber,
ging in den Ural und beschrieb ihn, erkrankte 1925 an Typhus und
starb so schnell, so vehement, so uberraschend, wie sie gelebt und ge-
schrieben hatte. Nach acht Tagen war sie tot.
Ihre »Ausgewahlten Schriften« sind jetzt, von Karl Radek herausgege-
ben und eingeleitet, im Neuen Deutschen Verlag, Berlin, erschienen,
unter dem Titel: »Oktober«. (XXXI, 495 S. Geb. M 6.50.)
Von den Fingern eines alten Platinsuchers im Ural schreibt Larissa
Reifiner:
». . . sie sind wie zehn weifie Blinde, die sich fuhrerlos, aber sicher um-
herbewegen, sie sind wie zehn schneeweifie Windhunde, welche die
Spur eines silbernen Hirsches verfolgen.« Uber die Augen eines alten
Kohlengrabers schreibt sie: »Die Augen sind fast farblos, wie Kerzen
bei Sonnenlicht.« Wenn sie erklaren will, wie unvermittelt einem eine
bestimmte Erkenntnis kam, sagt sie: »Diese Erkenntnis kam ganz von
selbst, wie der Kuckuck aus der Wanduhr.« Sie hat ubrigens nicht nur
fur die Revolution gekampft, gegen die Weifien. Sie kampfte auch nach
der gelungenen Revolution fur die Arbeiter gegen die rote Biirokratie:
708 DAS JOURNALISTISCHE WERK
»Der biirokratische Ring schliefk sich mit Befriedigung - der Arbeiter
wird in ein Wanzennest eingespert, weil wir auf dem Papier beschlos-
sen haben, die von der Revolution angegriffene Waldwirtschaft zu ret-
ten.« Von alien russischen Schriftstellern der jiingsten Zeit gehort sie
zu den vier, fiinf, die eine literarische Kultur, eine sprachliche Tradi-
tion, eine handwerkliche Zucht haben. Ihr eigentliches grofies Talent
ist eine Art Schlagfertigkeit der Feder. Ihre schriftstellerische Methode
ist die Offensive auf das Objekt. Sie erstiirmt das »Thema«. Ihre starke
Wirkung kommt von ihrer absoluten Subjektivitat, ihrer anarchisti-
schen Willkiir, ihrer aggressiven Melodic Die lebendige Bildlichkeit
ihrer Sprache ist das Produkt russisch volkstiimlicher Unmittelbarkeit.
Die Sicherheit ihrer trefflichen Metaphern und Vergleiche ist die Folge
ihrer eigenen (weiblichen) Sensibilitat. Die UnerbittHchkeit ihres Ur-
teils diktiert ihr ein klares, scharfsichtigesj detailliertes Auge. Die
Warme ihrer Sprache liefert ein grofies, edles, menschliches Herz. Ihr
Charakter ist human und ihre Uberzeugung entschieden. Ihr Instinkt
ist hell wie eine Vernunft, ihre Hand flink wie ein Gedanke, ihr Hohn
scharf und kalt wie eine Woge, ihr Spott grausam wie ein Fluch, ihr
Werkzeug elegant wie ein Scherz, ihr Pathos dunkel wie eine Nacht.
Ihr Thema ist die Wirklichkeit, ihre Gedichte sind journalistische
Nachrichten, ihre Romane sind Reportagen, ihr grofies Drama ist ihr
Leben, ihre Liebe und ihr Tod.
Im Krieg und manchmal auch spater trug sie Hosen, Gamaschen, eine
Soldatenmiitze und eine Rubaschka. In Berliner, Leipziger, Hambur-
ger Proletariervierteln trug sie Rock und Bluse, die Uniform der Prole-
tarierin. In den Hausern, den Salons, den Direktorskanzleien beriihm-
ter deutscher und franzosischer Industrieller verkehrte sie unter fal-
schem Namen, unter falschen Voraussetzungen empfohlen, eingefiihrt
und eingeladen, in der kostspieligen, eleganten Tracht einer Dame von
Welt. Im »Romanischen Cafe« safi sie, sehr selten, sehr gelangweilt,
unerkannt und unter Pseudonym, in der Kleidung, die einen symboli-
schen Kompromifi der literaturnahen Frauen mit den herrschenden
Gesetzen der btirgerlichen Mode darstellt. Ihre Schlauheit war so groft
wie ihr Talent. Ihre Schauspielerei so iiberzeugend wie ihre Taten im
Burgerkrieg. Ihre Macht iiber Menschen und Manner so siegreich wie
ihre Schonheit.
Sie war schon. Ihr Angesicht war kuhn, licht und entschieden. Ihr
Haar hatte den Glanz des Kupfers, es klang beinahe, wenn man es
1927 709
ansah. Ihre Augen waren klug und stolz wie zwei Gedanken. Ihre Stirn
war klar wie ein Mittag. Man sagt, dafi ihre Liebe groft war wie ihr
Mut. Diese Frau scheint dagewesen zu sein, um in Legenden weiterzu-
leben.
Ich sah im letzten Winter - sie war ein Jahr vorher gestorben - ein
mittelmafiiges, primitives Portrat von ihr, im Kreml, im Zimmer Karl
Radeks. Das Bild war mafiig, aber der Tod hatte es geweiht. Es wurde
nicht besser, aber es wurde schoner. Radek sprach von der Toten, mit
der stillen, lebendigen, giitigen Warme, die nur in seltenen Fallen iiber
scharfe dialektische Zungen kommt wie eine Gnade. Es war ein Win-
terabend, eine schuchterne griine Schreibtischlampe brannte, drauften
fiel Schnee auf den Kreml, drinnen lagen tausend Biicher in Regalen,
auf Stiihlen, auf dem Tisch, auf dem Boden, das Bild von der jungen,
toten, schonen Frau hing halb im Schatten wie in einem jenseitigen
Dammer.
Es war wahrscheinlich gut und in Ordnung, dachte ich spater, als ich
das stille, verschneite Kreml-Tor verliefi, es ist vielleicht gut und in
Ordnung, daft sie tot ist, die junge Larissa ReiEner. Sie ware wahr-
scheinlich heute in der starksten »Opposition« - »der biirokratische
Ring schliefit sich mit Befriedigung« — vielleicht in Sibirien — es ist
nicht viel Platz in der Welt fur eine Frau von den Barrikaden, wenn die
Barrikaden abgebaut werden.
Frankfurter Zeitung, 10. 4. 1927
Reise nach Albanien
BEIM PRASIDENTEN ACHMED ZOGU
An einem Sonnabend, urn fiinf Uhr nachmittags, gehe ich zu dem Pra-
sidenten der albanischen Republik. Sein Haus ist militarisch bewacht.
Der Doppelposten salutiert. Der Adjutant wartet im Vorzimmer. Er
ist jung, schlank, Major, liebenswiirdig, bereit und imstande, liber das
Wetter, die albanische Landschaft und die Gefahren der Malaria zu
sprechen: ein Adjutant.
Im Zimmer des Prasidenten befindet sich ein alterer Herr, Aufienmini-
ster, klug und wohlbeleibt. Er ist ebenso Dolmetsch wie Aufsicht und
Vorsorge. Der President tragt die Uniform eines Generals. Einer Eti-
kette gemafi, die Staatsoberhaupter an Schreibtische bindet, tritt Ado-
rned Zogu anderthalb Schritte vor den Tisch. Begriifiung. Ich verliere
mich in einem Fauteuil. Der President sagt dem Minister auf albanisch,
er sei erfreut, eine grofie Zeitung Deutschlands in Albanien zu begrii-
fien; der Sympathie des kleinen albanischen Volkes sei das grofie deut-
sche gewifi. Der Minister wiederholt es franzosisch. Der President ge-
stattet mir, frei und ungehindert und mit Unterstiitzung aller Behor-
den durch Albanien zu reisen. Der Minister wiederholt es. Verbeu-
gung. Verbeugung. Verbeugung. Hierauf beginnt Achmed Zogu,
deutsch zu sprechen. (Er hat in osterreichischen Diensten gestanden.)
Ob ich schon lange in Albanien sei. Wie lange ich zu bleiben gedachte.
Wann und wohin ich mich begeben wolle. Er wiinsche nichts anderes
von den Berichterstattern als die Wahrheit. Die Wahrheit - erwidere
ich - sei eine relative Sache. Was dem einen wahr erscheine, halte der
andere fur eine Luge. Deutsche Berichters tatter waren jedenfalls vom
Drang nach Wahrheit beseelt.
Im iibrigen habe ich keine Fragen zu stellen - weil ich mir alle selbst
beantworten konnte. Interviews sind die bequemen Mittel journalisti-
scher Verlegenheit.
Auferstehung aus dem Fauteuil. Lacheln auf drei Gesichtern. Verbeu-
gung. Verbeugung. Verbeugung. Adjutant. Posten. Salutieren.
1927 7"
Was also die Zeremonie der Audienz betrifft, so unterscheidet sich die
albanische von den durch Uberlieferung, Sitte und Furchtsamkeit ge-
bildeten Zeremonien in anderen Landern iiberhaupt nicht. Achmed
Zogu ist jiinger als die Prasidenten der europaischen Republiken; er ist
kaum iiber dreiftig. Er hat eine heftiger bewegte und reichere Vergan-
genheit als Europaer seines Alters. Er hat tote Gegner auf dem Gewis-
sen und lebendige im Land. Das letzte ist eine Eigenschaft aller Staats-
manner der Welt, das erste - namlich eher die toten Gegner als das
Gewissen - eine orientalische Speziaiitat. Achmed Zogu sieht harmlos
aus, grofi, den Verhaltnissen entsprechend reprasentativ und uberra-
schend blond. Seine Blondheit liegt wie verirrt auf seinem orientali-
schen Angesicht. Die Haltung, die ihm seine Aufgabe, Audienzen zu
erteilen, vorschreibt, ist eher die Folge einer Vorsicht als einer natiir-
lichen Sicherheit. Die Sparsamkeit seiner Worte, die Langsamkeit sei-
ner Zunge, die leere Hoflichkeit seiner Fragen sind Aufterungen nicht
oft genug geiibter und desto peinlicher eingehaltener Reprasentations-
pflichten. Er fiihlt sich - ohne Grund - zu einer Art kronprinzenhafter
Banalitat verpflichtet.
Man erzahlt, daft seine militarischen Fahigkeiten gering seien. Er habe
im Weltkrieg nicht, wie die frische Legendenschopfung behauptet,
Durazzo an der Spitze seiner Albanesertruppe erobert. Aber es ist in
diesem Land, wo jeder zehnte Bauer ein militarisches, jeder zweite ein
schiefttechnisches Genie ist, unwahrscheinlich schwierig, durch milita-
rische Talente zu glanzen. - Man erzahlt, daft er ein rucksichtsloser
Diktator sei. Aber es ist in Albanien, wo jeder Bandenfiihrer selbst
Diktator, jeder Grundbesitzer sein Vasall, jeder, der lesen und schrei-
ben kann, sein Sekretar sein mochte, wahrscheinlich nichts anderes
moglich als riicksichtslose Diktatur. Ubrigens scheint Achmed selbst
weniger diktatorisch zu sein als seine Umgebung, die erfahrener, klii-
ger, rucksichtsloser als er ist und zum groftten Teil eine langjahrige
tiirkische Schulung hinter sich hat. Von alien Eigenschaften, die einen
Diktator weniger zieren als kennzeichnen, scheint der President der
albanischen Republik nur die Furcht um sein Land zu kennen - aller-
dings mit Recht in einem Land, in dem man nicht einmal Diktator zu
sein braucht, um gelegentlich erschossen zu werden. - Achmed hat
ferner eine reichdotierte Gastfreundschaft bei den Sudslawen genos-
sen, hat mit Hilfe siidslawischer Banden Albanien »erobert« und
knapp danach den bekannten Pakt mit Italien geschlossen. Aber seit
712 DAS JOURNALISTISCHE WERK
mehr als 800 Jahren weisen die meisten einflufireichen Menschen in der
Welt des Balkans kein Geld zuriick, besonders wenn es von zwei ver-
schiedenen Seiten gezahlt wird - weshalb sollte gerade Achmed eine
Ausnahme sein? Die selbstlose Freundschaft Siidslawiens fiir Albanien
ist iibrigens auch noch nicht erwiesen gewesen. Aber selbst, wenn ich
(mit Recht) an dem ganz selbstlosen Patriotismus Achmeds zweifelte,
so deckt in vielen Punkten die vielleicht egoistische Ambition des Pra-
sidenten die wahren Bediirfnisse des Landes, das vor der Wahl, sich in
die Obhut eines hoher kultivierten oder eines unsicheren und mit sei-
nen inneren Schwierigkeiten noch kampfenden Nachbarn zu begeben,
den ersten wahlt. Man wirft ferner dem Prasidenten vor, dafi sein Bild
alle Wande, die Marken und die Miinzen ziert. Aber auch in hoher
kultivierten Landern wird die vervielfaltigte und gestanzte Photogra-
phie das beste Mittel sein, sich dem meist treulosen Gedachtnis der
Burger einzupragen.
Im iibrigen ist es unmoglich, die Verhaltnisse eines orientalischen Staa-
tes, dessen Geschichte aus Unterdriickung besteht, dessen Sitte Kor-
ruption heifit, dessen Kultur eines Mischung aus heimischer bukoli-
scher und wildromantischer Naivitat und fremder aufoktroyierter In-
trige ist, mit der demokratischen Moral des Westeuropaers zu beurtei-
len. Wenn man plotzlich ins Mittelalter versetzt wiirde, konnte man
sich konsequent nicht iiber die Hexenverbrennung entriisten.
Man mufi sich bemiihen, Achmed mit vorurteilslosen Augen zu be-
trachten und ihn aus seiner Umgebung heraus zu erklaren. Man mufi
wissen, dafi er der Nachkomme eines albanischen Furstengeschlechts
ist, das schon im siebzehnten Jahrhundert und noch fruher geherrscht
hat - wahrscheinlich keineswegs mit demokratischen Methoden. Man
mufi wissen, dafi ein Parlament in Albanien nicht anders zustande
kommen kann, als es eben in Albanien zusammenkommt. Es wird
noch zwanzig Jahre lang ein »Scheinparlament« bleiben. Es ist den
Einfliissen der Cliquen, dem Willen des Staatsoberhauptes ebenso
preisgegeben wie die siidslawische Skupschtina zum Beispiel und
ebenso ohnmachtig wie das Parlament in Budapest und besonders An-
gora. Man mufi wissen, dafi die Gegner und Feinde Achmed Zogus,
deren ich einige kenne, nicht durchaus etwa mehr westeuropaische
Moral haben als der President. Von den neunhundertzwanzig westeu-
ropaisch gebildeten Mannern, die seit Achmeds Herrschaft das Land
verlassen haben, von den sieben Politikern, die seit 1925 nach Sudsla-
*9*7 m
wien gefliichtet sind, von den zwolf seit 1922 urns Leben Gekomme-
nen vermute ich, dafi sie auch keine anderen Regierungsmethoden an-
wenden mochten als Achmed Zogu - und verurteile sie deshalb nicht.
Denn in der albanischen und in der orientalischen Politik iiberhaupt ist
die personliche Notwehr ein sehr weiter Begriff und spielt beinahe die
Rolle wie in der westeuropaischen das Staatsinteresse. Es mufi erst eine
miihsame und langsame Erziehung einsetzen, um aus Hirten, Stam-
meshauptlingen, Bandenfiihrern und religiosen Fanatikern Staatsbur-
ger zu machen.
Ob Achmed Zogu berufen oder imstande ist, diese Erziehung in An-
griff zu nehmen, ist freilich sehr ungewifi. Heute ist ihm selbst vor
seiner Bindung mit Italien bange. Er ist heute allein nicht mehr im-
stande, geschickt Italien und Siidslawien gegeneinander auszuspielen.
Nichts erwartet er heute sehnlicher als einen neuerlichen Versuch
Siidslawiens, sich ihm zu nahern. Aber Siidslawien bereitet erbittert
neue Manner und neue Verwicklungen vor. Italien schutzt seine eige-
nen Interessen mehr als das Leben Zogus. Und so sitzt dieser junge
Mann, der schon drei Aufstande niederwerfen muftte, in einer gutge-
schnittenen Generalsuniform, mit einer immensen Apanage, in einem
fur albanische Verhaltnisse furstlichen, fur unsere Verhaltnisse biirger-
lichen Haus, umgeben von einer Leibgarde, deren Treue relativ ist wie
alles in diesem Land, beraten von Politikern, die ihre Schlauheit in
tiirkischen Diensten geschleift und ihren Charakter in tiirkischen
Diensten abgeschleift haben - so sitzt dieser junge Mann, der ein heite-
res Studentenleben in Paris fiihren konnte, zitternd und strenge da und
sieht einem vierten Aufstand entgegen. Am meisten nimmt man ihm
nicht die Todesfalle iibel, die er verschuldet haben soil, sondern die
Summen, die er bezieht. Aber - bezoge er sie nicht, so bekamen sie die
anderen, die es noch weniger verdienen: die kleine, aber fette Ober-
schicht von alphabetischen Blutsaugern, die tiirkischen Schreiber, die
korrupten Vermittler von Korruptionen.
Achmed Zogu kann morgen noch President, iibermorgen gar nicht
mehr sein, und an seiner Stelle safie ein anderer, der sich nur sehr we-
nig von ihm unterscheidet. -
Frankfurter Zeitung, 29. 5. 1927
SUDSLAWIEN UND ALB ANIEN - INNERE PROBLEME
Tirana, Ende Mai
Auf die Forderung »Der Balkan den Balkanvolkern!« legt von alien
Balkanstaaten der siidslawische den starksten Nachdruck. Er ist es sei-
ner Grofie, seiner Bedeutung und seiner Zukunft schuldig. Ware seine
aufiere Lage so giinstig, wie sie gefahrdet ist, ware dieser Staat im In-
nern so konsolidiert, wie er zerfahren ist, ware die siidslawische Politik
der letzten Jahre so klug gewesen, wie sie naiv war - so hatte Siidsla-
wien heute einen weit grofieren Umfang, es hatte Bulgarien, es hatte
weit weniger zu furchten, und Italien hatte weniger zu has sen.
Vertrauensselig, kindisch war im Jahre 1925 die Erhebung Achmed
Zogus auf den albanischen Prasidentenstuhl. Siidslawien hatte nicht
einmal gemerkt, dafi Achmed schon wdhrend seiner Anwesenheit in
Belgrad y wahrend er serbische Geldgeschenke und alle erdenklichen
Orden, die der siidslawische Konig zu vergeben hatte, erhielt, mit Ita-
lien verhandelte. Siidslawien spekulierte auf seine Dankbarkeit. Er
hatte nur einen provisorischen Vertrag unterschrieben - nicht einmal
die Quittungen iiber erhaltene Gelder. Man hatte glauben sollen, dafi
die Serben besser mit der Psychologie von Orientalen vertraut gewesen
waren, deren Vergefilichkeit so etwas wie eine kunstlerische Laune ist,
die die Rankiine lieben wie ein Kind das Spiel, deren Treulosigkek kein
bewufites Verbrechen ist, sondern ein infantiler Affekt. Siidslawien
aber sicherte sich nicht. Was dann kam, weifi man. Es kam Italien. Es
kam die Gefahr ernes Krieges. Der ist nur aufgeschoben.
Es gibt eine Unzahl Menschen in Siidslawien, die einen eventuellen
Krieg gegen Italien nicht furchten. Es gibt einige wenige, die ihn so gar
mit einer gewissen Genugtuung erwarten. Denn Belgrad lebt immer
noch von dem zum Teil verdienten, aber immerhin uberraschenden
Wunder, das ihm durch den Ausgang des Weltkrieges widerfahren ist.
Es hat die Auflosung seiner zwei starksten Feinde erlebt: Osterreich-
Ungarns und der Tiirkei. Es glaubt, auch mit schwacheren Feinden
fertig werden zu konnen. Die Kroaten, Slowenen und Bosniaken, die
in der osterreichischen Armee gegen Italien gekampft haben, erinnern
sich mit der schmunzelnden Verachtung, die primitive Heldennaturen
fiir physische Feigheit bekunden, an die angeblich unmilitarischen, un-
zuverlassigen Truppen Cadornas. Auch durchaus nicht naive Politiker
19*7 m
Sudslawiens halten in einem kommenden, allerdings lokal begrenzten
Krieg den personlichen Mut der siidslawischen Truppen fiir einen ent-
scheidenden Faktor und die heroische Neigung des serbischen und
kroatischen Soldaten zum Nahkampf mit Kolben und Bajonett fiir die
halbe Gewahr eines Sieges. Aber scheint nur diese Uberschatzung des
physischen Heroismus schon naiv genug, so ist der Optimismus, mit
dem man die sudslawische Armee bewertet, geradezu abenteuerlich.
Diese Armee verfiigt uber ein ausgezeichnetes Menschenmaterial und
leidet an einer schlechten Organisation. An leitenden militarischen
Stellen befindet sich kein einziger Offizier aus den friiheren Teilen der
Monarchic Kroatische und slowenische Stabsoffiziere wurden schleu-
nigst in Pension geschickt. Reserviert bleiben die hoheren Stellen fiir
die rein-serbischen Offiziere, die zum grofiten Teil eine mangelhafte
russische Ausbildung haben. Innerhalb der Armee halten sich die
»echten Serben« fiir iiberlegene Strategen, und auch innerhalb dieser
»echten Serben« gibt es Gruppen, die einander bekampfen, gibt es Per-
sonlichkeiten, die sich der besonderen Freundschaft der Freunde des
Konigs riihmen und - erfreuen diirfen — , und andere, die sich zuriick-
gesetzt fiihlen. Cliquen, wie sie bis jetzt die Politik des Staates zu sei-
nem Ungliick bestimmt haben, bestimmen immer die Personalpolitik
der Armee. Die Uniform der Offiziere ist sehr elegant, sehr farben-
prachtig, die Herren von der koniglichen Leibgarde zum Beispiel sind
wahre Musterexemplare des Belgrader und Agramer Abendkorsos.
Zwischen dieser reich verzierten Armee und der Zivilbevolkerung be-
steht trotzdem ein gutes Verhaltnis, die Offiziere bilden keine »Kaste«,
die militarische Verfassung ist gewissermafien demokratisch. Aber es
gibt in dieser selbstverstandlich koniglichen Armee auch republikani-
sche Elemente, nationalistische und republikanische Kroaten, unzu-
friedene und revolutionare Mazedonier, national unbefriedigte Deut-
sche und Ungarn. Man kann die Armee Sudslawiens ebensowenig
konsolidiert nennen wie den Staat.
Denn was die Nationalitatenpolitik betrifft und die Biirokratie, so ist
der sudslawische Staat der Nacbfolger der alien Monarchie auf dem
Balkan. Die Kroaten, Slowenen und Serben werden sich schliefilich
verstandigen und zusammen die einheitliche »siidslawische Nation«
bilden, zu der sich ein grofier Teil der serbisch-kroatisch-slowenischen
Jugend bekennt. Die nationalen Minderheiten aber bleiben in standiger
Opposition gegen die Slawisierungsversuche der Majoritat. Diese Ver-
7l6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
suche sind allerdings im Vergleich zu der riicksichtloseren, brutaleren
Minoritatenpolitik anderer Nachfolgestaaten immerhin human zu nen-
nen. Aber das ist nicht etwa bewufltes Prinzip der Regierung, sondern
Folge des weichen, freundlichen und wirklich humanen Charakters des
Siidslawen, der natiirlichen Giite seines Herzens und schliefilich - seiner
sympathischen Nachlassigkeit.
Die Deutschen Sudslawiens (ungefahr 700 000) als die kulturell hochst-
entwickelten unter den Minderheiten empfinden naturlich am starksten
den Mangel einer Autonomic, die Schliefiung der meisten deutschen
Schulen, die ungerechte Besteuerung, die sie starker belastet als den
slawischen Staatsburger, das unverstandliche Verbot, Lehrerseminare
zu errichten und Lehrer und Priester aus Deutschland zu beziehen. Erst
die letzten Versuche Sudslawiens, zu Deutschland in freundschaftliche
Beziehungen zu treten, bereiten eine versohnlichere Politik den Deut-
schen des Landes gegeniiber vor, deren Resultate allerdings noch nicht
zu sehen sind. Die ungarische Minderheit (600 000, nach der serbischen
Statistik: 500 000) kann in der nachsten Zeit kein Entgegenkommen
erwarten. Die Ungarn wohnen verstreut in alien Dorfern und Stadten
der Batschka und im Banat, geschlossen im Theifigebiet, sie sind arm -
im Gegensatz zu den Deutschen. Der grofite Teil ihrer Intelligenz (Be-
amte) ist ausgewiesen worden, die reichen Familien haben das Land
verlassen, die kleinen Kaufleute zahlten vier- und funfmal mehr Steuern
als die serbischen. Die Bauernschaft besteht fast nur aus Landproleta-
riat. Friiher lebten die armen Bauern als Taglohner von den GroKgrund-
besitzern. Seitdem der Grofigrundbesitz aufgeteilt ist, mussen sie aus-
wandern. Sie gehen nach Nordamerika, Kanada, Brasilien, Argentinien.
Gegen die skrupellose Agitation der brasilianischen Auswanderungs-
agenten hat die Regierung nichts unternommen. Hunderte von armen
Bauern gehen in der Sklavenarbeit auf den brasilianischen Kaffeeplanta-
gen zugrunde. Nach dem Klang der Namen hat man in Siidslawien die
Nationalist der Schulkinder bestimmt. Es gibt aber viele Familien, die
slawisch heifien und ungarisch sprechen. Uberdies gibt es immer noch
kein Gesetz iiber die Regelung der Staatsbiirgerschaft, so dafi die friihe-
ren Staatsangestellten keine Pension bekommen und Tausende Gesuche
um die Zuerkennung der Staatsbiirgerschaft unerledigt im Ministerium
des Innern liegen. In den kleinen Stadten und in den Dorfern sind
Firmennamen in ungarischer Sprache nicht zugelassen, Geschaftsbii-
cher mussen in slawischer Sprache gefiihrt werden.
!9 2 7 7*7
Am schlimmsten ist es urn die Arnauten bestellt (ungefahr 500 000), die
entlang der Grenze bis Griechenland wohnen und ostlich bis Bardar.
Ihre Sprache ist arnautisch, ein alter keltischer Dialekt. Sie haben keine
Schulen, keine Zeitungen, nicht einmal ein Mandat in der Skupschtina.
Sie sind meist arme Lohnarbeiter, im Winter kommen sie in die Stadte
als Holzhacker, sie verdienen hochstens 20 Dinar am Tag. Viele wan-
dern nach der Tiirkei aus, nach Kleinasien, in die von den Griechen
verlassenen Gebiete.
Die sozialen Maftnahmen der siidslawischen Regierung dagegen beste-
hen in dem Verbot der kommunistischen Partei und der proletarischen
Maifeier. Priigel in den Polizeistuben, grundlose und monatelange Un-
tersuchungshaft, biirokratische Willkur in der Verwaltung sind tradi-
tionelle Sitten in alien Balkanstaaten. Auch der siidslawische Parla-
mentarismus hat seine altserbischen Traditionen. Die Parteien werden
von Personlichkeiten bestimmt, ihr Programm ist der Wille einzelner,
allmachtig sind die Prasidenten der politischen Klubs. Seitdem der
starkste Mann, Paschitsch, tot ist, gibt es iiberhaupt keinen Politiker
von Bedeutung - es sei denn: man hielte den Konig Alexander fur eine
starke Personlichkeit, wie es seine Freunde tun.
Dieser Konig iiber knapp 14 MilHonen hat diktatorische Geluste. Zwar
behaupten manche, daf? in diesem Staat ein Diktator immer noch bes-
ser ware als zehn kleine Diktatoren. Aber Konig Alexander 1st nicht
Konig Peter, Er ist zwar nicht unbeliebt, aber unpopular. Sein Bruder
Georg, der auf konigliche Veranlassung als Geisteskranker gefangen
ist, beschaftigt in ungiinstiger Weise die lebhafte Phantasie dieses leb-
haften Volkes. Alexander lafit neue Kasernen bauen, kostet den armen
Staat 8 Millionen Mark monatlich, hat eine rot-goldene Leibgarde in
Lackstiefeln, einen kleinen Kronprinzen, der von alten Generalen
stramm salutiert und iiberhaupt nach beriihmten und gescheiterten
Mustern schlecht erzogen wird, und ist von einer starken Offiziers-
clique umgeben, deren Fuhrer im Staate allmachtig ist. Das Schlofi, das
patriarchalisch einfach in der Mitte der Stadt liegt, wird Konig Alexan-
der bald raumen, er iibersiedelt auf eine fast mittelalterliche, aber neu-
gebaute, echte, von heuen Kasernen drohend umgebene Burg aufier-
halb der Stadt.
In der Wahl der neuen Regierung - die auch nicht mehr fest ist - hat
der Konig einen sicheren Willen bewiesen. Der neue Auflenminister
Marinkovich versucht, die Fehler seiner Vorganger mit vorsichtiger
718 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Hand wettzumachen. Bessere Beziehungen zu Bulgarien werden vor-
bereitet. Die Hoffnungen auf einen neuerlichen Einflufi in Albanien
sind aufgefrischt. Mil Recht. Denn gegen Italien ist heute das game
albanische Volk. Gegen Sudslawien nur ein Teil des albanischen Vol-
kes.
Wer von der naiven Anschauung ausgeht, zur friedlichen Eroberung
eines Balkanstaates gehore ein Pakt, ein halbes Dutzend Vertrage, Ver-
sicherungen und Unterschriften; wer von der naiven Anschauung aus-
geht, in Albanien gelte ein Vertrag wie in jedem anderen Land; wer
glaubt, Albanien ware, wenn es keinen Vertrag erhielte, so leicht zu
besetzen; und wer schlieftlich annimmt, Italien liege es nur daran, Va-
lona zu haben, Albanien wirtschaftlich auszubeuten und sich im iibri-
gen um den Balkan nicht zu kummern; - wer das alles glaubt, der kann
allerdings Englands Optimismus teilen. Ein grofier Teil der euro-
paischen, in Tirana versammelten Diplomatic scheint jeden Gedanken
an die Moglichkeit eines wirklich selbstandigen Albaniens aufgegeben
zu haben. Der Vertreter der benachbarten Balkanstaaten, die Albanien
besser kennen, denken anders. Auch die italienische Diplomatic ist
nicht durchwegs so optimistisch, wie sie zu sein vorgibt. (War sie es
doch gar nicht, die als eigentliche Urheberin des Paktes von Tirana zu
gelten hat - sondern die englische. Es war der englische Vertreter, der
den ratlosen Achmed Zogu zur Unterschrift, das albanische Parlament
zur Ratifizierung gedrangt hat. Nicht erhaltene Gelder, nicht gegebene
Versprechungen hatten einen Albaner niemals vermocht, Vertrage von
solcher Tragweite abzuschliefien. Das konnte nur der angeblich neu-
trale englische »Rat«.)
Was will heute Italien in Albanien? Das sagenhafte Petroleum, das le-
gendare Quecksilber, die getraumten ungehobenen »Bodenschatze«?
Wer Mussolini kennt, den Traum des Faschismus von der Wiederher-
stellung des alten romischen Imperiums, der weifi, dafi die scheinbare
rein wirtschaftliche Okkupation Albaniens der Anfang ist zu einer mi-
litarise}) en Eroberung des Balkans. Sind die Wege, die Italien in Alba-
nien zu bauen sich vornimmt, nicht rein strategische Heerstrafien, die
alle gegen Sudslawien fuhren? Ahnt man, daft die Anlegung eines Ka-
tasters von Nordalbanien erstens fur wirtschaftliche Zwecke gar nicht
notwendig ist, zweitens, daft dieser durch das italienische militargeo-
graphische Institut anzuiegende Kataster nicht weniger als einige Mil-
lionen Goldfranken kosten soil, daft Italien sich also anschickt, diese
1927 7i9
Millionen auszugeben? Zu welchem Zweck? Welche Erwartungen
hegt Italien?
Darf es sich in Albanien sicher fiihlen? - Keineswegs. Niemals war ein
Volk so verhafit in Albanien, bei dieser Bevolkerung, die viele Erorbe-
rer im Laufe einer jahrhundertelangen Unterdriickung zu hassen ge-
lernt hat. Es gibt keine Partei, keine soziale Schicht in Albanien, die
den Italienern trauen wiirde. Siidslawien beginnt allmahlich, verlorene
Sympathien, besonders bei der albanischen Intelligenz, wiederzuge-
winnen. Das grofite Mifitrauen gegen die Italiener hat die gegen war-
tige, gewissermafien unter italienischem Protektorat funktionierende
Regierung. Das allergrofite der President Achmed Zogu, der genau
weifi, dafi Italien schon angefangen hat, mil Achmeds Gegnern im Aus-
land zu verhandeln, mit denselben, die vor Italien nach Siidslawien
gefliichtet sind. Achmed wartet auf eine neuerliche Annaherung Siid-
slawiens. Siidslawien verhandelt indessen mit Achmeds gefliichteten
Feinden. Aber dieselben Feinde verhandeln bereits auch - nach Ach-
meds Muster - mit Italien. Die Freunde des Prasidenten hoffen, dafi
der sudslawische Auflenminister Marinkovich es noch einmal mit Ach-
med wird versuchen miissen.
Es gibt eine Frage, in der die sonst so uneinigen Balkanstaaten einig
sind: Das ist die antiitalienische Propaganda in Albanien. Ihr obliegen
mit Fleift Griechenland, Siidslawien und Bulgarien. Zu ihnen stofk die
grofie mazedonische revolutiondre Freibeitsbewegung, deren Mitglie-
der zum Teil mit russischer materieller Unterstiitzung in alien Balkan-
landern und in letzter Zeit besonders stark in Albanien gegen den Fa-
schismus arbeiten.
Langsam, aber unvermeidlich wachst eine starke, von sehr verschiede-
nen Elementen gehaltene Front gegen Italien in Albanien. Man trifft
revolutionare Vorbereitungen. Sie richten sich nicht so sehr gegen die
Person des Prasidenten wie gegen die dreitausend Italiener, die heute
noch in Albanien sind. Italien wird eines Tages vor schlimmen Uberra-
schungen stehen.
Frankfurter Zeitung, 8.6. 1927
EIN2UG IN ALBANIEN
Das Meer ist still, die Wolken hangen festgenagelt am Himmel wie
Bilder an der Wand, auf dem Wasser schwimmt ein Geisterboot ohne
Schwanken an einem unsichtbaren Seil dem Schiff entgegen, urn mich
abzuholen. Es sind nur zwei an Bord, die nach Albanien gehen: ein
Mann, der im Lande der Barte Gillette- Apparate verkaufen will, und
ich.
Don, wo der feste Boden beginnt, steht eine kleine, holzerne Hiitte
mit einem idyllischen Schornstein, aus dem der Rauch an einem Lineal
emporsteigt. Es ist sieben Uhr morgens, bewaldet, griine und kahle,
stahlblaue Berge umrahmen den Horiziont, Lerchen schwirren ver-
borgen im blauen Glanz des Himmels, in der Hiitte liegt ein Gaste-
buch wie in manchen Sehenswiirdigkeiten, vor dem Buch sitzt ein
Mann in schwarzer Uniform, dreht sich eine Zigarette und ist die alba-
nische Grenzpolizei. Des Alphabets kundig, aber des Schreibens unge-
wohnt, sitzt er da und vertreibt den Ankommenden die Zeit mit der
Lekture der Passe. Ein buckliger Levantiner wartet im Fordwagen, den
er zu steuern gedenkt, bis der Polizist mit dem Studium fertig ist. Ich
erlasse ihm den grofiten Teil der Prufung und unterschreibe mich
selbst.
In einer undurchsichtigen Wolke aus Staub, im Donner platzender
Pneumatiks, empor- und zuruckgeschleudert von echten Fordspiralen,
fahre ich die Landstrafie entlang, Tirana entgegen. Sooft ein Pneumatik
ausgewechselt werden mufi, steige ich aus, sehe zu, wie der Staub sich
verzieht, wie die Kulissen der Landschaft sichbar werden, Berge aus
einem gespenstischen Violett, Wiesen aus doppelt ubermaltem Grim,
ein Himmel aus stabilem Blau, ein Himmel aus Stoff, ein Himmel ohne
Faltchen, sauber gespannt, eine gebiigelte Wolbung. Arbeiter bessern
die Landstrafte aus. Immer stehen ein paar Manner gebiickt nebenein-
ander, wie spielende Knaben in einem Kindergarten am Vormittag
sammeln sie auf winzigen Spaten oder in blofien Handen kleine Sand-
haufchen, schutten sie in Mulden und Gruben, streuen ein paar Stein-
chen darauf, benetzen das Ganze mit Wasser aus GieEkannchen und
stampfen es fest mit nackten Fiifien. Sobald der Fordwagen daniberge-
hopst ist, diirfen sie ihr Spiel von neuem beginnen.
Bald kommen mir Soldaten entgegen. Wie sie marschieren! In khaki-
1927 7%\
gelben Doppelreihen, Stahlhelme auf den Kopfen. Rucksacke auf den
miiden Riicken, von der Sonne gebraten, schwitzend und singend, mar-
schieren sie fiir das neue Vaterland nach Durazzo, um zu exerzieren,
begleitet von einem albanischen Mars in Ledergamaschen, Oberleut-
nant- und Extrauniform. Auf den fetten Weiden treibt ein Hirte Wol-
ken aus Lammern einher. Bocke mit ornamental geringelten Hornern,
schwarze Ochsen, eine Art Vieh der Unterwelt, Herden des Hades.
Rechts und links sind Telegraphendrahte gespannt, nicht von Masten
getragen, sondern von krummen und kahlen Baumen, denen man nur
Kronen und Laub genommen hat. So wie sie einmal am Strafienrand
standen, von Vogeln bewohnt, Stationen abendlicher Winde, so wurden
sie zu Telegraphenstangen ernannt, mit kleinen weiften Topfchen aus
Porzellan ausgestattet und instand gesetzt, Berichte der Journalisten
nach Europa zu iibermitteln, das Zwitschern der politischen Spatzen.
Links am Wegrand zieht sich ein Schienenstrang dahin, schmalspuriges
Andenken an die Os terreicher im Weltkrieg, heute dem Verderben an-
heimgelegt und dem Rost hinterlassenden Zahn der Zeit.
Endlich tritt aus einem weifien Hauschen ein schwarzer Polizist, der
Deutsch sprechen kann, den Pafi an sich nimmt und das Ehrenwort gibt,
dafi er sich morgen in der Poiizei von Tirana vorfinden werde.
Da fangt also Tirana an, die Hauptstadt von Albanien. Rechts eine
Moschee, links eine primitive Kaffeeterrasse, auf der Gaste gebraten
werden und Feze diskutieren. Die Moschee ist eine Kaserne, Soldaten
mit Gewehren bewachen sich selbst. Alle Hotels sind besetzt, Journali-
sten sind hierhergeeilt, Diplomaten und Abgeordnete, Offiziere aus
England und Italien, es tagt das Parlament, Tirana ist eine Sensations-
grube, Verwicklungen liegen auf der Strafle, das ganze Land ein Zank-
apfel. Brave Burger wandeln in der Mitte der Strafte, mit langen Geweh-
ren gegen Sonnenstich ausgerustet, schwere Trommelrevolver in brei-
ten, oft geschlungenen, roten Giirteln. Die Maulesel, mit dichtgefiillten
Korben an den Flanken, flanieren auf dem Biirgersteig und warten wie
Hunde vor den Laden auf die einkaufenden Herren. Da reitet herrlich
der kommandierende General der albanischen Armee, Herr Djemal
Aranitas auf edlem Schimmel, kleine schwarze Schuhputzer fliehen ihm
aus dem Weg, ein Knappe folgt ihm, eben hat er die Armee inspiziert,
deshalb marschierte er so traurig, kein Staat ohne General, kein General
ohne Schimmel. Gold blitzt auf seinen Schultern, und mit lassiger Hand
griifit er Bekannte vom Stammtisch.
722 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es findet sich ein Mann namens Nikola, der vermietet mir ein Zimmer.
Das Bett stent mit alien vier Fiifien in Petroleum, um die Wanzen ab-
zuschrecken, das Fenster 1st unten zerbrochen und oben ein Moskito-
netz, mein Nachbar blast die Trompete. Er ist Mitglied des Orchesters,
das jeden Nachmittag vor dem Schlofi konzertiert.
Ein Polizist mit schneeweifien Baumwollhandschuhen wartet in der
Straflenmitte auf den Verkehr.
Frankfurter Zeitung, n. 6. 1927
DIE HAUPTSTADT TIRANA
Die Einwohner von Tirana lieben Blumen und Musik. Man sieht diese
Manner mit Rosen im Mund. Sie beniitzen ihn als Knopfloch.
Ein anderer Teil der Bevolkerung hat sich den Blasinstrumenten ge-
weiht. Man hat Blaser fiir die albanische Armee rekrutiert, Hornisten
fiirs Vaterland. Sie beleben den Marsch der Soldaten, bestimmen und
begrenzen ihren Tag durch Reveille und Retraite.
Der President hat eine Leibkapelle. Der Kapellmeister tragt einen
Kneifer und ist aus Triest. Die Blaser stammen aus Karca, dem sanges-
freudigen Siiden des Landes, und aus der Tschechoslowakei, die ein-
mal, als sie noch das Konigreich Bohmen war, der k.u.k. Armee die
herrlichsten Musik-Feldwebel geliefert hat. Jeder Musikant erhalt
funfzehn Napoleons monatlich. Dafiir mufi er sich selbst die schone,
schwarze, goldverzierte Uniform anschaffen. Auf der Miitze tragt je-
der Musikant das beliebte Symbol der Musik: eine goldene Leier.
Um sieben Uhr morgens, just wenn die Soldaten blasen, erheben sich
die Musiker, den Lerchen gleich, und proben Fragmente aus Marschen
und Ouvertiiren mitten in der Hauptstrafte. Die Einwohner haben in
sechs Petitionen an den Magistrat gebeten, die Proben der Musik auf
eine Wiese aufterhalb der Stadt zu verlegen. Aber sie haben sechsmal
vergessen, ihren Gesuchen Argumente beizufugen. Nichts geht ohne
Arguments.
Diejenigen, die weder bei der Armee noch bei der Kapelle sind, lieben
den zarten Klang der Mandoline. Sie waren meist in Amerika. Dort
haben sie sich die Zahne golden plombieren lassen und Zupfinstru-
1927 72}
mente angeschafft. Sie singen das Lied von den Bananen, zum Zeichen
dafiir, dafi sie grofie Welt gesehen haben, vielleicht auch als Ausdruck
schmerzlicher Sehnsucht nach Amerika, das sie wieder aus Sehnsucht
nach Tirana verlassen haben. Ihr Herz schwimmt auf dem Ozean, aber
die Ware, die aus Kammen, Spiegeln, Briefpapier besteht, liegt in Ti-
rana. Es bleibt ihnen nichts iibrig, als Mandoline zu spielen.
Stundenlang sitzen sie in der Sonne vor ihrem Laden. Es ist sehr still.
Tirana ist, sieht man von seiner musikalischen Begabung ab, eine ru-
hige Stadt. Wenn zufallig nicht geblasen wird, hort man die Hahne
krahen, die Hammer der fellachischen Schmiede aus dem Basar und
das regelmafiige Rufen von den Minaretten. Die Sonne briitet auf dem
Staub der Strafie. Er kocht in ihrer Warme, zerfallt gleichsam in noch
feineren, diinneren Staub, lost sich in der Atmosphare auf, verschwin-
det in der blauen Luft, ohne dafi man die Strafie gesprengt und gesau-
bert hatte. Man erzahlt sich, dafi jeden Morgen ein junger Mann mit
einer Giefikanne vom Magistral ausgesandt wird, zur Einhaltung der
Hygiene. Niemand hat ihn mit eigenen Augen gesehen. Dagegen wer-
den fur den Fortschritt Kasernen gebaut. Der Motor, der die elektri-
sche Beleuchtung nahren soil, ist zu schwach fiir diese sechzig Gliih-
birnen. In der Nacht entziinden sie sich. Aber sie sehen aus wie glii-
hende Kohlen. Sie hangen auf den Drahten, eine Art hingerichteter
Leuchtkafer.
Man hat Strafienziige durchbrochen, Hauser gespalten und skalpiert,
um Tirana modern und residenzfahig zu machen. Die halben Hauser
stehen da, mit schwarzen, offenen Eingeweiden, auf den Herden ver-
richten Eingeborene exotisch ihre Notdurft, ohne Pistolen und Ge-
wehre abzulegen. Keinen Augenblick ist man vor Blutrache sicher.
Schwarz und weifi verschleierte Frauen erinnern an Leichenziige und
Ku-Klux-Klan, ewige Jalousien haben sie vor den Augen, in Stoff und
Gaze sind sie eingemauert. Ich wiifite gern, was sie hinter ihren Wan-
den machen. Sie machen mich neugierig, sie sind wie fremde beleuch-
tete und verhullte Fensterscheiben. Sie sind stumm wie Tiere und ab-
wehrend wie Tote. Weinen ihre Augen? Man kann es nicht sehen. Sie
sprechen miteinander. Aber ihre Laute sind gefangen, und ihre Stim-
men sickern karglich durch die Poren der Stoffe wie klares Wasser
durch ein dichtes und schmutziges Sieb.
Diese verschleierten Frauen, diese Hunderte herrenloser Hunde, die
der Wind an der Leine fiihrt, diese Feze auf den fetten Kopfen und die
7M DAS JOURNALISTISCHE WERK
Turbane iiber bartigen Gesichtern, diese farbigen Ansichtskarten-Blut-
racher mit dem Trommelrevolver statt des BaucheSj mit dem Gewehr
statt des Regenschirmes - alle diese Geld verdienenden, Geschafte ma-
chenden, in den Amtern Bestechungen vermittelnden exotischen Phili-
ster sind iiberzahlig und jenseits der Zeit. Es gibt nichts Langweiligeres
als sogenannte Volkssitten, die schon in den Leichenkammern der Eth-
nologie, in den Biichern und Seminarien seit dreifiig Jahren seziert und
immer noch spazierengefiihrt werden, als waren sie lebendig. Schon gibt
es ein Parlament mit einer Prasidentenloge, mit einer Glocke, mit Papier
fur Interpellationen, mit einer Pressetribiine; schon gibt es eine Bank
mit italienischen, langsamen Beamten, mit Kursen, aufgespiefo auf Ta-
feln wie Schmetterlinge, mit einem Direktor, der Transaktionen hinge-
geben ist. Schon tragt der Wirt meines Hotels in der ledernen Pistolenta-
sche Kleingeld, auf seinem Biifett sammeln sich die ersten Schwalben
der Zivilisation, Giefihiibler, Whisky, Wermut, Fernet-Branca. Zusam-
men mit den Goldplomben und dem New Yorker Slang, der Halbbil-
dung und den Mandolinen der aus Amerika Zuriickgekehrten, zusam-
men mit den Ford-Autos, die an zertrummerte Leierkasten gemahnen,
bilden sie den Ubergang von der »nationaleri Kultur« zur Forderung auf
»staatliche Selbstandigkeit«.
Albanien ist just auf dem Wege von der Blutrache zum Volkerbund.
Frankfurter Zeitung, 15.6. 1927
DAS ALBANISCHE VOLK
Auf albanischem Staatsgebiet leben heute ungefahr 805 000 Albanier
und Minderheiten. (Das Land ist 28 000 Quadratkilometer grofi.) In
Anbetracht der grofien Zahl der Analphabeten, der vielen unzugangli-
chen Gebiete und der Tatsache, daft einige Hirtenstamme iiberhaupt
kein abgeschlossenes Gebiet bewohnen, sondern ein Nomadenleben
fiihren, ist eine genaue Volkszahlung naturlich niemals moglich gewe-
sen. Aufier den reinen Albaniern gibt es auch noch Fremde in Alba-
nien: Kuzo-Walachen, Serben, Zigeuner, Italiener, Griechen und viele
Angehorige der fniheren osterreichisch-ungarischen Monarchie.
In den Dorfern lebt das Volk heute noch wie vor zweitausend Jahren.
1927 m
Es baut seine primitiven Hauser, Hofe und Turme aus Stein und Lehm
und geflochtenen Weiden, es bearbeitet das Feld mit holzernem Pflug,
die offentlichen Angelegenheiten berat und erledigt die Ratsversamm-
lung der Altesten im Dorf, das Verhaltnis zwischen Herrn und Knecht
ist ein patriarchalisches, die Schaf- und Ziegenhirten sind die Autoren
des grofiten Teils der albanischen Volksliteratur, auf den Weiden ent-
stehen die Volkslieder, ihre Veroffentlichung und Verbreitung ist im-
mer noch miindliche Uberlieferung; vielhundert Hirten im Kurvelest
haben namenlos gedichtet. Das Rechtsleben hat zum grofiten Teil mit-
telalterliche Formen, die Bevolkerung teilt sich in Stamme, die angst-
lich jede Blutmischung meiden, die Blutrache ist ebenso lebendig wie
das Losegeld und wie die Unverletzlichkeit eines Gastes - auch wenn
er ein Morder ist. Die Tracht ist alt und bunt wie vor Jahrhunderten,
und von der ganzen europaischen Zivilisation der letzten hundert
Jahre haben die Albanier in den Dorfern nur die Mannlicher-Gewehre
ubernommen und einige Systeme amerikanischer Trommelrevolver.
Die religiose Zersplitterung des Volkes (ungefahr ein Drittel sind mo-
hammedanisch, der Rest orthodox und romisch-katholisch) ist oft von
religiosem Fanatismus begleitet, der von den Stddten seinen Ausgang
nimmt, und das religiose Moment bestimmt die Politik sehr wesent-
lich. Die Landbevolkerung, die keinen Grund hat, pachtet Land bei
den Grofibauern gegen ein Drittel des Ernteertrages, zahlt nach vor-
sintflutlicher Weise Steuern in der Form des Zehnts, fur geliehenes
Geld bis zu sechsunddreifiig Prozent Zinsen und eine Unmenge Be-
stechungsgelder an die Steuer- und Schatzungskommission. Es gibt
nirgends mehr in Europa eine so arme Landbevolkerung und nirgends
eine so wehrlose. Der Pachter darf sein Getreide nicht verkaufen, so-
lange seine Ertragnisse nicht abgeschatzt sind. Wenn er den Regie-
rungsbeamten nicht besticht, damit die Schatzung schneller erfolge,
kann er zusehen, wie das Getreide auf den Feldern verfault. Hat der
kleine Grundbesitzer einen geringeren Ernteertrag, so kauft er den
Zehnt dem Staat ab. Die Schatzungskommission bestimmt einen Preis,
den er - nicht zahlen kann. Er leiht also beim reichen Grundbesitzer -
weil ihm sonst alles beschlagnahmt wird - gegen Zinsen, die nicht trag-
bar sind -, und allmahlich fallt das Land der kleinen Bauern den all-
machtigen Grofien anheim. Die Armen besonders der siidlichen Ge-
biete wandern nach Amerika aus, kehren nach einigen Jahrzehnten mit
kleinem erspartem Kapital zuriick und leben von ihren Ersparnissen.
72.6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die Stacker haben irgendein Handwerk gelernt, das sie nun in einem
armlichen Laden ausiiben, oder sie betreiben einen kleinen Handel mit
Seifen, Sardinen, Stoffen, oder sie widmen sich dem Gastgewerbe. Sie
sind sparsam, eifrig, geniigsam, kleinlich. Aber sie machen in den Stad-
ten genau die gleichen oder ahnliche Erfahrungen wie die Bauern auf
dem Lande. Die Handwerker sind der Willkiir der Steuerbeamten, der
Wucherer, der Hausherren und Vermieter preisgegeben. Und sie wan-
dern wieder nach Amerika aus (mit Ausnahme der Nordalbanier).
Eine ganz diinne intellektuelle Oberschicht stiftet in diesem Lande
mehr Schaden als Nutzen. Von den 550 Volksschulen, die es in Alba-
nien gibt, sind vielleicht kaum 30 imstande, eine durchschnittliche Bil-
dung zu vermitteln. Die reichen Leute schicken ihre Sonne ins Aus-
land, nach Wien, nach Deutschland, Frankreich, Italien und Konstan-
tinopel. Fur Hochschulstudien im Ausland sind auch Stipendien aus-
gesetzt. Aber die Stipendien erhalten die Verwandten oder die Partei-
ganger der jeweils Regierenden oder Einflufireichen. Aufierdem zahlen
benachbarte und an Albanien politisch interessierte Machte Geld zu
Studienzwecken. Man kann sagen, dafi achtzig Prozent der akade-
misch gebildeten Albanier ihr Studium den Nachbarn Albaniens zu
verdanken haben. Infolgedessen sind sie nicht nur politisch interessiert
und voreingenommen, sondern auch fiir ihre ganze weitere offentliche
Tatigkeit verdorben und korrumpiert. Es ist schwer, einem Albanier
beizubringen, dafi es Dinge gibt, die man »umsonst«, dafi heifit nur
gegen ausgemachte Entlohnung, im Interesse der Offentlichkeit zu
machen hat. Die lange tiirkische Herrschaft hat die schauderhafte In-
stitution der »Schreiber« im Lande hinterlassen, dafi heifit: der halbof-
fiziellen Vermittler zwischen Bevolkerung und Verwaltung, die friiher
in den Vorzimmern safien, heute zum grofien Teil aus Mangel an zu-
verlassigen Anhangern der Regierung schon die Amtszimmer und die
Schreibtische okkupiert haben. (Unter der Regierung Fan Nolis, des
bekanntlich von Achmed Zogu Gestiirzten, erlangte die Vernachlassi-
gung der Verwaltungsbehorden ihren Hohepunkt.) Achmed Zogus
schlimmer Diktatorenruf stammt zum grofien Teil daher, dafi er sich
bemuht hat, wenigstens eine gewisse Ordnung in die Amter zu brin-
gen, wenn er auch den personlichen Zwecken den Beamtenapparat
dienstbar gemacht hat. Jede Ordnung aber wird in diesem Land als
unertraglicher Zwang empfunden. (Tatsachlich wird Ordnung zu
Zwang, wenn sie von dieser Art Beam ten hergestellt werden soil. An-
1927 7*7
dere aber stehen nicht zur Verfiigung.) Es wird einem akademisch
gebildeten Albanier nicht einfallen, etwa Polizeikommissar zu wer-
den. Wenn er nicht mindestens President wird, zieht er es vor, eine
politische Verschworertatigkeit gegen das augenblicklich bestehende
Regime zu entfalten oder ein einflufireicher »Freund« und »Partei-
ganger« dieses oder jenes Ministers zu werden. Mit einem aufieror-
dentlich gescharften Mifitrauen gegen Fremde verbindet der intellek-
tuelle Albanier die Fahigkeit, mit eben denselben Fremden uber die
Geschenke Albaniens zu verhandeln. Der bekannte und iiber Ge-
biihr geriihmte »Patriotismus« des Albaniers besteht zur Halfte aus
Ehrgeiz, im Vaterland eine politische Rolle zu spielen. Die Eintei-
lung des Volkes in Stamme - die durch die Entwicklung langsam zu
Ortsgruppen ohne Blutsbindung werden-, die Herrschsucht einzel-
ner Stamme und ihrer Oberhaupter haben in diesen spaten stadti-
schen und intellektuellen Nachkommen diesen Instinkt entwickelt,
diese Gleichzeitigkeit von Egoismus und Liebe zum Boden (»Regio-
nalismus«).
Die letzten Jahre haben eine neue Schicht fremder Intellektueller
nach Albanien gebracht. Die Siidslawen sahen in diesem Land ein
sehr erwiinschtes Absatzgebiet fur den weijlgardistischen Russen, die
mit Achmed Zogu und den siidslawischen Banden ins Land gekom-
men sind. Aufierdem haben sich die Armenier aus der Tiirkei,
Abenteuerer aus alien Sukzessionsstaaten in den Stadten Albaniens
versammelt, um von alien wechselnden Gelegenheiten zu profitieren.
Das ist ungefahr die ethnographische und soziale Physiognomie des
Landes, das Achmed Zogu - wahrscheinlich nicht mehr lange - be-
herrscht. Der grofite Teil: in der Entwicklung zuriickgeblieben, der
Abkunft nach sehr alte, durch Alter und Vermeidung von Blutsmi-
schungen an Zahl zuriickgegangene Stamme, zu deren Ausrottung
unzugangliche Berge, Blutrache und Krankheiten nicht wenig beitra-
gen. Ein grofier Teil besitzloses, wehrloses, schwer arbeitendes und
versklavtes Landproletariat. Ein kleiner Teil: sehr reiche, allmach-
tige, aber mit fortwahrenden inneren Fehden beschaftigte Grundbe-
sitzer. Ein stadtisches Burgertum in den ersten Stadien, sehr feige,
waffenlos, immer mit dem Wunsch, das Land zu verlassen, und an
den politischen Schicksalen Albaniens nur halb interessiert. Eine
kleine Schicht von Halbgebildeten, amts- und geldgierig, immer be-
reit, mit interessierten Nachbarn zu verhandeln, immer Konspiratio-
728 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nen spinnend - aus Laune, Ehrgeiz und Habsucht. Ein paar wirklich
Gebildete bleiben iiberhaupt ohne Geltung.
In Skutari, wo ein grofierer Teil der europaischen Pseudogebildeten
sitzt, gibt es niemals Ruhe. In dem Augenblick, in dem ich diesen Be-
richt schreibe, kommen vertrauliche Nachrichten aus Skutari, denen
zufolge noch im Lauf der nachsten Tage eine Revoke gegen Achmed
Zogu befurchtet wird. Es kann eine Revolution geben. Man will die
paar Tage noch wahrnehmen, die bis zur Sommerarbeit auf den Fel-
dern ubrigbleiben. Zwei Wochen spater - und das Getreide ist wichti-
ger als die Politik. Alle Banden, die in der Gegend von Skutari versam-
melt sind, bestehen zum grofien Teil aus Bauern, die zwar Achmed
Zogu und die Italiener nicht gerne haben, aber weder des einen noch
der anderen wegen ihre Felder vernachlassigen wollen. Aufierdem ist
das ganze iibrige Land zur Zeit der Feldarbeit weniger schiefilustig als
sonst. Wenn also die nachsten zwei Wochen ruhig verlaufen, darf Ach-
med Zogu hoffen, noch diesen Sommer President zu sein, und die Ita-
liener, noch so lange im Land zu bleiben. Denn auch ihre Stellung ist
trotz der wirtschaftlichen Vertrage eine sehr schwache, und Albanien
gehort ihnen noch lange nicht - wie man in Deutschland zu glauben
scheint.
Frankfurter Zeitung, 21. 6. 1927
DIE ALBANISCHE ARMEE
Die albanische Armee exerziert am Vormittag von fiinf bis zwolf und
am Nachmittag von drei bis sieben. Wahrend der Mittagspause exer-
ziert sie. Vor dem Schlafengehen exerziert sie, und in der Nacht, wenn
die Soldaten schlafen, blasen in alien Moscheen (in denen die Armee
kampiert) vielhundert Trompeten. Daraus schliefie ich, dafi die albani-
sche Armee auch im Schlaf exerziert. Ich frage mich, wann die albani-
sche Armee nicht exerziert.
Warnm sie exerziert, weift ich auch nicht. Es scheint in alien Menschen
mannlichen Geschlechts ein unbandiger Trieb zum Exerzieren vorhan-
den zu sein - ich bin die einzige Ausnahme, die mir bekannt ist. Die
Albanier sind namlich von Geburt an gute Kampfer, auch das Schiefien
W7 7 2 9
macht ihnen schon im Mutterleib SpaK - warum in aller Welt exerzie-
ren sie noch? Wenn unsereins exerziert, so ist das im Gesetz begriin-
det. Man steht in einer Stammrolle, wird einberufen, exerziert oder
wird erschossen. Man exerziert also, um sich am Leben zu erhalten. In
Albanien aber ist gar nichts im Gesetz begriindet. Rekruten sollen - so
sagt man ihnen - nur sechs Monate dienen und dann heimkehren. Fer-
ner sollen sie Lohnung erhalten. In Albanien aber behalt man die Re-
kruten zwei Jahre, zahlt ihnen keinen Groschen - sogar die Offiziere
erhalten nur gegen Erpressung die drei Monate nickstandigen Gehalter
(den Stabsoffizieren ist der Staat nur zwei Monate schuldig), die Gen-
darmeriekommandanten leben von Requisitionen -, warum exerziert
man also in Albanien? Es kommt noch dazu, dafi Desertion nicht be-
straft wird. Rekruten, die, ohne ein Wort gesagt zu haben, in ihre Hei-
matddrfer zuriickkehren, werden von einem Gendarmen einem zufal-
lig voriiberfahrenden Chauffeur ubergeben, der zufallig in dem Garni-
sonsort des Deserteurs stationiert ist. Die Aussicht, in einem Ford-
automobil zu fahren, veranlafit den Deserteur, wieder einzuriicken,
natiirlich um zu exerzieren. Die Disziplin lafit nichts zu wiinschen iib-
rig. Die Soldaten, die zufallig nicht desertiert sind, salutieren jedem
Offizier sehr stramm, freuen sich dabei offenbar - denn wer zwingt sie
zur Strammheit? Sie marschieren, machen tiefe Kniebeugen, Wendun-
gen, Halt, sie laufen, knien, »losen sich auf« in Schwarmlinien und
erhalten keinen Groschen, und ihre Kommandanten erhalten auch
nichts. Warum desertieren sie nicht? Warum exerzieren sie?
Ferner: Wozu exerzieren die albanischen Soldaten? Im Gebirge wissen
sie gut Bescheid, alle Schlupfwinkel kennen sie, alle Hinterhalte, klet-
tern konnen sie wie Gemsen. Man will sie doch nicht etwa in einem
Weltkrieg verwenden? Gegen Giftgase hilft die tiefe Kniebeuge doch
gar nichts. Albanien denkt doch etwa nicht daran, Italien zu erobern?
Aber selbst, wenn es daran dachte, mit dem Exerzieren ist es doch
nicht gemacht. Man mufi doch schiefien? Nun hat aber die albanische
Armee osterreichische Gewehre und italienische Munition, Patronen,
die im Lauf steckenbleiben, Magazine, die nicht eingeschoben werden
konnen, englische Rucksacke, die nicht zu den italienischen Riemen
passen, Futterale fur Spaten und keine Spaten, um Schiitzengraben
auszuheben, italienische Offiziere, die albanisch nicht kommandieren
konnen, osterreichische Offiziere, die von den italienischen nicht als
Kameraden behandelt werden, weifigardistische russische Offiziere,
73° DA S JOURNALISTISCHE WERK
die iiberhaupt nicht exerzieren, sondern nur hierhergekommen sind,
um die Uniform nicht ablegen zu miissen und die Vernichtung der
Sowjets abzuwarten, englische Offiziere, die weder Albanisch noch
Italienisch, noch Deutsch, noch Russisch verstehen und mit schonen
Reitgerten spazierengehen, um zu beweisen, dafi England eben dabei
ist. Das ist die merkwiirdigste Armee der Welt. Sie hat kein einheitli-
ches Reglement, kein einheitliches Kommando, sie hat nur eine Mili-
tarmusik, viele Trompetensignale, Trommeln, und sie lernt exerzieren.
Den Soldaten, die gewohnt sind, in leichten Pantoffeln ohne harte Soh-
len iiber die Felsen zu laufen, hat man schwere, benagelte Stiefel ange-
zogen, in denen sie die Fufie nicht heben konnen. Sie brauchen kein
Gepack, denn sie kommen mit Brot, Kase und Wasser monatelang aus.
Aber sie tragen schwere Rucksacke mit unniitzem Inhalt an falschem
Riemen. Sie wurden gezwungen, ihre eigene, osterreichische Munition
zu Hause zu lassen, man gab ihnen italienische Munition, weil die Mai-
lander Fabrikanten verdienen wollen, jetzt konnen sie nicht einmal
schiefien - was sie doch in Zivil konnten. Aber sie exerzieren.
Fiir wen exerzieren sie? Doch nicht fur das Vaterland? Denn immer ist
ein halbes Vaterland mit der jeweiligen Regierung unzufrieden - aus
idealistischen Griinden. Immer ist ein weiteres Viertel Vaterland von
Siidslawien gekauft und das letzte Viertel von Italien bestochen. Mit-
tendrin exerzieren die Soldaten. Exerzieren sie fiir Achmed Zogu, den
Prasidenten? Der hat seine Leibgarde, die im Notfall gegen die Solda-
ten schiefk, die, obwohl sie exerzieren, nicht zuverlassig sind und de-
nen man absichtlich schlechte Munition und schwere Stiefel gibt, da-
mit sie nichts gegen den Prasidenten unternehmen konnen. Nur die
Leibgarde hat passende Munition zu passenden Gewehren, keine
Rucksacke, leichte Stiefel, einheitliches Kommando und personliche
Freunde des Prasidenten als Offiziere.
Ich frage also noch einmal: Warum, fiir wen, wozu exerziert die alba-
nische Armee? Ich weifi nur, warum:
Weil sie dumm ist. Weil es ihr Spafi macht, zu schwitzen, angebrullt,
schikaniert zu werden, unterdriickt zu werden. Ich habe den Verdacht,
dafi es nicht nur den Albaniern so geht. Genauso geht es den Europa-
ern. Sagte ich friiher, die albanische Armee sei die merkwiirdigste der
Welt? Es stimmt nicht. Alle Armeen in der ganzen Welt sind merk-
wiirdig; sehr merkwiirdig . . .
Frankfurter Zeitung, 29. 6. 1927
WO DER WELTKRIEG BEGANN
Der Weltkrieg begann in Sarajevo, an einem heifien Sommertag 19 14.
Es war Sonntag, ich war Student. Am Nachmittag kam ein Madchen,
man trug damals Zopfe. Sie hielt einen grofien gelben Strohhut in der
Hand, er war wie ein Sommer, erinnerte an Heu, Grillen und Mohn.
Im Strohhut lag ein Telegramm, die erste Extra-Ausgabe, die ich je
gesehen hatte, zerkniillt, furchtbar, ein Blitz in Papier. »Weifit«, sagte
das Madchen, »sie haben den Thronfolger erschossen. Mein Vater ist
aus'm Kaffeehaus hamkumma. Gelt, mir bleibn net hier?«
Den Ernst des Vaters, der aus dem Kaffeehaus hamgekummen war,
brachte ich nicht auf. Wir fuhren auf der Plattform einer Tramway. Es
gab draufien einen Weg, wo die Strafienbahn den Jasmin streifte, die
Baume standen hart an den Schienen. Man fuhr, kling-klang, es war
eine Art Schlittenfahrt fur Sommertage. Das Madchen war hellblau,
weich, nahe, mit kuhlem Atem, ein Morgen am Nachmittag. Sie hatte
mir die Nachricht gebracht, aus Sarajevo, der Name stand iiber ihr, aus
dunkelrotem Rauch, wie ein Brand iiber einem ahnungslosen Kind.
Anderthalb Jahre spater - wie dauerhaft war Liebe aus Friedenszei-
ten!- stand sie schon, auch sie mitten in der Rauchwolke, am Giiter-
bahnhof romisch zwei, unaufhorlich schmetterte die Musik, Waggons
kreischten, Lokomotiven pfiffen, kleine, frostelnde Frauen hingen wie
welke Kranze an den griinen Mannern, die neuen Uniformen rochen
nach der Appretur, wir waren eine Marschkompanie, Reiseziel dunkel,
mit Ahnung: Serbien. Wahrscheinlich dachten wir beide an den Sonn-
tag, das Telegramm, Sarajevo. Ihr Vater ging nie mehr ins Kaffeehaus,
er lag schon in einem Massengrab.
Heute, dreizehn Jahre seit dem ersten Schufi, sehe ich Sarajevo. Un-
schuldige, aber fluchbeladene Stadt! Sie steht noch! Traurige Hiille der
schauderhaftesten Katastrophen. Sie ruhrt sich nicht vom Fleck! Es ist
kein Feuerregen niedergegangen, die Hauser sind heil, Madchen kom-
men aus den Schulen, man tragt keine Zopfe mehr. Es ist ein Uhr
nachmittags. Der Himmel ist aus blauem Satin. Der Bahnhof, in dem
der Erzherzog angekommen war, den Tod im Rlicken, steht weit
aufterhalb der Stadt. Links fiihrt eine breite, staubige, ein wenig
asphaltierte, ein wenig geschotterte Strafk nach der Stadt. Baume,
dichtbelaubt, dunkel und bestaubt, Uberreste einer Zeit, in der die
73 2 °AS JOURNALISTISCHE WERK
Strafie noch eine Allee war, sind unregelmafiig am Rande verstreut.
Man sitzt in einem geraumigen Autobus des Hotels. Man fahrt durch
die Strafien den Quai entlang - dort an der Ecke begann der Weltkrieg.
Nichts hat sich geandert. Ich suche nach Blutspuren. Sie sind fortge-
waschen. Dreizehn Jahre, unzahlige Regen, Millionen Menschen ha-
ben das Blut verwischt. Die Jugend kommt aus den Schulen; lernt man
dort Weltkrieg?
Die Hauptstrafte ist sehr still. An ihrem oberen Ende liegt ein kleiner
tiirkischer Friedhof, Blumen aus Stein in einem kleinen Totengarten.
An ihrem unteren Ende beginnt der orientalische Basar. Ungefahr in
der Mitte stehen, schrag einander gegenuber, zwei grofie Hotels, mit
Kaffeeterrassen. In alten Zeitungen blattert der Wind wie in vorjahri-
gem Laub. Kellner stehen wartend an den Tiiren, eher Wahrzeichen als
Funktionare des Gastgewerbes. Alte Dienstmanner lehnen an den
Mauern, sie erinnern an den Frieden, an die Vorkriegszeit. Einer hat
einen Backenbart, ein Gespenst aus der Doppelmonarchie. Ganz alte
Manner, wahrscheinlich Notare aufier Dienst, sprechen das ararische
Deutsch aus osterreichischen Zeiten. Ein Buchhandler verkauft Papier
und Bucher und literarische Zeitschriften - aber mehr zu reprasentati-
ven Zwecken. Ich erstehe bei ihm einen Maupassant (obwohl er auch
schon Dekobra auf Lager hat) fur eine Nacht im Zug ohne Schlafwa-
gen. Ein Wort gibt das andere. Ich erfahre, dafi das literarische Inter-
esse in Sarajevo abgeflaut ist. Ein Lehrer nur abonniert zwei literari-
sche Wochenblatter. (Wie trostlich zu wissen, daft solche Lehrer exi-
stieren!)
Am Abend ist Korso von schonen Frauen, sittenstrengen. Das ist der
Korso einer kleinen Stadt. Die schonen Frauen gehen zu zweit und
dritt wie Mitglieder eines Pensionats. Die Herren ziehen die Hiite tief
und unaufhorlich, die Menschen kennen einander so gut, dafi ich drei-
fach fremd bin. Ich bin nahe daran, einen Film zu sehn, einen histori-
schen Kostumfilm, dort kennen die Menschen einander gar nicht, die
Szenen, in denen sie sich gruften, sind fortgelassen, man ist fremd unter
Fremden, der Zuschauerraum ist dunkel; nur vor den lichterfullten,
grausamen Pausen bangt mir. Auch Zeitung lesen ist gesund, man er-
fahrt was aus der Welt, die man eben verlassen hat, um die Welt zu
sehen.
Um zehn Uhr ist alles still, ein Nachtlokal schimmert feme, aus einer
dunklen Strafie, es lockt ein Familienfest. Jenseits des Flusses, in der
m7 733
turkischen Stadt, steigen die Hauser in Terrassen an, ihre Lichter ver-
schwimmen im Nebel, sie erinnern an feme Kerzen auf den breiten
Treppen eines weiten und hohen Altars.
Es gibt ein Theater, man spielt eine Oper, es gibt ein Museum, es gibt
Spitaler, einen Magistrat, Polizisten, alles, was eine Stadt brauchen
kann. Eine Stadt! Als ware Sarajevo eine Stadt wie jede andere! Als
hatte in Sarajevo nicht der grofite aller Kriege angefangen. Alle Hel-
dengraber, alle Massengraber, alle Schlachtfelder, alle Giftgase, alle
Kriippel, alle Kriegswitwen, alle unbekannten Soldaten: Hier haben sie
angefangen. Ich wiinsche dieser Stadt nicht den Untergang, wie sollte
ich! Sie hat gute, liebe Menschen, schone Frauen, wunderbar unschul-
dige Kinder, Tiere, die sich des Lebens freuen, Schmetterlinge auf den
Steinen im Tiirkenfriedhof. Dennoch hat hier der Krieg angefangen,
die Welt ist vernichtet, und Sarajevo steht. Es sollte keine Stadt sein, es
sollte ein Denkmal sein, alien zum schrecklichen Gedachtnis.
Frankfurter Zeitung, 3.7. 1927
DIE ZIVILISIERTEN IM BARBARENLAND
Den exotischen Charakter des albanischen Landes erkennt man auf
den ersten Blick an der besonderen Lebensweise der zivilisierten Euro-
pder. Die Angehorigen dieser merkwurdigen Rasse, deren verbliif-
fende Sitten und Gebrauche noch nicht geniigend erforscht sind und
die in ihrer komfortabel eingerichteten Heimat einander hassen, schei-
nen in wilden Gegenden ein anderes Herz, eine andere Gesinnung und
einen anderen Charakter in Gebrauch genommen zu haben. Sofort
nach Betreten eines Landes ohne Wasserklosett packen sie aus ihren
Reisetaschen eine ungebrauchte, wie neu glanzende Freundlichkeit
aus, urn sie gegen eine ebenso neue ihrer zivilisierten Schicksalsgenos-
sen auszutauschen. In besonders unwirtlichen Gegenden soil es vor-
kommen, daft eine echte Lady mit einem Commis-voyageur im euro-
paischen Klub tanzt - nur damit die Eingeborenen zerspringen.
In Albanien kann ich feststellen, daft alle Europaer und Amerikaner
ein Herz und eine Seele sind. Gemeinsame Erinnerungen an Liftboys
und Aktienbiindel bilden einen unlosbaren Kitt, der den hochsten Fe-
734 DAS JOURNAUSTISCHE WERK
stigkeitsgrad erreicht, wenn das Grammophon erklingt und die Paare
sich zum Tanz verrenken. Feindliche Diplomaten kampfen Schulter an
Schulter gegen Moskitos, Malaria und den geringsten Versuch eines
Bodenstandigen, der Kultur nahezutreten, die sie ihm bringen. Alle
Konkurrenten, die sich hier um den mageren, aber herrenlosen Bis sen
gesammelt haben, marschieren vereint und profitieren getrennt. Sogar
Journalisten raunen einander neidlos die falschen Nachrichten zu, die sie
aus authentischen Quellen geschopft haben. Schon am friihen Morgen
sieht man wirkliche Militarattaches einen Friseur griifien, der zufallig in
ihren Vaterlandsbereich fallt und ihrem Schutz ausgeliefert ist. Leibhaf-
tige Gesandte geben ihre Visitenkarten bei unbedeutenden Mannern ab.
Vor den Gesandtschaften steht kein abweisender Portier, sondern ein
demii tiger Kawafi. Wo in Europa ein grober Sekretar sitzt, steht hier ein
freundlicher Dragoman auf. Zwei echte Gentlemen sind imstande, ein
Bett zu teilen, nur um die bodenstandigen Ungeziefer zu reizen. Die
Briiderlichkeit der Herrenmenschen ist grofi wie eine Stunde vor Welt-
untergang. Man zittert vor dem Vulkan, auf dem man Charleston tanzt.
Ein paar Einheimische von Distinktion sind in den Kreis der fremden
Gotter aufgenommen. Es gibt in Tirana einen Tennisklub, in dem alle
Rakettschwinger und Zahnpastaverbraucher verkehren diirfen. Ein al-
banischer Oberst und Nationalheros, osterreichischer Herkunft, aben-
teuerlichen Charakters, ist freundlich gesehener Gesprachstoff. Albani-
sche Beamte wagen eine Partie mit authentischen Frauen englischer
Offiziere. Ein deutscher Direktor spielt Poker mit einem Vizekonsul
eines Balkanstaates. Amerikaner sind sogar gegen Bulgaren freundlich,
weil sie nach Sofia immerhin schon Gummischwamme geliefert haben,
nach Tirana aber noch nicht. Mancher Minister ist oft daran, einem
Kinderfraulein die Hand zu reichen, wenn sie europaische Sprofilinge an
die Luft fuhrt.
An gewissen Abenden ist Ball Englander, auch im Strafienanzug sofort
erkennbar, kommen im Smoking. An solch einem Abend geschah es, daft
ein feudaler Weltumsegler, der die Presse verachtet und iiberhaupt jedes
Papier ohne Wappen, sich eine halbe Stunde mit mir unterhielt - was
nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Man trank Whisky-Soda, gebraut von
einem weiftgardistischen Russen, der hier die Bar verwaltet, bis der Zar
aufersteht. Man erzahlte einander Geschichten. Denn es gibt einen
Tratsch von Tirana - die fremden Gotter merken gar nicht, wie mensch-
lkh sie sind.
i9*7 735
Man erfahrt, dafi die hiibsche Freundin des albanischen Prasidenten
eine Wienerin ist, eine Wienerin aus Ottakring. Franzi heifk sie. In
einem Fiat fuhr sie. Wann? Am Nachmittag! Urn welche Zeit? Um vier
Uhr zwanzig! Was trug sie? Einen neuen Hut! Was fur einen Hut?
Einen roten! - Der Major X., Adjudant der Schwester des Prasidenten,
verbot einem albanischen jungen Beamten, mit der Dame zu tanzen.
Als er es dennoch tat, liefi der Major den Beamten verhaften. Er safi
drei Tage im Gefangnis von Tirana. Barbarei! sagen die Gotter. In
Bayern safien Schriftsteller jahrelang, ohne jemals an einen Adjutanten
geraten zu sein. In Amerika boykottiert man Chaplin, weil er seine
Frau nicht nur auf den Mund gekiifk hat. In Frankreich lebte ein ge-
wisser Dreyfus. In Italien trinkt man bei gesundem Magen Rizinusol.
Aber in Albanien - in Albanien sind halt Zustande.-
Diplomaten miissen beweisen, dafi sie die Interessen ihrer Lander
»wahrnehmen«. Sie sitzen - exterritorial, iiber dem Land - wie Fliegen
auf einer Kaseglocke, summen in staatlichen Automobilen hin und zu-
riick, besuchen einander, belauschen einander, beraten sich, machen
aus Flohen Elefanten, chiffrieren sie, telegraphieren sie heim. Dann
spannt sich die Lage. Dann riistet man ein bifkrhen. Dann lauft ein
Journalist zum Telegraphenamt. Er hort etwas tuten. Es war die Auto-
hupe eines Gesandten. In der Zeitung ist's die Feuerwehr von unserem
Sonderberichterstatter. Die Zeitung belauschte den Diplomaten. Der
Diplomat glaubt der Zeitung. Was haben Sie gehort? Banden in Sku-
tari? Waren Sie schon beim Militarattache? Wissen Sie noch nicht? Sa-
loniki? Saseno? Panzerkreuzer? Hydroplan?!
Indessen arbeiten die albanischen Bauern auf den Feldern, die Handler
verkaufen Opanken, die Schmiede hammern Kessel, die Sattler nahen
Sattel. Aber jeden Morgen marschieren Rekruten, Trommel, Reveille,
tiefe Kniebeuge. Eines Tages wird man schon erschossen. Von ItaHe-
nern? Von Sudslawen? - Krieg ist Krieg.
Frankfurter Zeitung, 7. 7. 1927
ARTIKEL UBER ALBANIEN
(Geschrieben an einem beifien Tag)
Albanien ist schon, unglucklich und trotz seiner Aktualitat langweilig.
Die Berge sind manchmal aus einer unbestimmten klaren Substanz,
man konnte sie fur griinbemalte glaserne Klumpen halten. Nur an trii-
ben Tagen, der Himmel ist dann nicht mit echten Wolken bedeckt,
sondern mit einem diinnen Uberzieher aus Wolkenstoff bekleidet,
fiihlt man, dafi die Berge Gestein sind. Sie sind massiver geworden,
auch unerbittlicher, das ganze Land ist wie ein abgeschlossener Hof,
von natiirlichen Gefangnismauern eingefafit, die Freiheit ist ein relati-
ver Begriff, man fiihlt deutlich, dafi es keine Eisenbahnen gibt, uns in
das Jahrhundert zu fiihren, das unsere Heimat ist, man fiihlt, dafi
Schiffe, zwei Stunden, vier Stunden, zwolf Stunden von hier entfernt,
nur einmal in der Woche vor einem albanischen Hafen halten, und die
Exotik lastet doppelt grausam als selbstgewahlte Pein. Von Berlin aus
betrachtet, ist Blutrache interessanter. In ihrer Heimat aber ist sie von
Schmutz, Wanzen, finstern Nachten, zerbrochenen Petroleumlampen,
fetten Spinnen, Malaria-Anfallen, trubem Seegrastee wettgemacht,
gleichgiiltig und selbstverstandlich geworden.
Unter solchen Umstanden bin ich fiir Schonheiten der Natur weniger
empfanglich als etwa die optimistischen geborenen Touristen. Ich regi-
stries hochstens: stille blaue Tage von einer erhabenen Einfachheit,
voll von einer guten Sonne, die selbst noch den Schatten brat und in
jeder kiihlen Felsspalte fiihlbar ist, ein paar Vogel (die hier selten sind,
weil man so fleifiig schiefk) in der Luft und selbstverstandlich auch auf
den Zweigen, Walder von einer unermefibaren Stille, Tiefe, Unend-
lichkeit, Vergessenheit. Ein paar Hauser, fensterlos, ringsum geschlos-
sen, taube und blinde Wiirfel aus Stein, plump, ratselhaft und tragisch,
trachtig von Schicksalen und geheimnisvoll verflucht. Auf jedem der
Hauser, die so angelegt werden, daft sie einem Morder Rast, einem
Verfolgten Zuflucht, einer ganzen Sippe Sicherheit bieten, liegt der so-
genannte Zauber der Unheimlichkeit, dem ich lieber nicht nahe
komme. Ohne die Erlaubnis des Hausherrn darf man hier nicht die
elendeste Hiitte betreten. Hat man aber die Erlaubnis erbeten, so ist
die Gastfreundschaft herzlich und unter eigener Lebensgefahr ausge-
iibt. Sie ist eine schone Sitte, die Gastfreundschaft, sie fu'hrt auch zu
*9*7 111
den edelsten Beweisen der Menschlichkeit. Aber sie hat freilich ihre
guten Grunde in der egoistischen Uberlegung der Menschen, die statt
einer Gerichtsbarkeit die Blutrache haben, dafi man sich irgendwo aus-
ruhen mufi, wenn man verfolgt wird, und daft schliefilich jeder einmal
verfolgt wird. Wenn man konsequent skeptisch denkt, kommt man zu
der Uberzeugung, dafi eine gute Polizei besser ist als Gastfreundschaft.
Mogen mir Albaner und andere Nationen nicht ubelnehmen, dafi ich
einen unproduktiven Konservatismus zu schatzen nicht genug begabt
bin. Die Albaner haben leider - neben anderen Eigenschaften, die ich
verehre - diese eine, die ich nur verstehe: Sie sind angstlich bedacht,
alte Sitten zu bewahren, nicht nur am albanischsten zu bleiben auf
Kosten der Menschlichkeit, sondern auch ihre Stammeseigenart auf
Kosten der Nation zu pflegen. Diejenigen Albaner, die aufierhalb des
Landes wohnen, sperren sich freiwillig ab, heiraten nur untereinander
und mifitrauen ihrer Umgebung. In Amerika bleiben sie Albaner, spre-
chen miteinander albanisch und kehren nach einigen Jahrzehnten zu-
riick, wozu? - um in Albanien einen Giirtel aus Patronen zu tragen. Sie
haben wie manche kleine Volker jene Art von nationaler Treue, die der
Nation zum Aussterben verhilft und die nationale Kultur arm erhalt.
Daher kommt es, dafi die albanische Sprache heute noch kein Wort fur
»Liebe« hat, nicht einmal bestimmte Bezeichnungen fur die Farben des
Spektrums, kein Wort fiir »Seele«, kein besonderes Wort fur »Gott«,
dafi die albanische Literatur heute schon reicher, zumindest ein gewis-
scs Abbild des heutigen albanischen Lebens sein konnte, aber immer
noch so simpel ist wie etwa die ersten Lieder der europaischen
Menschheit und selbst hinter der Entwicklung dieses langsamen Lan-
des zunickbleibt. Die Stoffe der Literatur sind bukolische Familienan-
gelegenheiten. Gleichzeitig mit dem nationalen Konservatismus lebt
die Stammesfehde auf Kosten der Nation, religioser Fanatismus auf
Kosten der Religion. Denn die Albaner sind nicht etwa sehr glaubig.
Aber ihre Zugehorigkeit zu einem Bekenntnis allein verfiihrt sie, die
Angehorigkeit der anderen Konfessionen mifigunstig anzusehen.
Ich weifi, dafi die meisten »nationalen Eigenschaften« Folgen der un-
gliicklichen Geschichte sind, der jahrhundertelangen bitteren Kampfe
gegen die Tiirken. Aber Tausende von Albanern gingen freiwillig in
tiirkische Dienste, waren tiirkische Giinstlinge, Feldherren, Beamte,
halfen ihr Land unterdrucken und - blieben dabei Albaner. Launen der
nationalen Natur! Ein albanischer Major sagte mir: »Es ist noch ein
73$ DAS JOURNALISTISCHE WERK
Gliick, dafi uns die Tiirken unterdriickten und von ihrer Kultur abge-
schlossen hielten. Denn sonst ware heute die albanische Sprache spur-
los verschwunden.« Es war, wie gesagt, ein albanischer Major, der so
sprach. Deshalb erwiderte ich nicht, was mir auf der Zunge lag, nam-
lich:
Was haben Sie davon? Sagen Sie Ihrer schonen Frau: Ich liebe dich! auf
albanisch? Ware es nicht besser, auf tiirkisch alles zu sagen als auf alba-
nisch nur die Halfte? Es ist ein Verbrechen, eine Nation zu unterdriik-
ken. Darin stimmen wir beide uberein. Aber das negative Resultat die-
ser Unterdriickung, das in der zufalligen Erhaltung einer wis sens chaft-
lich interessanten Sprache besteht, gerade deshalb zu loben, ist kindi-
scher und falscher nationaler Stolz. Das aber sagte ich nicht.
Ich kam durch Stadte von einer erhabenen Unheimlichkeit, in Stadte
von einer einfachen, grofien Trauer. Ich sah Elbassan. Es ist eine der
altesten Stadte des Landes. Ihre steinernen Hauser in steinernen H6-
fen, in steinernen Garten haben die Monumentalitat des Todes und
gleichzeitig seine idyllische Trauer. Es gibt nichts Ergreifenderes als
dieses Griin zwischen Steinen, dieses weiche, nasse Moos in den Fur-
chen und Sparren, die Bliite des Moders und des Nichts. Der Stein
erscheint gleichsam noch steinernen Die Stadt erinnert in ihren Win-
dungen, mit ihrem gebuckelten Basar, mit ihren Bogengafichen an eine
Art riesigen, launenhaft gegen alle Gesetze gewundenen Schnecken-
hauses, dessen erster Bewohner verstorben ist und einem Gewimmel
lassiger, brauner, malerisch angezogener, auch mit Schmutz und Ge-
bresten behafteten Handler seinen Platz uberlassen hat. Ubrigens ge-
horen die meisten Hauser von Elbassan dem Herrn Shefgjet Verlaci,
dem kiinftigen Schwiegervater Achmed Zogus. In Elbassan gibt es
einen der schonsten, weitesten, griinsten Gebetsplatze des ganzen Lan-
des, auf dem am heiften Nachmittag die Priesterschiiler und die Prie-
ster liegen, der Metaphysik gewidmet. Im Osten sind die grofien mo-
hammedanischen Friedhofe mit Grabsteinen, die an riesige Pilze erin-
nern, im Siiden steht die beriihmte gesprengte Skumlibriicke, weiter-
hin ein langgestreckter tiefgriiner Olivenwald, ein Biihnenwald aus
einer Marchenvorstellung.
Ich erwahne Kruja. Es ist idyllisch, primitiv. Es erinnert an die ersten
Biicher Moses, an die Geschichte, in der erzahlt wird, wie Rebekka
zum Brunnen ging. Ein naiver biblischer Jugendflaum liegt iiber der
dorflichen Stadt, in der Topfe in grofien, gliihenden, offenen Ofen ge-
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brannt werden, alttestamentarische Topfformen, Henkelkriige aus un-
schuldigem Ton, braunlich-madchenhaft, mit jugendlich schlanken
Hals en und Hiiften und ein bifichen unfertigen, diinnen Trichtern.
Auf offenen Feuern kocht tiirkischer Kaffee. Das Kaffeehaus besteht
aus einem Cafetier und aus einer unbeweglichen Waage, auf deren
zwei Schalen ein paar Tafkhen klirren, gefiillt mit scharzem, dickfliis-
sigem, siifiem Saft. Diese Stadt regiert mit harter Hand ein Gendarme-
riekommandant, der friiher Bandenfiihrer war (vulgar Rauberhaupt-
mann). Er hat eine schone Uniform mit goldenen Sternen.
Man begegnet auf den Wegen echt biblischen Szenen: Hirten mit
Schals gegen Sonnenbrand, gefleckten Schafchen, Hiitten aus Blat-
tern, Zelten aus geflochtenen Weiden, Mannern auf Mauleseln, ver-
schleierten Frauen, die im Gehen stricken. Das Land ist so friedlich,
dafi man an die gefahrlichen Mordsitten nicht glauben will. Dennoch
lernte ich einen Mann kennen, der einmal seinen Freund rachen
wollte und aus Irrtum einen Unschuldigen erschofi. Er hatte eben
Pech. Denn dieser Unschuldige hat zum Uberflufi noch sieben Brii-
der, die alle hinter meinem Mann her sind. Er hat schon mehrere Un-
terhandler ausgeschickt, aber es dauert, ehe man sich einigt. Seit drei
Monaten erwartet er jede Stunde seinen Tod. Es ist nicht etwa ein
primitiver Albaner. Es ist ein Mann, der in Paris als Munitionsarbei-
ter gelebt hat und zuruckgekommen ist, eigens um Blutrache zu neh-
men. Obwohl er selbst verfolgt wird, sucht er immer noch den richti-
gen Morder seines Freundes.
Kommt man dann in dreivierteleuropaische Stadte wie Skutari, Va-
lona, Kor$a, in Stadte mit Stehkragen, Krawatten, Ansichtskarten, Ra-
sierklingen, Goldplomben, Fordautomobilen und Advokaten - so
glaubt man noch weniger an die Moglichkeit einer so engen Nachbar-
schaft von Halbkultur und Heldenepos. Dennoch ist der Bruder des
Friseurs ein echter, erfolgreicher Bandenhauptling. Kommt er in die
Stadt, so lafit er sich rasieren, trinkt einen Kaffee und spricht wie du
und ich. Menschen sind wir alle.
Die stadtischen Albaner sind die furchtsamsten Menschen im Ge-
sprach. Es gehort hier zum SchieEen weniger Mut als zum Sprechen.
Bevor ein Albaner seine wahre Meinung sagt, schiefit er lieber. Er
furchtet die Ohren der Wande. Er sieht in jedem einen Spitzel, hat aber
nur zur Halfte recht; denn nur jeder zweite ist ein Spitzel. Eine albani-
sche »Ochrana«, etwa im Sinne jener festgefugten russischen Organi-
74° DAS JOURNALISTISCHE WERK
sation, gibt es nicht - schon weil jeder albanische Stacker, mit Leiden-
schaft und ohne aufgefordert zu sein, Nachbarn und ihre Handlun-
gen und Wege beobachtet, ein kindisches Vergniigen darin findet,
»Geheimnisse« zu entschleiern, und in vollkommen offenen und
harmlosen Vorgangen gefahrliche Geheimnisse sieht. Sie komplizie-
ren sich das Leben, die guten Albaner. Ein Fremder wird nicht etwa
besonders beobachtet, sondern mit Leidenschaft und aus primitivem
Interesse von alien beobachtet. Viele Albaner, mit denen ich zufallig
bekannt wurde, sagten mir auf den Kopf zu und machten dabei ein
schlaues Gesicht: »Sie sind ein Journalist« - als hatte ich es zu verber-
gen gesucht und als mufite ich mich ertappt fuhlen. Fragte ich aber:
»Was gibt es Neues?« oder: »Was schreibt Ihre albanische Zeitung,
die ich nicht lesen kann?«, so zuckten sie mit den Achseln, weil
»Neues« sehr gefahrlich ist und jedes Wort, das einer »Neuigkeit«
ahnlich sieht, einen verraten konnte. Eine standige Formel ist die
Antwort: »Ich weifi nichts Neues! Erzahlen Sie mir etwas. Sie wissen
doch alles!« Dann kann man sicher sein, dafi der verschwiegene Alba-
ner sofort zu irgendeiner interessanten Stelle gehen wird, urn zu be-
richten: »Er hat gesagt, daft . . .« Die Lust dieser Menschen am Spio-
nieren ist ebenso grofi wie ihre Furcht, eine Meinung zu aufiern. Und
so selten aufiern sie eine Meinung, dafi sie mit der Zeit jede eigene
aufgeben und nur fremde anhoren. Denn wozu eine Meinung, die
man verschweigt? An die Stelle einer politischen Uberzeugung tritt
politisches Parteigangertum, an die Stelle eines Kampfes die Konspi-
ration, an die Stelle des Worts die Andeutung, an die Stelle der Vor-
sicht die Furcht. In diesem Land ist kein Regierender sicher und kein
Regierter. Es gabe keine offentliche Meinung - selbst wenn sie gestat-
tet wurde. Im Laufe der langen Jahrhunderte haben die Albaner jede
Freude am Recht zur offentlichen Meinung verloren. Sie machen
selbst aus unzweideutigen Offenheiten heimliche Ratsel. Gefahrlose
Dinge goutieren sie nicht.
Ihre Tugenden sind Hoflichkeit, Stille, Sanftmut, Bescheidenheit. Ihre
gefahrlichste Eigenschaft: die Liebe zum Geld. Es gibt Gegenden, in
denen die Bauern Goldhaufen vergraben haben und immer weiter flei-
fiig Gold sammeln. Vielleicht ist ihre Gemigsamkeit zur Halfte Geiz.
Sie sind infolgedessen weniger arbeitsfaul als schwach. Sie leisten viel
weniger als ein Europaer, weil sie schlechter genahrt sind. Ihre Bediirf-
nislosigkeit grenzt an Unsinn. Ihre Bescheidenheit ist traurig und be-
1927 74i
driickend - ebenso bedriickend wie das frauenlose Leben in den Stad-
ten, in denen man tagelang keine Frau sieht, keine helle Stimme hort.
Das Leben ist enterotisiert, die Liebe ist degradiert zur hauslichen Tu-
gend, und ein Spaziergang ist langweilig wie ein Weekend.
Welch ein aktueller Boden! . . .
Frankfurter Zeitung, 30. 7. 1927
KNOTENPUNKT AM MORGEN
Es ist Sommer. Wenn der Zug halt, hort man die unermudlichen Gril-
len in den Feldern und den Gesang der Telegraphendrahte, der wie das
Surren von dunklen, unheimlichen, jenseitigen Sensen ist. Mitten zwi-
schen Bergen, Feldern, Lerchen und Himmel liegt der Knotenpunkt.
Man erreicht ihn urn vier Uhr morgens, nicht friiher, nicht spater. Es
ist im Fahrplan vorgesehen, daft die aufgehende Junisonne und der
Passagier im Knotenpunkt zusammentreffen.
Die Gepacktrager sind schon aufgestanden, man ist nicht mehr allein.
Die Schienen laufen nach alien Richtungen, elastisch wie gestreckter
Gummi, von fernen Stationen festgehalten, damit sie nicht zum Kno-
tenpunkt zuruckschnellen. Der Bahnhof birgt ein trauliches Restau-
rant, i., 2. und 3. Klasse. Gastfreundlich, wie er ist, beherbergt er einen
roten Automaten, mit goldener Inschrift, sechs Miinder fur Munzen,
einem geschnorkelten Griff und einem Barockgiebel, der wie von
einem Miniaturportal entlehnt ist. Auf alien Bahnhofen, an denen
meine Kindheit voruberfuhrte, standen solche Automaten. In meiner
Erinnerung verbindet sich ihr Bild mit dem ratselhaften Klang der Si-
gnale, dem Klang eines goldenen Loffels an Glas, den die Eingeweih-
ten wohl zu deuten wissen und der den Laien nur zu verstehen gibt,
daft irgendein Zug kommen wird, wer weifi woher. Auf dem ganzen
Weg, den meine Kindheit zuriickgelegt hat, stehen die roten Automa-
ten. Wenn ich jetzt eine Miinze hineinsteckte, ich zoge jene Schoko-
lade heraus, die ich vor zwanzig Jahren gebraucht hatte und die mir
heute nicht schmeckt.
Der kleine griine Zeitungspavillon ist noch geschlossen, auch fur den
Tabakverschleift ist die Stunde noch nicht angebrochen. Das Restau-
rant dagegen spendet schon Kaffee, in morgendlich gespiilten Glasern,
die von einem Madchen aus dem Bad gehoben und gegen die aufge-
hende Sonne gehalten werden. Zeitungen von gestern bieten sich an,
ohne zu wissen, daft schon heute ist. Dieses Heute aber ist so stark,
daft die Zeitungen sehr verjahrt aussehen. Der Sonnenaufgang allein
dementiert ihre Nachrichten.
Wenn man den Bahnhof verlafit, sieht man eine Ortschaft, so klein,
daft die Frage auftaucht, warum gerade hier der Knotenpunkt entstan-
den ist; und wenn er schon da war, dank einem Zufall, der blind ist,
m7 743
warum er nicht aus der Ortschaft eine Grofistadt gemacht hat; und
wieso es der Ehrgeiz eines Ortes sein kann, ein Knotenpunkt zu blei-
ben und seine ganze Bedeutung aufterhalb seiner, am Bahnhof also, zu
konzentrieren; und wie dieser Ort, obwohl jeden Morgen ein Zug ste-
henbleibt und Passagiere warten, so tief schlaft, als wiifite er gar nicht,
daft er ein Knotenpunkt ist. Denn nur die Hahne krahen, die es doch
bestimmt nicht wissen. Erst um fiinf Uhr geht ein Mann mit einer
Harke und einer GieEkanne durch die einzige Strafie des Orts, seinem
Garten entgegen. Der Friseur schlaft noch hinter dem Zaun, an dem
sein Becken aus glanzendem Messing angebracht ist, ein Spiegel der
Sonne. Im Hause Nummer y6 wohnt der Trompeter der Feuerwehr,
eine Tafel besagt es. Sein Fenster zu ebener Erde ist of fen, er steht auf,
kiifit seine junge Frau, stiilpt sich ein Hemd iiber und begibt sich zum
Waschbecken. Ich warte vor seinem Fenster und hoffe im stillen, dafi
er bald zu blasen anfangen wird, obwohl es nicht brennt. Ein intellek-
tueller Sommerfrischler ist schon wach. Jetzt geht er, mit einem Stock
bewaffnet, Spuren halbweicher Friichstuckseier auf den Lippen, einen
Berg hinan, die Zeitung in der Tasche, von seinem Abonnement bis ans
Ende der Welt verfolgt, bis auf den hochsten Gipfel.
Wie langsam schleicht die Zeit, mit der Zeitlupe aufgenommen ! Drei
Stunden mufi man warten, und die Uhr am Kirchturm bleibt auflerdem
zuriick. Ein Bach treibt eine Muhle, ein Hirt eine Herde, ein Wind die
Morgennebel. Der Zeitungspavillon am Bahnhof ist immer noch ge-
schlossen. Er hat glaserne Wande, und es sieht aus, als schliefe er mit
offenen Augen. Das Madchen am Biifett wascht immer noch die Gla-
ser. Sie hat einen Zopf, eine Schiirze, und ihr Mund ist ein kleiner roter
Bogen. Waren Sie spazieren? fragt ihr Mund, wahrend ihre Hande
Glaser spiilen. Fahren Sie weit fort?
Ja. - Mochten S' mich nicht mitnehmen? - Und weil ich nicht Ja! ant-
worten kann (wie dumm ist man auf einem Knotenpunkt!), frage ich
wieder: Mochten Sie denn mit?-
Oh, ja! sagte sie.
Wahrscheinlich stellt sie jeden Morgen dieselbe Frage, laut oder
stumm, an einen Mann, der hier auf seinen Zug wartet, sehr weit weg-
fahrt und ihr deshalb sympathisch ist. Ich mochte jetzt alt sein, um feig
sein zu diirfen. Hatte ich einen weifien Bart oder wenigstens eine
Glatze, ich konnte ihr sagen: Bleiben Sie am Knotenpunkt, liebes
Fraulein! Es ist machmal besser, die Manner wegfahren zu sehn, als
744 DAS JOURNALISTISCHE WERK
mitgenommen zu werden. Denn wenn man alt ist, darf man die Mad-
chen mit weisen Liigen trosten und sich selbst ebenfalls.
Ich nehme sie nicht mit, aber ich gebe ihr die Hand. Sie wischt ihre
Hand an der Schiirze ab - diese Bewegung ist wie der Ausdruck ihrer
Resignation. Sie hat ihre Wiinsche ausgeloscht, mit einem Schwamm.
Sie sagt: Gute Reise! Ich sehe sie nicht an, ich sehe schon zu den Schie-
nen hiniiber, sonst mufiten wir uns kiissen - und wir haben Angst, weil
wir dumm, feig und praktisch sind.
Frankfurter Zeitung, 24. 6. 1927
DER FALSCHE KRONPRIN2ENSOHN
Harry Domela wird also noch ungefahr zwei Wochen im Gefangnis
sitzen miissen. Die Sympathie der meisten, die dem Prozefi beige-
wohnt haben, ist mit ihm und mag ihn trosten. Er macht einen guten
Eindruck. Abgesehen von einigen kleinen, merkwurdigen Sitten, die in
Militarkreisen, bei den Saxo-Borussen und den markischen adeligen
Familien zum guten Ton gehoren mogen, abgesehen von einem immer
wiederkehrenden »Danke gehorsamst«, einer resoluten Handbewe-
gung, die gleichsam ein Wegschieben von etwas Unangenehmem und
Verachtlichem bedeutet, einem kurzen, entschiedenen und dennoch
weich ausgesprochenen, gewissermafien verwohnten: »Tja!« - abgese-
hen von diesen Nebensachen macht Domela wirklich eine halbwegs
gute Figur. Das heifit, man konnte ihn fur einen Hohenzollernprinzen
halten.
Sein Husarenstiick - alle seine Husarenstiicke - beging er nicht aus
Opposition gegen die Gesellschaft. Er ist kein RebelL In seiner Hoch-
stapelei lag nicht jener rebellische Hohn, der den genialen Betrug des
Hauptmanns von Kopenick zu einer schrecklichen Satire gemacht hat.
Wenn diese republikanische Zeit und ihre monarchistischen Kinder
trotzdem durch Domela blamiert wurden, so geschah es nicht, weil er
es direkt wollte. Was unterschied den Schuster Voigt von diesem wirk-
lichen preufiischen Hauptmann? Die Rebellion des alten Zuchthaus-
lers, der die oberen Zehntausend hafite, und die groftartige Ironie, mit
der ein kleiner, schwacher Untertan den Kampf gegen die Gesellschaft
W 745
unternahm; diese Ironie, deren ein aktiver Militar niemals fahig sein
kann. Was aber unterscheidet Harry Domela von einem Hohenzol-
lernprinzen? - Wenig - aufier der Tats ache, dafi ein Hohenzoller es
nicht notig hat zu schwindeln. Harry Domela, ein Balte, ausnahms-
weise biirgerlich (denn wir sahen in den letzten Jahren in Deutschland
nicht viele biirgerliche Balten), hat nichts gegen die Gesellschaft, die
sich heute durch ihn lacherlich gemacht hat. Im Gegenteil: Er hat alle
Eigenschaften, die ihn befahigen, vollberechtigtes Mitglied dieser Ge-
sellschaft zu werden, wenn man seine Hochstapelein als nicht zu sei-
nem Charakter gehorig betrachtet. Sie gehoren in Wirklichkeit gar
nicht zu seinem Charakter. Er mufi sich ihrer nur in einer Art Not-
wehr bedienen, um seine anderen Eigenschaften gelt end machen zu
konnen. Die Natur hat ihm alle Voraussetzungen fur einen baltischen
Baron oder einen Grafen oder einen Hohenzollernsohn gegeben. Aber
die Gesellschaft blieb ihm die entsprechenden Titel schuldig. Und diese
bolte er sich eben selbst.
Er ist blond, blaft, schmachtig, er tragt die preufiische Uniformfrisur,
an der man manche Barone, Militars, Beamte in Deutschland erkennt:
der Kopf ringsum bis auf eine diinne Schicht kurzer, stachliger Har-
chen geschnitten, durch die man die nackte Haut schimmern sieht.
Vorne - und so, als hatte ein plotzlicher militarischer Befehl dem Bar-
bier geboten, die Maschine aus der Hand zu legen und von dieser be-
stimmten Demarkationslinie ab nur mit der Schere zu iiben - vorne
also ein blondes Kappchen aus gescheitelten, mit Wasser oder Fett nie-
dergehaltenen Haaren. Blaue Augen, etwas ehrlich und etwas verwun-
dert, ein bifichen bescheiden, ein bifichen aufgeweckt, ein unfertiger
Blick, aus dem noch alles werden kann. Ein weicher, beinahe grazioser
Mund, ein sanftes, weibliches Kinn, die Hautfarbe blafi, die Hande
verhaltnismafiig klein, aber nicht ganz ausfuhrlich geformt, durch gele-
gentliche schwere Arbeit auch gerotet und ein wenig aus der angebore-
nen Eleganz gebracht. An den Handen hatte man ihn agnoszieren
miissen. Niemals an seinem Gesicht, an diesem sanften, ausdruckslo-
sen, unbedeutenden Muttersohnchengesicht: Es konnte jedem Burger
gehoren.
Man ist auch hereingef alien : der kleinburgerliche Hoteldirektor, der
adlige Frankfurter Bankier, der baltische Baron, ein Biirgermeister,
eine ganze republikanische Reichswehrschwadron, das ganze Korps
der Saxo-Borussen. Als der Prozeft kam, verzichteten sie, wurden zu
74^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
Hause verhort, kamen gar nicht in den Gerichtssaal - und der Justizap-
parat kam ihnen entgegen, verschonte sie, behiitete sie vor der Bla-
mage, sich vor einer schadenfrohen Offentlichkeit zu zeigen. Dennoch
waren sie da. Sie waren da, gewissermafien mehr noch, als wenn sie
gekommen waren. Denn wahrscheinlich hatte man an dem und jenem
gesehen, dafi er auch noch was anderes kann, als vor lauter Byzantinis-
mus einem Hochstapler hereinzufallen. So aber, da nur Domela von
ihnen erzahlte - mit Hohn, berechtigter Schadenfreude und sogar mit
Abscheu erzahlte-, erschien von all den abwesenden Zeugen nur ihre
grenzenlose Dummheit, riesengrofi stand sie da und erfiillte den Ge-
richtssaal.
Frankfurter Zeitung, 12. 7. 1927
BLICK NACH SUDSLAWIEN
Belgrad, im Juli
Man nennt Belgrad das Paris des Balkans. Lippenstifte, Wachsbusten,
Haarschnitte und Damenmoden, die Einrichtung der Kaffeehauser
und der Restaurants, der Geschmack des Hors d'ceuvres und der Ape-
ritifs, eine ganz bestimmte Sorglosigkeit in der Atmosphare des abend-
lichen Korsos, ein ganz bestimmter Glanz iiber jenem heiter bewegten
Strafienbild, das man »Leben und Treiben« nennt, eine gewisse phos-
phoreszierende Oberflache: All das ist Pariser Konvenienz. Es gibt
auch eine franzosische Buchhandlung - allerdings. Aber fiihrte sie
nicht den »Sourire« auf Lager, man konnte von einem geistigen fran-
zosischen Einflufi uberhaupt nicht sprechen. Dekobra, Claude Anet
und andere von der franzosischen Schriftstellersorte, die den literari-
schen Qualitatsexport Frankreichs bildet und den geistigen Charakter
ihres Landes falscht, wahrend sie es in fernen Gegenden reprasentiert,
verleihen ihren jugendlichen Lesern die bekannte pseudofranzosische
Haltung, deren Kennzeichen Unbestandigkeit, Nachtlebenerotik und
Kinogalanterie sind. Die jungen Manner von Belgrad sind sehr elegant.
Noch stundenlang, nachdem sie ihr Haus verlassen haben, sieht man
ihnen an, wie lange sie vor dem Spiegel gestanden sind. Etwas vom
Widerschein des Quecksilbers ist auf ihren piekfeinen Anziigen liegen-
19*7 747
geblieben, eine Art Silberpatina der Eitelkeit Alle Manner unter drei-
fiig - ich meine naturlich alle Manner jener Gesellschaftsschicht, fiir
die Kaffeehauser, Hauptstrafie und Dancings gebaut sind - tragen
breite, wallende, schlotternde, amerikanische Hosen, Hosenschofie so-
zusagen, die sich im Wind blahen, Beinsegel fiir Flanierer. Sie tragen
helle, weiche, zartgetonte, leise und wie von einem immer wiederkeh-
renden, hartnackigen Modezufall eingeknickte Hiite, bunte Schleif-
chen am Hals, an dem nur noch ein silbernes Glockchen fehlt, um aus
dem Trager ein etwas grofigeratenes Schofitier fiir verwohnte Damen
zu machen. In keinem Lande der Welt - ausgenommen in Polen - gibt
es so schlecht bezahlte und gleichzeitig so elegant gekleidete Staatsbe-
amte. Es ist Sitte in Siidslawien, nicht von seinem Gehalt zu leben,
wenn man z.B. junger Attache im Auswartigen Amt ist. Man lebt nach
alter Tradition von seinem Vater. Hat man keinen - und ein Vater, von
dem man nicht leben kann, ist noch schlimmer als iiberhaupt kein Va-
ter-, so wird man auch nicht so leicht Attache im Auswartigen Amt.
Die sogenannten Zuschiisse sind das Gehalt, und das Gehalt ist ein
Zuschuft.
Nirgends sind mir so elegante, flotte und - begabte Journalisten begeg-
net, nirgends auch so allmachtige. In Belgrad herrscht die Diktatur der
Presse. Die Journalisten warten den ganzen Vormittag vor den Mini-
sterien, mit Bleistift und Papier, sie erwarten die kommenden und ge-
henden Minister, Politiker stehen unter der standigen, unerbittlicheri
Kontrolle der Reportage, es gibt da eine geheimnisvolle Beziehung
zwischen der Geschichte des Landes und dem Zeilenhonorar der Re-
porter. Im Vestibiil des Ministeriums des Aufiern telephonieren die
Berichterstatter die Resultate ihrer historischen Begegnungen. Diese
Journalisten haben Eisenbahn und Schiffahrt (erster Klasse) umsonst.
In Agram schenkt die Gemeinde der Presse einen Platz, auf dem ein
Journalistenhaus gebaut werden soil. Von alien eleganten Mannern, die
man auf der Hauptstrafte Belgrads sehen kann, sind (naturlich nicht
statistisch nachweisbar) dreiEig Prozent Staatsbeamte und dreiflig Pro-
zent Journalisten. Bleiben vierzig Prozent. Von diesen sind zwanzig
Prozent Anwarter auf Beamtenposten und zwanzig Prozent gewesene
Beamte. Denn in diesem aufterordentlich parlamentarischen Land
wechseln die Beamten mit den herrschenden Parteien und den Mini-
stern. Die Beamten steigen und fallen, kommen und gehen mit den
Ministern. Es ist ein flotter Handel von Menschen und Schicksalen, die
74^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
Regierenden und die Regierten wechseln miteinander die Platze wie
bei einem Gesellschaftsspiel. Es gibt nur eine Klasse, die immer regiert
wird: Das sind die Arbeiter. Ich habe die proletarische Maifeier in Bel-
grad gesehen. Die Proletarier gingen in den Wald, tranken Sodawasser,
afien Butterbrot und sangen - weil revolutionare Lieder verboten
sind - nationale. Trotzdem waren die friedlichen Walder voll von Poli-
zisten und Spitzeln. Gegeniiber dem Wald steht eines der neuen
Schlosser des Konigs, umgeben von Kasernen, kein Schlofi ohne Ka-
sernen. Kein Konig ohne Untertanen.
Und kein Konig ohne Leibgarde. Vor dem Schlofi stehen zwei unbe-
wegiiche Leibgardisten. Wenn sie abgelost werden, sieht man, dafi sie
nicht aus Holz sind. Fangen sie aber an, in freien Stunden spazierenzu-
gehen, so sind sie bunte Reklamegegenstande fur den Royalismus. Auf
den Umschlagseiten der illustrierten Blatter ist oft der Kronprinz pho-
tographiert. Ein heiterer Knabe. Er kostet ein paar Millionen monat-
lich. Vor ihm prasentieren die holzernen Leibgardisten das Gewehr.
Die Burgmusik - am Nachmittag urn 6Uhr -, die zur Belebung des
Korsos wie der Untertanentreue gleichermafien dient, macht dem
Kleinen Spafi. Gerne mischt sich der Konig unters Volk. Das heifit: Er
geht im Park spazieren, wo das Volk aus Journalisten, Beamten und
Abgeordneten besteht. Wenn man einen verniinftigen Sudslawen fragt:
»Wozu braucht ihr einen so kostspieligen K6nig?«, so antwortet er:
»Weil unser Volk noch nicht so fortgeschritten ist, um republikanisch
regiert zu werden. « Indessen ist gerade das sudslawische Volk intelli-
gent, aufgeweckt, diszipliniert, politisch selbstandig, kritisch, mit
einem hellen, gesunden, landlichen Verstand begabt, human, heiter,
kultiviert, von einer guten, sudlichen Sonne gesegnet, ohne nationali-
stische Vorurteile, ohne jeden religiosen Fanatismus, loyal gegen an-
dere Nationen, Stamme und Rassen. Nirgends sah ich einen solchen
Gegensatz zwischen dem Geist der Verordnungen und Gesetze und
dem Charakter des Volkes. Die Verwaltung ist reaktionar, das Volk ist
forts chrittlich. Die Polizei ist brutal, die Menschen sind freundlich. In
den Amtern herrscht Korruption, und die Bevolkerung ist ehrlich. Die
Regierung ist reichlich naiv, und die Regierten sind klug. Der Konig
hat diktatorische Geluste und das Volk demokratische Neigungen.
Die Sittlichkeit ist zu einer Seuche geworden, die »uneheliche Liebe«
ist beinahe verboten, jedenfalls erschwert. In manchen Stadten geht
hinter jeder Prostituierten ein Polizist einher. Es ist den Madchen ver-
1927 749
boten, Passanten anzusprechen. Jede Frau, die sich mit einem Mann in
ein Hotel begibt, gerat in Gefahr, wegen »gewerblicher Unzucht« ver-
haftet zu werden* Offentliche Hauser sind nur in bestimmten Stadten
erlaubt. Es gibt engbegrenzte erotische Rayons. Liebe in Waldern ist
gesetzlich verboten. Hinter jedem zehnten Baum lauert ein Polizist.
Die ungesetzliche Fortpflanzung ereignet sich unter zahlreichen Vor-
sichtsmafiregeln. Die Frauen sind schon wie Gottinnen und keusch
wie Engel. Ein Ehebruch ist leichter als eine Liebschaft. Die Liebe
fiihrt schnurstracks zur Ehe. Und diese erst ist gefahrdet. Sicher ist nur
die Nachkommenschaft. Denn das Volk ist, Gott sei Dank, fruchtbar.
Frankfurter Zeitung, 16. 7, 1927
»NUR ECHTE ERLEBNISSE«
Antwort an Herrn Arthur Eloesser
Herr Arthur Eloesser teilt im »Ersten Morgenblatt« vom io.Juli die
Ergebnislosigkeit des Preisausschreibens mit, das der Verlag S. Fischer
vor einigen Monaten veranstaltet hat. Das Preisausschreiben trug die
Marke: »Das Erlebnis«. Nach Herrn Arthur Eloessers Meinung kamen
»nicht erdichtete, sondern nur echte Erlebnisse in Betracht, die s chick-
sal- oder charakterbildend gewirkt hatten«. Die Veranstalter des Preis-
ausschreibens bzw. die Preisrichter »dachten nicht vornehmlich an ein
Wettschreiben um die hochste schriftstellerische Qualitat« - sie »woll-
ten vor allem Stimmen hervorrufen, die ohne solche Ermutigung
stumm geblieben waren«.
Der »Schreiber dieser Zeilen« hat sich an dem Preisausschreiben nicht
beteiligt. Nicht nur deshalb, weil er der Meinung war, dafi diese ewige
Preisausschreiberei ein Unfug ist und dafi die Verleger besser daran
taten, ihren Autoren, deren Talente sie nicht mehr auf die Probe zu
stellen brauchen, fleifiiger Honorare zu zahlen; nicht nur deshalb, weil
er iiberzeugt ist, dafi ein Schriftsteller mit Selbstbewufksein (das jede
Begabung begleitet) sich einem Preisrichterkollegium selten unterwer-
fen wird - und ware es auch aus den trefflichsten Kritikern zusammen-
gesetzt; nicht nur deshalb, weil er die Erfahrung gemacht hat, dafi in
sehr seltenen Fallen ein Preis wirklich dem Meistbegabten und Wur-
75° DAS JOURNALISTISCHE WERK
digsten zuteil geworden ist - nicht nur all dieser Griinde wegen- son-
dern zuerst deshalb, weil er die Bedingungen dieses Preisausschreibens
fur naiv und unerfiillbar hielt. Er hatte die Ergebnislosigkeit voraussa-
gen konnen, insbesondere, weil er sich iiber die Tadellosigkeit, den
sichern literarischen Geschmack, die kritische Erfahrung der Preisrich-
ter im klaren war. Er wunderte sich nur dariiber, dafl sie ein so aus-
sichtsloses Amt iibernommen hatten.
»Nicht erdichtete, nur echte Erlebnisse« kamen in Betracht. Nun gibt
es aber innerhalb des literarisch Wertvollen, also allein eines Preises
Wiirdigen, iiberhaupt keine erdichteten, sondern eben nur echte Erleb-
nisse. Ihre Wahrhaftigkeit, ihre Notwendigkeit, ihre schicksalsmafSige
Bedeutung erhalten sie durch die gultige Form. »Das Erlebnis« als
nackte Begebenheit, als Wirklichkeit, als Historie oder Episode ist kein
Verhandlungsgegenstand fiir ein Preisgericht, sondern Rohmaterial fur
einen Schrifts teller. Es ist ein Unterschied, ob das »Erlebnis« fiir einen
Menschen ein Schicksal bedeutet hat oder ob es, aufgezeichnet, die
Leser von seiner Schicksalsmafiigkeit uberzeugt. Hatte der Verlag
S. Fischer einen Preis fiir ein Erlebnis bestimmt oder fiir die Formung
eines Erlebnisses ? Im zweiten Fall war es iiberfliissig, die Betonung auf
die Erlebnistatsache zu legen - denn alles gultig Geformte ist selbstver-
standlich Erlebnis, ist mehr: namlich dreifach, vierfach, tausendfach
gesteigertes, erlebtes, erlittenes Erlebnis. Im ersten Fall aber war das
Preisausschreiben vollkommen verfehlt, und jeder Preis ware unge-
recht gewesen; denn es ist iiberhaupt kein Verdienst, etwas zu erleben,
und schon gar nicht Aufgabe eines Verlags, die Zufalligkeit des Erle-
bens zu belohnen.
Man wollte »Stimmen hervorrufen, die stumm geblieben waren«.
Welch eine Naivitat! Welch unverstandliche Verwechslung! Als ob
Menschen, die stumm bleiben, es nicht miijiten; - und als ob Men-
schen, die sich aufiern, sich nicht aufiern mufitenl Wollte man Tagebii-
cher privater Natur an die Offentlichkeit bringen? Sie waren Material
gewesen fiir Historiker, Schrifts teller, Betrachter und Kritiker der
Zeit; Modelle fiir Romanciers und Dramatiker. Man hatte dann einen
Preis fiir ihre kunstlerische Bearbeitung ausschreiben miissen. Die
»Lust des autobiographischen Bekennens«, die Herr Arthur Eloesser
um 1800 findet und heute vermifit, mag allerdings unsern Zeitgenossen
vergangen sein. Es gibt viele Griinde dafiir - sie gehoren nicht hierher.
Aber diese Lust wurde auch um das Jahr 1800 nicht etwa durch Preis-
1927 75i
ausschreiben geweckt, sie erwachte von selbst und - wenn die Auto-
biographic gultig, das heifit: nicht privat, sondern interessant, Anteil
und Teilnahme verdienend gestaltet wurde, war sie eben nicht die
Folge einer »Lust« mehr, sondern die einer Notwendigkeit. Wo aber
das Autobiographische privat blieb, war es historisches oder schrift-
stellerisches Material, wie gerade der von Herrn Eloesser zitierte
Goethe beweist. Wenn er die »Lebensbeschreibung eines der Gering-
sten« herausgegeben hat, so geschah es, weil er einmal ein exemplari-
sches Rohmaterial herausgeben wollte. Wenn er gesagt hat, die Deut-
schen schrieben um so schlechter, je mehr sie philosophierten, so
meinte er damit noch lange nicht, daft der Literatur etwas verloren-
geht, sondern er beklagte die Unfahigkeit der Deutschen, sich der Er-
zahlung als eines Verkehrsmittels zu bedienen. Wenn Goethe »Be-
kenntnisse von Geschafts- und Tatmenschen oder von genialen Frau-
enzimmern« empfing, so gab er damit alien Schriftstellern ein glanzen-
des Beispiel. Schriftsteller - nicht Verleger - sind eben dazu verpflich-
tet - und sie setzen auch keine Preise dafur aus. Der Verleger soil die
durch den Schriftsteller verarbeiteten Bekenntnisse drucken . . . wenn
es ein Geschaft ist.
Wenn Herr Eloesser die Armseligkeit des eingelaufenen Materials zi-
tiert und beklagt, so beweist er nur, daft er und seine Kollegen das
Material nicht als Schriftsteller, sondern als Preisrichter betrachtet ha-
ben. Denn aus der armseligsten der eingegangenen Geschichten konnte
ein berufener Autor ein erschiitterndes Werk gestalten, das wiirdig
ware, im Verlag S. Fischer zu erscheinen und von den Preisrichtern
gelobt zu werden. Mag sein, daft vor hundert Jahren die Menschen sich
selbst strenger formten und somit gewissermaften ihre eventuellen
Autoren die halbe Arbeit abnahmen. Aber deshalb hatten sie vor hun-
dert Jahren auch noch keinen Preis verdient. (Warum sich die Zeiten so
geandert haben, gehort nicht hierher.)
Herr Eloesser teilt mit, daft »die Jugend« sich am Preisausschreiben
nicht beteiligt habe. Diese Jugend hat recht und gibt der ganzen Veran-
staltung unrecht. Diese Jugend hat keine dilettantischen Bekenntnis-
wiinsche. Wenn sich in ihren Reihen Schriftsteller finden, so schreiben
sie und nur sie. Die anderen haben sich am Preisausschreiben nicht
etwa deshalb nicht beteiligt, weil sie lieber Fufiball spielen, statt zu
schreiben, sondern weil sie, ohne Schriftsteller zu sein, ohne schreiben
zu mu$sen, niemals schreiben wiirden, auch wenn sie nicht Fuftball
75 2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
spielten. Wenn einige unter ihnen sich selbst Rechenschaft geben, so
schicken sie diese Korrespondenz mit sich selbst keinem Preisgericht
ein. Die jungen Menschen haben mehr Geschmack und weniger Zeit.
Eine andere Frage aber erscheint mir wichtiger: Es ware zu wiinschen,
dafi man offentlich die wiirdigsten und bediirftigsten Autoren - es
miissen nicht gleich neuentdeckte sein - mit dem ausgesetzten Preis
auszeichnet. Er wird manchem von ihnen ein wichtiges Erlebnis be-
deuten . . .
Frankfurter Zeitung, 19. 7. 1927
EIN PAAR TAGE DEAUVILLE
Ich liebe die Gare St. Lazare und die Ziige, die hier abgehn. Es ist ein
lebhafter Bahnhof, mit vielen uberfliissigen Laden und vielen uberfliis-
sigen Dingen, die fur Reisende unentbehrlich sein sollen: zum Beispiel
leicht zerbrechlichen Flakons und Spiegeln, schweren Lederkofferchen
fiir Manikiirgerate, die man besser in der Tasche tragt, patentierten
Etuis fiir Tintenfasser, die man in der Hand halten mufi, damit sie
nicht aufgehen. Fiir wen sind diese lastigen und blinkenden Angele-
genheiten? - Fiir die reichen Leute. Wohin fahren die reichen Leute?
In die »Saison« nach Deauville.
Ja, es ist Saison in Deauville. Von New York gehen in diesen Wochen
besondere Dampfer nach Le Havre-Deauville ab, 6 Tage sind die
Schiffe unterwegs, ein Katzensprung iiber den Ozean. Von London
kann man um 9Uhr abends wegfahren und ist gegen 7Uhr friih in
Deauville. Von Paris dauert die Fahrt knappe drei Stunden - Deauville
ist 184 Kilometer von hier entfernt.
Der Zug, in den ich steige, fiihrt nur Wagen erster und zweiter Klasse
und ist entschlossen, unterwegs iiberhaupt nicht zu halten. Es ist ein
nobler Zug, es scheint mir, daft er die Gegend verachtet, die er durch-
fahren mufi. Mit hohnischem Gepolter rast er durch Stationen, die
keine mondanen Seebader sind, und den Grufi der signalisierenden Be-
amten nimmt er kaum zur Kenntnis. Wir sind reiche Leute, wir Passa-
giere. Wir durfen uns auf keinen Fall in der Eisenbahn langweilen, wir
sollen es erst am Strand. Fiele es dem Zug ein, irgendwo unterwegs
i9V 753
stehenzubleiben, so konnen wir es uns leisten, ihn zu verlassen und
einen Aeroplan zu besteigen. Wir wollen zu einem bestimmten Ziel
und fahren zu einem bestimmten Ziel - ohne Aufenthalt. Wir sitzen in
grofien, breiten und hellen Wagen, die Fenster dieses Zuges sind aus-
nahmsweise mit zwei Fingern aufzumachen und zu schliefien, die Tu-
ren sperren von selbst, so dafi keiner von uns hinausfallt, auch wenn er
sich entgegen dem Verbot anlehnt, kein Passagier dritter Klasse stort
uns, keiner von jenen, die aus Stadten ohne Saison dazusteigen, keiner
von jenen, die sogar in der Zeit zwischen dem Grand-Prix und der
ersten Herbstmodeschau ekelhaften Beschaftigungen nachgehen miis-
sen - wir sind ganz unter uns.
Wir sind ganz unter uns, das heifit: Wir sind nicht krank, sondern
mondan. Auch Arzte empfehlen uns Deauville zuweilen, sie verordnen
es sogar, aber nicht, weil sie die Krankheit, sondern weil sie die Ge-
sundheit ihres Patienten festgestellt haben. Deauville ist das typische
mondane Seebad. Es besteht aus Strand, Horizont, sauberen, weifien,
stillen Hausern, einem lauten Kasino, Sportrasen, einer Rennbahn,
Kaffeeterrassen, Restaurants. Es ist kein Produkt der Natur, obwohl es
alle Annehmlichkeiten, welche die Natur gelegentlich auch vergeben
kann, mit Sorgfalt und wahlerischem Sinn einkalkuliert. In dem Mafie,
in dem die Natur bereit ist, etwas von ihrem Reichtum den oberen
Schichten der Menschheit abzugeben, und in dem Mafie, in dem diese
es mit ihrer Wiirde vereinen konnen, etwas vom Reichtum der Natur
unentgeltlich anzunehmen - nur in dem Mafie ist Deauville naturlich.
Im ubrigen scheint es von einem Architekten, der Sanatorien baut, er-
schaffen zu sein. Seine Sportrasenflachen sind doppelt und dreifach
griin, die Wellen des Meeres rauschen dreifach stark. Wenn ich einen
Gartner sehe, der Blumen in Deauville besprengt, so zweifle ich daran,
daft Wasser aus seiner Kanne fliefk; ich glaube, es ist Parfiim, Garten-
parfum von Houbigant. Hier wachsen Rosen, Veilchen, Stiefmiitter-
chen in privaten Garten, Blumen aus Modesalons, jene kunstlichen
Floraprodukte, welche die schonen Frauen in der ganzen Welt - die
unverwelkbaren Frauen - an ihre mondanen Kleider heften.
Man kommt naturlich nicht direkt in Deauville an - wie sollte man!
Man kommt in Trouville an, der Schwesterstadt, der etwas vernachlas-
sigten, die es iibernommen hat, den Bahnhof zu beherbergen. Denn
schon ein Bahnhof ist ungesund. Ein Bahnhof verbreitet Steinkohlen-
dunst, und in Deauville soil es keine Art von Dunst geben. Trouville
754 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ist eine liebe, alte normannische Stadt mit Giebelhausern, mit Laden,
mit Droschken und Automobilen. Ohne Trouville konnte Deauville
nicht Deauville sein. Trouville versorgt Deauville mit den nuchternen
Notwendigkeiten.
Es gibt in Trouville allerdings auch Hotels und einen Strand. Aber es
sind kleinburgerliche Hotels und ein burgerlicher Strand. Aufienseiter
wie ich wohnen in Trouville, baden in Trouville. Sie zahlen wahrend
der Saison immerhin 30 bis 50 Francs taglich fur ein Zimmer. Hatten
sie aber den Mut - zu dem allerdings Geld gehort - sich nach Deau-
ville hiniiberzuwagen, sie wiirden 200 Francs taglich fur ein Zimmer
zahlen.
Aber sie haben nicht den Mut, sie haben nicht das Geld. (Man weifi
nie, wo die Feigheit aufhort und wo die Armut beginnt.) Was mich
betrifft, so kenne ich mich nicht mehr aus. Ich wandere nur der PfHcht
halber am Nachmittag nach Deauville. Ich halte mich selbst fur einen
Reichen. Ich lese in einer mondanen Schneiderzeitung einen Artikel
mit dem Titel:
»Conseils a Jean Jacques avant son
depart pour Deauville. «
Ach, was sind das fur Ratschlage! »Ich sehe Dich«, so schreibt der
Ratgeber, »mein lieber Freund, am Morgen nach Deiner Ankunft aus
dem Bett steigen, in einem Pyjama von ernstem Muster, das Deinem
Charakter widerspricht; in einem Farbenton, der Deiner Jugend ent-
spricht - also trotz des Ernstes hell ist, aber keineswegs schreiend. Es
ist einer von jenen englischen Pyjamas aus Crepe de Chine, die so
angenehm zu tragen sind. - Es klopft an Deiner Tiir! Du rufst herein!
Und mit der Schnelligkeit, die Dir Deine Jugend gestattet, vertauschest
Du Deinen Pyjama mit einem Zimmer-, mit einem Friihstucksanzug
von jungem und lebendigem Farbton, sehr zart und sehr weich, ein
angenehmer Kontrast zu Deinem Pyjama, dennoch ebenfalls aus
Crepe de Chine, aber an den Randern mit zarten Mustern ausgestattet.
Du rauchst die zwei Zigaretten, die Dir erlauben, ohne sonderliche
Langeweile Dein Morgenbad zu erwarten. Nachdem du gebadet hast,
suchst Du in Deinem Koffer nach der passenden Vormittagskleidung.
Was findest du? - Schuhe aus weifiem Hirschleder, von gelbem Zie-
genlederrand eingefafit - gelb, nicht rot! - Dafi Du es nicht vergissest!
- ohne jedes Muster, ohne Locher, ohne Schnallen, zarte Schuhe und
19^7 755
dennoch starke Sohlen, Schuhe, die zu Deinem hellgelben Rock passen
und Deiner weifien Hose mit punktierten blauen Streifen.« -
Ach! ich trage nur einen dunkelgrauen Sommeranzug. Mein Gewissen
ist auch etwas beschwert, weil ich, als es an meiner Tur klopfte, in
meinem Pyjama blieb, es nicht gegen einen Morgenanzug vertauschte,
und dieser Pyjama war iiberdies weifi, mit dunkelblauen Streifen.
Auch sind meine Schuhe nicht aus weifiem Hirschleder, sondern aus
ganz gemeinem, beinahe ekelhaftem gelbem Chevreaux. Werde ich
iiberhaupt ins Kasino konnen?
In dieses Kasino - in dem man Roulette spielt (im groften Saal) und
Bakkarat (im kleinen) - kann ich ungehindert eintreten. Nur Mannern
ist der Eintritt gestattet. Vor einem Jahr hatte die Pariser Schauspiele-
rin Yvonne Prin temps gewettet, daft sie auch hineinkommen wiirde.
Sie gewann 10 000 Dollar und kam hinein. Sie hatte Mannerkleidung
angelegt. Offenbar jene Schuhe aus weifiem Hirschleder, wie sie oben
beschrieben sind. Herr Citroen, der Pariser Autokonig, ist standiger
Gast in diesem Kasino. Er lebt in Deauville von Juli bis Ende August,
verliert im Spiel, und es geht das Genicht, daft er jedes Jahr vor der
Abfahrt jedem Croupier ein Citroen-Auto als Abschiedsgeschenk
iiberreicht.
Der Herr Citroen hat in Deauville eine Villa. Sie steht weifi, leuchtend,
ein Edelstein unter den Hausern, in einer Seitenstrafie, in einer stillen
Seitenstrafie, in der nicht einmal ein Citroen-Auto tuten darf. Neben
der Citroen-Villa befindet sich das Haus des Pariser Herrn Rothschild.
Es ist heute geschlossen, Herr Rothschild ist noch nicht da, sein Gart-
ner geht mit einer Spritzkanne umher, der Lakai hat keine Livree, die
Pferde wiehern im Stall, die Blumenbeete warten bunt auf Herrn
Rothschild. Man erwartet ihn nachste Woche.
Villen, Villen, lauter Villen! Es gibt da einen Boulevard Eugene Corni-
che, in dem kein Mietshaus zu stehen wagt. Alle Villen haben norman-
nische Fassaden, trauliche Giebel, kleine Balkons, steile Dacher, wein-
laububerhangene Veranden. Aber es ist ein Baustil, der nicht aus der
Tradition kommt, sondern der sich die Tradition ausgeliehen hat, um
wenigstens nicht vergessen zu lassen, daft Deauville in der Normandie
liegt. Es konnte vielleicht einem der reichen Amerikaner, die hierher-
kommen, einf alien, eine Photographie von dem Boulevard Corniche
mitzunehmen, um zu wissen, was eigentlich »normannisch« ist. Wenn
der Paddock von Deauville einen normannischen Giebel hat, mit brau-
7$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nen Querbalken, die wie das zartgestreifte Muster einer Vormittags-
hose aussehen, so bedeutet dieser »Stil« eine Konzession der Badever-
waltung an das ethnologische Interesse der Kurgaste, denen die Erin-
nerung an zementierte Badekabinen nicht geniigt.
Denn es gibt zementierte Badekabinen in Deauville, in denen man sich
nicht erkalten kann, einen holzernen Steg, der das Meer mit der Bade-
direktion verbindet, Kaffeeterrassen, auf denen man im Trikot Oran-
geade trinken darf, ohne zu zahlen, weil man im Wasser Kredite hat
und keine Brieftasche, drei Terrains fiir Polospiele, 200 Pferde zum
Verleihen, »pompejanische Bader« mit Bassins von antiker Rundheit
mit echten Negerjazzbandkapellen, Hotelvestibiils, in denen man
Funf-Uhr-Tees tanzt, einen theatralischen Mondschein fiir romanti-
sche Milliardare, die vom Wetterbericht unabhangig sind, und Ebbe
und Flut, die von der Kurverwaltung reguliert werden. Nur einmal im
Jahr, an einem Sonntag im August, ist das volkstiimliche Element zu-
gelassen: Da gibt es so eine Art normannisches Kostiimfest, an dem
alle Menschen in alien Volkstrachten erscheinen. Aber bei naherer Be-
trachtung erweist es sich, dafi viele Tragerinnen der Kostiime aus der
Park-Avenue in New York stammen und aus den Champs-Elysees in
Paris. Man sagt, dafi der Badesand von Deauville von Coty alljahrlich
ausgestreut wird - zur Reklame fiir den »Figaro«, den er gekauft hat.
Aber das ist eine Ubertreibung.
Frankfurter Zeitung, 28.8. 1927
SENTIMENTALE REPORTAGE
Am Morgen stand vor dem Hotel ein Hund. Mit dem fliichtigen Blick
eines Schrifts tellers, dem Individuen vertrauter sind als Gruppen, Gat-
tungen und Rassen, sah ich den Hund fiir einen Fox an. Er sprang an
mir hoch, leckte meine Hand, erwartete, dafi ich ihm etwas zum Spie-
len hinwerfe. Er hatte ein weifies Fell und unter dem linken Auge einen
schwarzen Fleck. Wahrend ich seine Ohren betrachtete, mit denen er
wedeln konnte, gewann ich den Eindruck, dafi es die Ohren eines
Jagdhundes waren; und weil ich die Mischungen hoher schatze als die
miihsam geziichteten Abkommlinge reiner Rassen (die auch durch Mi-
1927 757
schungen entstanden sind) und weil ich - vielleicht im Gegensatz zur
Naturwissenschaf t - glaube, dafi die Ereignisse einer zufalligen, unkon-
trollierten und obdachlosen Leidenschaft intelligenter sind als die einer
sorgf altig vermittelten Tier-Ehe, wurde mir der gleichgiiltige und fremde
Hund sympathisch. Er war kein Fox. Aber er war ein Hund.
Kein Zweifel, dafierherrenlos war. Ertrug zwarein Halsband, aberkeine
Marke. Es war ein gutes, ledernes Halsband, mit kleinen quadratischen
Metallplattchen verziert. Solche Halsbander kaufen nur wohlhabende
Hundebesitzer. Diese aber hangen auch Marken an die Halsbander.
Wenn der Hund zwar noch ein Halsband, aber keine Marke mehr besafi,
so war anzunehmen, dafi ihn sein Herr nicht verloren, sondern verlassen
hatte. Ich nahm es jedenfalls an, dafi der Herr den Hund gekauft hatte - in
der Meinung, es sei ein Fox. Als der Herr aber sah, dafi der Hund die
Ohren eines Jagdhundes bekam, beschlofi er, das Tier loszuwerden. Er
fuhrte es - es war noch jung, und Millionen Geriiche verwirrten es - in
eine abgelegene Strafie, liefi es stehn, sprang in ein Auto und verschwand.
Denn nicht alle Menschen denken so iiber Mischlinge wie ich.
Aufierdem war der Hund krank. Uber seiner Stirn war ein diinner,
rotlicher Ausschlag verstreut- nicht hafilich, nicht ekelhaft, eherharmlos
und vom Aussehen einer harmlosen obligaten Kinderkrankheit, aber
immerhin ein Ausschlag. Er roch nach einer Salbe, mit der man ihn noch
jiingst behandelt haben mufite. Dieser starke Duft - er war wie Lavendel
und Karbol - mochte die unerfahrene Nase des Hundes noch mehr
verwirrt haben, so dafi er nicht mehr nach Hause fand und einen fremden
Menschen fur einen bekannten hielt. Den Entschlufi des Besitzers, den
Hund zu verlassen, hatte diese Krankheit sicherlich gefestigt, wenn nicht
hervorgerufen. Denn ich traue der Giite eines Menschenherzens noch
immerhin so viel zu, daft es einen Mischling ertragt. Aber einen kranken
Mischling gesund zu pflegen, und ware es auch nur mit einer Salbe, geht
iiber seine Kraft. Schliefilich ist man nur ein Mensch.
Am Nachmittag dieses Tages muftte ich den Ort - ein Kurort in Sud-
frankreich- verlassen. Ich hatte eine lange Reise vor. Achtzehn Stunden
in einem Giiterwagen, an jeder Station von geschaftigen und vielleicht
auch gehassigen Tragern gestoften oder geworfen: Das ist fur einen
kranken Hund zuviel. Ich hatte mich freilich um ihn kiimmern, ihn
vielleicht im Kupee verbergen konnen, Aber auch mein Herz hat nur
menschliche Qualitaten.
Ich ging mit dem Hund ins Restaurant. Er bekam einen Knochen, Ge-
75^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
miise und Wasser. Den Knochen nahm er mit, als wir weitergingen. Wir
kamen zur Polizei, in die »Abteilung fiir gefundene Gegenstande«. In
einem kahlen und feuchten Zimmer safi ein Beamter an einem langen
und breiten Tisch. Dieser Tisch, schwarzbraun, von Holzwiirmern zer-
nagt, von Millionen Federn zerstochen, bildete zugleich die Barriere
zwischen dem Beamten und dem Publikum. Um auf seinen Stuhl zu
gelangen, mufite der Mann iiber den Tisch klettern oder durch eine
verborgene, absichtlich geheim angebrachte Tiir das Zimmer betreten,
ahnlich wie Schauspieler die Biihne. Es schien mir auch, dafi der Beamte
hinter dem Tisch gar nicht seinen niichternen Beruf ausiibte, sondern
dafi er eine Rolle spielte - erne Nebenrolle allerdings. Er safi vor einem
schmalen Buch, einem Tintenfafi, einem griinen Federhalter- den einzi-
gen Gegenstanden auf dem breiten, wiisten Tisch-, und er schrieb nicht
einmal. Er wartete. Vielleicht verliefi er dieses Zimmer uberhaupt nie-
mals. Vielleicht wartete er seit der Begriindung der Polizei. Er hatte
runde, goldbraune und sehr schnelle Augen. Sie erinnerten an die klei-
nen, glasernen Spielkugeln der Kinder. Nach alien Richtungen rollten
sie hurtig - von alien Korperteilen, die den Beamten ausmachten, schie-
nen sie allein frei und beweglich zu sein. Denn selbst die Hand, die der
Beamte mit der Feder zum Tintenfafi und dann zum Buch fiihrte, be-
wegte sich nicht dermafien, dafi man sagen konnte, es ware eine freie
Hand gewesen. Es war, als konnte sie uberhaupt keine andere Bewe-
gung vollfuhren als die von der Weste zum Tintenfafi und vom Tinten-
fafi zum Buch. Es war eine rotliche, diinne Hand mit blauen Adern und
stumpfen Nageln, und von den Fingern waren nur Daumen und Zeige-
finger gebrauchsfahig. Die andern drei Finger hingen nutzlos an der
Hand wie Berlocken. Der Arm steckte ebenfalls fest an der Schulter,
nicht durch eines der ublichen Kugelgelenke mit ihr verbunden, son-
dern wie ein Riegel in sie geschoben.
Der Hund spielte unter dem Tisch mit dem Knochen. Zwar war er kein
Gegenstand, aber er gehorte doch in die Abteilung fiir gefundene Ge-
genstande. Wahrend der Beamte aber Brieftaschen zu behalten das
Recht und die Pflicht hatte, blieb ihm, einen Hund zu bewahren, iiber-
haupt keine Moglichkeit. Vielmehr bestimmte das Gesetz, dafi ich, der
Finder, den Hund 24 Stunden zu behiiten, zu pflegen und zu ernahren
habe. Meldete sich nach Ablauf dieser Frist der Eigentumer nicht, so
konnte ich den Hund laufen oder toten lassen.
*9*7 759
Ich sagte dem Beamten, dafi ich gegen dieses Gesetz zu handeln und
heute noch abzureisen entschlossen sei, vielleicht mit dem Hund,
wahrscheinlich aber ohne ihn. »Wie Sie wollen!« sagte der Beamte.
Denn es war nicht seine Pflicht, mich von einer Ubertretung zuriick-
zuhalten. Ich war bereits erwachsen und konnte tun, was ich wollte. Er
legte seine Sehkugelchen einen Augenblick auf mein Gesicht. Er sah
mich an wie einen, der ins Feuer rennt. Andere, nicht an Schreibtische
gebundene, auf Automobilen dahinsausende Beamte waren dazu da,
mich irgendwo zu ergreifen und den Gerichten zu uberliefern. Ihm
selbst blieb nichts mehr iibrig, als dem Hund unter dem Tisch einen
Fufitritt zu versetzen. Er konnte es sich leisten, weil es ja ein herren lo-
ser Hund und ein gefundener Gegenstand war. Er mufite es sogar tun,
denn wie sollte man einem Tier anders beibringen, dafi es bereits einge-
tragen sei? Vielleicht beniitzte der Mann auch die Gelegenheit, mir zu
zeigen, dafi er noch einen Fufi bewegen konne. Denn er safi, wie ge-
sagt, schon lange auf seinem Platz.
Auf der Strafie riet mir ein Mann, ich sollte mit dem Hund zum Tier-
schutzverein. Ich lautete an dem eisernen Gitter einer Villa. Auf der
Stiege kam mir ein Herr entgegen, dessen Gesicht ich nicht sehen
konnte. Er verbarg es im Schatten, der den oberen Teil der Stiege ver-
finsterte. Ich sah nur seine Weste, seine dunkle Hose, seine roten Pan-
toffeln, ein Stuckchen von seinen gelben Striimpfen. Ich horte nur
seine Stimme, eine sanfte, tiefe Stimme, aus einem eingefetteten Hals.
Die Worte rollten auf geolten Radern. Die Stimme wies mich ab. Sie
ware zwar, sagte sie, der President des Tierschutzvereins. Aber sie
konne nur in der Saison, wenn die Englander kamen, Tiere annehmen,
fur die sich unter den Kurgasten ein Kaufer finde.
Ich fragte in den Schatten hinauf, ob es einen Tierarzt in der Nahe
ga'be. Ja, kam es zuriick, aber einen, den man zahlen mufite. Offenbar
wurde oben angenommen, dafi jemand, der einen falschen Fox gefun-
den habe, eine Konsultation zu bezahlen nicht imstande sei. »Ich
werde bezahlen !« rief ich empor. Und erfuhr die Adresse.
Es war aber bereits zehn Minuten nach vier, als ich zum Tierarzt kam.
Seine Frau offnete, erkannte sofort die schlechte Rasse des Hundes,
zahlte auch mich ihr zu und sagte: »Mein Mann arbeitet nur bis vier.
Sie konnen ja lesen!« Es war eine hiibsche, blonde, vollbusige, junge
Frau, geschniirt, gepudert, das Haar gewellt, die Lippen geschminkt,
so iibertrieben tadellos angezogen, als ware sie bei sich selbst zu Be-
760 DAS JOURNALISTISCHE WERK
such. Ich ahnte, wahrend ich sie betrachtete, die peinliche Sauberkeit
ihrer Zimmer, ihren Abscheu gegen Staub, Armut, Motten und Revo-
lution, ihre Sparsamkeit, ihre eheliche Treue, den Mangel an Gelegen-
heit und den standigen Verkehr mit Tierarzten, die nichts anderes wa-
ren als ihr Mann - denn die Frauen lieben manchmal den Wechsel der
Berufe mehr als den der Manner. Ich sah sie zu fruher Morgenstunde
aufstehn, Nippessachen abstauben, Aschenbecher putzen, die von
nackten Nymphen aus Kupfer gehalten waren, silberne Kaffeeloffel
abzahlen, Mittagessen vorbereiten, ich sah sie nach dem Essen im
Schaukelstuhl sitzen und im »Echo de Paris« von den Greueln der
Bolschewiken und den neuen Rustungen der Deutschen lesen. In den
zwei Minuten, die sie brauchte, um mich hinauszuwerfen, erkannte ich
sie und ihre Tugenden - denn im Gegensatz zum Hund gehorte sie
einer ganz bestimmten Gattung an, einer Rasse, mochte ich sagen, de-
ren Angehorige in alien Landern der Welt die gleichen Eigenschaften
auszeichnen.
Wir fanden einen andern Tierarzt, der bis fiinf Uhr ordinierte. Es war
ein kleiner, flinker, gefalliger Mann, er sah eher einem Schnellphoto-
graphen ahnlich. Wenn er den Hund prufte, so schien es mir, dafi er
iiber eine giinstige Art, das Tier aufzunehmen, und nicht iiber seine
Krankheit nachdachte. Es sei nicht schlimm! meinte er. Aufierdem
gabe es einen guten Ausweg! Vor zwei Wochen sei ein neuer Tierarzt
gekommen, ein stadtischer, der die Hunde nicht toten lasse. Er kame
jeden Tag zum Wasenmeister, pflegte die Hunde bis zur Versteige-
rung. Seien sie aber unheilbar, so tote er sie auf eine humane Weise.
Es blieb noch eine Stunde Zeit bis zu meiner Abfahrt. Ich begab mich
mit dem Hund zum Wasenmeister. Es war ein grofier, starker, heiterer
Mann mit einer Amtsmtitze. Dieses Lacheln, sagte ich mir, kommt nur
von einem guten Gewissen. Dieser Wasenmeister sollte President des
Tierschutzvereins sein. Sein gutes Herz liegt ihm auf der Zunge. Die
Hunde wissen ihn gar nicht zu schatzen. Er ist zu stark, um feig zu
sein. Er ist zu simpel, um schlecht zu sein. Sieh, wie sein Gesicht breit
ist, ein Teller voll Giite!-
Der Hund aber - er stand zu tief, um das Angesicht des grofien Man-
nes sehen zu konnen - roch an dem Wasenmeister nur tausend gefan-
gene Hunde und nichts mehr. Der Hund liefi sich von ihm nicht anfas-
sen. Ich selbst mufite das Tier in den Kafig sperren. Es nahm noch den
Knochen mit. Ich gab dem Wasenmeister ein Trinkgeld und drohte,
1927 7 61
daf? ich mich nach einigen Tagen nach dem Schicksal des Hundes er-
kundigen werde.-
Ich fuhr weiter. Ich lebte, einer Arbeit hingegeben, in einer fernen
Stadt im nordlichen Frankreich, eine Woche, zwei Wochen. Eines Ta-
ges begann ich, an den AugenbHck zu denken, in dem ich den Hund in
den Kafig gesperrt hatte. Diese Erinnerung hatte gar keinen vernunfti-
gen Anlafi. Sie kam wie ein stiller Wind. Vor meiner strengen Priifung
nahm sie zwar bald das Gesicht einer Senitmentalitat an. Aber als ich
noch strenger priifte, fiel es mir schwer, eine »Sentimentalitat« zu defi-
nieren. Was war das? Vor elf Jahren habe ich drei Sturmangriffe erlebt.
Einmal sah ich rings um einen Brunnen, der vom Feind »eingeschlos-
sen« war, ein Dutzend toter Kameraden liegen, deren Durst starker
gewesen war als die Furcht vor dem Tode. Ich erinnerte mich an die
sterbenden Pferde an den Randern der Wege, die wir gezogen waren.
Was war eine »Sentimentalitat«? War die Reue iiber den Verrat an
einem Menschen selbstverstandlich und die iiber den Verrat an einem
Hund »sentimental«?
Ich kam zu der Uberzeugung, dafi ich sozusagen sentimental sei. Und
ich telegraphierte dem Wasenmeister: Wenn der Fox, am Soundsoviel-
ten samt Trinkgeld iibergeben, gesund und am Leben, so bitte ich um
Bescheid, wann er gegen eine angemessene, hohe Belohnung abzuho-
len ware. Ich bezahlte die Antwort.
Sie lautete - kurz und biindig, wie es der Stil der Wasenmeister erfor-
dert: »Pas de fox.« Das heiftt: Kein Fox! Oder noch besser: Keine Spur
von einem Fox! . . .
Und ich verstand den Sinn dieses Telegramms. In einem Brief hatte mir
der Wasenmeister etwa folgendes mitgeteilt: Weil der Hund kein
rassereiner Hund war, also kein Fox, also wahrscheinlich nicht zu ver-
kaufen, habe ich ihn, der noch hatte leben konnen, getotet. Es ist nicht
der erste Hund, es ist auch nicht der letzte Hund. Nur keine Sentimen-
talitaten!-
Frankfurter Zeitung, 14. 9. 1927
BLUMEN UND FRUCHTE
Von fremden Landern sind in der Frankfurter Ausstellung am stark -
sten Italien und die Niederlande vertreten.
Man sieht - neben den Produkten - an graphischen Darsteilungen den
erstaunlichen Aufschwung, den die »VEsportazione Cooperation dei
Prodotti Orto-Frutkolu seit ihren ersten Jahren (um 1890) bis heute
genommen hat. Noch im Jahre 1925 beschrankte sich der direkte Ex-
portverkehr auf die Haupt-Knotenpunkte: Lausanne, Bern, Zurich,
Berlin. Die Karte, die den Stand der direkten Verbindungen der Ge-
sellschaft (in Bologna) im Jahr 1927 veranschaulicht, zeigt ein dichtes
Biindel von Linien, deren langste im Norden, in Stockholm, Glasgow,
Edinburgh rminden. Direkte telephonische Linien verbinden Bologna
mit Frankfurt, Basel, London. Die friedlichsten Produkte, die Italien
erzeugt: Obst und Gemiise, gehen mit dem Zeichen des Fascismus,
dem Rutenbiindel versehen, in die Welt. Dieses Rutenbiindel ziert
mehrere Male die Wande der Verkaufsstellen in der Messe. Die kleinen
Saulen, die die Stande abgrenzen, haben die Form der Liktorenbundel,
und die Seile zwischen ihnen sind aus den italienischen Landesfarben
gedreht. Wir sind in Deutschland demokratisch genug, um im Anblick
diktatorischer Symbole gleichgiiltig zu bleiben. Viele von uns konnen
Italienisch genug, um die italienischen Broschiiren zu verstehen. Und
alle sind wir ehrfiirchtig genug, um die Friichte der reichen italieni-
schen Erde zu griifien.
Begeben wir uns zu den Hollandern und ihren heiteren Symbolen, den
roten und gelben Kasekugeln, deren aufiere Farbe nicht natiirlich ist,
sondern die Farbe einer schikzenden Paraffinschicht, und die dennoch
so aussehen, als hatte sie die Sonne gereift und als hatte man sie von
Baumen gepfluckt. Es ist der Stand des »Algemeene Nederlandsche
Zuivelbond«, der im Jahre 1900 in Utrecht gegriindet worden ist und
der seinen Sitz im Haag hat. Er bemiiht sich um die Interessen der
genossenschaftlichen Erzeugung von Milchprodukten in Holland. Er
hat eine Zentral-Einkaufsabteilung eingerichtet, ein technisches Biiro,
eine Maschinenfachabteilung. 1901 zahlte der Verband 407 Fabriken.
192 1 waren es 478. 1901 wurden in diesen Fabriken noch 366 Millio-
nen kg Milch verarbeitet. 1921 schon 1310 Millionen. Der Verband
bekampft die Falschungsversuche hollandischer Butter auf eine einfa-
1927 7^3
che Weise und mit grofiem Erfolg. Uber den Inhalt jedes hollandischen
Butterfafichens ist ein durchsichtiges Papier gebreitet. Dieses Papier
enthalt ein Fabrikszeichen und eine Nummer. Man kann genau das
Datum und den Ort des Fabrikats erkennen, und eine chemische
Nachprufung einer Probe iiefert den Beweis fiir die Echtheit oder
Unechtheit der Ware. Alle dem Verband angeschlossenen Fabriken be-
teiligen sich an einer wochentlich stattfindenden Butterschau, bei der
Schiedsrichter Preise verteilen. Nur nach einer Priifung erhalt man
einen Befahigungsnachweis als Buttermacher, Milchkontrolleur, Ma-
schinist usw. Man erfahrt, dafi die hollandische Regierung die Butter-
und Kasekontrolle uberwacht, dafi die hollandische Butter nur 15/2
Proz. Feuchtigkeitsgehalt und keine anderen Fettbestandteile enthal-
ten darf als die, die von der Milch herriihren.
Sieht man die hollandischen Obst- und Gemiisestande, so erkennt
man, dafi Hollands Beiname: »Der Garten Europas« keineswegs eine
Ubertreibung ist. Eine standige Kontrolle hat iiber die Ausfuhrerzeug-
nisse zu wachen, und die Friichte des Feldes sind gewissermafien ver-
pflichtet, ganz bestimmte, von Kommissionen vorgeschriebene For-
men, Mafie, Qualitaten aufzuweisen. So mufi zum Beispiel der Durch-
messer grofier gelbfleischiger Salatkartoffeln mindestens 33 Millimeter
betragen, der Blumenkohl eine Durchschnittsgrofie von 14 Zentimeter
haben, Karotten ein Gewicht von 100 bis 500 Gramm pro Stuck und so
fort. Dabei entspricht der hohen und so auftergewohnlich kontrollier-
ten Beschaffenheit der hollandischen Bodenprodukte nicht etwa eine
geringe Qualitat, sondern, im Gegenteil, eine geradezu erschutternde -
wenn man die nackten Zahlen nebeneinander sieht. So exportierte
Holland im Jahre 1926 zum Beispiel: 97772000 Kilogramm Rotkohl,
Weifikohl und Wirsingkohl, 38 448 000 Kilogramm Blumenkohl, mehr
als 38 Millionen Kilogramm Tomaten, mehr als 130 Millionen Friih-
kartoffeln, mehr als 14 Millionen Erdbeeren - und diese Massen gehen
nicht nur in die Nachbarlander, sie wandern nach Nord- und Siidame-
rika, und hollandische Weintrauben kommen auch nach Indien.
Von deutschen Landern haben Wurttemberg und Baden, die Bezirke
Kassel und Wiesbaden, die Rheinprovinz, Hessen und Bayern ihren
Reichtum an Friichten sehen lassen. Apfel, Apfel, Apfel. Wie sie so
nebeneinanderliegen, tausende, abertausende Apfel aller Farben, aller
Schattierungen, aller Diifte, jeder Grofie - beweisen sie erst recht, wie
vornehm sie sind, in ihrer gesunden, derben und so oft unterschatzten
7^4 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Einfachheit. Denn es wird ihrer nie zu viel, ihre Fiille wird niemals
aufdringlich, wie etwa die Fiille von Bananen, niemals betorend, wie
die Fiille von Trauben, niemals bezaubernd und ubernatiirlich, wie die
Fiille von Ananasfruchten, niemals betaubend durch die Wucht des
Goldes, wie die Fiille von Orangen. Der Apfel bleibt bescheiden -
auch wenn er in Millionen Exemplaren vorhanden ist. Seine Rundheit
ist zierlicher als das verfehlte Oval der anspruchsvolleren Birne. Seine
Haut ist harter, sein Saft ist verborgener, keuscher, langsamer und blei-
bender. Sein Fleisch ist fest, man mochte sagen: muskulos, und ergibt
sich freudiger den Zahnen als dem Messer. Sein Duft verrat seinen
Geschmack, so wie der Duft eines V/aldes die Kiihle des Schattens
verspricht. Der Apfel kann simpel sein wie eine Kartoffel und golden
wie eine Apfelsine. Unter alien Friichten hat er die reichsten Moglich-
keiten.
Dankbar erfahrt das Auge die Poesie der rohen Gemiise, - ohne den
Erfahrungen des Geschmacks zu widersprechen, der die Prosa der ge-
kochten kennt. Rohes Gemiise in tausenden Exemplaren, leuchtend in
meist einfachen, aber eindringlichen Farben, hat einen frischeren
Hauch als Obst und Blumen. Denn diese stromen einen Duft aus, das
Gemiise aber hat einen Atem, wie die Erde, das Tier und der Mensch.
Es riecht nach Regen und Wind. Seine Physiognomien sind manchmal
riihrend einfach und manchmal bizarr und exzentrisch. Radieschen be-
stehen nur aus roten Backchen und einem helleren Schwanzchen. Ret-
tiche aber sehen schon wie Wurzeln aus und wie alte Frauen und wie
Heinzelmannchen. Die Schwarzwurzeln haben diinne Zopfe, aus einer
Art Erbfasern geflochten. Der Rotkohl ist blau-violett, wie ein Mor-
genanbruch im Sommer, bevor die Sonne erscheint. Die Gelbruben
sehen ganz neugefarbt aus, man glaubt, sie waren in Ziegelrot gefallen,
sie mufiten eigentlich weifi sein. Der Rosenkohl erinnert an Hopfen
und Knospen zugleich. Man konnte sich ihn ins Knopfloch stecken.
Und zwischen all dem Griin und Rot leuchtet weifi, wie eine phanta-
stische, getraumte, wie eine exzerzierende Lilie der Blumenkohl, auch
»Karfiol« genannt. Es ist wie der Name eines Edelsteins.
Frankfurter Zeitung, 19. 9. 1927
DIE AUTOREN SIND MIR PERSONLICH BEKANNT
Es lafit sich nicht leugnen, dafi die Autoren der beiden Biicher, die vor
dem Referenten liegen, ihm personlich bekannt sind. Besafie er die un-
tadelige, unnahbare Gerechtigkeit, die man alten, legendaren Richtern
zuspricht, so hatte er es entweder vermieden, die Bekanntschaft mit
Mannern zu schliefien, die imstande sind, Biicher zu schreiben, oder er
hatte den Auftrag, liber ein Buch eines ihm personlich bekannten
Autors zu referieren, ohne Entriistung, aber mit Entschiedenheit abge-
lehnt. Aber der Referent ist nicht nur ein Mensch mit materiellen Be-
diirfnissen, die er durch Honorare zu befriedigen vergeblich sich
miiht; mit emem nachgiebigen Herzen, das verschiedener Bindungen
bedarf-: Der Referent ist auch uberzeugt, dafi es eine absolute Unbe-
stechlichkeit nicht gibt und dafi in derselben Welt, in der die Biicher
geschrieben, sie auch besprochen werden. Eine Feder bespricht die an-
dere. Jeder Mensch »vom Fach« verbindet oder verwechselt seine lite-
rarischen Neigungen und Abneigungen mit seinen personlichen. In
diesem unmenschlichen oder allzu menschlichen Betrieb, den man Li-
teratur nennt, ware heutzutage das einzig gerechte Urteil das des Le-
sers - wenn es ihn iiberhaupt noch gabe. Aber die Erfahrungen jedes
einzelnen von uns sowie die Abrechnungen, die wir von unsern Verle-
gern so selten bekommen, lehren uns, dafi wir selbst die Biicher schrei-
ben, lesen und besprechen. Sogar wenn es eine absolute Objektivitat
gabe, wir hatten nichts mit ihr anzufangen. Aber, noch einmal: Es gibt
keine.
Was den »Schreiber dieser Zeilen« betrifft, so halt er es von vornherein
fur eine Zudringlichkeit, dem Leser, den man so gerne schatzen
mochte, wenn man ihn fande, ein fertiges Urteil darzubieten. Etwa:
Das Buch ist ausgezeichnet oder miserabel oder mittelmafiig. Der Re-
ferent ist, auch wenn er den Verfasser nicht kennt - was in dieser Enge
unwahrscheinlich ist-, gar nicht imstande, das Werk von seinem Ur-
heber zu trennen. Es gibt iiberhaupt kein Werk, bei dem es moglich
ware. Er verachtet die falsche Objektivitat, die sich den Talar anzieht,
wenn sie sich zum Schreibtisch setzt und sich selbst vortauscht, dafi sie
»ohne Ansehn der Person« zu richten beginnt. Es ist gerechter, anstan-
diger und wiirdiger, zu gestehen, dafi so etwas unmoglich ist. Man ist
nicht »voreingenommen«, man ist nur freudig bereit, das Buch eines
7^6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Mannes, den man fur begabt halt, der fraglichen Offentlichkeit zu
empfehlen. Der Referent bekennt sich somit nicht von vornherein zu
den Buchern seiner Bekannten. Er bekennt sich nur zu den Menschen,
die er schatzt. Er ist iiberzeugt, dafi es ungerecht ist, ein Buch so zu
beurteilen, als stande es allein da, abgetrennt von seinem Urheber- wie
man etwa ein Kind beurteilt, ohne nach seinem Vater zu fragen. Ein
guter Schriftsteller kann kein absolut schlechtes Buch verfassen. Er
kann nur irren, solange er schreibt.
Oft erhalt der Referent Biicher eines Menschen, mit dem er vor zwei
Wochen im Kaffeehaus gesprochen hat. Nicht immer sind es Biicher
mit den Bildnissen der Autoren, die es, nebenbei gesagt, seit einigen
Jahren lieben, ihre Physiognomien der Mitwelt darzubieten. Es ist, als
ob die jungen Autoren anfingen, auf ihr Gesicht ebenso stolz zu wer-
den wie auf ihren Stil. Oder als ob eine Art dumpfer Ahnung, dafi sie
auf ihren Stil nichts mehr sich einzubilden hatten, sie antriebe, mit
ihrem Gesicht zu prahlen. Niemals liefien sich Schriftsteller so oft und
so nachdriicklich photographieren, portratieren und veroffentlichen.
Auf Prospekten der Verleger, in illustrierten Zeitungen und auf Titel-
blattern kann man sie sehen. Aber ich spreche von jenen, deren Portrat
nicht zu sehen ist. Vor mir taucht ihr Gesicht auf, sobald ich eines ihrer
Biicher aufschlage. Ich bringe es nicht iiber mich, ein kiihler »Kritiker«
zu sein. In ihren Zeilen suche ich nach ihrer warmen, lebendigen
Menschlichkeit, die mir vertraut ist, ungefahr wie man im Laub nach
dem Vogel sucht, dessen Gesang man hort. Ach, ich bin bestochen!
Was ich ihnen vorzuwerfen habe, ist so unwichtig im Vergleich mit der
Achtung, die sie mir einflofien. Dies und jenes in ihren Buchern hatte
ich anders gewiinscht. Ich werde es ihnen sagen. Aber in dieser Welt,
aus der sogar die tiefere Gerechtigkeit des Herzens geschwunden ist,
finde ich keinen Grund, die formale Ungerechtigkeit hochleben zu las-
sen. Ich werde sie nicht »kritisieren«, ich werde von ihnen erzahlen.
Ich werde sie nicht »besprechen«, ich werde sie dem fiktiven Leser
empfehlen.
Das eine Buch hat Manfred Georg geschrieben. Es heifit »Rauberge-
schichten«. Der Verfasser ist einer der begabtesten jungen Journalisten
Deutschlands. Er schreibt Gerichtssaalberichte sehr schnell und mit
einer vornehmen Gesinnung, der die Eile nicht schadet. Um zwolf Uhr
mittag ist der Prozefi. Um fiinf Uhr nachmittag ist der Bericht ge-
druckt, sind der Angeklagte, die Zeugen, die Richter, die Rechtsan-
1927 767
walte geschildert, sind alle Armseligkeiten armseliger Menschen, die
der Prozefi aufgedeckt hat, mit dem Licht der Menschlichkeit erhellt,
das alle Fehler verschonert und alle Schuld verzeiht. Der Verfasser
schreibt Reiseberichte. Der Verfasser schreibt kleine Skizzen von der
grofien Not der grofien Stadt. Der Verfasser ist nicht nur ein Schrift-
steller. Er ist ein Mensch.
Seine »Raubergeschichten« (Spiegel-Verlag, Wien, Berlin, Leipzig)
enthalten kurze, spannende, diistere und lachelnde, abenteuerliche Ge-
schichten. Manche sind allzu fluchtig geschrieben, die Sorgfalt fehlt
ihnen (und der Sorgfalt fehlt die Zeit). Alle sind dichterisch - nicht im
formalen, sondern im menschlichen Sinn. Jede Geschichte zeugt von
der mutigen, anstandigen, ehrlichen Gesinnung des Autors. Sie geben
dem fluchtigen Leser, was er verlangt: Zerstreuung. Dem Bedachtigen,
was er verlangt: Grund zur Nachdenklichkeit.
Das andere Buch hat der stille Dichter Franz Hessel geschrieben. Es
heifit »Heimliches Berlins ist ein Roman und im Verlag Ernst Ro-
wohlt, Berlin, erschienen.
Es ist sehr sorgfaltig geschrieben - iangsame Sorgfalt ist die Tugend
Hessels, wie rasche leidenschaftliche Gesinnung die Tugend Georgs
ist. Es ist ein klares, gutes und zartes Deutsch. Das Buch erzahlt ein
paar Begebenheiten aus einem kleinen, sehr gewahlten, geistigen Kreis
Berlins. Zart und bedachtig bliihen die Begebenheiten zu Schicksalen
auf. Das Notwendige sieht wie zufallig aus. Am Schlufi erst ahnt man,
dafi hinter oder iiber dem geschilderten Geschehen eine grofie, starke,
ubermenschliche Unerbittlichkeit steht - am Horizont des Buches
steht sie, ein Gewitter.
Diese beiden Biicher empfiehlt der Referent, obwohl ihm die Verfasser
personlich bekannt sind.
Frankfurter Zeitung, 25.9. 1927
VERNICHTUNG EINES KAFFEEHAUSES
Das Kaffeehaus war alt wie eine Kirche.
Es hatte starke Saulen, sie stiitzten die Decke. Im Dammer oben ver-
schwand sie. Sie war flach und mit Gemalden ausgestattet. Aber weil
die Saulen sie trugen, grauer Zigarrenrauch sie bewolkte, fuhlte man
sie als ein Gewolbe iiber sich, das nicht nur bedeckt, sondern auch
umhullt, ein Dach und gleichzeitig ein Gewand.
Dunkelbraun waren die Saulen, eine polierte Rinde umgab sie, Baume
waren sie wieder geworden. In Manneshohe trieben sie eiserne Haken,
von eisernem Laub umrankt. In ihrem Schatten standen Tische. Zwar
kannte man das Mafi der Saule, wufite, wo sie anfangt, wufke, wo sie
aufhort, aber, gemessen mit jenem Mafl, das keine Bezeichnung hat,
dennoch vorhanden und unheimlich richtig ist, waren die Saulen
unendlich, und wer an ihnen lehnte, war allein, wie in einem Zimmer
allein. Es mochte noch ein anderer an der anderen Seite der Saule leh-
nen. Aber er war getrennt durch ein Jahrhundert. Uberdies dampften
den Schall der Gesprache die Kleider, die an den Haken hingen, und
fingen Geheimnisse in ihren Falten auf. So konnte man in der Mitte des
Kaffeehauses sitzen und dennoch verborgen bleiben wie in der Mitte
eines Waldes.
Um in das Kaffeehaus zu gelangen, muftte man eine schwere, dunkel-
griine, von Leder eingesaumte Portiere auseinanderschlagen. Sie war
dichter, sie schlofi besser als jede Tur aus Eisen oder Eichenholz. Sie
hing um die Schultern des Eingangs, sein guter, warmer Wettermantel.
Man schlug ihn auf, trat in das Innere, er fiel sofort wieder zu, man war
geborgen - draufien mochte es Herbst sein oder Februar oder gar
Weihnachten . . .
Schrag dem Eingang gegeniiber lag auf einem erhohten Podium das
dunkle, breite Biifett. Im Hintergrund unzahlige Fiaschen verschie-
dener Grofie und Gestalt, bunte, goldgeranderte Etiketten und vor
sich ein Regiment glanzender Glaser, opalen schimmernder Tassen
und einen klirrenden, singenden Haufen leichtsinniger Kaffeeloffel -
safi oder stand die Dame vom Biifett. Man sah nicht, wo sie wur-
zelte. Aus einem Geheimnis wuchs sie empor. Vielleicht safi sie auf
einem Dreifufi. Bleich war ihre Farbe, wie von alten Kerzen be-
leuchtet, ein wenig unterirdisch. Zart war die Kontur ihres Ange-
1927 769
sichts - das Angesicht war beinahe nur Kontur, sie erinnerte an
einen konservierten Friihling. Am Ende bestand sie uberhaupt nicht,
jemand hatte sie gezeichnet, mit hellbraunem Stift auf weiches Pa-
pier. Derm es war, als sahe sie aus einem Rahmen oder als blicke sie
aus einem sehr erhohten Fenster liber Dacher. So, ohne Ziel,
schweifte ihr Aug' . . .
Leise ging durch den Raum ein hoflicher Herr. Alle Gaste kannte
er. Plotzlich tauchte er hinter der Saule hervor, den Mantel zu hal-
ten, langst hatte er die Bewegungen des aufbrechenden Gastes belau-
ert - nun war er da, zur rechten Zeit. Er griifite, gemessen und mit
der Wiirde eines, dem man seit Jahrzehnten nur halb so hoflich er-
widert. - Ich griifie dich - bedeutet sein Kopf, aber ich brauche dei-
nen Dank nicht. Ich antworte mir schon selbst. - Wenn er den
Mantel hielt, verwandelte er sich in einen Stander mit ausgebreiteten
Armen. Saumte ein Kellner, zog ihn der Herr an einem langen,
mahnenden Blick herbei. Wie ein General priifte er das Terrain, wie
ein Arzt stellte er Diagnosen, wie ein Hausherr empfing er die
Fremden, wie ein Regisseur lieE er Kellner auftreten und abgehen,
wie ein Schutzengel wachte er iiber Verlassenen, wie ein Gott sah er
immer gleich aus. Er war nicht jung, er war nicht alt, sein Haar war
nicht bleich, sein Haar war nicht dunkel, sein Auge war nicht mud',
sein Auge war nicht lebhaft, und nie nab* ich ihn sitzen und ruhen
gesehen.
In diesem Kaffeehaus kam des Abends Krac, mein Freund, zwei Bii-
cher, Manuskripte, ein Abendblatt und ein Butterbrot (belegt) in der
Hand. Andere gingen um diese Stunde nach Hause oder in ein Restau-
rant. Er aber, ein secum portans, begann hier, sein Abendbrot zu essen.
Er hielt es unter dem Tisch in der Linken, und mit der Rechten
pfliickte er Nahrung aus dem unsichtbaren Dunkel. Andere afkn zwei
Eier im Glas, halbweich, rotgelb, mit verlorenen Schalen drin. Er aber
bestellte einen Kaffee, nicht einmal einen Mokka, nur einen Kaffee.
Das ganze Kaffeehaus, der Tisch, die Stiihle, die Saule, an der wir sa-
fien, der Kellner, der freundliche Herr, die Lampen, das Bufett und die
Dame waren so gleichsam Zutaten zu dem Butterbrot meines Freundes
geworden. Das Kaffeehaus aber tat, als hatte es ihn geradezu selbst
aufgefordert, sein Abendessen mitzubringen. So war die Gastfreund-
schaft dieses Hauses.
77° DAS JOURNALISTISCHE WERK
Jetzt kann man dort schwerlich Butterbrot essen.
Man hat das Kaffeehaus »renoviert«. Der Eingang tragt keinen Vor-
hang mehr. Damit die Saulen frei bleiben, ist rechts an der Tiir eine
Garderobe eingebaut worden. Den Mantel soil man hier abgeben und
so tun, als trite man in ein Theater. Die breiten Fenster haben schmale
griine Saume bekommen. Die Saulen sind weifi, die Decke ist weifi.
Fort mit den Gemalden! sagt der Geist der Zeit - der Rauch verhiillt
sie ja ohnehin! Weifi ist diese Zeit wie ein Laboratorium, weifi wie das
Zimmer, in dem das Lewisith erfunden wurde, weifi wie eine Kiiche,
weifi wie ein Badezimmer, weifi wie ein Seziersaal, weifi wie Stahl und
weifi wie Kalk, weifi wie Hygiene, weifi wie die Schiirze eines Schlach-
ters, weifi wie ein Operationstisch, weifi wie der Tod und weifi wie die
Angst dieser Zeit vor ihm, Weifi ist die Farbe der Zeit! Machen wir die
Decke freundlich! - Denn er glaubt, der Geist, Weifi ware heiter.
Frohliche Menschen will er heranziehen, mittels Helligkeit. Und die
Menschen sind frohlich wie Patienten, und die Gegenwart ist frohlich
wie ein Spital.
Man hat die Decke nicht tiefer gelegt, die weifie Farbe allein ver-
mochte sie herabzuziehen. Jetzt driickt sie auf unsere Kopfe, unent-
wegt hygienisch. Die Beleuchtung besorgen keine Lampen mehr,
sondern glaserne Saulen, eine Art Fieberthermometer, mit denen viel-
leicht die Temperatur des Raumes gleichzeitig gemessen wird. Das
Licht stromt von den Seiten her, tut den Augen nicht weh, Blinde
konnen dabei aus kunstKchen Augen Vermischte Nachrichten lesen.
Der Fufiboden ist nicht mehr Holz, sondern grauer Stein mit weifien
Streifen - auf den ersten Blick. Auf den ersten Schritt aber stellt es
sich heraus, dafi der Stein Gummi ist oder Linoleum. Ein feiger Stein,
der keinen Laut gibt, ein Stein fur Leisetreter. Hygienisch. Taub-
stumme konnen bei dieser Stille Radio horen. Man hat die Zahl der
Tische um ein Drittel vermehrt und die breiten Lehnstuhle abge-
schafft. Gerade Haltung verbiirgt der Sitz, stahlt den Korper, ein
Stahlsitz. Wie eine Apotheke sieht das Bufett aus. Rezepte verschreibt
der Kellner. Ein Junge mit Goldknopfen, Gesicht aus Milch und
Blut, Rockschofie abgehackt, Amor, Merkur und Messenger-Boy, be-
sorgt Zigaretten ohne Nikotin. Auf Wunsch serviert man einen Kaf-
fee, der Herzbeutelkranke gesund macht, direkt ein Schlafmittel. Die
Dame vom Bufett ist nicht da, weg ist sie, iibertuncht, abgenommen.
Der freundliche Herr ist fort. (Kein Mensch wird jemals so griifien
1927 77i
konnen.) Er konnte den Weg des Kaffeehauses nicht mitmachen, die-
sen Weg, der immer von Deutschland zum Broadway hinstrebt und
der immer wieder am Kurfiirstendamm endet. -
Frankfurter Zeitung, 21. 10. 1927
Briefe aus Deutschland
von Cuneus
WIE ES AN DER GRENZE GEWESEN WARE
Ich hasse die »Grenze« zwischen zwei Landern. Sie ist ein viel zu wel-
ter Begriff fur die Realitaten, die sie bezeichnet. Was ist eine
»Grenze«? Ein Pfahl, ein Drahtgitter, ein Zollwachter, ein Visum, ein
Stempel, ein Aufenthalt. Es sollten Symbole sein, und es sind Nieder-
trachtigkeiten. Woher kommt es aber, dafi man an einem Wechsel der
Zeichen den Wechsel der Atmosphare zu fu'hlen vermeint und dafi
man hort, wie eine Tur zugeschlagen wird, sobald eine neue Livree
erscheint? Woher kommt es, dafi mit der Ungultigkeit eines Visums,
dem lacherlichen Strich eines gemeinen Kopierstiftes im Pafi die Welt
ein anderes Gesicht bekommt, die Wehmut eines Abschieds in das
Herz sich schleicht und ihre Konkurrenz, die Wehmut der Erwar-
tung? . . .
Unergriindliche Torheit der menschlichen Seele, deren Tiefen jeder la-
stige Vorgang aufzunihren vermag! Ich wehre mich, aber ich erliege
ihm, wenn ich im D-Zug die Grenze »iiberschreite«. Da fallt wie ein
schwerer Zollschranken das erste Wort der neuen Landesprache vor
die letzte Bahnstation der ersten. Vier Hande bohren in meinem Kof-
fer. Jetzt liegt er geschlossen wieder oben im Gepacknetz - fertig.
»Fertig!« ruft der Schaffner. Der Waggon hat einen andern Rhythmus,
die Lokomotive zieht nach andern Melodien. Es gibt Nationalhymnen
der Eisenbahnen. Der Rahmen des Fensters verandert seinen land-
schaftlichen Inhalt. Eben enthielt er noch lachelnde Erde, Land mit
Griibchen in den Wangen. Schon pressen sich Schlote, Nebel und Wal-
der in das glaserne Rechteck. Eben safi noch schrag mir gegeniiber ein
dunkler Herr, mit hangenden Schultern, mit schmalem Gesicht. Er las
keine Zeitung, er blickte nicht aus dem Fenster, er sprach nicht mit
mir, er sprach auch mit keinem anderen. Das Ziel seiner Blicke lag
aufierhalb des Rupees, aufterhalb der Landschaft, durch die wir fuh-
ren, aufierhalb der Stationen, an denen wir rasteten. Dennoch hielt sein
Auge ein konkretes Ziel gefangen, kein Zweifel. Jetzt - wer sitzt jetzt
*9*7 77}
mir gegeniiber? - Ein Herr im hellen Mantel, mit breiten Schultern,
mit einem weichen, gutmiitigen Gesicht. Aber es versucht, strenge zu
werden, sooft es sich mir zuwendet. An der Nasenwurzel faltet sich
der Uberschufi der Haut, die Augen riicken nahe zueinander. Lagen
Brauen iiber ihnen, sie waren vielleicht wie Blitze. Da sie aber nackt
sind, kommen sie wie unschadliches Wetterleuchten aus einem wol-
kenlosen Himmel.
Ubrigens sind sie unruhig. Sie ergreifen eine verwirrende Tabelle des
Fahrplans, rutschen aus, springen auf eine Zeitungsspalte, hiipfen von
einem halben Leitartikel hinunter, klettern auf die glatte Fenster-
scheibe, scheinen nur sie zu sehen, nicht die Landschaft dahinter, als
ware Glas undurchsichtig, werfen sich ins Gepacknetz, rollen iiber die
Wande, wagen sich noch einmal verzweifelt auf die schliipfrige Ta-
belle. Gleichzeitig stofit der Herr verschiedene Laute aus, er kann das
Schweigen im Rupee nicht vertragen. Bemerkungen (wahrscheinlich
patriotischer Beschaffenheit), Grundsatze, Meinungen stauen sich in
seiner Kehle, ringen in seiner Mundhohle nach akustischem Leben,
endlich legt sich ein Satz auf seine Zunge und rollt hinaus in das feind-
liche Schweigen:
»Zwanzig Minuten Verspatung hamm wer!«-
Fremdes Geld, nicht wertlos, aber ungiiltig, knattert in meiner Hosen-
tasche. Geld des Landes, das ich eben verlassen habe. Es erinnert an die
Briefe der verlorenen Geliebten: nicht wertlos, aber ungiiltig. Ich
werde es in einen Umschlag legen, einen Bindfaden dariiber, in die
Schublade damit. Was nab' ich sonst in meinen Taschen? - Eine Zei-
tung in der fremden Sprache! Wie lang ist es her, dafi ich selbst solche
Worte sprach? Zehn Jahre oder langer. Schon ruft man heimische Zei-
tungen an den Stationen aus. Neue Tage haben angefangen, neue Be-
richte. Gestern liegt das verlassene Land. Schon rollen wir nach Heute
und Morgen. Schon sind die Bahnhofe Hallen, und auf irgendeiner
Seite darf man nicht absteigen. Mir entgegen saust ein Zug. Dahin,
woher ich komme. Man konnte tauschen! - Nein! Man konnte nicht!
Ich sitze in meinem Zug wie in meinem SchicksaL Nicht abspringen
wahrend der Fahrt! Hinauslehnen verboten, weil lebensgefahrlich! Ich
vergesse, dafi ich hier freiwillig sitze - und ich sitze hier vielleicht gar
nicht freiwillig. Unerbittlich ist die Richtung des Zuges, und seine
Schnelligkeit macht ihn noch unerbittlicher.
774 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Blick nach Metz
Nein! - Diesmal nicht! - Zwischen Frankreich und Deutschland liegt
Lothringen auf dem Weg. Noch nicht Frankreich, nicht mehr
Deutschland! Grenzland, Zankapfel, Knegsursache, erobert oder ver-
loren. Steige ich in Metz aus dem D-Zug, ist es, als liefie ich mir
Deutschland langsam entgegengleiten. Ich steige in Metz aus dem D-
Zug.
Ich habe mir hier ein Rendezvous gegeben mit W, dem deutschen
Schriftsteller, der in Metz geboren ist. Ein Grenzfall, dieser W.! Man
streitet sich nicht um ihn, welche Machte hatten sich schon je um einen
lebenden Schriftsteller gestritten, vorbei ist das klassische Altertum,
und auch damals mufite ein Schriftsteller tot sein, damit man ihn um-
stritte, tot, mehr als tot, namlich lengendarisch.
W ist keineswegs tot. »Lebend« ist ein zu schwaches Wort fur den
Zustand, in dem er sich befindet. Lebendig ist W.! Da steht er an der
Bahn, breiter als ich, grofier als ich, starker als ich. Aufierdem ist es
noch, als reprasentierte er die Stadt Metz und als addierte sich ihre
Gewichtigkeit zu seinen personlichen Werten. Es ist ein feierlicher
Glanz um ihn, wie er so dasteht, in der Helligkeit des Eingangs, den
Tag als Hintergrund, wahrend ich aus dem Dunkel komme, aus einem
Schlauch des Bahnhofs. Er hat ja kein offentliches Amt, ich auch nicht!
Er ist nur in dieser Stadt geboren, in ihren Strafien war er jung, also ist
er in ihnen heimisch; mogen auch ihre Schilder franzosisch sein und
seine Biicher deutsch. Wir sind keine Poiitiker, wir beide. Weit davon
entfernt, von irgendwelchen Majoritaten beauftragt zu sein, haben wir
doch irgendeinen Auftrag! Keine Zeitung wird davon Notiz nehmen,
dafi wir uns hier trafen, kein Photograph ist anwesend, unsern briider-
lichen Handedruck in die Illustrierte zu bringen. Nichts andert er fiir
den Augenblick an dem Verhaltnis zwischen den Landern und Natio-
nen. Dennoch fuhlen wir beide den Bruchteil einer Sekunde die heitere
Feierlichkeit, die das Zusammentreffen des Wines mit dem Gast iiber-
glanzt. Ich fiihle das Gliick des Mannes, der hier zu Hause ist und der
einen Gast an der Schwelle des Hauses begrufk. Zwar werden wir in
demselben Hotel wohnen, Zimmer an Zimmer. Aber mir ist's, als
wohnte er im Rathaus, im Theater, im Festungsgraben und in den Kir-
chen, auf der Promenade und im Nachtlokal.
»Nehmen wir einen Wagen, kein Auto«, sagt W., »damit wir dann
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gleich spazierenfahren, ganz langsam. Alles wollen wir sehen!« (Er
meint: zeigen, aber zeigen ist ein dreifaches Sehen.)
In der Nahe des Bahnhofes ist die Welt neu und viel zu grofiartig! Das
hat man zu Wilhelms Zeiten gebaut, Laden, ein Cafe, ein Hotel, 6f-
fentliche Gebaude. Die Laden haben grofie, breite Schaufenster, der
Glanz der Spiegelscheiben teilte sich ihren Waren mit. Diese Schaufen-
ster zeigen nicht ihre Waren, sie prahlen mit ihnen. In diese Schaufen-
ster legt man keine Ware, man »dekoriert« sie. Ein Apfel hinter ihrem
Glas ist etwas anderes als ein Apfel in der Hand. Zwischen dem Ge-
genstand und meinem Aug' steht das Fenster, eine kalte, durchsichtige
Mauer. Sie ist aus Eis, nicht aus Glas. Die Schilder sind eine Art
schwarzer Spiegel, wie man sie in der Unterwelt gebrauchen kann. Ih-
ren Buchstaben glaube ich das Gold nicht. Die Hauser haben nicht
Fassaden, sondern Etiketten, keine Wande, sondern prima Verpak-
kung. Mifitrauisch gehe ich an sie heran, wie an die schlimmen Zigaret-
ten in den teuren Aluminiumschachteln. Vielleicht sind sie besser als
die Zigaretten, ich tue den Hausern unrecht. Sie haben Kuchen aus
Kacheln und Badezimmer und flieftendes Wasser und enghsches Klo-
sett. (In den alten Hausern muf$ der Mensch im Schlafrock durch einen
zugigen Korridor.) Aber weshalb geniigte ihnen nicht Hygiene, wozu
brauchen sie noch Pracht? Paradeuniform tragen sie jeden Tag, wo
sind ihre Kleider? Das macht sie hafilich, die Kurfiirstendamme aller
deutschen Stadte. Festlich wollten sie sein, und sie stehen da wie ver-
regnete Sonntage.
Wir fuhren durch eine Strafte, in der links die Hauser standen, die nach
1870 gebaut worden waren, und rechts die alten, heimischen Hauser.
Die schmalen Fenster mit den holzernen Rouleaus, graue, zarte Gitter,
ich liebe sie! Sie bestehen aus schmalen Brettchen, wie kleine Dachlein
schrag geneigt, viele, viele iibereinander. Zwischen ihnen sind schmale
Streifen Luft, iiberdacht von den Brettern, die an Schindeln erinnern.
Also blickt das Fenster aus vielen Spalten und ist dennoch geschlossen.
In die Zimmer dringt ein zarter, gestreifter Tag und ein brauner, ge-
streifter Dammer. Niedrig, aber klar und rein sind die Stirnen der
Hauser. In gleichen Abstanden halt es seine Fenster, schone, mafi voile
Disziplin. Unten in der Mine wolbt sich das Tor dunkelbraun, zwei-
flugelig. In einen der breiten Fliigel ist eine viereckige Tiir geschnitten,
eine Tiir fur Wochentage. Dunkel ist der Flur, griin schimmert er am
Ende, im Hof mag eine Linde stehen.
77^ D AS JOURNALISTISCHE WERK
Aber da ist zur linken Seite diese Pracht, dieser Marmor aus Pflaster-
steinen, diese Atlasse, die keuchend einen Balkon tragen, weil er aus
Stein ist und sie aus Gips zu sein scheinen, daneben ist roter Ziegel und
falsche mark'sche Kraft und justament gewollte Vorspriinge, die innen
Nischen bilden, Lauschigkeit aus Zehlendorf-Mitte und Jemiet aus
Neukolln! . . . Kehren wir urn, kehren wir um, Herrr W!-
»Hier ist die Hauptstrafie«, sagt W. »Immer, wenn ich fern von Metz
bin, habe ich sie als eine grofte, breite, unendlich breite Strafie in der
Erinnerung. Sie zu durchwandern mufi viel Zeit kosten. Immer, wenn
ich wieder da bin, ist die Strafie kurz und klein und eng. Ich habe sie
heute abgemessen. Siebenundeinhalb Schritte breit « Und er sinnt
nach.
Manches erinnert hier an Siidfrankreich. Wenn die Sonne scheint,
konnte es die Provence sein, Vienne und Aries. »Sehen Sie das Thea-
ter !« sagt er. Ich sehe das Theater. Es ist niedrig und klein. Aber weil es
niedrig ist, scheint es weit zu sein. Auch der Platz, auf dem es steht, ist
klein. Aber merkwlirdigerweise verschwenderisch. Sieht man das
Theater an, tritt eine Stille ein. Es gehort zu den Hausern, die man
atmen hort.
Wir kamen durch schmale Gassen, die an das Seineviertel erinnern. Die
gleiche dustere Heiterkeit und dieselbe Jugend im Altern. Dieser Ge-
ruch, der aus Lagerraumen, Kanalen, Rattenlochern, Wohnungen
kommt und dennoch kein Gestank ist. Denn er ist durchsetzt vom
Duft des Wassers. Waren diese alten Hauser breit und solide, sie waren
tragisch in ihrer Dunkelheit, in ihrer Armut, in ihrem Alter. Aber sie
sind diinn und luftig. Sie sind schmal und leichtsinnig. Sie sind die
Bohemiens unter den Hausern.
Wir kamen an den Flufi. Veranden, Nester aus Holz und Glas hingen
ins Wasser. Wascherinnen wuschen unten, arme, alte Frauen, aber hei-
tere. Wascherinnen konnen nicht traung aussehen. Ihr Handwerk ist
weift und bunt. Ihr Element ist das Wasser, und Wasser ist frohlich.
Wir kamen an ein altes Snick Festungsgraben. Daneben muE eine Ka-
serne gestanden haben, ein Posten war da, ich erinnere mich nicht,
weshalb. W. liefi den Wagen halten. »Sehen Sie!« sagte er - und wir
beugten uns hinab, »das ist mein Graben.« Der Posten sah uns an. W
hatte Lust hinunterzuklettern. Zwanzig Biicher hat er geschrieben.
Grofi, stark und breit ist er. Die Welt nimmt ihn ernst. In den Graben
wollte er. Klettern wollte er.
*9*7 777
»Driiben«, sagt W., »ist ein geschlossener Park, eine Insel. Die deut-
sche Behorde sperrte ihn ernes Tages ab und erlaubte den Zutrkt nur
den Angehorigen der Offiziere und der hoheren Beamten. Dann ka-
men die Franzosen, die doch sonst gar nicht so sind! Aber sie behielten
das Verbot. Ein Posten steht vor dem Park.« Wenn man, denke ich,
das Ungliick hat zu siegen, ist man eben »so«.
»Hier ist mein altes Stammcafe«, sagt W. Wir traten ein. Der Wirt
begriifke W »Wieder im Land?« sagte der franzosische Lothringer
zum deutschen. »Im Land«, sagte er, und das hiefi hundertmal mehr
als »Vaterland«. »Land«, Land allein, pays, nicht patrie. Land ohne
jede »Verpflichtung«. Dieses Wort kann es ertragen, allein zu stehen.
Es enthalt Walder, Wind, Hauser, menschliche Beziehungen und
nicht: einen Pafi, einen Mahnzettel der Steuerbehorde, einen Einberu-
fungsschein fiir Reservisten.
Hierauf bat ich W, mir Menschen zu zeigen.
ZweiFeinde
»Da ist der Abbe R.«, sagte mein Freund, »ein franzosischer Chauvi-
nist, ein Reaktionar und, wie Sie sehen, ein Klerikaler!«
»Ich bin kein Chauvinist«, erwiderte der Abbe.
Der Abbe trug diesen Protest nicht mit Pathos, nicht mit Entrustung,
nicht gereizt, nicht erbittert vor. An dem selbstverstandlichen Klang
der Worte glaubte ich zu erkennen, dafi er nicht zum erstenmal gegen
diesen Vorwurf protestierte. Vielmehr diirften sowohl der Vorwurf
meines Freundes als auch die Antwort des Geistlichen bereits in den
eisernen Bestand der Zwistigkeiten ubergegangen sein, mit denen
beide ihre Bekanntschaft bestritten, die immer wieder an das respekta-
ble Alter ihres Verhaltnisses erinnerten und die es wahrscheinlich so-
gar festigten. Sowohl der Vorwurf als auch die Replik waren ernst ge-
meint. Da aber ihre Melodie schon alt war, sahen beide Manner so aus,
als ob sie sich neckten. Ein Streit, der ein gewisses Alter erreicht, hat
unter Mannern dieselben Folgen wie eine Verstandigung. Er glanzt
beinahe wie ein Frieden.
Der Abbe war noch grower, starker, breiter als mein Freund. Er schien
in der Hauptsache aus zwei Elementen zu bestehen: aus Blut und
Frohlichkeit. Zwei Tatigkeiten hatten seinen Mund gebildet: Lachen
778 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und Reden. Uber dem eng geschlossenen Kragen seiner Soutane war
sein Gesicht noch breiter, runder, voller und roter. Er hatte die Stirn
eines Mannes, der viel und zielbewufit gelernt hat, und die kraftige,
runde Nase eines Bauern. Sein Kinn lag eingefafit im Rahmen des
Doppelkinns. Seine Haare waren schwarz, seine Stirn weifi, seine
Wangen rot, seine Augen grofi, hell und grau. In ihnen wohnte eine
fangende Klugheit, die ebensogut das Erbteil des Bauern wie die Ge-
wohnheit des Geistlichen sein konnte. Erhob sich der Abbe aus seinem
Sessel, so war aufier ihm noch wenig im Zimmer ubriggeblieben. Ging
er mit mir durch die Strafie, so kam ich mir vor wie ein Komma neben
einem Baum. Tranken wir beide, so sah es aus, als ob ich nippte, und
sprachen wir miteinander, so war es, als ob ich flusterte. Hunderte
Menschen griifiten ihn. Jeden Augenblick schwang er seine franzosi-
schen Geistlichenhut, der so aussieht, als wenn ein weicher Schlapphut
erstarrt ware. Der Rand ist breit und hat einen kuhnen Schwung, und
in der Mitte wolbt sich sehr sanft eine breite Kuppe. Der Abbe griifke
leutselig. Immer wieder wollte er mich verhindern mitzugriifien, wenn
wir gegriifit wurden. »Herr Abbe«, sagte ich, »meine grofke Siinde ist
die H6flichkeit.«
Sein Haus ist einfach, seine Zimmer sind fast kahl. Er fullte sie mit
lateinischen Zitaten. Mit Versen von Horaz. Mit Witzen. Mit Anekdo-
ten aus seiner Militirzeit. Mit Mirabell, dem heimischen Schnaps. Bei
ihm habe ich den besten getrunken. So vortrefflich war er, daft ich nach
drei Glaschen glaubte sagen zu mussen: »Sie erinnern mich an Balzac. «
Damit ich nicht mehr sage, liefi er mich noch drei nehmen. Meine Mei-
nung anderte sich, aber ich aufierte sie nicht, dafi er namlich an Rabe-
lais erinnere. Den liebt und liest er oft. Er zeigte mir das Haus, in dem
Rabelais gewohnt hat. Jetzt wohnt in diesem Haus ein Kufer. Er hat
seine Werkstatt in dem verfallenen Raum, es war einmal eine Kapelle.
Es gab da eine finstere, morsche Treppe mit hohen Stufen. »Ich
mochte wissen«, sagte der Abbe, »wie oft der Rabelais herunterfiel,
wenn er betrunken nach Hause kam.« Alle Hauser offneten sich mei-
nem Fiihrer. Er machte immer wieder fremde Tliren auf, Kloster, Wai-
senhauser, Museen. Immer rief jemand erfreut: »Oh, Herr Abbe!« . . .
Und der Abbe ging weiter, seine Soutane wallte angestrengt, als hatte
sie Miihe, Falten zu werfen und den breiten Schritten nachzukommen,
und ich war daneben wie ein Komma neben einem Baum.
1927 779
Ich habe auch Herrn K. kerjnengelernt. Bei Ausbruch des Krieges war
er verhaftet worden, eingesperrt, verhort, in ein Lager gesteckt, enthaf-
tet, uberwacht, noch einmal verhaftet, noch einmal iiberwacht. Obli-
gater franzosischer Schnurrbart. Obligater schwarzer Anzug. Obligate
steife Hemdbrust. Obligates Bandchen der Ehrenlegion, das ubrigens
nur wenige Lothringer haben. Ein einfacher alter Herr, der Frankreich
liebt und Deutschland wahrscheinlich nicht. Aber wahrend er mir
seine Geschichte erzahlte, riickte der politische Anlafi seiner Leiden in
jene offizielle und abstrakte Gegend, in der »Geschichte« ensteht. Ub-
rig blieb ein schwarz bekleideter Mensch, ein grauer Schnurrbart, ein
altes Gesicht, der warme Klang einer Stimme, die Leiden berichtet und
die an stilles Wasser erinnert. Ich safi in seinem Biiro. Auf seinem al-
ten, uberlasteten Schreibtisch lagen die gelben Papiere, die Politik ent-
hielten, und Staub, Staub, das wichtigste Element des Papiers. In drei
Jahren wird diese Politik Staub sein. Man wird neue Papiere beschrei-
ben miissen. Einmal wird dieser Mann tot sein, und ein anderer wird
an seiner Stelle sitzen und Papiere beschreiben und Leid erdulden und
Hafi fiihlen und vielleicht Kampf erzeugen. Aber befreit einmal den
Namen eines Feindes von den Assoziationen, die seinen Klang beglei-
ten - und was bleibt ubrig? Ein alternder Mann - auch du und ich
werden einmal alte Manner sein, wiirdige, dunkle Kleider tragen und
graue Schnurrbarte. Begebt euch nur in die Hohle des Lowen! In den
Hohlen sind sie keine Lowen. -
Frankfurter Zeitung, 16. 11. 1927
BAHNHOF VON SAARBRUCKEN
Am Nachmittag fuhr ich nach Saarbriicken.
Man kommt eine Stunde spater an, als man sollte. Die Uhr ist vorge-
schoben. Mitteleuropa hat angefangen. Es scheint auch, dafi es dunkler
geworden ist, mehr Abend. Vielleicht ist es keine Tauschung, und die
Zeiger so vieler Uhren, Milliarden Zeiger, konnen die Dammerung
verdichten.
Der Bahnhof von Saarbriicken ist der traurigste aller Bahnhofe, in de-
nen ich jemals ausgestiegen bin. Man sieht, daft er einmal kleiner war
7^0 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und erweitert werden mufite. Aber man brachte iibersichtliche Tafeln
an und zwang ihn zur Ordnung, obwohl er geneigt ist, sich zu zer-
streuen. Ein Bahnhof, der selbst fahrt; gewissermafien aus seiner eige-
nen Haut. Ein Bahnsteig ist aus sich hinausgeriickt und hat einen
neuen Bahnsteig gebildet. Unterabteilungen! Ost und West! Uber vie-
len Treppen, die zum Aus gang fiihren, stehen warnende Tafeln: »Kein
Ausgang!« Es klingt wie: Trotzdem kein Aus gang!
Alle Bahnhofe der Welt (mit Ausnahme der Schweizer, die elektrisch
sind, und mancher russischen, die ein Stuck Natur sind) dunsten grau
und schmutzig. Dieser Bahnhof ist grauer als grau. Jeder Bahnhof er-
zeugt seinen eigenen Schmutz vermittels seiner Lokomotiven. Dieser
Bahnhof aber ist nur ein kleines Werk - und verhaltnismafiig das sau-
berste - unter grofien Werken, Rings um ihn entstehen unaufhorlich
Eisen und Stahl, dampfen, flackern, gluhen die Hochofen. Tief unter
ihm grabt man Kohle. Gestank der Lokomotiven? - In dieser Gegend
der harmloseste, beinahe ein Parfum! Ringsum hat die Erde Ritzen.
Aus den Ritzen dampft es Pech und Gestank. Bunte Bahnsignale? -
Farblos und blaft sind sie im Vergleich zu dem Feuerwerk, das die
Ofen gegen den Himmel hinaufregnen. Tunnels der Ziige, finster und
bedrohlich? Lichte Wege sind sie im Vergleich mit den Schachten,
durch die Tausende Menschen zur Kohle steigen. Dieser grausame
Bahnhof ist fur den heimkehrenden Arbeiter die Place de la Concorde.
In mir leuchtet noch die wirkliche Place de la Concorde. Es ist also
mein finsterster Bahnhof.
Er steht gewissermafien in einem Hof, eine halbe Mauer versucht, ihn
abzugrenzen, er hat ein Tor wie eine Festung. Drauften noch eine Fi-
liate: eine lange, schmale Baracke mit Kassenschaltern. Vierte Klasse.
Es scheint, dafi der Bahnhof die Passagiere durch die Baracke durch-
zieht wie ein Seil durch ein Kanalrohr. Passagiere vierter Klasse zerf al-
ien nicht leicht in Individuen. Sie sind eine weiche Masse, der Raum
bestimmt und verandert ihre Form.
LFber dem Bahnhof mitten in der Nacht leuchtet eine Uhr, gelb und
bose, der Mond der Zeit.
Es ist halb sechs Uhr abends. Donnerstag. Oktober. Ich gehe in die
Stadt.
1927 781
Rekognoszierung am Abend
Es ist Donnerstag. Oktober. Sechs Uhr abends. Ich gehe vom Bahnhof
in die Stadt.
Die Stadt sieht aus wie eine Fortsetzung des Bahnhofs oder wie ein
Zugang zu ihm. Die Menschen in der Strafie sind wie Passagiere zwi-
schen zwei Ziigen. Sie gehen und stehen auf den Biirgersteigen wie auf
Bahnsteigen. Bald muss en ihre Ziige kommen. Sie werden wegfahren.
Der Himmel wolbt sich iiber ihnen wie eine glaserne Halle. Die Bo-
genlampen scheinen an ihm festgeschraubt zu sein. Sterne enthalt er
auch, aber zu Zwecken der Tauschung und damit man ihn fur einen
Himmel hake. Er aber ist ein Plafond. Die Glasindustrie ist ja so stark
im Saargebiet. Sie erzeugt siebzehn Millionen Kilogramm Flaschenglas
im Jahr, drei Millionen Kilogramm Weifihohlglas und vier Millionen
Quadratmeter Fensterscheiben, Warum nicht auch Himmel fur Saar-
briicken, solide, unzerbrechliche Tag- Und Nachthimmel? Die Wolken
und die Blitze, die Morgen- und die Abendroten kommen aus den
Hochofen, die Donner entstehen unter der Erde, wenn Kohle und Ge-
stein gesprengt werden, und die Gotter sitzen in den Biiros, und ihrer
sind viele.
So heifk die Hauptstrafte von Saarbriicken mit Recht Bahnhofstrafk.
Sie enthalt die Warenhauser und die grofiten Laden dieses Landes, sie
hat Schienen, Strafienbahnen, Taxameter und Privatautos. Ihre Hauser
sind meist jung, und die alteren haben verjungende Fassaden. Die
Schaufenster sind hoch, tief und weit, sie sind beinahe wie Bu'hnen,
grofistadtische Schaufenster. Zu gewaltig im Verhaltnis zur Stadt. Die
Reklame eilt den Tatsachen voraus. Das ist ihre Aufgabe. Sie verbreitet
Licht. Das liegt in ihrem eigenen Interesse. Aber sie verdient dennoch
Dank. Denn in einem Land, in dem Industrie und Technik den Ernst
des Lebens dem des Todes annahern, ist der Kommerz fast eine heitere
Angelegenheit, ein Spiel mit Worten und Geldscheinen. Im Vergleich
zu einem Hiittenwerk ist das Warenhaus ein Amusierlokal.
Wenn die Arbeiter aus ihren Hollen kommen, bleiben sie gerne vor
dem Glanz der Schaufenster. Die Preise sind hoch, aber das Licht ist
billig. Ich weifi aus eigener Erfahrung, dafi der Luxus eines Schaufen-
sters die Armut nicht in dem Mafi verbittert, wie es der Schriftsteller
manchmal darstellen mufi, wie ich es selbst manchmal darstellen muE.
Es gibt Augenblicke im Leben des Armen, in denen er vergifit, dafi er
7^2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nicht kaufen kann. Man stent vor der unerreichbaren Majestat eines
Winterrocks, der mit praller Eleganz auf den breiten Schultern der
Modepuppe ruht, befriedigt und angeregt wie bei der Ankunft eines
Kaisers oder dem Begrabnis eines Generals, weifi, dafi da Dinge sich
abspielen, die einem immer fremd sein werden, und hat dennoch sein
Elend vergessen. Eine Art Spieltrieb ist manchmal starker als der Hun-
ger. Wenn dem nicht so ware, es gabe kein Schaufenster mehr, kein
Gesetz schutzte es vor Zertriimmerung.
Da stehen sie nun in der Bahnhofstrafie, die Menschen, die sechs Kin-
der haben und sechshundert Francs im Monat, und sehen die Laden
der Juweliere und der Uhrmacher, der Delikatessenhandler und der
Konfektionare und der Kiirschner. Nach einer oberflachlichen Schat-
zung stelle ich fest, dafi schlechte Textilwaren billiger sind als in
Deutschland und teurer als in Frankreich. Luxusgegenstande scheinen
teurer als in Frankreich zu sein, Kleider, Hiite und Schuhe sind, auch
wenn franzosischer Herkunft, teurer als im lothringischen Grubenge-
biet. Ebenso billig wie in Frankreich sind Koffer zum Beispiel. (Aber
ein Bergarbeiter macht keine Weltreisen.) Dieses Land kann billige
Waren aus Frankreich beziehen, aber die Kaufleute zahlen viel mehr
Steuern als in Frankreich. Dennoch gibt es auch schon Striimpfe zu
drei und vier Francs, Hemden zu zwolf bis zwanzig Francs, Mantel zu
zweihundert Francs, Hiite zu zwanzig Francs. Die Laden sind nicht
leer, aber die Anwesenheit der Kunden ist kein Beweis fur einen guten
Geschaftsgang. Es ist Abend, aus alien kleinen Stadten der Umgebung
sind die Leute nach Saarbriicken gekommen. Gestern war Zahltag, und
der Winter steht vor der Tiir. Man kauft, aber das Billigste und mit
Bedacht. An den billigen und allzu bedachtig gekauften Waren aber
verdient der Kaufmann so wenig, dafi ich ihm das Recht zugestehe,
von seinen schlechten Zeiten zu sprechen - obwohl ich weifi, dafi ihm
seine Natur verbietet, jemals die guten zu erwahnen.
Man rustet, wie ich aus der Zeitung sehe, zu einer Modeschau und zu
einem Schaufensterwettbewerb. Auch kein Beweis fur gute Zeiten, im
Gegenteil. Man mufi die Kauflust reizen und die Kaufkraft zu Leistun-
gen zwingen, die ihr nicht gemafi sind. Man mufi den Leu ten einreden,
dafi notwendig sei, was sie fur uberflussig hielten. Heute schon kon-
kurriert das Licht der Schaufenster mit den Bogenlampen.
Es sind so viele Menschen in der Strafie, dafi man sie einen Augenblick
fur frohlich halten konnte. Aber sie ist nur geschaftig. Der Geruch der
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Kohle ist stark wie ein Schicksal, die Luft ist fett und klebrig, ein kur-
zer Aufenthalt in der Strafle, und die Hande sind schmutzig. An den
Knocheln setzt sich braungrauer Kohlenstaub an. Die Handteller sind
grau, als hatte man zehn Waggontiiren zugemacht. Ein schmaler Rand
aus fettem Schmutz saumt die Manschette ein. Das Taschentuch, mit
dem ich uber das Gesicht fahre, ist grau. Die Gesichter sind gelb. Das
sind nicht die Farben der Frohlichkeit.
Dann schliefit man die Laden. Es wird dunkel. Man sieht auf einmal,
dafi die Bogenlampen zu hoch hangen. Die Menschen haben sich ver-
loren. Es beginnt zu regnen, als hatten die Wolken bis zum Geschafts-
schlufi gewartet. Es regnet Einsamkeit, Bitternis, schmutziges Wasser,
Heimweh nach dem Kino. Selbstverstandlich spielt man dort den
»Faust«. Ich kenne ihn bereits. Den groffen Werken nationaler Film-
kunst immer wieder auf ihrem Siegeslauf durch die Welt zu begegnen
ist mir von Gott verhangt. Chaplins Goldrauscb sah ich nur einmal.
Aber in Leningrad traf mich der Nibelungen-Tilm, in Paris Metropolis,
in Saarbriicken der Faust. Dabei regnet es immer. Ich habe alles noch
frisch im Gedachtnis, es ist die grausamste Gehirnpartie : den Engel aus
Pappendeckel und Schwanenpelz, den mysteriosen Nebel, der die Me-
taphysik der Branche ist, Faustens Bart aus grauer Holzwolle und
Gretchens Zopfe aus dem Flachs, den sie selbst gesponnen; diese fal-
sche Mischung aus legendarischer Naivitat und hochentwickelter
Grofiaufnahmetechnik, die beide einander nicht gewachsen sind; diese
fortwahrenden, miihevollen Arbeiten beim Urnebel der deutschen
Mystik im Filmatelier; dieses Bestreben, es nicht billiger zu geben als
mit Himmel, Erde, Pest, Gotik, Holle: Elemente, die naiv behandelt
werden sollten, aber im deutschen Film natiirlich pathetisch werden;
und kurz und gut, um in der Sprache der Branche zu reden: aufge-
wachsen beim Hexeneinmaleins! Diesen Faust soli ich nun noch ein-
mal sehen, in Saarbriicken, weil es regnet. Mir bleibt nichts erspart. Ich
werde in ein Kaffeehaus gehen.
Diese Schlagsahne ist nicht von Pappe! Sie turmt sich, balk sich,
schwimmt, steht, verandert sich, und das alles gleichzeitig. Sie erinnert
an Urnebel. Sie ist wie ein Schnee und wie das Material, aus dem
Schwane gemacht werden, Urschwanol. Sie ist wie Zucker und wie
Alpen, wie Watte und wie Seife. Soil man sie essen, sich mit ihr wa-
schen oder sie besteigen? Zwanzig Menschen ringsum essen sie. Man
trinkt Kaffee und bricht Kuchenklumpen entzwei und hort die Musik.
784 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Sie spielen das Lied von der Wolga mit dem Elan, den die Kapellen nur
erwerben, wenn sie lange Zeit Militarmarsche geiibt haben. Dieses
Lied aber erinnert an einen siifien Likor. Ifit man dabei so etwas Sub-
stantielles wie Kuchen, Kaffee und Schlagsahne, so kommt in das An-
gesicht ein Zug von behaglicher, zufriedener Wehmut, ein Schmerz,
bei dem es einem gutgeht. Die Augen aller essenden Menschen schwei-
fen irgendwo an der Wolga herum, und gleichzeitig erscheint in ihnen
jener bestimmte ausdruckslose Glanz, der Verdauung begleitet. Was
mogen das fur arme Menschen sein? Kleine Kaufleute, kleine Ange-
stellte, kleine Beamte. Manches einsame Madchen sitzt hier, schon sit-
zengelassen oder noch nicht - und zwischen beiden Zustanden ist so
wenig Unterschied! Sie sitzen da wie verregnete Kleider. Ihre abge-
schabten Mantel, ihre engen Kostume wollen sie nicht ablegen. Sie tun
so, als waren sie fiir einen Augenblick hereingekommen, um ein wenig
auszuruhen auf dem Weg vom Geschaft zum Haus, einen Kaffee zu
trinken und einen Blick in die Zeitung zu werfen. Aber das Lied von
der Wolga macht sie so schwermutig, und die Schlagsahne ist so gut
su% und das Licht und die Warme machen sie heimischer als das
eigene Heim, und schlieKlich kann man, weifi Gott, noch eine Be-
kanntschaft machen. Ach, macht sie nicht, liebe Madchen! Je langer ich
die Frauen und die Manner ansehe und vergleiche, desto grofier wird
meine Angst, sie konnten sich ineinander verlieben. Wenn sie bald ein
paar Manner herangezogen haben, die Madchen, fang' ich an zu wei-
nen. Denn die Liebe konnte noch trauriger ausfallen als das Leben.
Wenig Menschen sprechen miteinander. Solange die Musik spielt,
schweigen die meisten. Woran denken sie? Sie sehen nicht so aus, als
ob sie dachten. Bestenfalls denkt etwas in ihnen. Gebilde, Gedanken
ahnlich oder Hochzeits- und Begrabnisgefiihlen, schweben ziellos
durch die Kopfe, embryohaft, entwickeln sich nicht, verschwimmen,
verschwinden. Alle Menschen sehen aus wie vor dem Einschlafen.
Zwei Stunden und langer konnen sie so dasitzen und nichts mehr tun
als essen und Musik horen. Sie entspannen sich dabei. Sie warten auf
den Zustand, den sie »Bettschwere« nennen, und rufen ihn herbei
durch einige Becher hellen oder dunklen Bieres, die auf weicher, leiser
Filzpappe aufmarschieren wie in Pantoffeln. Wie geschaftige, etwas
kiihle und stiickweise entlohnte Schutzengel gehen die weiften Kellner
von einem Schlafrigen zum andern und singen ihm die Rechnung vor.
Und die Miinzen klimpern ein bifkhen wie Harfen.
1927 7h
Ober, zahlen!
Ich gehe die Hauptstrafie entlang. Ich habe irgendwo gehort, dafi Saar-
briicken aus drei Stadten entstanden ist. Sie ist nicht alt, diese Stadt.
Vor zwanzig Jahren erkannten die Einheimischen noch jeden Fremden
auf der Strafie. Ging einer vorbei, so sagten sie: »Jetzt muE ein Zug
gekommen sein.« Noch heute betrachten sich die Alten nicht durch-
weg als Saarbriicker. Jeder halt seinen Stadtteil fur seine Stadt. Als man
vor dem Krieg Wilhelm I. ein Denkmal setzen wollte, stritten sich zwei
Stadtteile darum. Schliefilich stellte man es mitten auf die Briicke, die
beide Stadtelemente verbindet. Dort stort es jetzt den Verkehr - und
das ist schliefilich noch das Harmloseste, was ein kaiserliches Denkmal
tun kann. Geht man die Bahnhofstrafie bis zum Ende, so merkt man
deutlich die zeitliche und die raumliche Ungleichmafiigkeit. Da wer-
den die Hauser armer, alter und edler. Da weitet sich ein schoner
Markt, da steht ein Brunnen, da tun sich schmale, warme Gafichen auf.
Arme Leute wohnen hier. Keine grofieren Cafes mehr oder nur einige.
Konditoreien. Bogenlampen seltener und dunkler. Restaurants kleiner,
warmer, lauter. Kein Kabarett. Man trinkt Bier. Zwei Tanzerinnen,
Ballett. Nicht mehr jung, charmant. Charmant in der primitiven, ehr-
geizlosen Ausiibung des Fufiwerks. Kunst und Art sind aus den Jahren
der letzten Walzer. Welch ein riihrender Schimmer aus der Vorkriegs-
zeit! Uber dem ganzen Kabarett liegt dieser legendarische Glanz. Am
Ende ist es eine alte Photographic Hier brachen meine 21 Jahre ab,
hier fiihle ich mich wieder heimisch (mit Mafi). Als ob es kein Trom-
melfeuer in meinem Leben gegeben hatte! Nichts! Ausgeloscht! Ein
Jahr nach dem Abitur. . . Manche Effekte grob. Der Humorist ein hilf-
loser Witzbold, kraftig und echt in der Wahllosigkeit und im Unver-
mogen, in der Entrucktheit aus der Zeit. Wenn er aktuell wird, ist er
der Gegenwart noch ferner. Am Ende ist er nicht da. Ich sehe ihn
durch ein Teleskop. Ich hore ihn aus einem Grammophon. Echte Ne-
ger waren mir vielleicht lieber. Aber hier gibt es nur falsche. Wenn die
Zivilisation (und die provinzielle) Groftstadt-Urwald spielt, klingt es
traurig. Lieber sind mir zehn Jahre Vorkriegszeit. Seliges Kabarett!
Die Sonne, an der wir damals noch den Platz hatten, leuchtet tiber
dir! . . .
Ich gehe weiter. Ich gelange in ein Restaurant, in dem eine Art von
Bayern oder Tirolern Musik macht, in Hemdsarmeln, Juchhei,
Huchho, Juchheidideldei! Ganze Familien sitzen hier, gehobenen
7$6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Standes. Mit Hund, Kind und Kegel, Die Manner schwanken, wenn
sie aufstehen. Waren sie betrunken! Aber dem Rausch sind sie so fern
wie der Verliebtheit. Sie schwanken, weil sie schwer sind. Der Alkohol
geht nicht in ihren Kopf, in die Beine rinnt das Bier. Die Frauen, ma-
ger, abgeharmt, in dunklen Manteln, sehen aus wie ernste Zugtiere, vor
die Manner gespannt. Noch lachen ein paar junge Madchen, sie sitzen
mit jungen Mannern am TiscL In zehn Jahren werden sie sich vor
diese Manner spannen, um sie heimzuziehen. Juchhe, Juchho, Juchhei-
dideldei!
Oder werden sie in zehn Jahren schon Autos haben? Mechanische
Heimbeforderung Alkoholbeschwerter? So scheint es. Diese Stadt
wachst rapide. Jenes Kabarett und jene Tiroler sind ihre Reminiszen-
zen. Dieser Boden, auf dem wir jetzt jodeln, ist hohl. Seit funfhundert
Jahren grabt man Kohle unter unsern Fiifien. In dieser Stunde sprengt
man achthundert Meter unter uns das Gestein, und kaum ein paar Ki-
lometer von hier entfernt flammt es rot, weifi, blaulich gegen den Him-
mel. Hier entsteht Elektro- und Edelstahl. Hier entstehen geschweifke
Rohre und nahtlose Rohre. Riffelbleche und Rohblocke. Eisenbahn-
schienen und Brammen. Kniippel und Platinen. Ein einziges der Saar-
hiittenwerke erzeugt in einem Monat 33000 Tonnen Roheisen und
37000 Tonnen Stahl, 37000 Tonnen Koks und 28000 Tonnen Walz-
ware. Hier klingt eine ganz andere Musik, hier gibt es ganz andere
Spektakel. Fliissiges Eisen prasselt in Kessel. Gluhende Drahtschlan-
gen winden sich zischend uber krumme Bahnen. Zyklopische Hebel
stofien mit ungeheurem Geratter auf und nieder. Uberdimensionale
Rader pfeifen wie Stiirme bei Weltuntergang. Es ist Mitternacht.
Dichte, schweigsame, finstere Gruppen gehen zur Bahn. Nachtschicht.
Man hort nur die knirschenden Schritte auf nassen Steinen und sieht
nur die glimmenden Zigaretten in Miindern und Handen. Lokomoti-
ven heulen.
Es regnet.
Frankfurter Zeitung, 22. n. 1927
UNTER TAG
Lieber Freund,
ich hatte gewiinscht, Sie waren mit mir gewesen, damit ich sehe, wann
wir einander zustimmen und wann wir auseinandergehen. Deshalb
schreibe ich Ihnen heute noch, etwas unbesonnen und fonnlos: auf der
Riickseite eines Plakats und mit Bleistift, in der Ecke eines Wirthaus-
tisches, an dem aufier mir noch fiinf Menschen sitzen, vier Manner und
eine Frau. Sie kummern sich nicht um mich, obwohl sie so aussehen,
als hatten sie nichts anderes zu tun. Sie sprechen auch nichts miteinan-
der. Unaufhorlich stellt man neugefullte Bierglaser vor sie hin. So
schweigt es auch an alien anderen Tischen. Die kleine Schankstube ist
voll, aber sie erinnert an ein Panoptikum am Vormittag. Ein hubsches
Madchen tragt die Bierglaser aus. Auch es ist schweigsam, so dafi es
unnahbar aussieht. Einige Manner rauchen. Der blaue Rauch verstarkt
noch die Schweigsamkeit, er ist der visuelle Ausdruck der Stille.
Mein lieber Freund, nach diesem Gestern ist die heutige Stille doppelt
grausam. Von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends war ich
sechshundert Meter unter der Erde, in einer Kohlengrube. Die Grube
steht in franzosischer Regie. Ich war angekiindigt. Der franzosische
Verwalter empfing mich. Er sprach deutsch. Er war freundlich, kurz
und sachlich. Er sprach sofort, ohne Einleitung, vielleicht wollte er
Fragen vermeiden. Wozu aber hatte er mich in sein Biiro kommen
lassen? Wahrscheinlich, um mich anzusehen. Ich hatte einen Augen-
blick das Gefiihl, dafi ich gemustert werde. Keineswegs unangenehm!
Der Mann sieht aus weichen, dunklen Augen; sie streichelten mehr, als
sie blickten. Dann unterschrieb ich ein Formular, Verzicht auf eine
Entschadigung, wenn ich untergehen sollte, ein Pendant zu einem Te-
stament. Geht man wirklich unter, so bekommt solch ein Papier eine
Bedeutung, wird von der Grubenverwaltung mit einer gewissen tragi-
schen Satisfaktion meinem Rechtsanwalt vorgelegt, und die Erben kre-
pieren dank meinem Wissensdurst. Hierauf ging ich den Steiger su-
chen, er begegnete mir schon im Hof, blaft, schwarzhaarig, im Kostum
des Bergarbeiters, randlose Miitze, schwere Stiefel, schwerer Stock
ohne Kriicke, mit metallenem Knopf. Wir gaben uns die Hand, es sah
ein wenig aus wie ein Biindnis. Ich ging in eine Badezelle. Ein Stuhl,
ein Wanne, Kleiderhaken, ein kleiner Spiegel uber einem nackten
7^8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Brett, ein Fenster. Sehr warm. Ein Mann bringt mir Kleider, Gruben-
uniform. Eine kegelformige Miitze, schwer, griinlich, aus einem filzi-
gen Stoff, ein grobleinenes Hemd, eine blaue Bluse, blaue Hosen,
dicke Wollsocken, schwere, genagelte Stiefel, ein Taschentuch aus
Fahnenstoff, einen Stock mit Metallknopf und Zwinge und eine Biech-
marke mit einer Ose. Auf der Marke steht: Besuch. Sie ist mein Obo-
lus. Ich werde sie, bevor ich in die Grube einfahre, an ein Brett hangen,
damit man im Falle einer Katastrophe weift, dafi ich auszugraben bin.
Ich kleide mich langsam um. In der Einsamkeit meiner Zelle denke ich
an die Katastrophe wie ein Verurteilter an das Schafott. Nur nicht
ubertreiben, sage ich zu mir, teile mich in zwei, in einen Vorsichtigen
und einen Stoiker. Es mufi noch ein Stuck von mir bei dieser Teilung
abgefallen sein, ein Stiick, das beobachtet und feststellt, boshaft und
eisig, wahrscheinlich das schriftstellerische Stiickchen Gehirn, mit dem
ich sonst, wenn ich ganz bin, die giitigen Dinge schreibe. Das regi-
stries, wie der Vorsichtige zartlichen Abschied von dem blauen An-
zug nimmt, den er so gerne getragen. Es ist, als hatte sein Leben im
Unterfutter des Anzuges gelegen und als zoge er mit der blauen Bluse
den Tod an. Der Stoiker legt indessen sorgfaltig Brieftasche, Zigaret-
ten, Streichholzer und Uhr auf das Brett vor dem Spiegel. »Ich bin
fertig!« sagt der Stoiker.
In drei Teile zerfallen und gefuhrt vom Steiger, wane ich auf den Lift
in der grofien Halle. Sie ist hoch und weit und von Zugluften unauf-
horlich durchweht. Ihr steiniger Boden ist schwarz, feucht und
schmutzig. Die Kohlenwagen, die in kurzen Zeitabstanden aus den
Aufziigen herausrollen, hinterlassen, obwohl sie auf Schienen laufen,
weit iiber ihre vorgeschriebene Bahn verstreute Schmutzspuren. Im
iibrigen ist hier von einer Emsigkeit der Arbeit wenig zu sehen. Viel-
mehr rollen die Kohlenwagen mit einer gewissen Gelassenheit heran.
Zu viele Menschenhande schienen mir - einem Laien allerdings - an
die Arbeit verschwendet. Wahrscheinlich, denke ich, geht es in Ame-
rika mechanischer, rascher, geolter. Ein Wagen stockt, zwei Rader
knirschen, ein, zwei Arbeiter miissen stofien, wo doch alles, wie ich es
mir vortraume, nur so zu gleiten hatte. Jedesmal, wenn ein Lift sich in
Bewegung setzt, ertont ein Glockensignal. Ein Mann riickt an einem
Hebel. Und obwohl die Glocke laut und sogar schrill ist wie ein
Alarm, wirkt ihre regelmaftige Wiederkehr und die Einfachheit der Be-
wegung, die der Mann am Hebel vollfuhrt, wie eine solide Beruhigung.
1927 j%9
Die Glocke und der Hebel sind gleichsam vom zuverlassigsten Pflicht-
gefiihl erfullt. Sie sind die sichersten Zeichen der Gefahrlosigkeit. Und
nichts mehr geschieht. In der Ecke plaudern ein paar Manner. Dieser
Raum konnte ebensogut eine leere Markthalle sein. Oben unter dem
sehr hohen, beinahe unsichtbaren Plafond mufiten Balken liegen und
im Gebalk Fledermause wohnen, ungestort, das heilige Gefliigel der
alten Ruinen-Romantik. Ich aber sehne mich geradezu nach den
neuen, den scharfen, stahlernen Mechanismen; nach der vielbesunge-
nen Schonheit sausender Rader, glatter und in unbarmherziger Rasanz
zu einem grauen Streifen Luft verschwimmender Treibriemen; nach
dem ganzen schimmernden Requisk der technischen Hymnen, der
rhapsodischen Ingenieure und der Propheten des Schwungrads. Nichts
von alle dem. Nur schwarzer Schmutz, Zugluft und quietschende Ge-
brechlichkeit.
Das Glockensignal allerdings. Es verkiindet endlich einen leeren Auf-
zug, in dem wir hinunterfahren konnen. In diesem Augenblick ver-
misse ich nichts so sehr wie eine Tasche links an der Bluse. Nur rechts
ist eine, sie enthalt das Taschentuch, den einzigen Gegenstand, den
man auch noch unter der Erde notig hat. Meine linke Hand findet
keine Tasche, heimatlos irrt sie in der Luft herum. Sechs Taschen ent-
hielt mein blauer Rock, der hangt jetzt in der Zelle. Brieftasche, Uhr,
einen reizenden Koh-i-noor, mit dem ich noch viel hatte schreiben
konnen. Alles werden meine Erben kriegen. Ich mufi in den Lift.
Denken Sie nicht an einen Lift wie im Hotel etwa. Es ist ein Blechka-
sten, dem die vordere und die hintere Wand fehlen. Auf den Bahnho-
fen befordert man Gepackstiicke in derlei offenen Kasten. Boden und
Decke sind aus Eisen. Die Fiifte stehen im nassen Kohlenstaub. An der
Decke hangen ein paar eiserne Ringe, an denen man sich festhalten
mufi - wegen der fehlenden Wande und der rasenden Schnelligkeit des
Aufzugs. Jetzt ertont die Glocke. Jetzt gilt sie mir. Ich ergreife den
Ring. Mutig, konnte man fast sagen. Wir sausen hinab.
Hinab! Welch ein kurzes Wort! Und wieviel enthalt es! Die unerbittli-
che Schwarze einer langen, unendlich diinkenden Mauer; den vehe-
menten Wind, der als eine elementare Antwort der Tiefe auf unsere
Einfahrt uns bose entgegenfaucht; die unerschopfliche Ewigkeit von
finsteren drei Minuten, die unaufhaltsam hinunterfuhren; die Einsicht
in die absolute Vergeblichkeit jedes Aufwartsstrebens und die Vorstel-
lung, daft man wie ein Toter versenkt wird, obwohl man eigentlich
J<)0 DAS JOURNALISTISCHE WERK
noch lebt. Auch wenn man ins offene Meer hinausschwimmt oder im
Aeroplan in die Luft steigt, hat man fur einen Augenblick das feierliche
Gefuhl der Trennung vom heimatlichen Element. Aber der Himmel,
der erne Heimat ist wie die Erde, wolbt sich immer noch iiber uns. Im
Wasser leben Fische und Vogel in der Luft. Unter der Erde aber? Kein
anderes Leben als das vollig unverstandliche der Steine und der Kohle,
der Schatten und der Geister. Es ist der Hades, in den ich leider hinun-
tergleite.
Mit einem sanfteren Aufschlag, als nach seiner Schnelligkeit vorauszu-
sehen war, landet unser Lift. Ein enger Raum, eine Art Vorzimmer zur
Tiefe. Niedrig, von wenigen elektrischen Lampen notdiirftig beleuch-
tet. Das Licht meines Grubenlampchens kommt immerhin schon zur
Geltung. Den ganzen Raum erfiillen unerklarliche Stimmen. Es
rauscht und murmelt, summt und braust, es knattert und heult, es
tropft und klingt, es weht und pfeift. Es ist, als vermischten sich hier,
im SchoE der Erde, die Echos aller Gerausche, Melodien und Stimmen,
die auf der Oberflache ertonen. Vielleicht hort man hier alle Quellen
auf einmal. Hier in der Nahe liegt vielleicht die mutterliche Urader
aller irdischen Safte und Fliissigkeiten. Nichts von alle dem! Es ist nur
das weitverzweigte und verworrene System der Wasserleitung, es ist
der Ausgangspunkt der zahlreichen Rohren, die iiber den Schachten
dahinlaufen, um die Gefahren der Gasentwicklung zu vermindern.
Unheimlicher aber konnte das Orchester unterirdischer Quellen auch
nicht klingen. Diese verwirrenden und verworrenen Gerausche legen
sich rings um mich, eine dicke Schicht, sie schliefien mich gleichsam
luftdicht ab, sie nehmen meinen Worten ihren Atem und meinen Oh-
ren die Atmosphare. Es ist, als prefken sie das Trommelfell gegen das
Gehirn und die Zunge gegen den Gaumen. Sie betauben den Gedanken
und ersticken den Laut. Sie liegen zwischen mir und dem Steiger, der
mir greifbar nahe steht und dessen Worte ich dennoch wie aus einer
unermefilichen Feme zu horen glaube. Was sagt er?
»Jetzt werden wir zehn Minuten hier bleiben«, sagt der Steiger. »Wir
miissen >Augen machen<!« »Was miissen wir?« »Augen machen, das
heifit: uns an die Dunkelheit gewohnen.« Und damit die Zeit nicht
ganz nutzlos verstreiche, erklart er mir allerhand Fachausdriicke. »Der
Bergmann nennt«, sagte mir der Steiger, »was sich unter ihm befindet:
das Liegende, was iiber ihm ist: das Hangende.« »Das Hangende«,
erwiderte ich, »ist also sein Himmel, das Liegende seine Erde.« »Sein
1927 79 1
Himmel und seine Erde«, wiederholte der Steiger. Mit einer Stimme,
von der ich gewiinscht hatte, Sie konnten sie vernehmen, lieber
Freund! Und nie mehr wiirden Sie sagen, dai? die Gewohnheit eine
Macht sei und dafi ein Leid, in dem man ein ganzes Leben verbringt,
nicht geiiihlt werde.
Wir stofien ein Tor auf, das Tor zur Unterwelt. Hier, am Eingang zu
ihr, ist ein Motor angebracht, der Wind erzeugt, frische Luft fur die
Schachte. Es weht grausam, ich denke unaufhorlich an den klassischen
Schlauch des Aolus. Woher nur diese mythischen Assoziationen? Es
ist, als hatte sich einer jener Traume realisiert, die vor funizehn Jahren
aus meinen Biichern in meine Nachte wandelten, dem Gedachtnis Bil-
der schenkten, dem Herzen die Sensationen der Schrecknisse und die
langen, bunten Faden der Phantasie. Ich schreibe es Ihnen, Heber
Freund, und nichts schatze ich in diesem Augenblick an Ihnen hoher
als die Tatsache, daft Sie kein Ingenieur sind, sondern ein Humanist.
Nun beginnt unser Weg. Er ist eng und niedrig. Er ist finster und nafi.
Er ist schlupfrig und kalt. Er ist erfiillt von jenem unheimlichen Ge-
rausch und von dem atembekiemmenden Gestank der gestockten Luft.
Uber mir sechshundert Meter Erde. Und jeder einzelne Millimeter von
den sechshundert Metern driickt auf meinen Kopf. Die holzernen Bal-
ken, die das Gewolbe stiitzen, geben fast sichtbar dem Druck nach.
Die Masse Erde hat die Tendenz, keine Hohlung in sich zu dulden. Sie
will ihre inneren Wunden wieder schliefien. Ich kann nicht mehr auf-
recht stehen. Ich gehe gebiickt und stofie trotzdem immer wieder mit
dem Kopf gegen einen Balken, einen Pfosten, eine Schraube. Immer
niedriger senkt sich die Decke. Ich gehe zwischen einem schmalspuri-
gen Gleis. Kohlenwagen stehen hier, warten auf die Fracht, versperren
uns den Weg. Wir miissen seitwarts ausweichen, in den klatschenden
Abfluftgraben. Immer noch summt es in den Rohren uber uns. Wasser
tropft auf den gebeugten Nacken. Die Tropfen schlagen auf die Haut
wie kleine, nasse Hammerchen. Plotzlich steht da ein Pferd. Ein Tier
aus Finsternis. Blind und stumm. Es sieht nicht und es wiehert nicht.
Ich fasse seinen Hals, drehe es aus seiner schragen Stellung und habe
die Empfindung,als ware es ein Schaukelpferd aus Holz. Es reagiert
nicht, es lafit sich drehen und wenden. Es hat eine Mahne aus taubem
Haar. Es hat einen Korper aus welkem Leder. Es war noch jung, als es
in die Unterwelt kam. - Der Grund des Grabens ist rauh und holprig.
79 2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Man stolpert und platscht. Immer niedriger wird die Decke, immer
enger der Weg. Jetzt gehe ich nicht nur gebiickt, sondern auch schief
nach dem Innern geneigt. Jetzt rutsche und krieche ich, die Knie ge-
knickt, die Fiifie im Wasser, die Ellenbogen auf den Knien, den Stock
vor mich gestreckt, einen tastenden Zeiger. Das Lampchen hangt in
einem Knopfloch der Bluse, das Glas klirrt an das metallene Gitter, der
runde Schimmer huscht iiber den Boden, Gespenst eines Lichtes. Es
wird warm und feucht wie in einem Waschkessel. Es hammert das
Herz. Der Atem wird kurz und stofiend. Gas steigt in die Nase, ein
Block aus Gestank. In der Kehle steckt ein Knauel. An dem Gaumen
klebt die Zunge. Eine Bohrmaschine hackt. Ein scharfer Keil stofit
hundertmal in der Sekunde in die Kohle. Es klingt wie eine riesengrofie
Nahmaschine. Mit hohnischem Getose rutschen schwere Kohlen-
blocke die Rutschen hinunter. Es ist, als donnerte es in den Himmeln
aus Blech. Aber dariiber vernimmt man immer noch das Summen der
Wasserleitung. Arbeiter kauern und schlagen gegen die Wande. An-
dere liegen auf dem Riicken und schlagen gegen die Decke. Und die
Maschine steppt Kohle. Und es tropft, und es donnert Blech, und es
rauscht Wasser. Ich habe mich gefaltet, viermal gefaltet, wie ein Rock
in einem kleinen Koffer. Wenn ich irgendwo eine Minute lehnen kann,
gebiickt, wie ich bin, atme ich auf. Ich habe nur eine einzige Sehn-
sucht: fiinf Minuten aufrecht stehen! - Aber wir kriechen weiter.
Wissen Sie, lieber Freund, was ein Grubenarbeiter verdient? Sechshun-
dert bis siebenhundert Francs im Monat. Das sind ioo Mark oder et-
was iiber ioo Mark. Akkordarbeit. Achtstundentag. Eine halbe Stunde
bleibt ihm fur den Weg nach oben. Eine halbe Stunde braucht er fur
Bad und Umkleiden. »Ware es theoretisch moglich«, fragte ich einen
alteren und klugen Arbeiter, »die Arbeitsbedingungen besser zu ge-
stalten? Die Schachte so hoch zu bauen, dafi man aufrecht stehen
kann? So breit, dafi man nicht im Graben zu waten brauchte? Die
driickende Erde gewissermaften immer wieder auseinanderzustem-
men? Balken und Stiitzen ofters zu erneuern? Fiir mehr und bessere
Luft zu sorgen!« - Der Arbeiter lachte mich aus: »Theoretisch ist alles
moglich. Aber bessere Arbeitsbedingungen sind erstens nicht unsere
Sorge; und zweitens«, meinte er, »verminderten sie die Rentabilitat der
Kohle in einem unertraglichen Mafi. Wir brauchen keine bequemeren
Schachte. Wir brauchen nur eines: mehr Arbeit und mehr Geld!« -
Und er schickte mir einen mitleidigen Blick nach.
19*7 791
Spater traf ich einen bekannten Ingenieur, der hier in einer deutschen
Fabrik beschaftigt ist. Jung, zu neunzig Prozent sympathisch, wenn
man so sagen kann, wahrscheinlich ein gutherziger Mann, aber unrett-
bar forsch. Sie kennen diese Forschheit, die eigentlich das Unterfutter
einer bestimmten, gewissermafien nach innen getragenen Angst ist.
Auf den gesunden und sorglosen Gesichtern mancher Menschen liegt
wie ein Mensurschmifi diese Forschheit, der man es meilenweit an-
sieht, dafi sie die Humanitat einen »Dusel« nennt und, um ja nicht
mifiverstanden zu werden, das Wort »Humanitatsdusel« erfunden hat.
Sprach ich diesem jungen Mann von menschlicher Wiirde, so horte er:
Kommunismus. Und sagte ich, dafi die Grube schlimmer sei als ein
Schiitzengraben, so dachte er, ich sei ein Pazifist. Es war fast unmog-
lich, mit ihm zu sprechen - aus dem einfachen und eigentlich bescha-
menden Grund, weil er nur sein Fach verstand und gegen die Trauer
der Welt ungefahr eine Aversion hatte wie viele Menschen gegen das
Lauten der Kirchenglocken. Er hatte selbst in einer Grube gearbeitet,
und weil er besser wufite als ich, was ein »Bremsberg« sei, glaubte er
bereits zu wissen, was ein Mensch auf dem Bremsberg sei. Es war,
wenn er mir etwas sagte, als erklarte ein Markensammler einem Geo-
graphen die fremden Lander. »Herr«, sagte er, »mir hat die Arbeit gar
nicht geschadet. Sie wissen gar nicht, wie viele sich hier herumdriicken,
ohne zu arbeiten. Ich habe viel kompliziertere Dinge zu erledigen. Ich
arbeite zehn und zwolf Stunden taglich.« »An einem Schreibtisch«,
sagte ich. »Ihr Vater war Oberlandesgerichtsrat. Als Sie klein waren,
fuhren Sie mit Ihrer Frau Mama im Sommer an die Nordsee. Wenn Sie
Ihre Arbeitsbluse ablegten, lag in Ihrer Rocktasche ein Diplom und
eine Visitkarte. Wenn Sie diese vorzeigten, so war es wie ein Fenster in
die Zukunft.« - Er horte schon lange nicht mehr zu. »Ich habe schwere
Jahre hinter mir!« versicherte er treuherzig. »Und die leichten lagen
vor Ihnen«, erwiderte ich. Und wir gingen ins Kasino, ein Schnitzel
essen.
Um halb zehn Uhr abends kam ich aus der Grube. Wahrend ich badete
und ein erschiittertes Wiedersehen mit meinen geliebten Kleidern fei-
erte, saft der Steiger auf meinem Schemel und afi ein belegtes Brot. Er
muftte noch einmal hinunter. Obwohl er, kaum funfzigjahrig, eine
Nachtschicht nicht mehr mitmachen kann. »Wiirden Sie, wenn Sie
Sonne hatten, sie auch in die Grube schicken?« »Keinesfalls«, sagte der
794 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Steiger. Und nach einer Weile: »Aber mein Vater hat das auch gesagt -
und mein Grofivater auch.«
Lieber Freund, die geradezu naturhafte Ausweglosigkeit scheint mir
am erschiitterndsten in dieser Antwort ausgedriickt. Daft die Arbeit
erblich sein kann wie ein mythologischer Fluch, haben Sie das gewufit?
Er ist seit den Tagen des Tantalus breiter und anonymer geworden, er
ist gewachsen wie ein schauderhafter Baum, und der furchtbare Schat-
ten seiner furchtbaren Krone liegt nicht iiber einem Geschlecht, son-
dern iiber tausend Geschlechtern. Ich weifi, mein lieber Freund, daft
Sie mit diesem Brief unzufrieden sein werden. Denn die etwas nachlas-
sige, aber produktive Giite, die Sie haben, mochte gerne Auswege er-
zeugen und Hilfe aus Regionen holen, von denen ich genau weift, daft
sie unzuganghch und verschlossen sind. Wenn die »Rentabilitat« wich-
tig ist, kann die Humanitat nicht bestehen. Das scheint mir unabhangig
von Gesellschaftsordnung und Revolution. Es bleibt, glaube ich,
nichts iibrig als der hoffnungslose Blick, mit dem ich gestern abend, als
ich die Unterwelt verliefi, den nachtlichen Himmel begruftte. Er er-
schien mir nicht trostlicher als das »Hangende«.
Nachstens werde ich Ihnen einige Daten mitteilen. Inzwischen bin ich
Ihr alter Cuneus
Frankfurter Zeitung, 27. 11. 1927
NACH NEUNKIRCHEN
Ich fuhr gestern mit Frau Angelica Balabanoff nach Neunkirchen. Sie
sollte dort einen Vortrag iiber den italienischen Faschismus halten.
»Fahren Sie lieber nicht!« rat sie mir, ehe wir ins Auto steigen. »Sie
werden nichts Neues von mir horen!« Das sagt sie mit der Bescheiden-
heit, die eine Schwester des Selbstbewufttseins ist. Ich fiihlte, daft es
notwendig ware, begeistert zu widersprechen. Aber ich bin selbst zu
eingebildet, um durch eines der gangigen Argumente zu beweisen, daft
ich es fiir notig halte, den Vortrag zu horen, und nicht erfinderisch
genug, um ein seltenes Argument zu gebrauchen. Infolgedessen steigen
wir stumm in den Wagen.
Ich habe Frau Angelica Balabanoff niemals offentlich sprechen gehort.
l 9^7 795
Doch kenne ich aus der Geschichte der Arbeiterbewegung den Ruf,
den sie als Rednerin geniefk, und ich bin keineswegs immun gegen
Vorgange und Erfahrungen, die mein Gedachtnis als Erlebnisse und
Begegnungen zu buchen entschlossen ist. Frau Balabanoff ist eine alte
junge Frau, sie spricht jeden Abend in uberfiillten, stickigen Salen, ihre
Zuhorer sind Proletaries die keine Zek haben, Andacht vom Hunger,
Hunger vom sparlichen Genufi und diesen vom politischen Unterricht
zu trennen. Diese Frau reist durch das Saargebiet, als ware sie dreifiig
Jahre alt und als ware sie hier zu Hause, wie vor dreifiig Jahren in
Rufiland, in Italien, in der Schweiz. Sie ist auch in alien Landern zu
Hause, in denen Proletarier leben, aber weil nicht nur Proletarier in
alien Landern leben, ist sie aus vielen ausgewiesen. Rutland hat sie
freiwillig verlassen, in der Stunde, in der sie zu merken glaubte, dafi es
den Sozialismus verliefi. Niemals hat sie einer »Gruppe«, einer »Frak-
tion«, einem »Fliigel« angehort. Wie man ein Christ sein kann ohne
Kirche, ist sie ein Sozialist ohne Partei. Niemals sah ich einen unerbitt-
licheren Sozialisten und niemals einen nachsichtigeren. Nirgends sah
ich einen heiEeren Eifer und nirgends eine weichere Toleranz. Die
Gleichzeitigkeit dieser Eigenschaften scheint mir dieser Frau besonde-
res Abzeichen.
Ich wollte Neunkirchen beschreiben, und nun beschrieb ich die Bala-
banoff. Aber stets geneigt, einen Zusammenhang zwischen Zufallen zu
wittern, verfalle ich heute geradezu der Uberzeugung, daK ich die Frau
Balabanoff im Saargebiet treffen mufke.
Wir fahren durch die breiten Straiten, die sozusagen ins Freie fiihren.
Aber wo die Hauser aufhoren, fangen die Fabriken an; und wo die
Hofe aufhoren, fangen die Misthaufen an; und wo die Strafien zu Ende
sind, beginnen die wiisten Platze. Manchmal ist die Erde aufgelockert
wie ein Acker im Friihling, man konnte dariiber mit Harken hingefah-
ren sein. Aber nie wird sie einen Samen empfangen, niemals eine Ahre
tragen, Es dampft und raucht aus alien ihren Poren wie auf einem
Schuttplatz nach einem Brand. Schienen. Ein Wall. Ein Hof. Ein Zaun.
Kohle. Ein Kran. Ein Werk. Eine Fabrik. Schienen. Manchmal ver-
birgt sich ein kleiner echter Wald hinter Wolken am Horizont. Man
glaubt, er gehore geographisch zu einem anderen Land. Auch fahrt
man an Gefliigel vorbei, den Symbolen der Landlichkeit. Ein Stiick-
chen Feld wird sichtbar, es scheint nachtraglich hierher gepflanzt zu
79$ DAS JOURNALISTISCHE WERK
sein. Liegt vielleicht auf einem tonernen Grund, einer Art Blumentel-
ler, Ackerteller. Neunkirchen hat angefangen. Irgendwo kraht ein
Hahn. Dummes Tier. Wir suchen eine bestimmte Strafie. Wissen nicht
den Weg. Fragen einen Schaffner. Er sagt uns den Weg. Frau Balaba-
noff : »Ich Hebe den deutschen Proletaries horen Sie, wie er nur Aus-
kunft gibt, es ist ein Klang von Solidaritat in seinen Worten, er ist so
einfach, so herzlich, so menschlich.« Und plotzlich: »Ihr seid eben das
Volk von Hegel und Marx.«
Halten wir uns Heber an das Konkrete, zum Beispiel an die Haupt-
strafie von Neunkirchen. Sie verlauft in Windungen vom Bahnhof bis
zu ihrem Ende und bekommt jedesmal, ohne sichtbaren Grund, einen
anderen Namen. Sie wirft Platze wie Blasen. Das Gelande ist uneben,
die Natur hat sich alle Miihe gegeben, hier die Entstehung einer Stadt
zu verhindern, aber es hat ihr nichts geholfen, der Natur. Sie mufite
zusehen, wie man Locher in die Erde schnitt, in den Bauch drang, das
Eingeweide entfernte, immer defer bohrte, hohlte, Erze forderte,
Werke anlegte, Eisen anziindete, dem Feuer die Eigenschaften des flie-
fienden Wassers aufzwang und Wasser verwandelte in stinkenden
Rauch. Das hat sie davon, die Natur. Jetzt ist die Oberflache noch
uneben, aber unter unsern Fiifien ist es schon leer, und wollte man an
das Pilaster mit einem riesigen Hammer klopfen, so tonte es vielleicht
hohl zuriick wie aus unseren offiziellen Kopfen und Denkmalern.
Uber die Stadt schwimmen Wolken. Nicht echte, himmlische, sondern
kunstliche: Industriewolken. Wenn der Himmel klar und blau ist, so
sieht man ihn von hier wie durch gelbes Flaschenglas. Die Sonne ist ein
Opal, hundert Jahre vor dem Weltuntergang wird diese Atmosphare
sein. Ware man ein Vogel, man miifke jetzt angstlich flatternd unter
eine Dachrinne schlafen fliegen. Ist der Himmel triib und verhangt, so
macht das Neunkirchen gar nichts aus, es ist, als schiitzen die Lokal-
wolken die Stadt vor den Gewittern, die sich jenseits, auf der zweiten
Himmelsetage, zusammenziehen mogen. Ware der Hebe Gott nicht ali-
gegenwartig, sondern wirklich nur im Himmel, es gabe von hier aus
keine direkte Verbindung zu ihm. Zum Gluck steht da mitten in der
Strafie eines seiner Wohnhauser, eine Kirche. Man konnte sie iiberse-
hen. Die armlichen Schaufenster sind auffalliger. Alle Waren sehen
verstaubt aus. Auf alien Kleidern, alien Mauern, alien Fenstern, alien
Pflastersteinen liegt dieser schwarzgraue, feinkornige, dennoch harte
*9*7 797
Sand, den man auf den Seiten eines aufgeschlagenen Buches im Eisen-
bahnkupee bemerken kann, nachdem man einige Tunnels passiert hat.
Es ist der Trauerflor der Zivilisation. Er bedeckt die bunten Tom-Mix -
Plakate vor den zwei oder drei Kinos, so dafi die leuchtenden Farben
dem Auge sehr feme sind, obwohl die Hand sie berlihren kann. Man
sieht sie wie durch ein dichtes, feines, engmaschiges Gitter aus brau-
nem Draht.
In den Buchhandlungen: Karl May und ahnliche Literatur. Hier mag
es ein Bedurfnis und ein Trost sein, von gesegneten Gegenden zu ho-
ren, in denen die Sonnen gieilknd und golden sind, der Himmel tief-
blau und rein, die Erde griin und das Griin iippig, der Sand fast ein
goldener Spiegel der Sonne, die Haut der Menschen von bronzener
Rote, das Fell der Tiger von brennendem Dukatengelb, die Abenteuer
heifJ und frohlich und der Tod wie eine Flamme.
Volksversammlung
Es ist Abend, vor den Fenstern der erleuchteten Schankstuben hangen
gelbliche Vorhange, die Kaufladen sind geschlossen, die Kinos geoff-
net. Ich gehe zum Vortrag. Der Vortrag der Frau Balabanoff findet in
einem jener Sale statt, in dem die Proletarier Streiks beschlieEen, Feste
feiern, sich fur die Revolutionen vorbereiten.
An langen Tischen und auf langen Banken sitzen die Zuhorer. Vor
jedem ein halbgefiilltes Glas Bier. Wenn einfache Menschen ihren gei-
stigen Horizont erweitern, verdienen die Gastwirte gewohnlich Geld.
Hastig, verschwitzt, mit der Angstlichkeit verstorten Gefliigels und
gleichzeitig mit der Brutalitat von Schlachtern drangen sich die weift-
gekleideten Kellner, klirrende Glaser auf schmutzigen Brettern in den
Handen, durch die dichten Reihen der Stehenden und Sitzenden. Das
Angebot regelt die Nachfrage. Rauch steht in der Luft. In diesen
Rauch wie in Watte eingepackt, liegt das Gemurmel der Menge. Im
Hintergrund ist die Tiir, von Reichsbannerleuten bewacht. Neben der
Tiir ist das Biifett, die Quelle des Biers. Fortwahrend platschert Was-
ser. Glaser glucksen im nassen Bad. Loffel aus Zinn schlagen mit tau-
bem Klang auf den blechbenagelten Tisch. Die dunkle Masse der Men-
schen und der Rauch in der Luft verdunkeln noch das gelbe Licht. Der
ganze Saal ist voll. Die meisten Zuhorer sind Arbeiter, ihre Frauen,
79$ DAS JOURNALISTISCHE WERK
ihre Tochter und ihre Sonne. Die Frauen haben das unbestimmte Alter
der Proletarierinnen: zwischen fiinfundzwanzig und sechzig. Viele
sind dunkel gekleidet. Sie tragen keine Hike. Sie tragen die Haare
schutter und lang und bleich und farblos, in gleichgiiltigen, verlegenen
Knoten zusammengebunden. Strahnen streifen sie mit harten Handen
aus den Gesichtern. Lockere Haarnadeln driicken sie wie Dolche in
das Haarfleisch des Knotens. Ihre Gesichter sind grau und zerfurcht,
Physiognomien von mannlichen Denkern. Die Sorgen machen Schna-
bel aus Nasen, Spalten aus Miindern, kleine Lichtfunkchen aus Augen.
Auf den Stirnen Landkarten aus Falten, die Geographie des Kummers.
Die Leiber in langen, breiten Stoffen, die keine Ahnung haben von den
Formen eines weiblichen Korpers. Manchmal zeigt sich ein rotes, ge-
sundes Madchengesicht. Es muE noch sehr jung sein, sonst ware es
nicht rot und nicht gesund. Die Gesichter der Manner sind einfach,
ernst, ruhig. Verborgene Krankheiten liegen in den Tiefen der Augen.
Viele husten mit scharrenden Gerauschen.
Tief im Hintergrund der Tisch mit den Veranstaltern. Der Vorsitzende
eroffnet und erteilt - den Abend und das Wort der Frau Balabanoff.
Da steht sie, klein, schwach, eine Frau. Sie spricht. Ihre Stimme wird
grofi, steht vor ihr, uberragt sie, erfullt den Raum, zerbricht den Rauch
in der Luft, iibertont Geplatscher und Geklirr. Sie halt keinen Vortrag,
sie halt eine Rede gegen den Faschismus, folgendes sagt sie:
Der Faschismus sei einer der trubsten Ausbriiche der herrschenden
Reaktion.
Unzahlige Bestialitaten sind auf sein Konto zu buchen: Meuchel-
morde, Behandlung Mifiliebiger mit Rizinusol, feige Schandtaten ge-
gen sozialistische Frauen. Die Faschisten treiben eine Lehrerin nackt
durch die Stadt, weil sie sich an einer Kundgebung nicht beteihgt hat.
Ausweisungen, Verhaftungen.
Mussolini? Ein klaglicher Feigling. Die Partei der Arbeiter hat ihn ge-
nahrt, ihm zu seiner Ausbildung verholfen, schon vor dem Krieg und
wahrend des Krieges verriet er sie. Ertappt und von den Genossen zur
Rede gestellt, kneift er aus, wird kleinlaut, verspricht Verzicht auf jede
offentliche Tatigkeit, versichert scheinheilig, er werde wieder im un-
scheinbaren Dasein eines Maurers verschwinden.
Sein Verhaltnis zum Papst? Frau Balabanoff wirft dem Vatikan vor,
daft er die Glaubigen auffordere, Gott auf den Knien zu danken, wenn
Mussolini einem Attentat (und wer weifi, ob nicht einem fingierten)
1927 799
entgangen ist. Wie konnte das Oberhaupt der Christenheit den Schutz
Gottes fur einen Verrater anrufen? Vergleich mit Judas, der verflucht
durch die Jahrhunderte wandert, weil er Chrisms verraten hat, einen
einzelnen, wenn auch einen ungewohnlichen einzelnen. Was gebiihrte
dem Verrater einer ganzen Klasse, eines Volkes?
Gefahren des Faschismus fiir Europa: standige Kriegsgefahr, denn
Mussolini tendiere zur Wiederherstellung des Romischen Imperiums.
Ist er also nur ein Feind der Arbeiterklasse?
Nein. Er ist der Feind der Welt, aller, die den Frieden wollen.
Starker Beifall. Irgendwo anders ware er noch starker. Diese Zuhorer
haben kein iiberschussiges Temperament. Die Arbeiter dieser Gebiete
sind schwerfallig wie Bauern. Wahrend der Rede nickten sie mit den
Kopfen. Es war, als schluckten sie, was sie horten. Da war sie, die
»Masse«. Ein paar Worte schlugen an die kleinen Sturmglockchen, die
in alien menschlichen Herzen aufgehangt sind. Ein paar Blitze fachten
die Flammchen an, die in alien menschlichen Augen schlafrig schwe-
len. Ein elektrischer Strom zwang die Hande zueinander, dafi es klat-
schte. Als die Rednerin von Judas sprach, der Jesus verraten hat,
glaubte ich zu sehen, wie die Leute ein Abscheu schiittelte vor Judas
und Mussolini. Es mogen fromme Katholiken gewesen sein - die Ge-
gend gehort zu den frommen, katholischen-, die einen leisen, kaum
merkbaren Widerspruch zu fiihlen schienen, als Vorwiirfe gegen den
Papst erhoben wurden. Er strich wie ein zartes Echo eines zarten Win-
des iiber die Gesichter. Keiner freilich hatte den Papst verteidigen kon-
nen. Denn so viel Kenntnis jenes kunstvoll geschichteten Wirrwarrs,
den man diplomatische Methode nennt, besitzen diese armen Leute
nicht, um etwa sagen zu konnen: Im Interesse der Kirche begehe auch
ihr Oberhaupt einen diplomatischen Trick, und der Papst sei vielleicht
ein starkerer und infolgedessen auch ein kliigerer Feind Mussolinis als
Sie, edle Genossin. Nein, sie hatten so nicht antworten konnen! Arme,
ratlose, gescholtene, unterschatzte, iiberschatzte Masse! Sieht man sie
erbeben, wenn ein Unrecht verflucht wird, so glaubt man an die Exi-
stenz absoluter Gerechtigkeit und absoluter Tugenden, fiir die sie
zweifellos den Maftstab besitzt. Aber im nachsten Augenblick ruhen
schon die Hande, miide vom Klatschen, aber auch von der Arbeit -
miide, miide Hande.
800 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Diskussion und Heimkehr
Dann beginnt die Diskussion. Uberfliissig. In diesem Saal gibt es nicht
einen einzigen Anhanger Mussolinis. »Mit anschliefiender Diskus-
sion«, versprachen aber die Plakate. Wozu? Mir scheint, daft die iiber-
lieferten Formen allmahlich ersetzt werden konnten. Diese »anschlie-
fienden Diskussionen« hangen an offentlichen Vortragen wie Papier-
schnitzel an Baumen nach einem Fest. Jeder ging hin und hangte dran,
was er aus dem Misthaufen der Broschiiren aufgeklaubt hatte. - Auf
zur Diskussion!
Es erscheint auf dem Podium ein junger Mann mit tropisch wuchern-
dem Haarwuchs, seine schwarzen Haare stehen auf s einem Kopf, eine
Art krempenloser Naturzylinder. Der Verdacht, daft der junge Mann
eitel ist, erfaftt mich wie ein Haft. Von alien Arten der Eitelkeit scheint
mir nur jene verrucht, die dem Aufieren die Physiognomie des revolu-
tionaren Pathos aufzuschminken bestrebt ist. Eine Eitelkeit, welche
die bestehende Gesellschaftsordnung wie ein Ornament begleitet,
scheint mir nur lacherlich und manchmal sogar erlaubt. Aber eine, die
sie zu zerstoren droht, ist unertraglich wie ein Orden, den die Revolu-
tion verleiht.
Was sagt er? Uber jedem seiner Worte liegt, hochgetiirmt wie das Haar
liber seinem Kopf, eine Wolke aus altem, fettem Dunst. Sie scheint
jedem Wort seinen eingeborenen Sinn zu entziehen, so dafi es daliegt
wie eine Hiilse, leer und schlaff, unter seinem Inhalt, der in Rauch
aufgegangen ist. Es kann dennoch sein, daft alle abgenutzten Bezeich-
nungen ihren alten, trachtigen Sinn behalten. In der Wendung »die
herrschende Gesellschaftsklasse« habe ich schon oft das Beben eines
biblischen Zorns vernommen. Dieser Diskussionsredner aber sagt:
»Proletariat«, und ich hore das Klappern einer Schreibmaschine im
Parteibiiro. Aufterdem mufi ich mich meiner gereizten Aufmerksam-
keit noch einmal schamen: Der Mann zischt, wenn er spricht. Jede
Silbe zieht er aus seinem Mund wie einen Kipfel aus Milchkaffee mit
Haut. »Schlagen wir los, ehe es zu spat ist!« sagt er. »Bewaffnen wir
uns!« - Weifi er, was er redet? Womit will er bewaffnen? Wen? Die
christlichen Gewerkschaften? Hat er Kanonen im Parteibiiro?
Die Strafie ist kalt und finster. Aus den Kinos fallen Menschen in die
Nacht. Aus dem Werk flammt es gegen den Himmel. Eine standige,
regelmafiige, daseinerhaltende Katastrophe.
1927 8oi
Vierter nach Saarbriicken. Viehwagen mit Banken. Triibes Licht.
Rucksacke. Elendssacke. Ungliicksetuis. Gesichter, iibergiebelt von
Miitzenschirmen. Dunst von nassen Kleidern, Pfeifentabak, scharf,
Salmiak. Schweigen. Der Schlaf wirft seinen schweren Schatten. Der
Schlaf steht in der Mitte des Waggons wie ein massives, aber torkeln-
des Gebaude. Ein Gewerkschaftshaus, ein Gefangnis, eine Kaserne, ein
Finanzamt. Es ist elf Uhr und fiinfzig Minuten.
Frankfurter Zeitung, 6. 12. 1927
MENSCHEN IM SAARGEBIET
Lieber Herr R. !
Haben Sie zufallig in einer Saarbrucker Zeitung den Artikel gelesen,
der sich mit einem meiner Briefe aus Deutschland auseinanderzusetzen
versucht? Ein Herr Matz oder Mutz hat meine Mitteilung, daft es am
Abend in Saarbriicken regnete und daft es traurig war, dementiert.
Kenner polemischer Sitten sagten mir, daft »Matz« ein Pseudonym sei.
Wenn Ihnen jener Artikel entgangen sein soilte, so konnen Sie an die-
sem Namen, den sich einer aus freien Stiicken zulegt, die Spezies Hu-
mor erkennen, iiber die der Polemiker verfligt. Es ist eine Art hami-
scher Zwischenruferbaft, wie er die beliebten Komiker in Provinzva-
rietes auszeichnet. Der Lokalpatriotismus, dem es, wenn er von der
»Scholle« spricht, um das Gedeihen des Fremdenverkehrsvereins zu
tun ist, erhub sich wider meine Mitteilungen, dafi Saarbriicken eine
Industriestadt sei, einen haft lichen Bahnhof habe und arme, schlecht
bezahlte Biiromadchen, die sich an Schlagsahne trosten. Der Polemi-
ker mit dem heiteren Pseudonym ist naturlich nicht der einzige. Die
deutschen Leser, die aus spartanischen Griinden so gerne mit dem Lob
zuriickhalten, wenn ihnen etwas gefallt, geizen nicht mit Papier und
Porto, wenn sie sich argern. Die Folge dieser Veranlagung sind Stofie
von Zuschriften aus Saarbriicken und Neunkirchen, in denen man sich
beeilt, mir mitzuteilen, es gebe nicht nur eine schone Umgebung im
Saargebiet, sondern auch eine Barockkirche; daft die Natur im Saarge-
biet so veranlagt sei, daft sie es zustande bringe, nicht nur regnen, son-
dern auch die Sonne scheinen zu lassen; daft im Friihling die Frauen
802 DAS JOURNALISTISCHE WERK
weifie Kleider tragen und dafi der Anblick eines Eisenwerks erhebend
sei. Und so jagt ein Witz den andern. Nicht fur das Land an der Saar,
dessen arbeitsame Diisterheit und dessen schwerfallige Menschen ich
mehr liebe, als die Mutze ahnen konnen, sondern fiir die Verfasser der
Zuschriften mag die Tatsache symptomatisch sein - die Sie wahr-
scheinlich nicht gewufit haben: dafi namlich der einzige Dichter, der in
jener Gegend geboren ist, Frau Liesbeth Dill heifit. In Dudweiler kam
sie zur Welt. Und Mutz ist von ihrem Stil nicht unbeeinflufit geblie-
ben.
Wollten Sie aber aus dieser Tatsache, aus dem Ton meiner Korrespon-
denten und etwa aus den Witzen, die im »Saarkalender« jedes Jahr
erscheinen, mutwillig schliefien, dafi es um die Intelligenz im Saarge-
biet schlimm bestellt sei, so will ich Ihnen an einigen Beispielen bewei-
sen, dafi es falsch ist, ein Land nach seinen Druckerzeugnissen zu be-
urteilen. Im Gegenteil scheint es mir, als ware gerade die aufierge-
wohnliche politische Spannung, in der die Saarlander leben - ge-
klemmt zwischen zwei staatliche Gewalten deutscher Art und Sprache
und mit franzosischem Pafi, Europaer der Gesittung nach und wie
Kongoneger »Schutzbefohlene« laut Friedensvertrag -, als waren ge-
rade diese Zustande geeignet, einige Intellekte fiir die aktuellen geisti-
gen Fragen zu scharfen und ihnen jene segensreiche, produktive Angst
zu schenken, die eine hellhorige und hellsichtige Wachsamkeit zeugt.
Es ist die Angst des Abgeschlossenen, dessen Auge, um nicht zu er-
blinden, die dicksten Mauern durchleuchtet. Es gibt ein paar aufieror-
dentliche Menschen im Saargebiet, die in einer fruchtbaren Aufleh-
nung gegen das abschliefiende, einengende, besondere Schicksal ihrer
Heimat, ihre eigene, private Verbundenheit mit dem Schicksal deut-
schen und europaischen Geistes betonen und erhalten. Nirgends sah
ich Burger, deren Beruf es ist, Geld zu verdienen, so leidenschaftlich
interessiert fiir Biicher, Wissenschaft, Kunst, Politik, mit so viel Sinn
fiir Ironie und unpathetische Geselligkeit, mit so viel Begabung fiir
Form und Manier und mit so viel Uberlegenheit iiber jenen Matz, in
dessen Zeitung sie inserieren miissen. Im Saargebiet traf ich zum er-
stenmal einen Minister, dem ich zwei Stunden lang interessiert zuho-
ren konnte, einen Warenhausbesitzer, der enge personliche Beziehun-
gen zur deutschen Literatur erhalt, und einen Juristen, der, obwohl er
die reichsten Klienten haben soil, meine Schriften liest. In alien Hau-
sern, in die ich kam, lagen Biicher, deutsche und franzosische, und
1927 803
nicht etwa sogenannte »Geschenkliteratur«, sondern aktuelle, notwen-
dige, unsere Ware. Daft man sich aus sozialen Griinden die verschiede-
nen Zauberberge der Literatur in die Bibliothekfacher einbauen lafit,
konnen Sie in alien deutschen Gegenden sehen. Aber im Saargebiet
treffen Sie noch Menschen, die sich um jede »Neuerscheinung« kiim-
mern und literarische Zeitschriften lesen, obwohl sie keine Lkeraten
sind. Was mich betrifft, so habe ich zum erstenmal von Angesicht zu
Angesicht Leser getroffen, denen ich in keinem Kunstlerklub begegnet
ware. Es gibt noch Leser in Deutschland, die nicht schreiben.
An einem Vormittag ging ich zum Rechtsanwalt A. Er wohnt zwi-
schen alten, schweren Mobeln, die aussehen, als ob sie ererbt waren.
Sie sind aber erworben. Herr A. ist nicht hier geboren. Er hat allein aus
seiner Personlichkeit so viel Atmosphare erzeugt, daft man ihm gegen-
iiber in seinem dunkeltapezierten Zimmer - es ist wie aus braunem,
warmem Holz - in seinem breiten, weichen Sessel, vor seinem starken,
dunklen Tisch die schone, anregende Sicherheit gewinnt, die uns nur
der Atem einer alten, guten Tradition verleiht. Herr A. ist einer von
jenen Juristen, deren Angesicht mich nicht im Zweifel dariiber laftt,
daft sein Besitzer von den Gesetzen lebt. Auch diese Gewiftheit ist
angenehm. Manche modernen Staats- und Rechtsanwalte konnten
Aviatiker sein. Nicht so Herr A. Er kommt aus einer Generation und
einem Geschlecht, in denen es Sine war, einen Beruf nicht zu »ergrei-
fen«, sondern zu erleben. Das macht den Stil des Kopfes. Herr A. ist
kleingewachsen. Es ist, als hatte sein Korper einen Teil der Krafte her-
gegeben, die zu einer deutlichen, unzweideutigen Ausbildung des An-
gesichts notig waren. Um seinen kraftigen, beredten Mund lagern sich
starke Falten so intelligent, daft man glaubt, er hatte nicht nur Worte
zu vergeben wie jeder menschliche Mund, sondern auch Gedanken zu
verbergen wie eine Stirne. Sie selbst ist groft und breit, Gefaft fiir Para-
graphen, passiver Lagerraum. Dagegen scheinen die kleinen, hellen
Augen hinter Brillenglasern eine eigene, gleichsam von der Personlich-
keit gesonderte Aktivitat zu besitzen, eine Art Denkaktivitat. Es ist, als
holten sie durch die Riickwand Kenntnisse aus dem Gehirn und proji-
zierten sie auf das Objekt, das sie betrachten. Es sind schnelle Augen,
die zugleich sehr stabil sein konnen. Sie sammeln sehr flink Eindrucke,
bewahren sie auf und sind dann fiir eine lange Zeit still, befriedigt, satt.
Unter den Augen und vor dem Ohr, beide Schlafenflachen entlang,
zwischen Nase und Wangen, zwischen Wange, Kinn und Hals, uberall
804 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dort in dieser breiten Landschaft des Gesichts, wo ein Gedanke Platz
fand, sein Zeichen einzugraben, schneiden sich, kreuzen sich, treffen
sich unzahlige Linien, gerade, schrag und geschwungen, »Paragraphen
im Gesicht« zu sagen, scheint unumganglich. Herr A. safi zuerst, er-
hob sich dann, ging an den Of en, aber es war, als er auf stand, sehr
deutlich nicht etwa Ungeduld, die ihn bewegte, oder ein Platzwechsel,
den nur die Laune diktiert, sondern ein Wechsel des Beobachtungspo-
stens, des Erfahrungspostens, und es war, als ruhte er, noch wahrend
er ging.
Ich mochte Ihnen noch Herrn H. beschreiben, einen Mann, der ein
grofies Warenhaus besitzt und so weit entfernt von alien Vorstellungen
von »Konfektion« ist, an die Sie etwa denken mogen, wie Sie und ich.
Ich besuchte ihn zuerst in seinem Warenhaus. Dritter Stock, Direk-
tion. Ein Mann unbestimmten Alters, vielleicht jung. Klug. Helle Au-
gen. Grofl, geoffnet. Sanfte Eleganz. Eine wissende Trauer im Gesicht,
(iberdeckt von einer Art Optimismus, der die Trauer dementiert. Sehr
still und kuhl. Leise Stimme. Gebraucht, obwohl Warenhausbesitzer
und guter Rechner, das Wort menschlich. Ohne daft ich es gewufit
hatte, fiihlte ich bei ihm, dafi er im Krieg war. Es geht Ihnen, lieber
Freund, der Sie, wie ich, den Krieg noch nicht vergessen haben, nie-
mals vergessen werden, wahrscheinlich auch so. Wir erkennen einan-
der. Der Krieg hat uns impragniert. Wir mogen sonst verschiedenen
Welten, verschiedenen Parteien, verschiedenen Berufen angehoren. Es
leuchtet aus jedem yon uns eine selbstverstandliche Bereitschaft zur
Solidaritat, geboren damals, vor zehn oder zwolf Jahren, als der ganze
Zug an einer einzigen Zigarette rauchte. Es ist, als ob uns das Mensch-
liche weniger fremd ware. Es ist, als konnten zwei, die im Krieg waren,
sobald sie sich treffen, ohne einander naher zu priifen, gemeinsam etwa
auf die Walz gehen - oder ins Gefangnis - oder in die Kaserne - oder in
eine Gefahr - oder sonst (iberallhin, wo man solidarisch sein darf. Ich
wittere mit einem untruglichen Instikt, ob einer damals entbehrlich
war oder unentbehrlich. Dieser Herr H. war entbehrlich. Sein weites,
materiell offenbar gesichertes Haus steht alien offen, die es besuchen
wollen. Frau B. wohnte bei ihm. Der Schriftsteller H. Dem lieh er
Geld, und jenem schenkte er es. Als die Revolution ausbrach, war sein
Leben bedroht. (Er ist Sozialist.) Er hat einen klugen Mut, der mehr
wert ist als nur Mut. Er liest und rechnet dennoch, verdient Geld und
gibt es dennoch aus. In seinem Haus herrscht das Gesetz der Freizii-
1927 805
gigkeit, wie nur noch in guten russischen und polnischen Hausern. (In
den meisten Wohnungen im westlichen Europa fiihlt sich der Gast an
den Stuhl gekettet, den man ihm angewiesen hat.)
Von wie vielen konnte ich Ihnen noch berichten! Ich wollte, Sie kenn-
ten sie! Den Doktor S., der stark, vital, dunkel, in die Breite gleichsam
lebend, dennoch einsam bleibt, jede seiner animalischen, gesunden Au-
fierungen mit einem Schufi intellektueller Bitterkeit wiirzt, wie man
Salz streut auf Fleisch. Und nur an einen einzigen Mann - leider ist er
ein Pazifist - denke ich nicht ohne Schrecken zuriick. Dieser Mann, in
dessen Zimmer ich eine halbe Stunde safi, vermochte es, mir meinen
eingeborenen Widerwillen gegen »Opfer« und »Heiiige« fur das nach-
ste Jahrzehnt zu bestatigen. Ich liebe die personliche Begegnung mit
dem Fanatismus nicht, es scheint mir, er habe etwas Unreines, beson-
ders wenn er aus gleichgultigen Menschen stammt. Dieser Mann, Pazi-
fist um jeden Preis, bildete seinen Fanatismus aus »Verdrangungen«.
Er hat strahlende, blaue Augen in einem weiften, gepflegten Gesicht,
die Friedlichkeit blitzt kampfbereit aus ihnen, tausend kleine Welt-
kriege fiihrt er im Tag. Meiner Begleiterin, die gar kein politisches In-
teresse hatte, las er mit jener sonoren Stimme, die zuerst fur das eigene
Ohr zu sprechen scheint, aber vom fremden gehort werden will, einen
Artikel vor, den er eben geschrieben hatte. Wie freudig kostete die
Stimme von den Leckerbissen der Ironie, und dort, wo er es dem Geg-
ner besonders gut gegeben hatte, verweilte die Stimme wie auf Gipfeln,
von denen sie Ausschau halten konnte. Man erzahlte mir, dieser Mann
hatte viele schwere Opfer gebracht. Ich zweifle nicht daran. Ich habe
nichts gegen den Mann. Nur gegen die Armseligkeit der menschlichen
Natur, deren Eitelkeit noch grower sein kann als ihr Schmerz, nur ge-
gen diese Eitelkeit, die sich sogar vom Leid, sogar von der heiligen
Uberzeugung, sogar vom eigenen Fanatismus nahrt und fett wird. Be-
gegnungen mit einfachen Menschen sind mir lieber, das heilk mit je-
nen, deren Verstand mindestens so stark ist wie ihre Uberzeugung.
Dem Herrn H. habe ich einige Erfahrungen zu verdanken, die ich im
Warenhaus bei der Beobachtung der proletarischen Kunden sammeln
konnte. Dariiber will ich Ihnen nachstens schreiben.
Ihr Cuneus
Frankfurter Zeitung, 16. 12. 1927
DAS WARENHAUS UND DAS DENKMAL
Lieber Freund,
ich habe Ihnen das letztemal - es ist etwas lange her - versprochen, von
einigen Eindriicken in einem Neunkirchener Warenhaus zu erzahlen,
dessen liebenswiirdiger Besitzer mir erlaubt hatte, in seinen Raumen
nach meinem Gutdunken zu tun und entweder hinter den Ladenti-
schen als Verkaufer oder vor ihnen als Kaufer aufzutreten. Ich wahlte
wegen meiner Unfahigkeit, das eine und das andere zu sein, die etwas
schwer zu definierende Rolle eines Beobachters, den man flir einen
»stillen Teilhaber« halten mochte oder fiir einen (in Neunkirchen
iiberflussigen) Detektiv oder fiir einen Direktor und Personalchef.
Es war der Nachmittag eines Tages, an dem die Arbeiter Geld bekom-
men. Das sind, wie Sie wissen werden, die Feiertage des Proletariats.
Der Mensch ist imstande, nicht nur eine Tugend, sondern sogar noch
einen Feiertag aus der Not zu machen. Und statt an den Vorraten eines
Warenhauses zu erkennen, wie wenig sie eigentlich einkaufen kann,
denkt die Frau eines Arbeiters nur an den Ort, in dem man iiberhaupt
einkaufen kann. Sie hat so wenig und so selten Geld, daf? sie geneigt ist,
es zu uberschatzen.
Es war also ein Nachmittag, und ich ging durch die Hauptstrafie von
Neunkirchen, deren verrufite Traurigkeit ich Ihnen schon einmal be-
schrieben habe. In kleinen Gruppen, Kinder an der Hand, gingen
Frauen. Sie blieben vor den Schaufenstern stehen, ehe sie in die Laden
traten. Ich kam an dem Denkmal des Industriellen Stumm vorbei, des
»K6nig Stumm«, wie er im Saargebiet heifit - und zum erstenmal blieb
ich stehen, es zu betrachten. Das Denkmal ist bescheidener als die
Rolle, die der lebendige Mann gespielt hat. Es steht seitwarts, vor dem
Eingang zum Stummschen Werk, weniger sichtbar, als ein Denkmal
gewohnlich ist, und eher beobachtend, wie ein Mensch auf einem Po-
sten. Ja, es ist immer noch so, als stiinde der tote Stumm da, um das
Gehen und Kommen seiner Angestellten und Arbeiter im Auge zu
behalten, er erfiillt seine Pflicht als sein Denkmal und erhalt so doppelt
sein eigenes Andenken. Da steht er nun, in einem verewigten Zivil,
ohne monumentale Geste, mit der ganzen aufieren Bescheidenheit sei-
ner Lebzeiten, kein lauter Imperator, ein stummer Konig, Konig
Stumm. Der Eingang zu seinem Werk ist imposanter als er, er selbst
1927 807
bleibt im Schatten, respektive im Feuer seiner Hochofen. Ein Burger,
mit biirgerlichem Hut, im langlichen Rock, der auch ein Uberzieher
sein konnte. Rufi, Staub und Regen regneten auf ihn. Kein lebendiger
Portier mochte so dastehen. Sie werden mir ohne weiteres glauben,
dafi ich nicht dazu neige, Groftindustrielle als solche zu lieben. Aber
ich kann beim Anbhck dieses Denkmals (das iibrigens zu kunstlos ist,
um schlecht zu sein) eine gewisse Achtung auch vor der absichtlich
demonstrierten Demut des Mannes nicht unterdriicken. Die Industrie-
Diktatoren seines Schlages posieren zwar eine bescheidene Zuriickhal-
tung, und auf die patriarchalische Herzensgiite, mit der sie den Ertrag
steigern, gabe ihnen heutzutage kein Arbeiter einen Vorschufi Pietat.
Aber es liegt eine gewisse versohnende Naivitat in dieser Pose, in der
sie sich dem eigenen Rufi ausliefern, und in ihrer heiligen Uberzeu-
gung von ihrem Gottesgnadentum, aus dem sie, wie Stumm, das Recht
herleiteten, das Privatleben und das Wahlrecht ihrer Arbeiter zu bewa-
chen. Man kann in diesem Denkmal Stumms (dessen Erbe iibrigens
nicht unversehrt noch ungeteilt geblieben ist) ein Denkmal einer gan-
zen Zeit, eines ganzen Unternehmergeschlechts sehen. Es war das Ge-
schlecht der patriarchalischen Herzen aus Eisen und Stahl.
Schrag gegeniiber ist das Warenhaus. In kleinen Trupps kommen die
Frauen und Tochter und Kinder der Arbeiter. Sie sehen, wenn sie ein-
treten, noch schmaler aus, kleiner, enger, denn das Haus ist hoch und
grofi, viele Waren liegen da, die Preise obenauf, jeder Strumpf nennt
ungefragt seinen Wert. Vieles ist hier zu haben, aber nichts umsonst,
Verkaufer warten, Waren warten, glaserne Kasten warten, auf Geld,
auf Geld, auf Geld. Vielleicht fiihlen erst jetzt die Frauen, wahrend sie
eintreten, wie wenig sie haben. Denn was zu Hause noch kein Bediirf-
nis war, kann hier plotzlich eines werden, es liegt ein Snick da und
erinnert daran, dafi es gebraucht wird. Jeder neue Schuh gemahnt an
den alten, zerrissenen, den man leider tragt, jeder wollene Strumpf an
den baumwollenen, in dem man leider friert, jeder warme Mantel an
den alten, kalten, in dem man leider steckt.
Ich beschlofi, eine einzige Frau, die einen Knaben fuhrte, von Stand zu
Stand zu begleiten, und ich will versuchen, sie Ihnen zu beschreiben.
Sie trug ein langes Kleid, schwarz, einen schwarzen glockenformigen
Mantel dariiber, hohe Mannerschuhe, keinen Hut, war zwischen vier-
zig und funfundvierzig. Ihr Haar war mit Sorgfalt frisiert, fahlblond,
aus der Stirn gekammt, oben von einem breiten gelben Kamm gekront
505 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und gehalten, riickwarts aus dem Nacken gezogen, ebenso straff wie
vorne aus der Stirn, in der Mine geknotet und noch einmal von einem
breiten Kamm abgezaunt, so dafi es aussah wie ein Haarberg zwischen
zwei Mauern. Man sah viele Falten auf der hohen, kunstlich erweiter-
ten Stirn, sie waren klar, fast wie Tatowierungen, von gleichsam sehr
gewissenhaften Sorgen eingebrannt. Die Augenlider waren zu schwer
fur die kleinen hellen, flachen Augen, sie hatten einen Uberschufi an
lockerer Haut. Uber einem weichen, guten Mund aber, der an einen
nach oben geoffneten, sanften Bogen erinnerte, lag eine feine, schmale
Rinne in der Oberlippe, dariiber eine kraftige Nase mit breiten Flii-
geln, stark, sinnlich und gut. Diese Partie des Gesichts hatte fiir sich
allein sehr schon sein konnen. Aber die obere Gesichtshalfte lag iiber
der unteren wie eine Wolke iiber dem Sommer, wie das Alter iiber der
Jugend, wie das Verhangnis iiber einem Gliick. Aus schmalen schwar-
zen Armeln kamen hellgraue Zwirnhandschuhe. Die linke Hand hielt
den metallenen Mund einer alten Lacktasche fest, eine zweite grofie
gestrickte Tasche hing am Arm. Als die Frau die Tiir offnete, liefl sie
den Knaben vorgehen, und da ihre Linke so wichtige Dinge bewahrte,
mufke sie eine Vierteldrehung vollziehen, ehe sie ganz eintrat. Es war
riihrend, wie sie den Versuch machte, die Tiir, die selbst zufiel, auch
noch personlich zu schliefien. Ich stellte mir vor, wie leicht es ware, sie
in eine Dame der guten Gesellschaft zu verwandeln. Ich schnitt ihr
Haar und ihren Rock um gute anderthalb Meter ab, warf eine Haar-
welle iiber ihre Stirn, steckte schwarze Halbschuhe aus Wildleder an
ihre Fiifie. Schon stand sie da in dunkelgrauen seidenen Striimpfen, trat
frei durch Tiiren, die nicht nur selbst zufallen konnten, sondern sich
auch selbst geoffnet hatten - und sie war eine Burgerin wie etwa die
Frau eines Ingenieurs. Warum nicht? Wie gering kann der Unterschied
zwischen den Frauen der verschiedenen Schichten sein! Oder wie
leicht ist er zumindest zu verwischen!
Sie blieb vor den Striimpfen stehen, zog einen Handschuh aus, legte
ihn in die gestrickte Tasche, verwahrte ihn vor Verlust und Einbruch
und besichtigte Striimpfe zu 15 Francs. Sie sprach kein Wort. Sie zog
einen Strumpf nach dem andern iiber die Hand, fiihrte ihn nahe an die
Augen, streifte ihn wieder ab. Sie besichtigte Fersen, Nahte, Sohlen,
liefi den Knaben ihre Lacktasche halten und priifte mit beiden Handen
die Haltbarkeit, und es dauerte eine Viertelstunde; da hatte sie ein
Paar, schlangenfarbig, mit Zick-Zack-Linien, nicht schon, aber fest.
1927 809
Hierauf ging sie, ohne zu kaufen, Decken sehen. Sie priifte jede, fragte
nach den Preisen, legte sie wieder zuriick. Ging hinauf in die Knaben-
abteilung. Verlangte ein paar blaue Hoschen, in der Farbe sollten sie
zum Rock des Kindes passen. Nun zeigte man ihr Hosen, sie ging
hinter den Ladentisch, zum Fenster, verglich die Hose mit dem Rock.
Aber den Rock hatte das Kind schon sechs Monate getragen, er war
blafi geworden, und die neuen Hosen waren dunkel, doppelt dunkel.
Sie waren so billig, daft der Verkaufer sagen durfte: »Im Tragen lafit
die Farbe nach.« - Wie verschieden, dachte ich, konnen die Vorziige
einer Ware sein. Ware diese Frau jene Dame, in die ich sie friiher ver-
wandelt hatte, kame sie mit einem edlen Knaben und womoglich mit
einem Hund, der Verkaufer wiirde sich beeilen zu versichern: »Diese
Farbe lafit im Tragen nicht eine Spur nach, gnadige Frau!« Dieser Frau
half die Wahrheit gar nichts. Denn nicht einmal diese Hose, die 25
Francs kostete, konnte sie kaufen. Sie wollte nicht, daft die Hosen an-
ders aussehen als der Rock. Einen ganzen Anzug konnte sie nicht kau-
fen. Aber es sollte doch aussehen wie ein einziger Anzug, aus einem
Stuck. Dabei besafi sie dem Verkaufer gegeniiber nicht genug Autori-
tat, und gegen seine Wollkenntnis konnte sie nicht aufkommen. »Es ist
ganz genau die gleiche Qualitat«, sagte er. »Es ist eine andere Farbe«,
erwiderte sie. »Die Farbe wird dann nach kurzer Zeit genauso«, wider-
sprach er. Und als ich mich naherte, begann die Arme zu furchten, daft
sie jetzt endlich erliegen wiirde. Hatte sie dem Verkaufer noch stand-
halten konnen - einem Mann, der da so herumging wie ein stiller Teil-
haber und seine kostbaren Krafte fur schwierige Kunden aufsparte,
konnte sie nichts entgegensetzen. Deshalb log sie, als ich am Tische
stand, und wurde rot: »Ich bin namlich gar nicht die Mutter! Wenn ich
seine Mutter ware, aber, Sie verstehen, fur ein fremdes Kind kann ich
mich nicht entschlieften.« Und sie nahm beide Taschen vom Tisch und
ging zur Kasse und bezahlte 15 Francs, nachdem sie anderthalb Stun-
den zu kaufen versucht hatte.
Sie ging, ging wie jemand, der eine Priifung nicht bestanden hat. Alle
diese Frauen stehen ja vor dem Einkauf wie vor einer Priifung. In die-
sem Warenhaus ist es leicht zu verkaufen. Die Menschen sehen zu den
Verkaufern auf wie zu Helfern und Ratgebern, die Verkaufer stehen
am Rand der hoheren sozialen Schicht und besitzen die Autoritat der
Modegelehrten, der um Sitte und Brauch Bescheid Wissenden. »Wie
steht mir dieser Mantel?« fragt in der Frauenabteilung die Arbeiterin
8 10 DAS JOURNALISTISCHE WERK
das Madchen. »Ich empfehle Ihnen« und »Ich rate Ihnen« sind die
iiblichen Formeln der Verkaufer.
Entsinnen Sie sich, wie wir vor drei Jahren zusammen durch die gro-
fien Modehauser der grofien Stadt gingen, die an Wintergarten erin-
nern? Wie die schonen, kleinen Verkauferinnen (sie sahen alle aus wie
Blumenmadchen) unter der ebenso schonen, stolzen, tyrannischen
Souveranitat der Kauferinnen seufzten? Wie diese Frauen mit spitzen,
spielenden und im Spiel grausamen Fingern die Schleifen, die Stoffe,
die Seiden und die kiinstlichen Blumen hoben und fallen hefien, noch
schatzten und schon mifiachteten, noch liebkosten und schon verwar-
fen, schon zu Neuem hingezogen, wieder zum Alten heimkehrten,
kommandierten und fragten, mit der Freiheit, die nicht immer nur
vom Geld kommt, sondern von der Schonheit, dem Selbstbewufitsein,
dem siegreichen Blick und der anmutigen Handbewegung? Warum
nicht hier?
Warum? Als ich wieder an dem bescheidenen Denkmal des bescheide-
nen Konigs vorbeikam, dachte ich (ein keineswegs zum Richten Be-
fugter, einer, der sich nur zu ahnen erlauben darf), dafi Zusammen-
hange bestehen zwischen Denkmal und Einkaufsfurcht im Warenhaus
und Sub alter nitat; Zusammenhange zwischen einer demutigen Unsi-
cherheit, die sich bis ins dritte und vierte Geschlecht fortpflanzt, und
einer patriarchalischen Erziehung durch einen Unternehmer, der sich
um Ehe und Verlobung, Wochenlohn und politische Gesinnung, Kin-
dertaufe und Sargbeschaffenheit der Untertanen kummert. Der die
»vaterliche Hand« zur »eisernen Faust« schliefit und die »spartanische
Zucht« zu einer nationalen Tugend erhebt. Man muE was muE
man?
Es bleibt mir noch iibrig, Ihnen iiber zwei Besuche im Saargebiet zu
berichten: iiber ein Werk und iiber die Kirche. Ich schreibe Ihnen dar-
iiber im nachsten Brief.
Ich begriifie Sie herzlich,
Ihr Cuneus
Frankfurter Zeitung, 12. 1. 1928
DAS WERK
Lieber Freund, ich erinnere Sie an das Wort von Pierre Hamp, das Sie
mir einmal zitierten, als wir vom »Segen der Arbeit« sprachen: »Par le
travail, ou l'on ne chante plus, se fait un grand oeuvre d'abatissement
humain. Uouvrier n'aime plus son metier, et cela ebranle le monde.«
Das schrieb Pierre Hamp in einem Lande, dessen Menschen schwieri-
ger vielleicht als andere ein friedliches Verhaltnis zur Technik finden
konnen - die Begriindung bleibe ich Ihnen vorlaufig schuldig, sie ge-
hort in ein anderes Kapitel -, und in einer Zeit, in der die Maschine nur
erst als ein brutaler, menschenverzehrender Mechanismus erschien
(ahnlich, wie sie in manchen heutigen verspateten romantisch-sozialen
Kunstwerken dargestellt wird) und noch nicht als das komplizierte
Produkt menschlichen Geistes, von dem allein es abhangt, ob der Me-
chanismus ein Freund oder ein Feind des Menschen werde. Ich glaube,
mich iiberzeugt zu haben, dafi Pierre Hamp nicht iiberall und nicht
unter alien Umstanden recht hat. Der Arbeiter singt nicht mehr, weil
der weit machtigere Gesang der Maschine ihn zum Schweigen gebracht
hat, und in seinem Lauschen liegt heute vielleicht ebensoviel andach-
tige Lust wie ehedem in seinem Lied. Der intelligente Arbeiter von
heute liebt sogar sein »metier«. Man muS nur sehen, wie interessiert er
alle technischen Entwicklungen beobachtet, die sein Spezialfach ange-
hen. Ja, es scheint, daft seit der Zeit, in der das Mechanische sich dem
Organischen anzunahern beginnt, die Symbolkraft des »sausenden
Rads« schwacher und eine Art Nervensystem der Maschine erkennbar
wird, sie langsam aufhort, ein »feindliches Element« zu werden. Ne-
benbei gesagt ist unter anderem auch deshalb die Romantik jener Lite-
ratur, die ich nach dem beriichtigten Film die »Metropolis-Literatur«
nennen mochte, vollkommen falsch, die Romantik, die gehirnlose Ma-
schinenmenschen voraussieht und das Menschliche im Mechanischen
nicht erkennt; die nicht weifi, daft es ein Stadium gibt, in dem nicht der
Mensch sich der Maschine, sondern umgekehrt sie dem Menschen sich
anpafit.
Denkt man daran, das heifk: befreit man sich von den iiberlieferten
Vorstellungen: »Sklaven der Maschine«, so ist der Besuch eines Werks
nicht trauriger als der eines Spitals zum Beispiel, eines Waisenhauses
oder einer Arbeiterkolonie. Er ist allerdings auch nicht »erhebend«,
8lZ DAS JOURNALISTISCHE WERK
wie ihn die Fanatiker der »rauchenden Schlote« und die Besinger der
»flammenden Hochofen« nennen mogen. Das Werk ist grau und ge-
wohnlich, wie der Tag war, an dem ich hinging. Man erzeugt dort
keine Gedichte, sondern Schienen, Drahte, Eisen, Stahl. Die Tendenz
der Werkbesitzer ist: Geld zu verdienen, und der Wunsch der Werkar-
beiter; ihr Leben zu fristen. Lauter alltagliche Angelegenheiten.
Das Tor ist breit und of fen. Ich vermisse hier die gewohnte Warnung:
Unbefugten ist der Eintritt verboten. Aber es scheint, dafi eine so
machtige Institution eines solchen Verbots nicht mehr bedarf und dafi
nicht damit gerechnet wird, es konnte ein Unbefugter Lust bekom-
men, hier einzutreten. Links hinter dem Eingang steht iibrigens schon
das Hauschen des Pfortners. Niedlich fast, gelb-rot, aus Ziegelchen,
ein Wetterhauschen wie in einem Schaufenster. Dahinter ist das Ver-
waltungsgebaude. Noch vor dem Eingang arbeitet ein Motor. Eisen-
funken spriihen - ich weifi nicht, welchen Zweck er hat-, und eine
Tafel mahnt*. »Vorsicht!« Er erinnert mich, der ich seinen Zweck nicht
verstehe, an eine Art mechanischen Wachhundes. Das Verwaltungsge-
baude ist hell, klar, kahl. Livrierte Botenjungen, Glockensignale,
Nummern, die auf Tafelchen herausspringen, Wartezimmer, Herren,
die mit der iiblichen Wiirde liber den Korridor gehen, Schliissel am
Zeigefinger. Es ist still wie in einem Spital. Wartende rascheln mit Zeit-
schriften. Eine Glocke schnarrt. Man holt mich.
Zehn Minuten spater verlasse ich durch eine riickwartige Tiir das Ver-
waltungshaus. Vor mir liegt das Werk. Wirr und ode fur einen, der sich
nicht auskennt. Hochofen und Schornsteine nehmen sich in der Ferae
sehr regelmafiig aus, aufgerichtet nach einem genauen und leicht iiber-
sichtlichen Plan. Tritt man in ihre Na'he, ist die Symmetric dahin. Ein
planloser Haufen sind sie. Willkur scheint sie errichtet zu haben. Den-
noch ist sicherlich die Wirrsal jetzt ebenso scheinbar, wie es friiher die
Planmafiigkeit gewesen ist. Der grofite Teil dieses Werkes liegt frei. Ich
weiE nicht, ob es in alien Werken so ist. Hier jedenfalls geht ein Wind
wie durch Ruinen. Keine Wande, ihn zu lindern. Der Boden: Schutt,
Geroll und Asche. Hellgrauer, zaher Schlamm. Deutliche Rader- und
Fufispuren. WiiEte ich nicht, dafi hier gearbeitet wird, ich konnte glau-
ben, es wiirde hier aufgeraumt. Das Tageslicht, obwohl Wande nicht
seinen Einbruch hindern, bekommt hier eine ungewohnte Schattie-
rung. Es wird braun und grau. Es saugt Eisensplitterchen und Rauch-
molekiile auf wie ein Loschblatt Time. Es liegt alles so zufallig neben-
1927 813
einander wie auf einem Bauplatz, nicht wie zum Beispiel in einer Fa-
brik. Es ist, als arbeitete man hier nicht in einem bereits Errichteten,
sondern an etwas zu Errichtendem. Der Raum ist gleichsam nicht ein-
gefangen, er ist ziigellos, sich selbst iiberlassen und seiner eigenen bru-
talen Willkiir, sich rohe, barbarische Formen zu schaffen. Uber mir,
vor mir, hinter und neben mir rollen an Seilen Wagelchen, eiserne
Kranchen, leere und beladene, sicherhch einem Ziele zu. Dennoch ist
es so, als hatten sie keines. Vielleicht tauscht mich ihre Wirrnis und
ihre Uberzahl, vielleicht aber auch ihre Langsamkeit. Denn sie ziehen
durch die Luft mit der Tragheit schwerer Insekten, und eine Art grol-
lendes Summen begleitet ihr Schweben. Dazwischen klingt der quiet-
schende Aufschrei eines unwilligen, wahrscheinlich rostigen Gelenks.
Uber den kleinen Wagen ziehen grofie, schwere, schwarze Krane ihre
Viertel- und halben Kreise, ganz langsam und fast pathetisch. Wiifite
man nicht, dafi oben in einem kleinen Glashauschen ein Mann sitzt,
der sie lenkt, man fande die intelligente Sicherheit, mit der sie ruhen
und sich wieder in Bewegung setzen und wieder ausruhen, unheimlich.
Sie bleiben still, lassen eine riesige Zange sinken wie einen lockeren,
aber starken Arm mit gespreizten zwei Fingern, ergreifen kneifend
einen Block Eisen, ziehen den Arm wieder ein, drehen sich langsam
zuriick, lassen den Block weich und sachte in einen Wagen fallen, legen
ihn nieder, behutsam, als konnte er sich weh tun. Es ist, als wiirde
nicht Eisen auf Eisen gelegt, sondern eine Flocke auf Kissen. Eine ge-
wisse Wiirde, fast von einer Symbolkraft, offenbart sich in diesen fiinf,
sechs langsam hin- und zuriickschwebenden grofien Kranen, unter de-
nen die nur wenig gelenkigen kleinen Kranchen wie spielende Kinder
aussehen. Es ist in den grofien die Langsamkeit eines Zeremoniells. Sie
symbolisieren sozusagen die »Weihe der Arbeit«.
Ich steige eine schmale, bebende Wendeltreppe hinauf, sie ist ein bifi-
chen riihrend; zart, gebrechlich scheint sie, obwohl sie aus Eisen be-
steht - und sie erinnert trotzdem an eine Schlingpflanze, frei, in der
Luft emporgerankt zu einer Art Terrasse. Es wird heifi, obwohl es
ringsum frei ist und man den Himmel sehen kann. Ich stehe auf Bret-
tern, gelegt auf einen Grund aus Schlamm, Lehm, Sand. Von irgendei-
nem fernen, sachten und dennoch sehr starken, gleichsam verpackten
Gepolter schiittert der Boden, auf dem ich stehe, mit mir. Zuweilen ist
es, als stiinde ich auf der Plattform einer Lokomotive. Vor mir sehe ich
einen riesigen schwebenden Kessel, eine Art uberdimensionalen Koch-
814 DAS JOURNALISTISCHE WERK
topf, dessen Offnung sich mir langsam zuzuwenden beginnt. Fliissiges
Feuer kocht in diesem Kessel. Langsam, gewichtig und dennoch mii-
helos dreht er sich. Jetzt gahnt mir sein Mund entgegen. Jetzt sehe ich,
geblendet, was er enthalt: einen silberweiften, blaulich durchsprenkel-
ten, rotlich durchzuckten, sproden, knisternden Brei aus Feuer. Eine
merkwiirdige Art von Brei. Er hat die Elastizitat, aber nicht die behag-
liche Weichheit eines Schlamms. Er ist zahfliissig wie dieser, aber nicht
so klebrig. Es ist, als bewahrte das Feuer seinen Stolz, seine gefahrliche
schneidende Harte, seine Schwert-, Lanzen- und Messerahnlichkeit
auch noch dort, wo man es fast fur Wasser halten konnte. Und wo ein
gewohnlicher Schlamm vieileicht Blasen bilden wiirde, spriiht dieser
Feuerschlamm Funken. Sie spritzen mir entgegen, auf mein Gesicht,
auf meine Kleider, meine Haare. Aber sie haben ein kurzes Leben. An
der Peripherie der dichtesten, komprimiertesten Hitze gleichsam ster-
ben sie schon, und der Elan, mit dem sie aus dem Kessel sprangen, eine
Welt in Brand zu setzen, war vergeblich. Dennoch ware es mir pein-
lich, den Platz jenes Arbeiters einzunehmen, der unmittelbar vor dem
Kessel steht, eine Uhr in der Hand, ein Kommando rufend, in einem
feuersicheren Kleid, merkwurdigerweise ohne Brille. Wenn man zehn
Jahre lang jeden Tag vor diesem Kessel steht, mufi das Blut, so denke
ich, ein anderes Tempo bekommen haben, es rollt nicht mehr, wie von
der Natur vorgesehen, durch die Adern, den Korper beherrschen an-
dere Temperaturgesetze, und selbst das Gehirn denkt nach anderen
Normen. Ich stelle mir vor, dafi die Gedanken dieses Mannes einen
jaheren Flug und eine kiirzere Dauer haben mussen. Derlei hat die
Wissenschaft wahrscheinlich noch nicht ergriindet, und es wird infol-
gedessen von der sozialen Gesetzgebung auch gar nicht in Betracht
gezogen.
Und immer wieder neigt sich ein anderer der drei nebeneinander
schwebenden Feuerkessel und schlittet seinen Inhalt aus. Dann bricht
fur einen Augenblick ein weifter Glanz aus, ein Glanz wie von einem
der fliissigen Himmelskorper, die wir uns nur vorstellen konnen.
Oben aus dem Hochofen regnet es in diesem Augenblick Feuer gegen
den Himmel, und ich sehe heute die Ursache - die ich iibrigens nicht
verstehe - jenes Schauspiels, das mich Nacht fur Nacht beschaftigt hat.
Mir ist, als hatte ich nun den Schleier eines Geheimnisses in der Hand,
aber nicht geliiftet. Ich wiifite, wollte ich weiterforschen, wohin die
Schlacke kommt und wohin die iiberfliissigen, iibrigens immer auch
1927 8is
noch verwendbaren Gase. Aber ich suche ja gar nicht nach diesen Rea-
litaten. Wenn ich wiifite, was in diesem Augenblick in der Seele des
Arbeiters vorgeht, der geradewegs ins weifie Feuer sieht! Aber ich er-
fiihre doch nur, was mit der Schlacke geschieht!
Hinunter zu den Platzen, wo die Schienen entstehen, die Stangen, die
Drahte! Das sind die grofien, ein wenig schiefen Ebenen, auf denen in
vorgeschriebenen, gewundenen Bahnen die Eisen hervorschiefien, zi-
schend, gliihend rot, zornigen Schlangen gleich, ein Spektakel, das sich
zehnmal in der Minute wiederholt und dessen man niemals miide wird.
Am besten gef alien mir die diinnen Drahte. Ihre Kurven sind die ele-
gantesten und lebendigsten, es ist wirklich, als gehorten sie eher in den
Bereich der Zoologie als in den der Technik, sie entspringen im Hin-
tergrund ganz schmalen Lochern, lassen ein leises, geradezu distin-
guiertes Zischen vernehmen und sind die Aristokraten unter den feuri-
gen Schlangen. Mit einem kiihnen grellroten Elan springen sie in die
Welt. Mit einer hurtigen, sechsmal gewundenen, edlen Zartheit schlan-
geln sie sich die Bahn abwarts, verandern schnell das grelle Rot in ein
dunkles, purpurenes, schliefilich in ein braunes, sie werden alt, aber sie
wiirden trotzdem noch eine Weile sich so fortwinden im schlanken,
schiefienden Lauf, ergriffe sie nicht ein aufmerksamer Mann mit einer
scharfen, schneidenden Zange. Er zwickt sie ab, eine Schlange nach der
anderen, er lauert ihnen auf, gerade wenn sie mitten im schonsten Bo-
gen sind, unterbricht er ihren Lauf und ihr Leben, tragt sie seitwarts,
loscht sie aus. So ahnlich schlangeln sich vielleicht unsere Lebensfaden
in der Unterwelt, und die Parze steht da mit der Zwickzange. Eine
Viertelstunde spater sind es keine Schlangen mehr, es sind Drahte, aus
denen man Gitter machen kann und Rattenfallen und allerhand Dinge.
Sechs- bis neunhundert Francs verdienen die Werkarbeiter im Saarge-
biet, nicht mehr, eher weniger als die in den Kohlengruben. Ich sprach
beim Mittagessen mit dem Beamten eines andern Werks dariiber, der
mein Entsetzen merkte und mich zu trosten versuchte: »Da sind so
viele Arbeiter, sie laufen auf dem grofien Werk herum, viele driicken
sich, arbeiten gar nichts - das ware in den Gruben unmoglich.« »Ja«,
erwiderte ich, »aber geben Sie zu, dafi es kein Vergniigen ist, in diesem
Werk spazierenzulaufen. Es sieht nicht aus wie ein Sanatoriumspark.«
Es kam als Antwort das Argument, das ich natiirlich vorausgeahnt
hatte: »Es ist Gewohnheit.« So lautet der Trost der Gedankenlosigkeit.
Es gibt eine ganze Lehre, die sich auf der Theorie von der »Gewohn-
8l6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
heit« aufbaut. Man konnte von einer nationalokonomischen Richtung
der Gewohnheitstheoretiker sprechen. Als ob die Gewohnheit mit
dem Schlimmen schon das Gute entbehrlich machte! Und als ob zum
Beispiel einer, der sich ans Frieren gewohnt hatte, die Warme entbeh-
ren konnte! Der Hinweis auf die »Gewohnheit« ist der Trost der un-
zulimglichen Herzensgiite.
Merkwiirdig war, dafi derselbe Beamte ebenfalls iiber seine schmalen
Einkunfte klagte. Er bekam 1 600 Francs, hatte eine geschiedene Frau
und eine neue, drei Kinder, zwei Hauser zu versorgen. Nach seiner
eigenen Theorie hatte er doch eigentlich schon daran »gewohnt« sein
miissen. Aber offenbar kann sich niemand selbst an das Leid gewoh-
nen, obwohl jeder glaubt, just der andere konnte es.
Es war ein Samstag. Und ich beschlofi, am nachsten Tag in die Kirche
zu gehn - wo bis auf weiteres immer noch der Trost gefunden wird,
den die Sozialpolitik nicht geben kann.
Ihr Cuneus
Frankfurter Zeitung, 28. 1. 1928
EINE ANTWORT VON CUNEUS
In einem meiner letzten »Briefe aus Deutschland« habe ich meinem
Adressaten Mitteilung gemacht von einer Kritik meiner Berichterstat-
tung in einem Saarbriicker Blatt, die ein Mann mit dem Pseudonym
»Matz« vorgenommen hatte. Am i8.Dezember des vergangenen Jah-
res antwortete mir derselbe noch einmal. Ich hatte, meint er, fur den
Humor seines Artikels kein Verstandnis gehabt, vielleicht deshalb,
weil er, als der wahre Humor, die Ubertreibung liebe, wahrend ich
dort biilige Witze machte, wo es nichts zu scherzen gabe. Ich zahlte
zwar zu den »literarischen Chargen«, doch hatten sich auch andere
namhafte Leute schon geirrt, ohne sich zu argern. Sicherlich ware ich
gar nicht auf die Anwiirfe eingegangen, wenn ich nicht vom Verlag
und der Redaktion meines »Leiborgans« zum »Einlenken genbtigU
worden ware. Denn es sei ein Einlenken - und dariiber helfe meine
»geschliffene Diktion« nicht hinweg-, wenn ich plotzlich von der In-
telligenz des Saargebietes schriebe. Die »Frankfurter Zeitung« hatte
1927 8 17
sich durch ein »unfaires Konkurrenzmanover« seinerzeit ins Saarge-
biet »eingeschmuggelt«, und nun lage ihr daran, ihre Abonnenten
nicht zu verlieren.
Ich gestehe, dafi es mir unmoglich ist, auf diese Vorwiirfe zu erwidern,
die mir personlich von jener Zeitung gemacht werden. Dazu fehlt mir
vielleicht eine geniigend ungeschliffene Diktion. Auch habe ich kein
Verstandnis fur den Humor von Matz. Ich bin viel eher geneigt, ihn
fur tragisch zu halten. Man wird, wenn man uns liest, allmahlich ge-
merkt haben, dafi wir zwei ganz verschiedene, ja sogar entgegenge-
setzte Naturen sind, von denen die eine gerade dann lacht, wenn die
andere weinen konnte, und umgekehrt. Es ware also unsinnig, die Of-
fentlichkeit mit der Demonstration unserer Gegensatze zu beschafti-
gen. Jeder von uns beiden empfindet anders und reagiert anders. Infol-
gedessen ist die Realitat fur uns beide nicht die gleiche.
Aber unter alien Umstanden bleibt die schriftstellerische Ehrlichkeit
ein absoluter Begriff, unabhangig von der Realitat unserer subjektiven
Wahrheiten. Jener nun meint, ein Verlag und eine Redaktion konnten
(selbst wenn sie wollten) einen Schriftsteller bewegen »einzulenken«,
das heifit in diesem Falle: Eindriicke, die er einmal gewonnen hat,
nachtraglich zu korrigieren. Ohne eine entfernte Ahnung von der mo-
ralischen Ungeheuerlichkeit seiner Anschauung zu verraten, meint je-
ner, eine geschaftliche Riicksicht konnte irgendeinen Einflufi auf einen
Berichterstatter haben, der ausgeschickt wurde, Tatsacben zu schrei-
ben. Jener meint, man hatte eine »geschliffene Diktion« zum Vertu-
schen und ein Schriftsteller, dem das Wort heilig ist und der Ausdruck
eine Manifestation des Gewissens, brachte jemals die Feigbeit auf, sich
von seinem Auftraggeber »notigen« zu lassen. Ist es also soweit ge-
kommen, daE ein Journalist offentlich mitteilen kann, ein anderer ware
von seiner Redaktion genotigt worden - in dem Ton mitteilen kann, in
dem man etwa berichtet, ein Borsenjobber hatte sich »umgestellt«?! —
Diese Zeitung, an der ich die grolte Ehre mitzuarbeiten habe, wird
freilich kein anderer als jener Ahnungslose verdachtigen, sie gebe ihren
Berichterstattern ebenso von Rlicksichten auf das Inseratengeschaft
diktierte Auftrage, wie es andere Unternehmungen vielleicht tun mo-
gen, mit deren Sitten mein Humorist besser vertraut ist. Von dem
Blatt, das seine ganze Wirkung nur seiner lauteren Gesinnung zu ver-
danken hat und das mitten in einer Welt, in der man einem Schriftstel-
ler zutraut, er lasse sich notigen, mehr ist als eine Zeitung, namlich: ein
8l8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
taglich dreimal erscheinender Appell an das Gewissen, wird kein Le-
ser, kein Mitarbeiter annehmen, dafi es unsauberer Konkurrenzmano-
ver bedarf, um sich irgendwo »einzuschmuggeln«. Es ist, als wenn man
der weithin vernehmbaren Stimme eines Redners zumutete, sie hatte
sich mittels unsauberer Konkurrenzmanover eine Schallwelle dienst-
bar gemacht; einem Theater von unermefilicher Wichtigkeit, es hatte
sich die Gunst seines Publikums erschlichen. Wie?! Ein Werk, das mit
der Tendenz auftritt, ja dessen Wesen es ist, frei in der Freiheit zu
erscheinen, hatte es notig, sich »einzuschmuggeln«?! »Die Herren am
Main«, meint Matz mit einer poetischen Umschreibung, deren Humor
mir ewig verschlossen bleiben wird, »wissen Bescheid.« So sitzen sie
halt an den Ufern des Mains und wissen Bescheid, diese Herren. Jener
aber sitzt mitten im Strom des Geschehens - der auch kein zu verach-
tender Fluft ist - und glaubt, erst recht Bescheid zu wissen. Er glaubt
zu wissen, dafi ein Verlagsdirektor »seinem« Schrifts teller sagen kann:
»So diirfen Sie nicht schreiben, mein Lieber! Flugs lenken Sie ein«! . . .
Und daft der Schriftsteller einlenkt . . .
Aber ich, so wahr ich eine »literarische Charge« bleiben mochte, weifi
es nicht, habe es nie erfahren und werde es nie erfahren - nicht aus
Angst um die »Charge«, sondern aus Achtung vor dem Beruf, den ich
ausiibe, und der Zeitung, an der ich ihn ausiiben darf.
Cuneus
Frankfurter Zeitung, 28. 1. 1928
KANNITVERSTAN
Lieber Freund!
Mit gleicher Post erhalten Sie ein Buch von mir, von dem Sie entziickt
sein werden. Ich weifi, dafi Sie nicht gerne lesen - verzeihen Sie! An
dieses Biichlein, das Sie morgen oder iibermorgen bekommen werden,
konnen Sie nicht mit dem skeptischen Mafistab herangehen, den Sie an
alle, an die meisten Druckerzeugnisse anzulegen belieben. Es ist ein
vergessenes, beinahe ein verschollenes Buch, obwohl erst vor drei Jah-
ren erschienen. Wilhelm Hausenstein hat es herausgegeben. Es heifit:
»Herbstliche Reise eines Melancholikers, Briefe aus Holland von Kan-
nitverstan« . Lesen Sie diese Briefe! Ein Mann, der nach Holland fuhr,
schrieb sie an seine Freunde. Er schreibt mehr von sich als iiber Hol-
land selbstverstandlich. Er hat keine Ahnung, dafi sie einmal gedruckt
werden konnten, er hatte sich sonst vielleicht - wie sagt man nur? -
»zusamrnengenornmen«, und wer weifi, ob ich sie Ihnen dann empfeh-
len konnte. Nein! Dieser Kannitverstan schreibt, wie ihm die Melan-
cholie gewachsen ist. Offenbar krankt er an Deutschland! - wie Sie
und ich. Er hat eine Art Universalmelancholie. Alle seine kleinen, pri-
vaten Gestandnisse sind in diese Melancholie eingepackt, deshalb sind
sie eben Gestandnisse und keine Mitteilungen. Er berichtet von Stra-
fien, Hausern, Menschen, Bildern. Er besitzt viele Kenntnisse. Aber sie
sind bei ihm etwas Selbstverstandliches, als hatte er sie nicht »erwor-
ben«, als lagen sie in ihm seit seiner Geburt wie Talente. Er ist immer
traurig - wie Sie und ich. Aber- im Gegensatz zu Ihnen und genauso
wie ich - sucht er immer wieder, mit dem Trost, wie mit einem Trick,
seine Trauer zu tauschen und zu mildern. Ich verstehe ihn. Aus der
grofien, unerbittlichen Spannung, in der uns die Melancholie erhalt,
versucht er fortwahrend, in Gelostheit zu gelangen, aus dem Hafi, der
eine seiner glucklichen Fahigkeiten ist, in die Liebe, der seine Sehn-
sucht gilt und die er infolgedessen schon besitzt. Man konnte sagen,
obwohl es viel zu simpel ist und nur einen einzigen seiner vielen, rei-
chen, menschlichen und literarischen (kunstlerischen) Ziige kenn-
zeichnet: er sei ein Pessimist, der um Optimismus ringe. Unaufhorlich
»lafit er sich gehen«, und unaufhorlich kontrolliert er sich. Er wider-
spricht und bestatigt sich. Er ist ein Deutscher aus dem Geschlecht
Johann Peter Hebels, von dem er den Namen und noch manches an-
820 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dere hat. Lesen sie ihn, und empfehlen Sie ihn, wenn Sie konnen. Ich
bin wie immer Ihre M . . .
An die Redaktion der » Frankfurter Zeitung«
Sehr verehrte Herren!
Sie bitten mich, auf ein Buch in Ihrem »Literaturblatt« hinzuweisen.
Ich wiifite nichts Besseres, als Ihnen den Brief zu iibersenden, den ich
vor einigen Wochen von meiner Freundin erhalten habe. Drucken Sie
ihn ab, ich habe ihm nichts hinzuzufiigen; es sei denn, den Verlag,
indem der neue Kannitverstan erschienen ist, namlich die »Deutsche
Verlagsanstalt«.
Ihr ganz ergebener Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 26. 11. 1927
DER IDEALISTISCHE SCHARLATAN
Zenobi, ein Mann mit diesem hubschen Namen, der schon als Klang
an eine Hochstapelei erinnert, ist vom Schicksal gezwungen, ein Schar-
latan zu sein. Zwar konnte man es von jedem Scharlatan sagen, auch
von denen, die vulgare Namen tragen. Von ihnen aber nur, wenn man
die literarische und beinahe religiose Verpflichtung fiihlt, das »Schick-
sal« verantworlich zu machen fur den »Charakter«. Zenobi aber, dem
Helden des Romans von Efraim Frisch, »Zenobi«, Verlag Paul Cassi-
rer, Berlin, wind jeder Unglaubige, jeder Unbefangene, jeder Harmlose
den Zwang zugestehen, Hoheres zu scheinen. Zenobi handelt gewis-
sermafien in berechtigter Notwehr gegen die Wirklichkeit seiner viel
zu unbedeutenden Existenz. Zenobi tauscht mehr vor, als er ist, nicht
um Vorteile zu erringen, sondern um mit seinen (leider) schwachen
Kraften ein leider viel zu mangelhaftes Gleichgewicht herzustellen. Ze-
nobi, ein kleiner Feldwebel von jener Art Intelligenz, die Unteroffi-
ziere in Rechnungskanzleien befahigt, wie Ministerialbeamte auszuse-
hen, aber kliiger als diese zu sein. Zenobi hat von seinen Liigen keinen
personlichen Vorteil. Er gleicht jenen geschickten und verbliiffenden
Taschenspielern, die mich im Variete so iiberraschend betriigen und
bei deren Anblick ich immer wieder iiber die stark unterschatzte
1927 821
Macht der Ehrlichkeit und der Tugend staunen mufi. Denn: Warum,
so frage ich mich, treten diese Manner, die aus dem Nichts Tausender
zaubern konnen, fur einen verhaltnismafiig kargen Lohn im Variete
auf ? Weshalb leben sie nicht unmittelbar von ihren Kiinsten, sondern
von der muhseligen Demonstration dieser Kunste?
Das ist, konnte man sagen, die Tragik Zenobis. Er konnte zum Beispiel
ein Heiratsschwindler sein und gute Tage verleben. Aber er verliebt
sich ehrlich - und: welche Pointe! - in eine Hochstaplerin. Er konnte -
in einem entscheidenden Augenblick - sagen wir: einen Minister spie-
len (und das bringt immer einen Vorteil), aber er spielt: einen Revolu-
tionar (was immer und auch ihm nur Nachteile bringt). Es gelingt ihm,
fur einige Augenblicke der gute Bekannte eines leibhaftigen Konigs zu
sein und fur einen englischen Diplomaten gehalten zu werden. Aber
Zenobi beniitzt diese glinstige Gelegenheit nicht fur sich, sondern fur
einen unschuldig Verurteilten. Zenobi ist gewissermafien ein Hoch-
stapler aus Altruismus. Eine Art Idealismus verbundet sich in ihm mit
seiner Fahigkeit, immer wieder eine Personlichkeit vorzutauschen, de-
ren soziale Stellung ein Vorrecht auf Idealismus und dessen Ausiibung
verbiirgt. Zenobi ware zum Beispiel im Zeitalter der Renaissance ein
historischer Held geworden. Da er aber unser Zeitgenosse ist, versank
er in jene tiefe Namenlosigkeit, aus der die modernen Legendenschrei-
ber ihre Gestalten und Stoffe holen. Zenobi ist eine schone, traurige
Legende.
Wie eine Legende geht die Geschichte von Zenobi aus. Er kampft in
einem Duell, er wird verwundet, und seine Spur verliert sich. Vielleicht
ist er jener Rauberhauptmann, der augenblicklich die Leute in Atem
halt. Vielleicht lebt er als hohe Personlichkeit unerkannt und zu hoch
uber uns, als dafi wir es wiilken im Lande. Vielleicht aber auch ist er
tot. Wer kann es wissen? Wer hat sich denn in Zenobi ausgekannt, als
er noch unser aller Nachbar war und der Autor noch jeden seiner
Schritte uberwachen und verzeichnen konnte? Wer kann uberhaupt
die Zenobis verstehn?
Efraim Frisch selbst ist anscheinend nur ein unbeteiligter Chronist.
Wenn das Schicksal Zenobis unsichtbar wird, teilt der Autor mit, es sei
unsichtbar geworden und ihm, dem Autor, bleibe nichts anderes ubrig
als eine Vermutung. Es ist eine sehr witzige Bescheidenheit. Der Ver-
fasser ist nicht der »Schopfer« Zenobis, sondern dessen Beobachter.
Der gestaltet, indem er berichtet. Es ist die Haltung eines modernen
822 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Autors, der keine Fabeln spinnt, sondern die Augen aufmacht. Es gibt
keine spannenderen Fabeln als die Realkat.
»Zenobi« ist in einem klaren, mageren, sympathischen Deutsch ge-
schrieben. Es gibt kein einziges iiberfliissiges Wort in diesem Buch.
Deshalb ist es immer spannend. Ist man mit der Geschichte Zenobis zu
Ende, so freut man sich, dafi Zenobi moghcherweise noch unter uns,
neben uns leben und wirken konnte. Man weifi dem Autor Dank da-
fur, dafi er, statt ein brutales »Ende« zu machen, eine liebenswiirdige
Fortsetzung andeutet. Legt man das Buch aus der Hand, so hat man es,
wie man sagt, eben nur »aus der Hand« gelegt.
Frankfurter Zeitung, 4. 12. 1927
»ADIEU BERLIN«
In dem Roman Hans von Wedderkopps » Adieu Berlin^ (bei S. Fischer,
Berlin) tritt eine Gruppe von Menschen auf, von denen man sich seit
Jahren in Berlin zu sagen bemuht, sie bildeten eine »Gesellschaft«.
Diese Menschen laden ein und werden eingeladen. Sie haben statt einer
Tradition einen ganz bestimmten Dialekt. Sie haben anstelle der For-
men ganz bestimmte, alien gemeinsame Reaktionen. Sie werden nicht
von gesellschaftlichen Gesetzen beherrscht, sondern von Zufallen der
Geselligkeit. Sie grenzen rechts an das Kapital und links an die Boheme
(an die neuzeitliche Boheme selbstverstandlich, das heifit an eine, die
von der romantischen Freiheit ihrer Vorgangerinnen nur eine gema-
fiigte Manierlosigkeit behalten hat). Manches, was in dieser Gesell-
schaft selbstverstandlich ist, erscheint einem Aufienseiter merkwurdig.
Mancher Ton, der hier als guter gilt, klingt einem fremden Ohr zumin-
dest falsch. Diese Schicht ist nicht »reaktionar« und nicht revolutio-
nary Mit den iiblichen Bezeichnungen ist sie uberhaupt nicht gekenn-
zeichnet. Wollte man zum Beispiel ihren zweifellosen betriebsamen
Snobismus erwahnen, so ware sie auch dadurch noch nicht erkenntlich
dargestellt. Diese Schicht ist fur Berlin charakteristisch, auch fur
Deutschland.
Es scheint mir, dafi Hans von Wedderkopp zum erstenmal versucht
hat, sie zu schildern. Alle mehr auftretenden als handelnden Personen
1927 8i 3
sind in diesem Roman gleichberechtigte »Helden«. Es ist Sommer, sie
haben Berlin verlassen, sie sind auf einer Ferieninsel. Ein Mann mit
einem Adelspradikat unter ihnen ist fast als einziger Beherrscher jeder
Situation. Nur in einer - zweifelhaften allerdings - wird er selbst zwei-
felhaft. Denn es heiftt von ihm: »...und er nahm sie wie eine reife
Frucht«. Manche Feudale konnen es sich trotz einer innigen Verbin-
dung mit Theater und Bankwelt nicht abgewohnen - und man mufi
schon nachsichtig sein, wenn sie den bei ihnen beliebten Vergleich der
Frauen mit den Pferden zugunsten des vegetarischen mit Obst aufge-
geben haben.
Mit einem manchmal spottischen, oft charmanten und immer sympa-
thisch iiberlegenen Blick sieht der Autor diese Welt im Sommer. Er
kennt sie, ohne sich an ihr zu beteiligen. Er kann witzig beobachten
und Beobachtungen mit Witz wiedergeben. Er uberhaucht Situationen
mit launiger Freude. Er ist reich an Einfallen. Der Autor hat sich ein
grofies Verdienst erworben, indem er Menschen, die dazu nicht fahig
sind, nicht zu Vorwurfen fur pathetische oder tragische Behandlung
genommen hat - wie es manche tun. Alle seine Leser werden ihm
dankbar sein.
Frankfurter Zeitung, 11, 12. 1927
EMILE ZOLA- SCHRIFTSTELLER OHNE
SCHREIBTISCH*
(Antwort auf eine Umfrage zum 25. Todestag)
Lieber Gerhart Pohl!
Ihre freundliche Aufforderung, mich an Ihrer Enquete uber Zola und
die Moglichkeiten seiner Wirkung auf die heutige deutsche Generation
zu beteiligen, erreicht mich erst heute - und gerade in der Stunde, in
der ich von der Hinrichtung Saccos und Vanzettis aus den Zeitungen
erfahre. Vielleicht wird zu der Zeit, in der diese Zeilen Ihren Lesern
vor die Augen kommen, der Zusammenhang zwischen dem Mord in
Amerika und dem groftten Diener der Gerechtigkeit in Frankreich
* Titel vom Herausgeber
824 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nicht mehr so natiirlich wie mir in diesem Augenblick und etwas will-
kiirlich konstruiert erscheinen. Erlauben Sie mir dennoch, von dem
Gedanken auszugehen, der mich wahrend der ganzen qualvollen Lek-
tiire der Berichte verfolgt: Es gibt keinen Zola mehr in der Welt! . . .
Ich weifi nicht, ob er heute (nach dem Krieg) und in Amerika (dem
Land der unbegrenzten Unmenschlichkeiten) den Mord verhindert
hatte. Aber dafi kein einziger Schriftsteller »von Weltruhm« sich ge-
riihrt hat, ist fur uns, Genossen dieser Zeit, mehr als beschamend: Es
konnte fast unsere Hoffnungen vernichten. Die Uberzeugung, dafi die
Gerechtigkeit tot ist - in Amerika und in Europa -, mufi alle Herzen
kalt und Starr gemacht haben. Zola aber hatte auch den Mut gehabt, fur
eine aussichtslose Sache zu kampfen. Denn es war sein Glaube, daft die
Zukunft die Sunden der Gegenwart racht - um sie auszuloschen; und
dafi diese Zukunft den Armen von heute gehort, den Elenden.
Nur Blinde konnen glauben, dafi mit der »rein literarischen« Wirkung
eines Mannes nicht eng zusammenhangen: seine Leidenschaft, an der
sogenannten »Aktualitat« teilzunehmen; seine Liebe zum Tag und al-
les, was zu ihr gehort: das Volk, die Bitterkeit der Armut und die
Harte des Reichtums und seiner Gesetze. Niemand kann sich iiber die
Erde erheben, auf der er lebt. Es gibt keine Grenze zwischen einer
Stellungnahme zu den offentlichen Gemeinheiten und einer tapferen,
»zur Ewigkeit hingewendeten« Arbeit. Ein Mensch, den ein Zeitungs-
bericht iiber eine Schandung der Menschlichkeit nicht unmittelbar zur
Tat ruft, kann nicht mehr das Recht haben, iiber Gesichter und Hand-
lungen von Menschen zu schreiben. Zola hat aus leidenschaftlicher
Achtung fur die Wirklichkeit die Grenze zwischen dem »Profanen«
und dem »Edlen« aufgehoben. Jene verlogene Grenze, von den ewigen
Reaktionaren errichtet. Denn es ist ihre Eigenschaft, »Heiligtumer« zu
errichten, um Eintrittskarten zu verkaufen. Zola war der erste euro-
paische Schriftsteller ohne Schreibtisch als Instrument der Eingebung,
der erste Romancier mit dem Notizbuch. Der erste Dichter auf der
Lokomotive.
Ich glaube, dafi er dadurch gerade Deutschland ein Beispiel sein kann.
Denn unsere Autoren sind die Dichter am Schreibtisch. Wir haben die
Fabel von den blinden Sehern und dem Fluch der professionellen As-
thetiker. Wer von den deutschen beriihmten Schriftstellern hat sich um
schwarze Reichswehr, massakrierte Arbeiter, bayrische Justiz, Pom-
mern und die Herren von Kahne gekummert? Wie viele Dreyfus -Af fa-
1927 825
ren hatten wir seit 19 18? Wer von den beriihmten Mannern hat schon
einen Lokomotivfiihrer angeschaut? Konstruiert haben sie sich
manchmal einen.
Nicht sie haben das Recht, den Zolaschen »Naturalismus« »flach« zu
nennen. Er war die literarische Form eines starken Glaubens an die
Kraft der Wirklichkeit. Nur durch eine minutiose Beobachtung der
Wirklichkeit kommt man zur Wahrheit.
Ich bitte Sie und Ihre Leser um Entschuldigung fiir diese hastigen
Satze und bin mit kameradschaftlichem Grufi Ihr
Joseph Roth
Die Neue Biicherschau, 1927
»ZOO«
Arthur Ernst Rutra versucht in drei Novellen jene merkwiirdige,
schwer zu erklarende und der Einsicht eigentlich unzugangliche Be-
schaffenheit menschlicher Existenzen festzustellen, die uns oft veran-
laftt, kopfschiittelnd vor einem Bruder Mensch dazustehen wie vor
einem fremden und seltsamen Tier. Deshalb nennt der Autor mit einer
etwas zu durchsichtigen Symbolik seine drei Novellen: »Zoo«, (Hans
v. Weber- Verlag, Miinchen, 128 Seiten. Geb. Mk. 15.)
Drei menschliche Lebenslaufe schildert der Verfasser. Sie spielen sich
in verschiedenen Ebenen ab, aber gewissermafien in der gleichen Luft.
Es ist, als waren die drei Helden der drei Novellen drei Bruder, in
verschiedenen Hausern geboren, unter verschiedenen sozialen Voraus-
setzungen ins Leben gestellt, aber in demselben Lande, alle drei. Kei-
ner von ihnen ist exemplarisch, keiner typisch. Alle sind exzeptionell,
exzentrisch fast. Sie sitzen nicht im Zuschauerraum, sie stehen auf der
Biihne, noch besser: in der Manege. Denn sie erinnern weniger an dra-
matische Akteure als an Clowns. Sie haben alle die geschminkte Tragik
eines Alltags, der sich ins Groteske verzerrt. Denn obwohl sie keine
Haupt- und Staatsaktionen erleben, sind ihre Biographien ungewohn-
lich. Obwohl das Merkwiirdige, das von ihnen berichtet wird, sich in
gewissen Grenzen der durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit halt,
sind sie doch mit der durchschnittlichen Norm nicht meftbar. Sie sind
826 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nicht unverstandliche Menschen, aber Sonderlinge. Sie reichen in die
Region des Phantastischen, des Halbdunklen, und nur ihre stille Ko-
mik trennt sie eigentlich vom Metaphysischen - dem wir aus traditio-
nellen Griinden nur das ausgesprochene Ernste zuzuweisen gewohnt
sind. Die drei Manner aber sind skurril.
Diese ihre Skurrilitat hat sich der Verfasser bemiiht, nicht nur durch
erzahlte Handlungen und Begebenheiten darzustellen, sondern auch
durch artistische sprachliche Mittel; durch bestimmte scheinbar um-
standliche Satzbildungen, durch weitlaufige Umschreibungen, durch
fern und merkwiirdig gedrechselte Metaphern, auch durch archaisie-
rende epische und leicht onomatopoetisierende Konstruktionen. Die
Sprache klingt manchmal wie aus einem fernen Jahrhundert. Sie hat die
behagliche Skurrilitat vergangener Zeiten. Sie wirkt wie ein Zerrspie-
gel, der die Wirklichkeit in einen Spuk verwandelt. Uber alien drei
Gestalten liegt eine leichte Schicht Uberwirklichkeit. Sie leben wie in
Winkeln. Es ist die reizvolle Atmosphare der Nachte in alten Hausern.
Der Titel »Zoo« fuhrt irre. Wenn es schon im »Zoo« sein soil, dann
einer, in dem etwa Fledermause und Eulen gehalten werden. Denn ein
durch Realitat gemildertes, angenehm distanziertes Gruseln ist die
Wirkung der Geschichte.
Frankfurter Zeitung, 22. 12. 1927
JUDEN AUF WANDERSCHAFT
(1927)
VORWORT
Dieses Buch verzichtet auf den Beifall und die Zustimmung, aber audi
auf den Widerspruch und sogar die Kritik derjenigen, welche die Ost-
juden mifiachten, verachten, hassen und verfolgen. Es wendet sich
nicht an jene Westeuropaer, die aus der Tatsache, daft sie bei Lift und
Wasserklosett aufgewachsen sind, das Recht ableiten, iiber rumanische
Lause, galizische Wanzen, russische Flohe schlechte Witze vorzubrin-
gen. Dieses Buch verzichtet auf die »objektiven« Leser, die mit einem
billigen und sauren Wohlwollen von den schwanken Tiirmen westli-
cher Zivilisation auf den nahen Osten hinabschielen und auf seine Be-
wohner; aus purer Humanitat die mangelhafte Kanalisation bedauern
und aus Furcht vor Ansteckung arme Emigranten in Baracken einsper-
ren, wo die Losung eines sozialen Problems dem Massentod iiberlas-
sen bleibt. Dieses Buch will nicht von jenen gelesen werden, die ihre
eigenen, durch einen Zufall der Baracke entronnenen Vater oder Urva-
ter verleugnen. Dieses Buch ist nicht fur Leser geschrieben, die es dem
Autor ubelnehmen wurden, daft er den Gegenstand seiner Darstellung
mit Liebe behandelt statt mit »wissenschaftlicher Sachlichkeit«, die
man auch Langeweile nennt.
Fur wen also ist dieses Buch bestimmt?
Der Verfasser hegt die torichte Hoffnung, daft es noch Leser gibt, vor
denen man die Ostjuden nicht zu verteidigen braucht; Leser, die Ach-
tung haben vor Schmerz, menschlicher Grofie und vor dem Schmutz,
der iiberall das Leid begleitet; Westeuropaer, die auf ihre sauberen Ma-
tratzen nicht stolz sind; die fuhlen, da£ sie vom Osten viel zu empfan-
gen hatten, und die vielleicht wissen, daft aus Galizien, Ruftland, Li-
tauen, Rumanien grofte Menschen und grofte Ideen kommen; aber
auch (in ihrem Sinne) niitzliche, die das feste Geflige westlicher Zivili-
sation stiitzen und ausbauen helfen - nicht nur die Taschendiebe, die
das niedertrachtigste Produkt des westlichen Europaertums, namlich
der Lokalbericht, als »Gaste aus dem Osten« bezeichnet.
828 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Dieses Buch wird leider nicht imstande sein, das ostjiidische Problem
mit der umfassenden Griindlichkeit zu behandeln, die es erfordert und
verdient. Es wird nur die Menschen zu schildern versuchen, die das
Problem ausmachen, und die Verhaltnisse, die es verursachen. Es wird
nur Bericht erstatten liber Teile des riesigen Stoffgebiets, das, um in
seiner Fulle behandeh zu werden, vom Autor so viel Wanderungen
verlangen wiirde, wieviel einige ostjiidische Generationen durchlitten
haben.
OSTJUDEN IM WESTEN
Der Ostjude weifi in seiner Heimat nichts von der sozialen Ungerech-
tigkeit des Westens; nichts von der Herrschaft des Vorurteils, das die
Wege, Handlungen, Sitten und Weltanschauungen des durchschnittli-
chen Westeuropaers beherrscht; nichts von der Enge des westlichen
Horizonts, den Kraftanlagen umsaumen und Fabrikschornsteine
durchzacken; nichts von dem Hafi, der bereits so stark ist, dafi man ihn
als daseinerhaltendes (aber lebentotendes) Mittel sorgfaltig hiitet wie
ein ewiges Feuer, an dem sich der Egoismus jedes Menschen und jedes
Landes warmt. Der Ostjude sieht mit einer Sehnsucht nach dem We-
sten, die dieser keinesfalls verdient. Dem Ostjuden bedeutet der We-
sten Freiheit, die Moglichkeit, zu arbeiten und seine Talente zu entfal-
ten, Gerechtigkeit und autonome Herrschaft des Geistes. Ingenieure,
Automobile, Biicher, Gedichte schickt Westeuropa nach dem Osten.
Es schickt Propagandaseifen und Hygiene, Nlitzliches und Erheben-
des, es macht eine liignerische Toilette fur den Osten. Dem Ostjuden
ist Deutschland zum Beispiel immer noch das Land Goethes und
Schillers, der deutschen Dichter, die jeder lernbegierige judische Jung-
ling besser kennt als unser hakenkreuzlerischer Gymnasiast. Der Ost-
jude hat im Krieg nur jenen General kennengelernt, der eine humane
Ansprache an die Jidden in Polen affichieren liefi, die das Kriegspresse-
quartier formuliert hatte, nicht aber den General, der kein schongeisti-
ges Buch gelesen hat und trotzdem den Krieg verliert.
Dagegen sieht der Ostjude nicht die Vorziige seiner Heimat; nicht die
grenzenlose Weite des Horizonts; nichts von der Qualitat dieses Men-
1927 & 2 9
schenmaterials, das Heilige und Morder aus Torheit hergeben kann,
Melodien von trauriger Grofie und besessener Liebe. Er sieht nicht die
Gute des slawischen Menschen, dessen Roheit noch anstandiger ist als
die gezahmte Bestialitat des Westeuropaers, der sich in Perversionen
Luft macht und das Gesetz umschleicht, mit dem hoflichen Hut in der
furchtsamen Hand.
Der Ostjude sieht die Schonheit des Ostens nicht. Man verbot ihm, in
Dorfern zu leben, aber auch in grofien Stadten. In schmutzigen Stra-
fien, in verfallenen Hausern leben die Juden. Der christliche Nachbar
bedroht sie. Der Herr schlagt sie. Der Beamte lafit sie einsperren. Der
Offizier schiefit auf sie, ohne bestraft zu werden. Der Hund verbellt
sie, weil sie mit einer Tracht erscheinen, die Tiere ebenso wie primitive
Menschen reizt. In dunklen Chedern werden sie erzogen. Die
schmerzliche Aussichtslosigkeit des jiidischen Gebets lernen sie im
fruhesten Kindesalter kennen; den leidenschaftlichen Kampf mit
einem Gott, der mehr straft, als er liebt, und der einen Genufi wie eine
Siinde ankreidet; die strenge Pflicht, zu lernen und mit jungen Augen,
die noch hungrig nach der Anschauung sind, das Abstrakte zu suchen.
Ostjuden gehen meist nur als Bettler und Hausierer iiber Land. Die
grofie Mehrzahl kennt den Boden nicht, der sie ernahrt. Der Ostjude
furchtet sich in fremden Dorfern und in Waldern. Er ist teils freiwillig,
teils gezwungen ein Abgesonderter. Er hat nur Pflichten und keine
Rechte, aufter denen auf dem bekannten Papier, das nichts verbiirgt.
Aus Zeitungen, Buchern und von optimistischen Emigranten hort er,
dafi der Westen ein Paradies sei. In Westeuropa gibt es einen gesetz-
lichen Schutz vor Pogromen. Juden werden in Westeuropa Minister
und sogar Vizekonige. In vielen ostjudischen Hausern ist das Bild je-
nes Moses Montefiore zu sehn, der am Tisch des Konigs von England
rituell gespeist hat. Der grofie Reichtum der Rothschilds wird im
Osten marchenhaft ubertrieben. Hie und da schreibt ein Ausgewan-
derter einen Brief, in dem er den Daheimgebliebenen die Vorziige der
Fremde schildert. Die meisten jiidischen Emigranten haben den Ehr-
geiz, nicht zu schreiben, solange es ihnen schlechtgeht; und das Bestre-
ben, die neue Wahlheimat vor der alten herauszustreichen. Sie haben
die naive Sucht des Kleinstadters, den Ortsgenossen zu imponieren. In
einer kleinen Stadt des Ostens wird der Brief eines Ausgewanderten
eine Sensation. Alle jungen Leute des Orts - und sogar die Alteren -
ergreift die Lust, auch auszuwandern; dieses Land zu verlassen, in dem
830 DAS JOURNALISTISCHE WERK
jedes Jahr ein Krieg und jede Woche ein Pogrom ausbrechen konnte.
Und man wandert, zu Fufi, mit der Eisenbahn und auf dem Wasser,
nach den westlichen Landern, in denen ein anderes, ein bifkhen refor-
miertes, aber nicht weniger grausames Getto sein Dunkel bereithalt,
die neuen Gaste zu empfangen, die den Schikanen der Konzentrations-
lager halb lebendig entkommen sind.
Wenn hier die Rede von Juden war, die das Land nicht kennen, das sie
ernahrt - so war damit der grofite Teil der Juden gemeint: namlich der
in Frommigkeit und nach den alten Gesetzen lebende. Es gibt freilich
Juden, die weder den Herrn noch den Hund, weder die Polizei noch
die Offiziere furchten, die nicht im Getto leben, Kultur und Sprache
der Wirtsvolker angenommen haben - den Westjuden ahnlich und
eher gesellschaftliche Gleichberechtigung geniefien als diese; dennoch
in der freien Entfaltung ihrer Talente immer noch gehemmt, solange
sie ihre Konfession nicht gewechselt, und sogar, nachdem sie es getan
haben. Denn unvermeidlich ist die durchaus jiidische Verwandtschaft
des gliicklich Assimilierten, und selten entgeht ein Richter, ein Advo-
kat, ein Kreisarzt jiidischer Abstammung dem Schicksal, einen Onkel
zu besitzen, einen Vetter, einen Grofivater, der schon durch sein Aus-
sehen die Karriere des Arrivierten gefahrdet und dessen gesellschaftli-
che Achtung beeintrachtigt.
Diesem Schicksal entgeht man schwer. Und statt es zu fliehen, be-
schliefien viele, sich ihm zu unterwerfen, indem sie ihr Judentum nicht
nur nicht verleugnen, sondern sogar kraftig betonen und sich zu einer
»judischen Nation« bekennen, iiber deren Bestand seit einigen Jahr-
zehnten kein Zweifel mehr ist und iiber deren »Berechtigung« unmog-
lich ein Streit entstehen kann, weil schon der Wille von einigen Millio-
nen Menschen geniigt, eine »Nation« zu bilden, selbst, wenn sie friiher
nicht bestanden haben sollte.
Der jiidisch-nationale Gedanke ist im Osten sehr lebendig. Sogar Men-
schen, die weder mit der Sprache noch mit der Kultur, noch mit der
Religion ihrer Vater viel gemein haben, bekennen sich, kraft ihres Blu-
tes und ihres Willens, zur »jtidischen Nation«. Sie leben als »nationale
Minderheit« im fremden Lande, um ihre staatsbiirgerlichen und natio-
nalen Rechte besorgt und kampfend, teils der palastinensischen Zu-
kunft entgegen, teils ohne den Wunsch nach einem eigenen Land, und
mit Recht iiberzeugt, daft die Erde alien gehort, die ihre Pflicht ihr
gegeniiber erfiillen; doch nicht imstande, die Frage zu losen, wie der
1927 8 3 i
primitive Haf? geloscht werden konnte, der im Wirtsvolk gegen eine
gefahrlich scheinende Anzahl Fremder brennt und Unheil anrichtet.
Auch diese Juden leben nicht mehr im Getto, ja, nicht einmal mehr in
der wahren und warmen Tradition - heimatlos wie auch die Assimi-
lierten und zuweilen heroisch, weil sie freiwillig Opfer fiir eine Idee
sind - und sei es auch fiir eine nationale . . .
Sowohl die nationalen als auch die assimilierten Juden bleiben meist im
Osten. Jene, weil sie ihre Rechte erkampfen und nicht fliehen wollen,
diese, weil sie sich einbilden, die Rechte zu besitzen, oder weil sie das
Land lieben wie der christliche Teil des Volkes - und mehr als dieser.
Die Emigranten also sind Menschen, die mude werden dieser kleinen
und grausamen Kampfe und die wissen, fuhlen oder nur ahnen, daft im
Westen ganz andere Probleme lebendig werden, neben den nationalen,
und dafi die nationalen Streitigkeiten im Westen ein larmendes Echo
von gestern sind und nur ein Schall von heute; dafi im Westen ein
europaischer Gedanke geboren ist, der ubermorgen oder sehr spat und
nicht ohne Leid zu einem Weltgedanken reifen wird. Diese Juden Zie-
hen es vor, in Landern zu leben, in denen die Rassen- und nationalen
Fragen nur noch die stimmkraftigen und sogar machtigen, aber zwei-
fellos gestrigen und mit einem Geruch von Moder, Blut und Dumm-
heit umherwandelnden Teile der Volker beschaftigt, in Landern, in
denen trotz allem einige Kopfe an den Fragen von morgen arbeiten.
(Diese Emigranten stammen aus den russischen Grenzlandern, nicht
aus Rufiland.) Andere wandern aus, weil sie Beruf und Arbeit verloren
haben oder nicht finden. Es sind Brotsucher, Proletarier, wenn auch
nicht immer mit proletarischem Bewufksein. Andere sind vor dem
Krieg und der Revolution geflohen. Es sind »Fliichtlinge«, meist
Kleinburger und Burger, verbissene Feinde der Revolution und kon-
servativ, wie es kein bodenstandiger Landadeliger sein konnte.
Viele wandern aus Trieb und ohne recht zu wissen, warum. Sie folgen
einem unbestimmten Ruf der Fremde oder dem bestimmten eines arri-
vierten Verwandten, der Lust, die Welt zu sehen und der angebHchen
Enge der Heimat zu entfliehen, dem Willen, zu wirken und ihre Krafte
gelten zu lassen.
Viele kehren zuriick. Noch mehr bleiben unterwegs. Die Ostjuden ha-
ben nirgends eine Heimat, aber Graber auf jedem Friedhof. Viele wer-
den reich. Viele werden bedeutend. Viele werden schopferisch in frem-
der Kultur. Viele verlieren sich und die Welt. Viele bleiben im Getto,
832 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und erst ihre Kinder werden es verlassen. Die meisten geben dem We-
sten mindestens soviel, wieviel er ihnen nimmt. Manche geben ihm
mehr, als er ihnen gibt. Das Recht, im Westen zu leben, haben jeden-
falls alle, die sich opfern, indem sie ihn aufsuchen.
Ein Verdienst um den Westen erwirbt sich jeder, der mit frischer Kraft
gekommen ist, die todliche, hygienische Langeweile dieser Zivilisation
zu unterbrechen - und sei es selbst um den Preis einer Quarantine, die
wir den Emigranten vorschreiben, ohne zu fiihlen, daft unser ganzes
Leben eine Quarantine ist und alle unsere Lander Baracken und Kon-
zentrationslager, allerdings mit modernstem Komfort. Die Emigranten
assimilieren sich - leider! - nicht zu langsam, wie man ihnen vorwirft,
sondern viel zu rasch an unsere traurigen Lebensbedingungen. Ja, sie
werden sogar Diplomaten und Zeitungsschreiber, Biirgermeister und
Wurdentrager, Polizisten und Bankdirektoren und ebensolche Stiitzen
der Gesellschaft, wie es die bodenstandigen Glieder der Gesellschaft
sind. Nur sehr wenige sind revolutionar. Viele sind Sozialisten aus per-
sonlicher Notwendigkeit, in der Lebensform, die der Sozialismus er-
kampfen will, ist die Unterdriickung einer Rasse unmoglich. Viele se-
hen im Antisemitismus eine Erscheinung der kapitalistischen Wirt-
schaftsform. Sie sind nicht bewufit deshalb Sozialisten. Sie sind Soziali-
sten, weil sie Unterdriickte sind.
Die meisten sind Kleinbiirger und Proletarier ohne proletarisches Be-
wufttsein. Viele sind reaktionar aus biirgerlichem Instinkt, aus Liebe
zum Besitz und zur Tradition, aber auch aus der nicht unbegriindeten
Furcht vor einer veranderten Situation, die fiir Juden keine verbesserte
sein konne. Es ist ein historisches Gefiihl, genahrt durch Erfahrungen,
dafi die Juden die ersten Opfer aller Blutbader sind, welche die Weltge-
schichte veranstaltet.
Deshalb ist vielleicht der jlidische Arbeiter ruhig und geduldig. Der
jiidische Intellektuelle mag mit leidenschaftlicher Aktivitat der revolu-
tionaren Bewegung Antrieb und Scharfe geben. Der ostjlidische Arbei-
ter ist in seiner Liebe zur Arbeit, seiner niichternen Denkweise, seinem
ruhigen Leben dem Deutschen zu vergleichen.
Es gibt namlich ostjiidische Arbeiter - ich vermute, daft man diese
Selbstverstandlichkeit unterstreichen mufi, in einem Land, in dem in so
kurzen Abstanden »Organe der Offentlichkeit« das Wort von der »un-
produktiven Masse der ostlichen Einwanderer« wiederholen. Es gibt
ostjiidische Arbeiter, Juden, die nicht feilschen, handeln, iiberbieten
1927 833
und »rechnen« konnen, alte Kleider nicht einkaufen, mit Bundeln
nicht hausieren, die aber dennoch oft gezwungen werden, einen demii-
tigenden und traurigen Handel zu betreiben, weil keine Fabrik sie
nimmt, weil (gewifi notwendige) Gesetze die einheimischen Arbeiter
vor der Konkurrenz Fremder schlitzen und weil, gabe es selbst diese
Gesetze nicht, das Vorurteil der Unternehmer, aber auch der Kamera-
den den jiidischen Arbeiter unmoglich machen konnte. In Amerika ist
er nicht selten. In Westeuropa weifi man nichts von seiner Existenz
und leugnet sie.
Man leugnet im Westen auch den jiidischen Handwerker. Im Osten
gibt es judische Klempner, Tischler, Schuster, Schneider, Kiirschner,
Fafibinder, Glaser und Dachdecker. Der Begriff von Landern im
Osten, in denen alle Juden Wunderrabbis sind oder Handel treiben,
die ganze christliche Bevolkerung aus Bauern besteht, die mit den
Schweinen zusammenwohnen, und aus Herren, die unaufhorlich auf
die Jagd gehen und trinken, diese kindischen Vorstellungen sind
ebenso lacherlich wie der Traum des Ostjuden von einer westeuro-
paischen Humanitat. Dichter und Denker sind unter den Menschen im
Osten haufiger als Wunderrabbis und Handler. Im ubrigen konnen
Wunderrabbis und sogar Handler im Hauptberuf Dichter und Denker
sein, was westeuropaischen Generalen zum Beispiel sehr schwerzufal-
len scheint.
Der Krieg, die Revolution in Rutland, der Zerfall der osterreichischen
Monarchic haben die Zahl der nach dem Westen emigrierenden Juden
bedeutend erhoht. Sie sind gewifi nicht gekommen, um die Pest zu
verbreiten und die Schrecken des Krieges und die (ubertriebenen)
Grausamkeiten der Revolution. Sie sind von der Gastfreundschaft der
Westeuropaer noch weniger entziickt gewesen als diese von dem Be-
such der geschmahten Gaste. (Die Ostjuden hatten die westeuro-
paischen Soldaten ganz anders aufgenommen.) Da sie nun einmal,
diesmal nicht freiwillig, im Westen waren, muftten sie einen Erwerb
suchen. Sie fanden ihn am leichtesten im Handel, der durchaus kein
leichter Beruf ist. Sie gaben sich auf, indem sie Handler im Westen
wurden.
Sie gaben sich auf. Sie verloren sich. Ihre traurige Schonheit fiel von
ihnen ab, und eine staubgraue Schicht von Gram ohne Sinn und niedri-
gem Kummer ohne Tragik blieb auf ihren gekrummten Riicken. Die
Verachtung blieb an ihnen kleben - friiher hatten sie nur Stein wiirfe
834 DA S JOURNALISTISCHE WERK
erreicht. Sie schlossen Kompromisse. Sie veranderten ihre Tracht, ihre
Barte, ihr Kopfhaar, ihren Gottesdienst, ihren Sabbat, ihren Haus-
halt - sie selbst hielten noch an den Traditionen f est, aber die Uberlie-
ferung loste sich von ihnen. Sie wurden einfache, kleine Burger. Die
Sorgen der kleinen Burger waren ihre Sorgen. Sie zahlten Steuern, be-
kamen Meldezettel, wurden registriert und bekannten sich zu einer
»Nationalitit«, zu einer »Staatsbiirgerschaft«, die ihnen mit vielen
Schikanen »erteilt« wurde, sie benutzten die Strafienbahnen, die Lifts,
alle Segnungen der Kultur. Sie hatten sogar ein »Vaterland«.
Es ist ein provisorisches Vaterland. Der jiidische Nationalgedanke 1st
im Ostjuden lebendig, auch dann noch, wenn er eine halbe Assimila-
tion an die westlichen Sitten und Gebrauche vollzogen hat. Ja, Zionis-
mus und NationaKtatsbegriff sind im Wesen westeuropaisch, wenn
auch nicht im Ziel. Nur im Orient leben noch Menschen, die sich um
ihre »Nationalitat«, das heifk Zugehorigkeit zu einer »Nation« nach
westeuropaischen Begriffen, nicht kummern. Sie sprechen mehrere
Sprachen und sind ein Produkt mehrerer Rassenmischungen, und ihr
Vaterland ist dort, wo man sie zwangsweise in eine militarische For-
mation einreiht. Die kaukasischen Armenier waren lange Zeit weder
Russen noch Armenier, sie waren eben Mohammedaner und Kauka-
sier, und sie lieferten den russischen Zaren die treuesten Leibgarden.
Der nationale Gedanke ist ein westlicher. Den Begriff »Nation« haben
westeuropaische Gelehrte erfunden und zu erklaren versucht. Die alte
osterreichisch-ungarische Monarchic lieferte den scheinbar prakti-
schen Beweis ftir die Nationalitatentheorie. Das heifit, sie hatte den
Beweis fur das Gegenteil dieser Theorie liefern konnen, wenn sie gut
regiert worden ware. Die Unfahigkeit ihrer Regierungen lieferte den
praktischen Beweis fur eine Theorie, die also durch einen Irrtum er-
hartet wurde und sich durchgesetzt hat, dank den Irrtumern. Der mo-
derne Zionismus entstand in Osterreich, in Wien. Ein osterreichischer
Journalist hat ihn begrlindet. Kein anderer hatte ihn beghinden kon-
nen. Im osterreichischen Parlament safien die Vertreter verschiedener
Nationen und waren damit beschaftigt, um nationale Rechte und Frei-
heiten zu kampfen, die ganz selbstverstandlich gewesen waren, wenn
man sie gewahrt hatte. Das osterreichische Parlament war ein Ersatz
fur nationale Schlachtfelder. Versprach man den Tschechen eine neue
Schule, so fuhlten sich die Deutschen in Bohmen gekrankt. Und gab
man den Polen in Ostgalizien einen Statthalter polnischer Zunge, so
1927 835
hatte man die Ruthenen beleidigt. Jede osterreichische Nation berief
sich auf die »Erde«, die ihr gehorte. Nur die Juden konnten sich auf
keinen eigenen Boden (»Scholle« sagt man in diesem Fall) berufen. Sie
waren in Galizien in ihrer Mehrheit weder Polen noch Ruthenen. Der
Antisemitismus aber lebte sowohl bei Deutschen als auch bei Tsche-
chen, sowohl bei den Polen als auch bei den Ruthenen, sowohl bei den
Magyaren als auch bei den Rumanen in Siebenbiirgen. Die Juden wi-
derlegten das Sprichwort, das da sagt, der dritte gewanne, wenn zwei
sich stritten. Die Juden waren der dritte, der immer verlor. Da raff ten
sie sich auf und bekannten sich zu einer, zu ihrer Nationalitat: zur
judischen. Den Mangel an einer eigenen »Scholle« in Europa ersetzten
sie durch ein Streben nach der palastinensischen Heimat. Sie waren
immer Menschen im Exil gewesen. Jetzt wurden sie eine Nation im
Exil. Sie entsandten jiidisch-nationale Vertreter ins osterreichische
Parlament und begannen ebenfalls, um nationale Rechte und Freihei-
ten zu kampfen, ehe man ihnen noch die primitivsten menschlichen
zuerkannt hatte.
»Nationale Autonomie« war der Schlachtruf Europas, in den die Juden
einstimmten. Der Versailler Friedensvertrag und der Volkerbund be-
muhten sich, auch den Juden das Recht auf ihre »Nationalitat« zuzuer-
kennen. Heute sind die Juden in vielen Staaten eine »nationale Minder-
heit«. Sie haben noch lange nicht, was sie wollen, aber sie haben viel:
eigene Schulen, das Recht auf ihre Sprache und einige solcher Rechte
mehr, mit denen man glaubt, Europa glucklich zu machen.
Aber selbst wenn es den Juden gelingen wiirde, in Polen, in der Tsche-
choslowakei, in Rumanien, in Deutschosterreich alle Rechte einer »na-
tionalen Minderheit« zu erkampfen, so erhobe sich immer noch die
grofie Frage, ob die Juden nicht noch viel mehr sind als eine nationale
Minderheit europaischer Fasson; ob sie nicht mehr sind als eine »Na-
tion«, wie man sie in Europa versteht; und ob sie nicht einen Anspruch
auf viel Wichtigeres aufgeben, wenn sie den auf »nationale Rechte «
erheben.
Welch ein Gluck, eine »Nation« zu sein, wie Deutsche, Franzosen,
Italiener, nachdem man schon vor dreitausend Jahren eine »Nation«
gewesen ist und »heilige Kriege« gefuhrt und »grofte 2eiten« erlebt
hat! Nachdem man fremde Generale enthauptet und eigene iiberwun-
den hat! Die Epoche der »Nationalgeschichte« und »Vaterlands-
kunde« haben die Juden schon hinter sich. Sie besetzten und besafien
836 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Grenzen, eroberten Stadte, kronten Konige, zahlten Steuern, waren
Untertanen, hatten »Feinde«, wurden gefangengenommen, trieben
Weltpolitik, stiirzten Minister, hatten eine Art Universitat, Professo-
ren und Schiller, eine hochmiitige Priesterkaste und Reichtum, Armut,
Prostitution, Besitzende und Hungrige, Herren und Sklaven. Wollen
sie es noch einmal? Beneiden sie die europaischen Staaten?
Sie wollen gewifi nicht nur ihre »nationale Eigenart« bewahren. Sie
wollen ihre Recht auf Leben, Gesundheit, personliche Freiheit,
Rechte, die man ihnen in fast alien europaischen Landern entzieht oder
schmalert. In Palastina vollzieht sich tatsachlich eine nationale Wieder-
geburt. Die jungen Chaluzim sind tapfere Bauern und Arbeiter, und
sie beweisen die Fahigkeit des Juden, zu arbeiten und Ackerbau zu
treiben und ein Sohn der Erde zu werden, obwohl er jahrhundertelang
ein Buchmensch war. Leider sind die Chaluzim auch gezwungen, zu
kampfen, Soldaten zu sein und das Land gegen die Araber zu verteidi-
gen. Und damit ist das europaische Beispiel nach Palastina ubertragen.
Leider ist der junge Chaluz nicht nur ein Heimkehrer in das Land
seiner Vater und ein Proletarier mit dem gerechten Sinn eines arbeiten-
den Menschen; sondern er ist auch ein »Kulturtrager«. Er ist ebenso
Jude wie Europaer. Er bringt den Arabern Elektrizitat, Fiillfedern, In-
genieure, Maschinengewehre, flache Philosophien und den ganzen
Kram, den England liefert. Gewift miiftten sich die Araber iiber neue,
schone Strafien freuen. Aber der Instinkt des Naturmenschen emport
sich mit Recht gegen den Einbruch einer angelsachsisch-amerikani-
schen Zivilisation, die den ehrlichen Namen der nationalen Wiederge-
burt tragt. Der Jude hat ein Recht auf Palastina, nicht weil er aus die-
sem Lande kommt, sondern weil ihn kein anderes Land will. Daft der
Araber um seine Freiheit fiirchtet, ist aber ebenso verstandlich, wie der
Wille der Juden ehrlich ist, dem Araber ein treuer Nachbar zu sein.
Und dennoch wird die Einwanderung der jungen Juden nach Palastina
immer an eine Art jiidischen Kreuzzugs erinnern, weil sie leider auch
schiefien.
Wenn also auch die Juden durchaus die iiblen Sitten und Gebrauche
der Europaer ablehnten, sie konnen sie nicht ganz ablegen. Sie sind
selbst Europaer. Der jiidische Statthalter von Palastina ist ohne Zweifel
ein Englander. Und wahrscheinlich mehr Englander als Jude. Die Ju-
den sind Objekt oder ahnungslose Vollstrecker europaischer Politik.
Sie werden benutzt oder miftbraucht. Jedenfalls wird es ihnen schwer
1927 837
gelingen, eine Nation mit einer ganz neuen, uneuropaischen Physio-
gnomic zu werden. Das europaische Kainszeichen bleibt. Es ist gewifi
besser, selbst eine Nation zu sein, als von einer anderen mifihandelt zu
werden. Aber es ist nur eine schmerzliche Notwendigkeit. Welch ein
Stolz fiir den Juden, der langst abgeriistet hat, noch einmal zu bewei-
sen, dafi er auch exerzieren kann!
Denn es ist gewifi nicht der Sinn der Welt, aus »Nationen« zu bestehen
und aus Vaterlandern, die, selbst wenn sie wirklich nur ihre kulturelle
Eigenart bewahren wollten, noch immer nicht das Recht hatten, auch
nur ein einziges Menschenleben zu opfern. Die Vaterlander und Na-
tionen wollen aber in Wirklichkeit noch mehr, noch weniger: namlich
Opfer fiir materielle Interessen. Sie schaffen »Fronten«, um Hinterlan-
der zu bewahren. Und in dem ganzen tausendjahrigen Jammer, in dem
die Juden leben, hatten sie nur den einen Trost: namlich den, ein sol-
ches Vaterland nicht zu besitzen. Wenn es jemals eine gerechte Ge-
schichte geben wird, so wird sie es den Juden hoch anrechnen, dafi sie
die Vernunft bewahren durften, weil sie kein »Vaterland« besafien in
einer Zeit, in der die ganze Welt sich dem patriotischen Wahnsinn
hingab.
Sie haben kein »Vaterland«, die Juden, aber jedes Land, in dem sie
wohnen und Steuern zahlen, verlangt von ihnen Patriotismus und
Heldentod und wirft ihnen vor, daE sie nicht gerne sterben. In dieser
Lage ist der Zionismus wirklich noch der einzige Ausweg: wenn schon
Patriotismus, dann lieber einen fiir das eigene Land.
Solange aber die Juden noch in fremden Landern leben, miissen sie fiir
diese Lander leben und leider auch sterben. Ja, es gibt sogar Juden, die
fiir diese Lander gerne leben und gerne sterben. Es gibt Ostjuden, wel-
che sich an die Lander ihrer Wahl assimilieren und die Vorstellungen
der einheimischen Bevolkerung von »Vaterland«, »Pflicht«, »Helden-
tod« und »Kriegsanleihe« vollkommen aufgenommen haben. Sie sind
Westjuden, Westeuropaer geworden.
Wer ist »Westjude«? Ist es derjenige, der nachweisen kann, dafi seine
Ahnen in der glucklichen Lage waren, vor den westeuropaischen bzw.
deutschen Pogromen im Mittelalter und spater niemals fliehen zu miis-
sen? Ist ein Jude aus Breslau, das lange Zeit Wroclaw hiefi und eine
polnische Stadt war, mehr West jude als einer aus Krakau, das heute
noch polnisch ist? Ist derjenige schon Westjude, dessen Vater sich
nicht mehr erinnern kann, wie es in Posen oder in Lemberg aussieht?
838 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Fast alle Juden waren einmal Westjuden, ehe sie nach Polen und Rut-
land kamen. Und alle Juden waren einmal » O st juden «, ehe ein Teil
von ihnen westjiidisch wurde. Und die Halfte aller Juden, die heute
verachtlich oder geringschatzig vom Osten sprechen, hatte Grofivater,
die aus Tarnopol kamen. Und selbst wenn ihre Grofivater nicht aus
Tarnopol kamen, so 1st es nur ein Zufall, dafi ihre Ahnen nicht nach
Tarnopol hatten fliehen miissen. Wie leicht konnte einer im Gedrange
eines Pogroms nach dem Osten geraten, wo man ihn noch nicht zu
priigeln begonnen hatte!... Es ist deshalb ungerecht, zu behaupten,
dafi ein Jude, der 19 14 aus dem Osten nach Deutschland kam, den Sinn
der Kriegsanleihe oder der Musterung weniger begriffen hatte als ein
Jude, dessen Ahnen schon seit 300 Jahren zur Musterung oder zum
Steueramt gingen. Je diimmer der Einwanderer war, desto schneller
zeichnete er Kriegsanleihe. Viele Juden, Ostjuden oder Sonne und En-
kel von Ostjuden, sind fur alle europaischen Lander im Kriege gef al-
ien. Ich sage es nicht, um die Ostjuden zu entschuldigen. Im Gegen-
teil: Ich werfe es ihnen vor.
Sie starben, litten, bekamen Typhus, lieferten »Seelsorger« fur das
Feld, obwohl Juden ohne Rabbiner sterben diirfen und der patrioti-
schen Feldpredigt noch weniger bedurften als ihre christlichen Kame-
raden. Sie naherten sich vollkommen den westlichen Unsitten und
Mifibrauchen. Sie assimilierten sich. Sie beten nicht mehr in Synagogen
und Bethausern, sondern in langweiligen Tempeln, in denen der Got-
tesdienst so mechanisch wird wie in jeder besseren protestantischen
Kirche. Sie werden Tempeljuden, das heifit: guterzogene, glattrasierte
Herren in Gehrocken und Zylindern, die das Gebetbuch in den Leitar-
tikel des jiidischen Leibblattes packen, weil sie glauben, man erkenne
sie an diesem Leitartikel weniger als an dem Gebetbuch. In den Tem-
peln hort man die Orgel, der Kantor und der Prediger tragen eine
Kopfbedeckung, die sie dem christlichen Geistlichen ahnlich macht.
Jeder Protestant, der sich in einen jiidischen Tempel verirrt, mufi zuge-
ben, dafi der Unterschied zwischen Jud und Christ gar nicht grofi ist
und dafi man eigentlich aufhoren miifite, ein Antisemit zu sein, wenn
die jiidische Geschaftskonkurrenz nicht gar so gefahrlich ware. Die
Grofivater kampften noch verzweifelt mit Jehova, schlugen sich die
Kopfe wund an den tristen Mauern des kleinen Bethauses, riefen nach
Strafe fur ihre Siinden und flehten um Vergebung. Die Enkel sind
westlich geworden. Sie bediirfen der Orgel, um sich in Stimmung zu
1927 839
bringen, ihr Gott ist eine Art abstrakter Naturgewalt, ihr Gebet ist
eine Formel. Und darauf sind sie stolz! Sie sind Leutnants in der Re-
serve, und ihr Gott ist der Vorgesetzte eines Hofkaplans und just jener
Gott, von dessen Gnaden die Konige herrschten.
Das nennt man dann: westliche Kultur haben. Wer diese Kultur hat,
darf bereits den Vetter verachten, der, noch echt und unberiihrt, aus
dem Osten kommt und mehr Menschlichkeit und Gottlichkeit besitzt,
als alle Prediger in den theologischen Seminaren Westeuropas finden
konnen. Hoffentlich wird dieser Vetter genug Kraft haben, nicht der
Assimilation zu verfallen.
Im Folgenden werde ich versuchen zu beschreiben, wie er und Men-
schen seiner Art in der Heimat und in der Fremde leben.
DAS JUDISCHE STADTCHEN
Die kleine Stadt liegt mitten im Flachland, von keinem Berg, von kei-
nem Wald, keinem Flufi begrenzt. Sie lauft in die Ebene aus. Sie fangt
mit kleinen Hiitten an und hort mit ihnen auf. Die Hauser losen die
Hiitten ab. Da beginnen die Strafien. Eine lauft von Siiden nach Nor-
den, die andere von Osten nach Westen. Im Kreuzungspunkt liegt der
Marktplatz. Am auftersten Ende der Nord-Sud-StraEe liegt der Bahn-
hof. Einmal im Tag kommt ein Personenzug. Einmal im Tag fahrt ein
Personenzug ab. Dennoch haben viele Leute den ganzen Tag am Bahn-
hof zu tun. Denn sie sind Handler. Sie interessieren sich auch fur Gii-
terziige. Aufierdem tragen sie gern eilige Briefe zur Bahn, weil die
Postkasten in der Stadt nur einmal taglich geleert werden. Den Weg
zur Bahn legt man zu Fuft in 15 Minuten zuriick. Wenn es regnet, mufi
man einen Wagen nehmen, weil die Strafie schlecht geschottert ist und
im Wasser steht. Die armen Leute tun sich zusammen und nehmen
gemeinsam einen Wagen, in dem sechs Personen zwar nicht sitzen
konnen, aber immerhin Platz finden. Der reiche Mann sitzt allein in
einem Wagen und bezahlt fur die Fahrt mehr als sechs Arme. Es gibt
acht Droschken, die dem Verkehr dienen. Sechs sind Einspanner. Die
zwei Zweispanner sind fur vornehme Gaste, die manchmal durch
einen Zufall in diese Stadt geraten. Die acht Droschkenkutscher sind
840 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Juden. Es sind fromme Juden, die ihre Barte nicht schneiden lassen,
aber keine allzu langen Rocke tragen wie ihre Glaubensgenossen. Ih-
ren Beruf konnen sie in kurzen Joppen besser ausiiben. Am Sabbat
fahren sie nicht. Am Sabbat hat auch niemand etwas bei der Bahn zu
suchen. Die Stadt hat 18000 Einwohner, von denen 15 000 Juden sind.
Unter den 3 000 Christen sind etwa 100 Handler und Kaufleute, ferner
100 Beamte, einer Notar, einer Bezirksarzt und acht Polizisten. Es gibt
zwar zehn Polizisten. Aber von diesen sind merkwiirdigerweise zwei
Juden. Was die andern Christen machen, weifi ich nicht genau. Von
den 15 000 Juden leben 8 000 vom Handel. Sie sind kleine Kramer,
grofiere Kramer und grofie Kramer. Die anderen 7000 Juden sind
kleine Handwerker, Arbeiter, Wassertrager, Gelehrte, Kultusbeamte,
Synagogendiener, Lehrer, Schreiber, Thoraschreiber, Taliesweber,
Arzte, Advokaten, Beamte, Bettler und verschamte Arme, die von der
offentlichen Wohltatigkeit leben, Totengraber, Beschneider und Grab-
steinhauer.
Die Stadt hat zwei Kirchen, eine Synagoge und etwa 40 kleine Bethau-
ser. Die Juden beten taglich dreimal. Sie miifiten sechsmal den Weg zur
Synagoge und nach Hause oder in den Laden zuriicklegen, wenn sie
nicht so viele Bethauser hatten, in denen man iibrigens nicht nur betet,
sondern auch jiidische Wissenschaft lernt. Es gibt judische Gelehrte,
die von fiinf Uhr friih bis zwolf Uhr nachts im Bethaus studieren, wie
europaische Gelehrte etwa in einer Bibliothek. Nur am Sabbat und an
Feiertagen kommen sie zu den Mahlzeiten heim. Sie leben, wenn sie
nicht Vermogen oder Gonner haben, von kleinen Gaben der Ge-
meinde und gelegentlichen frommen Arbeiten wie zum Beispiel: Vor-
beten oder Unterricht oder Schofarblasen an hohen Feiertagen. Ihre
Familie, das Haus, die Kinder versorgen die Frauen, die einen kleinen
Handel mit Kukuruz im Sommer, mit Naphtha im Winter, mit Essig-
gurken und Bohnen und Backwerken betreiben.
Die Handler und die andern im Leben stehenden Juden beten sehr
schnell und haben noch hie und da Zeit, Neuigkeiten zu besprechen
und die Politik der groften Welt und die Politik der kleinen. Sie rau-
chen Zigaretten und schlechten Pfeifentabak im Bethaus. Sie beneh-
men sich wie in einem Kasino. Sie sind bei Gott nicht seltene Gaste,
sondern zu Hause. Sie statten ihm nicht einen Staatsbesuch ab, son-
dern versammeln sich taglich dreimal an seinen reichen, armen, heili-
gen Tischen. Im Gebet emporen sie sich gegen ihn, schreien zum Him-
1927 841
mel, klagen uber seine Strenge und fuhren bei Gott Prozefi gegen Gott,
um dann einzugestehn, daft sie gesiindigt haben, dafi alle Strafen ge-
recht waren und dafi sie besser sein wollen. Es gibt kein Volk, das
dieses Verhaltnis zu Gott hatte. Es ist ein altes Volk, und es kennt ihn
schon lange! Es hat seine grofie Giite eriebt und seine kalte Gerechtig-
keit, es hat oft gesiindigt und bitter gebiifk, und es weifi, dafi es gestraft
werden kann, aber niemals verlassen.
Dem Fremden erscheinen alle Bethauser gleich. Aber sie sind es nicht,
und in vielen ist der Gottesdienst verschieden. Die judische Religion
kennt keine Sekten, wohl aber verschiedene sektenartige Gruppen. Es
gibt eine unerbittlich strenge und eine gemilderte Orthodoxie, es gibt
eine Anzahl »aschkenasischer« und »sephardischer« Gebete und Text-
verschiedenheiten in denselben Gebeten.
Sehr deutlich ist die Trennung zwischen sogenannten aufgeklarten Ju-
den und den Kabbalaglaubigen, den Anhangern der einzelnen Wun-
derrabbis, von denen jeder seine bestimmte Chassidimgruppe hat. Die
aufgeklarten Juden sind nicht etwa unglaubige Juden. Sie verwerfen
nur jeden Mystizismus, und ihr fester Glaube an die Wunder, die in
der Bibel erzahlt werden, kann nicht erschuttert werden durch die Un-
glaubigkeit, mit der sie den Wundern des gegenwartigen Rabbis gegen-
iiberstehn. Fur die Chassidim ist der Wunderrabbi der Mittler zwi-
schen Mensch und Gott. Die aufgeklarten Juden bediirfen keines Mitt-
lers. Ja, sie betrachten es als Siinde, an eine irdische Macht zu glauben,
die imstande ware, Gottes Ratschlussen vorzugreifen, und sie sind
selbst ihre eigenen Fursprecher. Dennoch konnen sich viele Juden,
auch wenn sie keine Chassidim sind, der wunderbaren Atmosphare,
die um einen Rabbi weht, nicht entziehen, und unglaubige Juden und
selbst christliche Bauern begeben sich in schwierigen Lagen zum
Rabbi, um Trost und Hilfe zu finden.
Dem Fremden und dem Feind stellen alle Ostjuden eine geschlossene
Front entgegen, oder eine scheinbar geschlossene Front. Nichts dringt
an die Aufienwelt von dem Eifer, mit dem einzelne Gruppen einander
bekampfen, von dem Hafi und der Bitterkeit, welche die Anhanger des
einen Wunderrabbis gegen die des andern aufbringen, und von der
Verachtung, die alle frommen Juden gegen jene Sohne ihres Volkes
hegen, die sich aufierlich an die Sitten und die Tracht ihrer christlichen
Umgebung angepafk haben. Die meisten frommen Juden verurteilen
einen Mann aufs scharfste, der sich den Bart rasieren lafit - wie uber-
842 DAS JOURNALISTISCHE WERK
haupt das rasierte Gesicht das deutliche Merkmal fur den Abfall vom
Glauben darstellt. Der rasierte Jude tragt nicht mehr das Kennzeichen
seines Volkes. Er versucht, auch wenn er es nicht will, so auszusehen
wie einer der gliicklichen Christen, die man nicht verfolgt und nicht
verspottet. Auch er entgeht dem Antisemitismus nicht. Aber es ist
eben die Pflicht der Juden, nicht von den Menschen, sondern von Gott
eine Milderung ihres Schicksals zu erwarten. Jede noch so aufierliche
Assimilation ist eine Flucht oder der Versuch einer Flucht aus der trau-
rigen Gemeinschaft der Verfolgten; ist ein Versuch, Gegensatze auszu-
gleichen, die trotzdem vorhanden sind.
Man hat keine Grenzen mehr, um sich vor Vermischung zu schiitzen.
Deshalb tragt jeder Jude Grenzen um sich. Es ware schade, sie aufzu-
geben. Denn so grofi die Not ist, die Zukunft bringt die herrlichste
Erlosung. Die scheinbare Feigheit des Juden, der auf den Steinwurf des
spielenden Knaben nicht reagiert und den schmahenden Zuruf nicht
horen will, ist in Wahrheit der Stolz eines, der weifi, dafi er einmal
siegen wird und dafi ihm nichts geschehen kann, wenn Gott es nicht
will, und dafi eine Abwehr nicht so wunderbar schiitzt, wie Gottes
Wille es tut. Hat er sich nicht schon freudig verbrennen lassen? Was
tut ihm ein Kieselstein und was der Speichel eines wiitigen Hundes?
Die Verachtung, die ein Ostjude gegen den Unglaubigen empfindet, ist
tausendmal grofier als jene, die ihn selbst treffen konnte. Was ist der
reiche Herr, was der Polizeioberst, was ein General, was ein Statthalter
gegen ein Wort Gottes, gegen eines jener Worte, die der Jude immer
im Herzen hat? Wahrend er den Herrn grufit, verlacht er ihn. Was
weifi dieser Herr von dem wahren Sinn des Lebens? Selbst wenn er
weise ware, seine Weisheit schwamme an der Oberflache der Dinge. Er
mag die Gesetze des Landes kennen, Eisenbahnen bauen und merk-
wlirdige Gegenstande erfinden, Bucher schreiben und mit Konigen auf
die Jagd gehn. Was ist das alles gegen ein kleines Zeichen in der Heili-
gen Schrift und gegen die diimmste Frage des jiingsten Talmudschu-
lers?
Dem Juden, der so denkt, ist jedes Gesetz, das ihm personliche und
nationale Freiheit verbiirgt, hochst gleichgultig. Von den Menschen
kann ihm nichts wirklich Gutes kommen. Ja, es ist fast eine Siinde, bei
den Menschen um etwas zu kampfen. Dieser Jude ist kein »nationaler«
Jude im westeuropaischen Sinne. Er ist Gottes Jude. Um Palastina
kampft er nicht. Er hafk den Zionisten, der mit den lacherlichen euro-
1927 843
paischen Mitteln ein Judentum aufrichten will, das keines mehr ware,
weil es merit den Messias erwartet hat und nicht Gottes Sinnesande-
rung, die ja bestimmt kommen wird. Es liegt in diesem grofien Wahn
soviel Opfermut wie in der Tapferkeit der jungen Chaluzim, die Pala-
stina aufbauen - mag diese auch zu einem Ziele fuhren und jene zur
Vernichtung. Zwischen dieser Orthodoxie und einem Zionismus, der
am Sabbat Wege baut, kann es keine Versohnung geben. Einem ostjii-
dischen Chassid und Orthodoxen ist ein Christ naher als ein Zionist.
Denn dieser will das Judentum von Grund aus verandern. Er will eine
jiidische Nation, die ungefahr so aussehen soil wie die europaischen
Nationen. Man wird dann vielleicht ein eigenes Land haben, aber keine
Juden. Diese Juden merken nicht, dafi der Fortschritt der Welt die
jiidische Religion vernichtet und dafi immer weniger Glaubige aushar-
ren und daft die Zahl der Frommen zusammenschmilzt. Sie sehen die
jiidische Entwicklung nicht im Zusammenhang mit der Entwicklung
der Welt. Sie denken erhaben und falsch.
Viele Orthodoxe haben sich uberzeugen lassen. Sie sehen nicht mehr
im rasierten Bart das Abzeichen des Abtriinnigen. Ihre Kinder und
Enkel gehen als Arbeiter nach Palastina. Ihre Kinder werden jiidisch-
nationale Abgeordnete. Sie haben sich abgefunden und versohnt, und
sie haben trotzdem nicht aufgehort, an das Wunder des Messias zu
glauben. Sie haben Kompromisse geschlossen.
Unversohnlich und erbittert bleibt noch eine grofle Masse der Chassi-
dim, die innerhalb des Judentums eine sehr merkwiirdige Stellung ein-
nehmen. Sie sind fur den Westeuropaer ebenso feme und ratselhaft wie
etwa die Bewohner des Himalaja, die jetzt in Mode gekommen sind.
Ja, sie sind schwerer zu erforschen, denn sk haben, vernunftiger als die
wehrlosen Objekte europaischen Forschungseifers, bereits die zivilisa-
torische Oberflachlichkeit Europas kennengelernt, und man kann ih-
nen weder mit einem Kinoapparat noch mit einem Fernglas, noch mit
einem Aeroplan imponieren. Aber selbst wenn ihre Naivitat und ihre
Gastfreundschaft so groft waren wie die der andern fremden Volker,
die von unserem Wissensdrang miflbraucht werden - selbst dann fande
sich schwerlich ein europaischer Gelehrter, der eine Forschungsreise
zu den Chassidim unternehmen wurde. Man betrachtet die Juden, weil
sie uberall in unserer Mitte leben, als bereits »erforscht«. Am Hof eines
Wunderrabbis ereignet sich aber ebensoviel Interessantes wie bei den
indischen Fakiren.
844 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Viele Wunderrabbis leben im Osten, und jeder gilt bei seinen Anhan-
gern als der grofite. Die Wiirde des Wunderrabbis vererbt sich seit
Generationen vom Vater auf den Sohn. Jeder halt einen eigenen Hof,
jeder hat seine Leibgarde, Chassidim, die in seinem Haus aus- und
eingehn, die mit ihm beten, mit ihm fasten, mit ihm essen. Er kann
segnen, und sein Segen geht in Erfiillung. Er kann verfluchen, und sein
Fluch erfullt sich und trifft ein ganzes Geschlecht. Wehe dem Spotter,
der ihn leugnet. Wohl dem Glaubigen, der ihm Geschenke bringt. Der
Rabbi verwendet sie nicht fur sich. Er lebt bescheidener als der letzte
Bettler. Seine Nahrung dient nur dazu, sein Leben knapp zu erhalten.
Er lebt nur, weil er Gott dienen will. Er nahrt sich von kleinen Bissen
der Speisen und von kleinen Tropfen der Getranke. Wenn er im Kreis
der Seinen am Tische sitzt, nimmt er von seinem reichlich gefullten
Teller nur einen Bissen und einen Schluck und lafit den Teller rings um
den Tisch wandern. Jeder Gast wird von des Rabbis Speise satt. Er
selbst hat keine leiblichen Bediirfnisse. Der Genufi des Weibes ist ihm
eine heilige Pflicht und nur deshalb ein Genufi, weil er eine Pflicht ist.
Er mufi Kinder zeugen, damit das Volk Israels sich vermehre wie der
Sand am Meer und wie die Sterne am Himmel. Immer sind Frauen aus
seiner nachsten Umgebung verbannt. Auch das Essen ist weniger Nah-
rung als ein Dank an den Schopfer fur das Wunder der Speisen und
eine Erfiillung des Gebotes, sich von Fruchten und Tieren zu nahren -
denn alles hat Er fiir den Menschen geschaffen. Tag und Nacht liest der
Rabbi in heiligen Biichern. Er kann viele schon auswendig, so oft hat
er sie gelesen. Aber jedes Wort, ja jeder Buchstabe hat Millionen Sei-
ten, und jede Seite kundet von der Grofie Gottes, an der man niemals
genug lernen kann. Tag fiir Tag kommen die Menschen, denen ein
teurer Freund erkrankt ist, eine Mutter stirbt, denen Gefangnis droht,
die von der Behorde verfolgt werden, denen der Sohn assentiert wird,
damit er fiir Fremde exerziere und fiir Fremde in einem torichten
Krieg falle. Oder solche, deren Frauen unfruchtbar sind und die einen
Sohn haben wollen. Oder Menschen, die vor einer grofien Entschei-
dung stehen und nicht wissen, was sie zu tun haben. Der Rabbi hilft
und vermittelt nicht nur zwischen Mensch und Gott, sondern, was
noch schwieriger ist, zwischen Mensch und Mensch. Aus weiten Ge-
genden kommen sie zu ihm. Er hort in einem Jahr die merkwiirdigsten
Schicksale, und kein Fall ist so verwickelt, dafi er nicht einen noch
komplizierteren schon gehort hatte. Der Rabbi hat ebensoviel Weis-
1927 845
heit wie Erfahrung und ebensoviel praktische Klugheit wie Glauben an
sich selbst und sein Auserwahltsein. Er hilft mit einem Rat ebenso wie
mit einem Gebet. Er hat gelernt, die Spriiche der Schriften und die
Gebote Gottes so auszulegen, dafi sie den Gesetzen des Lebens nicht
widersprechen und dafi nirgends eine Lucke bleibt, durch die der
Leugner schliipfen konnte. Seit dem ersten Tag der Schopfung hat sich
vieles geandert, nicht aber Gottes Wille, der sich in den Grundgesetzen
der Welt ausdriickt. Man bedarf keiner Kompromisse, um das zu be-
weisen. Alles ist nur Sache des Begreifens. Wer so viel erlebt hat wie
der Rabbi, kommt bereits iiber den Zweifel hinaus. Das Stadium des
Wissens hat er schon hinter sich. Der Kreis ist geschlossen. Der
Mensch ist wieder glaubig. Die hochmutige Wissenschaft des Chirur-
gen bringt dem Patienten den Tod und die schale Weisheit des Physi-
kers dem Jiinger den Irrtum. Man glaubt nicht mehr dem Wissenden.
Man glaubt dem Glaubenden.
Viele glauben ihm. Er selbst, der Rabbi, macht keinen Unterschied
zwischen den treuesten Erfiillern der geschriebenen Gebote und den
weniger treuen, ja nicht einmal zwischen Jude und Nichtjude, nicht
zwischen Mensch und Tier. Wer zu ihm kommt, ist seiner Hilfe gewifi.
Er weifi mehr, als er sagen darf. Er weifi, dafi iiber dieser Welt noch
eine andere ist, mit anderen Gesetzen, und vielleicht ahnt er sogar, dafi
Verbote und Gebote in dieser Welt von Sinn, in einer anderen ohne
Bedeutung sind. Es kommt ihm auf die Befolgung des ungeschriebe-
nen, aber desto gultigeren Gesetzes an.
Sie belagern sein Haus. Es ist gewohnlich grofier, heller, breiter als die
kleinen Judenhauser. Manche Wunderrabbis konnen einen wirklichen
Hof halten. Ihre Frauen tragen kostbare Kleider und befehlen Diene-
rinnen, besitzen Pferde und Stalle: nicht, um es zu geniefien, sondern
um zu reprasentieren.
Es war ein Tag im Spatherbst, an dem ich mich aufmachte, den Rabbi
zu besuchen. Der Tag eines ostlichen Spatherbstes, der noch warm ist
von einer grofien Demut und einer goldenen Entsagung. Ich stand um
fiinf Uhr friih auf, die Nebel hoben sich feucht und kalt, und iiber die
Riicken der wartenden Pferde strichen sichtbare Schauer. Fiinf jiidi-
sche Frauen safien mit mir im Bauernwagen. Sie trugen schwarze, wol-
lene Tiicher, sahen alter aus, als sie waren, der Kummer hatte ihre
Leiber und ihre Gesichter gezeichnet, sie waren Handlerinnen, sie
846 DAS JOURNALISTISCHE WERK
brachten Geflugel in die Hauser der Wohlhabenden und lebten von
geringen Verdiensten. Alle fiihrten ihre kleinen Kinder mit. Wo hatte
man die Kinder lassen konnen, an einem Tage, an dem die ganze Nach-
barschaft zum Rabbi fuhr?
Wir kamen, als die Sonne aufging, in die kleine Stadt des Rabbi und
sahen, dafi schon viele Menschen vor uns gekommen waren. Diese Men-
schen waren schon einige Tage da, sie schliefen in den Hausfluren, in
Scheunen, in Heuschobern, und die bodenstandigen Juden machten
gute Geschafte und vermieteten Schlafstellen fur gutes Geld. Das grofie
Wirtshaus war iiberfullt. Die Strafie war holprig, verfaulte Zaunlatten
ersetzten ein Pflaster, und auf den Zaunlatten hockten die Menschen.
Ich trug einen kurzen Pelz und hohe Reitstiefel und sah aus wie einer der
gefurchteten Beamten des Landes, auf deren Wink man eingesperrt
werden kann. Deshalb liefien mich die Leute vorgehen, sie machten mir
Platz und wunderten sich iiber meine Hoflichkeit. Vor dem Hause des
Rabbi stand ein rothaariger Jude, der Zeremonienmeister, den alle mit
Bitten, Fliichen, Geldscheinen und Stofien bedrangten, ein Mann von
Macht, der keine Gnade kannte und mit einer Art gemessener Roheit die
Flehenden ebenso zuriickstiefi wie die Scheltenden. Ja, es kam vor, dafi
er von manchen Geld nahm und sie dennoch nicht einliefi, dafi er ver-
gafi, von wem er Geld bekommen hatte, oder so tat, als hatte er es
vergessen, Sein Angesicht war von wachsbleicher Farbe und von einem
schwarzen runden Samthut beschattet. Der kupferrote Bart sprang in
dichten Haarknaueln vom Kinn aus den Menschen entgegen, war an den
Wangen hier und dort ausgegangen wie altes Futter und wuchs ganz
nach seinem Belieben und ohne eine gewisse Ordnung zu beachten,
welche die Natur auch fur Barte bestimmt hat. Der Jude hatte kleine
gelbe Augen unter sehr sparlichen, kaum sichtbaren Brauen, breite,
harte Kinnbacken, die slawische Mischung verrieten, und blasse, blauli-
che Lippen. Wenn er schrie, sah man sein starkes gelbes GebifS, und
wenn er jemanden zuriickstieft, seine starke Hand, an der die roten
Borsten starrten.
Diesem Mann gab ich einen Wink, den er verstehen muftte. Es bedeu-
tete: Hier ist etwas Aufierordentliches, und wir konnen nur unter vier
Augen miteinander reden. Er verschwand. Er schlug die Tur zu, sperrte
sie ab und kam, die Menschenmenge zerteilend, auf mich zu.
»Ich bin von weither gekommen, ich bin nicht von hier und mochte den
Rabbi sprechen. Aber ich kann Ihnen nicht viel Geld geben.«
1927 8 47
»Haben Sie einen Kranken oder wollen Sie ein Gebet flir seine Ge-
sundheit oder geht es Ihnen schlecht, dann schreiben Sie auf einen Zet-
tel alles, was Sie wollen, und der Rabbi wird es lesen und flir Sie be-
ten!«
»Nein, ich will ihn sehen!«
»Dann kommen Sie vielleicht nach den Feiertagen?«
»Das kann ich nicht. Ich mufi ihn heute sehen!«
»Da kann ich Ihnen nicht helfen, oder Sie gehen durch die KiicheU
»Wo ist die Kiiche?«
»Auf der andern Seite.«
»Auf der andern Seite« wartete ein Herr, der offenbar viel gezahlt
hatte. Es war ein Herr, in jeder Beziehung ein Herr. Man merkte es an
seiner Fiille, an seinem Pelz und an seinem Blick, der we der ein Ziel
suchte noch eines gefunden hatte. Er wuftte genau, daft die Ku chentur
auf gehen werde, in fiinf, spates tens in zehn Minuten.
Aber als sie wirklich aufging, wurde der reiche Herr ein wenig blafi.
Wir gingen durch einen dunklen Korridor, dessen Boden holprig war,
und der Herr entziindete Streichholzer und schritt trotzdem unsicher.
Er verweilte lange beim Rabbi und kam in bester Laune wieder heraus.
Spater hone ich, daft dieser Herr die praktische Gewohnheit hatte,
zum Rabbi jedes Jahr einmal durch die Kuche zu kommen, dafi er ein
reicher Naphthahandler war und Gruben besaft und so viel Geld unter
Armen verstreute, daft er viele Pflichten umgehen durfte, ohne eine
Strafe fiirchten zu mussen.
Der Rabbi saft in einem schmucklosen Zimmer an einem kleinen Tisch
vor dem Fenster, das auf einen Hof hinausging, und stiitzte die Linke
auf den Tisch. Er hatte schwarzes Haar, einen kurzen schwarzen Bart
und graue Augen. Seine Nase sprang kraftig, wie mit einem plotzlichen
Entschluft, aus dem Gesicht und wurde am Ende etwas flach und breit.
Die Hande des Rabbi waren diinn und knochern und die Nagel weifi
und spitz.
Er fragte mit starker Stimme nach meinen Wiinschen und sah mich nur
einen Augenblick fliichtig an, um dann in den Hof hinauszusehen. Ich
sagte, ich hatte ihn sehen wollen und von seiner Klugheit viel gehort.
»Gott ist klug!« sagte er und sah mich wieder an.
Er winkte mich an den Tisch, gab mir die Hand und sagte mit dem
herzlichen Ton eines alten Freundes: » Alles Gute!«
848 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ich ging denselben Weg zuriick. In der Kiiche afi der Rothaarige hastig
eine Bohnensuppe mit einem Holzloffel. Ich gab ihm einen Geld-
schein. Er nahm ihn mit der Linken und fiihrte dabei mit der Rechten
den Loffel zum Munde.
Draufien kam er mir nach. Er wollte Neuigkeiten horen und wissen,
ob man in Japan noch einmal zum Kriege riiste.
Wir sprachen von den Kriegen und von Europa. Er sagte: »Ich habe
gehort, dafi die Japaner keine Gojim sind wie die Europaer. Warum
fiihren sie dann Krieg?«
Ich glaube, dafi jeder Japaner verlegen geworden ware und keine Ant-
wort gefunden hatte.
Ich sah, dafi in dieser kleinen Stadt lauter rothaarige Juden wohnten.
Einige Wochen spater feierten sie das Fest der Thora, und ich sah, wie
sie tanzten. Das war nicht der Tanz eines degenerierten Geschlechts.
Es war nicht nur die Kraft eines fanatischen Glaubens. Es war gewifi
eine Gesundheit, die den Anlafi zu ihrem Ausbruch im Religiosen
fand.
Die Chassidim fafiten sich bei den Handen, tanzten in der Runde, 16-
sten den Ring und klatschten in die Hande, warfen die Kopfe im Takt
nach links und rechts, ergriffen die Thorarollen und schwenkten sie im
Kreis wie Madchen und driickten sie an die Brust, kiifiten sie und
weinten vor Freude. Es war im Tanz eine erotische Lust. Es riihrte
mich tiefj dafi ein ganzes Volk seine Sinnenfreude seinem Gott opferte
und das Buch der strengsten Gesetze zu seiner Geliebten machte und
nicht mehr trennen konnte zwischen korperlichem Verlangen und gei-
stigem Genufi, sondern beides vereinte, Es war Brunst und Inbrunst,
der Tanz ein Gottesdienst und das Gebet ein sinnlicher Exzefi.
Die Menschen tranken Met aus grofien Kannen. Woher stammt die
Luge, dafi Juden nicht trinken konnen? Es ist halb eine Bewunderung,
aber auch halb ein Vorwurf, ein Mifitrauen gegen eine Rasse, der man
die Stete der Besinnung vorwirft. Ich aber sah, wie Juden die Besin-
nung verloren, allerdings nicht nach drei Kriigen Bier, sondern nach
fiinf Kannen schweren Mets und nicht aus Anlafi einer Siegesfeier,
sondern aus Freude dariiber, dafi Gott ihnen Gesetz und Wissen gege-
ben hatte.
1927 849
Ich hatte schon gesehen, wie sie die Besinnung verloren, weil sie bete-
ten. Das war am Jom Kippur. In Westeuropa heifJt er »Versohnungs-
tag« - die ganze Kompromifibereitschaft des westlichen Juden iiegt in
diesem Namen. Der Jom Kippur aber ist kein Versohnungs-, sondern
ein Siihnetag, ein schwerer Tag, dessen 24 Stunden eine Bufie von 24
Jahren enthalten. Er beginnt am Vorabend, um vier Uhr nachmittags.
In einer Stadt, deren Einwohner in der iiberwiegenden Mehrzahl Ju-
den sind, fiihlt man das grofke aller jiidischen Feste wie ein schweres
Gewitter in der Luft, wenn man sich auf hoher See auf einem schwa-
chen Schiff befindet. Die Gassen sind plotzlich dunkel, weil aus alien
Fenstern der Kerzenglanz bricht, die Laden eilig und in furchtsamer
Hast geschlossen werden - und gleich so unbeschreiblich dicht, daft
man glaubt, sie wiirden erst am Jungsten Tag wieder geoffnet. Es ist
ein allgemeiner Abschied von allem Weltlichen: vom Geschaft, von der
Freude, von der Natur und vom Essen, von der Strafie und von der
Familie, von den Feunden, von den Bekannten. Menschen, die vor
zwei Stunden noch im alltaglichen Gewand, mit gewohnlichen Gesich-
tern herumgingen, eilen verwandelt durch die Gassen, dem Bethaus
entgegen, in schwerer, schwarzer Seide und im furchtbaren Weifi ihrer
Sterbekleider, in weiften Socken und lockeren Pantoffeln, die Kopfe
gesenkt, den Gebetmantel unter dem Arm, und die grofle Stille, die in
einer sonst fast orientalisch lauten Stadt hundertfach stark wird, lastet
selbst auf den lebhaften Kindern, deren Geschrei in der Musik des
Alltagslebens der starkste Akzent ist. Alle Vater segnen jetzt ihre Kin-
der. Alle Frauen weinen jetzt vor den silbernen Leuchtern. Alle
Freunde umarmen einander. Alle Feinde bitten einander um Verge-
bung. Der Chor der Engel blast zum Gerichtstag. Bald schlagt Jehova
das grofte Buch auf, in dem Siinden, Strafen und Schicksale dieses Jah-
res verzeichnet sind. Fur alle Toten brennen jetzt Lichter. Fur alle Le-
benden brennen andere. Die Toten sind von dieser Welt, die Lebenden
vom Jenseits nur je einen Schritt entfernt. Das grofte Beten beginnt.
Das grofie Fasten hat schon vor einer Stunde begonnen. Hunderte,
Tausende, Zehntausende Kerzen brennen neben- und hintereinander,
beugen sich zueinander, verschmelzen zu groften Flammen. Aus tau-
send Fenstern bricht das schreiende Gebet, unterbrochen von stillen
weichen, jenseitigen Melodien, dem Gesang der Himmel abgelauscht.
Kopf an Kopf stehen in alien Bethausern die Menschen. Manche wer-
fen sich zu Boden, bleiben lange unten, erheben sich, setzen sich auf
85O DAS JOURNALISTISCHE WERK
Steinfliesen und Fufischemel, hocken und springen plotzlich auf, wak-
keln mit den Oberkorpern, rennen auf kleinem Raum unaufhorlich hin
und zuriick wie ekstatische Wachtposten des Gebets, ganze Hauser
sind erfiillt von weifien Sterbehemden, von Lebenden, die nicht hier
sind, von Toten, die lebendig werden, kein Tropfen netzt die trocke-
nen Lippen und erfrischt die Kehlen, die so viel des Jammers hinaus-
schreien - nicht in die Welt, in die Uberwelt. Sie werden heute nicht
essen und morgen auch nicht. Es ist furchtbar, zu wissen, dafi in dieser
Stadt heute und morgen niemand essen und trinken wird. Alle sind
plotzlich Geister geworden, mit den Eigenschaften von Geistern. Jeder
kleine Kramer ist ein Ubermensch, denn heute will er Gott erreichen.
Alle strecken die Hande aus, um Ihn am Zipfel seiner Gewander zu
erfassen. Alle, ohne Unterschied: die Reichen sind so arm wie die Ar-
men, denn keiner hat etwas zu essen. Alle sind siindig, und alle beten.
Es kommt ein Taumel uber sie, sie schwanken, sie rasen, sie fliistern,
sie tun sich weh, sie singen, rufen, weinen, schwere Tranen rinnen uber
die alten Barte, und der Hunger ist verschwunden vor dem Schmerz
der Seele und der Ewigkeit der Melodien, die das entriickte Ohr ver-
Eine ahnliche Verwandlung der Menschen sah ich nur bei jiidischen
Begrabnissen.
Die Leiche des frommen Juden liegt in einer einfachen Holzkiste, von
einem schwarzen Tuch bedeckt. Sie wird nicht gefiihrt, sondern von
vier Juden getragen, im Eilschritt - auf dem kiirzesten Wege, ich weifi
nicht, ob es Vorschrift ist oder ob es geschieht, weil den Tragern ein
langsamer Schritt die Last verdoppeln wiirde. Man rennt fast mit der
Leiche durch die Strafie. Die Vorbereitungen haben einen Tag gedau-
ert. Langer als 24 Stunden darf kein Toter auf der Erde bleiben. Das
Wehklagen der Hinterbliebenen ist in der ganzen Stadt zu horen. Die
Frauen laufen durch die Gassen und schreien ihren Schmerz hinaus,
jedem Fremden entgegen. Sie reden zum Toten, geben ihm Kosena-
men, bitten ihn um Vergebung und Gnade, iiberhaufen sich mit Vor-
wiirfen, fragen ratios, was sie jetzt tun wiirden, versichern, dafi sie
nicht mehr leben wollen - und alles in der Strafienmitte, auf dem Fahr-
damm, im eiligen Lauf-, wahrend aus den Hausern teilnahmslose Ge-
sichter sehen und Fremde ihren Geschaften nachgehen, Wagen vorbei-
fahren und die Ladenbesitzer Kunden heranlocken.
1927 851
Auf dem Friedhof spielen sich die erschiitterndsten Szenen ab. Frauen
wollen die Graber nicht verlassen, man mufi sie bandigen, der Trost
sieht wie eine Zahmung aus. Die Melodie des Totengebetes ist von
einer grandiosen Einfachheit, die Zeremonie des Begrabens kurz und
fast heftig, die Schar der Bettler, die um Almosen ringt, ist grofi.
Sieben Tage sitzen die nachsten Hinterbliebenen im Hause des Toten
auf dem Boden, auf kleinen Schemeln, sie gehen in Strumpfen und sind
selbst wie halbe Tote. In den Fenstern brennt ein kleines, triibes To-
tenlicht vor einem Stiickchen weifier Leinwand, und die Nachbarn
bringen den Trauernden ein hartes Ei, die Nahrung desjenigen, dessen
Schmerz rund ist, ohne Anfang und ohne Ende.
Aber die Freude kann ebenso heftig wie der Schmerz sein.
Ein Wunderrabbi verheiratete seinen i4Jahrigen Sohn mit der i6jahri-
gen Tochter eines Kollegen, und die Chassidim beider Rabbis kamen
zum Fest, das acht Tage dauerte und an dem etwa 600 Gaste teilnah-
men.
Die Behorde hatte ihnen eine alte, unbenutzte Kaserne iiberlassen.
Drei Tage dauerte die Wanderung der Gaste. Sie kamen mit Wagen,
Pferden, Strohsacken, Polstern, Kindern, Schmuck und grofien Kof-
fern und quartierten sich in den Raumen der Kaserne ein.
Es war grofie Bewegung in der kleinen Stadt. Etwa 200 Chassidim
verkleideten sich, zogen alte russische Gewander an, umgurteten sich
mit alten Schwertern und ritten auf Pferden ohne Sattel durch die
Stadt. Es waren gute Reiter unter ihnen, und sie desavouierten alle
schlechten Witze, die von jiidischen Militararzten handeln und zu be-
richten wissen, dafi Juden sich vor Pferden fiirchten.
Acht Tage dauerte der Larm, das Drangen, das Singen, das Tanzen und
das Trinken. Zum Fest wurde ich nicht zugelassen. Es war nur fur die
Beteiligten und ihre Anhanger arrangiert. Die Fremden drangten sich
draufien, sahen durch die Fenster und lauschten der Tanzmusik, die
iibrigens gut war.
Es gibt namlich gute jiidische Musiker im Osten. Dieser Beruf ist erb-
lich. Einzelne Musiker bringen es zu hohem Ansehen und zu einem
Ruhm, der ein paar Meilen liber ihre Heimatstadt hinausreicht. Einen
grofieren Ehrgeiz haben die echten Musiker nicht. Sie komponieren
Melodien, die sie, ohne von Noten eine Ahnung zu haben, ihren Soh-
852 DAS JOURNALISTISCHE WERK
nen vererben und manchmal grofien Teilen des ostjiidischen Volkes.
Sie sind die Komponisten der Volkslieder. Wenn sie gestorben sind,
erzahlt man noch fiinfzig Jahre lang Anekdoten aus ihrem Leben. Bald
ist ihr Name verschollen, und ihre Melodien werden gesungen und
wandern allmahlich durch die Welt.
Die Musiker sind sehr arm, denn sie leben von fremden Freuden. Man
bezahlt sie miserabel, und sie sind froh, wenn sie gute Speisen und
Lebkuchen fur ihre Familie mitnehmen diirfen. Sie bekommen von
den reichen Gasten, denen sie »aufspielen«, Trinkgelder. Nach dem
unerbittlichen Gesetz des Ostens hat jeder arme Mann, also auch der
Musiker, viele Kinder. Das ist schlimm, aber auch gut. Denn die Sonne
werden Musiker und bilden eine »Kapelle«, die um so mehr verdient,
als sie grofier ist, und der Ruhm ihres Namens um so weiter verbreitet
wird, als es mehr Trager dieses Namens gibt. Manchmal geht ein spater
Nachkomme dieser Familie in die Welt und wird ein beriihmter Vir-
tuose. Es leben einige solcher Musiker im Westen, deren Namen zu
nennen keinen Sinn hat. Nicht, weil es ihnen etwa peinlich sein
konnte, sondern weil es ungerecht ware gegeniiber den unbekannten
Ahnen, die es nicht notig haben, sich ihre Grofie durch das Talent ihrer
Enkel bestatigen zu lassen.
Zu einem kunstlerischen Ruhm bringen es auch die Sanger, die Vorbe-
ter, die man im Westen Kantoren nennt und deren Berufsname Chasen
lautet. Diesen Sangern geht es meist besser als den Musikern, weil ihre
Aufgabe eine religiose, ihre Kunst eine andachtige und weihevolle ist.
Ihre Tatigkeit stellt sie in die Nahe der Priester. Manche, deren Ruf bis
nach Amerika dringt, erhalten Einladungen in die reichen amerikani-
schen Judenviertel. In Paris, wo es einige reiche ostjiidische Gemein-
den gibt, lassen die Reprasentanten der Synagogen jedes Jahr zu den
Feiertagen einen der beriihmten Sanger und Vorbeter aus dem Osten
kommen. Die Juden gehen dann zum Gebet, wie man zu einem Kon-
zert geht, und sowohl ihr religioses als auch ihr kiinstlerisches Bediirf-
nis wird befriedigt. Es ist moglich, dafi der Inhalt der gesungenen Ge-
bete, der Raum, in dem sie vorgetragen werden, den kunstlerischen
Wert des Sangers steigern. Ich habe nie nachpriifen konnen, ob die
Juden recht hatten, die mir mit Uberzeugung sagten, der und jener
Chasen hatte besser gesungen als Caruso.
1927 853
Den seltsamsten Beruf hat der ostjiidische Batlen, ein Spafimacher, ein
Narr, ein Philosoph, ein Geschichtenerzahler. In jeder kleinen Stadt
lebt mindestens ein Batlen. Er erheitert die Gaste bei Hochzeiten und
Kindstaufen, er schlaft im Bethaus, ersinnt Geschichten, hort zu, wenn
die Manner disputieren, und zerbricht sich den Kopf iiber unniitze
Dinge. Man nimmt ihn nicht ernst. Er aber ist der ernsteste aller Men-
schen. Er hatte ebenso mit Federn und mit Korallen handeln konnen
wie jener Wohlhabende, der ihn zur Hochzeit ladt, damit er sich iiber
sich selbst lustig mache. Aber er handelt nicht. Es fallt ihm schwer, ein
Gewerbe zu betreiben, zu heiraten, Kinder zu zeugen und ein angese-
henes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Manchmal wandert er von
Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Er verhungert nicht, er ist immer am
Rande des Hungers. Er stirbt nicht, er entbehrt nur, aber er will ent-
behren. Seine Geschichten wiirden wahrscheinlich in Europa Aufse-
hen erregen, wenn sie gedruckt wiirden. Viele behandeln Themen, die
man aus der jiddischen und aus der russischen Literatur kennt. Der
beruhmte Scholem Alechem war der Typus eines Batlen - nur be-
wufiter, ehrgeiziger und von seiner Kulturaufgabe iiberzeugt.
Die epischen Begabungen sind uberhaupt haufig im Osten. In jeder
Familie gibt es einen Onkel, der Geschichten zu erzahlen weifi. Es sind
meist stille Dichter, die ihre Geschichten vorbereiten oder, wahrend
sie erzahlen, erfinden und verandern.
Die Winternachte sind kalt und lang, und die Geschichtenerzahler, die
gewohnlich nicht genug Holz zum Heizen haben, erzahlen gerne fur
ein paar Glas Tee und ein bifkhen Ofenwarme. Sie werden anders,
besser behandelt als die Spafimacher von Beruf. Denn jene versuchen
wenigstens, einen praktischen Beruf auszuiiben, und sind schlau ge-
nug, vor dem durchaus praktisch gesinnten Durchschnittsjuden den
schonen Wahn zu verbergen, den die Narren weithin verkiinden.
Diese sind Revolutionare. Die Geschichtenerzahler aus Liebhaberei
aber haben Kompromisse mit der biirgerlichen Welt geschlossen und
sind Dilettanten geblieben. Der Durchschnittsjude schatzt Kunst und
Philosophic, sofern sie nicht religios sind, nur als »Unterhaltung«.
Aber er ist ehrlich genug, es zuzugeben, und er hat nicht den Ehrgeiz,
von Musik und Kunst zu sprechen.
Das jiddische Theater ist seit einigen Jahren im Westen so bekannt
geworden, daft an dieser Stelle eine Wiirdigung iiberfliissig ware. Es ist
fast mehr eine Institution des westlichen Gettos als der ostlichen. Der
854 DAS JOURNALISTISCHE WERK
fromme Jude besucht es nicht, weil er glaubt, es verstofie gegen die
religiosen Vorschriften. Die Besucher des Theaters im Osten sind auf-
geklarte Juden, die meist heute schon national fiihlen. Sie sind Euro-
paer, wenn auch noch weit entfernt vom Typus des westeuropaischen
Theaterbesuchers, der den »Abend totschlagt«.
Man kennt im Westen den Typus des ostjiidischen Landmenschen
uberhaupt nicht. Er kommt nie nach dem Westen. Er ist mit seiner
»Scholle« so verwachsen wie der Bauer. Er ist selbst ein halber Bauer.
Er ist Pachter oder Miiller oder Schankwirt im Dorf. Er hat nie etwas
gelernt. Er kann oft kaum lesen und schreiben. Er kann gerade noch
kleine Geschafte machen. Er ist gerade noch kliiger als der Bauer. Er
ist stark und grofi und von einer unwahrscheinlichen Gesundheit. Er
besitzt korperlichen Mut, liebt eine Schlagerei und scheut keine Ge-
fahr. Viele niitzen ihre Uberlegenheit gegeniiber den Bauern aus und
gaben im alten Rufiland Anlafi zu ortlichen Pogromen, in Galizien zu
antisemitischen Hetzen. Aber viele sind von einer bauerlichen Natur-
frommigkeit und einer grofien Redlichkeit des Herzens. Viele haben
den gesunden Menschenverstand, den man in alien Landern findet und
der sich doit entwickelt, wo eine verniinftige Rasse unmittelbar den
Gesetzen der Natur ergeben ist.
Es fallt mir schwer, vom ostjiidischen Proletariat zu sprechen. Ich
kann einem grofien Teil dieses Proletariats nicht den schweren Vor-
wurf ersparen, dafi es seiner eigenen Klasse feindlich gegeniibersteht;
und wenn nicht feindlich, so doch gleichgiiltig. Keiner der vielen unge-
rechten und sinnlosen Vorwiirfe, die man im Westen gegen die Ostju-
den erhebt, ist so ungerecht, so sinnlos wie der, dafi sie Zerstorer der
Ordnung sind, also das, was der Spiefter Bolschewik nennt. Der arme
Jude ist der konservativste Mensch unter alien Armen der Welt. Er ist
geradezu eine Garantie fur die Erhaltung der alten Gesellschaftsord-
nung. Die Juden in ihrer grofien, geschlossenen Mehrheit sind eine
burgerliche Klasse mit eigenen nationalen, religiosen und Rassenmerk-
malen. Der Antisemitismus im Osten (wie ubrigens auch im Westen)
ist oft revolutionarer, nach dem bekannten Wort wirklich ein »Sozia-
lismus der Trottel« - aber immerhin ein Sozialismus. Der slawische
arme Teufel, der kleine Bauer, der Arbeiter, der Handwerker, sie leben
in der Uberzeugung, daft der Jude Geld hat. Er hat ebensowenig Geld
1927 855
wie seine antisemitischen Feinde. Aber er lebt biirgerlich. Er hungert
und darbt mehr geregelt als der christliche Proletarier. Man kann sa-
gen : Er nimmt taglich zu bestimmten Stunden seine Mahlzeiten nicht
ein. Nur einmal in der Woche - am Freitagabend - ifit er wie der wohl-
habende Glaubensgenosse. Seine Kinder schickt er in die Schule, er
kleidet sie besser, er kann sparen, und er besitzt, weil er einer alten
Rasse angehort, immer etwas: einen Schmuck, den er von den Urva-
tern ererbt hat, Betten, Mobel. Immer findet er noch eine wertvolle
Kleinigkeit in seinem Hause. Er ist klug genug, nichts zu verkaufen. Er
betrinkt sich nicht und hat nicht den traurigen, aber gesunden Leicht-
sinn des christlichen Proleten. Er kann seiner Tochter fast immer eine
kleine Mitgift, immer eine Aussteuer geben. Er kann sogar seinen
Schwiegersohn erhalten. Mag der Jude ein Handwerker oder ein klei-
ner Handler sein, ein armer Gelehrter oder ein Tempeldiener, ein Bett-
ler oder ein Wassertrager - er will kein Proletarier sein, er will sich von
der armen Bevolkerung des Landes unterscheiden, er spielt einen
Wohlsituierten. Er wird, wenn er ein Bettler ist, es vorziehen, in den
Hausern der Reichen zu betteln, nicht auf der Strafie. Er bettelt auch in
den StraEen, aber seine Haupteinnahme bezieht er bei einer Art
Stammkundschaft, die er sehr punktlich aufsucht. Er wird beim rei-
chen Bauern nicht betteln; aber beim weniger bemittelten Juden. Er
hat immer einen biirgerlichen Stolz. Das bourgeoise Talent der Juden,
wohltatig zu sein, hat seinen Grund im Konservatismus des Juden-
tums, und es verhindert eine Revolutionierung der proletarischen
Masse. Religion und Sine verbieten jede Gewaltsamkeit, verbieten
Aufruhr, Emporung und sogar offenen Neid. Der arme glaubige Jude
hat sich mit seinem Schicksal abgefunden wie der arme Glaubige jeder
Religion. Gott macht den einen reich, den andern arm. Emporung ge-
gen den Reichen ware Emporung gegen Gott.
Bewufite Proletarier sind nur die jiidischen Arbeiter. Da gibt es einen
Sozialismus verschiedener Schattierungen. Der ostjiidische Sozialist
und Proletarier ist naturgemaft weniger Jude als sein burgerlicher oder
halbproletarischer Stammesgenosse. Auch dann weniger Jude, wenn er
sich zum nationalen Judentum bekennt und zum Zionismus. Der na-
tionalste judische Sozialist ist der Poale-Zionist, der ein sozialistisches,
mindestens ein Arbeiter-Palastina ersehnt. Zwischen jiidischen Soziali-
sten und Kommunisten sind die Grenzen weniger scharf, und von
einer Feindschaft unter Proletariern, wie bei uns, kann keine Rede
856 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sein. Viele jiidische Arbeiter gehoren den sozialistischen und kommu-
nisdschen Parteien ihrer Lander an, sind also polnische, russische, ru-
manische Sozialisten. Bei fast alien steht die nationale Frage hinter der
sozialen. Die Arbeiter aller Nationen denken so. »Nationale Freiheit«
ist der Luxusbegriff eines Geschlechts, das keine anderen Sorgen hat.
Wenn von alien Nationen eine berechtigt ist, in der »nationalen Frage«
einen lebenswichtigen Inhalt zu erkennen, so sind es die Juden, die der
Nationalismus der andern zwingt, eine »Nation« zu werden. Dennoch
empfinden sogar die Arbeiter dieser Nation die grofiere Wichtigkeit
des sozialen Problems. Sie sind starker in ihrem proletarischen Emp-
finden, ehrlicher und konsequenter: sie sind also »radikaler«> was ja in
Westeuropa durch den modernen Jargon der Parteifuhrer bereits eine
schimpfliche Eigenschaft ist. Es ist nur ein Irrtum der Antisemiten, zu
glauben, die Juden waren radikale Revolutionise. Den biirgerlichen
und halbproletarischen Juden ist ein jiidischer Revolutionar ein
Greuel.
Ich bin in der grofien Verlegenheit, Menschen gegen ihren Willen Pro-
letarier nennen zu miissen. Einigen kann ich die mildernde, in Westeu-
ropa erfundene unsinnige Bezeichnung »geistige Proletaries konze-
dieren. Es sind dies die Thoraschreiber, die jiidischen Lehrer, die Ge-
betmantelhersteller und die Wachslichterzeuger, die rituellen Schlach-
ter und die kleinen Kultusbeamten. Es sind, sagen wir: konfessionelle
Proletarier. Dann aber gibt es noch eine ganze grofie Schar von Lei-
denden, Getretenen, Mifiachteten, die weder im Glauben noch in
einem Klassenbewufitsein, noch in einer revolutionaren Gesinnung
Trost finden. Zu ihnen gehoren zum Beispiel die Wassertrager in den
kleinen Stadten, die von morgens friih bis zum spaten Abend die Fas-
ser in den Hausern der Wohlhabenden mit Wasser fiillen - gegen einen
kargen Wochenlohn. Es sind rtihrende, naive Menschen, von einer fast
unjiidischen korperlichen Kraft. Ihnen sozial gleichgestellt sind die
Mobelpacker, die Koffertrager und eine ganze Reihe anderer, die von
Gelegenheitsarbeiten leben - aber von Arbeiten. Es ist ein gesundes
Geschlecht, tapfer und gutherzig. Nirgends ist Giite so nahe bei kor-
perlicher Kraft, nirgends Roheit so fern von einer groben Tatigkeit wie
beim jiidischen Gelegenheitsarbeiter.
Manche zum Judentum ubergetretenen slawischen Bauern leben von
solchen Gelegenheitsarbeiten. Derlei Ubertritte sind im Osten verhalt-
nismafiig haufig, obwohl das offizielle Judentum sich dagegen wehrt
1927 857
und die judische Religion unter alien Religionen der Welt die einzige
ist, die nicht bekehren will, Ohne Zweifel ist in den Ostjuden viel
mehr slawisches Blut als etwa in den deutschen Juden germanisches.
Wenn die westeuropaischen Antisemiten und deutschnationalen Juden
also glauben, die Ostjuden waren »semitischer« und also »gefahrli-
cher«, so ist das ebenso ein Irrtum wie der Glaube eines westjiidischen
Bankiers, der sich »arischer« fuhlt, weil in seiner Verwandtschaft
schon Mischehen vorgekommen sind.
DIE WESTLICHEN GETTOS
Wien
Die Ostjuden, die nach Wien kommen, siedeln sich in der Leopold-
stadt an, dem zweiten der zwanzig Bezirke. Sie sind dort in der Nahe
des Praters und des Nordbahnhofs. Im Prater konnen Hausierer le-
ben - von Ansichtskarten fur die Fremden und vom Mitleid, das den
Frohsinn uberall zu begleiten pflegt. Am Nordbahnhof sind sie alle
angekommen, durch seine Hallen weht noch das Aroma der Heimat,
und es ist das offene Tor zum Riickweg.
Die Leopoldstadt ist ein freiwilliges Getto. Viele Briicken verbinden
sie mit den andern Bezirken der Stadt. Uber diese Briicken gehen tags-
iiber die Handler, Hausierer, Borsenmakler, Geschaftsmacher, also
alle unproduktiven Elemente des eingewanderten Ostjudentums. Aber
iiber dieselben Briicken gehen in den Morgenstunden auch die Nach-
kommen derselben unproduktiven Elemente, die Sonne und Tdchter
der Handler, die in den Fabriken, Buros, Banken, Redaktionen und
Werkstatten arbeiten.
Die Sonne und Tochter der Ostjuden sind produktiv. Mogen die El-
tern schachern und hausieren. Die Jungen sind die begabtesten An-
walte, Mediziner, Bankbeamten, Journalisten, Schauspieler.
Die Leopoldstadt ist ein armer Bezirk. Es gibt kleine Wohnungen, in
denen sechskopfige Familien wohnen. Es gibt kleine Herbergen, in
denen fiinfzig, sechzig Leute auf dem Fufiboden ubernachten.
858 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Im Prater schlafen die Obdachlosen. In der Nahe der Bahnhofe wohnen
die Armsten aller Arbeiter. Die Ostjuden leben nicht besser als die
christlichen Bewohner dieses Stadtteils.
Sie haben viele Kinder, sie sind an Hygiene und Sauberkeit nicht ge-
wohnt, und sie sind gehafit.
Niemand nimmt sich ihrer an. Ihre Vettern und Glaubensgenossen, die
im ersten Bezirk in den Redaktionen sitzen, sind »schon« Wiener und
wollen nicht mit Ostjuden verwandt sein oder gar verwechselt werden.
Die Christlichsozialen und Deutschnationalen haben den Antisemitis-
mus als wichtigen Programmpunkt. Die Sozialdemokraten furchten den
Ruf einer »jiidischen Partei«. Die Jiidischnationalen sind ziemlich
machtlos. Aufierdem ist die jiidisch-nationale Partei eine biirgerliche.
Die grofie Masse der Ostjuden aber ist Proletariat.
Die Ostjuden sind auf die Unterstiitzung durch die burgerlichen Wohl-
fahrtsorganisationen angewiesen. Man ist geneigt, die jiidische Barmher-
zigkeit hoher einzuschatzen, als sie verdient. Die jiidische Wohltatigkek
ist ebenso eine unvollkommene Einrichtung wie jede andere. Die Wohl-
tatigkek befriedigt in erster Linie die Wohltater. In einem jiidischen
Wohlfahrtsbiiro wird der Ostjude von seinen Glaubensgenossen und
sogarvon seinen Landsleuten oft nicht besser behandelt als von Christen.
Es ist furchtbar schwer, ein Ostjude zu sein; es gibt kein schwereres Los
als das eines fremden Ostjuden in Wien.
Wenn er den zweiten Bezirk betritt, griifien ihn vertraute Gesichter.
Griifien sie ihn? Ach, er sieht sie nur. Die schon vor zehn Jahren hierher-
gekommenen sind, lieben die Nachkommenden gar nicht. Noch einer ist
angekommen. Noch einer will verdienen. Noch einer will leben.
Das Schlimmste: daft man ihn nicht umkommen lassen kann. Er ist kein
Fremder. Er ist ein Jude und ein Landsmann.
Irgend jemand wird ihn aufnehmen. Ein anderer wird ihm ein kleines
Kapital vorstrecken oder Kredit verschaffen. Ein dritter wird ihm eine
»Tour« abtreten oder zusammenstellen. Der Neue wird ein Ratenhand-
ler.
Der erste, schwerste Weg fiihrt ihn ins Polizeiburo.
Hinter dem Schalter sitzt ein Mann, der die Juden im allgemeinen und die
Ostjuden im besonderen nicht leiden mag.
1927 859
Dieser Mann wird Dokumente verlangen. Unwahrscheinliche Doku-
mente. Niemals verlangt man von christlichen Einwanderern derlei Do-
kumente. Aufierdem sind christliche Dokumente in Ordnung. Alle
Christen haben verstandliche, europaische Namen. Juden haben unver-
standliche und jiidische. Nicht genug daran: Sie haben zwei und drei
durch ein false oder ein recte verbundene Familiennamen. Man weifi
niemals, wie sie heifien. Ihre Eltern sind nur vom Rabbiner getraut
worden. Diese Ehe hat keine gesetzliche Giiltigkeit. Hieft der Mann
Weinstock und die Frau Abramofsky, so hiefien die Kinder dieser Ehe:
Weinstock recte Abramofsky oder auch Abramofsky false Weinstock.
Der Sohn wurde auf den jiidischen Vornamen Leib Nachman getauft.
Weil dieser Name aber schwierig ist und einen aufreizenden Klang haben
konnte, nennt sich der Sohn Leo. Er heifit also: Leib Nachman genannt
Leo Abramofsky false Weinstock.
Solche Namen bereiten der Polizei Schwierigkeiten. Die Polizei liebt
keine Schwierigkeiten. Waren es nur die Namen. Aber auch die Geburts-
daten stimmen nicht. Gewohnlich sind die Papiere verbrannt. (In kleinen
galizischen, litauischen und ukrainischen Orten hat es in den Standesam-
tern immer gebrannt.) Alle Papiere sind verloren. Die Staatsbiirgerschaft
ist nicht geklart. Sie ist nach dem Krieg und der Ordnung von Versailles
noch verwickelter geworden. Wie kam jener liber die Grenze? Ohne
Pafi? Oder gar mit einem falschen? Dann heifit er also nicht so, wie er
heifk, und obwohl er so viele Namen angibt, die selbst gestehen, daE sie
falsch sind, sind sie auch wahrscheinlich noch objektiv falsch. Der Mann
auf den Papieren, auf dem Meldezettel ist nicht identisch mit dem Mann,
der soeben angekommen ist. Was kann man tun ? Soil man ihn einsperren ?
Dann ist nicht der Richtige eingesperrt. Soil man ihn ausweisen ? Dann ist
ein Falscher ausgewiesen. Aber wenn man ihn zuriickschickt, damit er
neue Dokumente, anstandige, mit zweifellosen Namen bringe, so ist
jedenfalls nicht nur der Richtige zuriickgeschickt, sondern eventuell aus
einem Unrichtigen ein Richtiger gemacht worden.
Man schickt ihn also zunick, einmal, zweimal, dreimal. Bis der Jude
gemerkt hat, daft ihm nichts anderes ubrigbleibt, als falsche Daten anzu-
geben, damit sie wie ehrliche aussehen. Bei einem Namen zu bleiben, der
vielleicht nicht sein eigener, aber doch ein zweifelloser, glaubwiirdiger
Namen ist. Die Polizei hat den Ostjuden auf die gute Idee gebracht, seine
echten, wahren, aber verworrenen Verhaltnisse durch erlogene, aber
ordentliche zu kaschieren.
860 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Und jeder wundert sich iiber die Fahigkeit der Juden, falsche Angaben
zu machen. Niemand wundert sich iiber die naiven Forderungen der
Polizei.
3
Man kann ein Hausierer oder ein Ratenhandler sein.
Ein Hausierer tragt Seife, Hosentrager, Gummiartikel, Hosenknopfe,
Bleistifte in einem Korb, den er um den Riicken umgeschnallt hat. Mit
diesem kleinen Laden besucht man verschiedene Cafes und Gasthauser.
Aber es ist ratsam, sich vorher zu iiberlegen, ob man gut daran tut, hier
und dort einzukehren.
Auch zu einem einigermafien erfolgreichen Hausieren gehort eine jah-
relange Erfahrung. Man geht am sichersten zu Piowati, um die Abend-
stunden, wenn die vermogenden Leute koschere Wiirste mit Kren es-
sen. Schon der Inhaber ist es dem judischen Ruf seiner Firma schuldig,
einen armen Hausierer mit einer Suppe zu bewirten. Das ist nun auf
jeden Fall ein Verdienst. Was die Gaste betrifft, so sind sie, wenn bereits
gesattigt, sehr wohltatiger Stimmung. Bei niemandem hangt die Gute so
innig mit der korperlichen Befriedigung zusammen wie beim judischen
Kaufmann. Wenn er gegessen hat und wenn er gut gegessen hat, ist er
sogar imstande, Hosentrager zu kaufen, obwohl er sie selbst in seinem
Laden fiihrt. Meist wird er gar nichts kaufen und ein Almosen geben.
Man darf natiirlich nicht etwa als der sechste Hausierer zu Piowati
kommen. Beim dritten hort die Gute auf. Ich kannte einen judischen
Hausierer, der alle drei Stunden in denselben Piowati-Laden eintrat.
Die Generationen der Esser wechseln alle drei Stunden. Safi noch ein
Gast von der alten Generation, so mied der Hausierer dessen Tisch. Er
wufite genau, wo das Herz aufhort und wo die Nerven beginnen.
In einem ganz bestimmten Stadium der Trunkenheit sind auch die Chri-
sten gutherzig. Man kann also am Sonntag in die kleinen Schenken und
in die Cafes der Vororte eintreten, ohne Schlimmes zu befiirchten. Man
wird ein wenig gehanselt und beschimpft werden, aber so aufiert sich
eben die Gutmiitigkeit. Besonders Witzige werden den Korb wegneh-
men, verstecken und den Hausierer ein wenig zur Verzweiflung brin-
gen. Er lasse sich nicht erschrecken! Es sind lauter Aufierungen des
goldenen Wiener Herzens. Ein paar Ansichtskarten wird er schliefilich
verkaufen.
1927 86i
Alle seine Einnahmen reichen nicht aus, ihn selbst zu ernahren. Den-
noch wird der Hausierer Frau, Tochter und Sonne zu erhalten wissen.
Er wird seine Kinder in die Mittelschule schicken, wenn sie begabt sind,
und Gott will, dafi sie begabt sind. Der Sohn wird einmal ein beriihmter
Rechtsanwalt sein, aber der Vater, der so lange hausieren mufite, wird
weiter hausieren wollen. Manchmal fiigt es sich, dafi die Urenkel des
Hausierers christlich-soziale Antisemiten sind. Es hat sich schon oft so
gefugt.
Welch ein Unterschied zwischen einem Hausierer und einem Raten-
handler! Jener verkauft fiir bares Geld und dieser auf Ratenzahlung.
Jener braucht eine kleine Tour und dieser eine grofie. Jener fahrt nur mit
der Vorortbahn und dieser auch mit der grofien Eisenbahn. Aus jenem
wird niemals ein Kaufmann, aus diesem vielleicht.
Der Ratenhandler ist nur in einer Zeit der festen Valuta moglich. Die
grofte Inflation hat alien Ratenhandlern die traurige Existenz genom-
men. Sie sind Valutenhandler geworden. Auch einem Valutenhandler
ging es nicht gut. Kaufte er rumanische Lei, so fielen sie an der Borse.
Verkaufte er sie, fingen sie an zu steigen. Wenn der Dollar in Berlin hoch
stand, die Mark in Wien ebenfalls, so fuhr der Valutenhandler nach
Berlin Mark einkaufen. Er kam nach Wien zuriick, um fiir die hohen
Mark Dollar einzukaufen. Dann fuhr er mit den Dollars nach Berlin, um
noch mehr Mark einzukaufen. Aber so schnell fahrt keine Eisenbahn,
wie eine Mark fallt. Ehe er nach Wien kam, hatte er schon die Halfte.
Der Valutenhandler hatte mit alien Borsen der Welt in telephonischer
Verbindung stehen mussen, um wirklich zu verdienen. Er aber stand
nur mit einer schwarzen Borse seines Aufenthaltsortes in Verbindung.
Man hat die Schadlichkeit, aber auch die Informiertheit der schwarzen
Borse gewaltig uberschatzt. Noch schwarzer als die schwarze Borse war
die offizielle, schneeweiEe, in Unschuld prangende und von der Polizei
geschutzte. Die schwarze Borse war die schmutzige Konkurrenz einer
schmutzigen Institution. Die Valutenhandler waren die gescholtenen
Konkurrenten der ehrenhaft genannten Banken. Nur die wenigsten
kleinen Valutenhandler sind wirklich reieh geworden.
Die meisten sind heute wieder, was sie gewesen sind: arme Raten-
handler.
862 DAS JOURNALISTISCHE WERK
5
Die Kunden des Ratenhandlers sind Leute, die kein Geld besitzen,
aber ein Einkommen. Studenten, kleine Beamte, Arbeiter. Jede Woche
kommt der Ratenhandler zu den Kunden einkassieren und neue Ware
verkaufen. Da der Bedarf der kleinen Leute grofi ist, kaufen sie ver-
haltnismafiig viel. Da ihr Einkommen sehr gering ist, zahlen sie ver-
haltnismafiig wenig. Der Ratenhandler weifi nicht, woriiber er sich
freuen soil: uber den steigenden Absatz oder iiber den fallenden. Je
mehr er verkauft, desto langsamer bekommt er sein Geld.
Soil er die Preise erhohen? Dann gehen die Leute in das nachste Wa-
renhaus, deren es jetzt in alien kleinen Stadten einige gibt. Der Raten-
handler ist fur sie billiger, weil er die Eisenbahn bezahlt, die sie sonst
bezahlen miissen. Mit ihm kommt das Warenhaus zu den Kunden. Er
ist bequemer.
Infolgedessen ist sein Leben unbequem. Wenn er die Eisenbahn erspa-
ren will, mufi er, schwer bepackt, zu Fufi gehen. Also geht er langsam.
Dabei kommt er nicht iiberall zurecht. Er mufi Sonntag bei alien sein,
die ihm Geld schuldig sind. Der Lohn ist Sonnabend bezahlt worden,
er ist also Montag nicht mehr vorhanden. Fahrt der Ratenhandler aber
Eisenbahn, so zahlt er auf jeden Fall, er kommt auch iiberall zurecht,
aber sehr oft ist der Wochenlohn schon am Sonntag nicht mehr vor-
handen.
So sind die jiidischen Schicksale.
Was kann ein Ostjude sonst werden? Ist er Arbeiter, so nimmt ihn
keine Fabrik. Es gibt viele heimische Arbeitslose. Aber selbst wenn es
sie nicht gabe - man nimmt nicht einmal christliche Auslander, ge-
schweige denn jiidische.
Es gibt auch ostjiidische Handwerker. In der Leopoldstadt und in der
Brigittenau leben viele ostjiidische Herrenschneider. Die Juden sind
begabte Schneider. Aber es ist ein Unterschied, ob man ein Lokal,
einen »Modesalon« im ersten Bezirk, in der Herrengasse hat oder eine
Werkstatt in der Kiiche eines Hauses in der Kleinen Schiffgasse.
Wer kommt in die Kleine Schiffgasse? Wer nicht gezwungen ist hinzu-
gehen, der geht lieber an ihr vorbei. In der Kleinen Schiffgasse riecht es
1927 863
nach Zwiebeln und Petroleum, nach Hering und Seife, nach Spiilwas-
ser und Hausrat, nach Benzin und Kochtopfen, nach Schimmel und
Delikatessen. Schmutzige Kinder spielen in der Kleinen Schiffgasse.
Man staubt Teppiche an offenen Fenstern und liiftet Betten. Flaumfe-
dern schwimmen in der Luft.
In so einer Gasse wohnt der jiidische kleine Schneider. Aber ware es
nur die Gasse! Seine Wohnung besteht aus einem Zimmer und einer
Kuche. Und nach den ratselhaften Gesetzen, nach denen Gott die Ju-
den regiert, hat ein armer ostjiidischer Schneider sechs und mehr Kin-
der, aber nur selten einen Gehilfen. Die Nahmaschine rasselt, das Bii-
geleisen steht auf dem Nudelbrett, auf dem Ehebett nimmt er Maft.
Wer sucht einen solchen Schneider auf?
Er »zehrt« nicht »am Mark der Eingeborenen«, der ostjiidische
Schneider. Er lockt keinen Kunden dem christlichen Schneider weg. Er
kann zuschneiden, seine Arbeit ist vorzuglich. Vielleicht wird er nach
zwanzig Jahren einen Modesalon im ersten Bezirk, in der Herrengasse
haben. Aber dann wird er ihn auch redlich verdient haben. Auch Ost-
juden sind keine Zauberer. Was sie erreichen, kostet Miihsal, Schweifi
und Not.
Wenn ein Ostjude viel Gliick und Geld hat, kann er unter Umstanden
eine »Konzession« erhalten und einen Laden aufmachen. Seine Kun-
den sind die kleinen, armen Leute des Viertels. Zum Beispiel der oben
geschilderte Herrenschneider. Der zahlt nicht bar, er hat Kredit. Das
sind die »Geschafte« der Ostjuden.
Es gibt ostjiidische Intellektuelle. Lehrer, Schreiber und so weiter. Es
gibt auch Almosenempfanger. Verschmahte Bettler. Straftenbettler.
Musikanten. Zeitungsverkaufer. Sogar Stiefelputzer.
Und sogenannte »Lufthandler«. Handler mit »Luftware«. Die Ware
liegt noch irgendwo in Ungarn auf einem Bahnhof. Sie liegt aber gar
nicht auf dem ungarischen Bahnhof. Sie wird am Franz-Josephs-Kai
gehandelt.
Es gibt ostjiidische Betriiger. Freilich: Betriiger! Aber es gibt auch
westeuropaische Betriiger.
864 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die zwei grofien Straften der Leopoldstadt sind: die Taborstrafie und
die Praterstrafte. Die Praterstrafie ist beinahe herrschaftlich. Sie fiihrt
direkt ins Vergniigen. Juden und Christen bevolkern sie. Sie ist glatt,
weit und hell. Sie hat viele Cafes.
Viele Cafes sind auch in der Taborstrafie. Es sind judische Cafes. Ihre
Besitzer sind meist jiidisch, ihre Gaste fast durchwegs. Die Juden ge-
hen gerne ins Kaffeehaus, um Zeitung zu lesen, Tarock und Schach zu
spielen und Geschafte zu machen.
Juden sind gute Schachspieler. Sie haben auch christliche Partner. Ein
guter christlicher Schachspieler kann kein Antisemit sein.
In den judischen Cafes gibt es stehende Gaste. Sie bilden im wahren
Sinne des Wortes die »Laufkundschaft«. Sie sind Stammgaste, ohne
Speise und Trank einzunehmen. Sie kommen achtzehnmal im Lauf
eines Vormittags ins Lokal. Das Geschaft erfordert es.
Sie verursachen viel Gerausch. Sie sprechen eindringlich, laut und un-
gezwungen. Weil alle Besucher Menschen von Welt und guten Manie-
ren sind, failt niemand auf, obwohl er auffallig ist.
In einem echten judischen Kaffeehaus kann man den Kopf unter den
Arm nehmen. Niemand kummert sich darum.
Der Krieg hat viele ostjiidische Fluchtlinge nach Wien gebracht. So-
lange ihre Heimat besetzt war, gab man ihnen »Unterstutzungen«.
Man schickte ihnen nicht etwa das Geld nach Haus. Sie mufiten in den
kaltesten Wintertagen, in den fruhesten Nachtstunden anstehen. Alle:
Greise, Kranke, Frauen, Kinder.
Sie schmuggelten. Sie brachten Mehl, Fleisch, Eier aus Ungarn. Man
sperrte sie in Ungarn ein, weil sie die Nahrungsmittel aufkauften. Man
sperrte sie in Osterreich ein, weil sie nichtrationierte Lebensmittel ins
Land brachten. Sie erleichterten den Wienern das Leben. Man sperrte
sie ein.
Nach dem Krieg wurden sie, zum Teil gewaltsam, repatriiert. Ein so-
zialdemokratischer Landeshauptmann lieft sie ausweisen. Fur Christ-
lichsoziale sind's Juden. Fur Deutschnationale sind sie Semiten. Fur
Sozialdemokraten sind sie unproduktive Elemente.
1927 865
Sie aber sind arbeitsloses Proletariat. Ein Hausierer ist ein Proletarier.
Wenn er nicht mit den Handen arbeitet, so schafft er mit den Firfien.
Wenn er keine bessere Arbeit findet, so ist es nicht seine Schuld. Wozu
diese Selbstverstandlichkeiten? Wer glaubt das Selbstverstandliche?
Berlin
Kein Ostjude geht freiwillig nach Berlin. Wer in aller Welt kommt
freiwillig nach Berlin?
Berlin ist eine Durchgangsstation, in der man aus zwingenden Griin-
den langer verweilt. Berlin hat kein Getto. Es hat ein jiidisches Viertel.
Hierher kommen die Emigranten, die liber Hamburg und Amsterdam
nach Amerika wollen. Hier bleiben sie oft stecken. Sie haben nicht
genug Geld. Oder ihre Papiere sind nicht in Ordnung.
(Freilich: die Papiere! Ein halbes jiidisches Leben verstreicht in zweck-
losem Kampf gegen Papiere.)
Die Ostjuden, die nach Berlin kommen, haben oft ein Durchreise-
visum, das sie berechtigt, zwei bis drei Tage in Deutschland zu bleiben.
Es sind schon manche, die nur ein Durchreisevisum hatten, zwei bis
drei Jahre in Berlin geblieben.
Von den alteingesessenen Berliner Ostjuden sind die meisten noch vor
dem Kriege gekommen. Verwandte sind ihnen nachgereist. Fluchtlinge
aus den okkupierten Gebieten kamen nach Berlin. Juden, die in Rut-
land, in der Ukraine, in Polen, in Litauen der deutschen Okkupations-
armee Dienste geleistet hatten, mulken mit der deutschen Armee nach
Deutschland.
Es gibt auch ostjiidische Verbrecher in Berlin. Taschendiebe, Hei-
ratsschwindler, Betriiger, Banknotenfalscher, Inflationsschieber. Fast
keine Einbrecher. Keine Morder, keine Raubmorder.
Vom Kampf um die Papiere, gegen die Papiere ist ein Ostjude nur
dann befreit, wenn er den Kampf gegen die Gesellschaft mit verbreche-
rischen Mitteln fiihrt. Der ostjiidische Verbrecher ist meist schon in
seiner Heimat Verbrecher gewesen. Er kommt nach Deutschland ohne
Papiere oder mit falschen. Er meldet sich nicht bei der Polizei.
Nur der ehrliche Ostjude - er ist nicht nur ehrlich, sondern auch
866 DAS JOURNALISTISCHE WERK
furchtsam - meldet sich bei der Polizei. Das ist in Preufien weit
schwieriger als in Osterreich. Die Berliner Kriminalpolizei hat die
Eigenschaft, in den Hausern nachzukontrollieren. Sie priift auch auf
der Strafie Papiere. In der Inflation geschah es haufig.
Der Handel mit alten Kleidern ist nicht verboten, aber er ist auch nicht
geduldet. Wer keinen Gewerbeschein besitzt, darf meine alte Hose
nicht kaufen. Er darf sie auch nicht verkaufen.
Dennoch kauft er sie. Er verkauft sie auch. Er steht in der Joachims-
thaler Strafie oder Ecke Joachims thaler Strafie und Kurfurstendamm
und tut so, als tate er gar nichts. Er mufi den Passanten ansehen, ob sie
erstens alte Kleider zu verkaufen haben, und zweitens, ob sie Geld
gebrauchen.
Die gekauften Kleider verkauft man am nachsten Morgen an der Klei-
derborse.
Auch unter den Hausierern gibt es Rangunterschiede. Es gibt reiche,
machtige Hausierer, zu denen die kleinen sehr demutig aufblicken. Je
reicher ein Hausierer ist, desto mehr verdient er. Er geht nicht auf die
Strafie. Er hat es nicht notig. Ja, ich weifi nicht einmal, ob ich ihn
wirklich »Hausierer« nennen darf. Eigentlich hat er einen Laden mit
alten Kleidern und einen Gewerbeschein. Und wenn es nicht sein eige-
ner Gewerbeschein ist, so ist es der eines Eingesessenen, eines Berliner
Burgers, der nichts vom Kleiderhandel versteht, aber prozentual am
Geschaft beteiligt ist.
In der Kleiderborse versammeln sich am Vormittag die Ladeninhaber
und die Hausierer. Diese bringen den Ertrag des vergangenen Tages,
alle alten Rocke und Kleider. Im Friihling ist Hausse in Sommer- und
Sportanziigen. Im Herbst ist Hausse in Cutaways, Smokings und ge-
streiften Hosen. Wer im Herbst mit Sommer- und Leinenanziigen
kommt, versteht das Geschaft nicht.
Die Kleider, die der Hausierer den Passanten fur ein lacherliches Geld
abgekauft hat, verkauft er mit einem lacherlich geringen Aufschlag an
den Ladeninhaber. Dieser lafJt die Kleider biigeln, »auffrischen«, rich-
ten. Dann hangt er sie vor sein Ladenschild und lafit sie flattern im
Wind.
Wer alte Kleider gut zu verkaufen versteht, wird bald neue Kleider
verkaufen konnen. Er wird ein Magazin eroffnen statt eines Ladens. Er
wird einmal Warenhausbesitzer werden.
In Berlin kann auch ein Hausierer Karriere machen. Er wird sich
1927 867
schneller assimilieren als seine Standesgenossen in Wien. Berlin gleicht
die Verschiedenen aus und ertotet Eigenheiten. Deshalb gibt es kein
grofies Berliner Getto.
Es gibt nur ein paar kleine Judenstraften, in der Nahe der Warschauer
Briicke und im Scheunenviertel. Die jiidischste aller Berliner Strafien
ist die traunge Hirtenstrafie.
So traurig ist keine Strafie der Welt. Die Hirtenstrafie hat nicht einmal
die hoffnungslose Freudigkeit eines vegetativen Schmutzes.
Die HirtenstraKe ist eine Berliner StraEe, gemildert durch ostjudische
Einwohner, aber nicht verandert. Keine Straftenbahn durchfahrt sie.
Kein Autobus. Selten ein Automobil. Immer Lastwagen, Karren, die
Plebejer unter den Fahrzeugen. Kleine Gasthauser stecken in den
Mauern. Man geht auf Stufen zu ihnen empor. Auf schmalen, unsaube-
ren, ausgetretenen Stufen. Sie gleichen dem Negativ ausgetretener Ab-
satze. In offenen Hausfluren liegt Unrat. Auch gesammelter, einge-
kaufter Unrat. Unrat als Handelsobjekt. Altes Zeitungspapier. Zerris-
sene Striimpfe. Alleinstehende Sohlen. Schniirsenkel. Schiirzenbander.
Die Hirtenstrafie ist langweilig vororthaft. Sie hat nicht den Charakter
einer Kleinstadtstrafie. Sie ist neu, billig, schon verbraucht, Schund-
ware. Eine Gasse aus einem Warenhaus. Aus einem billigen Waren-
haus. Sie hat einige blinde Schaufenster. Jiidisches Geback, Mohnbeu-
gel, Semmeln, schwarze Brote liegen in den Schaufenstern. Ein Ol-
kannchen, Fliegenpapier, schwitzendes.
Aufierdem gibt es da jiidische Talmudschulen und Bethauser. Man
sieht hebraische Buchstaben. Sie stehen fremd an diesen Mauern. Man
sieht hinter halbblinden Fenstern Buchernicken.
Man sieht Juden mit dem Talles unterm Arm. Sie gehen aus dem Bet-
haus Geschaften entgegen. Man sieht kranke Kinder, alte Frauen.
Der Versuch, diese Berliner langweilige, so gut wie moglich sau-
bergehaltene Strafie in ein Getto umzuwandeln, ist immer wieder
stark. Immer wieder ist Berlin starker. Die Einwohner kampfen einen
vergeblichen Kampf. Sie wollen sich breitmachen? Berlin driickt sie
zusammen.
868 DAS JOURNALISTISCHE WERK
3
Ich trete in eine der kleinen Schankwirtschaften. Im Hinterzimmer sit-
zen ein paar Gaste und warten auf das Mittagessen. Sie tragen die Hike
auf dem Kopf. Die Wirtin steht zwischen Kiiche und Gaststube. Hin-
ter dem Ladentisch steht der Mann. Er hat einen Bart aus rotem Zwirn.
Er ist furchtsam.
Wie sollte er nicht furchtsam sein? Kommt nicht die Polizei in diesen
Laden? War sie nicht schon einige Male da? Der Schwankwirt reicht
mir auf jeden Fall die Hand. Und auf jeden Fall sagt er: »Oh, das ist ein
Gast! Sie sind schon so lange nicht dagewesen.« Niemals schadet eine
herzliche Begriifiung.
Man trinkt das Nationalgetrank der Juden: Met. Das ist der Alkohol,
an dem sie sich berauschen konnen. Sie lieben den schweren dunkel-
braunen Met, er ist sufi, herb und kraftig.
Manchmal kommt nach Berlin der »Tempel Salomonis«. Diesen Tern-
pel hat ein Herr Frohmann aus Drohobycz getreu nach den genauen
Angaben der Bibel hergestellt, aus Fichtenholz und Pappmache und
Goldfarbe. Keineswegs aus Zedernholz und echtem Gold wie der
grofie Konig Salomo.
Frohmann behauptet, er hatte sieben Jahre an diesem Miniaturtempel-
chen gebaut. Ich glaube es. Einen Tempel wiederaufzubauen, genau
nach den Angaben der Bibel, erfordert ebensoviel Zeit wie Liebe.
Man sieht jeden Vorhang, jeden Vorhof, jede kleinste Turmzacke, je-
des heilige Gerat. Der Tempel steht auf einem Tisch im Hinterzimmer
einer Schenke. Es riecht nach jiidischen zwiebelgefullten Fischen. Sehr
wenige Besucher kommen. Die Alten kennen den Tempel schon, und
die Jungen wollen nach Palastina, nicht um Tempel, sondern um Land-
straften zu bauen.
Und Frohmann fahrt von einem Getto zum anderen, von Juden zu
Juden und zeigt ihnen sein Kunstwerk, Frohmann, der Hiiter der Tra-
dition und des einzigen grofien architektonischen Werkes, das die Ju-
den jemals geschaffen haben und das sie infolgedessen niemals verges-
sen werden. Ich glaube, daft Frohmann der Ausdruck dieser Sehnsucht
ist, der Sehnsucht eines ganzen Volkes. Ich habe einen alten Juden vor
1927 $6$
dem Miniaturtempel stehen gesehen. Er glich seinen Briidern, die an der
einzig iibriggebliebenen heiligen Mauer des zerstorten Tempels in Jeru-
salem stehen, weinen und beten.
5
Das Kabarett fand ich zufallig, wahrend ich an einem hellen Abend
durch die dunklen Strafien wanderte, durch die Fensterscheiben kleiner
Bethauser blickte, die nichts anderes waren als simple Verkaufsladen bei
Tag und Gotteshauser des Morgens und des Abends. So nahe sind den
Juden des Ostens Erwerb und Himmel; sie brauchen fur ihren Gottes-
dienst nichts als zehn Erwachsene, das heifit iiber dreizehn Jahre alte
Glaubensgenossen, einen Vorbeter und die Kenntnis der geographi-
schen Lage, um zu wissen, wo Osten ist, der Misrach, die Gegend des
Heiligen Landes, der Orient, aus dem das Licht kommen soil.
In dieser Gegend wird alles improvisiert: der Tempel durch die Zusam-
menkunft, der Handel durch das Stehenbleiben in der Strafienmitte. Es
ist immer noch der Auszug aus Agypten, der schon Jahrtausende anhalt.
Man mufi immer auf dem Sprung sein, alles mit sich fuhren, das Brot
und eine Zwiebel in der Tasche, in der anderen die Gebetriemen. Wer
weifS, ob man in der nachsten Stunde nicht schon wieder wandern mufi.
Auch das Theater entsteht plotzlich.
Jenes, das ich sah, war im Hof eines schmutzigen und alten Gasthofes
etabliert. Es war ein viereckiger Lichthof, Gange und Korridore mit
Glasfenstern klebten an seinen Wanden und enthullten verschiedene
Intimitaten der Hauslichkeit, Betten, Hemden und Eimer. Eine alte
verirrte Linde stand in der Mitte und reprasentierte die Natur. Durch
ein paar erleuchtete Fenster sah man das Innere einer rituellen Gast-
hofkuche. Der Dampf stieg aus den kochenden Topfen, eine dicke Frau
schwang einen Loffel, ihre fetten Arme waren halb entblofk. Unmittel-
bar vor den Fenstern und so, daft sie es zur Halfte verdeckte, stand ein
Podium, von dem aus man direkt in den Flur des Restaurants gelangen
konnte. Vor dem Podium saft die Musik, eine Kapelle aus sechs Man-
nern, von denen die Sage ging, daft sie Briider sind und Sonne des groften
Musikers Mendel aus Berdiczew, an den sich noch die altesten Juden aus
dem Osten erinnern konnen und dessen Geigenspiel so herrlich war,
dafi man es nicht vergessen kann, weder in Litauen noch in Wolynien,
noch in Galizien.
870 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Die Schauspielertruppe, die hier bald auftreten sollte, nannte sich
»Truppe Surokin«. Surokin hiefi ihr Direktor, Regisseur und Kassierer,
ein dicker, glattrasierter Herr aus Kowno, der schon in Amerika gesun-
gen hatte, Vorbeter und Tenor, Synagogen- und Opernheld, verwohnt,
stolz und herablassend, Unternehmer und Kamerad zu gleichen Teilen.
Das Publikum safi an kleinen Tischen, afi Brot und Wurst und trank Bier,
holte sich Speise und Trank selbst aus dem Restaurant, unterhielt sich,
schrie, lachte. Es bestand aus kleinen Kaufleuten und deren Familien,
nicht mehr orthodox, sondern »aufgeklart«, wie man im Osten Juden
nennt, die sich rasieren lassen (wenn auch nur einmal wochentlich) und
europaische Kleidung tragen. Diese Juden befolgen die religiosen Brau-
che mehr aus Pietat als aus religiosem Bediirfnis : Sie denken an Gott nur,
wenn sie ihn brauchen, und es ist ihr Gluck, dafi sie ihn ziemlich oft
brauchen. Unter ihnen finden sich Zyniker und Aberglaubische, aber alle
werden in bestimmten Situationen sentimental und in ihrer Geruhrtheit
riihrend. Sie sind in Dingen des Geschafts riicksichtslos gegeneinander
und gegen Fremde - und doch braucht man nur an eine bestimmte
verborgene Saite zu riihren, um sie opferwillig, gutig und human zu
machen. J a, sie konnen weinen, besonders in einem solchen Freiluftthea-
ter, wie es dieses war.
Die Truppe bestand aus zwei Frauen und drei Mannern - und bei dem
Versuch zu schildern, wie und was sie auf dem Podium aufgefuhrt haben,
stocke ich. Das ganze Programm war improvisiert. Zuerst trat ein diin-
ner, kleiner Mann auf, in seinem Gesicht saft die Nase wie ein Fremdes,
sehr Verwundertes; es war eine impertinente, zudringlich fragende und
dennoch riihrende, lacherliche Nase, eher slawisch als judisch, breite
Fliigel mit einem unvermutet spitzen Ende. Der Mann mit dieser Nase
spielte einen Batlen, einen narrisch-weisen Spafimacher, er sang alte
Lieder und verulkte sie, indem er ihnen iiberraschende komische, wider-
sinnige Pointen anhangte. Dann sangen beide Frauen ein altes Lied, ein
Schauspieler erzahlte eine humoristische Geschichte von Scholem Ale-
chem, und zum Schlufi rezitierte der Herr Direktor Surokin moderne
hebraische und jiddische Gedichte lebender und jiingst verstorbener
judischer Autoren ; er sprach die hebraischen Verse und gleich darauf ihre
jiidische Ubersetzung, und manchmal begann er, zwei, drei Strophen
leise zu singen, als sange er so fur sich, in seinem Zimmer, und es wurde
totenstill, und die kleinen Kauf leute hatten grofie Augen und stiitzten das
Kinn auf die Faust, und man horte das Rauschen der Linde.
1927 8/i
Ich weifi nicht, ob Sie alle die jiidischen Melodien des Ostens kennen,
und ich will versuchen, Ihnen eine Vorstellung von dieser Musik zu
geben. Ich glaube, sie am deutlichsten gekennzeichnet zu haben, wenn
ich sie bezeichne als eine Mischung von Rutland und Jerusalem, von
Volkslied und Psalm. Diese Musik ist synagogal-pathetisch und volks-
tumlich naiv. Der Text scheint, wenn er nur gelesen wird, eine heitere,
flotte Musik zu erfordern. Hon man ihn aber gesungen, so ist es ein
schmerzliches Lied, das »unter Tranen lachelt«. Hat man es einmal
gehort, so klingt es wochenlang nach, der Gegensatz war ein scheinba-
rer, in Wirklichkeit kann dieser Text in keiner anderen Melodie gesun-
gen werden. Er lautet:
Ynter die griene Beimelach
sizzen die Mojschelach, Schlojmelach,
Eugen wie gliehende Keulalach . . .
(Augen wie gluhende Kohlen)
Sie sitzen! Sie tummeln sich nicht etwa unter den griinen Baumen.
Tummelten sie sich - dann ware der Rhythmus dieser Zeilen so flott,
wie er es auf den ersten Blick zu sein scheint. Aber sie tummeln sich
nicht, die kleinen Judenknaben.
Ich horte das alte Lied, das Jerusalem, die Stadt singt, so wehmiitig,
dafi ihr Schmerz liber ganz Europa weit hinein nach dem Osten weht,
iiber Spanien, Deutschland, Frankreich, Holland, den ganzen bitteren
Weg der Juden entlang. Jerusalem singt:
Kim, kim, Jisruleki 1 aheim (nach Hause)
in dein teures Land arain . . .
Diesen Sang verstanden alle Kaufleute. Die kleinen Menschen tranken
kein Bier und afien keine Wiirste mehr. So wurden sie prapariert fiir
die schone ernste, sogar schwierige und manchmal abstrakte Poesie des
grofien hebraischen Dichters Bialik, dessen Lieder in fast alle Kultur-
sprachen iibersetzt sind und von dem eine Wiederbelebung der he-
braischen Schriftsprache ausgegangen sein soil, die sie endgiiltig zu
einer lebendigen macht. Dieser Dichter hat den Zorn alter Propheten
und die sulk Stimme eines jubelnden Kindes.
872 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Paris
I
Die Ostjuden haben nicht leicht den Weg nach Paris gefunden. Sie
kamen viel leichter nach Briissel und Amsterdam. Der direkte Weg
des jiidischen Juwelenhandels fiihrt nach Amsterdam. Einige arm ge-
wordene und einige reich werdende jiidische Juwelenhandler bleiben
aus Zwang im franzosischen Sprachgebiet.
Der kleine Ostjude hat eine ubertriebene Furcht vor einer ganz frem-
den Sprache. Deutsch ist beinahe seine Muttersprache. Er wandert
viel lieber nach Deutschland als nach Frankreich. Der Ostjude lernt
leicht fremde Sprachen verstehen, aber seine Aussprache wird niemals
rein. Er wird immer erkannt. Es ist sein gesunder Instinkt, der ihn
vor den romanischen Landern warnt.
Auch gesunde Instinkte irren. Die Ostjuden leben in Paris fast wie
Gott in Frankreich. Niemand hindert sie hier, Geschafte und sogar
Gettos aufzumachen. Es gibt einige jiidische Viertel in Paris, in der
Nahe des Montmartre und in der Nahe der Bastille. Es sind die alte-
sten Pariser Stadtteile. Es sind die altesten Pariser Hauser mit der bil-
ligsten Miete. Juden geben nicht gerne Geld fur »unniitzen« Komfort
aus, solange sie nicht sehr reich sind.
Sie haben es schon aus aufieren Grlinden in Paris leicht. Ihre Physio-
gnomic verrat sie nicht. Ihre Lebhaftigkeit fallt nicht auf. Ihr Witz
begegnet dem franzosischen auf halbem Weg. Paris ist eine wirkliche
Weltstadt. Wien ist einmal eine gewesen. Berlin wird erst einmal eine
sein. Die wirkliche Weltstadt ist objektiv. Sie hat Vorurteile wie die
anderen, aber keine Zeit, sie anzuwenden. Im Wiener Prater gibt es
beinah keine antisemitische Aufierung, obwohl nicht alle Besucher
Judenfreunde sind und obwohl neben ihnen, zwischen ihnen die ost-
lichsten der Ostjuden wandeln. Weshalb? Weil man sich im Prater
freut. In der Taborstrafie, die zum Prater fiihrt, fangt der Antisemit
an, antisemtisch zu sein. In der Taborstrafte freut man sich nicht
mehr.
In Berlin freut man sich nicht. Aber in Paris herrscht die Freude. In
Paris beschrankt sich der grobe Antisemitismus auf die freudlosen
Franzosen. Das sind die Royalisten, die Gruppe um die Action fran-
gaise. Es wundert mich nicht, dafi sie in Frankreich ohnmachtig sind
1927 8/3
und immer bleiben werden. Sie sind zu wenig franzosisch. Sie sind zu
pathetisch und zu wenig ironisch.
Paris ist sachlich, obwohl Sachlichkeit eine deutsche Tugend sein mag.
Paris ist demokratisch. Der Deutsche ist menschlich. Aber in Paris hat
die praktische Humanitat eine grofie, starke Tradition. In Paris erst
fangen die Ostjuden an, Westeuropaer zu werden. Sie werden Franzo-
sen. Sie werden sogar Patrioten.
Der bittere Lebenskampf der Ostjuden, der gegen »die Papiere«, wird
in Paris gemildert. Die Polizei ist von einer humanen Nachlassigkeit.
Sie ist zuganglicher der Individuality und dem Personlichen. Die deut-
sche Polizei hat Kategorien. Die Pariser Polizei lalk sich leicht uberre-
den. In Paris kann man sich anmelden, ohne viermal zuriickgeschickt
zu werden.
Die Pariser Ostjuden dlirfen leben, wie sie wollen. Sie konnen ihre
Kinder in rein jiidische Schulen schicken oder in franzosische. Die in
Paris geborenen Kinder der Ostjuden konnen franzosische Staatsbiir-
ger werden. Frankreich braucht Menschen. Ja, es ist geradezu seine
Aufgabe, schwach bevolkert zu sein und immer wieder Menschen zu
brauchen, Fremde franzosisch zu machen. Es ist seine Starke und seine
Schwache.
Freilich lebt ein franzosischer Antisemitismus auch in den Nicht-
Royalisten. Aber kein hundertgradiger. Die an einen viel starkeren,
riideren, brutaleren Antisemitismus gewohnten Ostjuden geben sich
mit dem franzosischen zufrieden.
Sie diirfen sich zufriedengeben. Sie haben religiose, kulturelle, natio-
nale Freiheiten. Sie diirfen Jiddisch reden, soviel und so laut sie wollen.
Sie diirfen sogar schlecht Franzosisch sprechen, ohne dafi man sie ver-
dachtigt. Die Folge dieses Entgegenkommens ist, daft sie Franzosisch
lernen, dafi ihre Kinder kein Jiddisch mehr sprechen. Sie verstehen es
gerade noch. Es hat mich belustigt, in den Strafien des Pariser Juden-
viertels die Eltern Jiddisch, die Kinder Franzosisch sprechen zu horen.
Auf jiddische Fragen erfolgen franzosische Antworten. Diese Kinder
sind begabt. Sie werden es in Frankreich zu etwas bringen, wenn Gott
will. Und Gott will es, wie mir scheint.
Die Berliner jiidischen Schenken in der Hirtenstrafk sind traurig, kuhl
874 DAS JOURNALISTISCHE WERK
und still. Die Pariser judischen Gasthauser sind lustig, warm und laut.
Sie machen alle gute Geschafte. Ich habe manchmal bei Herrn Wein-
grod gegessen. Er fiihrt ausgezeichnete Bratganse. Er braut einen gu-
ten, starken Schnaps. Er amiisiert die Gaste. Er sagt zu seiner Frau:
»Gib mir das Soil und Haben, s'il vous plait. « Und die Frau sagt:
»Nehmen Sie sich vom Biifett, si vous voulez!« Sie sprechen ein wirk-
lich heiteres Kauderwelsch.
Ich habe Herrn Weingrod gefragt: »Wie sind Sie nach Paris gekom-
men?« Da sagt Herr Weingrod: »Excusez, monsieur, pourquoi nicht
nach Paris? Aus Rufiland schmeifit man mich hinaus, in Polen spent
man mich ein, nach Deutschland gibt man mir kein Visum. Pourquoi
soil ich nicht kommen nach Paris ?«
Herr Weingrod ist ein tapferer Mann, er hat ein Bein verloren, er hat
eine Prothese und ist immer guter Laune. Er hat sich in Frankreich
freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Viele Ostjuden haben freiwillig
und aus Dankbarkeit im franzosischen Heer gedient. Aber das Bein
hat Weingrod nicht im Krieg verloren. Er kam gesund zuriick, mit
heilen Knochen. Da sieht man, wie das Schicksal lauert, wenn es will.
Weingrod verlafit den Laden, will iiber die Strafienmitte. Niemals, ein-
mal in der Woche vielleicht, fahrt ein Auto durch diese Gasse. Gerade
jetzt kommt es, da Weingrod himiberwill. Fahrt ihn nieder. So verlor
er ein Bein.
3
Ich habe ein jiddisches Theater in Paris besucht. In der Garderobe
wurden Kinderwagen abgegeben. Regenschirme nahm man in den
Saai. Im Parkett safien Mutter mit Sauglingen. Die Stuhlreihen waren
lose, man konnte die Sessel herausnehmen. An den Seitenwanden lust-
wandelten Zuschauer. Der eine verliefi seinen Platz, der andere setzte
sich. Man aft Orangen. Es spritzte und roch. Man sprach laut, sang
mit, klatschte den Darstellern auf offener Szene. Die jungen judischen
Frauen sprachen nur Franzosisch. Sie waren pariserisch elegant. Sie
waren schon. Sie sahen aus wie Frauen aus Marseille. Sie sind parise-
risch begabt. Sie sind kokett und kiihl. Sie sind leicht und sachlich. Sie
sind treu wie die Pariserinnen. Die Assimilation eines Volkes beginnt
immer bei den Frauen. Man gab einen Schwank in drei Akten. Im
ersten Akt will die judische Familie eines kleinen russischen Dorfes
1927 8/5
auswandern. Im zweiten kriegt sie die Passe. Im dritten ist die Familie
in Amerika, reich geworden und protzig, und im Begriff, ihre alte Hei-
mat zu vergessen und die alten Freunde aus der Heimat, die nach Ame-
rika kommen. Dieses Stuck gibt reichlich Gelegenheit, amerikanische
Schlager zu singen und alte russisch-jiddische Lieder. Als die russi-
schen Lieder und Tanze kamen, weinten die Darsteller und die Zu-
schauer. Hatten nur jene geweint, es ware kitschig gewesen. Aber als
diese weinten, wurde es schmerzlich. Juden sind leicht geruhrt - das
wufite ich. Aber ich wufite nicht, dafi ein Heimweh sie riihren konnte.
Es war eine so innige, beinahe private Beziehung von der Biihne zum
Zuschauer. Fur dieses Volk Schauspieler sein ist schon. Der Regisseur
trat vor und kundigte die nachsten Programmwechsel an. Nicht durch
Zeitung, nicht durch Plakate. Mundlich. Von Mensch zu Mensch. Er
sprach: »Ihr werdet Mittwoch den Herrn X. aus Amerika sehen.« Er
sprach wie ein Fiihrer zu seinen Getreuen. Er sprach unmittelbar und
witzig. Seinen Witz verstand man. Ahnte beinahe voraus. Erwitterte
die Pointe.
Ich sprach in Frankreich mit einem judischen Artisten aus Radziwil-
low, dem alten russisch-osterreichischen Grenzort. Er war ein musika-
lischer Clown und verdiente viel. Er war ein Clown aus Uberzeugung
und nicht von Geburt. Er entstammte einer Musikantenfamilie. Sein
Urgrofivater, sein Grofivater, sein Vater, seine Briider waren jiidische
Hochzeitsmusikanten. Er, der einzige, konnte seine Heimat verlassen
und im Westen Musik studieren. Ein reicher Jude unterstiitzte ihn. Er
kam in eine Musikhochschule in Wien. Er komponierte. Er gab Kon-
zerte. »Aber«, sagte er, »was soil ein Jude der Welt ernste Musik ma-
chen? Ich bin immer ein Clown in dieser Welt, auch wenn man ernste
Referate uber mich bringt und Herren von den Zeitungen mit Brillen
in den ersten Reihen sitzen. Soil ich Beethoven spielen? Soil ich Kol
Nidre spielen? Eines Abends, als ich auf der Biihne stand, begann ich,
mich vor Lachen zu schiitteln. Was machte ich der Welt vor, ich, ein
Musikant aus Radziwillow? Soil ich nach Radziwillow zuruckkehren
und bei judischen Hochzeiten auf spielen? Werde ich dort nicht noch
lacherlicher sein?
An jenem Abend sah ich ein, daf$ mir nichts anderes ubrigblieb, als in
876 DAS JOURNALISTISCHE WERK
den Zirkus zu gehen, nicht, um ein Herrenreiter zu sein oder ein Seil-
tanzer! Das ist nichts fur Juden. Ich bin ein Clown. Und seit meinem
ersten Auftreten im Zirkus ist es mir ganz klar, daft ich die Tradition
meiner Vater gar nicht verleugnet habe und dafi ich bin, was sie hatten
sein sollen. Zwar wiirden sie erschrecken, wenn sie mich sehen wiir-
den. Ich spiele Zieh- und Mundharmonika und Saxophon, und es freut
mich, dafi die Leute gar nicht wissen, dafi ich Beethoven spielen kann.
Ich bin ein Jud aus Radziwillow.
Ich habe Frankreich gern. Fur alle Artisten ist die Welt vielleicht uber-
all gleich. Aber fur mich nicht. Ich gehe in jeder grofien Stadt Juden
aus Radziwillow suchen. In jeder grofien Stadt trefP ich zwei oder
drei. Wir reden miteinander. In Paris leben auch einige. Sind sie nicht
aus Radziwillow, so sind sie aus Dubno. Und sind sie nicht aus
Dubno, so sind sie aus Kischinew. Und in Paris geht es ihnen gut. Es
geht ihnen gut. Es konnen doch nicht alle Juden beim Zirkus sein?
Wenn sie nicht beim Zirkus sind, miissen sie mit alien fremden und
gleichgultigen Menschen gut sein, und mit niemandem diirfen sie es
sich verderben. Ich brauche nur in der Artistenliga eingeschrieben zu
sein. Das ist ein grofier Vorteil. In Paris leben die Juden frei. Ich bin
ein Patriot, ich hab J ein jiidisches Herz.«
5
In dem grofien Hafen Marseille kommen jahrlich ein paar Juden aus
dem Osten an. Sie wollen ein Schiff besteigen. Oder sie kommen ge-
rade von Bord. Sie haben irgendwo hinfahren wollen. Das Geld ist
ihnen ausgegangen. Sie mufiten an Land gehen. Sie schleppen alles Ge-
pack zum Postamt, geben ein Telegramm auf und warten auf Antwort.
Aber Telegramme werden nicht schnell beantwortet, und solche iiber-
haupt nicht, in denen um Geld gebeten wird. Ganze Familien nachti-
gen unter freiem Himmel.
Manche, einzelne bleiben in Marseille. Sie werden Dolmetscher. Dol-
metscher sein ist ein judischer Beruf. Es handelt sich nicht darum zu
iibersetzen, ins Franzosische aus dem Englischen, ins Franzosische aus
dem Russischen, ins Franzosische aus dem Deutschen. Es handelt sich
darum, den Fremden zu iibersetzen, auch, wenn er nichts gesprochen
hat. Er braucht den Mund nicht aufzumachen. Christliche Dolmet-
scher iibersetzen vielleicht. Jiidische erraten.
1927 877
Sie verdienen Geld. Sie fiihren die Fremden in gute Wirtsstuben, aber
auch auf die Dorfer. Die Dolmetscher beteiligen sich am Geschaft. Sie
verdienen Geld. Sie gehen zum Hafen, besteigen ein Schiff und fahren
nach Siidamerika. Nach den Vereinigten Staaten kommen die Ostjuden
schwer. Die erlaubte Zahl ist langst und oft iiberschritten.
Einige ostjiidische Studenten sind nach Italien gefahren. Die italienische
Regierung - sie hat manches gutzumachen - verleiht Stipendien jiidi-
schen Studenten.
Viele Ostjuden haben sich nach dem Zerfall der Monarchic in das neuer-
standene Siidslawien begeben.
Aus Ungarn werden Ostjuden prinzipiell ausgewiesen. Kein ungarischer
Jude wird sich ihrer annehmen. Die Mehrzahl der ungarischen Juden
sind - trotz Horthy - nationalmagyarisch. Es gibt ungarische nationali-
stische Rabbiner.
Wohin konnen die Ostjuden sonst fahren?
Nach Spanien kommen sie nicht. Es ruht ein Bannfluch der Rabbis auf
Spanien, seitdem die Juden dieses Land hatten verlassen miissen. Auch
die Nichtfrommen, »die Aufgeklarten«, huten sich, nach Spanien zu
fahren. Erst in diesem Jahr erlischt der Bannfluch.
Von einigen ostjiidischen Studenten horte ich, daft sie nach Spanien
fahren wollten. Sie werden gut daran tun, die polnischen Universitaten,
auf denen der Numerus clausus herrscht, die Wiener Universitat, auf der
aufier dem Numerus clausus auch noch die Borniertheit herrscht, und die
deutschen Universitaten, an denen der Bierkrug herrscht, zu verlassen.
Es wird noch einige Jahre dauern. Dann werden Ostjuden nach Spanien
kommen. Alte Legenden, die man sich im Osten erzahlt, kmipfen an den
langen Auf enthalt der Juden in Spanien an . Es ist manchmal wie eine stille
Sehnsucht, ein verdrangtes Heimweh nach diesem Lande, das so stark an
die Urheimat, an Palastina, erinnert.
878 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Man kann sich freilich keinen starkeren Gegensatz denken als den zwi-
schen Ostjuden und spaniolischen. Die spaniolischen Juden verachten
die Aschkenasim im allgemeinen, die Ostjuden im besonderen. Die
spaniolischen Juden sind stolz auf ihre alte adelige Rasse. Mischehen
zwischen Spaniolen und Aschkenasim kommen selten, zwischen Spa-
niolen und Ostjuden fast niemals von
Nach einer alten Legende sind einmal zwei Ostjuden durch die Welt
gezogen, um Geld zum Bau einer Synagoge zu sammeln. Sie kamen zu
Fufi durch Deutschland, sie kamen an den Rhein, gingen nach Frank-
reich und begaben sich in die alte jiidische Gemeinde Frankreichs,
nach Montpellier. Von hier zogen sie ostwarts, ohne Karte, ohne die
Wege zu kennen, und verirrten sich. Sie gelangten in einer finstern
Nacht in das lebensgefahrliche Spanien, wo sie getotet worden waren,
wenn sich nicht ihrer die frommen Monche eines spanischen Klosters
angenommen hatten. Die Monche luden die jiidischen Wanderer zu
einem Disput ein, waren iiber die Gelehrtheit der Juden sehr erfreut,
brachten sie sicher iiber die Grenze zuriick und gaben ihnen noch
einen Klumpen Gold, zum Bau der Synagoge. Beim Abschied mufiten
die Juden schworen, das Gold wirklich zum Bau der Synagoge zu ver-
wenden.
Die Juden schworen. Aber die Sitte (wenn auch nicht das Gesetz) ver-
bot ihnen, das Gold, das aus dem Besitz eines Klosters, wenn auch
eines freundlichen, kam, fur das Heiligtum zu benutzen. Sie iiberlegten
lange und kamen endlich auf die Idee, aus dem Goldklumpen eine Ku-
gel zu formen und sie auf dem Dach der Synagoge als eine Art Wahr-
zeichen anzubringen.
Diese goldene Kugel leuchtet noch auf dem Dach der Synagoge. Und
sie ist das einzige, das die Juden des Ostens noch mit ihrer alten spani-
schen Heimat verbindet.
Diese Geschichte erzahlte mir ein alter Jude. Er war Thoraschreiber
von Beruf, ein Sophar, ein frommer und ein weiser und ein armer
Mann. Er war ein Gegner der Zionisten.
»Jetzt«, sagte er, »wird der Cherem (der Bannfluch) gegen Spanien
erloschen. Ich habe nichts dagegen, daft meine Enkel nach Spanien ge-
hen. Es ist den Juden nicht immer dort schlechtgegangen. Es gab
1927 8/9
fromme Menschen in Spanien, und wo fromme Christen sind, konnen
auch Juden leben. Denn die Gottesfurcht ist immer noch sicherer als
die sogenannte moderne Humanitat.«
Er wufke nicht, der Alte, daft die Humanitat nicht mehr modern ist. Er
war nur ein armer Thoraschreiber.
EIN JUDE GEHT NACH AMERIKA
Immer noch und obwohl die erlaubte Zahl fur die ostlichen Emwande-
rer schon einigemal iiberschritten war und obwohl die amerikanischen
Konsulate so viele Papiere verlangen wie kein Konsulat der Welt, im-
mer noch wandern viele Ostjuden nach Amerika aus.
Amerika ist die Feme. Amerika heifk die Freiheit. In Amerika lebt
immer irgendein Verwandter.
Es ist schwer, eine jiidische Familie im Osten zu finden, die nicht ir-
gendeinen Vetter, irgendeinen Onkel in Amerika besitzen wiirde. Vor
zwanzig Jahren ist einmal einer ausgewandert. Er floh vor dem Militar.
Oder er desertierte, nachdem er assentiert worden war.
Wenn die Ostjuden nicht soviel Angst hatten, sie konnten sich mit
Recht riihmen, das militarfeindlichste Volk der Welt zu sein. Sie waren
lange Zeit von ihren Vaterlandern, Ruftland und Osterreich, nicht
wiirdig befunden worden, Militardienst zu leisten. Erst als die staats-
biirgerliche Gleichberechtigung der Juden kam, muftten sie einriicken.
Es war eigentlich eine Gleichverpflichtung, keine Gleichberechtigung.
Denn hatten bis dahin nur die Zivilbehorden die Juden schikaniert, so
waren sie nun auch den Schikanen der Militarbehorden ausgeliefert.
Die Juden trugen den Schimpf, nicht dienen zu miissen, mit grofter
Freude. Als man ihnen die grofie Ehre, kampfen, exerzieren und fallen
zu durfen, verkiindete, herrschte unter ihnen Trauer. Wer sich dem
20. Lebensjahr naherte und so gesund war, daft er annehmen mufke,
man wiirde ihn assentieren, floh nach Amerika. Wer kein Geld hatte,
verstummelte sich. Die Selbstverstiimmelung grassierte ein paar Jahr-
zehnte vor dem Krieg unter den Juden des Ostens. Die so grofte
Furcht vor dem Soldatenleben hatten, lieflen sich einen Finger abhak-
050 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ken, die Sehnen an den Fiifien durchschneiden und Gifte in die Augen
schiitten. Sie wurden heldenhafte Kriippel, blind, lahm, krumm, sie
unterwarfen sich dem langwierigsten, hafilichsten Leid. Sie wollten
nicht dienen. Sie wollten nicht in den Krieg ziehen und fallen. Ihre
Vernunft war immer wach und rechnete. Ihre helle Vernunft berech-
nete, dafi es immer noch nutzlicher ist, lahm zu leben, als gesund zu
sterben. Ihre Frommigkeit unterstiitzte die Uberlegung. Es war nicht
nur dumm, fur einen Kaiser, fur einen Zaren zu sterben, es war auch
eine Siinde, fern von der Thora und entgegen ihren Geboten zu leben.
Eine Siinde, Schweinefleisch zu essen. Am Sabbat eine Waffe zu tra-
gen. Zu exerzieren. Gegen einen unschuldigen, fremden Menschen die
Hand, geschweige denn das Schwert zu erheben. Die Ostjuden waren
die heldenmiitigsten Pazifisten. Sie litten fur den Pazifismus. Sie mach-
ten sich freiwillig zu Kriippeln. Noch hat niemand das Heldenlied von
diesen Juden gedichtet.
»Die Kommission kommt!« Es war ein Schreckensruf. Gemeint war
die militararztliche Musterungskommission, die alle kleinen Stadte be-
reiste, um Soldaten auszuheben. Wochen vorher begann das »Plagen«.
Die jungen Juden plagten sich, um schwach zu werden, um Herzfehler
zu bekommen. Sie schliefen nicht, sie rauchten, sie wanderten, sie lie-
fen, sie wurden ausschweifend zu frommen Zwecken.
Auf jeden Fall aber bestach man noch die Militararzte. Die Vermittler
waren hohere Beamte und ehemalige Militararzte, die wegen dunkler
Affaren den Dienst hatten quittieren miissen. Ganze Scharen von Mili-
tararzten wurden reich, verliefien das Heer und eroffneten eine Privat-
praxis, die zum Teil darin bestand, Bestechungen zu vermitteln.
Wer Geld besafi, iiberlegte sich, ob er es mit einer Bestechung oder
einer Flucht nach Amerika versuchen sollte. Die Mutigsten gingen
nach Amerika. Nie mehr durften sie zuriick. Sie verzichteten. Sie ver-
zichteten schweren Herzens auf die Familie und leichten Herzens auf
das Vaterland.
Sie gingen nach Amerika.
1927
Das sind heute die sagenhaften Vettern der Ostjuden. Die fniheren
Deserteure sind driiben reiche, zumindest wohlhabende Kaufleute.
Der alte judische Gott war mit ihnen. Er belohnte ihre Militarfeind-
schaft.
Dieser Vetter in Amerika ist die letzte Hoffnung jeder ostjiidischen
Familie. Er hat schon lange nicht geschrieben, dieser Vetter. Man weifi
nur, dafi er sich verheiratet und Kinder gezeugt hat. Irgendein altes,
vergilbtes Bild hangt an der Wand. Vor zwanzig Jahren kam es an.
Zehn Dollar lagen dabei. Man hat lange nichts mehr von ihm gehort.
Dennoch zweifelt die Familie in Dubno nicht, dafi man ihn in New
York oder Chicago finden wird. Freilich heifit er nicht mehr so jii-
disch, wie er zu Hause genannt worden war. Er spricht Englisch, er ist
amerikanischer Staatsbiirger, seine Anziige sind bequem, seine Hosen
sind weit, seine Rocke haben breite Schultern. Man wird ihn doch er-
kennen. Der Besuch wird ihm vielleicht nicht angenehm sein. Hinaus-
werfen wird er seine Verwandten sicherlich nicht.
Und wahrend man so seiner gedenkt, kommt eines Tages der Brieftra-
ger mit einem dicken Einschreibebrief. Dieser Brief enthalt Dollars,
Anfragen, Wiinsche und GriiEe und verspricht »bald eine Schiffs-
karte«.
Von diesem Augenblick an »fahrt man nach Amerika«. Die Jahreszei-
ten wechseln, die Monate reihen sich aneinander, das Jahr verrollt,
man hort nichts von einer Schiffskarte, aber »man fahrt nach Ame-
rika«. Die ganze Stadt weifi es, die umliegenden Dorfer wissen es und
die benachbarten kleinen Stadte.
Ein Fremder kommt und fragt: »Was macht Jizchok Meier?« »Er fahrt
nach Amerika«, erwidern die Einheimischen; indessen Jizchok Meier
noch heute und morgen wie gestern und vorgestern seinen Geschaften
nachgeht und scheinbar sich nichts in seinem Haus verandert.
In Wirklichkeit verandert sich viel. Er stellt sich namlich um. Er riistet
innerlich fiir Amerika. Er weift schon genau, was er mitnehmen und
was er behalten wird, was er zurucklassen und was er verkaufen wird.
Er weifi schon, was mit dem Viertelhaus, das auf seinen Namen inta-
buliert ist, geschieht. Er hat einmal ein Viertelhaus geerbt. Die andern
drei Viertel besaften drei Verwandte. Die sind gestorben oder ausge-
wandert. Die drei Viertel gehoren jetzt einem Fremden. Diesem
552 DAS JOURNALISTISCHE WERK
konnte man noch das letzte Viertel abtreten. Allein er zahlt nicht viel.
Wer also sonst in aller Welt kauft ein Viertel von einem Haus? Man
wird also, wenn es »hypothekenfrei« ist, noch moglichst viel Schulden
aufzunehmen trachten. Das gelingt nach einiger Zeit. Man hat Bargeld
oder Wechsel, die so gut sind wie Bargeld.
Der Jude, der nach Amerika will, lernt nicht etwa Englisch. Wie er im
fremden Land zurechtkommen wird, weifi er schon. Er spricht Jid-
disch, die am weitesten verbreitete, geographisch, nicht zahlenmafiig
verbreitete Sprache. Er wird sich verstandigen. Er braucht nicht Eng-
lisch zu verstehen. Die seit 30 Jahren im Judenviertel von New York
ansassigen Juden sprechen auch noch Jiddisch und konnen ihre eige-
nen Enkel nicht mehr verstehen.
Die Sprache des fremden Landes also kann er schon. Es ist seine Mut-
tersprache. Auch Geld hat er. Ihm fehlt nur noch der Mut.
Er furchtet nicht Amerika, er furchtet den Ozean. Er ist gewohnt,
durch weite Lander zu wandern, aber nicht iibers Meer. Einmal, als
seine Vorfahren ein Meer zu uberqueren hatten, geschah ein Wunder,
und die Wasser teilten sich. Wenn er durch den Ozean von seiner Hei-
mat getrennt ist, so trennt ihn eine Ewigkeit von ihr. Vor Schiffen hat
der Ostjude Angst. Dem Schiff traut er auch nicht. Seit Jahrhunderten
lebt der Ostjude im Binnenland. Er furchtet die Steppe nicht, nicht die
Grenzenlosigkeit des Flachlandes. Er furchtet die Desorientierung. Er
ist gewohnt, dreimal am Tag sich gegen Misrach, den Osten, zu wen-
den. Das ist mehr als eine religiose Vorschrift. Das ist die tiefgefuhlte
Notwendigkeit, zu wissen, wo man sich befindet. Seinen Standpunkt
zu kennen. Von der Sicherheit des geographischen Standpunktes aus
kann man seinen Weg am besten finden und Gottes Wege am besten
erkennen. Man weifi ungefahr, wo Palastina liegt.
Auf dem Meer aber weifi man nicht, wo Gott wohnt. Man erkennt
nicht, wo der Misrach liegt. Man kennt seine Stellung zur Welt nicht.
Man ist nicht frei. Man ist abhangig vom Kurs, den das Schiff genom-
men hat. Wer so tief das Bewufksein im Blut hat wie der Ostjude, daE
es jeden Augenblick gelten kann zu fliehen, fuhlt sich auf dem Schiff
nicht frei. Wohin kann er sich retten, wenn etwas geschieht? Seit Jahr-
tausenden rettet er sich. Seit Jahrtausenden geschieht immer etwas
Drohendes. Seit Jahrtausenden flieht er immer. Was geschehen kann? -
Wer weift es? Konnen nicht auch auf einem Schiff Pogrome ausbre-
chen? Wohin dann?
1927 883
Wenn einen Passagier auf dem Schiff der Tod iiberrascht, wo begrabt
man den Toten? Man versenkt die Leiche im Wasser. Die alte Legende
aber von der Ankunft des Messias beschreibt genau die Wiederaufer-
stehung der Toten. Alle Juden, die in fremder Erde begraben sind,
werden unterirdisch rollen miissen, bis sie in Palastina angelangt sind.
Gliicklich diejenigen, die schon in Palastina begraben werden. Sie er-
sparen sich die weite und miihevolle Reise. Die unaufhorliche, meilen-
lange Drehung. Werden aber auch die Toten erwachen, die ins Wasser
versenkt worden sind? Gibt es Land unter dem Wasser? Welch selt-
same Geschopfe wohnen dort unten? Eine judische Leiche darf nicht
seziert werden, ganz, unversehrt mufi der Mensch dem Staub wieder
iibergeben werden. Fressen die Haifische nicht die Wasserleichen?
Aufierdem ist die versprochene Schiffskarte noch nicht da. Sie mufi
freilich kommen. Aber sie allein geniigt ja auch noch nicht. Man mufi
die Einreisebewilligung haben. Die bekommt man ohne Papiere nicht.
Wo sind die Papiere?
Und nun beginnt der letzte, erschutterndste Kampf gegen die Papiere,
urn die Papiere. Ist dieser Kampf siegreich, dann braucht man nichts
mehr. Druben in Amerika kriegt jeder so fort einen neuen Namen und
ein neues Papier.
Man wundere sich nicht liber die Pietatlosigkeit der Juden gegen ihre
Namen. Mit einer Leichtfertigkeit, die iiberraschend wirkt, wechseln
sie ihre Namen, die Namen ihrer Vater, deren Klang doch immerhin
fur europaische Gemuter irgendeinen Gefiihlswert hat.
Fur die Juden hat der Name deshalb keinen Wert, weil er gar nicht ihr
Name ist. Juden, Ostjuden, haben keinen Namen. Sie tragen aufge-
zwungene Pseudonyme. Ihr wirklicher Name ist der, mit dem sie am
Sabbat und an Feiertagen zur Thora aufgerufen werden: ihr judischer
Vorname und der judische Vorname ihres Vaters. Die Familiennamen
aber von Goldenberg bis zu Hescheles sind aufoktroyierte Namen.
Die Regierungen haben den Juden befohlen, Namen anzunehmen.
Sind es ihre eigenen? Wenn einer Nachman heifit und seinen Vorna-
men in ein europaisches Norbert verandert, ist nicht Norbert die Ver-
kleidung, das Pseudonym? Ist es etwa mehr als Mimikry? Empfindet
das Chamaleon Pietat gegeniiber den Farben, die es fortwahrend
wechseln mufi? Der Jude schreibt in Amerika Greenboom statt Griin-
baum. Er trauert nicht um die veranderten Vokale.
884 DAS JOURNALISTISCHE WERK
3
Leider ist er noch immer nicht soweit, sich nennen zu konnen, wie er
will. Noch ist er in Polen, in Litauen. Noch mufite er Papiere haben,
die seine Geburt, seine Existenz, seine Identitat beweisen.
Und er fangt an, die Wege zu wandern, die genauso uniibersichtlich,
verworren, ziellos und tragisch, lacherlich im kleinen sind, wie einst
die Wege seiner Vater im groEen waren. Man schickt ihn nicht von
Pontius zu Pilatus, man schickt ihn vom Vorzimmer des Pontius zum
geschlossenen Tor des Pilatus. Uberhaupt sind alle Staatstiiren ver-
schlossen. Nur mit Kanzleisekretaren sperrt man sie auf. Wenn aber
uberhaupt jemand am Zuruckschicken seine Freude haben kann, so
sind es die Kanzleisekretare.
Man kann sie bestechen? Als ob eine Bestechung leicht ware! Weifi
man, ob eine Bestechung nicht einen grofiartigen Prozefi eintragt und
mit Gefangnis endet? Man weifi nur, dafi alle Beamten bestechlich
sind. Ja, alle Menschen sind bestechlich. Die Bestechlichkeit ist eine
Tugend der menschlichen Natur. Aber wann und ob einer seine Be-
stechlichkeit eingesteht, kann man nie wissen. Man kann nicht wissen,
ob der Beamte, der schon zehnmal Geld genommen hat, beim elften-
mal die Anzeige erstattet, einfach, um zu beweisen, dafi er zehnmal
nichts genommen hat, und um noch weitere hundertmal nehmen zu
konnen.
Gliicklicherweise gibt es fast iiberall Leute, die ganz genau um die
Seele des Beamten Bescheid wissen und die davon leben. Auch diese
Kenner sind Juden. Aber weil sie so selten vorkommen und vereinzelt
in jeder Stadt und weil sie die Fahigkeit haben, mit den Beamten in der
Landessprache zu trinken, sind diese Juden beinahe selbst schon Be-
amte, und sie selbst muE man zuerst bestechen, um uberhaupt erst
einmal bestechen zu konnen.
Aber auch die vollendete Bestechung erspart keine Demutigungen und
keine unniitzen Wege. Man ertragt Demutigungen und wandert nutz-
lose Wege.
Dann hat man die Papiere.
1927 885
Wenn also alles klappt, macht Amerika die Grenze wieder zu, sagt,
fiir dieses Jahr hatte es schon der Ostjuden genug, und nun sitzt man
da und wartet auf das nachste Jahr.
Dann endlich fahrt man vierter Klasse Personenzug sechs Tage nach
Hamburg. Man wartet weitere zwei Wochen auf das Schiff. Schliefi-
Hch besteigt man es. Und wahrend alle Passagiere mit Schnupftiichern
winken und dem Weinen nahe sind, ist der jiidische Emigrant zum
erstenmal in seinem Leben froh. Er hat Angst, aber auch Gottver-
trauen. Er fahrt in ein Land, das alle Ankommenden mit einer riesen-
grofien Freiheitsstatue griifit. Diesem riesigen Monument muft die
Wirklichkeit einigermafien entsprechen.
Einigermafien entspricht die Wirklichkeit dem Symbol. Aber nicht
etwa deshalb, weil man es driiben mit der Freiheit aller Menschen so
ernst nimmt, sondern weil es driiben noch jiidischere Juden gibt,
namlich Neger. Dort ist ein Jude zwar ein Jude. Aber er ist in der
Hauptsache ein Weifier. Zum erstenmal bietet ihm seine Rasse einen
Vorteil.
Der Ostjude fahrt dritter Klasse beziehungsweise Zwischendeck. Die
Uberfahrt ist besser, als er es sich vorgestellt hat, aber die Landung ist
schwieriger.
Schon die arztliche Untersuchung im europaischen Hafen war libel
genug. Nun kommt auch noch eine strengere Untersuchung. Und ir-
gendwo stimmen die Papiere nicht ganz.
Es sind zwar richtige, mit grower Miihe erhaltene Papiere. Aber sie
sehen dennoch so aus, als ob sie nicht stimmten.
Moglich auch, daft auf dem Schiff ein Ungeziefer sich ins Hemd des
Juden geschlichen hat.
Alles ist moglich.
Und der Jude kommt in eine Art Gefangenschaft, die man Quaran-
tine nennt oder ahnlich.
Ein hoher Zaun schutzt Amerika vor ihm.
Durch die Gitter seines Kerkers sieht er die Freiheitsstatue, und er
weift nicht, ob er oder die Freiheit eingesperrt ist.
Er darf nachdenken, wie es in New York sein wird. Er kann sich's
kaum vorstellen.
So aber wird es sein: Er wird zwischen zwolfstockigen Hausern, zwi-
886 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schen Chinesen, Ungarn und anderen Juden wohnen, wieder ein
Hausierer sein, wieder die Polizei fiirchten, wieder schikaniert werden.
Seine Kinder werden vielleicht Amerikaner werden. Vielleicht be-
riihmte Amerikaner, reiche Amerikaner. Konige irgendeines Materials.
Davon traumt der Jude hinter den Gittern seiner Quarantine.
DIE LAGE DER JUDEN IN SOWJETRUSSLAND
Auch im alten Rufiland waren die Juden eine »nationale Minderheit« ;
aber eine mifihandelte. Durch Verachtung, Unterdriickung und Po-
grom kennzeichnete man die Juden als eine eigene Nation. Man war
nicht etwa bestrebt, sie durch Vergewaltigung zu assimilieren. Man
war bestrebt, sie abzugrenzen. Die Mittel, die man gegen sie anwandte,
sahen so aus, als wollte man sie vertilgen.
In den westlichen Landern war der Antisemitismus vielleicht ein pri-
mitiver Abwehrinstinkt. Im christlichen Mittelalter ein religioser Fa-
natismus. In Rufiland war der Antisemitismus ein Mittel zu regieren.
Der einfache Muschik war kein Antisemit. Der Jude war ihm kein
Freund, sondern ein Fremder. Rufiland, das fur so viele Fremde Raum
hatte, war auch frei fur diesen. Der Halbgebildete und der Burger wa-
ren Antisemisten - weil der Adel es war. Der Adel war es, weil der Hof
es war. Der Hof war es, weil der Zar, fur den es sich nicht schickte,
seine eigenen, rechtglaubigen »Landeskinder« zu fiirchten, vorgab, nur
die Juden zu fiirchten. Man schrieb ihnen infolgedessen Eigenschaften
zu, die sie alien Standen gefahrlich erscheinen liefien: fur den einfachen
»Mann aus dem Volke« wurden sie Ritualmorder; fur den kleinen Be-
sitzer Zerstorer des Eigentums; fur den hoheren Beamten plebejische
Schwindler, fur den Adel gefahrliche, weil kluge Sklaven; fur den klei-
nen Beamten endlich, den Funktionar aller Stande, waren die Juden
alles: Ritualmorder, Kramer, Revolutionare und Pobel.
In den westlichen Landern brachte das i8.Jahrhundert die Emanzipa-
tion der Juden. In Rutland begann der offizielle, legitime Antisemitis-
mus in den 8oer Jahren des i9.Jahrhunderts. In den Jahren 1881-82
organisierte Plehwe, der spatere Minister, die ersten Pogrome in Siid-
rufiland. Sie sollten die revolutionaren jungen Juden abschrecken.
1927 887
Aber der gedungene Pobel, der sich nicht fur Attentate rachen, son-
dern nur plundern wollte, iiberfiel die Hauser der reichen konservatf-
ven Juden, auf die man es gar nicht abgesehen hatte. Man ging deshalb
zu den sogenannten »stillen Pogromen« uber, schuf die bekannten
»Ansiedlungsbereiche«, vertrieb die jiidischen Handwerker aus den
grofien Stadten, bestimmte einen Numerus clausus fiir die jiidischen
Schulen (3 : 100) und unterdriickte die judische Intelligenz an den
Hochschulen. Da aber gleichzeitig der judische Millionar und Eisen-
bahnunternehmer Poljakow ein intimer Freund des Zarenhofes war
und man seinen Angestellten den Aufenthalt in den grofien Stadten
gestatten mufite, wurden Tausende russischer Juden Poljakows »An-
gestellte«. Derlei Auswege gab es viele. Der Schlauheit der Juden ent-
sprach die Bestechlichkeit der Beamten. Deshalb ging man in den er-
sten Jahren des 20. Jahrhunderts wieder zu den offenen Pogromen
iiber und zu den kleinen und groften Rkualmordprozessen ...
Heute ist Sowjetrufiland das einzige Land in Europa, in dem der Anti-
semitismus verpont ist, wenn er auch nicht aufgehort hat. Die Juden
sind vollkommen freie Burger - mag ihre Freiheit auch noch nicht die
Losung der jiidischen Frage bedeuten. Als Individuen sind sie frei von
Haft und Verfolgung. Als Volk haben sie alle Rechte einer »nationalen
Minderheit«. Die Geschichte der Juden kennt kein Beispiel einer so
plotzlichen und einer so vollkommenen Befreiung.
Von den zwei Millionen siebenhundertfiinfzigtausend Juden in Rut-
land sind: 300 000 organisierte Arbeiter und Angestellte; 130 000 Bau-
ern; 700000 Handwerker und freie Berufe. Der Rest besteht: a) aus
Kapitalisten und »Deklassierten«, die als »unproduktive Elemente«
gelten; b) aus kleinen Handlern, Vermktlern, Agenten, Hausierern, die
als nicht produzierende, aber proletarische Elemente angesehen wer-
den. Die Kolonisation der Juden wird eifrig betrieben - zum Teil mit
amerikanischem Geld, das vor der Revolution fast ausschlieftlich der
Palastina- Kolonisation zugute kam. Es gibt judische Kolonien in der
Ukraine, bei Odessa, bei Cherson, in der Krim. Seit der Revolution
sind 6000 judische Familien zur Landarbeit herangezogen worden. Im
ganzen wurden 102 000 Desjatinen Acker den jiidischen Bauern zuge-
teilt. Gleichzeitig »industrialisiert« man die Juden, das heifit: Man ver-
sucht, die »unproduktiven Elemente« als Arbeiter in den Fabriken un-
terzubringen und die Jugend in den (etwa 30) jiidisch »professionell-
technischen« Schulen zu Facharbeitern heranzubilden.
888 DAS JOURNALISTISCHE WERK
In alien Orten mit starker jiidischer Bevolkerung gibt es Schulen mit
judischer Unterrichtssprache; in der Ukraine allein 350000 Frequen-
tanten judischer Schulen, in Weifirufiland ungefahr 90 000. Es gibt in
der Ukraine 33 Gerichtskammern mit judischer Verhandlungssprache,
jiidische Vorsteher in Kreisgerichten, jiidische Miliz-(Polizei-)Ver-
bande. Es erscheinen drei grofie Zeitungen in jiidischer Sprache, drei
Wochenschriften, fiinf Monatshefte, es gibt einige jiidische Staatsthea-
ter, an den Hochschulen bilden die nationalen Juden einen starken
Prozentsatz, in der Kommunistischen Partei ebenfalls. Es gibt 600000
jiidische Jungkommunisten.
Man sieht aus diesen paar Zahlen und Fakten, wie man in Sowjetrufi-
land an die Losung der jiidischen Frage herangeht: mit dem unbeirrba-
ren Glauben an die Unfehlbarkeit der Theorie, mit einem etwas unbe-
kiimmerten, undifferenzierten, aber edlen und reinen Idealismus. Was
verordnet die Theorie? - Nationale Autonomic! - Aber um dieses Re-
zept vollstandig anwenden zu konnen, mufi man aus den Juden erst
eine »richtige« nationale Minderheit machen, wie es zum Beispiel die
Grusinier, die Deutschen, die Weifirussen sind. Man mufi die unnatiir-
liche soziale Struktur der jiidischen Masse verandern, aus einem Volk,
das von alien Volkern der Welt am meisten Bettler, amerikanische
»Pension-Empf anger «, Schnorrer und Deklassierte hat, ein Volk mit
einer landesublichen Physiognomie machen. Und weil dieses Volk in
einem sozialistischen Staat leben soil, mufi man seine kleinbiirgerlichen
Elemente und die »unproduktiven« verbauern lassen und proletarisie-
ren. Schliefilich wird man ihnen ein geschlossenes Gebiet anweisen
miissen.
Es ist selbstverstandlich, dafi ein so kiihner Versuch nicht in einigen
Jahren gelingen kann. Das Elend der armen Juden ist vorlaufig nur
gemildert durch die Freiziigigkeit. Aber so viel auch in die neuer-
schlossenen Gebiete abwandern - die alten Gettos sind immer noch
uberfiillt. Ich glaube, dafi der jiidische Proletarier schlechter lebt als
jeder andere. Meine traurigsten Erlebnisse verdanke ich meinen Wan-
derungen durch die Moldowanka, das Judenviertel von Odessa. Da
geht ein schwerer Nebel herum wie ein Schicksal, da ist der Abend ein
Unheil, der aufsteigende Mond ein Hohn. Die Bettler sind hier nicht
nur die iibliche Fassade der Stadt, hier sind sie dreifache Bettler, denn
hier sind sie zu Hause. Jedes Haus hat fiinf, sechs, sieben winzige La-
den. Jeder Laden ist eine Wohnung. Vor dem Fenster, das zugleich die
1927 889
Tiir ist, steht die Werkstatt, hinter ihr das Bett, liber dem Bett hangen
die Kinder in Korben - und das Ungliick wiegt sie hin und her. GrofSe,
vierschrotige Manner kehren heim: Es sind die judischen Lasttrager
vom Hafen. Inmitten ihrer kleinen, schwachen, hysterischen, blassen
Stammesgenossen sehen sie fremd aus, eine wilde, barbarische Rasse,
unter alte Semiten verirrt. Alle Handwerker arbeiten bis in die spaten
Nachtstunden. Aus alien Fenstern weint ein triibes, gelbes Licht. Das
sind merkwurdige Lichter, die keine Helligkeit verbreiten, sondern
eine Art Finsternis mit hellem Kern. Sie sind nicht verwandt mit dem
segensreichen Feuer. Sie sind nur Seelen von Dunkelheiten . . .
Die alte, die wichtigste Frage stellt die Revolution iiberhaupt nicht: ob
die Juden eine Nation sind wie jede andere; ob sie nicht weniger oder
mehr sind; ob sie eine Religionsgemeinschaft, eine Stammesgemein-
schaft oder nur eine geistige Einheit sind; ob es moglich ist, ein Volk,
das sich durch die Jahrtausende nur durch seine Religion und die Aus-
nahmestellung in Europa erhalten hat, unabhangig von seiner Religion
als »Volk« zu betrachten; ob in diesem besonderen Fall eine Trennung
von Kirche und Nationalist moglich ist; ob es moglich ist, aus Men-
schen mit ererbten geistigen Interessen Bauern zu machen; aus stark
gepragten Individualitaten Individuen mit Massenpsychologie.
Ich habe jiidische Bauern gesehn: Sie haben freilich keinen Getto-Ty-
pus mehr, sie sind Landmenschen, aber sie unterscheiden sich sehr
deutlich von anderen Bauern. Der russische Bauer ist zuerst Bauer und
dann Russe; der jiidische zuerst Jude und dann Bauer. Ich weift, dafi
diese Formulierung jeden »konkret eingestellten« Menschen sofort zu
der hohnischen Frage reizt: »Woher wissen Sie das?!« - Ich sehe das.
Ich sehe, dafi man nicht umsonst 4000 Jahre Jude gewesen ist, nichts
als Jude. Man hat ein altes Schicksal, ein altes, gleichsam erfahrenes
Blut. Man ist ein geistiger Mensch. Man gehort einem Volk an, das seit
2 000 Jahren keinen einzigen Analphabeten gehabt hat, einem Volk mit
mehr Zeitschriften als Zeitungen, einem Volk, wahrscheinlich dem
einzigen der Welt, dessen Zeitschriften eine weit hohere Auflage haben
als seine Zeitungen. Wahrend ringsum die andern Bauern erst muhselig
zu schreiben und zu lesen anfangen, walzt der Jude hinter dem Pflug
die Probleme der Relativitatstheorie in seinem Hirn. Fur Bauern mit so
komplizierten Gehirnen sind noch keine Ackergerate erfunden wor-
den. Ein primitives Gerat erfordert einen primitiven Kopf. Ein Traktor
890 DAS JOURNALISTISCHE WERK
selbst ist, verglichen mit dem dialektischen Verstand des Juden, ein
einfaches Werkzeug. Die Kolonien der Juden mogen gut erhalten, sau-
ber, ertragreich sein. (Bis jetzt sind es nur sehr wenige.) Aber sie sind
eben »Kolonien«. Sie werden keine Dorfer.
Ich kenne den billigsten aller Einwande: dafi die Ahle, der Hobel, der
Hammer der jiidischen Handwerker gewifi nicht komplizierter sind als
der Pflug. Aber dafiir ist die Arbeit eine unmittelbar schopferische.
Den schopferischen Prozefi bei der Entstehung des Brotes besorgt die
Natur. Aber die Erschaffung eines Stiefels besorgt der Mensch ganz
allein.
Ich kenne auch den andern Ein wand: dafi so viele Juden Fabrikarbeiter
sind. Aber erstens sind die meisten gelernte Facharbeiter; zweitens hal-
ten sie ihr hungriges Gehirn schadlos fur die mechanische Handarbeit
durch geistige Nebenbeschaftigung, durch kiinstlerischen Dilettantis-
ms, durch eine verstarkte politische Tatigkeit, durch eifrige Lektiire,
durch Mitarbeit an Zeitungen; drittens kann man gerade in Rutland
eine zwar nicht zahlenmafiig starke, aber standige Abwanderung jiidi-
scher Arbeiter aus Fabriken beobachten. Sie werden Handwerker, also
selbstandig - wenn auch nicht Unternehmer.
Ein kleiner jiidischer »Heiratsvermittler« - kann er ein Bauer werden?
Seine Beschaftigung ist nicht nur unproduktiv, sie ist in einem gewis-
sen Sinn auch unmoralisch. Er hat schlecht gelebt, wenig verdient,
mehr »geschnorrt« als gearbeitet. Aber welch eine verwickelte, schwie-
rige, wenn auch verwerfliche Arbeit hat sein Gehirn geleistet, um »eine
Partie« zu vermitteln, einen geizigen, reichen Volksgenossen zu einem
betrachtlichen Almosen zu veranlassen? Was soil dieses Gehirn in der
todlichen Ruhe?
Die »Produktivitat« der Juden ist ja niemals eine grob sichtbare. Wenn
zwanzig Generationen unproduktiver Griibler nur dazu gelebt haben,
um einen einzigen Spinoza hervorzubringen; wenn zehn Generationen
Rabbiner und Handler notig sind, um einen Mendelssohn zu zeugen;
wenn dreifiig Generationen bettelnder Hochzeitsmusikanten nur dazu
geigen, damit ein beriihmter Virtuose entstehe, so nehme ich diese
»Unproduktivitat« in Kauf. Vielleicht waren auch Marx und Lassalle
ausgeblieben, wenn man aus ihren Vorfahren Bauern gemacht hatte.
Wenn man also in Sowjetruftland Synagogen in Arbeiterklubs verwan-
delt und die Talmudschulen verbietet, weil sie angeblich religiose sind,
1927 891
so miifke man sich zuerst ganz klar dariiber sein, was bei den Ostjuden
Wissenschaft, was Religion, was Nationalitat ist. Aber Wissenschaft ist
ja bei ihnen Religion, und Religion - Nationalitat. Ihren Klerus bilden
ihre Gelehrten, ihr Gebet ist eine nationale Aufierung. Was aber jetzt
in Rufiland als »nationale Minderheit« Rechte und Freiheit geniefien
wird, Land bekommt und Arbeit - das ist eine ganz andere judische
Nation, Das ist ein Volk mit alten Kopfen und neuen Handen; mit
altem Blut und verhaltnismafiig neuer Schriftsprache; mit alten Giitern
und neuer Lebensform; mit alten Talenten und neuer Nationalkultur.
Der Zionismus wollte Tradition und neuzeitlichen KompromiE. Die
nationalen Juden Rufilands blicken nicht zuriick, sie wollen nicht die
Erben der alten Hebraer sein, sondern nur ihre Nachkommen.
Selbstverstandlich weckt ihre plotzliche Freiheit hier und dort einen
heftigen, wenn auch stillen Antisemitismus. Wenn ein arbeitsloser
Russe sieht, daft ein Jude in einer Fabrik Aufnahme findet, um »indu-
strialisiert« zu werden, wenn ein Bauer, den man enteignet hat, von der
judischen Kolonisation hort, so regt sich gewifi in beiden der alte, ha£-
liche, kunstlich geziichtete Instinkt. Aber wahrend er im Westen eine
»Wissenschaft« geworden ist, der Blutdurst bei uns eine politische
»Gesinnung« ist, bleibt im neuen Rufiland der Antisemitismus eine
Schande. Die offentliche Scham wird ihn umbringen.
Wird in Rutland die Judenfrage gelost, so ist sie in alien Landern zur
Halite gelost. (Judische Emigranten aus Rutland gibt es noch kaum,
eher judische Einwanderer.) Die Glaubigkeit der Massen nimmt in
einem rapiden Tempo ab, die starkeren Schranken der Religion fallen,
die schwacheren nationalen ersetzen sie schlecht. Wenn diese Entwick-
lung dauert, ist die Zeit des Zionismus vorbei, die Zeit des Antisemitis-
mus - und vielleicht auch die des Judentums. Man wird es hier begrii-
fien und dort bedauern. Aber jeder mufi achtungsvoll zusehn, wie ein
Volk befreit wird von der Schmach zu leiden und ein anderes von der
Schmach zu mifShandeln; wie der Geschlagene von der Qual erlost
wird und der Schlagende vom Fluch, der schlimmer ist als eine Qual.
Das ist ein groftes Werk der russischen Revolution.
NACHWORT
Es ist mir eine hochst unerwiinschte Pflicht, den geschatzten Leser
zum Schlufi auf die Tatsache hinzuweisen, dafi sich wahrscheinlich die
Verhaltnisse der Juden in Sowjet-Rufiland, so, wie ich sie im letzten
Abschnitt zu schildern versucht habe, geandert haben diirften. Zahlen
und Ziffern stehen mir nicht zur Verfugung. Meine im Vorliegenden
mitgeteilten Angaben hatte ich von einer Studienreise in Rufiland mit-
gebracht. Die gewifi unzuverlassigen, weil tendenziosen Angaben, die
ich vielleicht aus Moskau erhalten konnte, darf ich nicht verwenden,
wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen Zeugnis ablegen soil.
Aber ich bin gewifi, dafi sich in der prinzipiellen Haltung Sowjet-Rufi-
lands den Juden gegeniiber nichts geandert hat. Auf dieses Prinzip aber
kommt es an; nicht auf die Zahlen.
Es ist vielleicht gestattet, an dieser Stelle auf das schauerlichste Ereignis
des letzten Jahres hinzuweisen, und zwar mit Bezug auf meine Mittei-
lungen uber den jiidischen Bannfluch, der nach der Vertreibung der
Juden aus Spanien von den Rabbinern ausgesprochen wurde: auf den
Spanischen Burgerkrieg. Wenigen Lesern wird wahrscheinlich die Ver-
sion bekannt sein, der zufolge in diesen Jahren der Cherem, der grofie
Bannfluch, erloschen sollte. Ich darf mir selbstverstandlich nicht an-
mafien, eine deutliche Beziehung zwischen dem Metaphysischen und
der so grauenhaften Realitat herzustellen. Aber ich darf es wo hi ver-
antworten, wenn ich auf diese immerhin frappierenden Tatsachen hin-
weise.
Ich will nicht etwa die Formulierung gelten lassen: Just, wenn der
Bannfluch erlischt, beginnt die grofite Katastrophe, die Spanien jemals
gekannt hat. Ich will nur auf diese - gewift mehr als nur kuriose -
Gleichzeitigkeit hingewiesen haben; und auf jenen Satz der Vater, der
lautet: »Das Gericht des Herrn tagt zu jeder Stunde, hier unten und
dort oben.«
Es vergehen manchmal Jahrhunderte - aber das Urteil ist unausbleib-
lich.
Im Juni 1937 Joseph Roth
VORREDE 2UR GEPLANTEN NEUAUFLAGE
I
Als ich vor vielen Jahren dieses Buch schrieb, das ich jetzt in abgean-
derter Fassung den Lesern wieder darbieten mochte, gab es noch kein
akutes Westjuden-Problem. Es handelte sich nur damals in der Haupt-
sache darum, den Nichtjuden und Juden Westeuropas Verstandnis fin-
das Ungliick der Ostjuden beizubringen: insbesondere im Lande der
unbegrenzten Moglichkeiten, das nicht etwa Amerika heifit, sondern
Deutschland. Ein latenter Antisemitismus war freilich immer dort (wie
iiberall) vorhanden. In dem begreiflichen Bestreben, ihn entweder
nicht zur Kenntnis zu nehmen oder ihn zu iibersehen, und in jener
tragischen Verblendung, die bei vielen, bei den meisten Westjuden den
verlorenen oder verwasserten Glauben der Vater zu ersetzen scheint
und die ich den Aberglauben an den Fortschritt nenne, fiihlten sich die
deutschen Juden trotz allerhand bedrohlichen antisemitischen Sym-
ptomen als ebenbiirtige Deutsche; an hohen Feiertagen bestenfalls als
jiidische Deutsche. Manche unter ihnen waren leider oft versucht, fur
die Aufierungen der antisemitischen Instinkte die nach Deutschland
eingewanderten Ostjuden verantwortlich zu machen. Es ist eine - oft
iibersehene - Tatsache, daft auch Juden antisemitische Instinkte haben
konnen. Man will nicht durch einen Fremden, der eben aus Lodz ge-
kommen ist, an den eigenen Grofivater erinnert werden, der aus Posen
oder Kattowitz stammt. Es ist die ignoble, aber verstandliche Haltung
eines gefahrdeten Kleinbiirgers, der eben im Begriff ist, die recht steile
Leiter zur Terrasse der Groftbourgeoisie mit Freiluft und Fernaussicht
emporzuklimmen. Beim Anblick eines Vetters aus Lodz kann man
leicht die Balance verlieren und abstiirzen.
In dem Bestreben, jene Terrasse zu erreichen, auf der Adelige, christli-
che Industrielle und jiidische Finanzmenschen unter bestimmten Um-
standen geneigt waren, vorzugeben, dafi sie alle gleich seien, und ihre
Gleichheit so nachdriicklich betonten, dafi jeder Empfindliche deutlich
hatte horen konnen, dafi sie eigentlich alle ihre Ungleichheit betonten,
warf der deutsche Jude seinem Glaubensgenossen sehr schnell ein Al-
mosen zu, um nur nicht am Aufstieg behindert zu werden. Almosen
einem Fremden geben ist die schimpflichste Art der Gastfreundschaft;
894 DAS JOURNALISTISCHE WERK
aber immerhin noch Gastfreundschaft. Es gab aber manche deutsche
Juden - und einer ihrer Reprasentanten biifit heute im Konzentrationsla-
ger-, die sich nicht nur einbildeten, ohne den Zuzug der ostjiidischen
Menschen ware alles in Butter, schlimmstenfalls in deutscher Margarine,
sondern die sogar audi den plebejischen Biittel auf den hilflosen Fremd-
ling hetzten, wie man Hunde hetzt auf Landstreicher. Als aber dann der
Biittel zur Macht kam, der Hausmeister die »herrschaftliche Wohnung«
okkupierte, alle Kettenhunde sich losrissen, sah der deutsche Jude, dafi er
heimatloser und schutzloser war als noch vor einigen Jahren sein Vetter
aus Lodz. Er war hochmutig geworden. Er hatte den Gott seiner Vater
verloren und einen Gotzen, den zivilisatorischen Patriotismus, gewon-
nen. Ihn aber hatte Gott nicht vergessen. Und der schickte ihn auf die
Wanderung: ein Leid, das den Juden gemafi ist — und alien andern auch.
Auf dafi sie nicht vergessen, dafi nichts in dieser Welt bestandig ist, auch
die Heimat nicht; und dafi unser Leben kurz ist, kiirzer noch als das
Leben der Elefanten, der Krokodile und der Raben. Sogar Papageien
iiberleben uns.
II
Nun scheint es mir an der Zeit, die deutschen Juden vor ihren Lodzer
Vettern ebenso zu verteidigen, wie ich damals die Lodzer Vettern vor den
Deutschen zu verteidigen versucht hatte. Der deutsche Jude ist nicht
einmal ein Ostjude. Das Wandern hat er verlernt, das Leiden und das
Beten. Er kann nur arbeiten - und gerade dieses erlaubt man ihm nicht.
Von den 600 000 deutschen Juden sind etwa 100 000 ausgewandert. Die
Mehrzahl findet nirgends Arbeit. Ja, sie diirfen nicht einmal Arbeit
suchen. Die Reisepasse laufen ab und werden ungiiltig. Und man weifl,
dafi die zeitgenossischen Menschenleben fast ebenso von den Passen
abhangig sein konnen wie die altertumlichen von den bekannten Faden.
Mit den von den klassischen Parzen ererbten Scheren stehen sie da,
Gesandtschaften, Konsulate, Geheime Staatspolizisten. Ungliickliche
werden von niemandem geliebt, nicht einmal von ihren nachsten Kolle-
gen, den Unglucklichen; lediglich von Frommen und Heiligen, die man
in dieser plebejisierten Welt ebenso verachtet wie die Juden. Wohin soil
man gehn ? Der Emigrant errat dank der Feinf uhligkeit seiner Wirrnis, die
den sechsten Sinn verleiht, jene unsichtbare Inschrift, die ringsum, an
alien Grenzen, ihm zuruft: »Bleibe im Lande und stirb elend!«
1927 895
Diese ausgewanderten deutschen Juden bflden gleichsam ein ganz neues
Volk: Sie haben verlernt, Juden zu sein; sie fangen an, das Judensein
langsam zu erlernen. Sie konnen nicht vergessen, dafi sie Deutsche sind,
und sie konnen auch ihr Deutschtum nicht verlernen. Wie Schnecken
sind sie, die zwei Hauser zugleich auf ihrem Riicken tragen. In alien
fremden Landern, in den exotischen gar, wirken sie deutsch. Sie konnen
es nicht so leicht leugnen, wenn sie nicht liigen wollen. Ach! die gemeine
Welt denkt in herkommlichen, faulen, abgegriffenen Schablonen. Sie
fragt einen Wanderer nicht nach dem Wohin, sondern nach dem Woher.
Indessen ist einem Wanderer doch das Ziel wichtig, und nicht der Aus-
gangspunkt.
Ill
Wenn eine Katastrophe hereinbricht, sind die Menschen nebenan hilf-
reich aus Erschutterung. Das ist die Wirkung akuter Katastrophen. Es
scheint, dafi die Menschen wissen, dafi Katastrophen kurz sind. Aber
chronische Katastrophen konnen die Nachbarn so wenig ertragen, dafi
ihnen allmahlich Katastrophen und deren Opfer gleichgiiltig, wenn
nicht unangenehm werden. So tief eingepflanzt ist in den Menschen der
Sinn fur Ordnung, Regel und Gesetz, daft sie der gesetzlosen Ausnah-
men, der Verwirrung, dem Wahn und dem Irrsinn nur eine knappe
Zeitspanne zugestehen wollen. Wenn der Wahn aber lange dauert, er-
lahmen die hilfreichen Arme, erlischt das Feuer der Barmherzigkeit.
Man gewohnt sich an das eigene Ungliick, weshalb nicht an das Ungliick
des Nachsten, insbesondere an das Ungliick der Juden?
Viele Wohltatigkeitskomitees haben sich aufgelost, freiwillig und un-
freiwillig. Ein paar grofiziigige Wohltater konnen einem Massenelend
nicht steuern. Den sogenannten »intellektuellen« emigrierten Juden
sind alle europaischen Lander als Berufsstatten versperrt, ebenso alle
Kolonien. Palastina hat, wie man weifi, nur ein paar tausend aufnehmen
konnen. Aus Argentinien, Brasilien, Australien kommen viele nach
kurzer Zeit zuriick. Die Lander hielten nicht, was die Komitees ver-
sprochen hatten - sich selbst wie den Emigranten. Von jenen, die dort
bleiben, weifi ich nicht, in welchem Zustand sie sich befinden: das heifit
im lebenden oder im toten. Einzelnen gelingt manches : Es ist ein ewiges
Naturgesetz. Griindlich geholfen hat die Welt nicht; nicht einmal
zweckmafiig. Wie hatte man es auch von dieser Welt erwarten konnen?
896 DAS JOURNALISTISCHE WERK
IV
In einer solchen Welt ist es nicht nur unmoglich, dafi die Emigranten
Arbeit und Brot bekommen: Das ist beinahe selbstverstandlich. Aber
es ist auch unmoglich, dafi sie ein sogenanntes »Papier« bekommen.
Und was ist ein Mensch ohne Papiere? Weniger als ein Papier ohne
einen Menschen! Der sogenannte »Nansen-Pafi«, mit dem die russi-
schen Emigranten nach der Revolution ausgestattet wurden und der
ihnen - nebenbei gesagt - auch keine ungehinderte Bewegungsfreiheit
verschafft hat, kommt fur die deutschen Emigranten nicht in Frage.
Freilich gibt es beim Volkerbund eine Stelle - einen englischen Kom-
missar-, dessen Aufgabe es ist, die »Papier-Verhaltnisse« der deut-
schen Emigranten zu regeln. Allein, wir kennen den Volkerbund, seine
schwerfallige Administration und die goldenen Ketten, mit denen die
Hande seiner auch gutwilligen Kommissare gebunden sind. Der ein-
zige Staat, der bis jetzt den deutschen Emigranten giiltige Papiere aus-
gestellt hat - die aber auch nicht voile Bewegungsfreiheit bedeuten-,
ist Frankreich. Auch diese Papiere wurden nur einer beschrankten An-
zahl deutscher Emigranten ausgefolgt, jenen, die vor einem bestimm-
ten Termin nach Frankreich geflikhtet waren - und nur unter gewissen
Bedingungen. Es ist schwierig, wenn nicht unmoglich, selbst auf einem
solchen legalen Papier ein Visum eines anderen beliebigen Staates zu
erhalten. Italien, Polen, Litauen, England sogar lassen Staatenlose un-
gern ins Land. Mit einem solchen Papier kann eigentlich nur ein »pro-
minenter« Fluchtling reisen: ein jiidischer Journalist, Zeitungsheraus-
geber, Filmschauspieler, Regisseur: Sie kennen die Botschafter und
Gesandten meist personlich. Aber man frage sich, auf welche Weise
zum Beispiel ein armer jiidischer Schneider in die Kanzlei eines Lega-
tionsrates gelangt? Es ist ein abstruser Zustand: Man ist ein Wanderer
und dennoch festgeklemmt; man fluchtet und ist zuriickgehalten; man
mufi unstet sein und darf sich nicht riihren. Und man mufi noch Gott
und insbesondere der Polizei dafiir danken.
In manchen Kulturlandern Europas veranstalten alljahrlich die Tier-
schutzvereine seltsame Flugexpeditionen nach dem Suden: Man sam-
melt die Zugvogel, die von ihren Artgenossen im Herbst zuriickgelas-
sen wurden, und befordert sie in Kafigen nach Italien - wo sie iibrigens
vom Volke abgeschossen und gebraten werden. Wo gibt es einen Men-
schenschutzverein, der unsere Artgenossen ohne Pafi und ohne Visum
1927 897
in das von ihnen ersehnte Land bringen wollte? Fiinftausend Schwal-
ben, die doch offenbar einem unerforschlichen, unerforschten Natur-
gesetz zufolge zuriickgeblieben sind, haben mehr Wert als 50 000 Men-
schen? Ein Vogel braucht keinen Pafi, kein Reisebillett, kein Visum -
und ein Mensch wird eingesperrt, wenn ihm eins von den dreien fehlt?
Sind die Menschen bereits den Vogeln naher als den Menschen? Tier-
peiniger werden bestraft und Menschenpeiniger mit Orden ausge-
zeichnet. Den Zugvogeln gleich - obwohl sie es nicht so notig haben-,
werden auch sie zuweilen von Nord nach Slid, von Siid nach Nord in
Flugzeugen befordert. Kein Wunder, dafi der Tierschutzverein in alien
Landern, in alien Schichten der Bevolkerung popularer ist als der Vol-
kerbund.
V
Zum Wandern verurteilt sind auch jene Juden, die in Deutschland ge-
blieben sind. Aus den ganz kleinen Stadten miissen sie in grofiere
ziehn, aus den grofieren in grofie und, hier und dort aus den grofien
ausgewiesen, wieder zuriick in kleinere. Aber selbst, wenn sie faktisch
sefihaft bleiben, welch eine Wanderung vollzieht sich mit ihnen, in
ihnen, um sie herum! Man wandert von Freunden fort, vom gewohn-
ten Grufi, vom vertrauten Wort. Man schlielk die Augen, um es nicht
wahr sein zu lassen, was sie soeben wahrgenommen haben, und es ist
eine Wanderung in eine gelogene, gewollte falsche Nacht. Man wan-
dert vom Schrecken, den man eben erfahren hat, in die Furcht, die
gewaltigere Schwester des Schreckens, und man versucht, sich in ihr,
der unheimlichen, behaglich und wohlig zu fuhlen. Man wandert in die
Luge - in die schlimmste Art der Luge, namlich in die Selbstluge. Man
wandert aber auch von einer Behorde zu andern, vom Polizeikommis-
sariat zum Polizeiprasidium, vom Steueramt zur nationalsozialisti-
schen Parteistelle, man wandert vom Konzentrationslager zur Polizei,
von hier zum Gericht, vom Gericht ins Gefangnis, aus dem Gefangnis
ins Besserungslager. Das judische Kind in Deutschland beginnt im zar-
ten Alter seine unheimliche Wanderung aus dem natiirlichen, der kind-
lichen Seele gemaften Vertrauen in Angst, Hafi, Fremdheit und MiE-
trauen. Es wandert in der Klasse, die Schulbanke entlang, von der er-
sten bis zur letzten, und selbst wenn es schon Platz genommen hat,
scheint es ihm, als ob es wanderte. Man wandert von einem Number-
898 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ger Gesetz zum andern. Man wandert von einem Zeitungsstand zum
andern, als hoffe man, eines Tages wiirden doch dort die Wahrheiten
feilgeboten werden. Man wandert in jenen gefahrlichen opiatischen
Spruch hinein, der da heifit: »AUes nimmt ein Ende!«, und bedenkt
nicht, dafi man selbst wahrscheinlich friiher ein Ende nehmen wird.
Man wandert - nein, man torkelt in die lacherliche Hoffnung: »Es
wird nicht so schlimm werden !« - und diese Hoffnung ist nichts ande-
res als eine moralische Korruption.
Man bleibt und wandert dennoch: eine Art Akrobatie, derer nur die
Ungliicklichsten fahig sind, die Straflinge vom Bagno.
Es ist das Bagno der Juden.
VI
Es ist schlimmer als die Babylonische Gefangenschaft. An den Ufern
der Spree, der Elbe, des Mains, des Rheins und der Donau darf man
nicht nur nicht baden, sondern auch nicht sitzen und weinen; hoch-
stens im sogenannten »Kulturbund«, dem staatlich erlaubten geistigen
Zentrum des neuen Gettos.
Dieser Kulturbund, so edlen Intentionen er auch seinen Ursprung ver-
danken mag, erscheint als eine unerlaubte Konzession der Juden an die
barbarischen Theorien des Nationalsozialismus. Denn er basiert nicht
auf der Voraussetzung - der auch so viele Juden heute zustimmen-,
dafi sie eine eigenartige Rasse seien, sondern auf dem Zugestandnis
(implicite), dafi sie eine inferiore seien. Wahrend man zum Beispiel
einem tibetanischen, japanischen, kaukasischen Kulturbund keines-
wegs verboten hatte, Goethe oder Beethoven aufzufuhren, verbietet
man's den Juden des Kulturbunds. Gesetzt den Fall, die deutschen
Juden gingen mit den Nationalsozialisten in der Auffassung ganz kon-
form, dafi die Juden ein anderes Volk seien als die Deutschen (es sei
auch deren »Gastvolk« seit langer Zeit), so liegt eine schwere Diskri-
minierung in der Tatsache, dafi man einem fremden Volk verbietet,
deutsche Kunst aufzufuhren. Eine Diskriminierung, die die Juden des
Kulturbunds ohne weiteres akzeptiert haben: und a priori. Nicht als
eine Minderheit wurden sie behandelt, sondern als eine Minderwertig-
keit. Es erschien ihnen selbstverstandlich. Ihre Vorstellungen, ihre
Konzerte, ihre Versammlungen werden von einem Kommissar iiber-
wacht, dem sie aufierdem noch ihre Reverenz enveisen miissen, wie
1927 899
seinerzeit am Berliner Alexanderplatz die »Witwenballe« von Krimi-
nalkommissaren iiberwacht waren, in den Kaschemmen.
Kann man von einem Mangel an Stolz der deutschen Juden sprechen?
Mein Mitgefiihl fur sie bekame jenen verdachtigen Beigeschmack der
Sentimentaltitat, die in Wahrheit ein echtes Mitgefiihl ausschliefit oder
aufhebt. Man kann nicht »ein Auge zudrucken«, wenn von den Feh-
lern der deutschen Juden die Rede ist. Nachsicht verdienen sie, aber
keine Blindheit. Bei den Pogromen in Kischinew - wie lang ist es her,
dafi Europa noch Europa war und dafi England dem Zaren zu verste-
hen gab, was es heute dem Gefreiten des Weltkriegs bescheiden vor-
enthalt? - setzten sich die Juden zur Wehr, Sie erschlugen 61 Kosaken.
Die judischen Fleischhauer in Ungarn stellten sich den »weifien« Hor-
den entgegen, schlugen sie oft in die Flucht. In Deutschland hat ein
einziger Jude geschossen - am »Tag des Boykotts«! (Er wurde selbst-
verstandlich umgebracht.)
Womit sollte man diese fischblutige Art erklaren, auf die perfidesten
Infamien zu reagieren? Etwa mit der Glaubigkeit? Die Mehrzahl der
deutschen Juden zahlte Steuern an die israelitische Kultusgemeinde,
mehrere abonnierten das Hamburger Israelitische Familienblatt: Da-
mit erschopfte sich ihre Beziehung zum Judentum. (Ich spreche hier
selbstverstandlich nicht von den Zionisten und den »bewufit nationa-
len« Juden, sondern von den »deutschen Staatsbiirgern jiidischer Kon-
fession«.) Wenn man die Namen ihrer fur Deutschland gefallenen Brii-
der von Ehrentafeln und Denkmalern ausloscht und also mit einem
Schlag an den Juden sowohl Leichen- als auch Lebendigenschandung
vornimmt, wenn man ihnen Brot, Ehre, Erwerb, Besitz gesetzmafiig
raubt, schweigen sie und leben weiter. Nicht weniger als funfhundert-
tausend Menschen leben in dieser Schmach weiter, gehen auf die fried-
liche Strafte, fahren Tramway und Eisenbahn, zahlen Steuern, schrei-
ben Briefe: Es ist nicht vorstellbar, wieviel ein einmal Gedemutigter an
Schimpf ertragen kann.
Die deutschen Juden sind doppelt Ungluckliche: Sie erleiden nicht nur
die Schmach, sie ertragen sie sogar. Die Fahigkeit, sie zu ertragen, ist
der grofiere Teil des Ungliicks.
900 DAS JOURNALISTISCHE WERK
VII
Es gibt keinen Rat, keinen Trost, keine Hoffnung. Moge man sich
dariiber klar sein, dafi der »Rassismus« keine Kompromisse kennt.
Millionen von Plebejern brauchen dringend ein paar armselige Hun-
dertausende Juden, damit sie bestatigt erhalten, schwarz auf weifi, dafi
sie bessere Menschen sind. Die Hohenzollern (und mit ihnen der deut-
sche Adelsklub) haben den Hausmeistern ihre Reverenz erwiesen. Was
konnen da noch Juden erwarten. Der Pobel ist schon unerbittlich ge-
nug, wenn er sich, gesetzlos und blinden Instinkten gehorchend, zu-
sammenrottet. Wie erst, wenn er sich organisiert? - Wenn es den deut-
schen Juden ein Trost sein kann, so mogen sie daran denken, dafi sie in
einer ahnlichen Weise den Schimpf ertragen wie das Haus der Hohen-
zollern (das allerdings bedeutend jiinger ist als das Geschlecht der Ju-
den).
Nichts hatte dem nationalsozialistischen Regime so sehr geschadet als
etwa die wohlorganisierte, prompte Auswanderung aller Juden und
aller Judenstammlinge aus Deutschland. Der Nationalsozialismus gibt
sich selbst auf, sobald er irgendeinen Kompromifi mit Juden schliefit.
Er zielt ja weiter, in eine Richtung, die Juden gar nicht unmittelbar
angeht.
Er spricht von Jerusalem, und er meint: Juden und Rom.
VIII
Es ist nur sehr wenigen, sehr auserlesenen glaubigen Christen klar, dafi
hier - zum erstenmal innerhalb der langen und beschamenden Ge-
schichte der Judenverfolgungen - das Ungluck der Juden mit dem der
Christen identisch ist. Man priigelt den Moritz Finkelstein aus Breslau,
und man meint in Wirklichkeit jenen Juden aus Nazareth. Man ent-
zieht dem jiidischen Viehhandler aus Fiirth oder Nurnberg die Kon-
zession, aber man meint einen Hirten in Rom, der die fromme Herde
weidet. Es genugt ja in der Tat nicht, dafi man ein paar hunderttausend
Menschen einer bestimmten Herkunft diffamiert und schandet. Die
Sonne der Zollwachter fordern Revanche fur die Austreibung der Zoll-
ner. Das ist die echte »Stimme des Blutes«. Sie briillt aus jedem Laut-
sprecher.
Freilich sind viele glaubige Christen - und selbst hohe christliche
1927 9 01
Wiirdentrager - dieser Einsicht unzuganglich. Die Vorgange im Drit-
ten Reich werden sie belehren. In ihrer Verblendung gleichen diese
frommen Christen fast den deutschen Juden. Man wird zur Einsicht
kommen miissen, daft jenes banale Witzwort, auf die Juden gepragt,
das da lautet: »Sie sind nicht zu dertaufen«, lediglich fur das Dritte
Reich gilt. Es ist »nicht zu dertaufen«.
Auch nicht durch Konkordate.
IX
Von den Juden, die heute noch in Deutschland leben, wird hochst-
wahrscheinlich nur noch ein unwesentlicher Bruchteil auswandern
konnen und wollen. Denn auch nach einer hundertjahrigen Emanzipa-
tion und einer Scheingleichberechtigung, die etwa 50 Jahre gedauert
hat, besitzen die Juden wenn auch nicht die gottliche Gnade, leiden zu
konnen wie ihre glaubigen Briider, so doch die merkwiirdige Fahig-
keit, Unsagbares zu erdulden. Sie werden bleiben, sie werden heiraten,
sich vermehren, ihre Finsternisse und Bitterkeiten vererben - und hof-
fen, daft eines Tages »alles anders« werde.
Eines Tages - und gewift friiher als in 1 000 Jahren - wird sich freilich
manches in Deutschland andern. Aber mit der Generation, die jetzt in
der Hitler-Jugend heranwachst, werden weder die Juden noch die
Christen, noch die kulturbewuftten Europaer erfreuliche Erfahrungen
machen konnen. Es ist Jasons Drachensaat, die da aufgehn wird. Um
die nachsten zwei Generationen der deutschen Heiden zu taufen, wird
es einer ganzen Armee von Missionaren bediirfen. Solange die Deut-
schen nicht Christen sind, haben die Juden wenig von ihnen zu erhof-
fen.
Es ist also menschlichem Ermessen nach wahrscheinlich, daft die Juden
noch lange Parias unter den Deutschen bleiben werden. Es sei denn,
man rechnete mit der beinahe utopischen Vorstellung, daft Europa zu
seinem Gewissen zuriickfindet; daft ein gemeinsam anerkanntes Ge-
setz den torichten Standpunkt der sogenannten »Nichteinmischung«
verbietet, der sich aus dem geradezu vulgaren und plebejischen Sprich-
wort herleitet: »Jeder kehre vor seiner Tiir!« Es ist wahrhaftig die
Hausmeister-Philosophie, die seit einigen Jahrzehnten die Welt be-
stimmt. Vielmehr sollte jeder vor der Tiir des andern kehren. Es kann
mir nicht verwehrt sein, in das Haus meines Nachbarn einzudringen,
902 DAS JOURNALISTISCHE WERK
wenn er im Begriff ist, seine Kinder mit der Hacke zu erschlagen. Es
kann keine europaische und auch keine europaisch-christliche Moral
geben, solange der Grundsatz der »Nichteinmischung« besteht. Wes-
halb denn mafien sich die europaischen Staaten an, Zivilisation und
Gesittung in fernen Erdteilen zu verbreiten? Weshalb nicht in Europa?
Eine jahrhunderteaite Zivilisation eines europaischen Volkes beweist
noch lange nicht, dafi es durch einen unheimlichen Fluch der Vorse-
hung wieder barbarisch wird. Auch unter den Volkern in Afrika, die
heute der Protektion zivilisierter Volker bediirfen, hat es bestimmt
einige gegeben, deren jahrtausendealte Kultur eines Tages, eines Jahr-
hunderts mochte man sagen, aus unergriindlichen Ursachen verschiit-
tet worden ist. Die europaische Wissenschaft selbst beweist es.
Man redet konstant von einer »europaischen V6lkerfamilie«. Wenn
diese Analogie stimmen soil: Wo hatte man je gesehn, dafi ein Bruder
dem andern nicht in den Arm fallt, wenn dieser im Begriff ist, eine
Dummheit oder eine Bestialitat zu begehn? Ist es mir lediglich erlaubt,
dem schwarzen Kopfjager bessere Sitten beizubringen, nicht aber dem
weifien? Furwahr, eine seltsame Art von Familie, diese »V6lkerf ami-
lie«! . . . Der Vater ist fest entschlossen, nur vor seiner eigenen Tiir zu
kehren; und aus dem Zimmer seines Sohnes stinkt schon der Mist zum
Himmel.
Ich wollte, ich besafie die Gnade und die Einsicht, einen Ausweg auch
nur andeuten zu konnen. Die Aufrichtigkeit, eine der oft verkannten
bescheidenen Musen des Schriftstellers, zwingt mich zu einem pessi-
mistischen Schlufi dieses meines zweiten Vorworts:
i. Der Zionismus ist nur eine Teillosung der Judenfrage.
2. Zu vollkommener Gleichberechtigung und jener Wiirde, die aufiere
Freiheit verleiht, konnen die Juden erst dann gelangen, wenn ihre
»Wirtsvolker« zu innerer Freiheit gelangt sind und zu jener Wiirde,
die das Verstandnis fur das Leid gewahrt.
3. Es ist - ohne ein Wunder Gottes - kaum anzunehmen, dafi die
»Wirtsvolker« zu dieser Freiheit und dieser Wiirde heimfinden.
Den glaubigen Juden bleibt der himmlische Trost.
Den andern das »vae victis«.
Joseph Roth
1928
EIN BUMMEL UM DIE WELT
»Unser miserabler Kattundruck hat sich gegen ihre sanftfarbigen Ba-
tiktiicher recht gut durchgesetzt; unser robustes Kino verdrangt ihre
feinen Schattenspiele; auch versorgen wir sie andauernd mit Missiona-
ren und Whisky; vor allem aber bemiihen wir uns, sie . . . mit den Rei-
zen eines regelmafiigen, von Telephonen unterstiitzten Biirolebens
vertraut zu machen und mit dem Segen der Sparsamkeit, die darin be-
steht, wahrend der Jugend zu arbeiten, um im krebsfahigen Alter ver-
sorgt zu sein.«
»Als sich diese letzte Saule des Kannibalismus zwangslaufig bekehrt
hatte, resignierten die Fidschier, wurden Christen und lernten sowohl
das Psalmensingen wie das Fufiballspielen . . .«
»Er hatte keine Nerven, gar keine.«
»Heimweh nach Deutschland? Als ich vor zwei Jahren ausfuhr: ja.
Nicht jetzt, bei der Heimreise. Eher Angst.«
Die paar Satze, die ich eben zitiert habe, stehen, neben vielen andern,
ebenso guten und besseren, im Buch von Richard Katz »Bummel um
die Welt« (erschienen im Ullstein-Verlag, Berlin, 286Seiten, Geb.
M 5). Der Titel dieses Buches ist die einzige Schnoddrigkeit, die sich
der Verfasser erlaubte. Vielleicht auch ist er eine Konzession an be-
stimmte Leser, denen das Wort gefallt und der Begriff, den es deckt.
Charakteristischer fiir das Buch ist der Untertitel: »Zwei Jahre Welt-
reise auf Kamel und Schiene, Schiff und Auto«. Der Verfasser ist einer
der wenigen beneidenswerten deutschen Journalisten, die sich selbst
Reiseauftrage erteilen diirfen. Dieser Journalist verdient es allerdings.
Er war in Afrika, Asien, Australien und Polynesien, Amerika und
Kuba. Mit einer Kamera, mit einem Paar hellen und kritischen Augen,
mit der echten Skepsis eines echt europaischen Intellekts, mit einem
Scheckbuch in weichem, dunkelrotem Lederumschlag und mit einer
kleinen, handlichen Schreibmaschine. So konnte er vieles sehen, man-
ches photographieren, schnell berichten und witzig pointieren. Er hat
den Stil eines Erzahlers, der um die Spannung und die Exotik des ein-
fach Menschlichen Bescheid weifi. Er vermeidet den Rausch der Bunt-
heit, der Feme, der Abenteuer absichtlich - und die Buntheit, die
Feme und das Abenteuer kommen »von selbst« zum Vorschein. Mit
einer Art angelsachsischer Trockenheit berichtet er zum Beispiel liber
<?06 DAS JOURNALISTISCHE WERK
den »Teufel von Bora-Bora«, als war's die Begegnung mit einem Ein-
tanzer vom Kurfurstendamm. Den Stil des Verfassers konnte man viel-
leicht am besten charakterisieren als eine Mischung von anekdotischer
Pointierungsfertigkeit. Diktiert wurde dieses Buch von dem echt jour-
nalistischen Gewissen, das da unaufhorlich mahnt: Werdet nur nicht
langweilig! Alles ist aktuell!
Frankfurter Zeitung, 8. 1. 1928
DER AMERIKANISMUS IM LITERATURBETRIEB
Mit einer Begeisterung, die in Deutschland sowohl eine Tugend als
auch eine Instinktlosigkeit sein kann, die ebenso einem Wissensdurst
entspringt wie einen gewissen Snobismus begleitet, die ein Zeichen der
schonen deutschen Vorurteilslosigkeit ist, aber auch eines der deut-
schen Wahllosigkeit - mit einer Begeisterung also, die sich selbst in den
Verdacht bringt, eine Mode zu sein, hat man angefangen, die amerika-
nischen Schriftsteller zu iibersetzen, in verhaltnismafiig grofien Aufla- V
gen herauszugeben und mit einer Zuvorkommenheit zu loben, die man
ungewohnlich nennen konnte, wenn Zuvorkommenheit gegeniiber
iibersetzten Werken nicht eine lobliche Gewohnheit der deutschen
Buchkritik ware. Uber den Geschmack lafit sich nicht streiten. Auch
erheben diese Ausfuhrungen nicht etwa den Anspruch auf eine unwi-
dersprechbare Richtigkeit. Sie wollen weder den amerikanischen
Autoren noch ihren Ubersetzern, noch ihren deutschen Verlegern und
Kritikern etwa Verdienste absprechen, sondern nur darauf hinweisen,
dafi ein Interesse von so akuter Heftigkeit notwendig eine gewaltige
Uberschatzung eines Objekts zur Folge hat.
Ein Mitarbeiter der »Frankfurter Zeitung« hat fur eine Besprechung
eines der jungst erschienenen amerikanischen Biicher einen Titel ge-
funden, der als Uberschrift fast uber der ganzen modernen amerikani-
schen Literatur stehen konnte. Dieser Titel lautet: » Zola-Ersatz «. Er
tut ihr kein Unrecht, viel eher eine Ehre an, und auf jeden Fall pafit er.
Diese Literatur (mit wenigen »europaischen« Ausnahmen, wie z.B.
John Dos Passos) demonstriert das soziale Gewissen des Anklagers am
naturalistisch gewahlten und behandelten Gegenstand. Sie stellt dar:
1928 9°7
das mafilose Elend des amerikanischen Proletariats und die mafilose
Verlogenheit des amerikanischen Burgers. Diese Literatur bekundet in
jeder ihrer Darsteliungen of fen oder verhiillt eine soziale Tendenz, ge-
gen die und gegen deren Bekundung keineswegs etwas einzuwenden
ware. Das alles oder das meiste hat sie mit Zola gemein.
Wodurch aber bleibt sie nur ein Zola-Ersatz} Ich mochte sagen: durch
ihre primitive Beschranktheit, die sie der geistigen Qualitat ihrer eige-
nen Objekte naherbringt, als es dem Autor gemafi ist. Durch einen
Mangel an jener Uberlegenheit, die eine produktive Distanz schafft
zwischen dem Gegenstand und seinem Gestalter. Denn das Ausmaft
und gewissermafien die Beschaffenheit der Distanz, die zwischen dem
Objekt und seinem Bearbeiter liegt, entscheidet die kiinstlerische Qua-
litat der Bearbeitung. Der moderne amerikanische Durchschnitts-
schriftsteller ist seiner Person intimster Nachbar auf der gleichen Ho-
rizontale. Deshalb ist die Satire des Amerikaners dem verwohnten Ge-
schmack des Europaers so matt. Beschreibt er einen Spiefier, so ist es,
als konnte es dem Spiefier keineswegs schwerfallen, seinen Satiriker
mit dessen eigenen Mitteln ebenfalls zu beschreiben. Und man konnte
auf den Titelseiten vieler amerikanischer Biicher, die den Namen des
Verfassers iiber dem des Helden tragen, die Namen umstellen, ohne
dafi sich in dem behandelten Stuck amerikanischer Realitat etwas Ent-
scheidendes geandert hatte.
Es ist eine junge Literatur. Es sind gewissermaEen ihre mythologi-
schen Zeiten. Ihre Autoren taten besser daran, an der grofien europai-
schen Literatur zu lernen, als auf die begeisterten europaischen Kriti-
ker zu horen, unter denen manche selbst nichts mehr von der literari-
schen Tradition Europas wissen und infolgedessen behaupten, dafi sie
ihrer nicht bediirfen. Ahnungslosigkeit bleibe den Amerikanern ge-
stattet. Es mag fur den historischen Betrachter literarischer Entwick-
lungen ergotzlich sein, wie sich ein paar Talente frisch, fromm, froh-
lich (und aus Opposition gegen das Alkoholverbot auch feucht) an ihre
unkomplizierten Objekte heranwagen, unkompliziert wie sie, mit
einer simplen Gesundheit, die Vorstellungen von Turnsalen und Golf-
platzen hervorruft. Europa hat dieses Stadium langst hinter sich. Nur
seine technischen Mittel waren immer primitiver. Langst, ehe noch die
Photographie erfunden war, hatten wir unsere zeichnenden und ma-
lenden Photographen. Und nur eine Gegenwart, die den Unterschied
zwischen der Photographie und dem Portrat nicht kennt und das fal-
908 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sche Dokument der Momentaufnahme hdher schatzt als das echte des
Bildsj aus lauter (berechtigter) Sehnsucht nach dem authentischen Be-
richtj nach der falschen, weil seichten Authentizitat des Polizeiberichts
schnappt; nur eine solche Gegenwart ist solcher Uberschatzung der
»Platte« fahig und dieser katastrophalen Verwechslung des Objekts mit
dem Auge.
Frankfurter Zeitung, 29. 1. 1928
GEDICHT VON WANDKALENDERN
In meiner Kindheit (und vielleicht nur in dem Land, in dem ich sie verlebt
habe) gab es eine besondere Art von Wandkalendern, an die ich mich
jedes Jahr in den Wintermonaten erinnere, wie man sich an Weihnachts-
baume und Grofimutter erinnert, an Bilderbiicher und Bonbons, an aile
Personen und Dinge, die einen Glanz, eine Stifle und eine Warme hatten
und die in ein glasernes Grab gesunken scheinen, immer noch sichtbar,
aber tot, Reliquien der heiligen Kindheit. Die Wandkalender bestanden,
wie die heutigen auch, aus einem dicken Biindel neuer, glanzender,
schwarzer und roter Tage, iiber die wie ein Buhnenvorhang ein buntes
Blattchen gelegt war, darstellend einen Ast voll roter Kirschen oder ein
Biischel Veilchen, jedenfalls immer ein bliihendes Versprechen des
neuen, noch zugeklappten Jahres. Das Biindel der 365 Tage steckte an
einem ziemlich grofien und breiten Pappendeckel, der die Wand, das
senkrechte Fundament war, auf dem sich das neue Jahr zu erheben
gedachte. Dieses harte Papier war von einem noch harteren Glanz iiber-
zogen, von einer lackierten Schicht, einer spiegelnden, gewolbten Ober-
flache, in der sich die Sonne konzentrierte, wenn der Wandkalender
gegeniiber dem Fenster hing, und in der, wie eine feme Erzahlung vom
Wetter, die Farbungen des Himmels und der Luft zu lesen waren. Doch
war diese Eigenschaft des Glanzes nur eine angenehme sekundare. Wah-
rend das Wichtigste die geprefke, erhabene Illustration auf dem Pappen-
deckel war, die, obwohl sie das ganze Jahr naturgemafi nicht wechselte,
dennoch nicht die gleiche zu bleiben schien und ihre Aktualitat bis zum
1. Dezember bewahrte, zu welcher Zeit schon die Erwartung des neuen
Kalenders das Bild auf dem alten gewohnt und gewohnlich machte.
1928 9°9
Was waren das fur Illustrationen! Wie leuchteten die starken und em-
fachen Farben, Rot, Blau, Gold, Griin hochsommerlich mitten im
Winter, von jener Kraft, hinter der die Kraft der Phantasie zuriick-
bleibt und von der die Traume dennoch befruchtet werden! Eine Frau,
schwarz von Haar, das ein tiefrotes Kopftuch zur Halfte bedeckte, mit
roten Wangen und knallblauen Augen, mit einem Hals und einer Buste
wie ein weifier, noch vom Wasser glanzender und in Sonne segelnder
Schwan, mit schweren Zopfen, die sich an der Brust zusammenfanden
wie von einem koketten Wind hingelegt - solch eine Frau hielt mit
beiden Armen ein papierenes Korbchen, das schrag im Pappendeckel
steckte, wie mit der Laubsage gearbeitet schien und nichts weniger als
einen Korb voll Weintrauben darstellte, saftiger gniner und dunkel-
blauer, deren Farbe zwar an Karbonpapier erinnern mochte, aber an
ein Karbonpapier, das man nur in der Kindheit kennt, das eine Art
Wunder bedeutet, weil es feme Striche und Buchstaben fernen Blattern
vermittelt und das noch umstandlicheren Schmutz erzeugt als ein Tin-
tenstift. Welch eine Frau! Sie war offenbar vom Lande, eine Winzerin,
ihre roten Lippen waren so weit geoffnet, dafi man den siegreichen und
gefahrlichen Glanz ihrer Zahne sehen konnte. Obwohl sie aus Papier
war und offensichtlich ohne Unterleib, schien sie dennoch im ganzen
Zimmer einen merkwiirdigen und erregenden Duft von Fleisch, Milch
und Sommerregen zu verbreiten, sie war lebendig und mehr noch: eine
Personlichkeit, Vertreterin alles Weiblichen und Irdischen. Mit ihr
verband ich den Begriff des »Heidnischen« und der Liebe zuerst, und
lange Jahre spater, als ich in nachbarlichen Dorfern die Bauernmad-
chen suchte, trug ich ein kindisches Verlangen nach jener Kalender-
frau, und jedem roten Kopftuch, das zwischen Griin aufbrannte, ent-
sprach ein kleines rotes Feuer in meinem Herzen. Ja, heute noch lebt in
dem von Skepsis verschont gebliebenen Teil meiner Seek die Sehn-
sucht nach dem schwarzen Madchen - und obwohl ich das kurze Haar
der Frauen liebe, kann ich an die Zopfe nicht ohne Wehmut denken.
Und jedes Jahr kam eine andere Frau. Es kamen Wandkalender mit
sentimentalen, zarten, blonden Feen, mit halbwuchsigen Backfischen,
die an Schokolade erinnerten, mit Feen, die Kranze im Haar trugen.
Und jede Frau versank bis zur Brust im Korbchen, das, wie ich spater
einmal erfuhr, dazu dienen sollte, Briefe aufzubewahren, in dem ich
aber gefundene Haarnadeln gerne verbarg. Aber soweit ich mich heute
erinnere, wurden die Wandkalender immer sachlicher, nach den bias-
910 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sen Frauen kamen nur noch Firmeninschriften, es scheint, daft sich die
Phantasie der Kalenderfabrikanten allmahlich erschopfte oder dafi sie
die Erfahrung gemacht hatten, dafi die Reklame wirksamer sei, wenn
kein Bild von ihr ablenke.
Vielleicht aber gab es diese Kalender auch spater noch, nur ich sah sie
nicht, weil ich inzwischen so grofi geworden war, dafi ich die Nagel
iiberragte, an denen die Kalender hingen. Denn wir wachsen uber un-
sere alten Freuden hinaus, andern entgegen, die so hoch hangen, dafi
wir sie nie erreichen.
Frankfurter Zeitung, 19. 2. 1928
SEINE K. UND K. APOSTOLISCHE MAJESTAT
Es war einmal ein Kaiser. Ein grofier Teil meiner Kindheit und meiner
Jugend vollzog sich in dem oft unbarmherzigen Glanz seiner Majestat,
von der ich heute zu erzahlen das Recht habe, weil ich mich damals
gegen sie so heftig emporte. Von uns beiden, dem Kaiser und mir, habe
ich recht behalten - was noch nicht heifien soil, dafi ich recht hatte. Er
Hegt begraben in der Kapuzinergruft und unter den Ruinen seiner
Krone, und ich irre lebendig unter ihnen herum. Vor der Majestat sei-
nes Todes und seiner Tragik - nicht vor seiner eigenen - schweigt
meine pohtische Uberzeugung, und nur die Erinnerung ist wach, Kein
aufierer Anlafi hat sie geweckt. Vielleicht nur einer jener verborgenen,
inneren und privaten, die manchmal einen Schriftsteller reden heifien,
ohne dafi er sich darum kummerte, ob ihm jemand zuhort.
Als er begraben wurde, stand ich, einer seiner vielen Soldaten der Wie-
ner Garnison, in der neuen feldgrauen Uniform, in der wir ein paar
Wochen spater ins Feld gehen sollten, ein Glied in der langen Kette,
welche die Strafien saumte. Der Erschiitterung, die aus der Erkenntnis
kam, dafi ein historischer Tag eben verging, begegnete die zwiespaltige
Trauer iiber den Untergang eines Vaterlandes, das selbst zur Opposi-
tion seine Sonne erzogen hatte. Und wahrend ich es noch verurteilte,
begann ich schon, es zu beklagen. Und wahrend ich die Nahe des To-
des, dem mich noch der tote Kaiser entgegenschickte, erbittert mafi,
ergriff mich die Zeremonie, mit der die Majestat (und das war Oster-
1928 9 n
reich-Ungarn) zu Grabe getragen wurde. Die Sinnlosigkeit seiner letz-
ten Jahre erkannte ich klar, aber nicht zu leugnen war, dafi eben diese
Sinnlosigkeit ein Snick meiner Kindheit bedeutete. Die kalte Sonne der
Habsburger erlosch, aber es war eine Sonne gewesen.
An dem Abend, an dem wir in Doppelreihen in die Kaserne zuriick-
marschierten, in den Hauptstrafien noch Parademarsch, dachte ich an
die Tage, an denen mich eine kindische Pietat in die korperliche Nahe
des Kaisers gefiihrt hatte, und ich beklagte zwar nicht den Verlust je-
ner Pietat, aber den jener Tage. Und weil der Tod des Kaisers meiner
Kindheit genauso wie dem Vaterland ein Ende gemacht hatte, betrau-
erte ich den Kaiser und das Vaterland wie meine Kindheit. Seit jenem
Abend denke ich oft an die Sommermorgen, an denen ich um sechs
Uhr friih nach Schonbrunn hinausfuhr, um den Kaiser nach Ischl ab-
reisen zu sehen. Der Krieg, die Revolution und meine Gesinnung, die
ihr recht gab, konnten die sommerlichen Morgen nicht entstellen und
nicht vergessen machen. Ich glaube, daft ich jenen Morgen einen stark
empfindlichen Sinn fur die Zeremonie und die Representation ver-
danke, die Fahigkeit zur Andacht vor der religiosen Manifestation und
vor der Parade des neunten November auf dem Roten Platz im Kreml,
vor jedem Augenblick der menschlichen Geschichte, dessen Schonheit
seiner Grofte entspricht, und vor jeder Tradition, die ja zumindest eine
Vergangenheit beweist.
An jenen Sommermorgen regnete es grundsatzlich nicht, und oft leite-
ten sie einen Sonntag ein. Die Strafienbahnen hatten einen Sonder-
dienst eingerichtet. Viele Menschen fuhren hinaus, zu dem hochst nai-
ven Zweck der Spalierbildung. Auf eine sonderbare Weise vermischte
sich ein sehr hohes, sehr femes und sehr reiches Trillern der Lerchen
mit den eilenden Schritten Hunderter Menschen. Sie liefen im Schat-
ten, die Sonne erreichte erst die zweiten Stockwerke der Hauser und
die Kronen der hochsten Baume. Von der Erde und von den Steinen
kam noch nasse Kuhle, aber iiber den Kopfen begann schon die som-
merliche Luft, so dafi man gleichzeitig eine Art Friihling und den Som-
mer fiihlte, zwei Jahreszeiten, die iibereinanderlagen, statt aufeinan-
derzufolgen. Der Tau glanzte noch und verdunstete schon, und von
den Garten kam der Flieder mit der frischen Vehemenz eines siiften
Windes. Hellblau und straff gespannt war der Himmel. Von der
Turmuhr schlug es sieben.
Da ging ein Tor auf, und ein offener Wagen rollte langsam heraus,
912 DAS JOURNALISTISCHE WERK
weifie Pferde mit zierlichem Schritte und gesenkten Kopfen, ein reglo-
ser Kutscher auf einem sehr hohen Bock, in einer grau-gelben Livree,
die Ziigel so locker in der Hand, dafi sie eine sanfte Mulde liber den
Riicken der Pferde bildeten und daft es unverstandlich blieb, warum
die Tiere so straff gingen, da sie doch offensichtlich Freiheit genug
hatten, ein ihnen naturliches Tempo anzuschlagen. Auch die Peitsche
riihrte sich nicht, kein Instrument der Ziichtigung, nicht einmal eins
der Mahnung. Ich begann zu ahnen, dafi der Kutscher andere Krafte
hatte als die seiner Fauste und andere Mittel als Ziigel und Peitsche.
Seine Hande waren iibrigens zwei blendende weifie Flecke mitten im
schattigen Griin der Allee. Die hohen und grofien, aber zarten Rader
des Wagens, deren diinne Speichen an glanzende Dirigentenstabe erin-
nerten, an ein Kinderspiel und eine Zeichnung in einem Lesebuch -
diese Rader vollendeten ein paar sanfte Drehungen auf dem Kies, der
kudos blieb, als ware er ein fein gemahlener Sand. Dann stand der
Wagen still. Kein Pferd bewegte den FufL Kaum, daft eines ein Ohr
zuriicklegte - und schon diese Bewegung empfand der Kutscher als
ungeziemend. Nicht, dafi er sich geriihrt hatte! Aber ein ferner Schat-
ten eines fernen Schattens zog iiber sein Angesicht, so dafi ich iiber-
zeugt war, sein Unmut kame nicht aus ihm selbst, sondern aus der
Atmosphare und iiber ihn. Alles blieb still. Nur Miicken tanzten um
die Baume, und die Sonne wurde immer warmer.
Polizisten in Uniform, die bis jetzt Dienst gemacht hatten, verschwan-
den plotzlich und lautlos. Es gehorte zu den kalt berechneten Anord-
nungen des alten Kaisers, dafi kein sichtbar Bewaffneter ihn und seine
Nahe bewachen durfte. Die Polizeispitzel trugen graue Hiitchen statt
der griinen, um nicht erkannt zu werden. Komiteemanner in Zylin-
dern, mit schwarz-gelben Binden, erhielten die Ordnung aufrecht und
die Liebe des Volkes in den gebuhrenden Grenzen. Es wagte nicht, die
Fiifie zu bewegen. Manchmal hone man sein gedampftes Gemurmel,
es war, als fliisterte es eine Ehrenbezeugung im Chor. Es fiihlte sich
dennoch intim und gleichsam im kleinen Kreis eingeladen. Denn der
Kaiser war gewohnt, im Sommer ohne Pomp abzureisen, in einer Mor-
genstunde, die von alien Stunden des Tages und der Nacht gewisser-
mafien die menschlichste eines Kaisers ist, jene, in der er das Bett, das
Bad und die Toilette verlafk. Deshalb hatte der Kutscher die heimische
Livree, dieselbe fast, die der Kutscher eines reichen Mannes tragt. Des-
halb war der Wagen offen und hatte hinten keinen Sitz. Deshalb be-
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fand sich memand neben dem Kutscher auf dem Bock, solange der
Wagen nicht fuhr. Es war nicht das spanische Zeremoniell der Habsbur-
ger, das Zeremoniell der spanischen Mittagssonne. Es war das kleine
osterreichische Zeremoniell einer Schonbrunner Morgenstunde.
Aber gerade deshalb war der Glanz besser wahrzunehmen, und er
schien mehr vom Kaiser selbst auszugehen als von den Gesetzen, die ihn
umgaben. Das Licht war besanftigt und also sichtbar und nicht blen-
dend. Man konnte gleichsam seinen Kern sehen. Ein Kaiser am Morgen,
auf einer Erholungsreise, im offenen Wagen und ohne Gesinde: ein
privater Kaiser. Eine menschliche Majestat. Er fuhr von seinen Regie-
rungsgeschaften weg, in Urlaub fuhr der Kaiser. Jeder Schuster durfte
sich einbilden, dafi er dem Kaiser den Urlaub gestattet hatte. Und weil
Untertanen sich am tiefsten beugen, wenn sie einmal glauben diirfen, sie
hatten dem Herrn etwas zu gewahren, waren an diesem Morgen die
Menschen am untertanigsten. Und weil der Kaiser nicht durch ein Zere-
moniell von ihnen getrennt wurde, errichteten sie selbst, jeder fur sich,
ein Zeremoniell, in das jeder den Kaiser und sich selbst einbezog. Sie
waren nicht zu Hof geladen. Deshalb lud jeder den Kaiser zu Hof.
Von Zeit zu Zeit fiihlte man, wie sich ein scheues und femes Gerucht
erhob, das gleichsam nicht den Mut hatte, laut zu werden, sondern nur
gerade noch die Moglichkeit, »ruchbar« zu sein. Es schien plotzlich, dafi
der Kaiser schon das Schlofi verlassen hatte, man glaubte zu fuhlen, wie
er im Hof das Gedicht eines deklamierenden Kindes entgegennahm,
und wie man von einem herannahenden grofien Gewitter zuerst den
Wind verspiirt, so roch man hier von dem herannahenden Kaiser zuerst
die Huld, die vor den Majestaten einherweht. Von ihr getrieben, liefen
ein paar Komiteeherren durcheinander, und an ihrer Aufregung las man
wie an einem Thermometer die Temperatur, den Stand der Dinge ab, die
sich im Innern zutrugen.
Endlich entblofiten sich langsam die Kopfe der vorne Stehenden, und
die riickwarts standen, wurden plotzlich unruhig. Wie? Hatten sie etwa
den Respekt verloren?! Oh, keineswegs! Nur ihre Andacht war neugie-
rig geworden und suchte heftig ihren Gegenstand. Jetzt scharrten sie mit
den Fiifien, sogar die disziplinierten Pferde legten beide Ohren zuriick,
und es geschah das Unglaublichste: Der Kutscher selbst spitzte die
Lippen wie ein Kind, das an einem Bonbon lutscht, und gab dermafien
den Pferden zu verstehen, dafi sie sich nicht so benehmen diirfen wie das
Volk.
914 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Und es war wirklich der Kaiser. Da kam er nun, alt und gebeugt, miide
von den Gedichten und schon am friihen Morgen verwirrt von der
Treue seiner Untertanen, vielleicht auch ein wenig vom Reisefieber
geplagt, in jenem Zustand, der dann im Zeitungsbericht »die jugendli-
che Frische des Monarchen« hiefi, und mit jenem langsamen Greisen-
schritt, der »elastisch« genannt wurde, trippelnd fast und mit sachte
klirrenden Sporen, eine alte schwarze und etwas verstaubte Offiziers-
miitze auf dem Kopf, wie man sie noch zu Radetzkys Zeiten getragen
hatte, nicht hoher als vier Mannesfinger. Die jungen Leutnants verach-
teten diese Mutzenform. Der Kaiser war der einzige Angehorige der
Armee, der sich so streng an die Vorschriften hielt. Denn er war ein
Kaiser.
Ein alter Mantel, innen verblafkes Rot, hiillte ihn ein. Der Sabel schep-
perte ein wenig an der Seite. Seine stark gewichsten, glatten Zugstiefel
leuchteten wie dunkle Spiegel, und man sah seine schmaien, schwarzen
Hosen mit den breiten, roten Generalsstreifen, ungebiigelte Hosen, die
nach alter Manier rund waren wie Rollchen. Immer wieder hob der
Kaiser seine Hand salutierend an das Dach seiner Miitze. Dabei nickte
er lachelnd. Er hatte den Blick, der nichts zu sehen scheint und von
dem sich jeder getroffen fuhlt. Sein Auge vollzog einen Halbkreis wie
die Sonne und verstreute Strahlen der Gnade an jedermann.
An seiner Seite ging der Adjutant, fast ebenso alt, aber nicht so miide,
immer einen halben Schritt hinter der Majestat, ungeduldiger als diese
und wahrscheinlich sehr furchtsam, von dem innigen Wunsch getrie-
ben, der Kaiser mochte schon im Wagen sitzen und die Treue der Un-
tertanen ein vorschriftsmafiiges Ende haben. Und als ginge der Kaiser
nicht selbst zum Wagen, sondern als ware er imstande, sich irgendwo
im Gewimmel zu verlieren, wenn der Adjutant nicht da ware, machte
dieser fortwahrend winzige, unhorbare Bemerkungen an dem Ohr des
Kaisers, der sich wirklich nach jedem Fliistern des Adjutanten in eine
andere Richtung, fast unmerklich, wandte. Schliefilich hatten beide
den Wagen erreicht. Der Kaiser safi und griifke noch lachelnd im
Halbkreis. Der Adjutant lief hinten um den Wagen herum und setzte
sich. Aber ehe er sich noch gesetzt hatte, machte er eine Bewegung, als
wollte er nicht an der Seite des Kaisers, sondern ihm gegeniiber Platz
nehmen, und man konnte deutlich sehen, wie der Kaiser etwas riickte,
um den Adjutanten aufzumuntern. In diesem Augenblick stand auch
schon ein Diener mit einer Decke vor den beiden, die sich langsam
1928 9 J 5
iiber die Beine der beiden Alten senkte. Der Diener machte eine
scharfe Wendung und sprang, wie von einem Gummi gezogen, auf den
Bock, neben den Kutscher. Es war des Kaisers Leibdiener. Er war fast
so alt wie der Kaiser, aber gelenkig wie ein Jungling; denn das Dienen
hatte ihn jung erhalten, wie das Regieren seinen Herrn alt gemacht
hatte.
Schon zogen die Pferde an, und man erhaschte noch einen silbernen
Glanz vom weifien Backenbart des Kaisers. »Vivat!« und »Hoch!«
schrie die Menge. In diesem Augenblick stiirzte eine Frau vor, und ein
weifies Papier flog in den Wagen, ein erschrockener Vogel. Ein Gna-
dengesuch! Man ergriff die Frau, der Wagen hielt, und wahrend Zivil-
polizisten sie an den Schultern griffen, lachelte ihr der Kaiser zu, wie
um den Schmerz zu lindern, den ihr die Polizei zufiigte. Und jeder war
iiberzeugt, der Kaiser wisse nicht, dafi man jetzt die Frau einsperren
wurde. Sie aber wurde in die Wachstube gefuhrt, verhdrt und entlas-
sen. Ihr Gesuch sollte schon seine Wirkung haben. Der Kaiser war es
sich selbst schuldig.
Fort war der Wagen. Das gleichmafiige Getrappel der Pferde ging un-
ter im Geschrei der Menge. Die Sonne war heifi und driickend gewor-
den. Ein schwerer Sommertag brach an. Vom Turm schlug es acht. Der
Himmel wurde tiefblau. Die Strafknbahnen klingelten. Die Gerausche
der Welt erwachten.
Frankfurter Zeitung, 6. 3. 1928
LENINGRAD
Nach Leningrad kam ich an einem eisigen Sonntagmorgen. Die Luft
war aus Glas. Es klirrte. Die Strafie war Schnee; weiftbesonnter Schnee
auf der einen Seite, auf der anderen beschatteter Schnee. Die Biirger-
steige waren von der Strafienmitte getrennt durch Schneehaufen, die
sich in regelmaftigen Abstanden erhoben. Sie erinnerten an markierte
Grenzlinien. Von den Schlitten kam ein frohliches Geklingel, von den
FufSgangern ein Knirschen und ein Schnaufen. Der Gummi der Galo-
schen quietsche auf dem widerspenstigen Schnee, der bei jedem Schritt
916 DAS JOURNALISTISCHE WERK
seufzte, als lkte er unter dem Getretenwerden. Der Atem entstromte
horbar den Miindern und den Nasen der Menschen. Vor jedem Ange-
sicht eine kleine Wolke, die sich immer wieder erneuerte. Vor den
Hauptern der Schlittenpferde grofiere Wolken. Hoch unter dem blafi-
blauen Himmel schien der Frost zu singen, diinn, ein Wimmern, aber
nicht eines, das Schmerz ausdriickt, sondern kalte Wollust am kalten
Schmerz. Dieser Gesang des unsichtbaren Frostes unter dem winterli-
chen Himmel war der deutliche akustische Gegensatz zum unaufhorli-
chen Geschmetter unsichtbarer Lerchen unter einem sommerlichen.
Obwohl die Sonne sehr stark war, konnte man dennoch in sie sehen.
Denn ihr weifier Glanz war im Verhaltnis zum blendenden Schnee eine
Beruhigung dem Auge. Und ebenso wie man etwa im Sommer, nach-
dem man in den Himmel geblickt, das Auge liber das Griin der Erde
schweifen lafit, um den geblendeten Sinn zu beruhigen, so schickte ich
meinen Blick, der sich am Weifi des Bodens weh tat, zur Erholung in
das Blau des Himmels. Der Schnee war stark wie die Sonne und die
Sonne sanft wie Schnee. Und wahrend von ihr Kalte kam, schien ihm
Warme zu entstromen. Man zahlte 28 Grad unter Null. Vor der Nase
stand der Frost wie eine doppelt geschliffene Klinge. In den Ohrmu-
scheln brannte ein stechendes Feuer aus diinnen, rohen Nadeln. Man
fuhlte das Blut im eigenen Korper kreisen und die Schnelligkeit, mit
der es sich selbst heizte. Infolgedessen, und nicht weil man etwa fror,
beschleunigte man den Schritt. Alles Lebendige bewegte sich sehr
schnell. Die Menschen liefen fast aneinander vorbei, jeder durch den
Frost vom andern isoliert. Die Schlitten huschten. Ein oder zwei der
seltenen Automobile sausten. Die Schellen an dem hohen Joch der
kleinen Pferde galoppierten. Die einzelnen Klange verbanden sich zu
Melodien. Es war kein Klingeln mehr, es waren geklingelte Lieder.
Aber alles Stehende schien doppelt unbeweglich. Die Hauser, die
Briicken, die Buden, die Laternen waren fur alle Ewigkeit hingestellt,
und ihre Lage schien unveranderlich wie die der Pyramiden. Ja, selbst
der Schatten, den die Objekte warfen, war nicht mehr ein Spiel des
Lichts, sondern eine dunkle Flache, hingemalt mit grauer Farbe auf
den weifien Schnee und unabhangig von dem wechselnden Stand der
Sonne. Die Palaste, die in Leningrad so dicht nebeneinanderstehen wie
in anderen Stadten die Mietshauser, erhielten in der Atmosphare dieses
Vormittags eine doppelte Festigkeit. Zu der Kraft des Dauerns, die
ihnen ihre Erbauer verliehen hatten, kam die monumentalisierende
1925 <)YJ
Kraft des Lichts, das die Palaste gleichsam noch einmal stehen hiefi, als
ware vorher Gefahr gewesen, sie konnten sich, obwohl griindlich fun-
damentiert, dennoch bewegen. Aus dem Gegensatz aber zwischen der
Schnelligkeit alles Beweglichen und der fiir Jahrtausende garantierten
Unbeweglichkeit alles Stehenden ergab sich ein mir ungewohnter Reiz,
ein frucht barer, der die Produktivitat des Auges steigerte und es
zwang, den Zauber der Geschwindigkeit wie die Winde des Dauern-
den zu verzeichnen. Die Fassaden erhohten sich zu Symbolen der
Ewigkeit. Die eilenden Menschen und Wagen und Pferde verringerten
sich zu beispielhaften Objekten des ewigen Wechsels und der Nichtig-
keit alles Lebens. Und ich sah wie auf eine Biihne, auf der ein ergrei-
fendes Spiel von der bedauerlichen Rapiditat des Werdens und Verge-
hens und der grausamen Gleichgiikigkeit der ewigen Machte gespielt
wird.
So sah ich Leningrad zum erstenmaL Es reprasentierte sich mir als die
Stadt Peters des Groften, des universalen Europaers, der von dieser
Stadt aus Asien zu regieren gedachte und der sich nicht, wie andere
Herrscher, ein steinernes Denkmal stellte, sondern eine ganze Resi-
denz, am Zipfel seines riesigen Reiches, einem Kapitan vergleichbar,
der die Kommandobriicke an dem Bug seines Schiffes plaziert. Die
Stadt jenes Zaren, der einen so starken Sinn fiir die Ewigkeit hatte, daft
er seinen eigenen Leichnam im Sarkophag durch die Jahrhunderte er-
hielt, daft er, als man nach der Revolution seinen Sarg offnete, noch
ganz und unversehrt dalag und daft man vor ihm erschrak - wie man
dereinst vor dem Lebendigen erschrocken war.
Am nachsten Morgen war der Frost gebrochen. Er war aufgelost in
Nebel. Der Nebel stieg aus dem Fluft. Der Schnee war noch hart, aber
er knirschte nicht mehr. Der Himmel war grau und kiindigte neue
Schneefalle an. Die Luft war nicht mehr aus Glas, sondern aus milchi-
gem Porzellan. Die Sonne war nicht mehr als ein Himmelskorper
wahrnehmbar, sondern hinter den Wolken wie gleichmaftig verschiit-
tet iiber den ganzen Horizont. Uber den Dachern der Hauser und der
Palaste lag unbeweglich ein graublauer Dunst, und stand man auf
einem erhohten Punkt der Stadt oder auf einem weiten Platz, auf dem
die Distanz einen Uberblick erlaubte, so war es, als sahe man auf eine
918 DAS JOURNALISTISCHE WERK
versunkene Stadt unter einem leichten Meer aus Rauch. Glocken,
Schlittenschellen und andere Gerausche gelangten zu mir aus einer ver-
hiillten Nahe. Es war, als wiirde es mir nie gestattet sein, die Ursachen
dieser Gerausche mit eigenen Augen zu seheri. Ging ich dann hinein,
um die Tiirme, die Menschen, die Strafien wahrzunehmen, so war es,
als hatte ich einen Bann aus Nebeln durchbrochen. Nicht mehr fur alle
Ewigkeit schienen die Fassaden auf das vergangliche Leben vor ihnen
zu blicken. Sie zitterten vielmehr, sie schwankten, veranderten fast ihre
Formen wie Mauern, die man aus einer sehr grofien Entfernung sieht.
Es war immer noch kalt. Aber die Kalte hiillte sich gleichsam in war-
mende Wolken wie in Pelz - in ihnen war schon die besanftigende
Weichheit des Schnees, den sie enthielten. Vor mir glanzte aus grau-
blauem Nebel die Spitze des Admiralsplatzes auf, wie eine goldene
Lanze, die den Rauch durchstochen und aufgespiefk hat. Es war ein
unwahrscheinlicher Triumph im Glanz dieser Lanze. Sie triumphierte
wie das Wahrzeichen einer Welt, die den Nebel, der sie zu verschlin-
gen droht, nicht fiirchtet, weil sie ihn selbst geboren hat. Wie der aus-
gestreckte mahnende Finger einer Macht, die noch gefahrhch werden
kann, einfach weil sie noch da ist.
Den Rauch, der sie einhiillte, gebar die Stadt Leningrad wirklich selbst.
Denn sie steht auf Siimpfen, weich und tiickisch ist der Boden, in den
die schweren Fundamente der schweren Palaste und Kirchen mehr
versenkt als gebaut sind. Ein grofier und eigenwilliger Zar hat seine
Macht auch noch iiber den Sumpf beweisen wollen. Und wie Venedig
uber das Wasser, so triurnphiert Leningrad iiber den Sumpf. Aber es
identifiziert sich mit ihm, seine Mauern werden feucht, sie sinken ein,
und wenn es die starken Froste seines Klimas nicht immer wieder befe-
stigten und den weichen Boden hart machten, vielleicht stiinden die
Hauser nicht mehr so hoch, wie sie heute noch sind. Aber an den
meisten Tagen des Jahres liegt die Stadt im sanften Nebel ihrer eigenen
Siimpfe, wie ein Zeichen des Friedens, den Stein und Wasser geschlos-
sen haben, und aus der Feme sieht die Stadt nicht aus wie eine Wirk-
lichkeit, sondern wie der Traum von ihr, den Siimpfe traumen. Eines
Tages - sagte Dostojewski - wiirde man erwachen, und Petersburg
ware nicht mehr da. Ein lebendiger Peter hat es errichtet, vielleicht
wird es ebenso wunderbar ein toter wieder in nichts verwandeln. Denn
diese Stadt kann nicht zerstort werden. Sie kann sich auflosen - in den
Dunst, der iiber ihr lagert.
1928 <)V)
3
»Oh«, sagten mir die Patrioten von Petersburger Farbung, »hatten Sie
die Stadt friiher gekannt. Sie war europaischer, lebhafter, reicher als
Paris !« - Denn es gibt eine bestimmte Schicht iiberzeugter Petersbur-
ger in alien Teilen Rufilands, die immer gegen die iiberzeugten Mos-
kauer waren. Moskau hatte seine alten historischen und ethnographi-
schen Rechte nicht aufgegeben. Es hielt eine »echtere«, »russischere«
Tradition der »europaischen« und hofischen Petersburgs entgegen. Es
entstand in Petersburg, das die Zaren in ziemlich sicherer Entfernung
von ihren Untertanen hielt, eine noch merkwiirdigere Art Russentum.
Es entstand der gehobene russische Biirokrat mit fast deutscher Piinkt-
lichkeit, aber mit einer leisen Verrlicktheit, jene Mischung, die den
»Sonderling« ergibt. Da waren die breiten europaischen Strafien mit
der mangelhaften russischen Kanalisierung. Man sprach franzosisch
und deutsch und fluchte auf russisch. Man war in der Nahe des Aus-
lands, am Rande des Meeres und der fremden Schiffe, die fremden
Diplomaten wohnten um die Ecke - und wahrend man so in Rutland
zu Hause blieb, sah man Europa in die Fenster. Petersburg hiefi die
Stadt, sie hatte keinen russischen Namen. Als der Zar Nikolaus II. sie
im Kriege in »Petrograd« umtaufte, wehklagten gerade die russischen
Patrioten, denen der deutsche Name ihrer Stadt heilig geworden war.
»Petersburg« bedeutete universale Vornehmheit, von dem grofken Za-
ren gewollt und deshalb russisch. »Petrograd« bedeutete eine billige
Konzession an den kleinburgerlichen Nationalismus, den pobelhaften,
eigentlich westeuropaischen Sprachpuritanismus, der die Schilder mit
fremdklingendem Namen zerstort. Petersburg in Petrograd umzutau-
fen - das bewies die kleinbiirgerliche Gesinnung des letzten Zaren, der
sein Nationalgefiihl von den Straftendemonstranten bezog. Eine Stadt,
die schon Petrograd hiefi, mulke schlieftlich Leningrad heifien - mei-
nen heute die russischen Reaktionare. Sie halten noch bei Peter dem
Grofien. Nikolaus II. ist ihnen ein Vorlaufer der Revolution.
Diese Reaktionare leben noch in Petersburg. Manche blieben von der
Revolution verschont, weil sie sich um die Politik nicht kummerten.
Sie waren zu stolz, um sich zu kummern. Sie standen von den Schreib-
tischen auf, legten ihre Uniformen ab und sahen dem Untergang ihrer
Welt mit der stolzen Verachtung zu, die sie auch gegen sich selbst
hatten. Eine Art von aristokratischem Nihilismus. Ein Heroismus der
920 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Gleichgiiltigkeit. Gespenstisch wandeln sie durch die Strafien. Gespen-
stisch waren sie schon damals, als sie noch vor den Schreibtischen sa-
fien. Gespenster der Siimpfe mit hofischen Manieren. Sie werden Pe-
tersburg niemals freiwillig verlassen. Der Hof ist nicht mehr da, aber
die Siimpfe sind geblieben, ihre Heimat, deren Feuchtigkeit alte Ge-
spenster konserviert.
Der Platz vor dem Winterpalast ist weit, und der Schnee verwischt
seine Grenzen. Er ist als Platz so unermefilich, wie Rutland als Reich
unermefilich ist. Durch die Fensterscheiben, die eine gelbliche Tonung
haben, sieht man auf ihn wie auf einen erstarrten See. Eine Wehmut
aus Stein und Eis steigt aus ihm auf wie Nebel aus einem lebendigen.
Menschen, die ihn iiberqueren, sehen winzig aus wie verkleidete
Streichholzer. Rings eingeschlossen, nur durch schmale Auswege mit
der Stadt verbunden, ist er wie deren eigene Abkehr, eine Form ihrer
Entriicktheit. Der Zar war winzig diesem Platz gegeniiber, ein kleiner
Gefangener. Wie furchtsam wird ein Herrscher, wenn ihn ein Platz,
grofi, weifi und schweigsam, belagert! Wer nicht grofi genug ist zu
regieren, wird hier, vor lauter Weite, ein Tyrann.
Ein friiher Winterabend brachte frischen, weichen Schnee, der zusam-
men mit der Dunkelheit herabfiel, wie um sie zu beleuchten. Aber
soviel es auch schneite, der Platz blieb tief, und sein Niveau schien sich
nicht um einen Zentimeter zu heben. Zu weit ist dieser Platz! dachte
ich. -Zu weit!...
Frankfurter Zeitung, 18. 3. 1928
KONZERT IM VOLKSGARTEN
Das Konzert im Volksgarten begann um fiinf Uhr nachmittags. Es war
Friihling, die Amseln floteten noch in den Strauchern und auf den Bee-
ten. Die Militarkapelle safi hinter dem eisernen, an den Spitzen vergol-
deten Gitter, das die Terrasse des Restaurants von der Allee des Gar-
tens trennte und also die zahlenden und sitzenden Gaste von den un-
1928 9 21
bemittelten Zuhorern. Unter ihnen befanden sich viele junge Mad-
chen, Sie waren der Musik hingegeben. Aber die Musik bedeutete an
jenen Abenden mehr als Musik, namlich: eine Stimme der Natur und
des Friihlings. Die Blatter iiberwolbten die schmetternde Wehmut der
Trompeten - und ein Wind, der kam und ging, schien fur kurze Weilen
die ganze Kapelle samt alien Gerauschen auf der Terrasse in entlegene
Gebiete zu entfiihren, aus denen sie mehr geahnt als vernommen wur-
den. Gleichzeitig horte man die langsam knirschenden Schritte der
Fufiganger in der Allee. Aus ihrem gemachlichen Tempo klang das
Behagen wieder, das die Musik den Ohren bescherte. Wenn die Instru-
mente laut wurden, die Trommeln zu wirbeln begannen oder gar die
Pauken zu drohnen, so war es, als rauschten auch die Baume starker
und als hatten die heftigen Arme des Herrn Kapellmeisters nicht nur
den Musikern zu gebieten, sondern auch den Blattern. Wenn aber
plotzlich ein Flotensolo den Sturm unterbrach, so klang es in diesem
Garten nicht wie die Stimme eines Instruments, sondern wie eine
Pause, die singt. Dann fielen auch die Vogel wieder ein - als hatte der
Komponist an dieser Stelle Amseln vorgesehen. Der Duft der Kasta-
nien war so stark, daft er selbst die siifiesten Melodien iiberwehte und
daft er dem Gesicht entgegenschlug wie ein Bruder des Windes. Und
von den vielen jungen Madchen in der Allee kam ein Glanz, ein Geflii-
ster und besonders ein Lachen, das noch naher war als die Madchen
selbst und vertrauter als sie. Sprach man dann mit einer Fremden, so
glaubte man, sie schon gehort zu haben. Und entfernte man sich mit
ihr aus dieser Allee in eine andere, eine einsame, so hatte man nicht nur
ein Madchen mitgenommen, sondern auch etwas von der Musik, und
man trat in die Stille ein wie in eine jener singenden Pausen.
Es gait nicht fiir angemessen, drauften am Gitter zu lehnen und die
Madchen merken zu lassen, daft man leider nicht in der Lage war,
drinnen einen Kaffee zu trinken. Deshalb ging ich auf und ab in der
Allee, verliebte mich, verzweifelte, vergaft, verschmerzte, trauerte nach
und verliebte mich wieder- und alles innerhalb einer Minute. Ich hatte
gerne stehend zugehort und nichts weiter. Aber hatte mir es selbst die
Bekanntschaft mit einem Leutnant gestattet, der oft elegant und klir-
rend innerhalb des Gitters Butterkipfel aft - ich ware doch der fernen
und unerreichbaren Anmut der Damen erlegen, die leicht und hinge-
weht an den weiften Gartentischen saften, eine Art irdischer Friihlings-
wolken, niemals anzusprechen, weil niemals zu Fuft in den Straften
922 DAS JOURNALISTISCHE WERK
anzutreffen. In jener Zeit befand sich auf der Terrasse des Restaurants
ein Teil der »grofien Welt«, und das Gitter war die Schranke, die mich
von ihr trennte. Und wie mich das kleine Madchen, das ich kiifite, fiir
einen machtigen Ritter hielt, so sah ich auf den Terrassen der grofien
Restaurants lauter Damen, fiir die ich sterben wollte. Das sollte sich
spater noch ereignen. Aber das grofie Leben heute schon auf- und ab-
gehend und unauffalKg zu beobachten und so zu tun, als ware es
eigentlich gar nicht verschlossen, war wie ein Vorschufi, den ich mir
selbst darauf gegeben hatte.
Gelegentlich erhaschte ich eine graziose Schleife, die der schwarzlak-
kierte Dirigentenstab mit der silbernen Spitze in der Luft geschlungen
hatte. Sie blieb vor meinen Augen, eine standig wehende Erinnerung.
Manchmal, wenn ich zufallig am Ausgang stand, traf mich der verfiih-
rerische, schnelle und etwas spottische Blick einer Dame. Sie bestieg,
von Herren gefolgt, einen Wagen. Aber auf dem kurzen Weg von der
Schwelle des Gartens bis zum Trittbrett des Wagens forderte sie noch
von meinem anbetenden Auge die Bestatigung, dafj sie schon sei. Ich
verliebte mich im Nu - indes der Wagen dahinrollte und das flinke
Getrappel der Hufe den Schlag meines Herzens bestimmte. Noch be-
klagte ich die Verschwundene - und schon erbliihte aus der Wehmut
die Hoffnung, die Dame wiirde morgen zur selben Stunde das Restau-
rant verlassen und ich, ein zufalliger Passant, vorhanden sein, um zu
sehen und bemerkt zu werden. Und obwohl ich, von der Musik geru-
fen, heute noch in die Allee zu vulgaren Abenteuern zuriickkehrte,
war ich bereits gewifS, an der Schwelle eines grofiartigen Lebens zu
stehen, das morgen eroffnet werden sollte.
In der Allee lag schon die Nacht mit einigen Laternen im Laub, und
die kleinen Madchen horte man nur - man konnte sie kaum sehen. Sie
schienen in der Dammerung zahlreicher. Das Kichern wurde ihre
eigentliche Muttersprache. Nun, da man ihre billigen blauen Kleider
nicht sah, konnten es die Kleinen mit den Damen innerhalb des Gitters
fast aufnehmen. Der offentliche Teil des Gartens wurde ubrigens ge-
schlossen, und die Kapelle riistete zur grofien Abendpause. Einer der
Musikanten ging von Pult zu Pult und sammelte die Notenblatter ein
wie Schulhefte. Das letzte Stuck - es war fast immer der Radetzky-
marsch - wurde nicht mehr vom Blatt gespielt, sondern vor leeren
Pulten. Der Marsch existierte gewissermaften gar nicht mehr auf dem
Papier. Er war samtlichen Musikanten in Fleisch und Blut iibergegan-
1928 9 2 3
gen, sie spielten ihn auswendig, wie man auswendig atmet. Nun er-
klang dieser Marsch - der die Marseillaise des Konservatismus ist -,
und wahrend die Trommler und Trompeter noch auf ihren Platzen
standen, glaubte man die Trommeln und Trompeten schon selbstandig
marschieren zu sehen, mitgezogen von den Melodien, die ihnen eben
entstromten. Ja, der ganze Volksgarten befand sich auf dem Marsch.
Man wollte gemachlich schlendern, aber der Trommelwirbel selbst be-
gann, die Gelenke zu bewegen. Er halite noch lange in der Strafie nach,
und er begleitete den Larm der abendlichen Stadt wie ein lachelnder
und hurtiger Donner.
Frankfurter Zeitung, 8. 4. 1928
LITTLE TITCH
Little Titch war ein winziger Mann mit einem riesengrofien Kopf.
Seine Augen waren zwei dunkelblaue Glaskugeln, seine Ohren rot wie
Mohn, ein blutiger Zorn flammte in ihnen, der Zorn des kleinen Man-
nes Little Titch. Das Gesicht farbte sich violett wie eine grofie Rube.
Eine Laune der Natur, stand der Zwerg auf der Buhne. Sein strammer,
rundlicher Rumpf erinnerte an ein Fafichen, bis an den Rand mit ko-
chendem Ingrimm gefiillt, von Rippen und Weste umreift und vor dem
Zerplatzen bewahrt. Die Handchen schlenkerten. Jedes hatte sechs
Finger. Little Titch schamte sich ihrer und verbarg sie. Er verbarg die
Hande in den Fausten.
Manchmal hielt er ein diinnes Stockchen in der Hand. Es war ein ganz
natiirlicher unnatiirlicher Auswuchs, eine Art langer, siebenter Finger.
Er peitschte mit ihm die Luft und fuchtelte sich gleichzeitig Kuhlung
zu. Eine Weile blickte er versonnen vor sich hin, dann holte er aus und
hieb drein. Er hatte ein Luftmolekiilchen erwischt und erschlagen.
Aber der Sieg beruhigte ihn nicht. Mit seinen langsohligen, weichen
Clownschuhen, die an Fliegenklappen erinnerten, sprang er zwei
Schritte vor, ein Nichts verfolgend, das ihm entwichen war. Mit den
langen Sohlen erteilte er dem Fuftboden Ohrfeigen, wahrend soeben
sein Stockchen den Feind erhaschte. Plotzlich fiel es ihm aus der Faust.
Es fiihlte sich offenbar mifibraucht und wollte nicht mehr aufstehen.
924 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Es hatte auf einmal seine Elastizitat entdeckt und beniitzte sie, um dem
Herrn zu entweichen. Kaum hatte sich Little Titch gebiickt, sprang es
von ihm fort. Er verfolgte das Stockchen mit dem Fuft. Er trat ihm auf
den Schwanz, und es schnellte dennoch davon.
Ein kleines, teigiges Filzhiitchen, das Little Titch auf dem Kopfe trug,
hiipfte bei dieser Gelegenheit auf den Boden. Es war ihm offenbar auf
dem siedenden Haupt zu heift geworden. Da aber der Stock in diesem
Augenblick wichtiger war als alles andere, hatte es nicht das geringste
Aufsehen erregt. Es machte sich in einer eminent wichtigen Situation
nur lastig. Es iiberschatzte sich einfach, Es war so wenig wichtig, daft
Little Titch nach dem Hiitchen nur mit einer Hand schnappte, einer
einzigen Hand, die schon dadurch allein, daft sie nach einer Neben-
sachlichkeit griff, selber nebensachlich geworden war, direkt eine
Vize-Hand. Noch gait des kleinen Mannes ganzes Wiiten und Ha-
schen dem Stockchen, sein grofter Haft kochte gegen die treulose
Waffe, die ihn im Augenblick hochster Gefahr verlassen hatte, da er
von Millionen feindlichen Luftteilchen umzingelt und ernstlich gefahr-
det war - und schon hiipfte das Hiitchen auf den Boden und begann
mit seinem Herrn zu spielen wie die Maus mit der Katze.
Eine Sekunde lang war Little Titch ratios. Er starrte geradeaus und
riihrte sich nicht. Aus seinem Innern kamen ratselhafte Laute, man
glaubte, den Haft im Rumpf brodeln zu horen, es war, als kampfte ein
Bauchredner mit der Sprache und konnte das entscheidende Wort in
den Eingeweiden nicht finden. Auf einmal - und ehe das Stockchen
noch die leiseste Ahnung haben konnte - machte der kleine Mann
einen jahen Sprung mit beiden Fiifien. Er hatte es uberrumpelt. Es gab
sich ihm von selbst willig in die Hand. Und er begann, damit nach dem
Hiitchen zu haschen.
Es dauerte verhaltnismaftig nicht mehr lange, und schon hatte der
Stock den Hut aufgespieftt. Little Titchs Zorn war verrauscht. Erschla-
gen alle Feinde aus Luft und Nichts, die unwillige Waffe wiederge-
wonnen und untertan gemacht und selbst das Hiitchen erhascht. Die
roten Ohren entfarbten sich allmahlich. Die dunkelblauen Kugelaugen
rollten gemahlich unter die Lider zuriick, und um den bosen, winzigen
Mund des kleinen Mannes begann irgendein Ding zu huschen, das bei
jedem anderen den Anfang eines Weinens bedeutet hatte, bei Little
Titch aber schon ein ausgewachsenes Lacheln war. Er wirbelte noch
ein paarmal das Hiitchen auf der Stockspitze wie eine gleichgiiltige, ja
1928 9 2 5
etwas verachtliche Trophae. Es schien nunmehr, dafi dem Sieger der
grofie Aufwand leid tat, den er fur die Schlacht verschwendet hatte.
Aber der Beifall der Menge veranlaflte ihn, sichtlich geschmeichelt hin-
ter dem Vorhang zu verschwinden.
Was nun hinter dem Vorhang mit dem kleinen Mann geschah, kiim-
merte mich ebenso wie alles, was ich von ihm gesehen hatte. Denn es
war nicht ein Programm, das er auf der Buhne gezeigt hatte und aus
dem er sich noch in ein Privatleben zuriickziehen konnte. Es war viel-
mehr ein Zornausbruch, berechnet fur die Dauer einer Viertelstunde
am Abend, aber tagsiiber sorgfaltig gedampft, miihsam geduckt und
dennoch mit Eifer vorbereitet. Little Titch konnte keine Ferien haben.
An den Abenden, an denen er nicht auftrat, mochte er sich etwa in
einen Park begeben und seinen Grimm in einer einsamen Allee entla-
den. Vierundzwanzig Stunden brodelte es in ihm, bis er am Abend
explodierte. Sein kleiner Korper konnte die Bosheit nicht fassen. Er
produzierte sich nicht, er argerte sich nur. Er war ausgesprochen bose;
nicht schlecht, sondern bose. Seine ganze Existenz war ein einziger
Arger, und alle Erregungen, die sein Gemut erfuhr, fanden nur einen
Ausdruck: den Arger. Uber eine grofte Freude mufke er sich argern,
um sich vielleicht erst dariiber freuen zu konnen. Der Ruhm und des-
sen Kundgebung, der Applaus, brachten Little Titch gerade noch eine
Erleichterung. Aber hinter der Kulisse schwoll wahrscheinlich bereits
ein Grimm iiber den Applaus, und er hatte wieder hinausgehen mogen,
um es den Kerlen, den Luftmolekulen und dem Hiitchen, noch einmal
zu zeigen.
Daft Little Titch jemals aufhoren konnte, dieses Hiitchen zu tragen, als
besanftigende Trophae und chronischen Wuterzeuger zugleich, ware
mir niemals eingefallen, wenn ich nicht dem kleinen Mann einmal auf
dem Korso der Champs-Elysees begegnet ware. Es war ein soignierter
Friihlingsabend. Der milde und urbane Sonnenuntergang schien eher
mit den silbernen Laufschriften verwandt zu sein als etwa mit den rot-
lichen Wolkchen am Horizont. In diesen noblen und leichtparfurmier-
ten abendlichen Frieden, in dem schon die geschminkten Lippen der
Frauen ein biftchen zu laut waren, brach erschreckend die komische
Gestalt Little Titchs ein, und weil er so unwahrscheinlich normal und
sanft einherschlenderte, an der Seite einer grofien blonden und elegan-
ten Frau, wurde die Sanftmut des Abends ebenso unglaubhaft wie
seine eigene. Wenn er noch wenigstens sein Hiitchen gehabt hatte!
$z6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Aber er trug einen hellgrauen, steifen Hut mit schwarzem, breitem,
geripptem Band, und an seinem Armchen hmg ein dicker, gelber Spa-
zierstock aus Bambus mit Knoten, unten amputiert, ein Stockstumpf.
Das violette Angesicht war nach oben gewendet, wie um sich einen
Schimmer von der blonden Schonheit auszuleihen. Man konnte die
Dame lachen horen - und man war ihr dafur dankbar. Denn es war, als
reparierte sie durch ihre Heiterkeit ein Versehen der Natur und als
wiichse Little Titch in dem befruchtenden Klang um einige Zentime-
ter . . .
So behielt ich ihn im Gedachtnis, bis ich von seinem plotzlichen Tod
erfuhr. Er starb vor einigen Wochen, sechzig Jahre alt. Es mufi ein
Abend gewesen sein, jenem ahnlich, an dem ich ihn zuletzt gesehen
habe. Und ich hoffe, dafi der Tod das Angesicht und das Lachen der
blonden Dame anlegte, als er kam, den Kleinen in die Champs-Elysees
zu begleiten.
Frankfurter Zeitung, 2. 5. 1928
»DER LEBENDE BUDDHA«
Paul Morand, bekanntlich aufgewachsen beim Buddhismus, hat einen
Roman geschrieben: »Der lebende Buddha« } der jetzt in deutscher
Ubersetzung im Insel Verlag erscheint.
Morand erzahlt die Geschichte des buddhistischen Kronprinzen Djali
von Karastra, der in Gesellschaft eines franzosischen Freundes seine
Heimat verlafit, sich nach Europa begibt, es in- und auswendig ken-
nenlernt, es zum Anlafi nimmt, zwischen seiner eigenen Biographie
und jener Buddhas Analogien zu finden, und schliefilich nach einer
aussichtslosen und durch die bekannten Rasse-Vorurteile miftlunge-
nen Liebe zu einem amerikanischen Fraulein in die Heimat zuriick-
kehrt, um den Thron der Vater wiedereinzunehmen, schlicht und ein-
fach ein Konig zu werden, nachdem es ihm miftlungen war, ein Wei-
fler zu sein.
Was mich betrifft, so habe ich zwischen der Geschichte Morands und
der von »Alt-Heidelberg« mehr Verwandtschaftliches gefunden als
zwischen Djali und Buddha. Das harte Schicksal eines Thronerben, der
1928 9 2 7
auf Lust und Liebe verzichten mufi, weil sozusagen eine Damokles-
Krone st'andig iiber seinem jugendlichen Haupte schwebt, kennen wir
in Deutschland aus unserer eigenen Geschichte. Wenn in Karastra ahn-
liche Sachen passieren, so fiihlen wir uns im Fernen Osten angenehm
heimisch. Und ich sehe in der Tatsache, dafi Morand in die deutsche
Sprache iibersetzt wird, das Waken eines Schicksals ebenso wie das
eines sicheren Instinkts fur den kleinbiirgerlichen Geschmack der Le-
ser. Seit den ersten Zeilen, die ich von Morand gelesen habe, weifi ich,
dafi jeder Buddha, den er anriihrt, sofort auf die Dimension eines klei-
nen deutschen Provinzprinzen herunterkommt, und ich kann mir in-
folgedessen keinen idealeren Vermittler ferner Exotik fiir Deutsch-
lands gute Stuben denken. Die Tatsache, dafi Morand franzosisch
dichtet, ist nur ein angenehmer Beweis dafiir, wie leicht wir uns eigent-
lich mit den Nachbarn verstandigen konnten.
Nur deshalb - und weil Morands aufiergewohnlich hohe franzosische
Auflagen ein Beweis fiir die Existenz der guten Stuben auch in Frank-
reich sind - beschaftigen wir uns mit diesem Autor ausfiihrlicher, als
wir es etwa mit einem deutschen seiner Art taten. Dieser Weltreisende,
der das Kunststiick versteht, noch zwischen zwei Expreftzugen am
Autovolant der Zeit ein Weltbild zu entwerfen, und der jeden Augen-
blick den Globus aus der Westentasche ziehen kann - er hat uns gerade
noch gefehlt! Wir besafien nur unsere biederen Kolonialreisenden, die
wenigstens die Details falsch sahen und den groften Vorzug besaften,
nicht schreiben zu konnen. Morand aber kann schreiben - das heifk:
Er besitzt die Fertigkeit, Beobachtungen so hinzuschreiben, als ob er
sie gemacht hatte, und aus der engen, modernen und amerikanisch ge-
schnittenen Manschette Behauptungen so fallenzulassen, als schiittele
er sie aus einem Rollchen. Morand begniigt sich nicht mit Details. Er
bezieht aus ihnen apodiktisch vorgebrachte Verallgemeinerungen. Ein
Schotte steckt bei ihm im Nationalkostum und hat rote Haare. Die
Inhaberin eines snobistischen Salons ist eine »Zigeunerin«, die bereit
ist, »iiberall Weihrauch zu streuen«. Der Agent Sowjetruftlands ist na-
tiirlich ein dicker Geschaftsjude mit Propagandaflugblattern in der
Aktentasche. Dessen Sohn in Paris ein katholischer Klerikaler. Denn
es konnen bei Morand nicht zwei Juden auftreten, ohne dafi sie die
Gegensatze der ganzen Rasse darstellten. Und so auf jeder Seite. Mo-
rands Menschen sind immer Reprasentanten von Rassen, Nationen,
Religionen, Standen, Typen, und man schlagt die Biicher dieses fixen
928 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Kosmopoliten auf wie die bekannten farbigen Blatter in einem grofien
Atlas, in dem die Menschen so sauber klassifiziert sind wie die Hunde
im Lehrbuch der Naturgeschichte.
Es geht den Gegenstanden nicht anders. In Amerika zum Beispiel
»steigen die Hauser steil in die Luft wie ein gellender Schrei«. Die
Schornsteine von London bilden selbstverstandlich »ein Meer«. Und
sogar »die Toten« fallen »in die Versenkung« - damit man nicht sage,
sie wiirden begraben. Die Beine eines Strafienmadchens sind »wie eine
Schere, die den Asphalt schneidet«. Die Kuhnheit der Morandschen
Metaphern entspricht vollkommen der seiner Weltanschauung.
Es gibt eine Solidaritat - aufier jener der guten Stuben. Und in ihrem
Namen bedauern wir, dafi statt der Morands nicht andere franzosische
Autoren iibersetzt werden. Es ist die Solidaritat, die uns veranlafit,
Frankreich selbst vor seinen Morands in Schutz zu nehmen.
Frankfurter Zeitung, 6. 5. 1928
MAN MUNKELT BEI SCHWANNECKE
Obgleich der Larm, den die redenden Gaste verursachen, weit bedeu-
tender ist als die Gegenstande, die sie behandeln, ergibt er doch jene
Art der geselligen und undeutlichen Aufierung, die man Munkeln
nennt. Die sehr bestimmte Lautheit namlich, mit der einer dem andern
eine Neuigkeit mitteilt, erzeugt schon selbst das akustische Halbdun-
kel, die tonende Dammerung, in der jede Mitteilung ihre Konturen
verliert, die Wahrheit den Schatten einer Luge wirft und die Nachricht
die Ziige ihres eigenen Dementis tragt. Und wie im Licht einer zwar
grellen, aber flackernden Flamme ein Gegenstand nicht deutlich
agnosziert werden kann, ebenso fallt es dem angestrengten Lauscher
schwer, eine Aufterung zu werten, die man ihm zugetragen hat; insbe-
sondere wenn sie ein Geheimnis ist wie in den meisten Fallen.
Das Lokal der Berliner Kiinstler und Literaten, in dem man um Mit-
ternacht alle finden kann, die noch am Abend versichert hatten, sie
gingen prinzipiell nicht mehr hin, ja, sie waren seit Jahr und Tag nicht
dort gewesen, beherbergt eine Art arrivierter Boheme, deren Kreditfa-
higkeit bereits aufier Zweifel ist. Keiner von diesen Gasten hatte es
1928 9 2 9
notig, seine Schlafstatte spater aufzusuchen, als es ihm sein biirgerli-
cher Instinkt befiehlt. Auch beschliefit jeder jede Nacht, diesen Ort in
der nachsten zu meiden. Aber die Angst, seine Freunde, die ihn erwar-
ten, um mit ihm Gutes zu reden, konnten von ihm Schlechtes reden,
wenn er nicht kame, veranlafit ihn, sich tapfer dort zu zeigen, wo es
vielleicht mutig ware, abwesend zu sein. Er kommt, um die Eintracht
nicht zu storen, die, aus Angst und Mifitrauen gebildet, in den Nischen
nistet, und um sich und seinen Tisch vor jener iiblen Nachrede zu
bewahren, die schon am nachbarlichen gemunkelt wird. Hatte einer
die Fahigkeit, an alien Tischen gleichzeitig zu sitzen, man wiirde an
alien nur Gutes von ihm reden; und das Wunder, das er selbst voll-
brachte, ware noch gering im Vergleich zu jenem, das die anderen sich
abzuringen hatten. Immerhin erreichen die meisten wenigstens die
Grenze des Wunderbaren, indem sie sehr schnell einen Tisch nach dem
andern kontrollieren. Aber immer noch bleiben sie hinter der Schnel-
ligkeit zuriick, mit der die Sitzenden das Thema zu wechseln verste-
hen - und gelegentlich auch die Anschauung.
Es gibt freilich auch Sitzende, denen ihr Rang gerade noch erlaubt auf-
zustehen, nicht aber mehr, Besuche abzustatten. Auch sie sind nicht
gefeit vor der Angst, irgend jemand konnte irgend etwas von ihnen
erzahlen. Aber sie tragen die Last, nicht wohlgelitten zu sein, wie einen
Beweis fiir ihre Bedeutung - und das Mifitrauen, das die noch nicht so
weit Arrivierten in Zuvorkommenheit packen, verwandeln die Bedeu-
tenden in Verachtung und in Geringschatzung. Alle, die man im Au-
genblick nicht brauchen kann, sind fiir den, der sie erst nach einem
Jahr brauchen wird, heute nur Luft, die er zwar atmet, aber nicht sieht.
Gemach, gemach! Sie werden sich bald aus ihrer durchsichtigen An-
onymitat zu jener pseudonymen Korperlichkeit entwickelt haben,
ohne die man unmoglich einen Lehnstuhl vor einem Burotisch einneh-
men kann. Sie, deren Sehnsucht es heute noch ist, Schatten von Kor-
pern zu sein, werden einmal sogar eigene Schatten werfen, Protek-
tionsschatten auf Anonyme, Durchsichtige und Luftige. Sie werden
selbst die Filmreferate zu verteilen haben, die heute nur einige Male im
Jahr wie gottliche Gnaden auf sie fallen, sie werden selbst in Konferen-
zen begriffen sein, wegen deren sie heute noch fortgeschickt werden,
und sie werden bei Premieren neben den Kritikern sitzen, selber Kriti-
ker, aber von einer »neuen Richtung«, mit einer neuen Terminologie,
dank der sie vor Urteilen bewahrt und zu Vorurteilen angeregt wer-
93° DAS JOURNALISTISCHE WERK
den. Deshalb empfiehlt es sich fiir Vorsichtige, auch nicht die Gering-
sten unter den Anwesenden zu iibersehen, ja selbst die Unsichtbaren
mit einer gewissen Achtung ins Auge zu fassen und die Schatten so zu
begriificn, als waren sie beredt und konnten erwidern. In den langen
Jahren, in denen ich den deutschen Literaturbetrieb beobachten darf,
habe ich schon gesehen, wie Nullen sich an Ziffern hangten und zu-
sammen Zahlen ergaben, mit denen man natiirlich rechnen mufite. Ja,
einige, die in der Gesellschaft bei Schwannecke die unbedeutende
Funktion von ornamentalen vertikalen Linien auszuiiben schienen,
verwandelten sich in Striche, durch ahnungslose Rechnungen gemacht.
Und manche Analphabeten, die, wahrend sie in den Vorzimmern der
Redaktionen warteten, die Zeitungen buchstabierten, begannen auf
einmal, Bucher zu besprechen.
Auch Feindschaften unter den Gasten von Schwannecke konnen iiber-
raschende Folgen zeitigen, und nur ein Ahnungsloser ist imstande, an
eine Feindschaft zu glauben und aus ihr etwa Nutzen fiir sich selbst
Ziehen zu wollen. Selbst nach einer unmifiverstandlichen Erklarung
der sogenannten Tintenfehde - die zusammen mit der Tintenrache die
gefahrlichste Sitte der Schwannecke-Stamme bildet - kann niemand
voraussehen, wie schnell ein Feuilletonist imstande ist, eine uralte, seit
Wochen und Tagen stammende Feindschaft gegen einen Autor in einer
langen, lobenden Kritik zu begraben, ohne dafi jemand zu sagen
wiifite, warum, wieso und wozu. Ganz besonders unterrichtete Zwi-
schentrager wissen dann manchmal zu berichten, dafi gemeinsame In-
teressen fiir einen neuen Typ eleganter Sportautomobile die Gegner
einander nahegebracht hatten. Denn seit einiger Zeit hat die Verpflich-
tung zum »Tempo«, in dem sich Urn-, Neu- und Wiederaufbauten auf
dem Kurfurstendamm und auch sonst im Lande vollziehen, sogar die
Diener am Geist sowie dessen Bediente erfafit, und alle sind imstande,
hinter eine Fahrt mit 8o-Kilometer-Geschwindigkeit eine Weltan-
schauung zuriickzustellen. Vor dem Erlebnis der meftbaren Geschwin-
digkeit, mit der sie eine Strafie dahinrasen, bleibt auch die Sensation
jener unmefibaren zuriick, mit der sie ein Bekenntnis vergessen. Und
seitdem in unserer zeitgenossischen Literatur ein Monokel ein Auge
ersetzen kann, ist selbst in den Blicken einzelner Gegner Zu- oder Ab-
neigung nicht mehr zu erkennen. Gedruckte Angriffe und Beleidigun-
gen in unseren literarischen Blattern lese ich deshalb schon lange so, als
waren es bereits Widerrufe und Entschuldigungen.
1928 93 1
Nicht ohne Grund argere ich mich iiber die Innenarchitektur Schwan-
neckes, den langen Raum, den Korridor, an dessen beiden Seiten vier-
eckige Nischen angenaht sind, so daft die Gastegruppen voneinander
getrennt sind, als gehorten sie nicht zusammen. Mich krankt die Enge
dieses Raumes und der Umstand, dafi er nicht alle fafk, die hineingeho-
ren. Ich ergebe mich gerne der Vision, die mich manchmal aufsucht,
wenn ich in einer der Nischen am friihen Morgen sitze, der hier ein
Anhang an die Nacht ist. Ich sehc einen kolossalen, ubersichtlichen
Schwanneckebau mit einer Kuppel, er fafit die ganze Literatur, die Of-
fentlichkeit und ihre Kritik, die Filmproduktion und ihre Rezensen-
ten, die Biihne und ihre Referenten und sogar die Arbeitszimmer der
einzelnen, die dem Snobismus der Einsamkeit huldigen, die ihnen
nicht zusteht - auseinandergefallene und aufgeloste Arbeitszimmer, in
denen nur die Schreibmaschinen die tonende Leere der Gedanken un-
terbrechen. Ich sehe ein unermefiliches, gewissermafien ubersinnliches
Schwannecke, ein Pantheon der lebenden, wenn auch nicht lebendigen
kunstlerischen Offentlichkeit, in der auch die Autogaragen der kiihnen
Schnelligkeitsdichter Raum fanden und eine Autorennbahn fur die Be-
singer der Gegenwart und ein Flugplatz fiir die Feuilleton-Homere der
Ozeanflieger.
Frankfurter Zeitung, 2. 6. 1928
PANOPTIKUM AM SONNTAG
Eines Tages - es war ein Sonntag - wich die Scheu, mit der ich oft an
dem Musee Grevin vorbeigegangen war. Es regnete in Abstanden. Die
Wolken, die aus Schwefel zu sein schienen, stromten ein gelbes Licht
aus. Am Nachmittag bekamen die sonntaglich gekleideten Menschen
den Ausdruck abgekampfter, feierlicher und vergeblich auferstandener
Schatten. Es war, als ob der Sonntag, zu dem sie ausgezogen waren,
ausgefallen sei. An seiner Stelle befand sich eine Art verregneter und
triiber Liicke, die den verflossenen Samstag vom kunftigen Montag
trennte und in der die verlorenen Spazierganger umherschwankten,
geisterhaft und korperlich zugleich und alle wie aus Wachs. Mit ihnen
verglichen waren die wachsernen Puppen im Musee Grevin aufrichti-
93^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
gere Imitationen. Das gelbe Licht der Lampen in den fensterlosen Rau-
men, die niemals den Tag gekannt hatten, vermischte sich so innig mit
dem Dammer, der aus den Winkeln kam, daft beide aus dem gleichen
Stoff zu sein schienen und Hell und Dunkel Geschwister. Die Gestal-
ten der Geschichte und die bescheinigte Authentizitat ihrer Gesichter,
Bratenrocke, Kostiime, Zylinder; die Schatten, die sie wie zum Beweis
ihrer Lebendigkeit auf den Fufiboden warfen; die wachserne Starrheit
ihrer Stellungen; und schliefilich die unheimliche Stummheit, die le-
bende Zeitgenossen und langst Verstorbene gleichmafiig ausstromten:
Das alles kam mir wie eine angenehmere Fortsetzung und Bestatigung
jenes gelben Sonntags vor, den ich eben verlassen hatte. Manche Per-
sonlichkeiten hielten den einen Fufi vorgestreckt, die Hose warf unter
dem Knie ebenso lebenswahr unbeabsichtigte Falten wie iiber dem
Hals das Kinn ein Doppelkinn, und hundert kleine Nachlassigkeiten
des Schneiders und der Natur waren bemuht, selbst dem verstockten
Zweifler die wahre Existenz der Figuren zu beweisen. Ja, der Zu-
schauer kam oft dazu, mit dem eigenen Wunsch die Absicht des Pan-
optikums zu unterstutzen.
Auf den Gesichtern der lebendigen Besucher wieder lagerte ebenfalls
eine Stummheit, die aus Ehrfurcht, Schrecken und Staunen bestand,
wie ein matter Widerschein jener Figuren. Niemand wagte laut zu
sprechen. Alle flusterten oder murmelten, als befanden sie sich wirk-
lich in der Nahe der bedeutenden oder furchtbaren Personlichkeiten
und als konnten sie durch einen starkeren Laut die Puppen zu einem
unwilligen Fluch veranlassen. Ein Geruch von lange ungeliifteten Klei-
dern schwebte um alle Denkmaler und machte sie noch realer. Gleich-
zeitig aber mit der Furcht, die sie einflofiten, fiihlte man eine Art Mit-
leid mit ihnen, den ewig eingeschlossenen, und empfand es fast als ein
Unrecht, dafi ihre Vorbilder, die noch lebten, in der schonen freien
Luft und an den griinen Tischen der Weltgeschichte atmen und han-
deln durften. Es war, als stiinde hier im Panoptikum der wahre Poin-
care zum Beispiel und draufien fiihre irgendwo in einem Auto zu
einem offiziellen Ereignis der nachgemachte. Denn alles Wesentliche
und Kennzeichnende schien die wachserne Puppe dem lebendigen
Vorbild abgelauscht und weggenommen zu haben, so dafi dieses ohne
seine stabilen Ziige in der Welt herumlief. Und ebenso wie die Zeitge-
nossen der Erde, so schienen die toten Heroen dem Jenseits entwendet
worden zu sein; und fiir die Dauer meines Aufenthalts im Panoptikum
1928 933
war es mir klar, dafi sich in der Unterwelt nur die billigen Durch-
schnittsschatten aufhalten konnten, die fur die Geschichte wie fiir das
Musee Grevin uberhaupt nicht von Bedeutung waren.
Im Sterbezimmer Napoleons auf St. Helena roch man das schwelende
Licht, obwohl es von einer elektrischen Birne kam, und man erstarrte
in Ehrfurcht vor dem doppelten Schweigen des Todes: dem metaphy-
sischen und dem imitierten. Fiir die Ewigkeit festgehalten war die
Ewigkeit selbst, und das Fliigelrauschen des Todesengels hatte seine
Fliichtigkeit verloren und war bestandig geworden, eingefangen im
Sterbezimmer. Die authentischen Gegenstande aus Napoleons Besitz,
seine Taschenuhr zum Beispiel, die auf dem Nachttisch lag, stromten
eine iiberzeugende Echtheit aus, wie Gewiirze Du'fte verbreiten. Jede
kleinste Lucke zwischen den nachgemachten Tatsachen, in die etwa die
Phantasie des Betrachters hatte schlupfen konnen, war ausgefullt mit
einer nachgemachten Wahrscheinlichkeit zumindest. Also war die
Wirklichkeit nicht nur imitiert, sondern sogar iibertroffen. Es war eine
Welt, in der jede korperliche Erscheinung der menschlichen Phantasie
vorgriff, um sie iiberflussig zu machen, und in der alles plastisch vor-
handen zu sein schien, was man sich sonst mit geschlossenen Augen
kaum in verschwimmenden Umrissen ausmalen darf. Die Schatten wa-
ren eben Korper geworden und warfen eigene Schatten.
Uber allem lag eine makabre Stimmung. Aber sie entstromte nicht so
sehr den dargestellten Katastrophen (wie etwa der Christenverfolgung
in Rom und der unterirdischen Welt der Katakomben), sondern viel
eher der unerbittlichen Korperlichkeit, in die alle Ausgeburten der
Phantasie hineingesprungen waren, dieser wachsernen Harte, umge-
ben von historisch unanfechtbaren Requisiten und diesem legitimen
Geschichtsunterricht, an dem nicht mehr gezweifelt werden konnte,
einfach, weil er aus Wachs war und gar nicht vom Fleck zu ruhren. Es
war wie eine Begegnung mit okkulten Erscheinungen, obwohl alles
Okkulte und der Vernunft schwer Zugangliche rationalistisch prapa-
riert alien irdischen Sinnen aufgedrangt wurde. Man konnte Wunder
mit korperlichen Augen sehen und war infolgedessen ein bifkhen nie-
dergednickt und in Sorge, die liebe Erde zu verlieren, auf der man so
gerne glaubend und zweifelnd herumwandert.
Nur in einer einzigen Abteilung - Palais de Mirages, im Marchenpalast
also - war die Begegnung mit dem Wunderbaren nicht schrecklich,
sondern heiter. In diesem Palast sind alle Wande und die Decke aus
934 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Spiegeln. In der Mitte stehen ein paar Saulen, deren Aufgabe es ist,
nicht die Decke zu stiitzen, sondern sich selbst zu vervielfaltigen. Es ist
ein besonderes System drehbarer Spiegel, die ein unwahrscheinliches
Getose verursachen, sobald man sie in Bewegung bringt. Urn das Ge-
tose zu iibertonen, veranstaltet ein Orgelmechanismus eine Opernmu-
sik, die aus Porzellanhimmeln, Messingspharen und Stanmolplaneten
zu kommen scheint. Eine Zeklang ist es stockfmster. Eine Pause, die
dazu dient, die erregten Sinne auf ein neues Marchen vorzubereiten,
und alien Besuchern Gelegenheit gibt, die Korper ihrer vertrauten Be-
gleiterinnen wie fremde Wunder im Finstern zu fiihlen. Dann leuchtet
es langsam auf, von hunderttausend Lampen und Ampeln, violett,
gelb, griin, blau, rot, und man befindet sich im orientalischen Palast,
der von durchsichtigen Saulen getragen wird. Vor einigen Minuten wa-
ren es noch dichtbelaubte Eichen und Ahornbaume, und man befand
sich in einem deutsch-franzosischen Marchenwald mit Orgelgezwit-
scher. Bald drohnt es wieder, und flugs stehen wir unter einem blauen
Sternen- und Kometenzelt.
Erst in diesem Palast gelangten die Besucher aus der fliisternden
Furcht in ihre natiirliche Spektakelfreude. Denn sosehr auch hier das
Unwahrscheinlichste wirklich geworden war, so blieb doch diese von
vornherein zugestandene Marchenhaftigkeit ein Kinderspiel, vergli-
chen mit den Wahrscheinlichkeiten und Wirklichkeiten der menschli-
chen Geschichte. Es war keineswegs merkwurdig, aus dem Wald in die
Alhambra mit einem Schlag versetzt zu werden. Aber unmoglich
schien die Kreuzigung Christi, der Tod Napoleons, die Ermordung
Marats, das Zirkusspiel der Romer. Ja, selbst die zeitgenossischen Poli-
tiker, deren Leistungen erst in hundert Jahren die panoptikale Reife
erlangt haben werden, wirkten schon so, wie sie dastanden, im Braten-
rock und Zylinder, unmoglich und gespenstisch. Wie wenige von all
den Besuchern wufiten, dafi sie vor sich selbst erschrocken waren und
eigentlich noch in den Straften hatten erschrecken miissen - vor ihrem
eigenen Spiegelbild in einem Schaufenster! Da gingen sie wieder
herum, aus Wachs und aus Gips, mit alien Schrecknissen des Panopti-
kums in der eigenen Brust, und eines jeden Seele war eine Folterkam-
mer. Es regnete immer noch, schief und strichweise, die gelben Wol-
ken galoppierten iiber den Dachern, und tausend Regenschirme
schwankten unheimlich iiber den Kopfen der Unheimlichen . . .
Frankfurter Zeitung, 10. 6. 1928
Briefe aus Polen
ABREISE UND ANKUNFT
Lieber Freund,
seit zwei Wochen reise ich durch Polen - iiber eine alte Erde und durch
einen neuen Staat. Wenn Sie nach Beispielen dafiir suchen wollten, dafi
ein Ressentiment starker ist als eine Erfahrung und eine durch roman-
tische Vorstellungen genahrte Tradition wirkungsvoller als ein Augen-
schein - hier hatten Sie ein ausgezeichnetes Beispiel. Obwohl grofie
Teile dieses Landes unsere Etappe waren und unser Schlachtfeld, ob-
wohl wir in seinen Stadten und Dorfern gelebt und seine Frauen ge-
liebt haben, seine Burger, seine Bauern, seine Juden sehen und zumin-
dest sprechen horen konnten, war doch die Vorstellung, mit der die
meisten von uns nach Polen gekommen waren, das Fundament der
Urteile, die wir sammelten, und die Schublade, in der wir seit Jahr-
zehnten Land und Leute eingereiht hatten, blieb der Behalter auch un-
serer neuen Beobachtungen. Es gibt eben Falle, in denen Kenntnisse
nicht mehr wiedergutzumachen sind. Ereignisse und Tatsachen politi-
scher Natur, mitgeteilt in dem uberlieferten Jargon abstrakter Zei-
tungsberichte, trennen gleichsam die lebendige Korperlichkeit eines
Landes von der unkorperlichen Tatigkeit seiner politischen Reprasen-
tanten und lassen jene verschwinden und diese bestehen. Ubrig bleibt
in der Vorstellung des Zeitungslesers anstelle eines Volkes ein Aufien-
minister, statt eines nationalen Charakters ein Gesandter mit Lega-
tionsraten, statt eines Ereignisses ein Drahtbericht und statt einer Dar-
stellung bestenfalls ein Spezialkorrespondent. Entstehen auf diese
Weise schon die falschen Schablonen, so schafft eine sogenannte natio-
nale Gesinnung noch die gehassigen. Und also glauben wir, dafi die
polnischen Frauen schwarzhaarig und verraterisch, die polnischen
Bauern schmutzig, die polnischen Juden Gauner und die polnischen
Schlachtschitzen Betrunkene sind. Selbst noch die anerkennenden
Schlagworte vermitteln falsche Begriffe, wie zum Beispiel jenes, das
Warschau das »Paris des Ostens« nennt und jede Polin »elegant und
damonisch«. Das leichtsinnige und blinde Generalisieren ist der Punkt,
936 DAS JOURNALISTISCHE WERK
in dem Journalisten und Historiker einander nahekommen. Die apo-
diktische Arroganz der oberflachlichen Formulierer beeinfluftt die
politischen Handlungen selbst auf dem beriichtigten Boden der Tatsa-
chen. Die Schlagworte sind kaum noch von den Erkenntnissen zu un-
terscheiden. Deshalb will ich in den Briefen, die ich Ihnen schreiben
werde, versuchen, die Schlagworte, die iiber Polen in Umlauf sind, zu
dementieren und Erkenntnisse zu vermitteln.
Ich fuhr, wie Sie wissen, vom Schlesischen Bahnhof in Berlin ab. Der
Schnellzug, der aus Paris kommt, fiihrt heme schon direkte Wagen aus
groiSen europaischen Stadten nach Moskau. Die schonen weifien Ta-
feln, auf denen zwei so entfernte Welten wie Holland und Rutland nur
durch einen Bindestrich getrennt sind, sehen aus, als hatten sie nicht
eine geographische Richtung anzugeben, sondern eine zeitliche, und
als wiesen sie nicht nach dem Osten, sondern in die Zukunft. Zwischen
der optimistischen Harmlosigkeit, mit der eine solche Tafel an einem
Waggon angebracht wird, und der umstandlichen Qual, der sich jeder
Insasse dieses Wagens unterziehen mull, ehe er die Visa erhalt, ist ein
Unterschied wie etwa zwischen einem Gedanken und seiner Ausfuh-
rung, zwischen der Idee Europa und der europaischen Realitat. Den-
noch gemigt der Anblick eines Wagens, der befugt ist, einen ganzen
Erdteil ohne Anstand zu durchrollen, um in uns den verfriihten Stolz
auf eine verminftige Welt zu wecken und jenes falsche Gefiihl einer
Wanderleichtigkeit, fur die gar kein Hindernis in Betracht kommt.
Erst an der polnischen Grenze - an der sich iibrigens die Ziige fast
regelmaftig verspaten - fand ich mich wieder in meine alte Skepsis zu-
riick. Denn ist an vielen Grenzen die Untersuchung der Koffer schon
auf ein paar symbolische Handbewegungen reduziert, so glaubt der
polnische Zollrevisor seiner politischen Bedeutung noch eine gewisse
Griindlichkeit schuldig zu sein. Die Reisepasse, die zum Abstempeln
von den Passagieren eingesammelt werden wie Stimmzettel, holt nicht
ein Beamter in Zivil, sondern ein uniformierter Polizist, gestiefelt, ge-
spornt, bewaffnet und das Angesicht mittels eines Lederriemens an die
Miitze geschnallt. Und obwohl er selbstverstandlich zu Fufi durch den
Korridor geht, sieht es doch so aus, als ritte er an den offenen Kupee-
tiiren vorbei und als wollte er die Passe auf einer Lanze aufspiefien, um
sie dann drauflen vielleicht zu braten.
Hatte nun vorher der Anblick einer kleinen Tafel geniigt, die Gegen-
wart in eine Zukunft umzuliigen, so verwandelte jetzt der kavalleristi-
1928 937
sche Aspekt des Bewaffneten den Schlafwagen eines Schnellzuges in
eine Postkutsche. Die nachtliche Abgeschiedenheit der Station, die wie
alle Grenzen aufierhalb der Welt zu hangen scheint; die grillenum-
zirpte Landlichkeit und die verlorenen Gefliigelsignale aus den Gehof-
ten; die undurchdringliche Ratselhaftigkeit eines bewolkten Nacht-
himmels und eines stundenlangen Aufenthalts; das absolute, einem
Reisenden unerklarliche Geheimnis, das eine Grenze, ihre Beamten
und ihre Zwecke umhullt; all das verstarkt den Eindruck, daft wir aus
dem Jahr, in dem wir gelebt haben, in ein langst verflossenes zuriickge-
fallen sind und dafi wir den sichernden und schiitzenden Bestimmun-
gen eines Fahrplanes nicht mehr unterliegen. Der Willklir einer zwar
stillen, aber immerhin unbekannten Natur preisgegeben, konnen wir
nicht mehr mit Sicherheit darauf rechnen, dafi wir am Ziel ankommen.
Vielleicht verglimmen irgendwo unsere Passe zu Asche, vielleicht ro-
sten unter unseren Fiifien die Rader. Man hort das Gras iiber den
Schienen zusammenwachsen. Man ist geneigt, Gott seine Seele zu
empfehlen und alles iibrige auch. Und nichts ist so iiberraschend auf
Reisen wie die Tatsache, daft sich ein Schnellzug schliefilich dennoch
von einer Grenze losreifit.
Er fuhr in den Morgen hinein, nicht wie vom Dampf der Lokomotive
getrieben, sondern wie von der aufgehenden Sonne herbeigezogen.
Das Fenster griff unaufhorlich weite, zartgriine Flachen Landes auf
und lief? sie wieder zuriick. Einsame Weidenbaume standen zartlich
iiber dem dunkleren Griin der Erde und streichelten sie mit sachten
Zweigen. Ein Knabe, der zwei leidenschaftslos grasende Kiihe hiitete;
verlorene Hauser, aus denen Frauen mit Eimern traten, als hatten sie
den Augenblick abgewartet, in dem der Zug vorbeifuhr; ein Zaun und
ein Bauer und ein Pferd; ein Wagelchen, leicht hiipfend, das man rollen
zu horen vermeinte; ein Dreieck Wald und der silberne Glanz einer
kleinen, wehenden Birkenfamilie; ein blaues Loch Himmel und ein
dusterer Streifen Wolke iiber dem Rande des Horizonts; die vertraute
Nahe der Telegraphenstangen, die sich auf der gleichen Ebene mit dem
Zug befanden, weil er nicht auf einem Damme fahrt, sondern mitten
durch die Flache wie ein Wagen; all das winkte dem Auge zu, und man
glaubte es schon zu griiften, wahrend man es nur ansah. Wenig Schorn-
steine, keine Radiostationen, keine Gleisdreiecke, eine noch scheinbar
unparzellierte Erde und schmale Ackerstreifen, eingebettet im endlo-
sen fetten Griin der Weiden, ein grower Atem, den man zu sehen
938 DAS JOURNALISTISCHE WERK
glaubte und der nur aus einem schlafenden, noch nicht ausgenutzten
Reichtum kommen kann. Durch das geschlossene Fenster - und als
ware Glas keine Materie - drang der Wind, in dem sich draufien die
Graser wolbten. Und auf einmal entstand auf der Fensterscheibe das
Wort Friede, als hatte man es niemals gehort noch gelesen.
Ich versuche, Ihnen einigermafien den Charakter der Erde zu beschrei-
ben, weil Polen noch zu den Landern gehort, in denen die Natur das
offentliche Leben so beeinflufit, als ware sie die Industrie. Beachten Sie
zum Beispiel die Chauffeure in Warschau: Sie sehen aus, als hatten sie
mit Pferden und nicht mit Motoren zu tun. Sie sitzen gleichsam provi-
sorisch am Steuer, und erfreulicherweise ist in ihren Gesichtern kein
Zug von jener markanten Kalte technischer Physiognomien zu finden,
die bei uns den neuen Typ des maschinenvertrauten Menschen iiber-
trieben kennzeichnet. Die Warschauer Chauffeure sind Briider und
Sonne der Landleute, die auf ihren niederen Bauernwagen durch die
Stadt rollen und Stroh und Hacksel auf den Strafien verstreuen. In
dieser grofien Stadt mit einer Million Einwohnern sind die Manifesta-
tionen des Dorfes keineswegs merkwurdig, sondern sogar heimisch.
Eine heitere Zufalligkeit weht in kleinen Laden uberraschend zusam-
menhanglose Waren zueinander, die von einem einzigen Firmens child
hinreichend legitimiert werden. Madchen aus dem Volk auf nackten
Fiifien vor Kinoplakaten, weitgewanderte Bettler, auf denen der Staub
der Landstrafien liegt, die derbe Landlichkeit frisch eingeruckter Sol-
daten und schliefilich die iiberall fuhlbare Nahe von Erde und Griin
mischen der historischen Urbanitat jenen echten Geruch von Sommer
und Wiese bei, der den Unterschied zwischen Natur und Steinpflaster
aufhebt. Der silberne Glanz eines Schimmels, der an manchen Mittel-
punkten der Stadt einen Polizisten tragt und einen Verkehrsturm er-
setzt, vermittelt eine angenehme Ahnung von einer Art feudaler Inten-
tion, welche die Mafinahmen der Behorde zu bestimmen scheint. Eine
bereits histonsch anerkannte Eleganz, eine traditionelle Beziehung zur
Kultur der aufieren Form kennzeichnen das Leben dieser Stadt ebenso
wie die Arbeit und die katholische Religion. Und der agrarische Cha-
rakter des ganzen Staates setzt die Umgangsformen der Stadter fest wie
die Speisekarten ihrer Gasthauser.
Sie mogen aus diesen angedeuteten Zusammenhangen schon ersehen,
wie vielen Mifiverstandnissen ein Westeuropaer erliegt, wenn er nach
den Normen seiner Heimat das offentliche Leben Polens beurteilen
1928 939
will. In meinen nachsten Briefen werde ich einiges ausfiihren von dem,
was hier angedeutet ist, aber auch von manchem, was ich Ihnen heute
gar nicht erwahnt habe.
Inzwischen begnifte ich Sie als Ihr ergebener
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 24. 6. 1928
DAS POLNISCHE KALIFORNIEN
Lieber Freund,
ich komme eben aus einem der interessantesten Gebiete Europas. Ich
meine jenen Teil des kleinpolnischen Landes, in dem sich die beriihm-
ten Petroleumquellen befinden. Es liegt, wie Sie wissen, im Siiden Mit-
telgaliziens und am nordlichen Rande der Karpaten, und sein Mittel-
punkt ist die sehr merkwiirdige Stadt Boryslaw. Seit der Mitte des
i9.Jahrhunderts wird hier Petroleum gewonnen. Auf einem Gebiete
von etwa 15 Quadratkilometern stehen die dunklen, holzernen Bohr-
tiirme. Vergleiche ich sie mit den Bohrturmen von Baku, so erscheinen
sie mir weniger grausam und gewissermafien der Erdoberflache weni-
ger gefahrlich. Die Erde des kaukasischen Petroleumgebiets namlich
tragt auf ihrem Angesicht jenen Fluch, der wie ein Ausgleich fur den
Segen in ihrem Innern ist. Sie hat kein Grim, nur wusten, gelbgrauen
Sand und braune, schmutzige Tumpel, die niemals trocknen wollen,
obwohl sonst alles in der sudlichen Sonne dorren muE. Hier in Borys-
law, das man das »polnische Baku« nennt, ist die Sonne gemafiigt, sind
die Bohrturme schutter und trotz ihrer tausendfachen Zahl noch im-
mer nicht die einzige Vegetation des Landes. Noch gibt es Walder, die
nur zogernd vor den Tiirmen weichen und sie eher friedlich zu umge-
ben als feindselig zu fliehen scheinen. Der Blick darf von den verschal-
ten Quellen weg zu den griinen Hiigeln schweifen, denen der Urn-
stand, daft sie schon zur Familie der Karpaten gehoren, eine gewisse
Respektabilitat verleiht. Und ware nicht der Staub, der ein Bruder des
kaukasischen Staubes ist, so gabe es nur die Turme, die an Baku erin-
nern konnten.
940 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Aber der Staub ist da, weifi und aufiergewohnlich dicht. Es ist, als ware
er nicht das zufallige Produkt aus Abfall und abgesonderter Korper-
lichkeit, sondern als ware er ein selbstandiges Element wie Wasser,
Feuer und Erde und dieser weniger verwandt als etwa dem Wind, vor
dem er in dichten Schleiern einherwirbelt. Er Hegt wie Mehl, Puder
oder Kreide auf der Strafle und hiillt jedes Gefahrt und jeden Fufigan-
ger ein, als hatte er einen Trieb oder einen Willen. Er hat eine ganz
besondere Beziehung zur Sonne, wenn sie brennt, als hatte er einen
Auftrag, ihre Aufgabe zu vollenden. Und regnet es, so verwandelt er
sich in eine aschgraue, feuchte, klebrige Masse, die in jeder kleinsten
Hohlung zu einem griinlichen Tumpel gerinnt.
In dieser Gegend also wird Petroleum gewonnen. Vor ein paar Jahr-
zehnten war Boryslaw noch ein Dorf, heute leben hier etwa 30 000
Menschen. Eine einzige Strafie - ungefahr 6 km lang - verbindet drei
Ortschaften, ohne daK man sehen konnte, wo die eine aufhort und wo
die and ere beginnt. Hart an den Hausern entlang zieht sich ein holzer-
ner Gehsteig, von kurzen, stammigen Pfahlen getragen. Ein Trottoir
zu errichten ist unmoglich, weil Rohre unter der Strafie das Ol zum
Bahnhof leiten. Der Unterschied zwischen dem Niveau des Gehsteigs
und der Fahrbahn, aber auch der kleinen Hauser ist ein erheblicher,
und der Fufiganger erreicht oder uberragt die Dacher der Hauser und
sieht aus schrager Hohe in die Fenster. Alle Hauschen sind aus Holz.
Nur einige Male unterbricht ein grofieres Haus aus Ziegeln, weifige-
tuncht und von steinernem Aspekt, die triste Reihe der schiefen, fau-
lenden und zerbrockelnden Behausungen. Alle sind sie iiber Nacht
entstanden: zu einer Zeit, als sich der Strom der Naphthasucher hier-
her zu ergiefien begann. Es ist, als hatten diese Bretter nicht menschli-
che Hande hastig aneinandergefiigt, sondern als hatte der Atem der
menschlichen Gier zufallige Materialien zufallig zusammengeweht,
und kein einziges dieser fliichtigen Heime scheint dazu bestimmt,
schlafende Menschen zu beherbergen, sondern die Schlaflosigkeit auf-
geregter zu erhalten und zu verstarken. Der ranzige Geruch des Ols,
ein stinkendes Wunder, hat sie herbeigezogen. Die selbst geologisch
unberechenbare Sinnlosigkeit unterirdischer Gesetze erhohte die
Spannung des Grabers zur Wollust, und die unaufhorlich akute Mog-
lichkeit, durch kaum 300 Meter von Goldmilliarden getrennt zu sein,
mufite einen Rausch erzeugen, starker als der Rausch des Besitzes.
Und obwohl alle der Unberechenbarkeit einer Lotterie und eines Rou-
1928 94 1
lettespiels ausgeliefert waren, so ergab sich doch keiner dem Fatalis-
mus des Wartens, das die Enttauschung schon sachte vorbereitet. Hier,
bei den Quellen des Petroleums, gab sich vielmehr jeder dem Wahn
hin, daft er durch Arbeit ein Schicksal zwinge, und sein Jagdeifer ver-
grofierte das traurige Resultat zum Unheil, das er nicht mehr ertrug.
Aus dem unertraglichen Wechsel von Hoffnung und Mutlosigkeit be-
freite den kleinen Grubenbesitzer erst die machtige Hand des grofien
und der »Gesellschaften«. Sie konnten viele Terrains auf einmal kaufen
und mit der relativen Gelassenheit, die eine mannliche Tugend des
Reichtums ist, die Launen des unterirdischen Elements belauern. Zwi-
schen diese Machtigen, die die Geduld gar nichts kostete und die
schnell Millionen saen konnten, um langsam Milliarden zu ernten,
schoben sich die mittelgrofien Terrain- und andere Spekulanten mit
dem mittelmafiigen Kredit und der mittelmaftigen Risikotapferkeit
und verringerten noch die Chancen des kleinen Abenteurers. Diese
gaben allmahlich ihre Traume auf. Sie behielten ihre Hiitten. Manche
schrieben ihre Namen iiber ihre Tiiren und begannen zu handeln, mit
Seife, mit Schnursenkeln, mit Zwiebeln, mit Leder. Sie kehrten aus den
stiirmischen und tragischen Regionen der Gliicksjager in die traurige
Bescheidenheit kleiner Kramer heim. Die Hutten, die fur ein paar Mo-
nate gebaut worden waren, blieben indessen lange Jahre stehen und
stabilisierten ihre provisorische Hinfalligkeit zu einem charakteristi-
schen Lokalkolorit. Sie erinnern an gestellte Bilder in Filmateliers und
an primitive Buchdeckelillustrationen in kalifornischen Erzahlungen
und an Halluzinationen. Es scheint mir, der ich mehrere grofte Indu-
striegebiete kenne, daft nirgends die nuchternen Geschafte so phanta-
stische Physiognomien tragen. Hier schweifte der Kapitalismus in Ex-
pressionismus aus.
Und es scheint, daft dieser Ort seinen phantastischen Aspekt behalten
wird. Die Stadt wandert namlich - und keineswegs etwa nur in einem
metaphorischen Sinn. Wahrend die alten Quellen zeitweise stagnieren,
eroffnen sich neue, und die staubige Strafie wandert dem Petroleum
nach. Sie schiebt ihre Hauschen vor, schlangelt sich zu einer Biegung
und dehnt sich beflissen den Launen des Petroleums entgegen. Stehen
in Boryslaw selbst und in Tustanowice die meisten Gruben still, so
hammern Tag und Nacht in Mraznica schon die Bohrer. Ich kann mich
von der Vorstellung kaum befreien, daft diese Strafie unendlich sein
wird, ein langes, weiftes, staubiges Band iiber Hohen und Tiefen, ver-
942 DAS JOURNALISTISCHE WERK
schlungen und gerade, provisorisch und dennoch wahrend, hinfallig
wie das menschliche Gliick und dauerhaft wie die menschliche Be-
gierde.
Ich will Ihnen gestehen, dafi der Anblick dieser grofien Stadt, die
hauptsachlich aus einer Strafie besteht, mich die realen Gesetze ihrer
Gesellschaftsordnung vergessen liefi. Fur einige Stunden schienen mir
die Spekulation und die Leidenschaft des Geldverdienens elementar
und beinahe geheimnisvoll. Die grotesken Gesichter, die hier die Ge-
winnsucht schnitt, die fortwahrend gespannte Atmosphare, in der sich
die unheimlichen Ubernacht-Katastrophen jeden Tag ereignen konn-
ten, weckten mein Interesse mehr fiir die literarisch behandlungsfahi-
gen Schicksale als fiir die alltaglichen. Die Tats ache, dafi es auch hier
Arbeiter und Angestellte, Lohntaxen und Arbeitslose geben mufite,
verschwand oft hinter der romanhaften Qualitat der Individuen. Die
Phantasie war lebhafter als das Gewissen.
Immerhin geht es den Erdolarbeitern unvergleichlich besser als etwa
Grubenarbeitern. Es sind Qualitatsarbeiter, auch hier. Der durch-
schnittliche Tageslohn eines Gehilfen betragt 9 Zloty, also 4.50 Mark,
die Arbeit dauert 8 Stunden. Ein Werkmeister erhalt 12 Zloty. Die Ar-
beitsbedingungen sind verhaltnismafiig giinstig. Man arbeitet in einem
wenn auch nicht luftigen, so doch luftnahen Raum, und der Geruch
des Erdols ist keineswegs unangenehm und soil sogar fiir die Lungen
heilsam sein. Dem Laien erscheinen alle Instrumente, mit denen man
bohrt, fast enttauschend primitiv. Motoren treiben die Bohrer an. Ein
Mann geht fortwahrend langsam im Kreis um eine Art Bassin, eine
horizontale Eisenstange in der Hand. So simpel seine Bewegung und
seine Tatigkeit auch aussieht, so schwierig mag sie in Wirklichkeit sein.
Die Fachleute berichten, dafi die Kunst des Arbeiters darin besteht,
den Grad und die Art der Bohrungsschwierigkeit beziehungsweise die
kleinen und grofien Widerstande des Gesteins in der Hand zu fixhlen.
Die Hand des Arbeiters mufi also eine stark entwickelte Tastempfind-
lichkeit haben und teilweise die Funktion des Auges ersetzen, das bei
der Erdolgewinnung ja iiberhaupt ausgeschaltet ist. Wird zufallig
durch einen hineingefallenen Gegenstand, eine grofie Schraube etwa,
das Bohrloch verstopft, so wendet man sinnreiche und listige Mittel
an, das Hindernis wieder hervorzuholen, Instrumente von schlauer
Griff- und Fangfahigkeit, die im Finstern tasten. Hire Bemiihungen
erinnern etwa an die Versuche, einen Pfropfen, der in ein dunkles und
1928 943
enghalsiges Gefafi hineingefallen ist, wieder ans Licht zu bringen. Da-
bei gehen Stunden, Monate und Geld verloren.
Geld, Geld, sehr viel Geld! Bedenken Sie, dafi eine Bohrung bis zu
1500 Meter etwa 90000 Dollar kostet, und Ziehen Sie daraus den
Schlufi, dafi weder Sie noch ich jemals Grubenbesitzer werden konnen.
Es ist em Lotteriespiel fur Leute, die es eigentlich nicht mehr notig
haben, fur Banken und Konsortien und amerikanische Milliardare. Die
Menschen, denen hier einmal das Gliick aus der Erde entgegenspringt,
haben eigentlich schon das Organ verloren, das uns befahigt, durch
materiellen Gewinn gliicklich zu werden. Es ist ein gewisser Gegensatz
zwischen der marchenhaften Art der Erde, Schatze zu spenden, und
dem Aktienbesitz der Naphthagraber und der stoischen Ruhe, mit der
sie das Wunder erwarten diirfen. Diese armen Schatzgraber sitzen sehr
weit entfernt vom Schauplatz der Naturwunder, in den grofien Stadten
des Westens, und der Umstand, dafi sie fern, machtig, unsichtbar und
fast unpersonlich sind, verleiht ihnen den Glanz von Gottern, die mit-
tels geheimnisvoller Ausstrahlung Ingenieure und Arbeiter dirigieren.
Der allergrofite Teil der polnischen Gruben liegt im Besitz auslandi-
scher Finanzgewalten. Aus einer Art mystisch gefiillter Kassen werden
die Arbeitskrafte bezahlt. Irgendwo weit, auf den grofien Borsen der
Internationalist, werden Aktien gehandelt, und Transaktionen voll-
ziehen sich nach unerforschten Gesetzen. Das Werden und Vergehen
der Himmelskorper im Weltraum ist den Astronomen besser bekannt
als den Gruben verwaltern und den Direktoren der Wechsel der Gru-
benbesitzer. Die kleinen Beamten diirfen nur dasitzen und zittern,
wenn ihr Ohr der Widerhall grofierer Gewitter auf den Weltmarkten
trifft. So wurden zum Beispiel in diesen Tagen drei grofie Unterneh-
mungen, »Fanto«, »Nafta« und »Dombrowa«, an ein franzosisches
Konsortium verkauft. In Paris war es nur eine kleine Konferenz, drei
oder vier Herren zogen ihre Fiillfeder und wischten ihre Namen unter
Vertrage. In Boryslaw und im Land aber werden 500 Beamte brotlos,
und der Hunger sieht durch ihre Fensterscheiben und klinkt schon
ihre Tiiren auf, weil in Paris ein Gott ein kleines Satzchen gesagt hat:
Es werde zentralisiert! Und weil es ein franzosischer Gott war - und
nicht zufallig ein englischer -, durchwirken aufienpolitische Motive die
bedauernden und iiber dieses Ausmafi der Arbeitslosigkeit erschrocke-
nen polnischen Zeitungsartikel. Skeptiker wollen wissen, dafi die
neuen Besitzer nur ein Borsenmanover planen und lediglich den Ver-
944 DAS JOURNALISTISCHE WERK
kauf der Aktien zu hohen Preisen und eigentlich nicht die Ausbeutung
der Gruben. Und sicher ist, selbst fur Optimisten, dafi Gotter nicht
zuverlassig sind und von jeder sozialen Gesinnung mindestens so weit
entfernt wie von ihren Beamten und Arbeitern.
Ich verliefi diese Gegend an einem goldenen, friedlichen Abend, dem
nicht anzusehen war, was fur ein Gebiet er iiberwolbte. Die Arbeiter
gingen mit der gleichmafiigen Sicherheit heim, mit der nur Bauern von
der Feldarbeit kommen, und es war, als trligen auch sie Sensen auf den
Schultern, wie ihre Grofivater sie noch getragen hatten. Ein paar arme
Leute standen am triiben Wasser und schopften verirrtes Ol mit Kan-
nen. Sie waren die kleinen Kollegen des grofien Pariser Dreyfus. Sie
haben nicht Aktien, sondern Eimer. Sie verkaufen das gefundene Ol in
ganz winzigen Quantitaten und beleuchten damit ihre provisorischen
Bretterbuden. Das ist alles, was ihnen die verschwenderische Natur
zugedacht hat. Ihre Hiitten standen schief, braun und ergeben im gol-
denen Sonnenglanz. Es schien, dafi sie noch mehr zusammenruckten,
kleiner wurden und vollkommen verschwinden wollten. Morgen wiir-
den sie nicht mehr vorhanden sein.
Ich hoffe, lieber Freund, daE ich Ihnen eine Ahnung von der Atmo-
sphare des osteuropaischen Kalifornien vermitteln konnte. Ich be-
schrieb es Ihnen, um Ihnen zu zeigen, dafi ich nicht durchaus Idylli-
sches aus diesem Land zu berichten entschlossen bin.
Inzwischen verbleibe ich Ihr ergebener
J.R.
Frankfurter Zeitung, 29. 6. 1928
BLICK AUF DIE STRASSEN
Lieber Freund,
wenn ich Ihnen mit einer einzigen Formulierung die Griinde bezeich-
nen wollte, aus denen es mir so schwer moglich ist, eine gewisse Syste-
matik in der Reihenfolge meiner Briefe an Sie einzuhalten, so wtirde
ich sagen, dafi ich bei meinen Bemiihungen, polnische Verhaltnisse
planmafiig zu studieren, auf eine merkwiirdige Art von Hindernissen
1928 945
stofie: auf Hebenswiirdige und entgegenkommende namiich. Ihnen
sind, weil Sie in Deutschland leben, Schwierigkeiten, die das Leben
angenehm machen, leider unbekannt.
Meine Absicht zum Beispiel, Ihnen heme eine polnische Fabrik zu
schildern, kann ich nicht ausfiihren. Der Direktor war verhindert. Bei
uns in Deutschland hatte er wahrscheinlich »eine wichtige Konferenz
abgehalten«. Hier mufite er an dem Tag, an dem wir uns verabredet
hatten, ein vollkommen iiberraschendes Jubilaum des Gymnasiums
feiern, in dem er vor zwanzig Jahren Schiiler gewesen war, und er lud
mkh ein, statt seines Betriebs einen Umzug anzusehen. Es gab tatsach-
lich eine Parade, die jungen Schiiler marschierten in Doppelreihen, die
alten Herren trotteten in Gruppen und aufierst zahlreich durch die
Strafien in die Kirche. Und Zeitungen berichteten ausfuhrlich uber das
gelungene Jubilaum.
Aber eine Parade ist mir nichts Neues mehr. Seitdem ich in Polen bin,
habe ich sechs grofiere und vier kleinere in verschiedenen Stadten gese-
hen, und alle waren gelungen - ganz gleichgiiltig, welchen Zwecken sie
dienen sollten. Es gibt hierzulande namlich mehrere Arten von Para-
den, und um Ihnen das Verstandnis fur sie zu erleichtern, mochte ich
sie einteilen: a) in nationale, b) in kirchliche, c) in militarische, d) in
Jugendparaden - und die nationalen wieder in Untergruppen zerfallen
lassen: 1. in historische, 2. in aktuelle. An alien Feiern aber sind natio-
nale, religiose und militarische Elemente beteiligt, alle Paraden haben
einen offiziellen Charakter und die meisten einen kirchlichen Anstrich,
und zwischen einer Militarkapelle und einer heiligen Messe vollzieht
sich der representative Teil des offentlichen Lebens in Polen. Die sehr
menschliche, sehr dramatische und sehr schmerzliche Geschichte die-
ses Landes liefert eine grofte Anzahl feierungswiirdiger Gedenktage -
und die ebenfalls dramatische Entstehung des jungen Staates fiigte zu
den alten geheiligten Daten neue, noch zu heiligende. In Wirklichkeit
hat der tragische Elan, mit dem die Vorsehung das polnische Volk be-
handelt - als hatte sie sich dem Nationalcharakter angepaftt -, selbst
aus der Geschichte des Landes besondere Hohepunkte abgezeichnet
und Details mit symbolischer Kraft ausgestattet und eine Art von
Kriegswundern geschaffen, die man in der Geschichte anderer Natio-
nen nicht finden konnte. In diesem Lande nehmen viele historische
Ereignisse, schon wahrend sie geschehen, auf das Jubilaum Rucksicht,
das man ihretwegen spater einmal feiern wird. Lesen Sie die polnische
946 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Geschichte, unc! Sie werden sehen, dafi sie gewissermafien weniger in
Linien als in Punkten graphisch darzustellen ware und dafi sie mehr
literarisches Rohmaterial als irgendeine andere liefert.
Aber der Hang zur Festivitat ist einem jungen Staat gefahrlicher als
einem alten. Ich habe die Empfindung, dafi hierzulande dreimal wb-
chentlich Sonntag ist und dafi die Wochentage halbe Samstage sind. Es
ist, als ob Volk und Behorden es immer noch nicht fassen konnten, dafi
es eine reale polnische Selbstandigkeit gibt. Es ist, als ob alle unter der
Fremdherrschaft verbotenen und halbverbotenen Feiern auf einmal
stattfinden wollten. Die Heftigkeit, mit der einen nationalen Feiertag
ein militarischer Trommelklang begleitet, sieht dann wie eine kriegeri-
sche Bedrohung der nachbarlichen Welt aus. Vielleicht ist Polen nicht
das friedlichste der Lander. Aber alle seine militarischen Paraden
scheinen mir eher fur die Vergangenheit nachgehoit als fur die Zukunft
bestimmend zu sein. Der Kriegsgott von Poien ist ein Parade-Mars.
Leider sind ihm gut zwei Drittel der polnischen Jugend offiziell ge-
weiht. Denn nichts verpflichtet so sehr zur sklavischen Nachahmung
wie die Angst. Die Angst vor der militarischen Erziehung der sowjet-
russischen Jugend veranlafit Polen, seine Jugend ebenso militarisch zu
erziehen. Alle Mittelschulen exerzieren alle Sonntage unter militari-
scher Leitung, und Dreizehnjahrige und Jungere sehe ich mit Geweh-
ren marschieren und von Offizieren der Armee kommandiert werden.
Man nennt diese Militarisierung: »przysposobienie wosjkowe«. Das
heifit etwa: militarische Anpassung und Vorbereitung. In Warschau
sah ich eine Paradeschau der Schultruppen. Mittelschuler gingen einen
Vormittag lang durch die Strafien, an der Ecke, an der ich stand, zahlte
ich allein zehn Marschkapellen. Es war ein heiterer Sonntag, die Sonne
glanzte in blanken Sporen, Sabeln und Tschinellen, und es marschierte
sich ausgezeichnet. Solche Sonntage habe ich schon in Moskau gesehen
und - seien wir ehrlich - ahnliche in Berlin. Ja, fragten Sie auch, was
besser sei: eine Vereinigung aller militaristischen Instinkte in einer nur
national und nicht parteipolitisch organisierten Jugend - oder eine
freie Auswirkung der Schiefitriebe in vielen einander feindlichen Orga-
nisationen - ich wiifite nicht, was Ihnen erwidern. Aber die offizielle
militarische Vorbereitung der polnischen Jugend verhindert ja auch
nicht die Bildung einzelner parteipolitischer und sozusagen privat
schiefiender Truppen. Es bleibt vielmehr immer noch ein Rest von
Priigelfreudigkeit iibrig, der in der Parteipolitik ausbricht. Und des-
1928 947
halb weifi ich nicht, ob eine solche zu zeitige Militarisierung den krie-
gerischen Geist nicht mehr fordert, als dem Vaterland im Innern lieb
sein kann. Beruhigt man seine militarischen Instinkte beim Exerzieren,
oder regt man sich noch mehr dabei auf?! . . .
Sie kennen mich lange genug, um zu wissen, dafi ich eine Schwache fiir
das Militar habe. Ich gestehe Ihnen gerne, dafi ich mich an der musika-
lischen Exaktheit der Gewehrgriffe freue und an jener gewissen Prazi-
sion der Sorglosigkeit, mit der ein Soldat sich seinem disziplinierten
Schicksal iiberlaik. Aber einem so altmodischen Militaristen wie mir
sind marscbierende Frauen zum Beispiel kein angenehmer Anblick.
Die proletarischen Amazonen in Rufiland bereiteten mir schon Mifibe-
hagen, wie Sie wissen. Aber dort stimmte wenigstens der weibliche
Militarismus mit dem Prinzip der (oberflachlichen und falsch verstan-
denen) Emanzipation der Frauen uberein. In Polen dagegen wider-
spricht die erfreulicherweise immer noch lebendige traditionelle Rit-
terlichkeit der Manner dem offensichtlich syrnpathisierenden Gleich-
mut, mit dem sie das militarisierte weibiiche Geschlecht betrachten.
Hinter den jungen Mannern kamen namlich leider viele Doppelreihen
immer blaugekleideter Madchen. Sie marschierten mit breiten Schrit-
ten, um nicht allzuweit hinter den Mannern zuriickzubleiben, und ob-
wohl sie von Kommandorufen befehligt wurden, konnte ich doch
nicht den Eindruck verschmerzen, daft sie dem Offizier, der vorne ge-
ritten war, und seinem Sabel gehorchten. Wie gern, lieber Freund,
ware ich diesen Madchen auf dem Trottoir begegnet! Die Anmut ihrer
natiirlichen Bewegungen, die meiner Ansicht nach ein wichtigeres Na-
tionalgut Polens ist als die spartanische Gesinnung furchtloser Frauen,
ging in dem Eilmarsch verloren - und die charm ante Hilflosigkeit, mit
der sonst die schonen jungen Madchen ihre noch nicht oft genug er-
probten Gliedmaften auszubalancieren suchen, wurde vergewaltigt
von der martialischen Vorschrift. Ein Jammer, lieber Freund, ein Jam-
mer! Vielleicht sind Sie geneigt, die Anzeichen solcher brutalen Extra-
vaganz, von der ganz Europa befallen ist und der in alien Landern die
sogenannten Reaktionare wie die sogenannten Revolutionare erliegen,
nicht wichtig zu nehmen. Fiir mich sind das kleine Vorzeichen eines
grofien Untergangs! Wenn selbst in diesem westlicher Zivilisation so
fernen und dem Bolschewismus so abgeneigten Staat die patriotische
Geschlechtslosigkeit propagiert wird - wie im Westen die hygienische
und im Osten die proletarische -, so ist es mir ein natiirlicher Beweis
948 DAS JOURNALISTISCHE WERK
dafiir, dafi die Volker eigentlich einander gleichen (aber in ihren Feh-
lern) und dafi sie wenig Grund haben, einander gram zu sein. Uberall
wehen die Windjacken. Auch die polnischen Studenten tragen Mlitzen
und Bander, und die polnischen Gymnasiasten Uniformmiitzen mit
einem Adler. Man liebt hierzulande die Montur und die - sehr hiib-
schen - Nationalkostiime. Die Offiziere lieben Sabel und Sporen auf
harmlosen Spaziergangen, und selbst die Infanterie hat einen kavalleri-
stischen Schmifi. Und die Militarkapellen durchziehen gerne und oft
die Strafien - eben der Paraden wegen, wie schon gesagt.
Es gibt so viele Anlasse! Heute feiert eine Stadt ihre Einverleibung in
den Staat, morgen einen lokalen Sieg, am nachsten Sonntag die Entste-
hung eines Regiments und am ubernachsten dessen Gefallene. Fahnen-
wehn, Trommelwirbel, Trompetenblasen. Aber es ist gar nicht kriege-
risch gemeint! Seien Sie vorsichtig, wenn man Ihnen Symptome mk-
teilt, und noch vorsichtiger, wenn sie ausgeiegt werden! In Polen
herrscht einfach eine Art chronisch gewordener Auferstehungsfreude
und eine gewisse Verlegenheit, wie die Pause zwischen der Geburt des
Staates und seiner Reise auszufullen ware.
Auf die Minderheiten aber wirken die nationalen und wehrhaften
Schaustiicke allerdings manchmal wie eine Herausforderung, wie die
Manifestation einer nationalen Uberheblichkeit, unter der sie zu leiden
glauben. Sie sind sehr empfindlich, die polnischen Minderheiten - und
am empfindlichsten scheinen mir die Ukrainer zu sein, in deren Ge-
gend ich mich eben aufhalte. Es ist eine interessante und Ihnen wenig
bekannte Nation. Ich will Ihnen nachstens Genaueres iiber sie berich-
ten.
Verlieren Sie bitte nicht die Geduld iiber die Zwanglosigkeit meiner
Briefe, und bewahren Sie, wie bisher, eine freundliche Gesinnung
Ihrem
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 8. 7. 1928
RUSSISCHE UBERRESTE - DIE TEXTILINDUSTRIE
IN LODZ
Lieber Freund,
Wenn ich so ungerecht ware, dieses Land nach den Bestimmungen und
Verordnungen seiner Verwaltungsbehorden zu beurteilen, so bekamen
Sie ein skeptisches Ergebnis zu horen. Jene chronischen Katastrophen
namlich, die durch die Gesetze eines Landes sanktioniert, ja sogar her-
vorgerufen werden, erfahrt man so selten! Die Berichterstatter der Zei-
tungen vermelden nur die aufsehenerregenden Falle, die gelegentlich -
und fast hatte ich zufallig gesagt- ohne die Beihilfe der Behorden statt-
gefunden haben. Man bleibt namlich als Journalist und sogenannter
Fremder von Distinktion vor alien Mafiregeln bewahrt, die auf Einhei-
mische und Auslander zweiten Grades fast schon als Mafiregelungen
angewendet werden. Ich gestehe Ihnen, dafi ich selbst gerne eine Pro-
tektionsbehandlung geniefie und daft ich die Scham in Kauf nehme, an
stundenlang wartenden Menschen vorbeizugehen und verbotene Tii-
ren zu offnen und von Gottern mit Gummistempeln promptest abge-
fertigt zu werden. Ich bedauere meinen Mangel an Opferfreudigkeit.
Aber ich bedauere noch mehr die Opfer.
Manchmal, um mich unter sie zu mischen, begebe ich mich in ein Poli-
zeiamt, wo Opfer am sichersten anzutreffen sind. Eine Regel, lieber
Freund - und sie gilt ohne Ausnahme fur alle Lander. Aber jedes Land
kennt seine besonderen Abteilungen, in denen die Schikane auf beson-
dere Art gepflogen wird. In Polen gerate ich zufallig in ein Paftamt.
Sie kennen wahrscheinlich die Bestimmung, der zufolge jeder polni-
sche Staatsbiirger seine Freizugigkeit, das heifit einen Auslandspafi,
mit 250 Zloty bezahlen mufi. Aber Sie wissen nicht, daft jeder Pole
auch im Innern des Landes verpflichtet ist, ein sogenanntes »Personal-
dokument« herumzutragen und auf Verlangen der Behorden vorzu-
weisen. Ein Auslandspafi ist nur drei Monate gultig. (In alien westli-
chen Staaten ist er 2 bis 5 Jahre gultig und kostet gar nichts oder nur
sehr wenig.) Bedenken Sie, dafi ein Durchschnittspole - also kein
Staatsbeamter, kein Journalist, kein Industrieller, kein »Kaufmann er-
ster Gilde« - acht Tage auf einen Paft warten und folgende Bedingun-
gen erfiillen mufi: sich photographieren lassen, mit 250 Zloty zum Fi-
nanzamt und schlieftlich mit alien Papieren zur Polizeizentrale. Und
950 DAS JOURNALISTISCHE WERK
das mufi er wiederholen - jeden dritten Monat -, wenn er alle drei
Monate fahren will. Nur gegen ein sogenanntes »Armutszeugnis« be-
kommt man einen billigeren Pafi, aber dann mufi der Zweck der Reise
dringend sein und von der Behorde als dringend befunden. In alien
Fallen mufi er angegeben werden. Und wollte zum Beispiel jemand in
ein auslandisches Bad fahren, so mufite er sich vom Amtsarzt seines
Bezirks untersuchen lassen und eine Bestatigung erbringen, dafi er es
mit den inlandischen Badern bereits ohne Erfolg versucht hat.
Das sind keine Scherze, sondern Verordnungen. Und ich teile sie Ih-
nen mit, weil ich Kleinigkeiten fur symptomatischer halte als etwa
plotzliche Katastrophen. Weder ein Zugzusammenstofi noch ein Ge-
neralstreik, noch der Ausbruch einer Epidemie, noch der Umschwung
in der Regierung kennzeichnen so sehr das Land, in dem sie sich ereig-
nen, wie diese winzigen und alltaglichen Details eines unaufhdrKch
behordlich gepriiften Privatlebens. Ich kenne ahnliche Details aus alien
jenen Staaten, die ihren straflichen Uberflufi an Beamten und Dekreten
mit der standigen »Gefahr« zu erklaren versuchen, der sie seit nun-
mehr einem Jahrzehnt ausgesetzt sein wollen. Ich kenne derlei Bestim-
mungen aus Albanien und Rumanien und Sowjetrufiland - in dem aber
schliefilich immer noch Revolution ist. In diesen Landern mufi jeder
Hotelgast seinen Pafi durch den Portier der Polizei vorlegen lassen. In
Polen ebenfalls. Aber in jenem Teil des Landes, der friiher russisches
Staatsgebiet war, gibt man auch den Namen des Vaters, den Mddchen-
namen der Mutter und das Religionsbekenntnis ab. Eine Bestimmung,
die man nur in Warschau - offenbar aus Scham vor den vielen »distin-
guierten Auslandern« - nicht einhalt.
Dennoch sind diese Bestimmungen nicht polnisch, sondern Uberreste
aus der russischen Zeit, und sie erhalten sich, weil in Polen eine ein-
heitliche Verwaltung noch nicht durchgefuhrt ist - ebensowenig wie
ein einheitliches Gesetz. Es wird erst daran gearbeitet.
Ich mache diese Erfahrungen augenblicklich in Lodz, dem »polnischen
Manchester^ Ich wohne hier in einem grofien Hotel, dessen neuzeitli-
cher Komfort in einem auffallenden Gegensatz steht zum eingestande-
nen Religionsbekenntnis seiner meisten Gaste. »Das Friihstiick« - so
lautet eine Verfiigung an der Wand - »xst obligatorisch.« Die Ruhe
nicht. Denn das Geldverdienen ist in Lodz eine laute Beschaftigung -
und das ganze Hotel scheint ihr hingegeben zu sein. Und ubrigens ist
es die ganze Stadt.
1928 95 1
Ich kannte sie noch aus dem Krieg. Ich durfte sie damals nur fliichtig
streifen, aber ich erinnere mich, dafi sie starker als alle anderen Stadte
des Ostens und des Krieges ihre eigene Atmosphare bewahrt hatte. Sie
war namlich schon friiher - und seit den zwanziger Jahren des 19. Jahr-
hunderts - eine Etappenstadt, eine Etappe des Merkantilismus und der
Textilien und ein Kampfgebiet jener Eroberer, deren Ziel nicht ein
Territorium, sondern der Weltmarkt ist. Heute fand ich Gelegenheit,
ein altes Album mit Photographien aus der Mitte des i9.Jahrhunderts
zu betrachten. Es waren die Portrats der deutschen Webereibesitzer
und Unternehmer, die aus Sachsen und Westfalen hierhergekommen
sind und deren Erben heute die grofiten Webereien des Kontinents
besitzen. Sie selbst, die Vorfahren, liegen in komfortablen Griiften auf
dem Friedhof, unter imposanten Steinen, noch im Tod reprasentativ
und von einer Art jenseitiger Kreditfahigkeit. Sie hatten Gesichter
strenger Kaufherren, von Protestantismus, Gewissenhaftigkeit und
Gustav Freytag gezeichnet. Unter ihnen finden sich Pastoren mit Baff-
chen unter dem Kinn, Manner Gottes von unerbittlicher Frommigkeit
und mit praktisch zu handhabender Metaphysik. Es waren die Erbauer
der ersten lutheranischen Kirchen in diesem Stuck Osten, in dem die
Industrie nicht einen Schritt ohne Gott machen wollte. Sie eroberte
sich von hier aus Teile von Sibirien, der Wolgagebiete, des Kaukasus.
Hier erzeugte man die schlechten Kleidungsstiicke, die als Symbole
der europaischen Zivilisation auf vorgeschobenem Posten zu alien
halbwilden Volkern und Stammen des grofien Rufiland kamen. Es gab
ihrer so viel - und sie scheinen geradezu nach Lodzer Stoffen gelechzt
zu haben. Denn die Fabriken wuchsen und die Schornsteine und die
Fabrikanten, und die Stadt dehnte sich aus. Auf einmal hatte sie eine
halbe Million Einwohner. (4oProzent Polen, 35 Prozent Juden und
25 Prozent Deutsche.) Aber niemand - auch der Staat nicht, der so viel
Steuern einkassierte - hatte Lust, in Lodz Kanale anzulegen. Die
schmalen, langen Furchen, in denen das bunte Farbwasser warm und
dampfend aus den Fabriken den Kanalgittern zufliefk, trennen den
Gehsteig von der Fahrbahn. Die mehrere Kilometer lange Piotrkows-
kastrafie ist gut beleuchtet und beinahe westeuropaisch gepflastert.
Aber in den Seitenstrafien gurgeln und glucksen friedlich die Wasser-
chen, und an vielen Stellen stinkt heute schon der Regen, der morgen
niedergehen wird.
Wie eintrachtig leben hier miteinander der Fortschritt und der Ruck-
95^ DAS JOURNALISTISCHE WERK
stand! Ungefahr so hat sich Peter der Grofie die Zivilisation des
20.Jahrhunderts getraumt: die russischen Droschken an den Ecken,
Kutscher in Blau mit langen Manteln und numerierten Blechtafeln - sie
erinnern an die Griffe von Hotelschliisseln - auf dem Nacken. Eine
gerade Schnur silberner Bogenlampen iiber der Strafienmitte. Vor den
Eingangen der Kinos mein charmanter Harry Liedtke. Die Kurfiir-
stendammeleganz dreistockiger Hauser. Neben ihnen winzige Par-
terrehauschen aus Brettern und mit Schindeldachern: Farmerbauten
aus Wildwest. Einige Restaurants und Kaffeehauser im Imperialstil der
neunziger Jahre. Daneben holzerne Sodawasserbuden, in denen
schwarze Judenmadchen den Hahn eines grofien kupfernen Kessels
bedienen. An den Kreuzungen Verkehrspolizisten mit weifien Staben.
Im blauen Schatten der Strafienbaume aufgeregte, nachtliche Borsen-
manover mittelalterlich aussehender Juden, schwarze Barte unter
schwarzen Miitzen, mit steilem, viel zu kurzem Schild, das die Stirn bis
zur Nase bedeckt und die Augen nicht beschattet, sondern eher be-
schiirzt. Und eine Unzahl von Spitzeln aller Nationalitaten und Kon-
fessionen. Gebardenspaher an jeder Ecke, in den Hotelhallen, neben
der Garderobe.
Unwahrscheinlich die Eleganz mancher Frauen. Einige sahen aus wie
aus einem Pariser Funf-Uhr-Tee mittels Flugzeug heriibergebracht
und in den Abend von Lodz verstreut. Sie lustwandelten an den Ar-
men finsterer, bartiger, kapottengekleideter Juden und waren deren
Ehefrauen. Welche Ehen! Die wohlhabenden jlidischen Madchen wer-
den in Schweizer Pensionaten erzogen und dann an diese phantasti-
schen Kaufleute verheiratet. Wahrscheinlich geht es ihnen gut. Sie be-
finden sich alle auf den Wegen zum Reichtum. Die meisten sind kleine
Fabrikanten oder Fabrikanten auf Teilung. Der eine hat einen Raum,
der zweite die Maschinen, der dritte das Material, der vierte handelt.
Noch der letzte Zeitungshandler dieser Stadt hangt mit jeder Schwan-
kung auf den Markten zusammen. Wenn es der Textilindustrie
schlechtgeht, bekommen die Lehrer an den Privatschulen kein Gehalt.
Die Restaurants sind am Abend leer. Es sind aber gar nicht die Indu-
striellen selbst, die hier fehlen, nur die von den Industriellen leben.
Alle Faden, mit denen die Weltordnung Grofie und Kleine verbindet,
sind in Lodz sichtbar blofigelegt, Faden aus Baumwolle. Schon hatte
man nach dem Krieg geglaubt, es ware mit der Industrie zu Ende, weil
die Kirgisen als Kundschaft nicht mehr in Betracht kamen. Aber welch
1928 953
ein Irrtum! Die Kirgisen sind nicht die einzigen auf der Welt, die
nichts von Baumwolle verstehn. Es gibt auch noch Bauern in Ruma-
nien und exotische Volker befreundeter Staaten.
Die Fabrikanten von Lodz wiirden um keinen Preis einen jener Stoffe
tragen, die sie selbst erzeugen. Sie wohnen iibrigens nicht, wie etwa die
Grubenbesitzer von Boryslaw, in Paris, in Wien und in London. Sie
wohnen in Lodz, neben ihren Fabriken, und kehren der Welt fenster-
lose Zaune und Wande zu und passieren die Stadt nur im Auto und
kreisen hoch iiber dem Gestank der unkanalisierten Straften im Aero-
plan, und ihre patrizische Einsamkeit wird von unzahligen Polizisten
bewacht - obwohl die Mehrzahl der Lodzer Arbeiterschaft der ziem-
lich konservativen polnischen Sozialdemokratie angehort und die sanf-
ten Weberinnen leicht zu behandeln sind.
Der Anblick der jungen Weberinnen war iibrigens mein einziger trost-
licher Eindruck. Sie sind hiibsch und muten landlich an und tragen
schone Schuhe und nackte Beine. Verglichen mit den jungen Arbeite-
rinnen aus unserem Ruhrgebiete zum Beispiel, sind sie gewifi elegant
zu nennen. Ein herbeigereister deutscher Industriefachmann - er war
Korpsstudent und tragt jetzt die Spuren seiner blutigen Vergangenheit
als eine Altheidelberger Nuance durch das ostliche Gelande - meinte
etwas verbittert: »Leichtsinnige Dinger! Das ganze Geld geben sie fur
die hohen ungesunden Absatze aus, und dann mussen sie in der Nacht
auf die Straften. « Und infolge jenes Mangels an Ernst, durch den ich
mir schon so manchen giinstig gesinnten Wirtschaftsfuhrer abspenstig
gemacht habe, erwiderte ich: »Es ist schade, daft sich diese hubschen
Madchen nicht auch gute Strumpfe leisten konnen!« Und der brave
Mann verabschiedete sich hastig.
Erlauben Sie mir, daft ich den heutigen Brief mit dieser erfreulichen
Mitteilung beschliefte, und erwarten Sie in einigen Tagen mit gewohn-
ter Gelassenheit den nachsten von Ihrem
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 19. 7. 1928
DAS LITERARISCHE LEBEN
Lieber Freund,
ich miifite weit ausholen und den Rahmen eines Brief es sprengen,
wenn ich Ihnen die literarischen Verhaltnisse in Polen so ausfiihrlich
darstellen wollte, wie es wohl fiir notig befunden werden konnte. Die
bedauerliche Tatsache, dafi man in Deutschland seit jeher von der pol-
nischen Literatur sehr wenig weifi, wiirde mich zwingen, Ihnen mehr
zu schreiben, als Sie Zeit und Lust hatten zu lesen. Aber wie sollte ich
mich beschranken? Und wo soil ich anfangen?
Am besten, scheint mir, mit einem lebendigen Menschen. Es wird Ih-
nen, der Sie genau die Zeitungen lesen, gewifi nicht jene kleine Notiz
in den Blattern entgangen sein, in der von einer Zusammenkunft polni-
scher Dichter auf dem Gut des Graf en Morstin die Rede war. Dieser
Name hat einen guten Klang - nicht nur einen gesellschaftlichen unter
den Uberresten der alten europaischen Feudalitat, sondern auch einen
literarischen. Die Familie kam im i6.Jahrhundert aus dem Suden nach
Polen. Ein Jahrhundert spater brachte sie zwei bedeutende polnische
Schriftsteller hervor: Andreas und Hieronymus Morstin. In dem Haus
der Morstins in Krakau sah ich das Portrat eines Vorfahren, angefertigt
von einem franzosischen Hofmaler: ein romanisches Angesicht, stolz
und bitter und von jenem nobien Hochmut, der ein Vorrecht der wirk-
lichen Traurigen ist. Zum ersten Male schien es mir, dafi die Trauer ein
Verdienst sein kann und nicht nur ein Attribut, sondern gewisserma-
fien auch eine Ursache der Adligkeit. Vielleicht kann ich Ihnen eine
richtige Vorstellung von dem Angesicht des Alten vermitteln, wenn
ich Ihnen sage, dafS es ein Ritter aus Eisen und Wehmut war. . .
Aber ich wollte Ihnen eigentlich den Enkel beschreiben, Ludwig Hie-
ronymus Morstin, eben jenen Mann, der die Idee hatte, eine Dichter-
zunft zu griinden. Er hat Horaz ubersetzt und ein ausgezeichnetes,
schwarmendes und dennoch gewissenhaftes Buch iiber Italien ge-
schrieben, wo er zwei Jahre Militarattache war. Es wird in der heutigen
Diplomatic nicht viele Militarattaches geben, die Horaz ubersetzen.
Offenbar gehort dazu eine Tradition, das heifit: gleichsam eine standig
wache Erinnerung des Blutes an die Zeit, in der die Soldaten Schongei-
ster sein durften und der Militarismus wie der Dilettantismus ein Vor-
recht der Geburt war.
1928 955
Dieser Morstin bewirtete also die polnischen Dichter einige Tage, gab
ihnen zu Ehren ein Fest und vermittelte zwischen ihnen und der in
Polen (aus Mangel an einer machtvollen Industrie) immer noch be-
stimmenden Kaste des Adels. Welch ein Optimismus! Herr Morstin
findet Beziehungen zwischen dem Adel der Geburt und dem der Ge-
nialitat und will den Dichtern zu einer gesellschaftlichen Stellung ver-
helfen, indem er sie an der »Spitze der Nation« marschieren lafk. Das
ist nur noch in Polen moglich, dem Land, von dem ich Ihnen vor eini-
gen Wochen schrieb, es bewahrte im heutigen Europa die letzten Erin-
nerungen an den Feudalismus. Stellen Sie sich dieses Fest der Dichter
vor: Auf dem Gut defilieren alle Schulen der Umgebung vorbei, den
Kindern erzahlen die Lehrer, dafi die Dichter die Schatzhiiter der Na-
tion seien und viel mehr als die Besitzenden, die Reichen, die Gutsher-
ren und die Regierenden. Die Kinder sagen vor den Dichtern Gedichte
auf, und die Dichter - als waren es Konige - kiissen die Kinder auf die
Stirn. Das klingt Ihren Ohren wie eine ganz alte Geschichte. Denn die
Phantasie, die immer eine leise Neigung zum Grotesken hat, spiegelt
Ihnen vor, unsere Groftindustrie zum Beispiel hatte plotzlich ein so
personliches Interesse an den Autoren deutscher Biicher wie an den
Verfassern der Reklame-Inserate (welche iibrigens die Volksliteratur
unserer Zeit genannt werden konnten) und wir alle waren im Ruhrge-
biet zu Gast. Ermessen Sie an dieser Vorstellung und an jener Tatsa-
che, wie weit Polen von uns entfernt ist und vom ganzen Zivilisations-
westen! Bei uns hangt die gesellschaftliche Geltung nicht einmal mehr
von der Hohe der Auflagen ab - nur von der Hohe der Einnahmen -,
und unsere Kinderchen sagen uns keine Gedichte auf, sondern Auto-
mobilmarken. Bei uns werden noch viele Generationen vergeblich
dichten und ohne Wirkung in die Graber sinken.
Man denkt jetzt in Polen an die Grundung einer Dicbterakademie.
Man schlagt vor, dafi die Mitglieder von Pilsudski selbst ernannt wer-
den sollen. Wie merkwiirdig muE Ihnen auch das erscheinen! Aber
kennten Sie dieses Land, Sie fanden es selbstverstandlich. Denn hier ist
das Bedurfnis nach einer Legitimierung durch eine korperliche Autori-
tat so stark, dafi sie sich wohl zumuten darf, auch geistige Einrichtun-
gen zu befruchten, und es gibt immer noch Falle, in denen ein Befehl
und ein Symbol gesetzmafiiger erscheinen als eine freie Wahl und ein
freier Wille.
Ja, dieser polnische Staat, von dem ich Ihnen vor ungefahr zwei Wo-
956 DAS JOURNALISTISCHE WERK
chen schrieb, daft er sich um die militarische Vorbereitung der Jugend
bemiiht, macht wenigstens zum Teil gut, was er Unangenehmes zu
machen sich selbst verpflichtet scheint. Er sorgt fur die Literatur. Das
Kunstdepartement des Unterrichtsministeriums verwaltet ein Schrift-
steller, der bekannte Novellist Rogowicz. Es ist unter anderem seine
Aufgabe, dem Minister jahrlich sechs Stipendiaten unter den Schrift-
stellern vorzuschlagen, von denen jeder 300 Zloty monatlich erhalt.
Die alteren und verdienten polnischen Schriftsteller bekommen lebens-
langlich eine Pension. Fur die Dichterakademie ist eine halbe Million
jahrliches Budget vorgesehen, die Akademiker beziehen Gehalter und
werden eine Viertelmillion jahrlich Preise verteilen. Jedes Jahr kommt
ferner ein Preis vom Staat in der Hohe von 10 000 Zloty zur Vertei-
lung, und alle grofieren polnischen Stddte haben jahrlich Preise fur lite-
rarische Werke ausgesetzt.
Allerdings gibt es in Polen nur zehn Verleger, die fur ernstere literari-
sche Arbeiten in Betracht kommen, sehr viele Analphabeten (aber auch
sehr viele Leihbibliotheken). Die hochsten polnischen Auflagen bewe-
gen sich zwischen 25 und 30 000. Ein junger Romanautor kann hoch-
stens 3 000 erwarten. Literarische Zeitschriften, deren es etwa acht
gibt, zahlen gar nichts oder sehr wenig. (Die polnischen Tageszeitun-
gen haben ein viel zu billiges Niveau.) Einige junge Dichter sind
Staatsbeamte geworden und Diplomaten. (Eine Anlehnung an die
franzosische Tradition.)
Ich muK Ihnen wenigstens noch ein paar Namen der Jiingeren nennen,
ein paar aus der sogenannten »Skamander«-Gruppe: Tuwim, Lechon,
Wittlin, Iwaszkiewicz, Wierzynski - obwohl ich weift, daft sie Ihrem
Ohr nur Klange ohne Inhalt sind. Es sind interessante und trotz ihrer
Jugend bedeutende Schriftsteller. Einige, wie Tuwim und Wittlin, die
Kritiker Ortwin und Irzykowski, die Dramatiker Witkiewicz und
Broniewski und jener Morstin, von dem oben die Rede war, hatten
auch dem Westen etwas zu sagen. Aber es sind noch immer nicht alle
Namen, die in Betracht kamen, hatte ich die Absicht, Ihnen einen
»Abrift« der polnischen Literatur von heute zu geben. Ich begniige
mich mit dem Versuch, Ihnen anzudeuten, welche Stellung die Schrift-
steller innerhalb der sozialen Struktur des Landes einnehmen. Sie ste-
hen mit wenigen Ausnahmen - es gibt ein paar proletarische Schrift-
steller, die ich noch einmal erwahnen werde - aufterhalb der Klassen,
neben den Klassen. Auch in Polen sind die Schriftsteller ohnmachtig.
1928 957
Sie haben noch eine Hoffnung: die auf die Analphabeten. Vielleicht,
wenn ein Wunder geschieht, wird aus ihren Reihen, sobald sie lesen
gelernt haben, das Echo geboren, auf das die Schriftsteller warten.
Wenn aber kein Wunder geschieht, wird man in Polen wie bei uns
billige Broschiiren zu »Bildungszwecken« und Magazine zur »Erho-
lung« lesen. Und vergeblich, wie schon seit Jahrzehnten im Westen
Europas, werden die still hingesaten Worte mit harten Schlagen auf
den sproden Acker fallen wie Kieselsteine auf Glas. Es scheint ein Ge-
setz zu wollen, dafi sich alle Bekenntnisse in Plakate und alle Sprachen
in Reklametrommeln verwandeln. Es ist die Zeit der verschwendeten
Worte und der nutzlosen Staaten.
Ich hore schon, wie Ihr glucklicher Optimismus mir still widerspricht,
und bleibe trotzdem wie immer Ihr alter
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 2. 8. 1928
DIE UKRAINISCHE MINDERHEIT
Lieber Freund,
wahrend ich mich anschicke, Ihnen iiber das Volk der Ukrainer zu
schreiben, habe ich den Klang seiner Lieder im Ohr und vor meinem
Auge das Angesicht seiner Dorfer. Meine standige Bemuhung, Ihnen
lieber eine statistische Tatsache als einen lyrischen Eindruck zu vermit-
teln und bei der Schilderung einer Stadt etwa iiber der Beschreibung
ihrer Atmosphare die Zahl ihrer Einwohner nicht zu vergessen, storte
in diesem Fall der besondere Charakter einer Nation, die niemals dazu
kommt, ihre eigenen Statistiken selbst anzulegen, sondern das Un-
gliick hat, von Volkern, von denen sie regiert wird, gezahlt, eingeteilt
und uberhaupt »behandelt« zu werden. In diesem Europa, in dem die
moglichst grofie Selbstandigkeit der Nationen das oberste Prinzip der
Friedensschliisse, Gebietsteilungen und Staatengriindungen war, hatte
es den europaischen und amerikanischen Kennern der Geographie
nicht passieren diirfen, daft ein groftes Volk von 30 Millionen, in meh-
rere nationale Minderheiten zerschlagen, in verschiedenen Staaten
958 DAS JOURNALISTISCHE WERK
weiterlebe. Zwingt man sich (wider sein besseres Wissen) zu jener nai-
ven Anschauung, dafi die Nationen in Europa in sauberlich voneinan-
der getrennten Gebieten leben wie auf Schachbrettern, so ist nicht ein-
zusehen, weshalb man ein grofies Volk einfach vergaft und weshalb
man das Gebiet, auf dem es lebt, nicht zusammenzuschliefien ver-
suchte, sondern neuerlich aufteilte. Die Ukrainer, die in Rufiland, in
Polen, in der Tschechoslowakei, in Rumanien vorhanden sind, ver-
dienten gewifi einen eigenen Staat wie jedes ihrer Wirtsvolker. Aber sie
kommen in den Lehrbiichern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kennt-
nisse beziehen, weniger ausfiihrlich vor als in der Natur - und das ist
ihr Verhangnis.
Wie Sie wissen, gehort heute das grofite geschlossene ukrainische Ge-
biet zum Verband der Sowjetstaaten. Ihre weitesten nationalen Frei-
heiten und Rechte haben die Ukrainer in Sowjetrufiland, weil dort die
nationale Autonomic der Minderheiten ein heiliges Prestigegebot ist.
In der polnischen Republik dagegen sind von alien nationalen Minder-
heiten - Weifirussen, Juden, Deutschen - die Ukrainer neben den Li-
tauern die unzufriedensten. Der plotzlich nach einer jah unterbroche-
nen Entwicklung wiedererstandene polnische Staat versuchte automa-
tisch (und jedenfalls mehr aus einer Reaktion gegen das eben uberwun-
dene Ungliick als aus einer natiirlichen Veranlagung, die man ihm vor-
wirft), sich als einen Nationalstaat zu betrachten und danach seine
Minderheiten zu behandeln. Er, der erst vor zehn Jahren entstanden
war, muS langsam die Entwicklung nachholen, die andere Staaten in
den letzten 50 Jahren gemacht haben.
Die Ukrainer begriifiten ihn nicht freundlich. Ihre vollendete Nieder-
lage in Ostgalizien, das Unverstandnis, dem ihre Vertreter bei den Sie-
gerstaaten begegneten, bestimmten ihr feindseliges, zumindest mifi-
trauisches Verhalten gegen den polnischen Staat seit dem ersten Tag
seiner Entstehung. Es hat sich bis heute nichts geandert. Das Verhalt-
nis zwischen Ukrainern und Polen wird heute gestort durch eine ak-
tive Propaganda der Sowjets und noch mehr durch eine Art passiver
Vorbildlichkeit. Denn selbst der dummste ukrainische Bauer bedarf
nicht erst eines sowjetrussischen Agitators, urn jenseits der nahen
Grenze die vollkommene und beinahe ubertriebene nationale Autono-
mic zu sehen, deren sich die Sowjet-Ukrainer bedienen diirfen.
Schliefilich kommt noch ein soziales Moment hinzu: Die grofie Masse
der ukrainischen Landbevolkerung bilden kleine und arme Bauern, die
1928 959
von polnischen Grundbesitzern abhangig sind. Vielleicht wiirde den
kleinen Bauer, der nicht lesen und schreiben kann, die Frage der ukrai-
nischen Universitat gar nicht bekummern, wenn er nicht wiifite, dafi
Schulen und Universitat ihm von jener Seite verweigert werden, die er
die »Herrschaftliche« nennt. Nur durch die materielle Abhangigkeit
der Bauern von den polnischen Besitzern kam es zu dieser iiberra-
schenden Popularisierung der national-ukrainischen Idee, deren Tra-
ger und Verbreiter noch vor ein paar Jahrzehnten eine geringe Schicht
Intellektueller gewesen war,
Eigentlich gehorte sie einer anderen Welt an als die gefuhrten Bauern-
massen - und wenn nicht einer anderen Welt, so doch einer anderen
Interessensphare. Ein Teil der Intellektuellen erlag der zaristischen all-
russischen Propaganda gegen Osterreich, nannte sich »russophil« und
vermochte eine grofie Anzahl der Bauern fiir Rufiland zu gewinnen.
Diese »Russophilen« sind heute im Aussterben begriffen. Denn immer
- und heute wie vor dem Krieg - werden die Tendenzen und Stromun-
gen in den aufierrussischen Teilen der ukrainischen Nation von Rufi-
land bestimmt. Als der Zar noch regierte und keine Ukrainer, sondern
nur »Klein-Russen« kennen woilte, neigten Teile der osterreichischen
Ukrainer zum Zarentum, zum orthodoxen Glauben und zum Russen-
tum. Heute, da die Sowjets regieren und die ukrainische Nation aner-
kennen, neigen Teile der polnischen Ukrainer zum Kommunismus.
Dariiber tauscht die politische Parteiengruppierung der Ukrainer auch
nicht hinweg. Charakteristischer als die grofie burgerliche Partei der
nationalen Ukrainer, die »Undo«, und als die noch bedeutendere Par-
tei der »ukrainischen Radikalsozialisten« scheinen mir die Vorgange
zu sein, die ich selbst beobachten durfte und ich Ihnen zusammenfas-
send etwa so formulieren wiirde: Ein grower Teil der ukrainischen in-
tellektuellen Jugend sympathisiert mit Sowjetrufiland und dem Kom-
munismus. Aus ihren Reihen rekrutieren sich die fleifligsten Agitato-
ren, die bei den armen Bauern williges Gehor finden. Allmahlich und
standig wachst die Zahl der sowjetfreundlichen ukrainischen Bauern,
die nur von einer sozialen Revolution eine nationale Befreiung erhof-
fen und denen beides gleich erstrebenswert erscheint. Die vielen
Hochverratsprozesse, die der polnische Staat gegen Ukrainer insze-
niert, konnen nur noch die biirgerlichen Teile der ukrainischen Nation
ebenfalls fiir Sowjetrufiland gewinnen.
Ich hoffe, lieber Freund, dafi Sie mir bis hierher gefolgt sind, ohne
960 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ungeduldig geworden zu sein. Die Gewissenlosigkeit, die ich haben
miifite, um Ihnen in einigen Ziigen den sogenannten »Nationalcharak-
ter« der Ukrainer zu schildern, besitze ich nicht. Nur der Vollstandig-
keit halber - und ohne seine Meinung zu teilen - iibermittle ich Ihnen
hier, was mir ein polnischer Freund iiber die Ukrainer gesagt hat. Er
nannte sie dickkopfig, harthorig und grob. Von ihren intellektuellen
Fiihrern und Politikern behauptete er, sie hatten die »falsche Eleganz
von Provinzphotographen« und »die unelastische Charakterstarke
halbgebildeter Fanatiker«. Ahnliche Urteile horte ich oft, wenn auch
nicht so scharf und hohnisch formulierte.
Was ich selbst von den Ukrainern weifi? Nicht sehr viel: Ich erinnere
mich an einen griechisch-katholischen Feiertag im Sommer. Auf dem
Hiigel iiber dem Dorf leuchtete die weifie Kirche, von einem griinen
Friedhof umgeben. Auf ihrer Kuppel aus grauem Blech glanzte ein
goldenes Kreuz. Man konnte, wenn man die Hand iiber die Augen
hielt, die grofie Glocke in der Mitte des Glockenstuhls schwingen se-
hen und links und rechts von ihr die zwei kleinen. Auf den tiefen dich-
ten und dicken Strohdachern der niedrigen Hiitten lag die Sonne wie in
mehreren Schichten, ein Haufen aufgebetteter Sonne. Stand man vor
dem Eingang zur Kirche, so sari man rings im flachen Land die vielen
geraden und gewundenen Strafien und in der Feme ein zweites Dorf
und dann noch ein drittes. Aus alien Dorfern - in denen es keine Kir-
che gibt - stromten die Menschen herbei. Die Bauerinnen trugen
griine, rote und weifie Schiirzen iiber weifien Kleidern und die Bauern
grofie gelbe Strohhiite, weifie Hemden und schwarze Stiefel mit kur-
zen Schaften. Die Bauerinnen trugen hohe Schniirstiefel, an den Sen-
keln zusammengebunden, iiber der Schulter und gingen barfufi. Die
ganze Welt war voller Licht, der blaue Himmel ging in einer ganz
weiten Feme in einen schmalen silbernen Streifen iiber, mit dem er
rings um die Erde geschmiedet zu sein schien. Alles war klar, es gab
kein Geheimnis in der Welt, keine zweideutige Farbe, keine Ahnung.
Sogar die Bettler vor der Kirche steckten in scharf konturierten Lum-
pen aus einem selbstverstandlichen Braun, und die Kriippel, denen
Beine und Arme fehlten, waren nicht wie Verstummelte, sondern in
ihrer Mangelhaftigkeit Vollkommene.
Ich behalte dieses Bild in der Erinnerung wie unter einer glasernen
Decke und glaube, dafi es charakteristisch ist fur das simple ukraini-
sche Land. Ware ich jetzt bei Ihnen, ich versuchte, Ihnen ein ukraini-
1928 $6i
sches Lied vorzusingen. Diese Lieder sind die schonsten, die ich im
Osten Europas gehort habe. Sie sind so einfache Aufierungen der Na-
tur und des taglichen Lebens wie Gras auf einer Wiese und ein junges
Madchen, das eine Sichel tragt. Ebenso einfach wie die zackigen bun-
ten Muster an den Kragen und Manschetten der Hemdblusen, die das
Volk tragt und in denen ein tiefes, fast braunliches Rot mit einem ganz
dunklen Gewitterwolkenblau abwechselt.
Einen ukrainischen Bauern behalte ich im Gedachtnis, der noch nie
eine Eisenbahn gesehen hatte und der mir einmal sagte: »Zu Fufi
komme ich spater an als Sie mit der Eisenbahn, aber ich will ja auch gar
nicht dorthin, wo Sie ankommen wollen.« Er hatte ein winziges Ge-
sicht aus braunem Leder. Seine Augen verbarg er, wenn er sprach,
unter den Lidern, als ware es ihm verschwenderisch erschienen, zu
sprechen und auch noch zu schauen.
Erklaren Sie sich, lieber Freund, aus diesen Brocken den »Charakter
des Volkes«, wenn Sie Lust haben. Es ist von der Zivilisation weiter
entfernt als seit der Revolution das russische und als (seit jeher) das
polnische. Es ist unwissend, arm, zerschmtten und schon.
Ich werde Ihnen bei anderer Gelegenheit von seiner Literatur berich-
ten.
Ihr ergebener
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 12. 8. 1928
DIE DEUTSCHE MINDERHEIT
Lieber Freund,
liber deutsche Volksteile in fremden Landern kann ich zu Ihnen nicht
ohne eine gewisse Ruhrung sprechen - und auch nicht, ohne einiges
von mir selbst zu erwahnen -, worum ich Sie von vornherein um Ent-
schuldigung bitte. Zwischen den Deutschen, die vor Jahrzehnten und
Jahrhunderten ausgewandert sind und iiber Tausende Meilen das deut-
sche Wort trugen, wie Winde Samen tragen, und mir, dem dieses glei-
che Wort bescheidene Friichte schenkt, besteht wohl kein starkerer,
962 DAS JOURNALISTISCHE WERK
aber ein zarterer Zusammenhang gleichsam, als es jener ist, der mich
mit dem grofien, geschlossenen Teil unserer Sprachgemeinschaft ver-
bindet. Jene wandernden Deutschen, die nach Afrika und Amerika, in
die Steppen an der Wolga und in die griinen Ebenen Ungarns, in die
steinigen Bergdorfer des Kaukasus und in die wehmutigen Felder der
Slawen gegangen sind, scheinen mir die anmutigen, friedlichen und
tapferen Trager einer deutschen Sendung zu sein, die es sicherlich gibt
und die nicht eine Eroberung, sondern eine Befruchtung der Welt be-
deutet. Und selbst in den gewaltsam vom Reich abgetrennten Deut-
schen, die lieber beim deutschen Staat geblieben waren, sehe ich nicht
nur die Opfer eines nationalen Mifigeschicks, sondern auch - und viel-
leicht noch mehr - die Missionare einer nationalen Idee und die Werk-
zeuge eines nationalen Schicksals. Die Selbstverstandlichkeit, mit der
Deutsche einem fremden Staat dienen und dem eigenen Volk treu blei-
ben konnen, scheint mir eher eine naturliche Friedfertigkeit, einen
nuchternen Tatsachensinn und ein kosmopolitisches Verstandnis zu
beweisen als etwa einen offensiven nationalen Eifer. Der polnische
Staat, in dem nach der offiziellen Statistik die Deutschen 3,04 Prozent
der ganzen Bevolkerung ausmachen, kann sich seit einigen Jahren
uberzeugen, dafi ihm von alien seinen Minderheiten die Deutschen am
wenigsten zu schaffen geben - und das, obwohl er rein deutsche Ge-
bietsteile annektiert hat, mehr aus strategischen als aus historischen
oder kulturpolitischen Griinden. Ein kluger Pole, ehemals osterreichi-
scher Politiker, der noch aus einer alten osterreichischen Gewohnheit
die zugespitzten und also nicht ganz wahren Formulierungen liebt,
sagte mir in einem Gesprach iiber die polnischen Deutschen: »Ich ware
froh, wenn die Polen in der polnischen Republik so gute Staatsbiirger
waren wie unsere Deutschen. « Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen
immerhin die Tatsache mitteilen: daft in alien Staaten der Welt die
Deutschen die gewissenhaftesten Steuerzahler sind. Ohne Zweifel eine
grofie staatsburgerliche Tugend.
Ich werde nicht umhin konnen, Ihnen einiges »trockene« Material mit-
zuteilen, und ich tue es lieber jetzt: Die deutsche Bevolkerung Polens
ist im Sejm durch 17 Abgeordnete vertreten, im Senat durch 5 Senato-
ren. Die wichtigsten politischen Parteien sind folgende: Deutsche So-
zialistische Arbeitspartei; Deutsche Katholische Volkspartei; Deut-
sche Partei; Deutscher Volksverband; Deutscher Nationalsozialisti-
scher Verein fur Polen; Burgerliche Deutsche Partei; Deutscher Volks-
1928 9^3
bund fur Polnisch-Oberschlesien; Deutsche Vereinigung in Sejm und
Senat fur Posen, Netzegau und Pommerellen.
In vielen Fallen konnte ich die erfreuliche Erscheinung feststellen, dafi
innerhalb dieser Parteien (in denen linker und reenter Radikalismus
seinen Ausdruck findet) eine grofiere nationale Einigkeit besteht, je-
denfalls eine deutlicher sichtbare als zwischen unseren politischen Par-
teien im Reich. In verschiedenen deutschen Blattern verschiedenster
politischer Gesinnung las ich die gleichen Artikel der gleichen Verfas-
ser - immer dann, wenn es sich um eine nationale Frage von Bedeu-
tung fur die Gesamtheit handelte.
Es erscheinen in Polen 104 Zeitungen und Zeitschriften in deutscher
Sprache, von ihnen die meisten (39) in Oberschlesien, 37 in Posen, 10
in Pommerellen, 13 in Lodz und 3 in Lemberg.
Die besondere Vorliebe der Deutschen fur einen Zusammenschlufi in
Vereinen, die wir kurz und spottisch »Vereinsmeierei« nennen, die
aber aufierhalb der Grenzen des Reiches die Lebendigkeit einer Gesin-
nung bezeugt, schafft sehr viele und sehr bedeutende Vereinigungen
und fiihrt zum Beispiel zu der merkwiirdig anmutenden Tatsache, dafi
in der Stadt Bielsko, in der 13 000 Deutsche leben, 100 deutsche Ver-
bande bestehen. Es gibt in Polen eine »Deutsche Amateurbuhne«, eine
»Deutsche Turnerschaft«, Sangerbiinde, Schulvereine, den Allgemei-
nen freien Angestelltenbund, den Deutschen Metallarbeiterverband,
landwirtschaftliche Gewerkschaften, eine Deutsche Bauernbank,
einige deutsche Mittelstandskassen, von den religiosen Vereinigungen
nicht zu sprechen, katholischen und evangelischen. (Es sei Ihnen bei
dieser Gelegenheit mitgeteilt, dafi etwa 70 Prozent der deutschen Be-
volkerung evangelisch, 30 Prozent katholisch sind.)
Wozu ich Ihnen dies alles schreibe? - Um Ihnen zu zeigen, wie wenig
Miihe eine Minderheit wie die deutsche dem Staat verursacht, in dem
sie lebt. Sie kommt gewissermafien seinen Pflichten, fur ihre kulturelle
Eigenart zu sorgen, auf halbem Weg entgegen und seiner Pflicht, fur
die materielle Wohlfahrt zu sorgen, auf ganzem. Es bleibt ihm eigent-
lich nicht viel mehr zu tun ubrig, als sich passiv zu verhalten und die
Deutschen in ihren Bemuhungen, sich selbst zu helfen, nicht zu storen.
Aber gerade das fallt einem jungen Staat so schwer, dessen aufienpoliti-
sches Verhaltnis zum Deutschtum nicht immer ungetnibt war und der
selbst noch lange Zeit brauchen wird, ehe er sich daran gewohnt, dafi
er kein reiner Nationalstaat ist.
964 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Ich brauche Ihnen die verschiedenen akuten Anlasse nicht zu erwah-
nen, die in Oberschlesien und Pommerellen Reibungen, Mifihelligkei-
ten und Mifiverstandnisse verursachen. Sie erfahren das meiste (oft
ubertrieben) aus den Zeitungen. Ich besorge lieber die weit angeneh-
mere Aufgabe, Ihnen mitzuteilen, dafi es augenblicklich und unter dem
Regime Pilsudskis den nationalen Minderheiten in Polen - und beson-
ders der deutschen - weit besser geht als ehemals. Denn ist Pilsudski
zweifellos auch nicht ein Mann von grofier diplomatischer Klughek,
der aus Griinden einer guten »Staatsrason« den Deutschen nationale
Freiheiten lafit, so ist er doch ein Fanatiker der Gerechtigkeit - wenn
auch manchmal einer sehr subjektiven; so hat er doch begriffen, dafi
fur Polen das Wichtigste ist, aus der Reihe jener Lander ausgeschieden
zu werden, die das (oft ahnungslose) westeuropaische Gewissen »bal-
kanisch« oder »asiatisch« nennt; so weifi er doch, dafi die Deutschen
ein gutes staatsburgerliches Material abgeben. Es hat nicht den An-
schein, als ob die verschiedenen Verletzungen minderheitlicher Rechte
der Deutschen etwa einer Tendenz der Regierung entsprechen wiir-
den. Sie sind vielmehr Zufalligkeiten und Uberreste. Seien wir ver-
sohnlich.
Es gibt eigentlich keine akute »deutsche Frage« in Polen, wie es eine
ukrainische, eine weifiruthenische, jiidische gibt. Ich wollte, Sie hatten
mit mir den stillen Frieden deutscher Kolonien in Ostgalizien und
Wolynien gesehn; Sie hatten die Natiirlichkeit gesehn, mit der seit den
Zeiten ihrer Urgrofivater die Schwaben eine fremde Erde zur eigenen
machen, eigene Hauser im eigenen Stil unter fremden Hausern bauen.
Es ist, als ob die Notwendigkeit, einen sauberen, geraden, griin-weifi
gestrichenen Zaun urn Haus und Hof zu zimmern, ein Diktat des Bluts
und weniger ein Gebot des Vorfahren ware, und das deutsche Wort,
das jeder so selbstverstandlich gebraucht wie in Deutschland, ware
wirklich durch ein Wunder und einen Wind herubergebracht worden.
Gewifi sind Blutmischungen vorgekommen, und ohne Zweifel ereig-
nete sich im Laufe der Jahrzehnte das noch unerklarliche Phanomen
einer Anpassung der Physiognomien an Klima und Erde. Aber immer
bliiht das Wort wie ein Glaube, befruchtet still wie ein Samen, reift wie
Korn und Weizen, lebt gleichsam nicht wie von den Menschen ge-
pflegt, sondern als pflegte es selbst die Menschen. Jedesmal, wenn man
von einer alten Frau, die wie eine slawische Bauerin aussieht und auch
manchmal so gekleidet ist, ein Wort hort, das einen schwabischen
1928 9^5
Klang hat, fiihlt man jene leise, gute, ein wenig schmerzhafte Freude,
die uns durchzieht, wenn wir eine Melodie wiederfinden oder einen
Uhrenschlag, die unsere Kindheit begleitet haben. In Deutschland ist,
was man »das Deutsche« nennt, selbstverstandlich (wenn es nicht
durch die Zivilisation verfalscht ist). In einer deutschen Kolonie in Po-
len ist es immer echt, immer merkwiirdig und dennoch immer heimat-
lich.
Sie wissen, dafi in Polen viele deutsche Schulen aufgehoben wurden,
deutsche Kinder oft gezwungen sind, polnische Schulen zu besuchen,
und iiberhaupt die Tendenz besteht, das Fremde zu assimilieren. Es ist
moglich, dafi die verstreuten Kolonisten einmal aufgehen werden im
Polentum, wie im Lauf der Jahrhunderte deutsches Blut sich mit alien
Rassen der europaischen Welt vermischt hat. Es geschah zum Nutzen
der andern, ohne Zweifel, und sehr selten zu unserm eigenen. Aber es
ist fur einen, der die Menschheit iiber der Nation nicht vergifit und
liber der Existenz nationaler Wiinsche nicht die grofien, unerforschba-
ren Absichten der Geschichte, ein wenig kostlich zu denken, dafi auch
die (in seinem Sinne) negativen Ergebnisse deutscher Auswanderung
wahrscheinlich einen geheimen und fernen Sinn haben. Hoffen wir,
dafi es ein humaner Sinn ist.
Ich bleibe Ihr ergebener
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 9. 9. 1928
EIN LESERBRIEF UND DIE ANTWORT
Sehr verehrter Herr Joseph Roth!
Nach einigem Zogern gebe ich der Versuchung nach, Ihren letzten
Brief aus Polen zu beantworten. Ich besuchte Polen mehrfach im letz-
ten Jahre. Vielleicht hat mich der Grundton Ihres Briefes gerade des-
halb angesprochen, weil ich gewohnt bin, die Dinge des Deutschtums
im Ausland mit anderen Augen zu sehen. Sie haben ohne Mifitrauen
beobachtet. Uberzeugt, dafi diese Deutschen, die Sie auf Ihren Wande-
rungen gefunden haben, Trager einer Sendung sind, auch wo sie selbst
966 DAS JOURNALISTISCHE WERK
diese Sendung mit Opfern ihres Deutschtums bezahlen, entgehen Sie
der Gefahr, dem Deutschtum Beachtung erst zu schenken, wo seine
Bedriickung anfangt. Unbelastet durch angelernte Kenntmsse und vor-
gefafite Meinungen geniefien Sie dankbare Entdeckerfreuden. Das
Selbstverstandliche ist Ihnen zum Erlebnis geworden.
Sie haben das Wundern gelernt, aller Philosophic Anfang. Und Sie
wissen dem schone Worte zu leihen. Sie hatten bei dem Anfang nicht
stehenbleiben sollen. Sicher hatte ein Weiterphilosophieren Ihnen
manche begliickende Einsicht und uns treffende Formulierungen iiber
die Sendung der deutschen Volksgruppen in der Fremde fur die deut-
sche Gesamtkultur gegeben. Einmal klingt es bei Ihnen an, dafi »das
Deutsche« draufien von der Zivilisation weniger verfalscht ist als im
Mutterlande. Konnte nicht der tiefere Sinn eines die Grenzen iiber-
spannenden deutschen Volksbewufitseins darin liegen, diese ungebro-
chenen Krafte dem Gesamtvolk zufliefien zu lassen? Ich bedauere es,
dafi Sie solchen Gedanken nicht weiter nachgegangen sind. Der poli-
tisch Tatige, der sie ausspricht, belastet sie so leicht mit dem Verdacht,
dafi politischer Kraftezuwachs gemeint ist. Wenn man diesem Versuch
auch nie entgehen wird, so behielte es doch seinen Wert, wenn ein
politisch Unbelasteter, einer, der kein »Vorkampfer« ist, den geheim-
nisvollen Stromen zwischen den vielen Gliedern des deutschen Volkes
nachspiirte.
Vielleicht haben Sie es getan. Aber in Ihrem Briefe gleiten Sie nach
kurzen Andeutungen in das Politische ab. Ohne inneren Zwang, wie
mir scheint, und ohne recht zu iiberzeugen. Daft von alien Minderhei-
ten die deutsche dem polnischen Staat am wenigsten zu schaffen gibt,
wiirde mehr fur Indolenz als fur Ungefahrlichkeit zeugen. Denn so
liegt es doch wirklich nicht, dafi die Deutschen kein Recht hatten, dem
polnischen Staat nichts zu schaffen zu machen. Ich kann leider Ihren
Eindruck, dafi es der deutschen Minderheit unter dem Regime Pilsud-
skis bei weitem besser geht als friifier, in keiner Weise bestatigen. Neh-
men wir doch den entscheidenden Punkt fur jede Verurteilung der
Lage einer Minderheit, das kulturelle Leben und insonderheit das
Schulwesen. Meine Beobachtungen gehen leider dahin, dafi mit der
einzigen Ausnahme vielleicht von Galizien die Assimilierungstendenz,
die Sie selbst erwahnen, sich noch nie so riicksichtslos und planmafiig
durchgesetzt hat wie im letzten Jahre. Die zahlreichen Schliefiungen
offentlicher deutscher Schulen, denen durch biirokratische Schulver-
1928 $6y
bandsgeometrie die erforderliche Schiilerzahl genommen wird, sind
dabei nicht das Schlimmste. Das ware zu ertragen, wenn man der
freien Betatigung der Deutschen erlaubte, die Liicken zu fu'llen. Sie
erwahnen selbst, dafi auch hier Schwierigkeiten vorliegen. Aber diese
Schwierigkeiten werden nicht geringer, sondern grofier. Mit einem
Raffinement, das jedem preufiischen Geheimrat alter Schule Bewunde-
rung abnotigen mufi, werden vergilbte hundertjahrige, preufiische Ka-
binettordres hervorgesucht, um die Errichtung deutscher Privatschu-
len verbieten zu konnen.
Wo in aller Welt haben Sie Fortschritte gefunden? Hat man Ihnen in
dem stillen Frieden der deutschen Kolonien Wolyniens nichts von dem
beruchtigten Pachterschutzgesetz erzahlt, das es zulafit, dafi noch
heute deutschen Kolonisten zur Strafe fur ihre Evakuierung durch die
Russen ihre Gehofte weggenommen und niedergerissen werden kon-
nen und niedergerissen werden} DaE die Zahl der Exmissionen und
Zerstorungen seit 1926 in Wolynien geringer geworden ist, berechtigt
noch nicht, von wesentlicher Besserung der Lage zu sprechen, solange
die Fortsetzung eines solchen wirtschaftlichen Irrsinns und solch'
menschlicher Barbarei moglich ist.
Nein, sehr verehrter Herr Roth, die tatsachliche Lage der deutschen
Minderheiten bleibt schlecht. Wohl ist es richtig, dafi man auf die Pil-
sudski-Regierung Hoffnungen gesetzt hatte. Ich habe iiberall gefun-
den, dafi diese Hoffnungen nicht nur aufgegeben sind, sondern dafi das
Gefuhl vorherrscht, von einer neuen Welle planmaftiger Entdeut-
schung bedroht zu werden. Vielleicht halten Sie dieses Gefuhl fur un-
begriindet, weil man Ihnen glaubhafte Versicherungen liber die guten
Absichten der polnischen Regierung gegeben hat. Ich bin skeptischer
geworden und gebe auf glaubhafte Versicherungen nichts mehr; dar-
iiber kann man streiten. Die Versicherung kann ich Ihnen jedoch ge-
ben: die zarte Pflanze guter polnischer Absichten kann von Vorschuft-
lorbeeren nur erstickt werden. Ein Schlechtmachen um jeden Preis ist
ihnen ebensowenig forderlich.
Ihre Ausfiihrungen uber die staatsburgerlichen Eigenschaften der
Deutschen mochte ich mehr erganzen als berichtigen. Der nuchterne
Tatsachensinn, den Sie riihmen, ist weniger opportunistisch, als viel-
fach angenommen wird. Ich halte ihn fur ausgesprochen politisch.
Man halt es fur politischen Dilettantismus, wenn eine Minderheit auf
Entwicklungen Einflufl zu nehmen versucht, die von den grofien Ge-
968 DAS JOURNALISTISCHE WERK
setzen der europaischen Geschichte bestimmt werden. Wenn Sie das
kosmopolitisches Verstandnis nennen, bin ich einverstanden.
Ihr resignierendes Urteil liber den geheimen Sinn deutscher Auswan-
derung mufi man - nicht wahr, leider? - fur die Vergangenheit teilen.
In der Zukunft wird ein Sinn nur bleiben, wenn das Deutschtum be-
weist, daft es menschliche Bindungen gibt, die starker sind als nationale
Nivellierung und Entgeistung. Kennen Sie Radoinys »Ideal« einer ost-
elbischen Mischrasse? Lesen Sie sein Buch »Germanisierung oder Sla-
wisierung?«, und Sie werden schlafraubende Zwangsvorstellungen von
einem kulturlosen, Spenglersches Fellachentum weit iibertrumpfenden
Volkerbrei bekommen.
Mit vorziiglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener
Bruno Ruhle
Sehr verehrter Herr Bruno Ruhle,
ich begriifte aufrichtig Ihren angenehm und wohlwollend polemischen
Brief. Ich wehre mich nur gegen die Nachsicht, mit der Sie meine
Briefe aus Polen gelesen haben und die Sie veranlaftt anzunehmen, ich
ware »ohne inneren Zwang ins Politische abgeglitten«. Wenn wir hier
mehr Zeit und Raum hatten, wiirde ich versuchen, Ihnen klarzuma-
chen, daft (im Gegenteil) ein im weitesten Sinn politischer Zwang
meine Aufsatze iiber Polen diktiert hat - auch wenn sie »unter dem
Strich« erschienen, der, nebenbei gesagt, schon langst aufgehort hat,
die Grenze zwischen dem »Politischen« und dem »Unterhaltenden«
zu sein. Ich bitte Sie fur mich um die ganze Strenge, mit der Sie einen
rein politischen Aufsatz lesen und beurteilen mogen.
Wenn Sie einen solchen Mafistab an meinen Brief iiber die deutschen
Minderheiten in Polen angelegt hatten, waren Sie vielleicht zu dem
Schlufi gelangt, daft ich eine falsche politische Erkenntnis mitgenom-
men habe, aber Sie hatten keineswegs von vornherein annehmen kon-
nen, ich ware sozusagen als heiterer feuilletonistischer Wanderer
durchs Land gefahren - »ohne Mifkrauen« - mit einem treuherzigen
Glauben an etwaige Versicherungen regierender oder amtlicher Stel-
len. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daft mein Mifttrauen gegen alle
regierenden Stellen der Welt schwerlich iiberboten werden kann und
1928 969
dafi mich nichts so interessiert wie ein mehr oder weniger verborgenes
Ubel. Aber ich kenne den Rahmen, in dem dariiber berichtet werden
soil, und das Mafi, mit dem es zu bestimmten Gelegenheiten gemessen
werden kann - und das durchaus nicht bei alien Gelegenheiten das
gleiche bleiben darf. Im Anblick einer deutschen Minderheit vergesse
ich die Teile unseres Volkes nicht, die noch in andern fremden Lan-
dern leben - und ich messe das Erreichte am Erreichbaren, das Beste-
hende an den Moglichkeiten und selbst noch die Enttauschungen an
den Aussichten. Ich kann nicht umhin, das Leben der Deutschen in
Polen angenehmer zu finden als zum Beispiel das unserer Volksteile in
einigen Gegenden Rumaniens und in Sudtirol; sofern die Lage irgend-
einer Minderheit bei der eifersuchtigen Machtliebe fast aller nationalen
Mehrheiten uberhaupt angenehm sein kann. Hoffnungen, die man auf
Pilsudski gesetzt hat, mogen sich nicht iiberall und nicht ganz erfullt
haben. Aber es ist nicht zu leugnen, dafi er wenigstens ehrliche Aspira-
tionen hat, den ungliicklichen und torichten Wahn der Polen: man
konne die Existenz der Minderheiten leugnen oder behindern, durch
eine gewisse, vorlaufig noch bescheidene Loyalitat zu ersetzen. Aber
die Regierung stofit immer noch auf eine gewisse passive Resistenz, auf
alte, verhartete, nationale Ressentiments, auf alte schlechte Gewohn-
heiten und bose Triebe. Man kann die Minderheiten in Polen nicht
betrachten, ohne ganz Polen zu sehn - und man mufi ihre Lage mit der
allgemeinen des Landes vergleichen; mit dessen Aussichten; und mit
jenen langsamen, historisch bedingten Wandlungen. Ich weifi also von
den Bedriickungen des Deutschtums. Der Zufall bringt mir, gerade
wahrend ich im Begriff bin, Ihren Brief zu beantworten, den Besuch
eines Deutschen aus Guesen, der mir von schlimmen Zustanden in den
von deutschen Kindern besuchten polnischen Schulen berichtet. Un-
gefahr 15 000 deutsche Volksschiiler miissen in polnische Schulen
gehn, in denen der deutsche Sprachunterricht entweder sehr mangel-
haft ist oder uberhaupt nicht vorhanden. In einem Orte des Kreises
Wreschen sieht das Diktat, das ein deutscher i4jahriger Knabe
schreibt, folgendermafien aus:
»Workester war ein gropes Geweter. Es Donede und plitzte. Der Do-
ner rolt. Das Piez er schrekt Die atzlichen Kinder. Dan scheint Sie
Sonne hel. Dann feakst Der Roken tut. Das Weld siet schon grim aus.
Tis Jar kibt es wieleiht eine gute Ernte. Worges Jar wiel sie beaser aus.«
Vielleicht entgeht mir dieser und jener Fall. Aber ich vergesse niemals
970 DAS JOURNALISTISCHE WERK
das tragische Schicksal, das uns seit Jahrhunderten Blut und Geist an
die Welt abzugeben befiehlt. Wir sind die Saat der Erde - und das ist
kein dankbares Los. Wir werden in alle Richtungen verstreut - und
iiberall halt man uns fiir Usurpatoren. Wir erleiden viel Unrecht - viel
zu viel fiir das Unrecht, das auch wir andern zugefiigt haben. Aber es
ist eben deshalb unsere Aufgabe - wo wir sie finden, die ersten Spuren
beginnenden Verstehens aufzuzeichnen.
Was nun meine Meinung iiber den geheimen Sinn der deutschen Aus-
wanderung betrifft, so ist es eher ein glaubiges Vertrauen in den unver-
standlichen, aber sicherlich weisen Willen der Geschichte als eine Resi-
gnation. Vielmehr hoffe ich mit Ihnen, dafi unsere Aus wanderer fiir-
derhin Deutsche werden bleiben konnen und bleiben wollen. Ich be-
griifte Ihren Brief, weil er mir Gelegenheit gibt, der Offentlichkeit
einen Einfall mitzuteilen, der mir kam, als ich deutsche Volksteile in
fremden Landern sah; ich konnte mir vorstellen, dafi alle deutschen
Zeitungen und Zeitschriften aller Richtungen den deutschen Kolonien
im Ausland in bestimmten Abstanden Freiexemplare schicken, regel-
mafiig und nicht selten. Im Reich verteilen die Verleger so viele iiber-
flussige Frei-Abonnements! Derlei Unternehmen wiirden sicherlich
das Deutschtum in der Fremde starken.
Was aber die Mischrasse betrifft: sollte der verhiillte Wille der Natur
und der Geschichte eine Mischrasse dieser und jener Art beabsichti-
gen, so wird unsere Vorbeugung lacherlich und ohnmachtig sein! Und
unsere Furcht sinnlos! Ich werde mit Interesse die Biicher lesen, die Sie
mir so liebenswurdig empfehlen. Aber ich zweifle sehr, dafi mir die
Befurchtungen, die sie enthalten mogen, einen Schrecken bereiten
konnten, der grower ware als mein Glaube an die Menschlichkeit jedes
menschlichen Wesens - auch des schlecht gemischten - und an die
ubermenschlichen Gewalten, die in dieser Welt alle Rassen schaffen,
mischen und wieder vergehen lassen.
Ich bin mit gutem Dank Ihr ergebener
Joseph Roth
Frankfurter Zeitung, 7. 12. 1928
DIE ZWEITE LIEBE
Vorwort
Einmal, als ich gerade in einer Stimmung war, in der man jede Senti-
mentalitat verachtet, weil man dringend Geld braucht und imstande
ist, selbst ein Gefiihl wie das der Pietat sentimental zu nennen, ver-
sprach ich einem Herausgeber, die Geschichte meiner ersten Liebe nie-
derzuschreiben. Sie lag immerhin siebzehn Jahre zuriick, in meinem
Gedachtnis aufbewahrt wie eine Blume in einem Buch, niemals nach-
gesehen und niemals in ihrer ehrenvollen Situation gestort. Sie befand
sich zwar im Gedachtnis, wie gesagt, aber die Erinnerung, die etwas
anderes ist, namlich eine rege, forschende und mahnende Schwester
des Gedachtnisses, die Erinnerung holte niemals die erste Liebe her-
vor. Erst als ich mich entschloft, sie zu beschreiben, belebte sie sich,
bekam Farben, trat in die Gegenwart, farbte sichtbar jede meiner Stun-
den, und es war, als machte sie mir auf diese angenehme, ja sublime Art
Vorwiirfe, auf eine Art, wie sie eben einer ersten Liebe entspricht.
Ich sah, daft es mir unmoglich sein wiirde, sie zu beschreiben. Es wa-
ren nicht Bedenken, die mich gehindert hatten, es war mehr: eine Art
Angst, kindisch, primitiv, nicht aberglaubisch, denn es war keine
Angst vor moglichen Konsequenzen, sondern eine Angst schlechthin,
ohne Grund, ahnlich der Furcht vor gewohnlichen, aber dennoch un-
begreiflichen Erscheinungen. Und ebenso, wie man aus Eigenliebe sich
selbst mit einem Trost zufriedengeben kann, obwohl man weift, daft er
billig ist, so begniige ich mich schlieftlich mit der Geschichte meiner
zweiten Liebe, die ich Ihnen im folgenden erzahlen will.
1. Kapitel
Das Madchen, dem meine zweite Liebe gait, wohnte aufterhalb der
Stadt, in der Nahe eines Waldes, in dem ich manchmal spazierenging -
nicht aus Liebe zu ihm, sondern aus Liebe zu dem Madchen, das wie-
der allerdings nur aus ehrenhafter, sogar keuscher Begeisterung fur die
Natur den Wald aufsuchte. Nachdem wir uns ein paarmal begegnet
waren, begann ich sie zu griiften. Und um zu erproben, ob unsere
Beziehungen auch ohne den Wald bestehen und sich entwickeln konn-
972 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ten, ferner um ihn, der unsere Bekanntschaft vermittelt hatte, nun auch
als eine Art Bindemktel gebrauchen zu konnen, wartete ich zu jenen
Zeiten, in denen das Madchen die Stadt aufzusuchen pflegte, auf der
einzigen Strafie, durch die sie gehen muftte. Eines Tages, die Strafie war
leer, griifite ich das Madchen mit einem so andachtigen Blick und
einem so tief gezogenen Hut, daft schon mein Grufi ein Kompliment
wurde, von der Art, wie man sie Koniginnen machen darf. Irgendeine
Wirkung hatte ich vorausgesehen. Ich stellte mir vor, das Madchen
wurde verlegen werden, rot, wehrlos, ein Zustand also, in dem wenig
Mut dazu gehorte, sie anzusprechen. Das Madchen aber blieb stehen,
lachelte und sagte: »Warum kommen Sie nicht mehr in den Wald? Ich
habe Sie schon drei Tage vermifit!«
Ich horte zuerst ihre Stimme und dann erst, in einem Abstand von
Sekunden, ihre Worte. Es war, als kamen Klang und Begriff nicht
gleichzeitig, sondern als breitete sie zuerst vor mir ihre Stimme aus, auf
der dann die Worte einherschritten wie helle Gestalten auf einer dunk-
len Wiese.
Deshalb fand ich keine Antwort. Ich sagte etwas, was sie endlich ver-
wirren muftte, weil es gar nicht zur Sache gehorte. Ich sagte: »So was
kann vorkommen!«
Es war, wenn es iiberhaupt etwas bedeuten konnte, ungefahr der ge-
stammelte Ausdruck meines Staunens dariiber, daft sie mich wirklich
vermifit hatte. So kamen wir ins Gesprach, das heifit: in kein Gesprach.
Denn ich begleitete das Madchen lange stumm, und als sich die ersten
Hauser der Stadt zeigten, sagte ich: »Sie haben nichts dagegen, dafi ich
Sie begleite?« Als ware dieser ganze lange Weg, den wir schon zuriick-
gelegt hatten, noch eine unmittelbare Fortsetzung unserer Begegnun-
gen im Walde und als beganne hier erst, im Anblick der Stadt, eigent-
lich meine Begleitung.
Ich nannte meinen Namen, sie erwiderte mit dem ihrigen. »Ihr Vor-
name?« fragte ich. »Was liegt Ihnen daran?« Ich hatte endlich das
Thema, das mir zur Sicherheit verhelfen konnte. Hatte sie mir ihren
Vornamen gesagt, ich ware vielleicht stumm geblieben. Da sie mir ihn
aber vorenthielt, konnte ich in einer Weise, von der ich iiberzeugt war,
daft sie geistreich sei, erklaren, bei Frauen sei der Vorname sehr
wichtig.
Dennoch verriet sie ihn nicht. Wir gin gen in einige Laden einkaufen.
Wir blieben vor vielen Schaufenstern stehen. Wir gingen in einen Park,
1928 973
setzten uns in eine abgeschiedene Allee - nicht, weil wir etwa Bewe-
gungen oder Worte vor den Menschen zu verbergen hatten, sondern
um uns selbst zu diesen Bewegungen und Worten zu ermuntern. Es
war grim, dunkel und still, aber der tiefe Schatten selbst, der hier
herrschte, war von Sonne durchtrankt, so dafi man ihr Gewicht fuhlte,
obwohl man ihr Licht nicht sah. Aus einer unermefilichen Feme ka-
men Gerausche der Stadt, wie Lebenszeichen einer versunkenen Welt.
In unserer Nahe zwitscherten Vogel - und obwohl ich wufite, dafi es
gewohnliche Spatzen waren, sagte ich wie einer, der mit der Natur
aufierordentlich vertraut 1st; »Das war ein Stieglitz.« »Es ist gewifi aus
einem Kafig davongeflogen!« sagte das Madchen, und nichts konnte
ihre Zuneigung zu mir besser beweisen als diese horrende Verwechs-
lung. Ich hatte auch »Kanarienvogel« sagen konnen oder »Papagei«.
Ich erinnere mich noch genau, wie wir auf der Bank, in deren Mitte wir
zuerst safien, immer naher zueinanderriickten. Aber sooft wir schon so
nahe waren, dafi ich eine gute, weiche Warme an meinem Arm fuhlte,
wie man etwa, solange man sehr jung ist, eine Vorfreude an der Haut
fuhlen kann, riickte das Madchen auf einmal ein Stuckchen weker und
schob zwischen uns Luft, die ich als kalt empfand, obwohl der Tag
sehr heifi war.
In dieser Allee kam es zu nichts. Als wir sie verliefien, war der Abend
schon in der Stadt, rotlich, golden, mit einer tiefblauen, klargezackten
Wolkenwand im Westen und dem Orangenrot, das Wind fur den
nachsten Tag anzukiindigen pflegt und das mich plotzlich, als hatte ich
mich schon so lange nach Wind gesehnt, in einen begeisterten Taumel
versetzte. Ja, Wind! das konnte man brauchen.
Wir gingen durch die dunkle Strafie, die zum Haus des Madchens
fiihrte. Wir blieben nicht auf einer Strafienseite. Wir wechselten hin-
iiber und zuriick und wufiten wahrscheinlich nicht, dafi wir den Weg
also verlangerten. Hinter einem Zaun stiefi ein Hund ein sturmisches
Gebell aus. Das Madchen fafite nach meinem Arm. Das Bellen war so
nahe, dafi sie in der Dunkelheit glauben konnte, der Hund befande
sich nicht hinter dem Zaun, sondern unmittelbar vor uns. Ich aber, der
ich diese Moglichkeit auch einen Augenblick iiberlegte, erschrak den-
noch nicht. Denn es ist zwar nicht richtig, dafi der Mann im allgemei-
nen ruhiger sei als die Frau; aber er ist ruhig, wenn er verliebt ist. Und
ich war bereits verliebt.
Einen Augenblick spater teilte mir das Madchen mit, leise und mit
974 DAS JOURNALISTISCHE WERK
einer Stimme, die wie ein Vorbote einer Umarmung war, dafi sie Lisa
heifie. Und als ware das ein Grund oder eine Vorbedingung, begannen
wir uns zu kiissen, heftig und beide erschrocken, wie in einem Zorn,
und nicht, wie um unsere Liebe zu gestehen, sondern wie um unsere
Krafte aneinander zu messen. Es dauerte lange und behielt doch eine
konstante Heftigkeit. Es war wie ein Blitz, der nicht zuckt, sondern
lange flammt.
Damit hatte unsere Liebe begonnen, und sie sah aus, wie man sie sich
vorstellen kann, nachdem man alle anderen Umstande kennt: unsere
Jugend, den Sommer und den Wald.
2. Kapitel
Eines Tages sagte Lisa, sie werde morgen Besuch bekommen, eine
Cousine aus der grofien Stadt. Ich begann, diese Cousine sofort zu
hassen mit der ganzen jah aufbrechenden Wut eines todlich Beleidig-
ten. Und statt ruhig zu iiberlegen, wie wir trotz der Cousine unsere
Liebe weiterfuhren konnten - wie ich heute iiberlegen wiirde, da ich so
haufig weise und so niemals verliebt bin -, geriet ich in Zorn und gab
Lisa beim Abschied eine trockene, kalte Hand.
Die Cousine - sie erschien mir hafilich, schlecht angezogen, unmanier-
lich, boshaft und dumm - blieb acht Tage. Ich begleitete beide Mad-
chen, trank mit ihnen Kaffee und Schokolade in Konditoreien und war
beiden gleich fremd. Lisa schien sich meiner kaum zu erinnern. Sie
machte Witze iiber mich. Manchmal begannen beide Madchen mitein-
ander zu flustern - eine halbe Stunde lang, in der ich ausgeschaltet war
aus ihrer Nahe. Sie liefien einen Vorhang aus Stille fallen und unter-
hielten sich dahinter. Ich weifi heute, dafi sie ganz unbedeutende Dinge
besprachen, die sie auch laut hatten sagen konnen. Ich erfuhr es spater
und werde noch erzahlen, von wem.
Als die Cousine verreist war, schien mir Lisa verwandelt. Wir sprachen
miteinander, manchmal flog ein Lachen zwischen uns auf wie ein selte-
ner weifier fremd er Vogel. Aber die Worte, die wir einander sagten,
hatten eine ganz einfache Bedeutung, sie waren, was sie hiefien, wah-
rend sie friiher Symbole gewesen waren, nicht Laute, sondern Tiiren
und Tore zu grofien Welten, in die wir blickten und in die wir oft auch
eintraten. Jetzt reihten sich unsere Worte aneinander wie in einem
Worterbuch. Einmal im Walde, nach einer langen Stille, begann ich,
1928 975
ihre Hand zu streicheln. Aber sie stand sofort auf, und ich fiihlte, dafi
sie mir nicht Unrecht tat, denn ich hatte nach ihrer Hand gegriffen,
nicht mit der Leidenschaft von einst, sondern nur, um mich an jene
Leidenschaft zu erinnern. So wie einer, der in einer bestimmten Stadt
einmal sehr gliicklich war, nach Jahren noch einmal in diese Stadt
kommt, weil er glaubt, er werde durch die Wiederholung der Situation
auch das Gluck wiederholen.
Seit damals trafen wir uns nicht mehr. Wir vermieden auch, uns zu
treffen.
3. Kapitel
Einige Jahre spater traf ich in der grofien Stadt die Cousine. Im Gegen-
satz zu Lisa hiefi sie Margot. Sie gefiel mir. Sie war elegant, witzig,
iibermutig. Sie vermittelte mir eine Ahnung von der grofien Welt, an
deren Glanz ich damals noch glaubte.
Margot erzahlte mir, dafi sie mich auch vor einigen Jahren schon sehr
liebenswert gefunden hatte. Infolgedessen hatte sie auch gleichgultige
Dinge mit ihrer Cousine so leise besprochen. Das sei ein Beweis fur
Liebe, erklarte sie.
Ich erwiderte, dafi ich jetzt in der Lage sei, neue Beweise zu erwarten.
Sie antwortete. Und mit ihrer Antwort beginnt meine dritte Liebe, von
deren Verlauf zu erzahlen ich aber nicht mehr verpflichtet bin.
Frankfurter Zeitung, 29. 7 1928
Das vierte Italien
ERSTE BEGEGNUNG MIT DER DIKTATUR
Im Jahre 1922 bekannte Mussolini einem Sonderberichterstatter des
Pariser »Temps«, dafi er »nur dreimal in seinem Leben in einem Mu-
seum« gewesen sei, weil er »keine Zeit habe, sich im Reich der Schatten
Traumereien hinzugeben«. Kaum anderthalb Jahre spater, im April
1924, als er Burger von Rom wurde, erklarte er, dafi er sich gezwungen
sehe, »dem Mysterium von der Ewigkeit Roms nachzusinnen, sooft er
iiber die lebendigen Ruinen des Forums wandere«. Er hat sich also,
wie man sieht, mit dem Reich der Schatten ausgesohnt, denen man
seitdem keine Ruhe mehr in Italien lafit. Denn in vielen italienischen
Stadten graben fleifiige Archaologen nach neuen Altertumern, und der
faschistische Staat ist bestrebt, die Zeugen der groften Vergangenheit
moglichst komplett auf Lager zu haben.
Ein Berichterstatter aber, der heute nach Italien fahrt, hat Anlafi ge-
nug, es so zu machen wie der Mussolini vom Jahre 1922. Er sollte
hochstens dreimal in ein Museum gehen. Wenn er einen Baedeker
nimmt, dann nur, um durch eine ostentative Wanderung mit einem
Fiihrer in der Hand sich in den Strafien der italienischen Stadte den
harmlosen Aspekt eines kulturbeflissenen Fremden zu geben. Denn
Italien ist immer noch - und mehr als in vergangenen Zeiten - ein Land
fur Hochzeitsreisende und nicht fur Journalisten. Es wiinscht Fremde
mit unzweideutigem Interesse fur die Vergangenheit, flir Ruinen, Mu-
seen, den Lido und den Vesuv. Fremde mit einer Leidenschaft fur die
italienische Aktualitat, mit einem Interesse fur Pressefreiheit, fur die
Lage des Proletariats und fur die Finanzgebarung des Staates kann der
Faschismus nicht brauchen. In Italien ist man darauf eingerichtet, es
der harmlosen Gattung von Reisenden so bequem zu machen, wie es
im Rahmen einer Diktatur iiberhaupt moglich ist; und es den anderen
so unbequem zu machen, wie es nur im Rahmen einer Diktatur mog-
lich ist.
Der erste Faschist zeigte sich mir am Bahnhof. An seinem schwarzen
Hemd war er leicht zu erkennen. Aufierdem trug er einen feldgrauen
1928 977
Anzug, dessen Schnitt an die Uniform englischer und amerikanischer
Offiziere erinnerte. Der Kragen und die Rockklappen waren schwarz
umsaumt. Unwahrscheinlich breite Reiterhosen miindeten in schonen,
glanzenden, gelben Ledergamaschen. Die Hosen erinnerten an grofie
Schmetterlingsflugel. Wenn der Faschist ging, glaubte man, dafi er
wehte. An seiner rechten Hiifte hing in einem neuen braunen Leder-
etui ein winziges, reizendes Pistolchen, eher einem Schmuckstiick ahn-
lich als einer Waffe. Die Hand des Faschisten fuchtelte mit einer ele-
ganten Reitgerte, metallener Knopf und Lederschlaufe am Ende.
Aufier einem Pferd und Sporen besafi der Mann alle kavalleristischen
Zubehore. Ubrigens ging er auf dem Bahnsteig auf und ab wie einer,
der soeben aus dem Sattel kommt und sich ein bifkhen Bewegung ma-
chen will. Vielleicht wieherte sein RoE irgendwo in der Nahe der Lo-
komotive.
Er war jung, er mochte achtundzwanzig Jahre zahlen. Er hatte ein
glattrasiertes Gesicht mit den markanten Ziigen, die man halb der Na-
tur zu verdanken hat und halb einem breiten, weichen Filzhut mit ein-
seitig aufgeschlagener Krempe. Es bestand kein Zweifel, dafi der junge
Mann die Herbheit seines Profils kannte. Er schien es durch eine wohl-
erwogene Kopfhaltung den Passagieren darzubieten, die zu den Fen-
stern hinaussahen. Manchmal blieb er stehn, machte Front und zeigte
sich en face. Er musterte die Fremden, dienstlich und zugleich selbst-
gefallig. Und obwohl sein Blick sich sozusagen im Dienste des Vater-
landes befand, war es doch, als forderte er uns alle auf: »Seht mich an!
Ich bin der Blick eines Faschisten! . . .«
Es war ubrigens in diesem Bahnhof kaum etwas Undienstliches zu se-
hen. Es gab vielmehr eine militarische Bahnhofskommandantur. Ich
erinnere mich noch gut an diese Kriegseinrichtung. Man meldete sich
an, bekam eine Anweisung auf Quartier im Hotel, liefi sich eine echte
oder fiktive Zugverspatung bescheinigen. Am Tisch saft der Unteroffi-
zier und bediente das Telephon. In der Ecke kauerte die Ordonnanz.
Ich hatte gedacht, daft ich bis zum nachsten Krieg warten miifite, um
noch einmal eine Bahnhofskommandantur zu sehen. Nun ist sie da
und sieht genauso aus wie bei uns. Die Ordonnanz holt fur den Herrn
Oberleutnant ein Glas Bier aus dem Restaurant II. Klasse. An der
Wand hangt das Bild Seiner Majestat. Statt der Armbinde mit dem
Fliigelrad tragt der Bahnhofsoffizier eine groftartige Scharpe in den
italienischen Landesfarben, wie ein Fahnenjunker aus dem Siebenjahri-
978 DAS JOURNALISTISCHE WERK
gen Krieg. Es ist, versteht sich, ein flotter Offizier. Seine hohe, zylin-
derartige Miitze ist unten schmal und wird oben breit. Sie hat ein ab-
schiissiges, fast steiles ledernes Dach und sitzt ein wenig schief. Der
Sabel, dessen Griff im linken Arm liegt wie ein Kind, ist viel zu lang im
Verhaltnis zur Kiirze des ganzen Mannes. Das Gesicht, dessen obere
Halfte das Dach der Miitze beschattet, sieht aus, als safie der Offizier
eigentlich bequem, wahrend er sich fortbewegt. Es ist, wie ich spater in
den Stadten bemerken sollte, ein Flanierschritt, eine Art Korso-Gang
der Offiziere. Vielleicht lehrt man ihn in den Kadettenschulen. Er ist
jedenfalls nicht leicht nachzumachen. Der Oberkorper muK straff in
den Hiiften sitzen und darf sich dennoch sachte drehen. Die Knie sind
leicht geknickt wie beim allerersten Anfang einer Kniebeuge. Und das
Bein vollzieht einen unvollkommenen Halbkreis, ehe es den Fufi hin-
setzt.
Ich bin nicht neugierig, aber schliefilich wiifite ich gern, was eine
Bahnhofskommandantur mitten im Frieden zu tun hat. Vielleicht ist
sie der vielen Rekruten wegen da, die mit holzernen Koffern und wei-
fien Biindeln auf den Bahnhofen sitzen und mit neugierigen Augen die
Fernzuge betrachten und die freien Reisenden in den englischen Anzii-
gen und die eleganten Damen, die sich zum Lido begebem Aber neben
jedem ratlosen Rekrutenhaufchen steht ein Faschist. Sie sind nicht so
schon anzusehen wie jener einsame Oberfaschist, aber alle tragen die
gleichen reizenden Pistolchen in braunen Etuis. Sie begleken die ein-
riickenden Rekruten und bewahren sie vor falschen Zugverbindungen.
Ich glaube, man kann sich auf die jungen Leute verlassen.
Was also soil die Kommandantur? Vielleicht mufi sie die vielen Trup-
pen bewachen, die man auf alien Bahnhofen in Italien sieht. Man fangt
an zu glauben, dafi die italienischen Regimenter fortwahrend ihre Gar-
nisonen wechseln, Gewehre, Bajonette, Sabel, Uniformen, Scharpen,
Kommandos. Welch ein kriegerischer Elan auf diesen Bahnhofen, wo
soviel museumsbeflissene Fremde ankommen, friedliche und wohlha-
bende Naturen, fur die man eher kundige Kunsthistoriker aufstellen
sollte!
Aber alles ist bewaffnet - und die gewohnlichen italienischen Polizi-
sten sind in diesen Kriegslagern noch harmloser als in den Stadten. Mit
ihrem schwarzen Cutaway, dem krummen Sabel, den weifien Hand-
schuhen, den roten Generalsstreifen, dem traditionellen Zweispitz se-
hen sie iiberflussig aus. Sie waren einmal Organe, jetzt sind sie Orna-
1928 979
mente der Sicherheit. Neben der Schutzengraben-Koketterie der Fa-
schisten und dem bellikosen Korso-Schmifi der Offiziere stellen sie
eine Art mannlicher Bonnen dar, bestimmt, auf Kinder und Minder-
jahrige achtzugeben, die sich den Geleisen nahern. Es ist, als triigen sie
Sabel aus Holz. Sie imponieren mir gar nicht.
Es bedarf keiner besonderen Beobachtungsgabe, um neben den Uni-
formen auch Polizeispitzel in Zivil wahrzunehmen. Sie sind nicht
etwa, wie die Polizeiagenten diktaturloser Staaten, an biederen Stiefeln
und Plastrons zu erkennen, sondern eher an einer plebejischen Auf fas-
sung vom Wesen der Eleganz. Und insofern eine allgemeine Beurtei-
lung einer ganzen Kategorie zulassig ist, kann man sagen, dafi die Spit-
zel in Italien eine besondere Vorliebe fur lange und sehr schmale Man-
schetten haben und fur grelle Krawatten, die sich aus winzigen Knoten
zu breiten, bauschigen Fahnchen iiber der Brust entwickeln. Diese
Spitzel scheinen selbst eine naive Freude an ihrer Auffalligkeit zu fin-
den. Ihre Methode ist nicht Bewachung, sondern Einschiichterung. Es
ist kaum glaubhaft, dafi so viele Menschen in Italien den Provokateu-
ren hereinf alien. Bei all ihrer Gefahrlichkeit kommen sie mir infantil
vor.
Es ist uberhaupt der erste - und notwendigerweise oberflachliche -
Eindruck, den ich nur der Genauigkeit halber verzeichne: Infantil ist
der Glanz der Ledergamaschen, die kokette Pistole, die bunte Scharpe,
die viel zu hohe Miitze, der viel zu lange Sabel. Infantil ist der Grufi
mittels erhobener Hand, die halb zu einer Ohrfeige und halb zu einem
Segen ausholt. Infantil ist die zudringliche Neugier der Spitzel, die von
mir nichts erfahren werden, weil sie sich vor mir verraten. Infantil iiber
den Brunnen, an den Randern der Plakate, an den Wanden der Pissoirs
die simplen Zeichnungen, die Mussolini in einer casarischen Pose dar-
stellen. Und ernst scheint nur das Rizinusol zu sein.
Nicht, als ob ich es fur notwendig und gerecht hielte, die Besonderhei-
ten eines Staates mit denen eines andern zu vergleichen! Wenn ich
mich an der Grenze Italiens an die Grenze Rufilands erinnere, so ge-
schieht es nur, weil taglich in Zeitungen, Zeitschriften und Broschuren
der Faschismus mit dem Bolschewismus verglichen wird, die Diktatur
mit der Diktatur und Mussolini mit Lenin. Ich erliege gewissermafien
einem Wunsch, aber auch dem EinfluE der offentlichen Meinung,
wenn ich vergleiche. Aber ich finde vorldufig nur Unterschiede. Die
Sowjetspitzel waren unauffallig und unsichtbar und wufken langst,
980 DAS JOURNALISTISCHE WERK
noch ehe ich sie bemerkt hatte, wer ich sei und was ich wollte. Der
Rotgardist an der russischen Grenze war einfach und massiv. Er hatte
kein imperatorisches Profil und keine kokette Pistole. Weit und breit
kein Bahnhofskommandant mit Scharpe. Der Rotgardist hob nicht die
Hand, wenn er griifite, er griifite iiberhaupt nicht. Einfache Frauen
untersuchten das Gepack - aber sehr genau. An der Wand hing eine
billige Photographie von Lenin, der aussah wie ein Beamter, ohne die
Pose Casars, mit einer schlechten und schiefen Krawatte fiir zwei
Francs funfzig, in Zurich gekauft. Ich hatte nicht den Eindruck, von
der durchsichtigen Romantik eines Kriminalhlms empfangen zu wer-
den, sondern von einer gefahrlichen, schweren Unerbittiichkeit.
Ich wehre mich dagegen zu glauben, dafi diese Pistolchen knallen kon-
nen. Und doch konnen sie knallen.
Frankfurter Zeitung, 28. 10. 1928
DIKTATUR IM SCHAUFENSTER
In den Schaufenstern der Buchhandlungen, in den Vitrinen vor den
Redaktionen, auf den Titelblattern und auf den Innenseiten der illu-
strierten Zeitschriften, an Zeitungskiosken und vor dem Eingang zu
grofien Photographenateliers, in den Kunstladen, in denen man Bilder
kauft, und in den Auslagen mancher Mobelhandlungen, die zu den
Betten und Schreibtischen den sogenannten »Wandschmuck« liefern,
in den Restaurants und in den kleinen und grofien Kaffeehausern:
Uberail also, wo sich die Offentlichkeit trifft und manifestiert und der
dekorative wie der hausliche Sinn des Volkes zum Vorschein kommt:
uberail sieht man das Portrat Mussolinis. Gesetzt den Fall, es gabe
einen pietatvollen Italiener, der alle Portrats des Diktators gesammelt
hatte, so ergaben sie, in einer bestimmten Reihenfolge nebeneinander-
gehangt, den reprasentativen Teil des diktatorischen Lebens, und man
wiifite genau, welche Bewegungen Mussolini in jeder der historischen
Situationen vollfuhrte, von denen es im neuen Italien so wimmelt. Nie
gab es einen haufiger photographierten Menschen. Niemals war die
Photographie ein so wichtiges Hilfsmittel der Nationalgeschafte, und
niemals erfreute sich eine Diktatur einer grofieren Authentizitat. Die
1928 9^i
ganze Geschichte der Gegenwart, soweit sie von Mussolini dargestellt
wird, ist illustriert wie ein Bilderbuch. Ich kenne nunmehr das linke
und das rechte Profil des Diktators. Ich kenne seine Hande, seinen
Cutaway, seine Uniform, seine Handschuhe, seine Hike, seine
Schuhe. Ich weift, wie er aussieht, wenn er Nobile begriifit und die
Manover besichtigt, wenn er auf der Tribune eines Rennplatzes sitzt
und wenn er einem Fuftballspiel applaudiert, wenn er seine Parade
abnimmt und wenn er im Automobil fahrt, wenn er eine Treppe hin-
auf- und eine andere hinuntersteigt, wenn er Geige spielt und zu
Haus, im Kreise seiner Lieben, jenes private Leben eines Familienva-
ters fiihrt, das bestimmt ist, von der Offentlichkeit belauscht zu wer-
den. Samtliche Funktionen, die bis zu unserer Zeit nur den majestati-
schen Organismen vorbehalten waren, wie das Schreiten, das Bestei-
gen, das Betreten, das Lacheln, das Nicken, das Entgegennehmen und
das Abnehmen, das Winken und das Halten, scheint sich Mussolini,
wenn man ihn nur nach den Bildern beurteilt, mit mannlicher Ent-
schlossenheit angeeignet zu haben. Gewift ist jeder Augenblick im
Leben eines groften Mannes wichtig. Und es enttauscht mich einiger-
maften, daft die photographische Reportage es verschmaht, die Au-
genblicke festzuhalten, die fur das Menschliche im Gewaltigen kenn-
zeichnender waren. Ich vermisse hier wie iiberall, wo sich eine politi-
sche Grofte popularisieren laftt, die Momente, in denen sie zum Bei-
spiel gahnt, eine tiefe Kniebeuge macht, aus der Weste schliipft, in
einem Laden oder in einem Gasthaus nach den Banknoten greift, um
zu zahlen. Und diese Neugier scheint mir nicht unnatiirlich zu sein,
sondern die selbstverstandliche Folge meiner Versenkung in die be-
reits photo graphisch aufgenommenen Situationen. Wo so viel Feier-
lichkeit, Wiirde, Strenge, Freundlichkeit und hausliches Gliick photo-
graphiert sind, entsteht in dem Betrachter die Lust, auch den Alltag
kennenzulernen und wenigstens einen Teil der unangenehmen histo-
rischen Augenblicke, die es ja ebenfalls geben muE. Es kommt ja vor,
daft man bei der Lekuire dieses oder jenes Artikels in einer auslandi-
schen Zeitung einen gelinden Unwillen verspiirt, daft eine Hoffnung
auf den Erfolg eines bestimmten diplomatischen Unternehmens ge-
trogen hat, daft man bei der Durchsicht der finanziellen Verhaltnisse
des Staates nicht vollkommen befriedigt aussieht! Davon ist in den
Schaufenstern gar nichts zu sehen . . .
Der Optimismus, der das Angesicht der italienischen Straften be-
982 DAS JOURNALISTISCHE WERK
herrscht, ist so unbedingt, so treuherzig fast, dafi er in den Verdacht
gerat, ein obligatorischer zu sein. Es sind nicht nur die Illustrationen,
die ihn verbreiten und die von ihm geradezu hergestellt zu sein schei-
nen, sondern es sind auch die demonstrativen Erscheinungen des 6f-
fentlichen Lebens bereits vorausgenommene Illustrationen, so dafi,
was von der Wirklichkeit zu sehen ist, einem ausgewahlten Rohstoff
fiir eine Zeitschrift ahnlich wird. Faschisten marschieren mit Musik
durch die Strafien. Eine Menge in Zivil gekleideter Menschen geht an
den Randern des Zuges und hinter ihm. Das ist nun die typische frei-
willige Begleitmannschaft aller marschierenden Truppen in alien Lan-
dern. Das ist der wohlbekannte, freiwillig befliigelte Schritt der Mit-
macher, die keine Gesinnung haben, sondern eine Art Musikalitat in
den Beinen. Aber da in ihren Gesichtern nichts anderes zu lesen ist als
eine bewegte Versunkenheit gewissermafien, die aus der Verbindung
von starren und leeren Blicken mit rhythmisch schutternden Wangen
entsteht und genauso wie eine Massenbegeisterung aussieht, kann der
Filmreporter, der da auf einem Fafi steht und kurbelt, eine grofiartige,
fiir »Mefiter-Wochen« brauchbare Aufnahme zustande bringen, die
unter dem Titel »Der Siegeszug des Faschismus« durch alle Kinos des
kreditierenden Amerikas lauft.
Manchmal macht die Musik eine Pause. Dann stofit in kurzen Abstan-
den ein Faschist, der sich im Hintergrund aufhalt, den bekannten
Kriegsruf aus. Er klingt sehr gefahrlich an die Urzeit des Menschen an
und erinnert mich - man kann bei Kriegsruf en nur von subjektiven
Eindriicken sprechen - eher an das mythologische Dunkel der Vergan-
genheit als an die harte Klarheit der alten romischen Geschichte, an die
mich eher ein heller, disziplinierter Trompetenstofi gemahnen wiirde
als der Schrei der menschlichen Kehlen. Die Mehrzahl der Faschisten
sind junge Manner zwischen 20 und 25 etwa. Es befinden sich aber
auch alt ere Menschen in den Reihen mit verantwortungsvollen Ziigen
von Familienvatern, deren Entschlossenheit noch martialischer wirkt,
weil man gewohnt ist, sich beim Anblick der mannlichen Reife auch
der Vorstellung von der uberlegten, um keinen Preis wankenden
Kampfbereitschaft der Betrachteten hinzugeben. Nichtsdestoweniger
geht auch von den Alteren eine nur leicht makaber gefarbte Burschiko-
sitat aus. Sie entsteht aus der geschickten Mischung von schwarzen
Hemden mit flotten Pfadfinderhuten und dem schmucken Feldgrau
der Rocke.
1928 9^3
An den Strafienrandern bleiben Neugierige stehen. Sie sind schweig-
sam. Sie erwidern die Kriegsrufe der Marschierenden nicht. Nur
manchmal lost sich aus den Gruppen der Stehenden ein Mann oder
eine Frau, tritt an die Bordschwelle, ruft ein langes »Haaa!« und hebt
die Hand zu dem bekannten sakralen Grufi, der alles bedeuten kann:
Heil! und Gliickauf! und Guten Morgen! und Griifi Gott! Der Rest
schweigt und riihrt sich nicht. Und da der einzelne also allein bleibt
mit seinem Ruf und seinem GruE, wirkt die bewegungslose Schweig-
samkeit der anderen wie eine feindselige Stille. Sie ist es gewift nicht.
Ich nehme an, dafi sie nur eine neutrale ist. Aber sie ist immerhin grofi
genug, um die Demonstration des einen wie einen mutigen Protest
erklingen zu lassen.
Hinter den grofien Faschisten kommen halbwuchsige und dann kleine.
Alle tragen Uniform. Machte sie die Erwachsenen schmucker und ju-
gendlicher, als sie waren, so verwandelte sie die Kleinen in eine Art
militarischer Diminutiva und Gernegrofie. Ich habe oft beobachten
diirfen, dafi der nationalistischen Gesinnung der Sinn fur die Lacher-
lichkeit mangelt. Kinder mit patriotischen Fahnen und Uniformen
bringen immer in ein vaterlandisch bewegtes Strafienbild eine leise
Erinnerung an Variete und Dressur und erwecken im Zuschauer die
Vorstellung, dafi er eigentlich das Entree schuldig geblieben ist. Wenn
ich nun achtjahrige Faschisten sehe, kann ich nicht umhin, daran zu
denken, dafi noch der achtzehnjahrige Mussolini selbst eine Reihe von
Wandlungen der Gesinnung und seiner Ansichten vor sich hatte, und
die Selbstverstandlichkeit, mit der hier angenommen wird, dafi ein
Junge, der lesen und schreiben lernt, schon genau weift, dafi die faschi-
stische Diktatur das Heil Italiens sei, scheint mir absurd.
Ich weift allerdings, dafi seine Uniform und sein Marschieren nur die
selbstverstandliche Folge des faschistischen Katechismus sind, den
man in den Schulen lehrt und dessen wichtigste Credos lauten:
»Ich bin Italien, deine Herrin, dein Gott«; »Ich glaube an das Genie
Mussolinis«; »und an unseren heiligen Vater, den Faschismus, und an
die Kommunion der Martyrer«; »an die Bekehrung der Italiener und
an die Auferstehung des Imperiums - Amen.«
Ich weifi, daE dieser »Katechismus«, gegen den nur ein einziger Kleri-
ker im Lande des Papstes zu protestieren gewagt hat (der Bischof von
Brescia), nicht einmal das starkste der faschistischen Erziehungsmittel
ist, die in den Vorbereitungskursen fiir Kinder, den sogenannten »Ba-
984 DAS JOURNALISTISCHE WERK
lilla«, angewendet werden. Und dennoch wirkt jede offentKche De-
monstration von Minderjahrigen immer wieder iiberraschend. Und
jede Assentierung eines Kindes zu einer Manifestation ist immer wie-
der eine verbliiffende Lasterung des Kindes, wie jener Katechismus
ohne Zweifel eine Lasterung der Kirche ist (und die Varietedressur von
Elefanten eine Lasterung der Natur).
Auch die Kinder stiefien von Zeit zu Zeit mit hellen und angestrengten
Stimrnchen ein iiberzeugtes »Haaa!« aus. Und das war wirklich nieder-
schmetternd. Ich dachte an Kanarienvogel, die in der Gefangenschaft
geboren werden und von den Imitatoren der Vogelstimmen bestimmte
Melodien gelehrt werden. Wenn sie einmal durch Zufall in die Freiheit
geraten, wissen sie nicht mehr zu pfeifen. Die Geschichte erzahlt uns
nichts Genaues aus der Kindheit der Gracchen. Aber es ist anzuneh-
men, dafi sie im Alter von acht Jahren nicht »Haaa« und »AlaIa« ge-
schrien haben.
Frankfurter Zeitung, 4. 11. 1928
DIE ALLMACHTIGE POLIZEI
Nach zwei Tagen ist mir der romische Hotelportier unsympathisch.
Seine professionelle Freundlichkeit mischt sich mit jener schlecht ver-
hehlten Neugier, die den mittelmafiigen Spitzel verrat. Er ist nicht
dazu geboren, der Polizei Dienste zu leisten. Er ist - er sagt es selbst -
seit zwanzig Jahren im Hotelgewerbe, er war noch in einer Zeit Ho-
telportier, in der jeder Fremde in Italien nur ein Gast war, kein Gegen-
stand behordlicher Zweifel. Den Wandel des Regimes erkennt der
Fremde zuerst am Portier. Er nimmt bei der Begriiftung sofort den
Reisepafi ab. Ich gestehe, daft ich ein tiefes Mifttrauen gegen die Staaten
habe, in deren Hotels man den Pafi abliefern mufi. (Es gibt Reisende,
die das gleichgiiltig lafit.) Die ganze traditionelle Gastfreundschaft
eines Landes, das seit vielen Jahren vom Fremdenverkehr lebt und aller
Voraussicht nach noch viele Jahre ohne ihn nicht wird leben konnen,
wird mir verdachtig, wenn das Hotelpersonal behordliche Funktionen
auszuiiben beginnt und mir den Reisepaft, also meine Bewegungsfrei-
heit, auch nur fur einen halben Tag nimmt. Aber der Hotelportier tut
1928 9^5
noch mehr. Wenn ich ihn um Briefmarken bitte, nimmt er sich die Miihe,
die Namen meiner Adressaten zu lesen, und besorgt um meine Bequem-
lichkeit, verhindert er mich, den einen Schritt zum Briefkasten zu ma-
chen. Er halt darauf, selbst den Brief zu expedieren. Infolgedessen kom-
men sie um einen oder zwei Tage spater an, als sie sollen.
Er hat merkwurdige Freunde, der Hotelportier. Man trifft in seiner
Umgebung, ein paarmal im Tag, zwei, drei Manner, die bestimmt nicht
zu den Gasten des Hotels gehoren. Neugierige Manner, die sofort ein
beredtes Schweigen ankniipfen, wenn ich den Schllissel abgebe. Wahrend
ich mich entferne, fiihle ich ihre Blicke im Nacken. Manchmal treffe ich
im Kaffeehaus den Mann, den ich vor einer halben Stunde mit dem Portier
schweigen gehort habe. Wir kennen einander! Alala!
Ich weifi, es gibt Fremde, die uber dem Anblick der Ruinen den Spitzel
vergessen. Aber meine Empfindlichkeit, erfahren und geziichtet durch
einen Auf enthalt in Polizeistaaten - das heifit in Staaten mit einer furcht-
samen Polizei -, lafit sich durch keine antike Fremdenverkehrsattraktion
vom lebhaften Spitzelverkehr ablenken.
Wenn ich den Herrn besuche, an den mich mein Mailander Freund
empfohlen hat, betrachtet mich der Hausmeister genau. Dieser Herr, ein
Kaufmann, ein frommer Katholik, war eine Zeitlang der Polizei verdach-
tig gewesen. Wenn wir zusammen das Haus verlassen, griifk er lachelnd
und um zwei Grade zu hoflich den Portier, dem er zuweilen Trinkgelder
gibt. »Ein gefahrlicher Mann«, sagt mein Gastfreund. »Er kann mich
jeden Augenblick anzeigen.« »Weswegen?« »Kann man wissen?«
Man kann in der Tat nicht wissen, aus welchem Grund man dem Hausbe-
sorger, dem Vertrauten der Polizei, verdachtig wird. Der Burger lebt
unaufhorlich in der Angst, er konnte verdachtig werden. Das Gesetz
liefert ihn ganz der Willkiir der Polizei aus. Es ist notig, hier einen kurzen
Uberblick iiber die Ohnmacht des Burgers im heutigen Italien einzu-
schalten.
Nach den Mitteilungen Mussolinis (am 16. Mai 1927) gibt es im faschisti-
schen Italien: 60 000 Gendarmen, 15 000 PoHzisten, 5 000 Pohzisten in
Rom, 10 000 Mann der Eisenbahn-, der Post- und Telegraphen-Miliz.
Dazu kommen die Grenz-Miliz und 300 000 Mann der freiwilligen Fa-
schisten-Miliz »fiir die nationale Sicherheit«.
Allein schon die Existenz dieser Streitkrafte wiirde geniigen, die person-
liche Freiheit des italienischen Staatsbiirgers zu beschranken. Aber es
gibt die faschistischen Gesetze, die sie vollkommen aufheben.
986 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Der Italiener kann in seinem eigenen Lande nicht reisen, wenn er nicht die
vorgeschriebene Identitatskarte von der Polizeibehorde seines standigen
Aufenthaltsortes bekommen hat. Kein Hotel darf ihn beherbergen.
Nicht einmal in einem Spital findet er Aufnahme. Die Auswanderung ist
praktisch unmoglich. Die Behorden geben keine Passe fiirs Ausland.
Zwanzigtausend Lire und mindestens drei Jahre Gefangnis fur denjeni-
gen, der den Versuch macht, die Grenze ohne Pafi zu uberschreiten.
Ferner gibt es in Italien den Begriff des sogenannten »iibel beleumunde-
ten« Burgers. Ein Burger dieser Art hat keine personliche Freiheit mehr.
Die Polizei beziehungsweise die Gendarmerie iiberwachtihn standig. Sie
schreibt ihm genau die Zeiten vor, in denen er seine Wohnung verlassen
kann. Eine polizeiliche Kommission kann ihm einen Aufenthaltsort
zuweisen - in Italien oder in den Kolonien. Die Polizei allein bestimmt
tiber seinen Tag, seine Arbeit, seinen Schlaf, seinen Spaziergang, seine
Ruhe. Die Erklarung Mussolinis fur diese Art Mafinahme lautet: »Wir
entfernen diese Individuen aus dem normalen Getriebe, ebenso wie die
Arzte von ansteckenden Krankheken Befallene isolieren.«
Um bei dem Bild zu bleiben, das der Diktator selbst gebraucht: so sollte
man meinen, dafi die Isolierung der an Antifaschismus Erkrankten ge-
niigt und die Gesunden machen konnen, was sie wollen! Alala! Sie
konnen es nicht! Jede offentliche Veranstaltung - ob sie einen wissen-
schaftlichen, einen sportlichen, ja einen wobltdtigen Zweck hat - mufi
mindestens einen Monat vorher dem Polizeiprafekten mitgeteilt werden.
Er approbiert den Ort und die Stunde. Er kann die Veranstaltung verbie-
ten. Eine Kommission berat ihn in seiner Entschliefiung. Und wer gehort
zu dieser Kommission? - Der Sekretar der Faschistenvereinigung der
betreffenden Provinz und neben dem »Podesta« - der Kommandant der
Garnison. Professoren, Beamte, Hochschuler und Mittelschiiler diirfen
keine Vereinigungen bilden - auch nicht Vereinigungen zu wissenschaft-
lichen Zwecken. (Weder im zaristischen nochim gegenwartigen Rutland
gab es und gibt es diese Gesetze.) Nicht einmal eine Gedenkfeier darf
ohne die Erlaubnis der Polizei abgehalten werden. Die Polizei hat das
Recht, die Zeit und den Ort einer offentlichen Veranstaltung zu bestim-
men, Und es ist leicht, sich vorzustellen, dafi die Polizei doit, wo sie aus
bestimmten Griinden nicht verbieten will oder kann, sie die Zeit und den
Ort so festsetzt, dafi die Veranstaltung von vornherein unmoglich oder
wirkungslos bleibt.
Man wird begreifen, weshalb mein Gastfreund seinen Hausbesorger
1928 <)%J
fiirchtet. Der Hausbesorger ist durch die polizeiliche Praxis eine Art
Faktor der offentlichen Meinung geworden. Das Gesetz kennt Burger,
»denen die offentliche Meinung einen iiblen Ruf« anhangt, und die
Handlanger dieses Gesetzes konnen nicht in die Hauser kommen und
horchen und die Quellen des iiblen Leumunds gewissenhaft priifen.
Man verlafit sich auf Denunzianten. Seit Metternich sind die Hausmei-
ster die Augen und die Ohren der Polizei.
Der italienische Burger fiirchtet den Zeitungshandler an der Ecke, den
Zigarettenverkaufer und den Friseur, den Portier und den Bettler, den
Nachbarn in der Strafienbahn und den Schaffner. Und der Zigaretten-
handler, der Friseur, der Nachbar, der Fahrgast und der Schaffner
fiirchten sich untereinander. Als ich meinen Freund in einem Mailan-
der Kaffeehaus am Tag der Ankunft Nobiles, ohne eine ernste Ant-
wort zu erwarten und nur um seine diistere Schweigsamkeit zu unter-
brechen, fragte: »Was sagen Sie zu Nobile?«, antwortete er mir
prompt: »Ich kiimmere mich nicht um die Politik.« »Um den Nordpol
wollen Sie sagen? !« »Nein«, beharrte er, »um die Politik!« Und er ent-
faltete seine Zeitung und begann, sich in einen Bericht iiber die Mano-
ver zu vertiefen.
Indessen blattere ich in den »Gesammelten Reden« Mussolinis, und
mein Blick fallt auf die Satze: »Ihr miiftt uberzeugt sein, daE im faschi-
stischen Staat alle Minister und alle Staatssekretare nichts anderes sind
als Soldaten. Sie gehen, wohin ihnen der Chef zu gehen befiehlt, und
sie bleiben, wenn ich ihnen befehle zu bleiben.« Ich blicke auf und
begegne einem wohlbekannten Angesicht. Zwei Tische von mir ent-
fernt, eine flatternde rot-weift-gestreifte Krawatte an der Brust, einen
glatt pomadisierten Kopf lauschend vorgeneigt, ein diinnes Rohrstab-
chen neben sich auf dem Stuhl, eine Hand mit blitzenden, rosa gefarb-
ten Fingernageln iiber der Lehne, ein Lacheln der Feigheit - er halt es
fur verbindlich - um den Mund: sitzt der Freund meines Hotels. Er
hat gehort, daE wir uns in elner fremden Sprache unterhalten. Welch
ein wichtiges Moment! Fur zwei Lire fiinfzig teilt er es der Polizei mit.
Alala!
Frankfurter Zeitung, 11. 11. 1928
DIE GEWERKSCHAFT DER SCHREIBENDEN
Man weifi, auf welche Weise sich der Faschismus der italienischen
Presse bemachtigt hat. Es ist aber jedenfalls nicht unnotig, hier noch
einmal daran zu erinnern, dafi die grofien italienischen Blatter im Jahre
1923 ausnahmslos gegen die faschistische Illegalitat zu schreiben be-
gonnen hatten und dafi sie noch im Jahre 1924 und besonders nach der
Ermordung Mateottis Mussolini in einer sehr wirksamen Weise be-
kampften. Es ist kein Zweifel, dafi in jener Zeit die oppositionellen
Blatter die offentliche Meinung Italiens ausgedriickt und bestimmt ha-
ben. Die faschistische Presse war schlecht geschrieben, wirkungslos
»aufgemacht«, die tuchtigsten Publizisten schrieben in den oppositio-
nellen Blattern. Fiir diejenigen, die mit Mussolini - und ubrigens auch
mit den Sowjets - der Meinung sind, es gebe heutzutage eigentlich
keine wirklich »freie« Presse, alle oder die meisten Zeitungen in den
demokratischen Landern gehorten wirtschaftlichen Interessengruppen
und seien also nicht imstande, das Wohl der nationalen Offentlichkeit
unbestochen zu vertreten; alle, die mit Mussolini der Meinung sind,
bei der heutigen Abhangigkeit der Zeitungen vom Kapital seien allein
die behordlich geeichten Journalisten und die zur Kritiklosigkeit ver-
dammten Federn berufen, die offentliche Meinung zu vertreten; sie
alle brauchten nur an jene Tage zu denken, in denen es beinahe jener
verachteten »unfreien«, »kapitalistisch gebundenen« Presse gelungen
ware, gegen Mussolini einen wahren Volkssturm zu entfesseln, gegen
den der benihmte »Marsch auf Rom« 'ein Bleisoldatenspiel geblieben
ware. So viel Rebellion vermag immerhin noch eine Zeitung zu erzeu-
gen. Und ganz abgesehen davon, dafi es schliefilich auch Falle geben
kann, in denen ein kapitalistischer Zeitungsbesitzer kliiger ist als ein
Minister und ein Zensor und dem Wohl der Nation zutraglicher, ganz
abgesehen davon, dafi es auch mehr oder weniger vom Verlag unab-
hangige Redaktionen gibt, konnen selbst vom Verleger noch so pein-
lich uberwachte Journalisten eher eine eigene Meinung aufiern als von
Regierungen angestellte Schreiber, deren Gedanken schon faschistisch
vorzensuriert sind und die dem Zensor gegeniibertreten wie ihrem
eigenen Spiegelbild.
Der Faschismus sah sich genotigt, die einschrankenden Bestimmungen
gegen die freie Presse durch direkte und indirekte Einschuchterungen
1928 9^9
der Verleger zu unterstiitzen. Man tut dem Faschismus nicht unrecht,
wenn man ihm die vielen Straf- und Mahnexpeditionen gegen Drucke-
reien, Schreibtische, Fensterscheiben, Setzmaschinen vorhalt - nach-
zahlen kann man sie ihm nicht -; denn er riihmt sich selbst seiner
iiberlegten Gewalttaten. Die unaufhorlich bedrohten Verleger sehen
sich gezwungen, ihre Zeitungen zu verkaufen. Die Kaufer sind Stroh-
manner der Regierung, deren linke Hand wieder anbietet, was ihre
rechte genommen hat. Endlich gibt es keinen oppositionellen Verlag
mehr. Um aber fur alle Falle sicher zu sein, bestimmt der Faschismus,
dafi jeder Mitarbeiter von Zeitungen und Zeitschriften Mitglied der
journalistischen Gewerkschaft sein miisse, der faschistischen Gewerk-
schaft selbstverstandlich. Verboten ist die Aufnahme eines Journali-
sten, der eine »den Interessen der Nation zuwiderlaufende Tatigkeit
ausgeiibt« hat. Der Prdfekt hat Einflufi auf die Streichung eines Jour-
nalisten aus der Gewerkschaftsliste. Und es gibt eine »Presse-Kommis-
sion«, die aus zehn von der Regierung ernannten Mitgliedern besteht,
die dem Justizminister attachiert ist und die iiber die »nationale Eig-
nung« der Journalisten, ihre Aufnahme, ihren Ausschuft zu bestimmen
hat. Der Prafekt kann eine Zeitung (oder eine Zeitschrift) »ermahnen«,
verbieten, einstellen und den »Verantwortlichen« abs chaff en. Die
Eigentiimer und die Herausgeber periodischer Druckschriften sind
aufterdem gemeinsam fiir den Inhalt verantwortlich. Die Maschinen,
das Blei, das Papier konnen vom Staat immer konfisziert werden,
wenn die Eigentiimer nicht eine gewisse Kaution erlegen, deren Hohe
jedes Jahr neu bestimmt wird. Das heifit: Der Staat verfiigt iiber die
Druckereien, etwa wie das Gericht iiber die Kaution eines vorlaufig
entiassenen Untersuchungshaftlings. Nur mk einer besonderen poli-
zeilichen Erlaubnis kann man Texte, Zeichnungen, Photographien ver-
offentlichen. Und diese Erlaubnis ist nur je ein Jahr gultig.
Der also kontrollierte italienische Journalist ist kein Journalist mehr.
Er darf nicht nur nicht schreiben, was er will, er mufi theoretisch so
geartet sein, dafi er gar nicht in die Lage kommt, etwas Verbotenes
schreiben zu wollen. Als ein konsequenter Ja-Sager begleitet er die
Verordnungen, Verfiigungen, Entschlieflungen, Mafinahmen der Re-
gierung. Er ist nicht ein Kritiker, sondern ein Echo. Wie Mussolini ins
Land ruft, so schallt es aus dem italienischen Blatterwald wider. Dik-
taturen waren ja niemals gerade ein ideales Erziehungsmittel fiir Jour-
nalisten. Aber zwischen der Pressefeindschaft anderer Diktaturen und
990 DAS JOURNALISTISCHE WERK
der besonderen Auffassung, die die italienische Diktatur vom Wesen und
von den Aufgaben des Journalismus hat, ist doch ein fataler Unterschied.
Man konnte sagen (insofern derlei Kategorien angewendet werden dur-
fen); die offene Pressefeindschaft sei moralischer als diese Theorie, die
den Sinn der Presse iiberhaupt in einen ethisch aufgeputzten Unsinn
verwandelt. Freilich war nichts anderes zu erwarten. Denn da der Beruf
des Journalisten eine hochst individualistische Veranlagung voraussetzt
(oder zumindest ausbildet), kann er in einem faschistisch verwalteten
Staat iiberhaupt nicht ausgeubt werden. Es entwickelt sich eine neue
Spezies von Journalisten, Kommentatoren der Doktrin und der faschisti-
schen Handlungen; der langweilige Journalist. (Er existiert auch bei uns,
aber nicht als Ideal.)
Man schlage die italienischen Zeitungen auf ! Ihr Kennzeichen ist Lange-
weile. Der Faschismus riihmt sich, mit der Pornographie aufgeraumt zu
haben und mit den sensationslusternen Ubertreibungen . Er hat daf iir den
obligaten Qptimismus eingefuhrt. Und es gibt einen Grad von Optimis-
mus, eine Art von begeistertem, kritiklosen Ja-Sagen, eine bestimmte
Gattung von vaterlandischem Leierkasten, Marke: Evvivaf Was findet
der Leser in der italienischen Zeitung? Einen gesetzlich geschiitzten
Exhibitionismus der Gesinnung. Noch einen Bericht von einer edelmuti-
gen Geste des Diktators. Da hat er besichtigt, dort hat er ermuntert, hier
besucht und driiben einem Mann von der Strafie die Hand gedruckt,
einem einfachen Soldaten auf die Schulter geklopft, einem alten Mlitter-
chen auf die Beine geholfen. Alle kaiserlichen Anekdoten aus unseren
alten abgeschafften Schullesebuchern leben in den aktuellen Zeitungen
Italiens wieder auf. Was noch sonst? Sauber filtrierte Berichte aus dem
Ausland. Nachrichten iiber interne Streitigkeiten der faschistischen Par-
tei, personliche Hanseleien, anmutig versteckt, angedeutet und ausgelas-
sen, fur Kenner bestimmt und hochstens fur Fachieute des Faschismus
von Interesse. Inspirierte Artikel - wozu noch »inspirieren«, da alle
Journalisten ja schon von vornherein »beseelt« sein mussen ? -, aus denen
die beamteten Wahrsager den nachsten Kurs prophezeien diirfen, dem
Flug diktatorischer Gedanken nachspahend, wie einst die Vorganger
dem Flug der Vogel. Was noch sonst? - Wetterberichte! Was in unsern
»kapitalistischen Interessengruppen dienenden« Zeitungen so ziemlich
das Unsicherste ist: die meteorologischen Voraussagen, das ist in den
italienischen Zeitungen, die nur der staatlich erprobten Wahrheit dienen,
das Zuverlassigste.
1928 99 1
Entsprechend dem neuen Typ des »Ja-Schreibers« entwickelt sich in
Italien der neue Typus des »Nein-Lesers«. Denn noch mifkrauischer
als der Leser in demokratischen Landern ist selbstverstandlich der in
diktatorischen. Wahrend unser Leser dem Zuviel der Nachricht mifi-
traut, sucht der italienische hinter dem Zuwenig noch eine verborgene
Stelle. Er sucht »zwischen den 2eilen«. Das Zeitunglesen wird eine
sehr anstrengende Tatigkeit. Auf meine Frage an zeitunglesende
Freunde: »Was steht drin?« - kam fast regelmafiig die Ant wort: »Fra-
gen Sie lieber, was nicht drinsteht!« Es ist kein Wunder, wenn von den
sieben Millionen Italienern, die aufierhalb ihres Vaterlandes leben,
nicht weniger als 280 Zeitungen herausgegeben und gelesen werden.
Allein in Amerika werden 157 italienische Zeitungen gedruckt. Sind
wirklich nur die Emigranten die Leser und Abonnenten? - Nein! Die
im Ausland erscheinenden Zeitungen kommen auf tausend Schleich-
wegen, trotz aller Wachsamkeit der Zensur, in das fascbistische Italien.
Und obwohl schon auf das Verbrechen einer antifaschistischen Lek-
tiire Strafen stehen, werden antifaschistische Zeitungen daheim, im Fa-
milienkreis, in stillen Winkeln, in den Fabriken verstohlen wahrend
der Mittagspausen gelesen. Aber auch in Italien selbst werden geheime
Zeitungen gedruckt und verbreitet, obwohl erwischte Kolporteure de-
portiert und eingesperrt werden. Das ist die Folge der faschistischen
Zensur: Es gibt eine gefahrliche, unkontrollierte und unkontrollier-
bare Geheimpresse. Sie hat Redakteure, Leser, unterstiitzende
Freunde - und durchaus nicht immer proletarische. Es befinden sich
auch Fabrikanten unter den Geldgebern.
Ich kenne ein paar junge faschistische Journalisten. Sie sind so jung,
daft sie, als sie den Beruf wahlten, nur noch faschistische Blatter vor-
fanden. Es scheint mir, daft sie begabt sind. Aber sie haben kein Voka-
bular, trotz einem grofien Vorrat an positiven Adjektiven. Ich wurde
gefragt: »Was wiirden Sie schreiben, wenn Sie italienischer Journalist
waren?« interviews mit den Abonnenten und Lesern meiner Zei-
tung!« - erwiderte ich dem jungen Journalisten. Er verstand nicht, ich
hatte es auch nicht erwartet. Was ich von seiner Zeitung hielte? - Sie
ware ebenso wie die anderen! - Er zitierte mir einen englischen Jour-
nalisten, der ihm gesagt hatte, sein Blatt - das des italienischen Kolle-
gen - ware ausgezeichnet. - »Dann war entweder der Englander ein
schlechter Journalist, oder er hat gelogen«, sagte ich. - »WeshaIb ein
schlechter Journalist?« - Weil ein Berichters tatter, der eine zensurierte
9$2 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Presse gutheifie, kein guter Journalist sein konne. - Zensur sei doch
notwendig und moralisch? — Unmoglich, gegen einen so jugendli-
chen Alala-Optimismus aufzukommen! - Wenn sie moralisch sei,
brauche man die Zeitung ja nicht! sagte ich. Nein - meinte er, Zensur
und Zeitung erganzten einander! - So ungefahr diirfte die neue Gene-
ration der italienischen Journalisten aussehen. Es scheint, daft das ita-
lienische Pressegesetz zwar glaubige Schreiber erzeugen kann. Aber es
ist eine alte Erfahrung: je frommer der Berichterstatter, desto kriti-
scher ist der Leser. Und solange nicht nur das Schreiben, sondern auch
das Lesen nicht von einer Zugehorigkeit zu einer faschistischen Lese-
Gewerkschaft abhangig gemacht wird, kann die faschistische Presse
die wahre offentliche Meinung nicht reprasentieren . . .
Frankfurter Zeitung, 22. 12. 1928
GESCHENK AN MEINEN ONKEL
Mein Onkel Auerbach ist Kolonialwarenhandler. Sein Laden, dessen
schmale Tiir und dessen kleines Schaufenster die ratselhafte und bei-
nahe unheimliche Tiefe des Magazins nicht ahnen lassen, befindet sich
in einer der alten, schonen Gassen der inneren Stadt. Die Tiir hat noch
einen mechanischen Glockenzug, wahrscheiniich aus der Zeit des alten
Auerbach, des Vaters meines Onkels - und seit meiner Jugend ver-
binde ich mit dem Gedanken an meinen Onkel, seinen Laden, seine
Familie und selbst an seine alte Kochin den schmetternden und den-
noch sanften, sozusagen goldenen Alarm der Glocke an der Geschafts-
tiir. In meiner Jugend, als mir noch die Namen exotischer Inseln und
Stadte eine vage Vorstellung vermittelten und Begriffe einer Art ro-
mantischer Geographie waren, horte ich den beharrlichen, starken und
geheimnisvollen Klang der Glocke, wenn man die Namen ferner Ort-
schaften und Inseln aussprach, Jamaika, Honduras, Costa Rica, Suma-
tra, Borneo und Guatemala. Diese Namen kamen namlich im Laden
meines Onkels und in seinen Gesprachen fast immer vor. Sie bezeich-
neten bestimmte Sorten von Tee, Kaffee und Rum, standen gedruckt in
blauen, roten und goldenen Buchstaben auf den papiernen Binden
bauchiger, breiter und schlanker, eleganter Flaschen und auf den klei-
nen Wiirfelpackchen mit den kreuzformig gebundenen zarten rot-
weifi-griinen und schwarzgelben Schniirchen, deren Enden durch eine
einzige Bleiplombe zusammengehalten waren.
Mein Onkel ist ein sparsamer Mann. Ja, in Zeiten, in denen es mir sehr
schlechtging, war ich geneigt, ihn einen Geizigen zu nennen oder sogar
einen »Geizkragen«. Niemals bekam ich von ihm ein Packchen Scho-
koladepulver, als ich jung war, und spater niemals eine Flasche Rum.
Niemals kaufte er mir ein Buch - wie andere Onkel es manchmal zu
tun pflegen -, sondern er schenkte mir zu den iiblichen Gelegenheiten
alte und reizvolle, aber zerlesene Biicher mit schiitter gewordenen
Blattern, Biicher, mit denen kein Staat zu machen war und die ich nicht
herzeigen konnte.
Sie stammten aus seiner Jugend und aus seiner Bibliothek. Es waren,
wie ich erst heme weifi, schone Biicher, vergessene Titel, vergessene
Autoren, veraltete Reisebeschreibungen. Sie handelten von jenen wil-
den Volkern, deren Sonne heute in den Music-Hails ihre kupfer- und
994 DAS JOURNALISTISCHE WERK
bronzefarbene Mondanitat darbieten oder auf Kongressen unterdruck-
ter Minoritaten ihre nationalen Rechte verteidigen. Keineswegs aktu-
elle Bucher! Sie vermitteln mir falsche Begriffe von fernen Landern
und Volkern. Der Onkel Auerbach hatte die gleichen.
In seinem Zimmer, bei ihm zu Hause, habe ich nie andere Bucher gese-
hen. Er besafi nicht einmal die Werke der klassischen Autoren, die in
den biirgerlichen Hausern aller meiner Verwandten die wichtige Rolle
von Mobelgegenstanden spielen, von unberiihrbaren, leichtzerbrechli-
chen, zum kulturellen Komfort gehorenden. Der Onkel Auerbach las
nicht mehr, aber er kaufte auch keine Bucher mehr - seitdem er ange-
fangen hatte, mir eines seiner alten Werke nach dem andern zu schen-
ken. Er besafi noch viele, und ich wuchs schneller, als er gedacht hatte.
Bald fand ich mich in dem Alter, in dem man nach Auerbachs Meinung
keine Reisebiicher mehr zu lesen hat. Der Rest liegt bei ihm und wird
von den Kindern der kommenden Motoren- und Aviatiker-Genera-
tion wohl nicht mehr gelesen werden.
Der Onkel Auerbach liest prinzipiell nicht in Buchern. Er liebt nichts
»Belletristisches«. Ja, selbst wenn er die Zeitung in die Hand nimmt,
behutet er seinen Blick vor dem sogenannten »Feuilleton« - und der
traditionelle »Strich«, der es von der Politik trennt, bildet die Grenze
seiner Interessen und seiner Neugier. »Du schreibst jetzt in der Zei-
tung ?« fragte er mich einmal. »Ja«, sagte ich. »Wieviel Leitartikel
schreibst du in der Woche?« »Gar keinen.« »Du schreibst am Ende
unter dem Strich?« »Ja, manchmal.« »Dann werde ich die Tante fra-
gen, ob du einen guten Stil hast!« Und Schlufi! Nie mehr sprach er ein
Wort iiber meinen Beruf mit mir. Nur einmal, als eine Kritik uber
eines meiner Bucher durch einen Zufall in dem Blickfeld meines On-
kels uber dem Strich erschien, sagte er mir bitter: »Ich habe eine Be-
sprechung deines Romans gelesen. Man druckt jetzt dies in den Zei-
tungen!« -
Nie hat mein Onkel das Meer gesehen. Ich hielt ihn lange Zeit fur eine
prinzipiell kontinentale Natur. Aber einmal, in seinem Laden, fiinf
Minuten vor Geschaftsschluft - ich war eingetreten, um eine Flasche
Cognac zu kaufen -, sagte mein Onkel: »Das Personal verschwindet
heutzutage eine Stunde vor dem Chef! Und die Kunden kommen alle
vor Torschlufi!« Und er ging selbst eine alte Leiter hinauf und kam mit
zwei Flaschen zuriick. »M6chtest du nicht lieber eine Flasche Rum?«
fragte er. »Ich habe noch zufallig einen alten Jamaika - aber einen, wie
1928 995
du ihn nicht mehr bekommst. Man sagt sonst immer: Jamaika! Und
hat keine Ahnung! Jamaika! Es ist ein guter Rum!«
»- Und ein schoner Name!« sagte ich leichtfertig. Zu meiner grofiten
Verwunderung ging Auerbach darauf ein: »Ein schoner Name!« wie-
derholte er und ging in die Ecke und holte die Schlussel und schlofi die
Tiir ab. Dann verliefien wir den Laden durch die Flurtiir. »Beinah ware
ich nach Jamaika selbst gekommen!« sagte er, als wir in die Strafie
traten und in den Regen und mein Onkel den Schirm aufspannte. Und
wahrend wir durch den abendlichen Regen gingen, erzahlte Auerbach,
dafi er in seiner Jugend zur See hatte gehen wollen, um die Herkunfts-
orte all der Waren kennenzulernen, die im vaterlichen Laden aufgesta-
pelt lagen. Aber der Vater starb, ein Bruder wurde Rechtsanwalt, die
Mutter lebte noch und mufke erhalten werden. So verzichtete mein
Onkel auf das weite Meer und die Inseln. Ich erinnerte mich an die
Reisebeschreibungen, die er mir geschenkt hatte, erwahnte sie aber
nicht. Es wurde mir auf einmal klar, weshalb mein Onkel manchmal,
wenn er die Brille ablegte, einen so blauen Glanz in den kleinen Augen
erzeugte; weshalb ein Fernrohr, das nie benutzt wurde, auf seinem
Schreibtisch lag und ein kleiner Kompafi an seiner Uhrkette hing. Und
von nun an dachte ich beim Anblick seines schonen, weiften Backen-
barts an zwei Segel und auch an Mowen . . .
Jedes Jahr zu Weihnachten schenkte ich ihm eine Kleinigkeit: eine
uberflussige Dose, einen Aschenbecher, eine Fiillfeder, ein Notizbuch,
eine Brieftasche. Er gab mir immer ein winziges Musterflaschchen Al-
kohol, das ich in der Westentasche mitnehmen konnte. Seitdem ich
seine Geschichte kannte, brachte ich ihm einen Atlas, einen Kompaft,
ein kleines Stundenglas. Schliefilich kenne ich keine seemannischen
Gegenstande und Symbole mehr. Ich bin entschlossen, ihm in diesem
Jahr Bucket zu schenken - und weil es einen Wagemut bedeutet, ihm
ein Interesse an »Belletristik« zuzumuten, will ich ihm folgendes sa-
gen:
»Lieber Onkel, ich weifi, dafi Sie keine Bucher lesen. Trotzdem gebe
ich Ihnen einige. Ein Mann hat sie geschrieben namens Joseph Conrad.
Er war ein Pole von Geburt. Er wurde im tiefsten Kontinent geboren,
namlich in Wollynien, zwischen dem funfundzwanzigsten und dem
dreifiigsten Langengrad ostlich von Greenwich, und seine Mutterspra-
che war die polnische, die zu den kontinentalsten Sprachen der Welt
gehort. Aber er ging mit i6Jahren nach Marseille, bestieg ein Schiff,
996 DAS JOURNALISTISCHE WERK
wurde ein Matrose und fuhr durch die Meere und wurde einer der
grofiten Meister der ozeanischen Sprachen: der englischen. Und dies
sind seine Biicher. Sie sind bewegt wie das Meer und ruhig wie das
Meer und tief wie das Meer. Sie sind nicht mehr jung, lieber Onkel. Sie
werden den Ozean nicht mehr kennenlernen, die Schiffskarten sind zu
teuer. Lesen Sie den Ozean!« -
Und Auerbach wird zum Kasten gehen und mir ein winziges Flasch-
chen Cognac fur die Westentasche schenken. -
Frankfurter Zeitung, 18. 11. 1928
WER 1ST GINSTER?
Ginster tritt gleichzeitig mit dem Krieg in Erscheinung. Bis zum Aus-
bruch des Krieges war er schon vorhanden gewesen, aber noch nicht
vollkommen Ginster. Seit seiner Geburt bis zu der des Krieges berei-
tete er sich auf das ginsterliche Dasein vor, zu dem ihn seine Anlagen
bestimmten: eine gewisse Furchtsamkeit und eine Schlauheit, die den
Lebenskampf mit der Waffe der Nachgiebigkeit fiihrt; ferner eine stete
stille Verwunderung iiber die Zustande, die das normale Leben ausma-
chen. Aber erst der Krieg, die Vollendung der Normalitat, in der sich
die Welt schon seit Jahrzehnten befunden hat, vollendete auch die Ent-
wicklung Ginsters oder lafk uns seine vollendete Entwicklung erken-
nen. Da steht er nun plotzlich, klein, furchtsam, verlassen (also ein
Mensch) dem grofien, mutigen, von alien unterstiitzten Krieg gegen-
uber! Ein Mensch gegen ein Ungeheuer.
Es ereignet sich, dafi alle den Krieg menschlich finden, nicht ungeheu-
erlich. Und unmenschlich fanden sie nur Ginster, wenn er mutig genug
ware, zu gestehen, wie merkwurdig ihm der Krieg vorkommt. (Merk-
wiirdig! - Furchtbar auch, aber in der Hauptsache merkwurdig.) Nur
gibt sich Ginster nicht zu erkennen. Und alle Welt glaubt, dafi Ginster
wie alle Welt im Krieg heimisch ist. Er hat schon immer eine Art harm-
loser, unbekummerter und sogar heiterer Ubereinstimmung zwischen
der ratselhaften Normalitat der Welt und seiner eigenen Veranlagung,
sich iiber das Selbstverstandliche unaufhorlich zu wundern, vorge-
tauscht. Freilich gelingt ihm die Tauschung nicht vollkommen. Es
1928 997
bleibt immer eine verdachtige Distanz zwischen der Fahigkeit der an-
dern, ein Volk zu sein, unter die Soldaten zu wollen, das Vaterland zu
lieben, Salutieriibungen zu machen, und Ginsters gespielter Bereitwil-
ligkeit, die unverstandlichen Funktionen aller mitzumachen - mitzu-
machen, als ware er gar kein Ginster! Es gibt ohne Zweifel eine Art
Klasseninstinkt der Normalen gegen die Ginsters. Solange die Norma-
litat durch einen friedlichen Zustand zwischen den Staaten in ihrer
Entwicklung gehemmt ist, kann ein Ginster noch seine feigen Vertu-
schungs- und Verstellungskunste ungestraft ausiiben! Wehe dem Gin-
ster aber, der in einen Krieg gerat, das heifit: in einen Zustand, in dem
alle Funktionen der normalen Menschen ihre hochste Vollendung er-
reichen. Die kleine Zeit wird eine grofie. Das Volk greift zu den Waf-
fen. Das Vaterland gerat plotzlich in die Lage, in Gefahr zu sein. Der
»Mann«, schon als »Mann« eine Gattung, die Ginster feindlich-unver-
standlich ist, wird ein »Held« (das heifk: das Dreifache von einem
Mann) und verdreifacht demzufolge seine unverstandliche Feindlich-
keit gegen Ginster. Wehe, Ginster, wehe!
Ginster im Krieg, das ist: Chaplin im Warenhaus. Uber die rollende
Treppe, die alien andern zur Hinaufbeforderung dient, stolpert Chap-
lin sechzehnmal. Wo alle anderen einkaufen, wird er von Rayons-
Chefs verfolgt. Wo alle andern regelrecht und bieder zahlen, gerat er in
den Verdacht, ein Dieb zu sein. Gegeniiber den Warenhausern, den
Kriegen, der Konfektion, den Vaterlandern sind Chaplin ebenso wie
Ginster ratios und feig, merkwiirdig und unbeholfen, lacherlich und
tragikomisch. Wir haben endlich den literarischen Chaplin. Das ist
»Ginster« (anonym erschienen bei S.Fischer, Berlin. 359 Seiten. Geb.
M 7). Anonym: das heifk in diesem Fall: enthullend, aufrichtig - nicht
verbergend! Anonym! . . . Es gibt keinen Autorennamen unter einem
Buch wie »Ginster«. Ein Ginster beschreibt sich selbst, ebenso wie
Chaplin sich selbst spielt und keinen Regisseur hat und keinen Verfas-
ser eines Filmmanuskripts. »Chaplin im Warenhaus« - » Ginster im
Krieg«.
In den Kriegsbuchern, die bis jetzt in deutscher Sprache erschienen
sind, ist der Krieg immer etwas »Aufiergewohnliches«. Zum ersten
Male, in »Ginster« ist er etwas ungeheuerlich Gewohnliches! Aufierge-
wohnlich ist nur Ginster. Der Krieg aber ist die Fortsetzung des Frie-
dens. Nichts anderes! Das hebt dieses Buch aus der Reihe aller Kriegs-
biicher! Der Krieg ist nicht der Gegensatz zum Frieden, sondern eine
998 DAS JOURNALISTISCHE WERK
natiirliche Folge jenes Friedens, den wir gelebt haben und in dem wir
immer noch leben - ebenso wie die irrsinnige Lauftreppe eine selbst-
verstandliche Folge des »Warenhauses« ist. 2um ersten Male in der
deutschen »Kriegsliteratur« wird der »Driickeberger« geschildert. Bis
jetzt war es immer der Mann, der freiwillig (oder halbfreiwillig oder
unfreiwillig) in den Schiitzengraben gekommen ist. Zum ersten Male
wagt Ginster, uberhaupt nicbt in den Schiitzengraben kommen zu wol-
len. Er »schalt Kartoffeln gegen den Feind«. Es ist die einzige konse-
quente Haltung eines Kriegsgegners a la Ginster. Ginster ist namlich
auch ein »Friedens«gegner. Ginster allein ist der Feind jener menschli-
chen Gesellschaft, die »Vaterlander« kennt, also auch den »Krieg«.
Denn ebenso wie die verriickte Lauftreppe eine selbstverstandliche In-
stitution des Warenhauses und der Konfektion ist, wird im »Ginster«
der Krieg eine selbstverstandliche Institution eines Friedens, der Va-
terlander kennt.
Die Sprache, in der Ginster erzahlt, ist selbstverstandlich Ginsters
Sprache. Also keine »normale«. Sie ist nicht die Sprache jener Norma-
litat, die den Krieg erzeugt hat. Sie ist die Muttersprache der Ginsters.
Es ist die Sprache, in der allein der unaufhorliche Kampf der Ginsters
gegen die normalen Gesetze und Einrichtungen dieser Welt geschildert
werden kann. Und ebenso wie Chaplins Stolpern iiber eine Lauftreppe
nur ein ganz bestimmtes Stolpern Chaplins sein kann, ist Ginsters
Ausdruck ein ganz besonders Ginsterlicher. Nur Ginster kommen
diese Assoziationen. Ein General zum Beispiel kann sie nicht verste-
hen. Hier, zum ersten Male, bleibt ein General - also die hochste
Charge unter den normalen Zeitgenossen - verstandnislos. Und
ebenso wie ein uberzeugter Warenhausbesitzer nicht begreifen kann,
wieso man iiber eine bequeme Lauftreppe stolpert, konnte zum Bei-
spiel ein uberzeugter General nicht verstehen, wie merkwiirdig Gin-
ster sich vor dem Frontdienst driickt. Der uberzeugte Warenhausbesit-
zer lacht nicht bei »Chaplin im Warenhaus«. Der uberzeugte General
lacht nicht, wenn er »Ginster« liest.
Und nicht nur der General lacht nicht. Weder lachen die »Normalen«,
die den Krieg lieben, noch die »Normalen«, die sich gegen den Krieg
emporen mogen. Weder die »Generale« noch die »Pazifisten« werden
dieses Buch verstehen. Wer wird es? - Die grofie Masse der Einfachen
und die ganz geringe Zahl der Denkenden. Das ist kein Buch fur die
1928 999
biirgerliche Gesellschaft der Verbildeten, die beinahe den Grad der
»Generalsnormalitat« erreichen - ob sie Kriegsfreunde oder -gegner
sind. Das ist ein Buch fur einfache Menschen, ganz einfache, das heifit:
humane Menschen - die alle nicht »normal« sind, sondern alle wie
Ginster: klein, furchtsam und verlassen. Und die immer von irgend
etwas Unmenschlichem bedroht sind: vom Krieg, von der »Bildung«,
von der »Kultur«, vom »Wiederaufbau«. Das Buch fur ganz einfache
Menschen.
Frankfurter Zeitung, 25. 11. 1928
ERNST WEISS: »BOETIUS VON ORLAMUNDE«
Boetius von Orlamiinde ist der junge Nachkomme eines alten, sehr
vornehmen Geschlechts. Seine Eltern sind verarmt. Er kommt in ein
adeliges Erziehungsheim. Ein altes, hochgezuchtetes Blut in einem
jungen Korper. Ein wissendes Gehirn in einem knabenhaften Schadel.
Scharfsichtige Augen, hellhorige Ohren, eine Art furchtsamer No-
blesse, die Feigheit des wirklichen Aristokraten. Es wird (neben an-
derm) in diesem Roman ersichtlich, wie der wirkliche Mut entsteht:
durch eine intelligente Umkehrung der Furchtsamkeit; durch eine
harte, standige Selbstbeobachtung und eine hartnackige Analyse der
Feigheit.
Wen furchtet der junge Orlamiinde? - Den Tod. Er schreibt ihn ein-
mal, zweimal aus. Dann kann er es nicht mehr. Er gibt ihm ein Zei-
chen: das grofie T Verkiimmert und dennoch machtig steht es zwi-
schen den Worten vom Leben. Fast ein Kreuz. Drei Viertel von einem
Kreuz. Es wirft einen Schatten liber alles Lebendige. Und es zeugt
gleichzeitig den Mut, die Quelle der Uberwindung des Todes. Der
junge Boetius laEt den Tod - symbolisch und wirklich - nicht ganz
werden. Er halt den Tod in der Beschranktheit eines groften T. Er weift
noch nicht, der Junge, dafi er bald einen viel harteren Kampf auszu-
fechten haben wird: den gegen das Leben - gewissermafien gegen das
grofte L . . .
Dieser Kampf beginnt im letzten, im dritten Teil des Buches. Die An-
stalt verbrennt, der junge Orlamiinde wird heimatlos. Er kann nicht zu
1000 DAS JOURNALISTISCHE WERK
seinen armen Eltern. Er kann nur einen Beruf suchen - und zwar nicht
einen von jenen Berufen, die man »ergreift«, sondern einen von jenen
Beruf en, von denen man ergriffen wird. Ich weifi nicht, ob der Autor
es beabsichtigt hat: die Verwandtschaft, die naturliche, selbstverstand-
liche Verwandtschaft zu zeigen, die zwischen dem wirklichen Aristo-
kraten und dem wirklichen Proletarier besteht. (Das Gegenteil von
beiden ist der Burger.) Der adelige Orlamiinde sucht keinen »prakti-
schen Beruf «. Er geht in eine Fabrik und wird Arbeiter. Also aufierst
unpraktisch. Das einzige, was ein Adeliger ohne Mittel werden kann.
Das Buch schliefit - wie alle guten Biicher von heute - nicht mit einem
Ende, sondern mit einem Anfang. Es setzt sich fort, wie das Leben, das
grofie L. Es schliefit knapp vor dem Krieg. Es ist zu erwarten, dafi
Boetius in den Krieg ziehen wird, aus der Fabrik in den Krieg. Viel-
leicht beabsichtigt der Autor eine Fortsetzung.
Man kennt die klare, gewissenhafte, reiche und genaue Sprache von
Ernst Weifi. In diesem Buch ist sie auch noch behutsam und bedachtig,
an manchen Stellen verhalten, schamhaft fast, schon, stark und schiich-
tern, wie der junge Boetius selbst, der sie schreibt.
Frankfurter Zeitung, 23. 12. 1928
WEIHNACHTEN MODERNER JUNGGESELLEN
Vor einem halben Jahr noch war diese Bar nicht vorhanden. Damit sie
entstehe, bedurfte es eines modernen Architekten mit einem sadisti-
schen Zug, einer jener Manner, denen es vollkommen gleichgiiltig ist,
ob sie ein Mausoleum, eine elektrische Hinrichtungsstatte, ein Waren-
haus oder ein Nachtlokal bauen sollen, ein Maschinenhaus oder eine
Gartenlaube, einen Musiksalon oder ein Badezimmer. Ein gewisser sa-
kraler Komfort verbindet sich mit einer grausamen Niichternheit, und
das Zweckmafiige ist bis zu einem so vollendeten Grade vorausbe-
dacht, dafi es bereits die Wirkung des Schaurigen auszuiiben beginnt.
Es gibt in manchen Warenhausern stahlblau beleuchtete Fahrstuhle, in
die man nicht ohne eine starke Erschiitterung einsteigt und in denen
man der Tauschung verfallt, dafi sie, die sich so bemuhen, das Meta-
physische nicht in Betracht kommen zu lassen, dennoch in eine Art
1928 IOOI
Himmei aus Violett, Chromsilber, Magnetstahl und Gift emporfiih-
ren.
Diese Bar erinnert an eine kahle Gruft unter einer Kapelle. Das hangt
vielleicht mit dem sarkophagformigen Bartisch zusammen, der ein
massives, dunkelbraunes Halbrund bildet, mit einer Platte aus einem
neuerfundenen schimmernden Metall. Es ist ein Metall, das sich dem
Glas nahert und gleichzeitig dem Marmor - und ich zweifle sehr, ob es
mir moglich sein wird, es deutlich zu beschreiben. Zwar hat man die
Empfindung, dafi es eher elastisch sein konnte als poros. Aber seine
Oberflache ist schliipfrig, eisig etwa, und man konnte sich vorstellen,
dafi es, bis zu einer Durchsichtigkeit gewalzt, eine Fensterscheibe zu
ersetzen imstande ware. Es glanzt stahlern und schimmert glasig und
ist dennoch kudos. Und das Wunderbarste: ein Glas, auf dieses Metall
heftig gestellt, gibt gar keinen Klang, es ist, als stelle man Gummi auf
Gummi! Und diese Lautlosigkeit vervollstandigt den Gruftcharakter
der Bar - und weil ein unhorbarer, polierter, gutgeolter Betrieb ohne
viele und ohne laute Worte auskommt, Glaser nicht klirren konnen,
Ttiren automatisch schliefien, die neuen Wasserhahne nicht rinnen, die
Bargetranke, als waren sie fliissiges Linoleum, ohne einen gurgelnden
Laut aus den Flaschen in die Glaser schliipfen: ist der Eindruck des
Toten, Erstarrten, Schattenlosen in dieser modernen Bar vollkommen.
Selbstverstandlkh kommen die Gaste um Mitternacht. Sie kommen so
unhorbar, dafi sie auftauchen, erscheinen, herbeigezaubert werden. Es
sind lauter moderne Gaste. Sie haben strenge und markante Gesichter,
theoretisch konnte jeder von ihnen, obwohl er nur sein Automobil
hierhergesteuert hat, soeben den Ozean uberquert haben, mittels eines
Aeroplans; Rekordbrecher, einer wie der andere, Kopfe wie Lederhau-
ben, Augen wie Autobrillen, Stoppuhren in der Brust, Tempo im Leib.
Sie setzen sich, sagen gar nichts - und schon stehen Becher auf ihren
Tischen, Mentholfliissigkeiten fiir die Zahnpflege, hygienischer Alko-
hol, angelsachsische Rauschmittel fiir Ozeanflieger. Sie reden gar
nichts. Hochstens sagt einer zum anderen: »Haben Sie schon --?«
Und der andere erganzt: »gelesen«. Es ist Mitternacht, alle Zeitungen
von morgen sind schon erschienen, morgen kann hochstens ubermor-
gen sein.
Merkwiirdig ist nur, dafi plotzlich ein Klavier ertont. Ein Mann aus
einem vergangenen Jahrhundert, er erinnert an einen Walzer, keine
Spur von Lederhaube oder Aeroplan, nur Leierkasten und Harfe, ver-
1002 DAS JOURNALISTISCHE WERK
korperte Drehbewegung, ein erstarrter Schnorkel, viele schwarze
Haare, Falten im Gesicht; dieser Mann beginnt zu smgen. Dafi er aus
Wien stammt, dafi ein nationaler Anschlufiwille ihn hierhergetrieben
hat: Wer kann es bezweifeln? Schon singt er das »Fiakerlied«, Schon
den »Schonbrunner Park«. Schon »Wien, nur du allein«. Und schon
ergliiht auf dem Klavier ein bengalischer Weihnachtsbaum, hergeholt
aus einem Wald von Pappe, ausgesagt aus einer Theaterdekorauon (die
man jetzt nicht mehr braucht), ein Baum aus Karton, mit Nadeln aus
Filz, mit Sternen aus Gluhlampen. Auf der Baumspitze steckt eine Ta-
fel: Hier konnen Junggesellen Weihnachten feiern.
Schon feiern sie: wehmiitig geworden, der Baum riihrt an ihr Inner-
stes, dort, wo die Stoppuhr eingebaut ist, vergessen den Ozeanflug,
Marzipan herrscht vor, man war einmal ein Kind, bevor man ein Ge-
spenst geworden, die Zeit war einmal eine Zeit, nicht immer ein
Tempo. Wenn Gespenster Tranen hatten, wiirden sie weinen. So aber
schweigen sie. Leise nur sagt einer zum anderen : »Haben Sie
schon — ?«
Und der andere antwortet: »morgen gelesen!«
Frankfurter Zeitung, 25. 12. 1928
ANHANG
Editorische Anmerkungen
Vgl. die grundlegenden Anmerkungen in Band i . In folgenden Zeitungen sind
Artikel Roths enthalten, die er mehrfach veroffentlichte oder nur leicht veran-
dert zu einer Zweit- oder Drittpublikation verkaufte:
AUAB Acht-Uhr-Abendblatt, Berlin
BBC Berliner Borsen-Courier
FZ Frankfurter Zeitung
LL Lachen links, Berlin
NAUB Neues 8-Uhr-Blatt, Wien
NBZ Neue Berliner Zeitung - 12-Ubr-Blatt
NWTB Neues Wiener Tagblatt
PT Prager Tagblatt
PTZ Pariser Tageszeitung
ST Die Stunde, Wien
T Der Tag, Wien
V Vorwarts
WT Wiener Tag
Die sanierte Stadt, PT 6. 1. 1924 - NWTB 3. 1. 1924
Die Mannweiber der Sittlichkeit, NBZ 3. 1. 1924 - vgl. PT 4. 1. 1924
Lobgedicht auf den Sport, LL 25. 1. 1924 - »Lob-Gedicht auf den Sport«, V
25. 1. 1924
Interview obne Worte, FZ 16. 2. 1924 - NAUB 28. 2. 1924
Der Bizeps auf dem Katheder, FZ 18. 2. 1922 - PT 24. 2. 1924; die Schluftsatze
der Erstfassung (NAUB 16. 2. 1924) sind hier gestrichen: »Hier kam der Borus-
siageist wieder, der aus Berufsgriinden den Alkohol meidet und die Faust statt
des Schlagers schwingt. Glaubige erwarten Breitenstraters ordentliche Profes-
sur fur Boxkunst an der Berliner Universitat, wo er des Rektors Roethe ab-
strakten Nationalismus durch effektvolle Kinnstofte unterstixtzen und demon-
strieren soil. Breitenstrater wiirde in dem - prophetisch so genannten - >Deut-
schen Hochschulring< endlich die Runden gewinnen, die er verdient.«
Der tapfere Dichter, V 20. 4. 1924 - PT 22. 2. 1924
Der Kampf urn die Meisterscbaft, FZ 3. 3. 1924 - PT 4. 3. 1924
Der »Refrdng<( im Nachtleben, PT 5.3. 1924 - FZ 7.3. 1924; vgl. »Der >Re-
frang<«, NBZ 8. 3. 1924; »Der Berliner >Refrang<«, NAUB 17. 3. 1924
Rose Gentschow, PT 10. 4. 1924 - FZ 16. 4. 1924
Zwei junge Zigeunerinnen, FZ 12. 5. 1924 - »Die Zigeunerinnen«, NBZ 19. 5.
1924
1004 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Der merkantile Super lativ, FZ n. 6. 1924 - Vorfassung »Der Superlativismus«,
AUAB 26. 2. 1923
Besuch im Ratbenau-Museum, FZ 24. 6. 1924 - »Im Rathenau-Museum«, NBZ
2.7. 1924
Der Reisende in Kaffee erzablt, FZ 7 7. 1924 - NBZ 29. 7. 1924
Der Kolporteur, FZ 11. 7. 1924 - NBZ 17. 7. 1924
D#5 ^4m£j PT 20. 7, 1924 - D 22. 7. 1924
DerFurst des Weltalls, FZ 23. 7. 1924 - PT 17. 7. 1924
D/e sterbenden Tdnzer, FZ 3. 8. 1924 - NBZ 5.8. 1924
Der sebr elegante Reisende, FZ 8. 8. 1924 - NBZ 13. 8. 1924
Pietdt mit Handgranate, FZ 8. 9. 1924 - NBZ 11. 9. 1924, PT 13. 9. 1924
Volksbubne, V 26.9. 1924 - gekiirzt als »Berliner Theater«, PT 7. 10. 1924
Die unwirklicbe Kulisse, FZ 18. 10. 1924 - NBZ 23. 10. 1924
Reise durch Galizien: Leute und Gegend, FZ 20. 11. 1924 - PT 27. 11. 1924
Lemberg, die Stadt, FZ 22. 11. 1924 - PT 7. 12. 1924
Das XI L Berliner Secbstagerennen, FZ 20. 1. 1925 - vgl. »Sechstage-Rennen«,
PT 24. 2. 1922 und die Anmerkungen
Funf-Ubr-Tee mit Hexametern, FZ 10. 2. 1925 - PT 25. 2. 1925
Der Herr am dem Publikum, FZ 10. 3. 1929 - NBZ 12. 3. 1925
Die »Girls«, FZ 28.4. 1925 -vgl. Die »Girls« (II): Thema: Revue-Girls
Marseille, FZ 15. 10. 1925 - erster Teil als »Hafen von Marseilles PT 20. 12.
1925
Bekehrung eines Sunders im Berliner Ufa-Palast, FZ 19. 11. 1925 - leicht ge-
kiirzt »Bekehrung im Kino«, WT 14. 11. 1937
Das aufgedeckte Grab, FZ 31. 12. 1925 - NBZ 5. 1. 1926
Finer liest Zeitung, FZ 10. 1. 1926 (hiermit dem Zusatz »B. R.[- Benno Reifen-
berg] gewidmet«) - »Der Zeitungsleser«, NBZ 15. 1. 1926
Hepbata, Stdtte der Menschlicbkeit, FZ 18. 2. 1926 - gekiirzt PT 26. 2. 1926,
NBZ 11. 3. 1926
Rbeiniscber Karnevalsbericbt, FZ 19. 2. 1926 - »Die Nacht am Rhein«, NBZ
22. 2. 1926
Trubsal einer Strafienbabn im Rubrgebiet, FZ 9.3. 1926 - »Straftenbahn im
Ruhrgebiet«, NBZ 25. 3. 1926
Bericbt aus dem Pariser Paradies, FZ 10.4. 1926 - PT 21.4. 1926, NBZ 23.4.
1926, als »Pariser Paradies «, WT 26. 9. 1937, PTZ 8. 10. 1937
Das nacbgemacbte Ceylon, FZ 4. 5. 1926 - NBZ 8.5. 1926, erster Satz verallge-
meinert im WT 10. 10. 1937
»Romantik« des Reisens, FZ 6.6, 1926 - PT 9. 8. 1930
20 Minuten vor dem Krieg, 11. 6. 1926 - PT 20. 6. 1926
Reise mit einer schonen Frau, FZ 19. 9. 1926 - NBZ 1. 10. 1926
Die Grenze Niegoreloje, 21. 9. 1926 - PT 6. 10. 1926
ANHANG IOO5
Aufder Wolga bis Astracban, FZ 5. 10. 1926 - vgl. »Wolga-Stadte und Burlaki«,
PT 10. 10. 1926
Der auferstandene Bourgeois, FZ 19. 10. 1926 - PT 24. 10. 1926
Die Frau, die neue Gescblecbtsmoral und die Prostitution, FZ 1. 12. 1926 -
>Holzarbeiterzeitung< 8. 1. 1927
Die russische Frau von beute, FZ 19. 12. 1926 - vgl. »Die Frau in Rutland «,
NWTB 12. 12. 1926
Offentlicbe Meinung, Zeitungen, Zensur, FZ 28. 12. 1926 - vgl. »Offentliche
Meinung in Rufiland«, PT 29. 1. 1927
Die Schule und die Jugend, FZ 18./ 19. 1. 1927 - vgl. gekiirzt »Schule und Ju-
gend in Rufiland«, PT 22. 1. 1927
Russiscbes Tbeater: Im Parkett, FZ 5.2. 1927 - »Im russischen Parkett«, PT
12.2. 1927
Knotenpunkt am Morgen, FZ 24. 6. 1927 - PT 3. 7. 1927
Die Zivilisierten im Barbarenland, FZ 7. 7. 1927 - PT 10. 7. 1927
Sentimentale Reportage, FZ 14.9. 1927 - PT 30.9. 1927, »Keine Spur von
einem Fox! . . . Sentimentale Reportages ST 5. 1. 1937
Das Werk, FZ 28. 1. 1928 - gekiirzt PT 1. 2. 1928
Gedicht von Wandkalendern, FZ 19. 2. 1928 - »Wandkalender«, WT 1. 1. 1938
Seine k. und k. Apostoliscbe Majestdt, FZ 6. 3. 1928 - PT 11. 3. 1928, >Der Deut-
sche in Polen<, 23.7. 1939
Little Titcb, FZ 2. 5. 1928 - WT 8. 8. 1937
Die zweite Liebe, FZ 29. 7. 1928 - PT 5. 8. 1928
Weitere Anmerkungen zu einzelnen Texten oder Textgruppen:
Wie man eine Revolution feiert, Juli 1925 - zu Roths Lebzeiten unveroffent-
lichtes Manuskript, fur die frankfurter Zeitung< geschrieben, als Brief an
Benno Reifenberg abgedruckt in: Joseph Roth, Brief e 1911-1939. Hrsg. u. d.
eingel. von Hermann Kesten. Koln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1970
Die weifien Stddte, wohl im Anschlufi an die Frankreichreise entstanden, abge-
druckt nach dem Text der Werkausgabe 1975/76, der einem von Roth hand-
schriftlich korrigierten, undatierten Typoskript folgte. Es stammt aus dem sog.
Berliner Nachlaft Roths und wurde von Fried em ann Berger, dam als Kiepen-
heuer Verlag, Weimar, zur Verfiigung gestellt. Drei Abschnitte der Einleitung
sind unter dem Titel »Hinterm Zaun« abgedruckt in: Joseph Roth, Perlefter.
Fragmente und Feuilletons aus dem Berliner Nachlaft. Herausgegeben von
Friedemann Berger. Leipzig/ Wei mar, 2. Auflage 1981
Reise in Rufiland, so der Titel der Serie fur die Folgen II bis V, VII bis Schlufi.
1006 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Anders fur die Folgen I und II (Reise nach Rutland) und VI (Russische Reise).
Hier im Anschlufi an die Serie abgedruckt: »Die russische Frau von heute«,
»Russisches Theater: Im Parkett« und »Der liebe Gott in Rufiland«, beide An-
fang 1927 in der frankfurter 2eitung< erschienen. Dazu auch »Das Moskauer
Jiidische Theater«, Roths Beitrag fur: Das Moskauer jiidische akademische
Theater. Berlin: Die Schmiede 1928, S.9-16. Auflerdem »Das heilige Petro-
leum«, im Oktober 1926 fur die Serie geschrieben; gesetzt - ein Fahnenabzug ist
im NachlafS im Leo Baeck Institute, New York-, aber nicht veroffentlicht. Zum
Abschlufi der Rufiland-Texte der Vortragsentwurf »Uber die Verbiirgerlichung
der russischen Revolution^ ebenfalls aus dem New Yorker Nachlafi.
Juden auf Wanderschafi, Berlin: Die Schmiede 1927 (Berichte aus der Wirklich-
keit, Band 4.). »Ein Jude geht nach Amerika« zuerst FZ 13. 3. 1927; »Die Lage
der Juden in SowjetruftIand« zuerst FZ 9. 11. 1926 (Folge IX der Rutland-
Reportagen). Erganzt mit Nachwort und Vorrede von 1937 fiir eine mit dem
Wiener Verlag Lowit vereinbarte aktualisierte und erweiterte Neuausgabe. Text-
vorlage: Manuskripte aus dem Nachlaft im Leo Baeck Institute, New York.
B lumen und Friickte, FZ 19. 9. 1927 = zweiter Teil des Artikels »Zwei Ausstel-
lungen der Frankfurter Messe«. Der erste Teil stammt von Benno Reifenberg
und tragt den Titel »Der Herr vom Morgen bis zum Abend«.
Briefe aus Deutscbland von Cuneus, FZ Ende 1927/Anfang 1928. Erstmals
mufke sich Roth mit einem kritischen Leserbrief auseinandersetzen. Der Vor-
wurf : »Er [Roth] fuhr von Lothringen ins Saargebiet, ein ausgezeichnetes Feuil-
leton von sieben Spalten ist daraus entstanden; aber alle sieben weisen den grafili-
chen algebraischen Leichtsinn nicht auf, der schon in der fiinften Zeile steht. Da
kommt er nach Mitteleuropa, die Uhr ist vorgeschoben, >und die Zeiger so vieler
Uhren, Milliarden Zeiger, konnen die Dammerung verdichten<. Das las ich kurz
vor Isenburg, und bis Darmstadt mufke ich rechnen, urn die Milliarden zusam-
menzukriegen. 25 Minuten lang. Es ist mir nicht gelungen, lieber Cuneus! Wir
Deutsche sind ein Volk von 60 Millionen, davon sind 59 $$^ 999 Pedanten, der
Sechzigmillionste sind Sie, und an der Spitze der ubrigen stehe ich und billige uns
zunachst einmal 50 Millionen Taschenuhren zu, abziiglich der Kinder im Vor-
konfirmationsalter.« Usw. Die Rechenspiele enden bei einem groflzugigen An-
gebot: »[. . .] erreichen wir rmihsam 400 Millionen. « Cuneus konnte nur noch
knapp antworten: »Sehr geehrte Redaktion, ich habe mich verrechnet, indem ich
die Anzahl der Zeiger mit den uberflussigen Sorgen multiplizierte, die sich der
Verfasser der Zuschrift macht.« (FZ 5. 12. 1927)
Das vierte Italien, FZ Oktober bis Dezember 1928 : Die vier Artikel erschienen
anonym unter diesem Zeichen: v
Panoptikum, Gestalten und Kulissen. Miinchen: Knorr & Hirth 1930. In diesem
Sammelband sind Artikel aus den Jahren 1926 bis 1929 enthalten. Die Anord-
nung der Texte ist nicht chronologisch :
ANHANG IOO7
Panoptikum am Sonntag (erganzt durch die vorangestellte Widmung
»Fiir Benno Reifenberg«)
Gedicht von Wandkalendern
Man munkelt bei Schwannecke
Triibsal einer StrafSenbahn im Ruhrgebiet
Der Rauch verbindet Stadte
Der Polizeireporter Heinrich G.
Fraulein Larissa, der Modereporter
Der Nachtredakteur Gustav K.
Der Kongrefi
Sentimentale Reportage
Ankunft im Hotel
Der Portier
Der alte Kellner
Der Koch in der Kiiche
Der Patron
»Madame Annette«
Abschied vom Hotel
Einzug in Albanien
Artikel iiber Albanien (= ?)
Die russische Grenze (= Die Grenze Niegoreloje)
Briefe aus Deutschland (= Cuneus: Das Warenhaus/Das Denkmal)
Brief aus Polen
Weihnachten in Cochinchina
Bemerkungen zum Tonfilm
Seine k. und k. Apostolische Majestat (erganzt durch die vorangestellte
Widmung »Fur Stefan Zweig«)
Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern
Auf das Antlitz eines alten Dichters
Der alte Dichter ist gestorben
Das Ruflland-Tagebuch
Unter den NachlafSpapieren im New Yorker Leo Baeck Institute ist einiges
Material zur Ruflland-Reise zu finden, die Roth 1926 fur die Frankfurter Zei-
tung machte: Notizen von Tageseindriicken und Preise fur Eisenbahnfahrten,
Listen mit moglichen Themen fur Zeitungs-Artikel, Adressen, Exzerpte aus
verschiedenen Quellen, z.B. A. R. Williams: Die Russische Revolution und A.
Tschemeriski: Die Kommunistische Partei und die Jiidiscben Massen.
Der Text wurde unverandert nach der Originalvorlage wiedergegeben.
1008 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Freitag, 17. September
Suchum 30 Mark, Erlebnis mit J. Grusinier, Gesprach mit jungem geiehrtem
Juden, blonder Bart, Brille, intellektueller Christus, Pessimismus, kleinbiirger-
liche Methoden im Kommunismus, Pedanterie, Marxismus, Babel-»Feuilleto-
nist«", neue russ. Tendenzliteratur.
Getroffen Prof, der Urinologie Leschniow, kleiner Burger, Dampfer schlecht,
Kajiite zu vier, Frau des Sohnes des Kapitans, Steward Zuhaltertyp, kokettie-
rende Frau des Asthmatikers und Glatzkopfchen, Frau hat zu starken Busen fur
ihre sehr hohen Beine und zu grofte Ohrringe.
Uber die Biirgerlichkeit der Komsomolorganisationen.
Uber den Nationalismus.
Boote zu Suchum - 70 Kopeken extra
Junger Jude: jiidische Krankheit: Patriotismus fur fremdes Land.
Sa. 18. Sotschi. Kagan nicht aufgesucht, leise Gewissensbisse, Seekrankheit der
Russen, kontinentales Volk
Topsi, die kleine Stadt im Kaukasus, Abend, Regen, bewegtes Meer, schwere
Wolken, die Hauptstralte, Arzt mit weiftem Apostelkopf, mobliertes Zimmer
statt Hotel
Sonntag 19.
No wo- Rossi jsk, bewolkt, ungarisch, Bad.
Kertsch - Mitternacht, Kahn, Apfel
Mo. 20. Kalt, klar, Feodissia, stumpf, klein, Klavierspieler im Speisesaal.
Jalta: 9/1 abends, Weinstadt, Musik, Obst, Monte-Carlo-Strafie, dennoch Die-
ner stumpf, Konditorei, Mann mit Stocken.
Di. 21.
Sebastopol, Morgen, klar, kuhl, intelligente Stadt, viele Uhrmacher, Denkmal
General (!) aus Krim-Krieg.
Entetoria, flach, still, langweilig, ohne Hafen.
Mi. 22.
Odessa, Morgens 6 h Regen, alter Jude, Konditorei.
Jedei"" Briefpapier, Post Telegramm Gejaia, London, sehr kalt.
* »Babel« im Original nicht klar leserlich.
** Nicht klar leserlich.
ANHANG 1009
Fr. 24.
Geld. Madchen mit Schlafkrankheit, Uhrenwahnsinn, Bankrauber, der Journa-
list war.
25. September, Samstag, Odessa
Bin durch ein Gesprach mit dem jungen Freud auf das Bild gebracht worden:
die Kluft zwischen Kapitalist und Proletarier wird in zivilisierten Landern im-
mer schmaler, bleibt aber gleich tief. Aber selbst, wenn sie sich vertiefen sollte,
ist es doch leichter, eine schmale und tiefe als eine seichte und breite Kluft zu
uberspringen.
Je langer ich hier bin, desto unwahrscheinlicher kommt mir eine Revolution im
Westen vor. Immer mehr glaube ich, daft Marx verschiedene allerwichtigste
Faktoren mitzurechnen einfach vergessen hat. Daft eine Zeit kommen konnte,
in der dank der Zivilisation alle Menschen Kapitalisten oder wenigstens psy-
chisch Kapitalisten, ich meine Burger werden konnten - hat er es bedacht? Hat
er es bedacht, daft im Mann, der nur zwei Stunden an der Maschine steht, kein
Revolutionar mehr ist? J a, ich glaube, daft schon zehn- und achtstundige Arbeit
Revolutionen im Westen verhindern oder erschweren. Der Durchschnitts-
mensch ist zu geniigsam, denn er ist Naturmensch. Ein Spaziergang in der
Sonne vertreibt ihm alle aufruhre risen en Gedanken. Man liebt das Leben und
hafit den Fabrikanten, aber man liebt nicht die Klasse mehr, als das Leben. Wie
lange wird die burgerliche Vorstellung von der »Arbeit fur unsere Nachkom-
men« noch lebendig bleiben? Wie lange noch wird der revolutionare Gedan-
kenkomplex den dummen frommen burgerlichen Satz enthalten vom Segen der
Arbeit? Daran ist die burgerliche Welt zu Grunde gegangen, eine so gigantische
gemeine Luge wird die sozialistische auch nicht aufrechterhalten konnen.
Ich glaube, daft eine Revolution nicht fruher im Westen anbricht - wenn kein
Krieg kommt - solange nicht das russische Beispiel vollkommen gelungen ist.
Das aber erwarten selbst die frommen Kommunisten erst in zwanzig Jahren.
Wer weift, ob nicht fruher noch durch etwas ganz anderes eine Revolution
iiberflussig wird? Eine Revolution wird sein - aber vielleicht wird sie gar nichts
mehr mit den materiellen Inhalten des Marxismus und Sozialismus zu tun ha-
ben?
Ich habe mir vorgestellt, daft nach der Theorie: das Kapital vereinige sich im
Lauf der Zeit in immer weniger und in immer starkeren Handen, zuletzt, wenn
keine Revolution dazwischenkommt, ein einziger kollossaler (sic!) kapitalisti-
scher Riese gegen alle Millionen Sklaven der Welt stehen wurde. Und dann
wird er Kaiser sein. Und ist so leicht zu stiirzen, daft dazu keine Revolution
notig ist. Oder er ist bereits so klug, der sozialen Sicherungen, der technischen
Erfindungen sind bereits so viele, daft man ihn nicht zu stiirzen braucht.
Sogar Religionen haben nur einen beschrankten Zeitraum, in dem sie giiltig
10 10 DAS JOURNALISTISCHE WERK
sind. Und die marxistische Theorie sollte ewigen Dauerwert haben? Die Zeit
erhartet viel und schwacht noch mehr. Ihre Verwitterungsprozesse sind weni-
ger konservierend, als zerstorend.
Heute Artikel iiber neuen Bourgeois abgeschickt, Friedl telegraphiert, kalt,
klar, unangenehm, Raten.
Der russische Proletarier ist ein Patient; sein subjektives befriedigt besser als
sein objektives.
Die Revolution, sogar die russische Revolution ist zu spat gekommen. Ehe der
Marxismus noch geniigend Anhanger gewonnen hatte, war die Problemstel-
lung eine andere. Der Weltkrieg hat die Revolutionen zwar befordert, aber
den Marxismus geschadigt.
16, September, Sonntag, Odessa.
Versammlung des jiidischen »Ozet« war fiir fiinf Uhr angesagt. Sie beginnt
um sieben. Unwahrscheinliches Publikum. Nicht ein einziges hubsches Mad-
chen. Jiidisches Proletariat gibt es nicht. Es gibt nur ein plebisches Kleinbiir-
gertum, unverdorbene Rasse. Aus der Grobheit seiner Natur schliefk es, dafi
es proletarisch ist. So edel wie ein edler Jude sein kann, so grob, so plump, so
hafSlich kann ein gemeiner sein. In den einfachen Menschen alter Rassen gibt
es keinen natiirlichen Adel. Das arische Proletariat kann edel sein. Ich verstehe
den Plebejertypus im klassischen Altertum. Er war ein Plebejer, kein Proleta-
rier. Die Mittelmeerrassen erzeugen wahrscheinlich diese Art Menschen.
Schweifkucher scheinen eine orientalische Eigenschaft zu sein. (Neger haben
sie auch.) Wahrscheinlich alle Volker, die von Natur Barfufiler sind. Zudring-
lichkeit ist die primarste Eigenschaft des Juden. Widerwartig das judische Re-
staurant Gobermann, in dem Gastwirt und Tochter bedienen. Damit man
nicht glaube, sie waren etwa Kellner, benehmen sie sich arrogant. Don, wo
Juden in Massen zusammenwohnen, erzeugen sie ihre schlechten Eigenschaf-
ten durch Inzucht, verzehnfachen sie und verhundertfachen sie. Antisemitis-
mus entsteht nicht deshalb. Denn die Instinkte, die in der jiidischen Masse
sichtbar, fuhlbar werden, sind ebenso roh wie die antisemitischen. Der Antise-
mit mufite sich in der jiidischen Masse heimisch fiihlen. Aber Antisemitismus,
scheint mir, ist nur eine Abart des allgemeinen Hasses des Gemeinen gegen
den Guten.
Heute abend beim Zahnarzt Freund eingeladen. Langweilt mich. Denke den
ganzen Tag an Friedl, warum hat sie das Telegramm nicht beantwortet? Sie ist
vielleicht nicht in Wien. Post in Moskau noch immer nicht hierher gekom-
men.
Ich liebe seit einigen Tagen Friedl starker als je. Ja, ich beginne sie zu lieben.
Sie war ein ganz kleines Madchen, als ich noch ein ganz griiner Junge war. Ist
sie mit mir gewachsen? Manchmal scheint es mir, dafi sie schneller gewachsen
ANHANG IOII
ist. Ihre Photo graphie sagt mir zu wenig. Ich habe vergessen, wie sie aussieht.
Aber mir scheint heute, daft sie einen unwahrscheinlichen Liebreiz hat. Ich bin
neugierig, ihn kennenzulernen.
27. September, Montag, Odessa.
Heute im Auto mit Freud und seiner Cousine. Wiistes Fabrikviertel, armselige
Landwirtschaftsausstellung. Friedl geschrieben, mit Flugpost. Keine Antwort
auf das Telegramm, lebe in grower Angst. Otten und Brentano 2 unwahre Briefe
geschrieben. Man tut, was man kann. SchonerTag, Sonne, kalte Warme, Herbst
ist sehr wehmiitig am Meer. Denn ein Meer ist sehr sommerlich.
Ich Hebe Friedl mit jedem Tag unserer Entfernung mehr. Als ich sie heiratete,
war ich klug und gut. Ich mache mir Vorwurfe, daft ich sie schlecht behandelte.
Aber ich bin voller Liebe zu ihr, auch wenn ich es nicht weift, und ich bin mit
ihr, niemals gegen sie. Sie ist kiihler, als man glaubt, egoistischer, als ich gedacht
hatte, naiver, als sie zugibt. Aber ihre Kiihle ist frisch, ihr Egoismus ist natiir-
lich, ihre Naivitat lieblich und sanft und keine storende, banale Naivitat, son-
dern ein Arrangement unaufhorlicher reizvoller Mifiverstandnisse.
Der Roman! Wie soil er heiften?
29. Mittwoch
Ich bin ganz aufter mir. Habe Friedl noch einmal telegraphiert. Man schickt mir
die Post aus Moskau nicht nach. Vielleicht ist Friedl nicht in Wien. Dann muftte
sie aber doch jemanden dort haben, der mir telegraphieren konnte. Was soil ich
tun? Ich konnte immerhin noch Frau Srajnoche telegraphieren, vielleicht tue
ich es, wenn iibermorgen keine Nachricht da ist. Der Teufel soil diese Reise
holen. Man kann nicht fahren, wenn man mit dem Herzen an jemanden gebun-
den ist. Ich sehe schon, daft ich nichts an dieser Reise verdienen werde. Nur um
Friedl etwas geben zu konnen, bin ich gefahren. Ich werde sie nie mehr verlas-
sen.
Ich kann die Zigaretten nicht mehr rauchen. Sie wirken auf den Gaumen mehr
als auf die Nerven. Sie machen.ihn trocken und durstig. Sie sind wie der Staub
von Astrachan und Baku.
Ich bin ratios. Von Friedl ist keine Antwort. Ich kann nicht reden, nicht schrei-
ben, nicht lesen. Die diistersten Vorstellungen bedrangen mich. Ich mache mir
die unsinnigsten Vorwurfe. Es ist so leicht, leidenschaftlich zu lieben, der Ge-
genstand meiner Liebe muft mir nur Schmerz bereiten. Ich habe mich einer
Leidenschaft nicht fur fahig gehalten, ich glaube auch, es ist mehr eine Leiden-
schaft der Nerven, als der Seele. Trotzdem ist es mir klar, daft ich sie liebe, daft
ich keine einzige Frau mit ihr vergleichen kann, und ich bin entschlossen, sie
von nun an zu verehren. Morgen ist der letzte Tag des September, Mitte August
1012 DAS JOURNALISTISCHE WERK
habe ich von Friedl Nachricht gehabt, es ist eine lange Zeit, sieben Wochen, es
kommt mir vor, es waren sieben Monate,
Ich werde meinen Aufenthalt in Rutland abkiirzen, am liebsten fiihre ich gleich
morgen zuriick, ich habe alles schneller gesehen, als ich gedacht hatte, die
Oberflache ist hier nicht dick, sie ist leicht zu durchdringen.
Am meisten argert mich die kritiklose, stupide, fromme, klerikale Glaubigkeit
der Jugend, der Durchschnittsjiinglinge allerdings. Immerhin ist es besser, die
Idioten eines Landes glauben an die Zukunft des Proletariats, als etwa an die der
Fabrikanten, der Grafen und der Offiziere. Aber es argert mich, es enttauschte
mich, daft der russische Mensch, der dumm sein konnte, aber nicht banal, nun
auch zur Banalitat fahig ist. Wo die Bildung popular, der Analphabetismus sel-
ten wird, kommt diese Fahigkeit zur Banalitat. Sie ist eine unmittelbare Folge
der massenhaften Broschuren und der verbilligten Aufklarung. Solange die
Menschen nicht lesen konnen, kommen sie sich selbst dumm vor, und das eben
macht sie ungewohnlich. Die originelle russische Bauernphilosophie war nie-
mals tief, aber immer poetisch. Was wird nun, wenn ihn eine Broschiire der
Notwendigkeit enthebt, sich eigene Gedanken zu machen? Es ist leider ein not-
wendiger Ubergang, ich sehe ein, daft man die Originalitat opfern muft, um die
Kultur zu erreichen, aber es tut mir weh, und ich denke nach, ob es nicht noch
andere Wege gibt. Der Sozialismus muft mit dem Durchschnittsmenschen rech-
nen, es gibt nicht nur einen bourgeoisen, es gibt auch einen proletarischen Nor-
malmenschen - und was fur einen !
Das Niveau haben heiftt, aus Bergen und Talern eine Ebene herstellen, auf der
Berge nicht mehr wachsen konnen.
Die Banalitat greift iiber auf die Biirgersohne, die im kapitalistischen Staat auch
banal waren, aber ohne die Selbstsicherheit und das ethische Gefiihl, das mora-
lische Bewufttsein, das eine offizielle Banalitat ihnen verleiht. Die Dummkopfe
kommen sich klug vor - das ist unertraglich. Sie haben das Recht, sich klug
vorzukommen. Der Mensch wird zum bewuftten Kollektivismus erzogen. Man
sagt ihm aber nicht, daft aufterdem noch eine Weisheit Platz hat, eine Weltan-
schauung nicht von einem Punkt aus aufgebaut wird, sondern von vielen tau-
senden, daft man nicht stehend das Leben begreift, sondern wandernd, immer
wieder stehen bleibend.
Ein zweites ist der billige Atheismus, gekauft im Bazar, wo man Darwin fur
freie Muftesmnden in broschierten Heften handelt. Auch der billige Materialis-
mus mag notig sein, um eine gefahrliche Kirche zu vernichten. Aber mir scheint
doch, daft die geistreiche Aufklarung Voltaires nicht gottlos sein konnte und
daft ein tiefer Verstand ebenso gottlich ist, wie ein flacher tierisch. War es nicht
moglich, Gott vor der Kirche zu retten, anstatt ihn mit der Kirche zu begraben?
Wozu wird der Kommunist fragen? Wozu Gott? Jede Metaphysik ist gefahr-
lich, jede Metaphysik schafft einen Klerikalismus, jede macht den Menschen
ANHANG IOI3
unselbstandig und wir wollen gerade den freien Menschen haben, der den Fata-
lismus bekampft, nicht dem Schicksal, sondern sich selbst die Verantwortung
zuschreibt, der sein Los baut und nicht demiitig entgegennimmt. Denn Unter-
werfung unter Uberirdisches macht Unterwerfung auch unter Irdisches mog-
lich, einem Priester folgt ein Konig auf dem Fuft, Engel verwalten leider nicht
die Religion und die Menschen, die sie verwalten, wollen die Macht auch iiber
den Korper, nicht nur iiber die Seele. Was konnte ich darauf erwidern?
1.) Daft der Mensch doch nicht sein Schicksal bauen kann, daft Unberechenba-
res seine Plane iiber den Haufen wirft, daft er dann ratloser dasteht, als wenn er
einen meinetwegen dummen Trost hatte und daft er dann erst recht zu einem
Glauben an Uberirdisches zuriickkehrt, formlos, verworren und schlieftlich die
irdische, muhsam hergestellte Ordnung zerstorend.
2.) Daft der Mensch die Verantwortung leichter tragen kann, wenn er glaubt, in
seinen nutzlichen, guten, tugendhaften Arbeiten von einer groften, gerechten
Macht unterstiitzt zu werden.
3.) Daft es aufter dem materiellen Wohlergehen auch ein anderes gibt und daft
man satt sein kann und sehr unzufrieden. Man kann essen und sein Brot verflu-
chen, den schonsten Friihling genieften und sich nach dem Winter sehnen, in
Fiille leben und den Tod wunschen. Alles haben und Nichts wollen. Diese
unstillbare Sehnsucht des Menschen ist eine naturliche, nicht die Folge kapitali-
stischer Weltordnung, aus der »Spannung« zwischen Konnen und Ohnmacht,
zwischen Haben und Sehnen, zwischen Erfullung und Verlangen, zwischen
Ernten und Saen entsteht die hohere geistige Kultur, die mittelbar, aber unbe-
dingt auch praktisch niitzlich ist, entsteht das Kunstwerk, das, wie man sagt,
den Menschen »erhebt« - wozu erhebt? - damit er gestillt werde, denken arbei-
ten und leben konne. So lange man weder leidet, noch genieftt, betet man nicht
- so lange man nur zu essen hat, an den Tag denkt und an die Nacht, an das Bett
und an den Morgen. Ja, so lange man nur leidet, betet man vielleicht auch noch
nicht. Man sucht die Griinde, wie der Sozialist, in materiellen schlechten Zu-
standen. Wenn diese aber beseitigt sind, man zu genieften anfangt und dennoch
bitterlich leidet?! ...
Do. 30. September.
Heute endlich Telegramm von Friedl und Post. Otten hat die iible Eigenschaft,
mir lauter unangenehme Dinge mitzuteilen. Daft Fingals Kind sterben wird,
muft ich erfahren, angeblich, damit ich Fingal schreibe - was soil das? Welch ein
Tratsch! Es scheint, daft auch eine Dosis Bosheit darin ist.
Samstag, den zweiten Oktober.
Gestern lernte ich den jiidischen Handwerker Kaplan kennen. Er will Sonntag
zu mir kommen, mit einem Freund, der Deutsch versteht. Kaplan ist Klempner,
IOI4 DAS JOURNALISTISCHE WERK
er war aktiver Revolutionar und Arbeiter in einer sozialistischen Fabrik. Diese
Fabrik verliefi er, er konnte mit dem Leiter nicht auskommen. Aus seinen Er-
zahlungen geht hervor, daft er requiriert hat. Millionen seien durch seine Hande
gegangen. Ob er an der Front gewesen ist, zweifle ich. Er hatte bestimmt damit
geprotzt. Er ist revolutionar, nicht proletarisch, wie viele jiidische kleine Leute.
Er ist bestimmt ehrgeizig, ich kann verstehen, daft er eingesperrt war - 8 Mo-
nate - er stone wahrscheinlich jede Disziplin. Dennoch ist er bereit, fur die
Sowjetstaaten zu kampfen. Er ist ein Tscheka-Typus, ein bifichen beschrankt
und ein bifichen intelligent, eingebildet, er hort sich gerne sprechen und liebt es
nicht, wenn man selbst etwas Richtiges sagt. Er stellt Fragen und man darf ihm
nicht antworten. Man mufi Ratlosigkeit gestehen oder spielen.
Wir sprachen von der Beamten-Tschinownik-Psychologie, eine Epidemie in
Rutland, sie ergreift jeden Proletarier, der ein Amt bekommt. Es scheint also
tatsachlich, dafi es eine Art Beamtenfluch gibt, eine ratselhafte Angelegenheit.
Der Proletarier mit einer Funktion erwartet weder eine Auszeichnung, noch
eine Karriere noch eine Belobigung des Vorgesetzten, dennoch zeigt er die un-
angenehme Eigenschaft des Tschinowniks. Es ist also der Schreibtisch das unse-
lige Instrument, das den Charakter verdirbt, wo er verdorben werden kann.
Das ist beim Proletarier leider der Fall. Denn nicht der Proletarier, der ein
Kommunist wird, ist Idealist, sondern der verachtete Intellektuelle. Der Kom-
munismus des Intellektuellen ist echter. Der Kommunismus des Proletariers ist
eine praktische Angelegenheit. Was denn soil der Proletarier sein? Und ebenso
wie er Sozialist sein mujl, nicht will, so lange er an der Maschine steht, ebenso
wahrscheinlich wird er bourgeois, wenn er sie verlafk und zum Schreibtisch
gelangt.
Wenn dies aber wahr ist, dann erschiittert es den Sozialismus starker, als er zu
ahnen scheint. Dann ist das bourgeoise Element kein kiinstlich geziichtetes,
sondern eine elementare Erscheinung. Die bourgeoise Psychologie ist mensch-
lich. Ja, es scheint mir, dafi es zu alien Zeiten Burger gegeben hat - die Schreiber
zur Zeit der Raubritter, alle kleinen Menscben in alien Perioden der menschli-
chen Gesellschaft waren Bourgeois. Gegen wen also Revolution? Nur gegen die
menschliche Natur, nicht aber gegen Besitz. Also keine materielle Revolution,
sondern eine geistige. Sie geht nicht vom Proletariat aus, sondern von der wirk-
lichen Aristokratie, den wahrhaft freien Individuen. Sie kann blutig sein, mulS
es aber nicht sein. Die franzosische Revolution, von freien Individuen vorberei-
tet, versank spater in materialistische Realitat. Dennoch war sie eine Revolution
des Geistes. Die Geistigen, welche die russische Revolution vorbereiteten, stell-
ten sich von vornherein in den Dienst materieller Belanglosigkeiten. Deshalb ist
die russische Revolution eine Revolution nicht des Geistes, sondern des Prin-
zips. Die Postulate der wirklichen Freiheit brauchen die marxistischen Formeln
nicht. Die proletarische Revolution ist nur eine halbe Revolution. Vielleicht
ANHANG IOI5
fiihrt sie sogar zum klassenlosen Staat, aber sie fiihrt nicht zum freien Men-
schen. Nur eine geistig fundierte Revolution ist die echte. Nicht die durch Prin-
zipien fundierte. Man kann nicht von materiellen Forderungen leben, nicht von
ihren Befriedigungen. Es geniigt nicht mehr Marxist zu sein. Es geniigt nicht
mehr, Leninist zu sein. Lenin war 1900 dreiftig Jahre alt. Im Jahre 1900 in der
vollsten Bliite des stupidesten Materialismus, wurde er reif. Das neunzehnte
Jahrhundert lebt in seinen Schriften. Wir sind aber nicht nur im zwanzigsten
heute, wir sind schon im vierzigsten.
Roman angefangen. Wenn ich jeden Tag nur drei Seiten schriebe, konnte ich in
sechs Wochen einen tadellosen Roman haben. Der Stolz auf die »schwielige
Faust« ist ebenso unangenehm wie der auf das »blaue Blut«.
Montag, 4. Oktober
Der »Kustar« Kaplan kam wirklich gestern abend, allein, ohne den versproche-
nen Freund, der Deutsch kann, ich langweilte mich und strengte mich an, mit
diesem bornierten Besserwisser, ein judischer Marxist. Aus seinen Erzahlungen
ging hervor, daft er sich nach der Zeit sehnte, in der er noch mit Bomben angeb-
lich herumging, intrigierte, Zwangsarbeiten der Burger uberwachte, Hauptling
einer Bande war, Pogromen weiftrussischer Regimenter angeblich zusah, spater
in der Fabrik Komsomols unterrichtete. Dann verrat er sich, fragt mich iiber
Deutschland aus, mochte nach Deutschland gehen. Er will irgendwo seinen
Ehrgeiz befriedigen. Wenn alle jiidischen Kommunisten so aussehen, ist es
schlimm mit Kommunismus und Juden. Heute will er wiederkommen. Ich
werde keine Diskussionen mehr fuhren, ihn sprechen lassen, ist begiiten - und
kann sogar lehrreich werden. Wir sprachen gestern von der Bedeutung der Ar-
beiterkorrespondenten, der offentlichen Meinung im Allgemeinen. Diese be-
ginnt sich eben in Rutland zu bilden. Die Freude an ihr ist also neu, wie die am
Radio. Wenn in der Zeitung eine »Kampagne« eroffnet wird, sind alle Feuer
und Flamme. Gegen die Morde an wahrheitsliebenden Arbeiterkorresponden-
ten schiitzt sich der Staat durch die Todesstrafe an den Mordern. Arbeiter-
Korrespondenten darf man nicht entlassen, weil sie geschrieben haben. Da jeder
Korrespondent ist, auch, wenn er nur einmal geschrieben hat, da man ferner
nicht mit Namen, oder nur sehr seiten zeichnet, weift auch der Betroffene nicht,
an wen er sich eventuell mit Bestechungsversuchen und Schweigegeldern zu
wenden hatte. Die offentliche Meinung ist also zwar durch die Zensur einge-
schrankt, aber wie frei im Innern und in der Kritik, die dem Staat nicht gefahr-
lich werden kann! Es ist das Recht der Opposition innerhalb der allgemeinen
Bejahung. Wer positiv eingestellt ist, darf kritisieren. Das mag in Rutland sehr
verlockend sein. Bei uns fangt man damit keine Katz. Bei uns ist entweder die
offentliche Meinung eine je m'en fiche? Angelegenheit, weil wir schon die fal-
sche Moral jeder Offentlichkeit so genau kennen, dafi ihr Urteil uns gar nichts
I0l6 DAS JOURNALISTISCHE WERK
bedeutet; oder die offentliche Meinung ist schon so alt, daft die offentliche Kri-
tik schon ein abgenutztes Mittel ist, als Skandal karikiert vorkommt und auch
nicht mehr hilft. Hier leben neue Menschen, die sich noch schamen. Hier wird
- jetzt erst - eine Tugendhaftigkeit propagiert werden, die bei uns schon sehr
kleinbiirgerlich ist, die Tugend wie die offentliche Scham. So etwas kiindigt sich
schon an durch Tanzunlust, Verachtung der Mode, der Erotik, Verbannung des
Parfums, durch den ganzen hygienischen, aufgeklarten Puritanismus in den ge-
schlechtlichen Beziehungen. Wenn es wahr ist, was Kaplan erzahlt, daft ein
Mann, der zu einer Prostituierten ging, von Mannern herausgebracht, der Ehe-
frau iibergeben und ausgezischt wurde, dann ist das puritanisch-evangelische
Amerika ja da. Was will man mehr? Was gibt es Bourgeoiseres? Aus der Befrei-
ung von der kultivierten Konvention ist eine michterne, grobe und rude Kon-
vention entstanden. Das Proletariat strebt nach der »Reinheit« des kleinen Bur-
gers aus den Jahren Gustav Freytags, es fehlt noch eine Art Proletarierstolz vor
Parteithronen, als Gegenstiick zum Biirgerstolz vor Konigsthronen. Ja, dieser
Stolz ist schon da.
Es scheint freilich, daft es anders unmoglich ist. Das Proletariat erringt jetzt das
Niveau, das die braven Burger Gustav Freytags besessen haben, also bekom-
men sie dieselbe Moral. Moral hangt nahe zusammen mit geistigem Bildungs-
grad. Wenn man jetzt erst entdeckt, daft der Klerus schadlich ist und eine Ge-
fahr, daft der Mensch vom Affen abstammt, daft man sich vor Syphilis schiitzt,
wenn man schon als Vierzehnjahriger weift, wozu ein Praservativ gut ist, dann
muft man freilich Seidenstriimpfe als Luxus, Parfiim als Siinde, Erotik als Ver-
logenheit beurteilen. Ruftland strebt nach Amerika, dort wo es am evangelisch-
sten und provinziellsten ist. Maschinen und Moral nach amerikanischem Mu-
ster. Das bleibt zuriick vom groften Feuer, dessen Widerschein wie eine Mor-
genrote war.
Man kann auch borniert sein ohne die Moral einer Religion.
Friedls Brief ist noch nicht angekommen.
Mittwoch, 6. Oktober
Gestern ist endlich Friedls Brief gekommen. Morgen fahre ich nach Kiew. Ich
bin froh. Seit 2 Tagen ist Odessa stumpfsinnig. Wenn ich in Ruftland beide
Romane beendigen konnte, ware es ausgezeichnet. Aber die dummen Artikel
storen mich. Ein Buch iiber Ruftland konnte ich nicht schreiben. So viel Stoff ist
nicht da.
Ruftland liegt heute eher zwischen Asien und Amerika, als zwischen Asien und
Europa. Da die europaische Kultur fur die Reformatoren des Zwanzigsten
Jahrhunderts eine schadliche »bourgeoise Kultur« ist, die Technik, die Ver-
nunft, der Fortschritt, die Hygiene, die sexuelle Aufklarung, die primitive Mo-
ANHANG IOI7
ral im Privat- und offentlichen Leben erstrebt wird, aber die Sitten und Gebrau-
che, die Menschen und die Einrichtungen, die Charaktere und die Neigungen
asiatisch-byzantinisch wenigstens bis heute geblieben sind, ist die geographi-
sche Lage Ru£lands nunmehr und seine psychologische die von mir oben er-
wahnte.
Les voyages sont une source de Phistorie (Chateaubriand).
Samstag, /(sic!), 10. Oktober. Kiew.
Eine hiigelige, schone, grime u. reiche Stadt, Man riecht den Herbst der Garten
und Alleen. Die Stadt macht trotzdem einen stupiden Eindruck. Sie ist der Sitz
der ukrainischen Intelligenz. Es gibt einen ganz bestimmten Typus klerikalen
Ukrainers, den ich schon von Galizien her kenne. Er ist romantisch, poetisch
veranlagt und mit einem leisen Boheme-Schmifl angezogen und frisiert. Dann
gibt es den unwahrscheinlich groben Ukrainer, unbestimmten Aussehens, mit
einem stechenden Blick, den ganz dumme Spitzel manchmal haben.
Heute Rasierklingen gekauft, ein Jude, der in der Auslage Gilette hat, bringt
mir dann eingepackt deutsche Klingen heraus - der Laden war schon geschlos-
sen. Als ich nachsah und protestierte, wurde ich ihm sympathisch. Fruher hatte
er mich verachtet, mir nicht einmal zugetraut, daft ich einen Rubel zehn pro
Snick zahlen konnte. Welch ein Volk!
Je mehr Tage vergehen, desto klarer wird mir die Unmoglichkeit dieses Prin-
zips, das in Wirklichkeit ein religioses ist, weil es an die Giite im Menschen
glaubt; ein christliches, weil es ihn erlosen will; aber ein heidnisches, weil es
ihm Brot gibt, ohne Metaphysisches dariiber zu schmieren. Auch das christli-
che Prinzip ware unmoglich gewesen, hatte nicht die kluge katholische Kirche
es der Welt und noch mehr die Welt ihm angepafk. Jesus Chrisms ware ohne
die Klugheit der Kirche nicht der Veranderer der Welt geworden, er ware ihr
Erloser geblieben. Der Sozialismus bildet sich wirklich ein, er konnte die Welt
verandern, ohne Papst und ohne Jesuiten, ohne Missionare und ohne Kirchen,
das heifk: ohne die grofte Klugheit, die aus einer Synthese von jenseits gerichte-
tem und diesseits-erfahrenem Geist allein entstehen kann. Er ist riihrend in
seiner Hilflosigkeit, der Sozialismus.
Die Masse, die in den Strafien lustwandelt, immer so aussieht, als ware sie eben
erst frei geworden, als hatte man vor einer Stunde ihre Kerker geoffnet, stromt
eine ausgesprochen graue Atmosphare aus, eine dichte Luft, die man in Volks-
versammlungen atmet - die Ausdiinstung ist eine andere, wie der Wiener Fiaker
gesagt hat. Man konnte schlieftlich alle Menschen dazu bringen, eine blauge-
farbte Atmosphare auszuscheiden, aber mit Badern und Hygiene kann man es
nicht erreichen, wie man es in Amerika sieht. Die Atmosphare kommt nicht
von der Haut und nicht von den Lungen, sie kommt von der Seek und ein
Prinzip, das sie leugnet, wird immer in einer grauen Luft leben. Man kann,
I0l8 DAS JOURNALISTISCHE WERK
glaube ich, die Revolution nicht als eine unbedingt gewalttatige Einrichtung,
Erscheinung, betrachten. Man muiS nicht Hauser anziinden, um den Menschen
den Weg zu zeigen, ich bin fur Laternen. Wer sich widersetzt, zeigt, daft er
noch lebendig ist und so stark, dafi man ihn eben nicht aus der Welt schafft,
wenn man ihn totet. Einen, der sein Haus freiwillig abgibt," wird es niemals
geben und ihn verjagen, heifk nicht, seinen Geist verjagen. In den Hausern, die
die Revolution requiriert hat, ist das burgerliche Material und Mobiliar geblie-
ben.
Wenn ich ein Buch iiber Rutland schreiben wiirde, so miifke es die erloschene
Revolution darstellen, einen Brand, der ausgliiht, glimmende Uberreste und
sehr viel Feuerwehr. Ich miifke zuerst beschreiben:
i.) Meinungen iiber Ruflland, bevor ich fuhr, die burgerliche Welt und die
Untergangsstimmung, in der der Westen lebt.
2.) Moskau, der Larm, den die Reformen machen, die gerauschvollen For-
men, die jede Masse verursacht, der Optimismus der aufteren Erscheinun-
gen, leise Krisenstimmung, wenn ein langer Feiertag aus ist.
3.) Die Provinz - deutliche Krise, Einteilung der Menschen in Optimisten,
Skeptiker, Begeisterte, Neutral-Skeptische und ausgesprochene Gegner.
4.) Scharfes Kapitel gegen den Materialismus und Erlauterung, weshalb er
hier moglich ist, aus Heiden direkt »Darwinisten«.
5.) Der glaubige und ahnungslose Idealismus der sympathischen Menschen.
Die Glaubigkeit, die Streitbaren, die Unsympathischen.
6.) Die ewigen Knechte - Halbproletarier.
7.) Der Amerikanismus, Religion der Maschinen.
8.) Die Frauen und die Jugend, Auflosung der Familie
9.) Die Strafien, Theater, Kultur, Kino, Literatur
10.) Fragen: was soil werden? Wohin gehen wir selbst? Ist der Marxismus
moglich? Ist Amerika die Zukunft? Ist noch eine Revolution notig und
denkbar?
Oper, Jahr Lenins, »Wij«, musikalische Farce, Mischmasch, nationale Ele-
mente, politische Satire, Seitenhiebe gegen Religion, Adam und Eva, unbe-
schreibliche Verwirrung, Film, Kostiim, Tanze, Zeitung, in allem eine entsetzli-
che Angst, das Publikum konnte sich langweilen, es konnte etwas mifWerste-
hen, daher Lautheit, Ubertonung, grell, Parkett entsetzlich, in alien Gangen
wird geraucht, Spucken, auflerst vulgar. Niemand nimmt sich die Miihe, ein
besseres Hemd anzuziehen, wenn man schon keinen Rock tragt, furchtbare
Logen. Was waren die Sansculotter dagegen? Prinzen!
Heute Brief geschrieben. Morgen Post.
Im Original: . . ., der sein Haus nicht freiwillig abgibt.
AN HANG 10 19
Dienstag, 12. Kiew.
Heute abend fahre ich nach Charkow. Es ist kait ge word en, ein furchtbarer
Nordwind blast, das Hotelzimmer ist nicht geheizt, ich vermute, daft man im
ganzen Land noch nicht heizt, dann stehn mir noch bis zum Ausbruch des
Winters und der Heizung furchtbare Tage bevor, in denen ich nicht schreiben
kann. Ich trage schon 2 Paar Hemden und zwei Paar Strumpfe.
Das Essen ist grauenhaft, diese Fulle und Billigkeit, dieses Fett und das Durch-
einander von Fleisch, Kraut, Ruben, Kartoffeln. Die Hotels sind grauenhaft,
die Menschen geldgierig, schmutzig, ergeben, die Bettler und die Fliegen zahl-
reich, abgehartete Fliegen, sie leben in dieser Kalte immer noch. Ich mull heim.
In Moskau will ich drei Wochen sein, in Leningrad 2, in Sibirien 4, macht
zusammen 9 Wochen, das sind zwei Monate. Ich konnte Weihnachten in einer
zivilisierten Gegend zubringen.
Ich habe mich endgiiltig vom Osten losgesagt. Wir haben nichts von ihm zu
erwarten, als eine Blutauffrischung, eine Muskelerneuerung, eine Lyrik viel-
leicht und eine Bereicherung der Traumwelt - keineswegs Gedanken, Tag, gei-
stige Kraft und Helligkeit. Das Licht kommt vielleicht vom Osten, aber Tag ist
nur im Westen. Zwischen der franzosischen und der russischen Revolution ist
ein Unterschied wie zwischen Voltaire und Bucharin, zwischen Katholizismus
und Byzantinismus (Kirchlichter), zwischen Paris und Moskau.
Abends. Ich habe noch zwei Stunden bis zur Abfahrt. So angenehm es auch ist,
einen unangenehmen Ort zu verlassen, in dem auch der Aufenthalt traurig war,
es ist merkwiirdigerweise die letzte Stunde in einem unangenehmen Ort am
schrecklichsten. Man miiftte sich freuen, daft man ihn verlaftt, aber man ist ganz
erdriickt von der Last dieser Stadt, alle dummen, langweiligen, gedankenlosen
Stunden, die man hier verbracht hat, erscheinen zusammengedrangt in einer
einzigen wieder. Wie viele solcher Abschiede habe ich schon mitgemacht. Ich
habe nicht [eine] einzige Stadt wirklich erfreulich gefunden. Ein paar ange-
nehme Stunden hat mir Baku bereitet, ein paar Odessa. Aber das sind die einzi-
gen zwei Stadte, die mich an Europa, wenn auch sehr feme erinnert haben.
Es ist jetzt meine feste Uberzeugung, daft die russische Revolution sozial nichts
mehr ist als ein Fortschritt, kulturell - in einem tieferen Sinn - iiberhaupt kei-
ner. Diese Revolution ist auch eine spezifisch russische, das heiftt sie tragt gar
keine Kennzeichen einer allgemeinen proletarischen Revolution - es sei denn
die paar billigen, Analphabeten sichtbaren Kennzeichen. Es ist ein spezifisch
nationaler russischer Ausbruch, national wie Katharina die Zweite und Peter
der Grofte, wie Asew, der Verrater, und die edlen Terroristen mit dem riihren-
den Opfermut, national wie Plewe, wie Lenin, wie viele Manner und Kopfe, die
die Revolution und Reaktion gemacht haben, die von ihr gemacht worden sind.
Das russische Proletariat ist grundverschieden von dem Proletariat anderer
Lander, es ist nicht international, nicht groftstadtisch, es ist nicht in der zwei-
1020 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ten, dritten, bestenfalls funften Generation vom Lande, es ist bauerlich. Es ist
also naiv, man kann viel mit ihm anfangen, sein Gedankengang ist nicht kom-
pliziert, was nicht gerade ist, erscheint ihm nicht etwa krumm, sondern falsch.
Jede Schlinge wird ihm zum Netz.
Zwei Paar Striimpfe sind warmer als Filzstiefel. Was man fur Erfahrungen
macht!
Mittwoch, 13., Charkow.
Niemals werde ich diese bornierte, schlechte Stadt vergessen, deren Menschen
nicht nur blode, sondern auch bose, unfreundliche Kleinstadter sind; diesen
Portier mit dem Glasauge, der von 9.50 auf 11.50 schwingt, diesen Kommissio-
nar, den Portier, der dann kommt, um mir zu sagen, daft er nur bis neun Uhr
abends Dienst hat, diese Prozession mit den Ikonen, das furchtsam blode: Nie
znaju des alten Bauern und das frech-unwillige des jungen Kutschers.
Heute Oper. Don Quichotte. Mangelhaft. Provinz.
Donnerstag, 14., Charkow.
Dadurch, daft in den Sowjetstaaten eine gewisse Vogelfreiheit des »Bourgeois«
eingefuhrt ist, entsteht allmahlich eine ganze Klasse von Raubern, Wegelage-
rern, zivilisierten, allerdings, das heiftt: Schnorrern, die arger sind als die Chuli-
gane, gegen die man jetzt eine Kampagne eroffnet. Weder der Proletarier, noch
der »Funktionar«, noch auch der Kleinbiirger erlebt diese Raubiiberfalle, die
sich am hellichten Tag auf Groftbourgeois und Fremde vollziehen. Es wachst
ein gewisser Typus des entsetzlichsten Proletaries heran und des herrenlos ge-
wordenen Lakaien, dessen Instinkte sich frei und morderisch auszutoben be-
ginnen und der, weil er feig ist, natiirlich kein Blut vergielk, aber eine Art
rauberischer Bettler ist und, wenn kein Objekt vorhanden ist, ein Spitzel, ein
Verrater, und ein Angeber. Es scheint mir, daft sogar die sozialistische Weltord-
nung den Lakaien nicht umbringen wird, denn Gott selbst schafft Lakaien und
Knechte. Er schafft dafiir, um sie zu zahmen, auch die Herren. Da aber die
Herren nicht da sind, laufen die Lakaien herum, wie Hunde ohne Maulkorbe
und beiften. Sie werden einmal auch den Proletarier beiften, wenn er sich nicht
von seinem naiven Glauben an die urspriingliche Giite aller Menschen frei
macht. Ich wiinschte, ein kommunistischer »Funktionar« kame ein Mai in eine
kleine russische Stadt. Er ginge in einen Laden. Er logierte in einem Hotel, ohne
sich zu legitimieren.
Ich verlasse Charkow Gottseidank in 3 Stunden. Man kann in Ruftland bigott
werden.
ANHANG 1021
Dienstag, 26., Moskau.
Ich habe soeben Hamlet in der Mitte verlassen, obwohl der ausgezeichnete
Tschechow die Hauptrolle spielt. Es war mir unmoglich, Shakespeare in Rus-
sisch zu horen, ich hatte unaufhorlich den wunderbaren deutschen Text im
Ohr. Die Ubersetzung scheint schlecht zu sein; oder diese Sprache, die im All-
tagsgebrauch so melodisch und in einem bestimmten Sinn poetisch klingt, kann
keinen funffufiigen Jambus vertragen. Die vielen Zischlaute storen die strenge
Linie der Erhabenheit, das Weiche verandert vollkommen die harte einfache
Klarheit.
Gestern Nirunow, er hat die Photostelle verlassen. Geschichte seiner Frau,
Tochter eines Generals, lernt sie in Petersburg kennen, bringt sie [nach] Mos-
kau, heiratet, Kind, deutsch-russischer Ingenieur, Spezialist, verfuhrt sie mit
Treueschwur, sie erzahlt das ihrem Mann, er zwingt ihn, sie zu heiraten, er
macht Ausfluchte, sie versucht, sich mit Essigsaure zu vergiften, Ingenieur zahlt
Geld, sie weigert sich, es zu nehmen, er hinterlegt es in ihrer Bank. Ingenieur
heiratet doch formell, damit sie das Geld nehme, N. mietet ihr und dem Kind
ein Zimmer auf dem Lande, sie verbirgt ihm das Kind, er behalt die Mobel,
Polizei, er findet das Kind.
Jetzt leben Mutter und Kind in Petersburg bei der Groftmutter. Babel versprach
noch einmal zu kommen, kam nicht, ist sehr gewohnlich.
Kagan meldet sich nicht.
Heute bei Bielostocki Gans gegessen.
Morgen zu Tschorni.
Samstag, 6. November.
Niemand schreibt mir, ich lebe in einer groflen Einsamkeit. Gestern bei der
Feier im Kreml. Der Andrjewski Saal, sehr prunkvoll, Loge fiir Diplomaten,
Loge fiir Journalisten, deprimierende Formlosigkeit der Versammelten, banale
Eroffnungsrede, banale Rede Lunetscharskys. In der Gesandtschaft Briefe ab-
gegeben, an Stark geschrieben, Artikel fortgeschickt. Mit Kassier Kriiger ge-
sprochen. Erzahlt mir, dafi der Professor Hosch hier sehr untertanig war. Den
deutschen Militaristen gefallt Rutland ausgezeichnet.
Niemnow erzahlt mir von einem alten NEP-Mann, der sich scheiden lafk, um
Alimente zu zahlen, damit seine Frau fiir die Leningrader Wohnung nicht viel
zu geben habe.
Heute abend bei Schaffer.
Friedl schreibt nichts.
Abends: ich gehe sehr verloren herum in dieser sparsamen Pracht der Illumina-
tion. Schaufenster rot. Helden auf Waren, Lenin auf Hosentragern - sehen sehr
komisch aus.
1022 DAS JOURNALISTISCHE WERK
Freitag, 12. November.
Von Friedl war aufter einem Telegramm gar nichts da. Sie hat 15 Tage nichts
geschrieben, also nicht an mich gedacht. Gestern Unterredung mit der Kamo-
niewa.
Bild vom Spiegel, Journalismus, Rab-Korr. Kein Spiegel.
Uberschatzung der Tatsachen und der Zahlen. Dafi Rutland nach Amerika
geht, findet auch Frau Birsina, eine Kommunistin.
Sie kommt heute.
Diese Woche mit Radek gesprochen.
Heute Brief von Geisentegner, Bilder gesucht.
NACHWORT
Das Jahr 1924 bedeutete fiir Joseph Roth einen Hohepunkt seines politischen
Engagements und zugleich auch seines journalistischen Schaffens. Nach dem
Ende der Inflations-Wirren kehrte er aus Wien nach Berlin zuriick und ver-
starkte seine Mitarbeit beim Vorwdrts; erhielt im republikanischen Satire-Ma-
gazin Der Dracbe, in Leipzig herausgegeben von Hans Bauer, ein neues Forum,
veroffentlichte neben Erich Kastner, Walter Mehring, Hans Natonek, Joachim
Ringelnatz und Erich Weinert. Bald hatte er seine eigene Rubrik, das »Berliner
Bilderbuch«. In tagebuchartigen Folgen konnte Roth anprangern, was ihm in
der Republik mififiel, wo er Gefahren sah: reaktionare Tendenzen in Justiz und
Verwaltung, altes und neues militaristisches Denken und die bedrohlich aus-
ufernden volkisch-nationalistischen Aktionen. Roth ging es nicht urn eine poli-
tische Analyse der Situation; er registrierte nur die auffallenden Symptome,
zeigte mit bitterer Ironie oder tiefem Sarkasmus Zeichen der Zeit auf, kontra-
stierte aufiergewohnliche Ereignisse mit dem gewohnlichen Alltag, denn er
hatte sich vorgenommen, »das Bilderbuch mit jenen Berliner Begebenheiten zu
fullen, die von ihren Verursachern und Veranstaltern >nationale Belange< ge-
nannt werden und in Wirklichkeit Symptome des nationalen Verfalls sind«.
Die gleichen Themen nahm Joseph Roth in Lacben links auf. Das Republikani-
sche Witzblatt, wie es im Untertitel hieft, wurde redaktionell von Erich Kuttner
und Friedrich Wendel betreut und stand politisch der SPD nahe. Zu den Kolle-
gen gehorten hier neben Kastner, Ringelnatz und anderen auch Oskar Maria
Graf und Heinrich Zille, der an der optischen Gestaltung der Hefte mitwirkte.
Fiir Lacben Links besann sich Roth als »Josephus« auf seine lyrischen Versuche
und schrieb »Deutsche Elendsreime«, mitleidend und anklagend, polemisch
und aggressiv: »Wer hat uns in Montur geprefit [. . .]? Der Kaiser und der Gene-
ral, der Junker und das Kapital.«
Der »rote Joseph« - so zeichnete er manche Vorwdrts- Artikei spielerisch-pro-
grammatisch - belief es nicht bei Worten. Trotz seiner Abneigung gegen die
Mitgliedschaft in politischen Organisationen trat Roth als einer der ersten in die
>Gruppe i925< ein. In einem Interview bezeichnete er die Mitglieder als Auto-
ren, »die mit der geistig-revolutionaren Bewegung unserer Epoche eng verbun-
den sind« - was auch immer das genau bedeuten mochte. Becher, Doblin, Eh-
renstein, Hasenclever, Kisch, Klabund, Toller, Tucholsky zahlten zu der von
Rudolf Leonhardt gegriindeten Vereinigung.
Doch trotz dieser Mitgliedschaft, trotz der Artikei fiir linke Blatter - Roths
eigenen politischen Bekenntnissen (1922: »[. . .] wenn ich nicht taglich meinen
Sozialismus verleugnen will«) ist nicht allzu viel Gewicht beizumessen. Theo-
rie, Dogmatismus und Parteilichkeit waren ihm verhafk. Er war im Grunde ein
1024 DAS JOURNALISTISCHE WERK
unpolitischer Mensch, der sich zeit seines Lebens von seinem Humanismus lei-
ten lieft - eher seinen Gefiihlen folgend denn wirklich iiberzeugt. Nur so laftt
sich der dramatische Wandel in seiner Karriere verstehen.
Der Bruch kam 1925, nach dem Tode des ersten Reichsprasidenten Friedrich
Ebert. Die groiken Chancen auf die Nachfolge hatte nach dem ersten Wahlgang
der Kandidat der Rechtsparteien, der friihere Generalstabschef Paul von Hin-
denburg. Max Krell vom Ullstein-Verlag traf Roth am Tag der Entscheidung in
Leipzig: »Wenn es Hindenburg wird, reise ich ab, ich weift, was dieser Zeit
folgen wird.« So zitiert Krell den Bekannten in seinen Lebenserinnerungen und
fahrt fort: »Am anderen Morgen sah ich die schwarzweiftroten Fahnen und
nicht die der Republik, Roth safi bereits im Zug nach Frankreich.«
Natiirlich stand der Termin bereits vorher fest, dennoch ist die Frankreichreise
auch eine Flucht vor der deutschen Realitat. »[...] in dieser Gesellschaft mdchte
ich nicht bekannt und nicht gelesen sein. Die Aristokratie ist der Industrie
sichtbar untertanig, die Industrie der Bank und umgekehrt. Es ist eine in Haft-
lichkeit sterbende Welt. Wenn so die Gesellschaft Andra in Berlin aussieht,
verzichte ich auch. Ich tausche mich wahrscheinlich nicht. Diese Leute haben
noch 5 Jahre die Macht«, erklarte der Journalist weitsichtig.
Die endgultige Niederlage republikanischer, fortschrittlicher Ideen, der Anfang
vom Ende, der sich in der Hindenburg- Wahl offenbarte, leitete einen tiefgrei-
fenden Wandel in Roths Leben und Werk ein. Er veroffentlichte keine Artikel
mehr in den linken Blattern, konzentrierte seine Arbeit auf die Frankfurter
Zeitung, damals weniger konservativ, sondern entschieden biirgerlich-liberal.
Als eine der wenigen prasentierte sie in der Weimarer Republik - bei einer
Auflage zwischen 170 000 und 60 000 Exemplaren in zwei Morgen- und einer
Abendausgabe - eine eigene, republikanisch bestimmte Berichterstattungen von
den Parlamentssitzungen. Die politischen Redakteure nahmen gegen die
Dolchstofllegende Stellung und unterstiitzten die Politik Stresemanns, waren
fur die Erfullung des Versailler Vertrags und begriifken den Locarno-Vertrag.
Die Zeitung erhielt weder Subventionen, noch war sie parteipo litis ch gebun-
den, so dafS selbst Kurt Tucholsky die Unabhangigkeit der Redakteure von den
Herausgebern anerkannte.
Die Feuilleton-Redaktion unter Benno Reifenbergs, ab 1930 Friedrich Traugott
Gublers Leitung zahlte die Reiseschriftsteller Leo Lania, Arthur Holitscher
und Alfons Paquet zu ihren Mitarbeitern ; Rene Schickele, Walter Benjamin,
Siegfried Kracauer, Franz Theodor Csokor, Anton Kuh, Soma Morgenstern,
Friedrich Sieburg und viele andere bekannte Autoren der Zeit gehorten dazu,
und auch Beitrage von Ernst Bloch oder Theodor Wiesengrund-Adorno waren
bisweilen zu lesen. Viele dieser Manner vertraten Ansichten, die Roths spateren
Freund Hermann Kesten noch in seinen Erinnerungen von einem linksradika-
len Feuilleton der Frankfurter Zeitung reden liefkn.
NACHWORT IO25
Wahrend Joseph Roth dort zu Beginn seiner Mitarbeit, 1923, nur gelegentlich
veroffentlicht hatte, meist sogar »nur« Zweitdrucke zuvor im 12-Uhr-Blatt
oder Prager Tagblatt erschienener Artikel, profilierte er sich nun mehr und
mehr als Berliner Korrespondent und Reisereporter der Frankfurter Zeitung.
Von den tagespolitischen Themen der Weimarer Republik hatte er sich ent-
fernt. Er verfafke Literaturrezensionen oder Feuilletons im Stil der Wiener
Schule, die inhaltlich und noch mehr stilistisch zum Besten gehoren, das in den
Zeitungen jener Jahre »unterm Strich« zu lesen war.
Die Reise durch Frankreich gab Roth auch Gelegenheit zur Selbstreflektion. Im
Reisebuch Die weifien Stddte - entstanden aus den Reportagen - versuchte er,
eine Theorie seiner Arbeit zu formulieren: »Die Begriffe, die wir kennen, dek-
ken nicht mehr die Dinge. Die Dinge sind aus den engen Kleidern herausge-
wachsen, die wir ihnen angepafk haben. Seitdem ich in feindlichen Landern
gewesen bin, fuhle ich mich in keinem einzigen mehr fremd. Ich fahre niemals
mehr in die >Fremde<. Welcher Begriff aus einer Zeit der Postkutsche! Ich fahre
hochstens ins >Neue<. Und sehe, dafi ich es bereits geahnt habe. Und kann nicht
dariiber >berichten<. Ich kann nur erzahlen, was in mir vorging und wie ich es
erlebte.« Dieses Bekenntnis zum Subjektivismus wurde in der Folgezeit zum
pragenden Kennzeichen der Rothschen Reisereportagen.
1926 kam es zu Schwierigkeiten mit der Heimatredaktion. Bei seinem Freund
und Kollegen Bernard von Brentano beklagte sich Roth im Februar: »[. . .] die
Zeitung spart und span erbarmlich. Es macht keine Freude mehr [. . .]« Ein Teil
seiner Arbeiten wurde nicht gedruckt. Die Folgen waren finanzielle Probleme
und grofie personliche und berufliche Unzufriedenheit, die durch Auseinander-
setzungen mit Reifenberg um den Kurs des Feuilletons noch verstarkt wurde.
Niederschmetternd mufke auf Roth schlie£lich die Nachricht wirken, daft
Friedrich Sieburg nach Paris kommen sollte, um ab Mai 1926 neben dem politi-
schen Ressort auch noch seinen Posten als Feuilleton-Korrespondent zu uber-
nehmen. Der Konflikt verscharfte sich, die Affare wurde fiir Joseph Roth zur
Prestigeangelegenheit, in der er auf keinen Fall nachgeben wollte: »Es kann
nicht plotzlich ein beliebiger daherkommen und sagen: Roth mufi aus Paris
weg.«
Doch eben daran wollten weder Verlag noch Redaktion etwas andern, den
mittlerweile bekannten Mitarbeiter freilich auch nicht verlieren. Mit phantasti-
schen Angeboten versuchten sie, ihn zu halten. Man war bereit, ihn nach Spa-
nien, Italien oder Moskau zu schicken, ihn in der Rolle des Starreporters zu
profilieren. Doch Roth zogerte und bat seinen Feuilletonchef um Bedenkzeit:
»Sie ahnen nicht, wieviel privat und die litter arische Carriere betreffend mir
zerstort wird, wenn ich Paris verlasse.«
Auf keinen Fall wollte er auf die Karriere bei der »Zeitung« verzichten, war es
ihm doch am wichtigsten, seine »journalistische Reputation aufrechtzuerhal-
1026 DAS JOURNALISTISCHE WERK
ten.« Deshalb meinte er schlieftlich wenig politisch und sehr pragmatisch: »Nur
eine russische Berichterstattung kann meinen guten Ruf retten. Aufterdem ist
Spanien journalistisch ganz unergiebig, Italien interessiert mich schon, aber der
Faschismus weniger. Ich stehe zum Faschismus anders, als die Zeitung. Ich
liebe ihn nicht, aber ich weift, daft ein republikanischer Hindenburg schlimmer
ist, als zehn Mussolinis.«
Also Suche nach neuen journalistischen Stoffen - keineswegs die obligate Pil-
gerfahrt in die neuen Sowjetstaaten, wohin nach der Oktoberrevolution so viele
hof f nun gs voile Autoren aufbrachen. Nicht die Griinde der anderen und auch
nicht das neue politische System interessierten Roth, sondern die eigene Kar-
riere: »Manfred Georg fahrt fiirs 8-Uhr-Blatt nach Amerika. Kisch ist fur die
B. Z. in Rutland. Ich kann nichts anderes, nichts geringeres machen. In Rut-
land ist so viel Neues, daft man nicht unbedingt iiber kommunistischen Terror
schreiben muft. Die Neuigkeit eines aus der Zerstorung erwachsenden Lebens
ergibt viel menschlichen unpolitischen Stoff.« Kurz darauf versicherte Roth der
Frankfurter Zeitung, daft er keines falls »zur Anerkennung der zweifelhaften
Erfolge der russischen Revolution « neige; bei aller Skepsis gegeniiber der
»Vollkommenheit der burgerlichen Demokratie« zweifle er »noch weniger an
der tendenziosen Enge der proletarischen Diktatur.« Ob solcher Beteuerungen
war man beruhigt und willigte ein: Im Sommer sollte Roth die Reise in den
Osten antreten - der Bruch war verhindert worden.
Im Juli 1926 brach er mit groften Erwartungen nach Ruftland auf, gut vorberei-
tet durch fachliche Lektiire und ausgestattet mit einer groften Zahl Adressen
moglicher Gesprachspartner von Sergei Eisenstein bis Isaak Babel. Vom
14. September an brachte die Frankfurter Zeitung 18 Artikel, von denen einige
auch, zum Teil leicht gekiirzt, das Prager Tagblatt nachdruckte. Roth blieb im
Grunde bei seinen alten Themen: Die Lebensbedingungen der Auftenseiter, der
ethnischen und religiosen Minderheiten bestimmten die Artikel-Serie ebenso
wie Stimmungsbilder. Bezeichnend die Schlagzeile: »Wie sieht es in der russi-
schen Strafte aus?«
Immer wieder versuchte der Korrespondent, die Ergebnisse der Revolution
festzustellen und zu wiirdigen. So positiv sein Urteil in vielen Fragen war - am
Ende iiberwogen Skepsis und Enttauschung. Regelrecht angewidert war Roth
von der grassierenden Verspiefterung im Land. »Nach dem roten, ekstatischen,
blutigen Terror der aktiven Revolution kam in Ruftland der dumpfe, stille,
schwarze, der Tinten-Terror der Biirokratie.« So hart brachte er seine Meinung
nach der Reise in einem Vortrag auf den Nenner.
Wahrend der Rufiland-Reise schrieb Roth auch das Schluft-Kapitel fiir seinen
ersten groften Essay: Juden auf Wander scb aft. Im Vorwort wandte er sich an
jene Leser, »die Achtung haben vor Schmerz, menschlicher Grofte und vor dem
Schmutz, der uberall das Leid begleitet.« Ein wichtiges Anliegen des Autors
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war, antisemitische Vorurteile abzubauen - etwa die damals haufig vertretene
Meinung, Juden und besonders Ostjuden neigten dazu, als umstiirzlerische Re-
volutionare aufzutreten. Besonders national eingestellte Burger neigten zu un-
differenzierten Urteilen: der Osten, Rutland, die Revolution und dazu die
Linksneigung vieler jiidischer Intellektueller - Gefahrenquellen ersten Grades,
wie sie meinten.
Deshalb versuchte Roth eine Klarstellung: »Viele sind Sozialisten aus personli-
cher Notwendigkeit, in der Lebensform, die der Sozialismus erkampfen will, ist
die Unterdriickung einer Rasse unmoglich.« Damit erlauterte der Autor auch
Aspekte seines eigenen politischen Denkens, deutete freilich zugleich eine Be-
griindung fur seinen Hang zum Konservatismus an: Viele Juden seien »reaktio-
nar aus blirgerlichem Instinkt« - aus Furcht vor einer Veranderung zuungun-
sten der Juden. Eine begriindete Furcht, wie Roth meinte: wegen der Erfahrun-
gen, »daft die Juden die ersten Opfer aller Blutbader sind, welche die Weltge-
schichte veranstaltet.« Also moglichst breite Absicherung der Lebensgrundla-
gen als Motiv fiir die Assimilation.
Vor dem Hintergrund der seit Kriegsende beschleunigten Auflosung der mi-
krokosmischen »shtetl« und der schweren, ungewissen Zukunft des Ostjuden-
tums tat sich Joseph Roth einmal mehr schwer, sich politisch festzulegen. We-
der in der Anpassung der Ostjuden noch in einem neuen zionistischen Staat sah
er eine Losung - die Aufgabe vieler alter Werte der judischen Kultur freilich
war in jedem Fall unumganglich. So entstand fiir die »Juden auf Wanderschaft«
ein Vakuum, das Roth schwanken lieft: zwischen Bekenntnissen zum Ostju-
dentum und zum Katholizismus, zwischen Sympathie fiir Theodor Herzls Ju-
denstaat und starkem Antizionismus. Dieses Vakuum manifestierte sich nicht
nur bei Roth als Gefiihl des Auftenseiterdaseins und der Heimatlosigkeit.
Daft Roth - mit wenigen Ausnahmen - immer in Hotels wohnte, paftt in dieses
Psychogramm. Ebenso, daft er mehr und mehr zum rastlosen Reisereporter
wurde. Er fuhr nach Albanien, Jugoslawien, Polen, Italien und durch Deutsch-
land. »Was Reporter verschweigen miissen«, fragte die Liter arische Welt im
Friihjahr 1928 bekannte Journalisten. »Ich kann leider nichts von Bedeutung
mitteilen, ich habe gliicklicherweise alles schreiben diirfen, was ich erfahren
habe.« Kurz und biindig die Antwort, die Joseph Roth gab, doch nicht unbe-
dingt die Wahrheit.
Beispiel: seine Arbeiten iiber die mazedonische Freiheitsbewegung. Roth hatte
drei Artikel an die Heimatredaktion geschickt, aber nur einen hatten die Frank-
furter Kollegen erhalten. »Ich habe die Tatsachen unter auflerster Vorsicht in
Lissa gesammelt und habe sie nur meiner guten Beziehungen wegen zu einem
fiihrenden mazed onischen Revolutionar erhalten. « Roth bat Reifenberg, die
Politik-Redaktion zu informieren, daft er »weitere Berichte iiber Balkanvor-
gange« erwarte. Er zogerte auch nicht, einen Verdacht zu auftern : Es habe sich
1028 DAS JOURNALISTISCHE WERK
um Details »\iber so unbekannte, so interessante und so imheimliche Zusam-
menhange [gehandelt], dafS ich annehme, das Auswartige Amt hatte, wie es
manchmal geschieht, den Brief aufgemacht und den Artikel verwertet.«
Auch einige seiner Texte aus Italien (1928) wurden vermutlich unterdriickt. Die
ersten vier Artikel waren so polemisch gegen Mussolini und den Faschismus,
da!5 sie die Redaktion nur mit Streichungen und anonym in die »Zeitung«
brachte. Rasch wurde Roth vorzeitig nach Deutschland zuriickbeordert. Ge-
geniiber Reifenberg aufierte er sich niedergeschlagen: »So ist es doch wohl so,
daft Mussolini das Ideal des internationalen Burgertums ist und daft es gefahr-
lich ist, ihn in einer als biirgerlich geltenden Zeitung anzugreifen oder zu ironi-
sieren.« Daraufhin bot er sein Material der Neuen Rundschau an, deren Chefre-
dakteur ihm eine gewundene und ausweichende Ablehnung zukommen lieft.
Eine Bitte der Oberosterreicbiscben Tage$zeitung> die Artikel zu ubernehmen,
lehnten die Frankfurter Kollegen ab.
Damit hatte Roth abermals eine empfindliche Niederlage erlitten. Nur die
groftziigige Honorarregelung half ihm iiber die Enttauschungen seiner Zei-
tungsarbeit hinweg: Immerhin war ihm seit 1927 ein monatliches Salar von
1 000 Mark garantiert, und das zu einer Zeit, da eine Ausgabe des Vorwdrts oder
der Frankfurter Zeitung gerade 10 oder 20 Pfennig kostete. Warum Joseph
Roth der »Zeitung« weiterhin treu blieb und fur sie Artikel schrieb, hatte er
Benno Reifenberg schon Anfang 1928 erklart: »Sie ist mein einziger heimatli-
cher Boden und ersetzt mir so etwas wie ein Vaterland und ein Finanzamt. Ich
will nur Zeit haben fur meine Biicher.«
Klaus Westermann